The Millionaire Marquess - Scarlett Scott - E-Book
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The Millionaire Marquess E-Book

Scarlett Scott

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Beschreibung

Rücksichtsloser Geschäftsmann. Kaltherziger Zyniker. Abgebrühter Lebemann. Der Marquis von Greymoor verachtet seinen Titel, den er als Junge unerwartet geerbt hat, und lebt nach seinen eigenen Regeln. Doch als die geheimnisvolle Haushälterin Francesca Marsden seine Aufmerksamkeit erregt, macht er ihr ein verlockendes Angebot: einen Monat voller Sünden im Austausch für ein ansehnliches Vermögen.

Francesca ist alles andere als eine Lady. Mit ihrer dunklen Vergangenheit und einem Leben voller Geheimnisse hat sie nie damit gerechnet, dass der charmante Marquis sie bemerken würde – geschweige denn, dass er ihr ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet ...

Wird sie sich auf diesen gefährlichen Handel mit dem Teufel einlassen? Oder wird ihr Herz der höchste Einsatz in diesem Spiel voller Leidenschaft und Intrigen sein?

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Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Rücksichtsloser Geschäftsmann. Kaltherziger Zyniker. Abgebrühter Lebemann. Der Marquis von Greymoor verachtet seinen Titel, den er als Junge unerwartet geerbt hat, und lebt nach seinen eigenen Regeln. Doch als die geheimnisvolle Haushälterin Francesca Marsden seine Aufmerksamkeit erregt, macht er ihr ein verlockendes Angebot: einen Monat voller Sünden im Austausch für ein ansehnliches Vermögen.

Francesca ist alles andere als eine Lady. Mit ihrer dunklen Vergangenheit und einem Leben voller Geheimnisse hat sie nie damit gerechnet, dass der charmante Marquis sie bemerken würde – geschweige denn, dass er ihr ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet ...

Wird sie sich auf diesen gefährlichen Handel mit dem Teufel einlassen? Oder wird ihr Herz der höchste Einsatz in diesem Spiel voller Leidenschaft und Intrigen sein?

Über Scarlett Scott

Scarlett Scott liebt es Regency-Romane mit starken, intelligenten Frauen und sexy Alpha-Helden zu schreiben. Sie lebt in Pennsylvania mit ihrem kanadischen Ehemann, ihren eineiigen Zwillingen und einem fernsehbegeisterten Hund.

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Scarlett Scott

The Millionaire Marquess

Aus dem Englischen von Firouzeh Akhavan-Zandjani

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Anmerkungen der Autorin zur historischen Richtigkeit

Impressum

Lust auf more?

Dieses Buch ist für alle, die über die Jahre mit mir in Kontakt getreten sind und meine Bücher genauso sehr lieben wie ich. Danke.

Kapitel 1

Staffordshire 1886

Der Nager sah sie mit glasigen Augen an.

Unter anderen Umständen hätte sie vielleicht gesagt, dass es ein niedliches kleines Wesen wäre. Es hatte zarte Schnurrhaare, ein winziges Näschen und herzallerliebste Augen. Doch diese spezielle Maus baumelte kopfüber vor ihr in der Luft, weil Emily Barber den Schwanz mit Daumen und Zeigefinger hielt.

Und die Maus war eindeutig tot.

»Noch eine, Mrs Beasley. Was soll ich damit machen?«, fragte Emily, eine der neuen Mägde aus dem Dorf, die eingestellt worden waren, um Francesca zu unterstützen.

Emily war ein recht ungehobeltes Mädchen, das viel zu viele Fragen stellte, auch wenn sie fleißig war.

Francesca merkte, dass sie kurz mit dem armen, dahingegangenen Nager in Kontakt trat – es war ein Moment der Trauer, auch wenn das kleine Teufelchen die Köchin vergrämt und überall kleine Kötel hinterlassen hatte.

»Mrs Beasley?«, wiederholte das Mädchen und ließ den kleinen Körper dichter vor Francescas Nase baumeln, als würde das zu einer Lösung des Problems beitragen.

Die Maus hatte bereits angefangen zu riechen.

Francescas Magen bäumte sich auf, und sie musste ein Taschentuch hervorholen und es sich auf den Mund drücken, um dem Brechreiz entgegenzuwirken.

»Bring sie zu Will«, befahl sie, während sie einen Schritt zurücktrat. Ihre Stimme klang durch das Leinen gedämpft. »Oder Jack. Jeder der Lakaien wird das erledigen können.«

»Ja, Mrs Beasley«, sagte Emily und trug die Maus gehorsam davon.

Francescas Magen hob sich erneut, als ihr wieder der Verwesungsgeruch in die Nase stieg. Und so wurde ihr etwas anderes in Erinnerung gerufen – etwas, das viel schlimmer war als eine Maus und das sie mit aller Macht – hier in den Weiten Staffordshires – hatte vergessen wollen.

Ihre Welt geriet aus den Fugen, und die weiß getünchten Wände am Rande ihres Sichtfeldes begannen sich zu drehen.

Luft!

Sie brauchte Luft.

Sie würde sich nicht demütigen, indem sie sich im Gang vor dem Zimmer des Butlers übergab.

Während sie krampfhaft versuchte, ihr Frühstück bei sich zu behalten, rannte sie den Gang entlang zur Treppe, die zur Orangerie führte. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, raste sie die Treppe hoch, und es war ihr völlig egal, ob jemand von der Dienerschaft sie sah oder nicht. Ihre Not war zu groß, als dass sie an etwas anderes hätte denken können als an ihre Flucht. Die Frische der Gewächse im Raum mit den bleiverglasten Fenstern umfing sie bereits wie Balsam und ging mit einer Luft einher, der nicht der Odem des Todes anhaftete.

Während sie immer noch den Atem anhielt, schoss sie aus dem Bedienstetenbereich in die Orangerie und hoffte, dass keiner der Gäste sie gesehen hatte. Als sie endlich die Ruhe des Raumes umfing, holte sie gierig Luft, die vom Duft frisch umgegrabener Erde geschwängert war. Ihre Lunge brannte, und in ihren Augen sammelten sich Tränen. Sie schlang die Arme um ihren Leib und krümmte sich. Eine Woge der Benommenheit erfasste sie, als vermeintlich längst begrabene Erinnerungen plötzlich hochkamen.

Nicht hier. Mehr konnte sie nicht denken.

Nicht jetzt.

Hinter ihr ertönte plötzlich das Knarren einer Tür und warnte sie, dass gleich jemand hereinkommen würde. Ein weiterer Punkt, den sie auf ihre schier endlose Liste von Aufgaben setzen musste. Sie würde Will damit beauftragen, die Angeln zu ölen.

Francesca richtete sich auf und versuchte, Haltung anzunehmen. Um sich zu beruhigen, holte sie tief Luft.

»Mrs Beasley?«

Die tiefe Männerstimme ließ sie herumwirbeln, während sie durch den Schreck und noch etwas anderes, das sie nicht wahrhaben wollte, zusammenzuckte.

Sie machte einen Knicks. »Lord Greymoor. Wie kann ich dienen?«

Der Marquis musterte sie mit durchdringendem Blick. »Ist alles in Ordnung? Sie wirkten bekümmert, als Sie hier hereingeeilt sind.«

Er hätte sie gar nicht sehen sollen – weder als sie in die Orangerie gerannt war noch überhaupt. Sie war eine Bedienstete. Sie gehörte nicht der Klasse dieses blendend aussehenden Mannes an. Ihr Leben spielte sich nicht in Salons oder Bibliotheken ab, sondern im Untergeschoss bei der Dienerschaft. Ihre Bestimmung war es, einen Zweck zu erfüllen, und dieser Zweck beinhaltete definitiv keine Regungen gegenüber diesem Mann. Ihr Puls hatte nicht zu flattern, und es gehörte sich auch nicht, ihn in körperlicher Form wahrzunehmen.

Nichts dergleichen.

Sie blinzelte und fand seine besorgte Frage … seltsam. Und beunruhigend. Sie gefiel ihr zu gut. Und schon von dem Moment an, als er vor einigen Wochen das erste Mal Barlowe Park einen Besuch abgestattet hatte, um an der Hochzeit ihres Arbeitgebers, des Grafen von Anglesey, teilzunehmen, hatte Francesca festgestellt, dass ihr der Marquis viel zu gut gefiel. Er gehörte zu der Sorte Mann, bei dem jede Frau instinktiv wusste, dass er eine Gefahr für ihre Tugend darstellte.

»Natürlich ist alles in Ordnung, Mylord«, log sie und setzte das nichtssagende Lächeln auf, auf das sie sich verließ, um keine unangemessene Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Laut dem Buch, das sie zu dem Thema gelesen hatte, war es das Los einer Haushälterin, sich so zurückhaltend wie möglich zu verhalten, um genauso unauffällig wie die Tapete in einem Raum zu sein. »Danke für Ihre Nachfrage.«

War es Sorge, die sich in seinen dunkelbraunen Augen widerspiegelte? Oder war es der Anflug männlichen Interesses? Doch egal, was es war – es hatte sie nicht zu interessieren. Sie brauchte diese Stellung, und sie konnte es sich nicht leisten, sie zu gefährden oder ihrem Arbeitgeber Grund zur Annahme zu geben, sie wäre nicht in der Lage, den Haushalt reibungslos zu führen.

»Hm«, brummte er. Der Laut ließ vermuten, dass er ihr nicht glaubte.

Aber ob er ihr nun glaubte oder nicht, war unwichtig.

Plötzlich war es in der Orangerie stickig geworden. Lag es an der Wärme, die von dem Ofen am anderen Ende des Glashauses ausging? Oder sorgten die spätherbstlichen Sonnenstrahlen dafür? Oder war es – schlimmer noch – einfach nur die Gegenwart von Lord Greymoor, der groß, breitschultrig, schlank und stark förmlich zur Sünde aufrief und ihr damit die Luft zum Atmen nahm?

Sie musste sich aus dieser Situation befreien, um nicht länger dieser inakzeptablen Versuchung ausgesetzt zu sein.

»Wenn Sie nichts benötigen, Mylord, muss ich jetzt meinen Pflichten nachgehen«, erklärte sie kurz angebunden. »Entschuldigen Sie mich bitte.«

Sie machte wieder einen Knicks und wollte dann schnell an ihm vorbei und flüchten.

»Warten Sie, Mrs Beasley.« Greymoors Stimme – die Verführung pur – brachte Francesca zum Stehen. »Gehen Sie noch nicht.«

Lauf weg, drängte eine innere Stimme. Flieh, so schnell und weit du kannst vor diesem Mann.

Doch ihre törichten Beine hatten ihren eigenen Kopf, denn sie weigerten sich weiterzugehen. Sie zögerte, aber aus dem falschen Grund. Denn der Luxus, mehr Zeit in der Gesellschaft dieses unvergleichlichen Mannes zu verbringen, war das Risiko wert.

Auch wenn es einfältig und dumm war. Und das war es eindeutig – absolut und unwiderruflich einfältig und dumm. Ihr Leben in Barlowe Park war mit keinerlei Skandal behaftet, und so sollte es auch bleiben. Nun ja, da war nur dieser unselige Vorfall mit Mr Potter und der Schrotflinte gewesen. Und während das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hatte, war da noch die Sache mit der früheren Lady Anglesey, die bei den kleinen Wasserfällen zu Tode gekommen war … Aber all das war jetzt unwichtig.

Das Herz schlug ihr immer noch bis zum Hals, und auch ihr Magen hatte sich noch nicht wieder entspannt. Aber es war nicht die Erinnerung an ihre ungeklärte Vergangenheit und die noch nicht lange zurückliegenden Ereignisse, die sich hier zugetragen hatten, welche sie derart aus dem Gleichgewicht gebracht hatten.

Noch einmal tief durchatmen …

Francesca drehte sich mit einer anmutigen Bewegung, bis sie den Marquis von Greymoor wieder ansah. »Ja, Mylord?«, fragte sie mit bewusst ausdrucksloser Stimme. »Benötigen Sie etwas?«

Der Marquis, ein enger Freund des Grafen, war ein stets willkommener und gern gesehener Gast. Sie verschränkte die Hände, deren Zittern sie so in den Griff bekommen wollte, über der Chatelaine, die sie an der Taille trug.

»Nur die Versicherung, dass es Ihnen tatsächlich gut geht«, erwiderte er mit leiser, angenehmer Stimme.

»Es geht mir gut«, log sie und schenkte Greymoor ein unbekümmertes Lächeln. »Sehr gut sogar.«

Sie würde sich nicht nur nie anmaßen, einen Gast in Barlowe Park mit der Last ihrer täglichen Aufgaben zu behelligen – einem schwerhörigen Butler, einer Mäuseplage, neuen Dienstmädchen, die eingearbeitet werden mussten, und so weiter –, sondern käme auch niemals auf den Gedanken, den wahren Grund ihres Unbehagens zu nennen. Das ging ihn nichts an, und es war ein Geheimnis, das sie bis zu ihrem Tod bewahren würde – bewahren musste.

»Es sah so aus, als würde es Ihnen nicht gut gehen, als Sie hier hereingestürzt sind«, stellte er fest, während er sich nicht vom Fleck rührte und sein kluger Blick mit der Vertrautheit einer Berührung über sie glitt.

In ihrer Gier nach frischer Luft hatte sie nicht bemerkt, dass jemand sie durch die Glastüren beobachtete. In Zukunft musste sie sich besser vorsehen, vor allem, da der Graf und seine Ehefrau jetzt länger und häufiger in Barlowe Park verweilen würden.

»Und doch fehlt mir nichts«, versicherte sie ihm schlicht.

Sein Blick ließ sie nicht los. »Dann habe ich mich geirrt.«

Verwirrung brachte ihre Schutzmauern ins Wanken. »Verzeihung, Mylord. Ich verstehe nicht recht … worin haben Sie sich geirrt?«

»Dass ich nur Ihre Versicherung bräuchte. Ich erinnere mich gerade wieder daran, warum ich in die Orangerie gekommen bin. Ich wollte, dass man mich herumführt und mir alles zeigt. Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, mir diesen Wunsch zu erfüllen?« Seine aalglatte, gewandte Lüge wurde von einem Lächeln begleitet.

Zum Teufel mit ihm, aber dieses Grinsen – als würden sie einen vertrauten Umgang miteinander pflegen, bei dem man auch hin und wieder miteinander scherzte – ließ sie innerlich dahinschmelzen, als wäre das Eis, aus dem ihr Inneres bestand, zu lange der Sonne ausgesetzt gewesen.

»Ich werde den Obergärtner kommen lassen«, erwiderte sie sofort und beglückwünschte sich im Stillen für die Geistesgegenwart, mit der sie das Problem gelöst hatte.

Doch dann fiel ihr ein, dass es den noch gar nicht gab. Der neue Graf hatte sich zwar voller Elan in die kaum zu bewältigende Aufgabe gestürzt, dem Anwesen wieder zu seiner früheren Pracht zu verhelfen, doch Obergärtner gab es nicht wie Sand am Meer. Erst musste noch jemand für die Position gefunden werden.

»Aber ich würde es vorziehen, wenn Sie mich herumführen, Mrs Beasley«, sagte der Marquis, und das entspannte Selbstvertrauen, das er ausstrahlte, nahm sie gefangen.

Verdammt.

Natürlich verlangte er von ihr, dass sie ihm alles zeigte. Und natürlich würde ihr rebellischer Charakter, den sie nie ganz hatte bezähmen können, versucht sein, sich den herrischen Launen dieses Adligen zu entziehen. Doch sofort rief ihre Vernunft sie zur Raison und erinnerte sie an die Situation, in der sie sich zurzeit befand, so dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als seinem Wunsch nachzukommen.

Trotzdem ließen ihr die Fragen keine Ruhe.

Warum war Greymoor so beharrlich? Warum kümmerte es ihn, dass sie völlig durcheinander gewesen war, als sie aus den Räumen der Bediensteten in die Orangerie gestürzt war? Er hätte sie nicht bemerken dürfen, und das wäre auch nicht passiert, wenn sie besser auf ihre Umgebung geachtet hätte. Für eine Bedienstete brauchte es nur einen kurzen Moment der Schwäche, um dazu einzuladen, ruiniert zu werden.

Und warum bot er überhaupt einen so schönen, einen so verführerischen Anblick? Mit seinem Aussehen forderte er die Sünde geradezu heraus. Sie sollte gehen – einfach weglaufen, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, noch ein Wort zu sagen.

»Ich fürchte, ich muss mich um meine anderen Aufgaben kümmern«, erwiderte sie höflich. »Vielleicht kann ich es arrangieren, dass einer der Lakaien Ihnen alles zeigt. Will kennt sich mit Pflanzen sehr gut aus und gäbe einen hervorragenden Begleiter ab, sollten Sie Ihr gärtnerisches Wissen erweitern wollen.«

Der Marquis verschränkte die Hände hinter dem Rücken und musterte sie mit der ihm eigenen Art, die sie nervös machte. Sein Blick war so durchdringend, dass sie spürte, wie erneut Hitze ihren Hals hochkroch. »Ich fürchte, das kommt nicht infrage«, erklärte er.

Warum beharrte er so sehr darauf? Sie wünschte sich, sie würde seine Beweggründe kennen. Er war elegant gekleidet und wirkte eher wie jemand, der an einem gesellschaftlichen Ereignis teilnahm und nicht durch das baufällige Gemäuer seines Freundes stromerte.

Vielleicht wäre es die beste Lösung, ihm zu geben, was er wollte, um aus dieser Situation herauszukommen. Sie würde ihm alles zeigen und dann wieder in den labyrinthischen Dienstbotentrakt zurückkehren, wo ihr bestimmt wieder haufenweise Mäuse vorgesetzt werden würden.

»Na schön, Mylord«, gab sie nach und achtete darauf, einen kühlen Ton anzuschlagen sowie einen angemessenen Abstand zu ihm einzuhalten, während sie loseilte und auf die erste Reihe mit Pflanzen zusteuerte. »Dann werde ich Ihnen alles zeigen, wenn es Ihnen so viel Freude macht.«

»Es macht mir in der Tat viel Freude«, meinte er gedehnt.

Dieser eine Satz sorgte dafür, dass sie ihn auf einmal überdeutlich hinter sich wahrnahm. Sie zwang sich zu einer besonders aufrechten Haltung, während sie um Selbstbeherrschung rang und im Stillen zu einer Litanei ansetzte.

Ich werde dem Charme dieses Mannes nicht verfallen.

Ich werde der Versuchung nicht nachgeben.

Währenddessen richtete Francesca den Blick auf die unscheinbaren Pflanzen.

Sie machte eine weit ausholende Bewegung in Richtung einer Reihe Tontöpfe mit unterschiedlichen Bäumen. »Hier haben wir Aprikosen und Pfirsiche.«

»Sind Sie sicher, Mrs Beasley? Wenn ich mich nicht irre, sind das Feigen.«

Sie blieb stehen und drehte sich wieder zu ihm um. Seine amüsierte Miene und das völlige Fehlen von Hochmut verblüfften sie. Einen Moment lang war sie vom Schwung seiner sinnlichen Lippen gebannt – vom Erscheinen von Grübchen, die unter dem sauber gestutzten Bart kaum zu erkennen waren.

Francesca hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst. Sie bekam kaum noch Luft. Er sah nicht nur gut aus – er sah teuflisch gut aus, und Allmächtiger, dieses Lächeln.

Diese Lippen.

Diese weißen, geraden Zähne.

Dieser Bart.

Einen ungestümen, törichten Moment lang fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlen würde, ihre Wange daran zu reiben und das sinnliche Kratzen der dunklen Barthaare an ihrer Haut zu spüren. Doch dann rief sie sich in Erinnerung, dass sie eine Haushälterin war und der Marquis für sie genauso unerreichbar wie der silbrige Schatten des Mondes am Nachthimmel.

»Mrs Beasley?«, sprach er sie fragend an, als sie weiterhin einfach nur dastand und ihn anschaute, als hätte sie noch nie zuvor einen Mann gesehen.

Francesca blinzelte verwirrt und riss sich zusammen, während sie einen Blick auf die Gewächse warf, die sie fälschlicherweise als Pfirsich- und Aprikosenbäume bezeichnet hatte. »Es sind tatsächlich Feigen, Mylord. Verzeihen Sie meinen Irrtum.«

Er kam auf sie zu und riss sie damit aus ihrer Erstarrung; denn bliebe sie stehen, würde er gleich nah genug sein, um sie zu berühren. Es gab etwas, das wichtiger als alles andere war – sie durfte den Marquis von Greymoor nicht berühren.

Niemals.

Sie wandte sich ab und ging schnell zu der nächsten Gruppe von Bäumen. »Hier haben wir die Zitronen und zwei unterschiedliche Sorten von Apfelsinen – gleich daneben steht ein Maulbeerbaum.«

»Das ist eine erstaunliche Auswahl an Bäumen.« Am Klang seiner sanften, tiefen Stimme erkannte sie, wie dicht er hinter ihr stand.

Beunruhigt ging sie schneller, weil sie unbedingt Abstand zu ihm brauchte.

Dabei lief sie aber leider direkt in die tief hängenden Zweige eines ausgewachsenen Nektarinenbaums. Aber da der Marquis für ihren Geschmack viel zu dicht hinter ihr war, ging sie einfach weiter und biss die Zähne zusammen, weil das doch recht unangenehm war. Ein besonders niederträchtiger Zweig bohrte sich in Haube und Haar, so dass sie schließlich anhalten musste. Sie versuchte sich zu befreien, aber das verflixte Gewächs hatte sich derart verfangen, dass sie es damit nur schlimmer machte.

»Oh«, brummte sie, als ihr Haar so stark zu ziepen anfing, dass sie Kopfschmerzen bekam. »Wie unachtsam von mir.«

Der Marquis tauchte groß und beunruhigend dicht hinter ihr auf, so dicht, dass sie seinen herrlichen Duft – eine Mischung aus Zitrone und einem Hauch Amber – wahrnahm. »Moment.« Seine Hände folgten ihren, als er nach dem Zweig griff. »Erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen.«

Francesca kam sich plötzlich wie ein Vogel vor, auf den sich ein Raubtier stürzen wollte. Ihr erster Impuls war, weiter zu versuchen, sich selbst zu befreien, worauf ihre Haarwurzeln erneut mit einem schmerzerfüllten Aufschrei reagierten.

»Halten Sie still«, befahl er mit ruhiger Stimme. »Ich kann Sie nicht erlösen, wenn Sie sich die ganze Zeit wie ein Huhn winden, dem der Bauer den Kopf abhacken will.«

Das war kaum ein beruhigender Vergleich; denn sie musste sofort wieder an die tote Maus denken.

Erneut hatte sie den Geschmack bitterer Galle im Mund. »Ist es das, was Bauern mit ihren Hühnern machen?«

»Ihnen die Köpfe abhacken? Ich denke schon.« Obwohl die Blätter ihre Sicht behinderten, erhaschte sie einen Blick auf seine zuckenden Mundwinkel.

Er amüsierte sich. Und Himmel, wie breit seine Schultern waren! Er war ein sehr großer Mann, aber trotzdem besaß er eine raubtierhafte Anmut, die täuschend harmlos wirkte. Einen irrwitzigen Moment lang vergaß sie alles – all die Gründe, warum sie eigentlich nicht hier sein durfte, warum sie nicht mit einem gut aussehenden Marquis in der Orangerie verweilen sollte.

Er hatte gerade etwas gesagt, oder nicht? Sie war ganz gebannt vom Anblick seiner Lippen. Ach ja! Hühner!

»Ich habe immer gedacht, die machen schönere Dinge«, sagte sie, während sie sich darauf konzentrierte, nicht näher an ihn heranzurücken. Gleichzeitig hielt sie den Atem an, um sich nicht von seinem herrlichen Duft einlullen zu lassen.

»Der Tod hat nichts Schönes an sich, Mrs Beasley«, sagte er, und das Lächeln verschwand von seinen Lippen.

In der Hinsicht stimmten sie überein. Aber darüber würde sie nicht nachdenken – nicht jetzt, in dieser heiklen Situation, wo sie Greymoor so nah war. Es kam nicht infrage, Schwäche zu zeigen.

»Es war nicht meine Absicht, etwas Gegenteiliges zu behaupten«, gab sie zurück und war über sich selbst verärgert, weil sie so atemlos klang.

Wie töricht sie war. Wenn sie sich doch nur dazu zwingen könnte, immun gegen diesen verführerischen Mann zu sein. Es war ihr doch so gut gelungen, Abstand zu wahren.

Bis jetzt.

Der Gedanke ließ Francesca erneut versuchen zurückzuweichen, denn sie hoffte, dass es ihm bereits gelungen war, den Zweig aus ihrem Haar zu lösen. Aber das war nicht der Fall. Sie hing immer noch fest.

»Hören Sie bitte auf herumzuzappeln«, befahl er. »Nur noch einen Moment, dann habe ich Sie befreit. Wir wollen doch nicht, dass Sie sich wie Daphne in einen Baum verwandeln.«

»Aber das ist kein Lorbeerbaum«, widersprach sie. »Und sie hat sich auch nicht in einen Baum verwandelt, weil sie sich in einem Zweig verfangen hatte.«

»Eine Haushälterin, die sich in der griechischen Mythologie auskennt«, meinte er gedehnt. »Das ist etwas Besonderes. Anglesey hat wirklich Glück.«

Seine scharfsinnige Beobachtung ließ sie vor Verlegenheit rot werden. Haushälterinnen wussten eigentlich nichts über griechische Legenden. Andererseits hatte sie nicht immer dieser Schicht angehört. Doch das durfte der Marquis nicht erfahren.

»Ich bin hier die Glückliche«, entgegnete Francesca geschwind. »Ich habe hier schon so viel gelernt.«

So. Sollte er mit seinen bohrenden Fragen, seiner nervtötenden Gegenwart, seinem Duft, seinen großen Händen und seinen sinnlichen Lippen sonst wohin gehen!

»In der Tat.« Er erledigte seine Aufgabe und hob den Zweig hoch über ihren Kopf, wodurch jetzt sein ganzes Gesicht und nicht nur sein Mund zu sehen war. »Jetzt können wir unseren Rundgang fortsetzen, meine Liebe.«

Meine Liebe.

Zwei Wörter, die sie schon unzählige Male gehört hatte, und doch hatten sie noch nie diese Wärme in ihrem Bauch hervorgerufen. Sie war nicht »seine Liebe«. Er benahm sich viel zu ungezwungen und vertraulich. Das musste sie ihm sagen.

Der notwendige Verweis kam ihr jedoch nicht über die Lippen.

Stattdessen machte sie einen Schritt nach vorn, weil sie davon ausging, dass Greymoor höflich beiseitetreten würde. Das tat er aber nicht.

Die Folge war, dass sie gegen die starke, muskulöse Brust des Marquis prallte.

»Hallo«, sagte er mit dieser tiefen, samtigen Stimme, die sie unwillkürlich an verdunkelte Zimmer, seidene Laken und Sünde denken ließ.

»Ich …« Sie verstummte und schluckte. »Verzeihung, Mylord, dürfte ich wohl an Ihnen vorbei?«

Er lächelte, und in seinen Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen, während seine braunen Augen vor Erheiterung funkelten. »Ich fürchte, ich muss stehen bleiben, Mrs Beasley, denn sonst würde der Zweig sich erneut in Ihrem Haar verfangen.«

Oh.

Wie dumm von ihr, nicht zu bemerken, dass er den Zweig immer noch hochhielt und er einen Grund hatte, ihrem Vorwärtsdrang nicht zu weichen – einen guten Grund.

»Blöde Nektarine«, brummte sie und schlüpfte an ihm vorbei. Sie spürte sich erneut erröten, doch dieses Mal vor Verlegenheit.

»Ich glaube, es handelt sich um einen Maulbeerbaum«, meinte er sanft.

Mit einem Ruck drehte sie sich zu ihm um. »Es scheint recht offensichtlich, dass Ihr Wissen über die Orangerie größer ist als meines, Lord Greymoor. Sie brauchen mich überhaupt nicht für einen Rundgang, und es gibt viele andere Dinge, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen.«

»Sie sind wütend auf mich.«

Seine ruhige Feststellung ärgerte sie, denn er schien sich über ihr Unbehagen zu amüsieren – als ginge es um irgendein Spiel.

»Ich kann mir nicht den Luxus erlauben, wütend zu sein«, erklärte sie. »Ich bin nur eine beschäftigte Frau mit Pflichten, die ich zu erledigen habe und die nicht fertig werden, wenn ich hierbleibe.«

»Zweifellos.« Er überraschte sie, als er die Hand ausstreckte, und seine Fingerspitzen über ihre Wange glitten, um eine widerspenstige Locke hinter ihr Ohr zu streichen und dann ihre Haube gerade zu rücken.

Die Stelle, wo seine Finger sie berührt hatten, brannte.

»Ich sollte gehen«, sagte sie verunsichert.

»Natürlich.« Unvermittelt wich er zurück, und die flüchtige Berührung war vorbei. »Vielen Dank für den Rundgang, Mrs Beasley.«

Zum ersten Mal hasste sie den falschen Namen, den sie gewählt hatte. Bis jetzt hatte es sie immer beruhigt, wenn er benutzt worden war. Sie genoss die Sicherheit, die damit einherging, immerhin sorgte er dafür, dass keiner, vor dem sie davongelaufen war, sie finden würde.

Und doch fühlte es sich falsch an, von diesem Mann derart angesprochen zu werden.

Sie wollte nicht darüber nachdenken, warum das so war.

Stattdessen machte Francesca schnell einen Knicks. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Lord Greymoor.«

Ohne auf seine Antwort zu warten, verließ sie die Orangerie so schnell, wie sie sie anfangs betreten hatte.

Kapitel 2

»Anglesey ist ein sympathischer Kerl, aber ich bezweifle, dass es ihm recht wäre, wenn du seine Haushälterin flachlegst.«

Grey hätte beinahe den Portwein, den er gerade zu sich genommen hatte, über dem makellosen Tischtuch ausgespuckt. Stattdessen würgte er und schaffte es gerade noch, alles herunterzuschlucken, ehe er einen Hustenanfall bekam.

Als er endlich wieder in der Lage war, Luft zu holen, durchbohrte er seinen alten Schulkameraden, Oliver Knightly, der vor Kurzem den Titel des Grafen von Stoneleigh geerbt hatte, mit einem wütenden Blick. »Himmel, Knight. Was gibst du da schon wieder von dir?«

Trotz der veränderten Lebensumstände seines Freundes würde er für Grey immer Knight bleiben. Das war der Name, den er immer benutzt hatte, und da Knight sein Titel völlig egal war, zog auch er es vor, beim alten Spitznamen zu bleiben.

Knight prostete ihm mit seinem Glas zu. »Ich bin nun mal ein ungehobelter Typ. Das liegt wohl an den Kreisen, in denen ich verkehre. Da ist wenig Zeit, nach gezierten Worten zu suchen, wenn die Fäuste fliegen.«

Knight war nicht nur ein Graf, sondern auch ein Boxer, der mit bloßen Händen kämpfte. Oder zumindest war er das gewesen, ehe unerwartete Pflichten ihn abberufen hatten. Wegen seines verschwenderischen Mistkerls von Bruder war Knights altes Leben, das aus Reisen, Freiheit und Spaß bestanden hatte, zu einem plötzlichen Ende gekommen.

»Ich habe nicht vor, mit der Haushälterin zu schlafen«, verteidigte er sich, während er es im Stillen mit den Worten ›zumindest nicht heute Nacht‹ einschränkte.

So war es wenigstens keine Lüge; denn es war definitiv seine Absicht, es so lange mit der atemberaubenden Haushälterin zu treiben, bis sie nicht mehr klar denken konnte. Lügen verabscheute Grey in jeder Form. Das war eine der überaus schmerzhaften Lektionen, die ihm seine frühere Frau erteilt hatte. Ellen war jetzt seit drei Jahren tot, aber sein Hass, wenn es um Täuschung und Verrat ging, war nicht mit ihr gestorben – genauso wenig wie der Kummer.

»Du hältst mich nicht zum Narren«, entgegnete Knight, trank sein Glas aus und streckte die Hand nach der Flasche aus.

Sie mussten nicht das ganze Getue, das normalerweise mit einem Besuch auf dem Lande verbunden war, über sich ergehen lassen, da sie die einzigen Gäste waren und sich ansonsten nur die Bediensteten im Haus aufhielten. Anglesey war zurzeit nicht in Barlowe Park, weil er die Flitterwochen mit seiner Ehefrau auf Greys Anwesen verbrachte, das gerade erst modernisiert worden war. Der vorherige Graf war von seiner Ehefrau und ihrem Geliebten, dem ehemaligen Verwalter von Barlowe Park, leider ausgenommen worden, so dass sich Haus und Ländereien in einem äußerst bedauerlichen Zustand der Verwahrlosung befanden. Grey war sehr froh gewesen, seinem engen Freund Haines Court zur Verfügung zu stellen, denn dadurch konnte er länger auf dem Lande verweilen. Ihn zog nichts nach London.

Natürlich hatte Grey die Zweisamkeit von Anglesey und seiner Frau nicht stören wollen, aber er konnte nicht verhehlen, dass es noch einen anderen Grund gab, warum er in Barlowe Park geblieben war. Die Haushälterin war eine atemberaubend verführerische Frau mit haselnussbraunem Haar, die ihre Rundungen unter dem dezenten, schwarzen Kleid einer Dienerin verbarg.

Es war ein glücklicher Zufall gewesen, dass Knight auf der Durchreise zu seinem Anwesen hier haltgemacht hatte. Grey war froh, Gesellschaft zu haben.

Auch wenn sein Freund ihn viel zu gut kannte.

Er leerte sein Glas und hielt es in Knights Richtung. »Schenk mir bitte nach, alter Kumpel.«

Knight kam seinem Wunsch nach und sprach dabei weiter. »Wenn du nicht vorhast, mit der hübschen Haushälterin ins Bett zu gehen, dann hast du wohl auch nichts dagegen, wenn ich mein Glück bei ihr versuche, oder? Es ist schon erstaunlich, wie schnell eine Frau die Unterhosen runterlässt, wenn ich von meinen ganzen erfolgreichen Kämpfen erzähle. Vor allem, wenn sie hören, dass ich in Amerika gewesen bin und einige der größten Boxer jenseits des Atlantiks besiegt habe.«

Dass Mrs Beasley die Unterhosen für jemand anders als ihn fallen ließ, war eine Vorstellung, der sich Grey nicht hingeben wollte.

Er biss die Zähne zusammen. »Du willst also nicht deinem eigenen Rat folgen, um zu vermeiden, Angleseys Zorn auf dich zu ziehen?«

Knight nippte entspannt an seinem Portwein. »Für die richtige Frau wäre ich sogar bereit, den Zorn des Teufels auf mich zu ziehen. Habe ich dir von den Akrobatinnen erzählt, die ich in New York City kennengelernt habe? Ich würde alles dafür geben, rechtzeitig wieder zurück zu sein, um es mit einer von ihnen noch einmal zu treiben. Aber da ich ihre Nachnamen nicht kenne und auch nicht weiß, wohin sie mit dem Zirkus weitergezogen sind, werde ich sie wohl nie wieder sehen.«

Er unterstrich seine Bemerkung mit einem lüsternen Stöhnen.

Grey knirschte mit den Zähnen. »Vielleicht solltest du nach New York City zurückkehren und versuchen, sie auf jeden Fall zu finden, und Mrs Beasley in Ruhe lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass Dienstboten nach deinem Geschmack sind, Knight.«

»Wenn sie so aussehen wie sie, dann schon«, sagte sein Freund und zwinkerte ihm zu. »Aber natürlich nur, wenn die bewusste Dame einverstanden ist. Akrobatinnen sind unglaublich gelenkig, aber ich bin mir sicher, dass Mrs Beasley mit der richtigen Anregung auch angenehme Stellungen einnehmen kann.«

Richtige Anregung? Angenehme Stellungen?

War er tatsächlich so blöd gewesen, seinen Freund, den Wüstling, zu bitten, auf seiner Reise nach Norden ein paar Tage hierzubleiben? Im Moment fiel Grey kein einziger Grund ein, warum er das getan hatte. Er musste wohl betrunken gewesen sein.

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Dame Interesse hat«, meinte er und versuchte, seine wachsende Verärgerung zu verbergen. »Sie wirkt auf mich ziemlich kalt – richtiggehend miesepetrig.«

»Hm«, war alles, was Knight dazu sagte. Er schien nicht abgeschreckt zu sein.

Verdammt nochmal. Er saß in der Zwickmühle, und seine gute Laune von vorhin, nachdem die sinnliche Haushälterin sich im Baum verfangen hatte, verschlechterte sich.

»Wenn du Mrs Beasley anfasst, brauchst du dir keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob du rechtzeitig wieder in Amerika bist«, knurrte er. »In dem Fall würde ich dich nämlich höchstpersönlich auf das nächste Schiff Richtung New York verfrachten.«

»Ach«, meinte Knight und zog die Silbe in die Länge, als würde sie alles sagen.

Verfluchter Mist! Hatte er sich etwa verraten?

»Sie hat etwas an sich«, brummte er und merkte, dass seine Ohren heiß wurden, als wäre er ein unbedarfter Junge, der gerade vom Kindermädchen dabei ertappt worden war, wie er eine schreckliche Sünde beging.

Wie erniedrigend.

»Sie ist unbestreitbar hübsch«, stimmte Knight ihm zu.

»Das ist sie.« Grey sah seinen Freund finster an, weil dem das auch aufgefallen war.

Er wusste, wie absurd das war. Er hatte kein Anrecht auf die Frau. Und als weibliche Angestellte seines Freundes war sie tabu für ihn. Um Himmels willen! Er war ein Gentleman. Er wusste, dass sich so etwas nicht gehörte.

Aber das Wissen schien sein Verlangen nicht wirksam unterdrücken zu können.

»Dann überlasse ich sie dir.« Sein Freund schüttelte den Kopf. »Ich habe ohnehin alle Hände voll zu tun, nachdem ich geerbt habe und die Verantwortung für meine Mündel trage. Eine wirklich grausame Ironie des Schicksals. Offensichtlich wusste der da oben nicht, dass ich ein Wandervogel bin, der nie zur Ruhe kommt.«

»Mündel«, wiederholte Grey und war froh über den Themenwechsel, damit nicht mehr über die sinnliche Haushälterin gesprochen wurde. »Ich hatte fast vergessen, dass du ja Nichten hast.«

»Vier Stück«, sagte Knight und verzog das Gesicht. »Keiner kann behaupten, dass Robert nicht alles versucht hätte, um zu verhindern, dass ich erbe. Leider hat das letzte Kind die arme Martha umgebracht, und jetzt haben die Mädchen weder Mutter noch Vater. Eine schreckliche Tragödie. Glücklicherweise habe ich eine Gouvernante eingestellt. Sie soll die beste sein, die man finden könne, wurde mir gesagt, und das ist genau das, was ich brauche. Offensichtlich haben die Mädchen bereits ein halbes Dutzend armer Seelen in die Flucht geschlagen.«

Grey unterdrückte ein Schaudern ob des Durcheinanders, das seinen Freund wahrscheinlich in Yorkshire erwartete. »Allmächtiger! Was für ein Schlamassel. Ich beneide dich nicht.«

»Ich beneide mich auch nicht«, erwiderte Knight und wirkte ungewöhnlich ernst. »Aber es muss getan werden.«

»Verantwortung und Pflichten«, sagte Grey und hob sein Glas, um ihm spöttisch zuzuprosten. »Willkommen im Club.«

Ein einziges Zugunglück hatte auch sein Leben für immer verändert. Sein Vater und sein Bruder waren dabei ums Leben gekommen, wodurch Grey die Aufgabe zugefallen war, sich um seine Mutter zu kümmern, die nach dem Schicksalsschlag fast zerbrochen wäre. Er selbst war damals fast noch ein Kind gewesen, und seine Mutter hatte sich nie ganz von dem Verlust erholt.

»Mir fallen viele andere Clubs ein, in die ich lieber eintreten würde«, meinte sein Freund trocken.

»Geht mir genauso, alter Kumpel.« Grey seufzte.

»Was die Haushälterin betrifft …«

»Verdammt nochmal, Knight«, knurrte er. »Such dir ein paar Milchmädchen in Yorkshire und fall denen zur Last.«

Mrs Beasley gehört mir.

Das sagte er jedoch nicht laut. Er war schlau genug, diese primitive Äußerung für sich zu behalten.

Grey hatte sich seit Jahren nicht so stark zu einer Frau hingezogen gefühlt.

Genaugenommen seit Ellen.

Und schau dir an, was für eine Katastrophe das gewesen ist, du Narr.

»Milchmädchen«, meinte Knight gedehnt und strich sich nachdenklich übers Kinn. »Das ließe sich wohl einrichten, denke ich. Habe ich dir je von der reizenden Blonden erzählt, die ich in Erie kennengelernt habe?«

»Nein, hast du nicht, aber der Himmel stehe mir bei, denn ich glaube, gleich werde ich die ganze Geschichte hören«, brummte Grey in sein Glas.

Knight grinste. »Die konnte Sachen, die eindeutig kriminell waren …«

Grey hatte das Gefühl, dass es eine lange Nacht werden würde.

***

Francesca umrundete einen eingetopften Zitronenbaum, als sie die Orangerie durchquerte, die nur vom Mond erhellt wurde, dessen Schein durch die Glaskuppel fiel. Mal wieder konnte sie nicht schlafen. Man sollte doch annehmen, dass sie nach all den Aufgaben, die sie jeden Tag zu erledigen hatte, abends völlig erschöpft ins Bett fallen und sofort in einen tiefen traumlosen Schlaf sinken würde. Aber das war nicht der Fall.

Denn die Dämonen der Vergangenheit kamen nachts hervorgekrochen und raubten ihr den Schlaf.

Es gab zwar Erinnerungen, vor denen sie davonlaufen konnte, aber es gelang ihr nicht, sie auszulöschen.

Aus irgendeinem Grund hatte ihre nächtliche Wanderung sie wieder an den Ort geführt, an den sie sich heute schon einmal geflüchtet hatte – und wo sie dem Marquis von Greymoor über den Weg gelaufen und fast der Versuchung erlegen war.

Besser, sie verweilte hier allein als in seiner aufreizenden Gegenwart. Er besaß eine Ausstrahlung, die unglaublich verlockend war. Sie könnte in diesen dunklen Augen versinken, in denen eine unsägliche Wärme pulsierte, und sich mit schockierender Unbekümmertheit in diese starken Arme stürzen. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da hätte sie es vielleicht sogar gewagt. Aber sie war nicht mehr dieser Mensch von früher. Alles hatte sich geändert – auch ihr Nachname.

Sie erreichte das andere Ende der Orangerie und blieb einen Moment lang stehen, um zu den Sternen aufzuschauen, die strahlend funkelten. Es war so friedlich und ruhig hier. Der Geruch von Erde und Pflanzen brachte einen auf andere Gedanken. Das war genau das, was sie brauchte, nachdem …

Das Quietschen der Tür hallte durch die Stille, riss sie aus ihren Gedanken und erfüllte sie mit einer irrationalen Furcht. In Barlowe Park gab es nichts, was ihr Sorgen bereitete. Ihre Vergangenheit war ihr nicht hierher gefolgt.

Aber wer war auch noch verrückt genug, eine dunkle Orangerie nachts aufzusuchen?

Schritte näherten sich über den gefliesten Boden.

»Wer ist da?«, rief sie zögernd, obwohl sie nicht daran zweifelte, bereits die Antwort zu wissen.

Sie erkannte den Marquis von Greymoor an seinem Schritt, denn sie hatte bemerkt, dass er einen Raum allein durch seine Gegenwart einnahm.

»Mrs Beasley?«, ertönte seine warme, vertraute Stimme, die sie wie eine verbotene Liebkosung umhüllte.

Sie verschränkte die Arme, um nicht weiter daran zu denken. »Lord Greymoor? Sind Sie das?«

Natürlich war er es.

Aber sie hatte eigentlich angenommen, dass er sich längst zurückgezogen hatte. Er und Lord Stoneleigh hatten nach dem Abendessen noch bei Portwein zusammengesessen und sich dann auf ihre Zimmer begeben, so dass der Haushalt einen kollektiven Seufzer der Erleichterung ausgestoßen hatte, weil am Abend keine weiteren Aufgaben mehr zu erwarten waren.

»Höchstpersönlich«, erklärte er mit leicht neckendem Tonfall.

Flirtete der Marquis etwa mit ihr? Und warum gefiel ihr der Gedanke viel zu sehr?

»Was hat Sie dazu gebracht, Ihr Bett zu verlassen?«, fragte sie in das üppige Grün, das sie umgab, denn er war noch zu weit entfernt, als dass sie seine hohe, vertraute Gestalt hätte sehen können.

Sobald das Wort »Bett« in Verbindung mit dem Marquis über ihre Lippen gekommen war, bedauerte sie es auch schon. Denn ihn sich an einem so intimen Ort vorzustellen, war wirklich das Letzte, was sie tun sollte. Und jetzt tat sie genau das. Himmel. Sie musste damit aufhören.

»Ruhelosigkeit.« Die Blätter eines besonders üppig gewachsenen Orangenbaumes teilten sich, so dass seine schemenhafte Gestalt zu erkennen war. »Und Sie? Ihr Tag beginnt doch bestimmt immer sehr früh.«

Das tat er.

Aber wenn man nicht schlafen konnte, war es egal, wie früh man am nächsten Tag aufstehen musste.

»Ich sehe jeden Abend in der Orangerie nach dem Rechten, ehe ich mich zurückziehe«, erklärte sie, statt zu sagen, was ihr wirklich durch den Kopf ging.

Es entsprach nicht der Wahrheit. Sie wanderte immer ziellos umher, wenn sie nicht schlafen konnte. Heute war sie hierhergekommen. Und Francesca konnte sich eingestehen, dass sie den Grund dafür kannte.

Seinetwegen.

Greymoor blieb vor ihr stehen, und ein Zucken ging durch ihren Bauch, als sie merkte, wie dicht er vor ihr stand. Er war so nah, dass sie ihn hätte berühren können, und das ätherische Schimmern des Mondes im Zusammenspiel mit dem von Schatten erfüllten Raum ließ plötzlich alles möglich erscheinen. Selbst etwas so Verbotenes.

Haushälterinnen lassen sich nicht auf Affären mit den Gästen ihres Arbeitgebers ein, du Närrin, schimpfte sie mit sich selbst.

»Was überprüfen Sie denn?«, fragte er und klang leicht amüsiert. »Ich hoffe, Sie haben keine mitternächtlichen Auseinandersetzungen mit Nektarinenbäumen.«

Er zog sie auf, und es gefiel ihr. Seit sie in die Rolle der Mrs Beasley geschlüpft war, hatte es nicht mehr viel Frohsinn in ihrem Leben gegeben.

»Ich versichere Ihnen, dass ich mich nicht häufig mit Bäumen streite«, erwiderte sie und ahmte seinen gespielten Ernst nach. »Nur wenn sie besonders ungezogen sind.«

»Hmm.« Träge streckte er die Hand nach dem Blatt einer Ananaspflanze aus und strich mit dem Zeigefinger darüber. »Und was machen Sie mit den ungezogenen Bäumen, Mrs Beasley? Bestrafen Sie sie?«

Sie hatte den deutlichen Eindruck, dass sie längst nicht mehr über Bäume sprachen. Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus, während sie der langsamen Bewegung seines Fingers folgte, der die Rundung des Blattes nachzog. Wie wäre es wohl, wenn er ebenso über ihre nackte Haut strich?

»Natürlich nicht«, erwiderte sie verhalten, während sie ihr wild pochendes Herz zu zähmen versuchte. »Bäume reagieren unfreundlich auf Bestrafung. Wenn man sie zu hart anfasst, verweigern sie es, Früchte zu tragen. Man muss sie sanft ermuntern.«

»Wie fürsorglich Sie sind.« Er strich wieder über das Blatt und hielt erst inne, als er die Spitze erreichte. Dann richtete sich die ganze Macht seines Blickes auf sie.

Der Mond stand strahlend rund am Himmel und wurde von keiner einzigen Wolke verdunkelt. Sie war dankbar, dass es dadurch so hell war, dass sie in der glitzernden Tiefe seines dunklen Blickes versinken konnte.

»Ich kann sehr fürsorglich sein, wenn die Umstände es erfordern«, sagte sie leise.

»In der Tat, Madam. Daran hege ich keinerlei Zweifel.« Er legte den Kopf schief und musterte sie so durchdringend, dass ihr der Atem stockte. »Was für ein Zufall, dass Sie und ich heute Abend die gleiche Idee hatten.«

»Ein Zufall, Mylord?«, fragte sie, während sie den Blick senkte, um seinem Finger zu folgen, der jetzt zart über ein anderes Blatt strich. »Wie meinen Sie das?«

»Meine Freunde nennen mich Grey«, sagte er, statt auf ihre Frage zu antworten. »Angesichts der späten Stunde müssen wir doch nicht so streng sein, was unseren Sinn für Anstand betrifft.«

Das zu tun, wäre sogar noch gefährlicher.

Sie sollte gehen, aber ihre Füße schienen mit dem Boden verwachsen zu sein.

»Wir sind nicht befreundet, Mylord.«

»Noch nicht, aber das könnte sich ändern, Mrs Beasley.«

Sie musste schlucken, als sie von einem primitiven, fremden Gefühl durchströmt wurde, das sich zu sehr nach Verlangen anfühlte. »Ich würde mir noch nicht einmal im Traum solch eine Vertraulichkeit herausnehmen.«

Seine Finger glitten jetzt zu einem neuen Blatt, das sogar noch näher an Francesca war. »Ich hatte gehofft, Sie vielleicht dazu überreden zu können.«

Sie hatte den Verdacht, dass der Marquis von Greymoor sie zu vielen Dingen überreden könnte, und alle wären töricht. Sie nahmen einander derart bewusst wahr, dass die Luft förmlich knisterte, als wäre sie elektrisch geladen. Das war schon von Anfang an so gewesen, als ihre Wege sich das erste Mal gekreuzt hatten.

»Es wäre höchst unklug, wenn eine Haushälterin meint, einem höheren Stand anzugehören«, erwiderte sie spröde, während sie versuchte, die Woge des Verlangens zurückzudrängen, die über ihr zusammenschlagen wollte.

Und es war eindeutig der Gipfel des Wahnsinns, wenn eine Haushälterin, die sich in einer solch heiklen Situation wie sie befand, nach Mitternacht mit einem Gentleman in der dunklen Orangerie verweilte. Der Graf würde sie entlassen, wenn er erführe, dass sie nicht den gebührenden Anstand an den Tag gelegt hatte, und man könnte es ihm noch nicht einmal vorwerfen. Francesca konnte es sich nicht leisten, so einen gravierenden Fehler zu machen. Sie brauchte diese Stellung. Sie musste im fernen Staffordshire bleiben, weit weg von London, um sich weiter vor ihrer Vergangenheit zu verstecken.

»Mr Beasley wäre wohl auch über diese Art der Vertraulichkeit erbost, nehme ich an.« Der Finger des Marquis war wieder bei der Blattspitze angelangt, und Greymoor warf ihr erneut einen durchdringenden Blick zu.

Mr Beasley war der Ehemann, den sie praktischerweise erfunden hatte. Und der natürlich tot war. Es war viel einfacher, vorzugeben, eine Witwe zu sein, als ständig auf Fragen bezüglich Mr Beasley antworten zu müssen.

»Ich bin Witwe«, gestand sie. Die Lüge kam ihr jetzt genauso schwer über die Lippen wie beim ersten Mal.

Sie war kein betrügerischer Mensch. Lügen fühlte sich falsch an. Das hatte sie schon immer so empfunden, und sie hatte den Verdacht, dass das auch so bleiben würde. Aber in diesem Fall ging es nicht anders. Wenn irgendjemand herausfand, wer sie in Wirklichkeit war …

Nein. Sie mochte gar nicht daran denken.

»Bestimmt ein großer Verlust für Sie. Mein Beileid«, sagte der Marquis mit seiner tiefen, herrlich sonoren Stimme, die in ihre wild herumwirbelnden Gedanken eindrang.

»Danke.« Sie fühlte sich schlecht. Es war ihr zuwider, eine Beileidsbekundung für einen Mann anzunehmen, den es außerhalb ihrer Phantasie nie gegeben hatte. »Es ist lange her.«

»Wie lange?«, fragte er und klang neugierig.

»Jahre.« Krampfhaft versuchte sie, sich zu erinnern, ob sie den anderen Bediensteten von Barlowe Park je von ihrem »Ehemann« erzählt hatte und wie lange es her war, dass er zum Herrn zurückgekehrt war. Das war eine Information, die sie sich wirklich besser merken sollte. Vielleicht sollte sie sich das in ihrem Tagebuch notieren.

»Da müssen Sie aber schon sehr jung geheiratet haben«, stellte Greymoor scharfsinnig fest.

»Das habe ich.« Sie trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, denn sie fühlte sich nicht wohl, da sich das Gespräch jetzt um den erfundenen Mr Beasley drehte.

Denn die Versuchung war groß, das Freundschaftsangebot des Marquis anzunehmen, obwohl ihr klar war, dass es fatal wäre, das zu tun. Ihn Grey zu nennen, wie er es vorgeschlagen hatte. Zu vergessen – und sei es auch nur für zehn Minuten im vom Mond erhellten Wintergarten –, dass ein Mann wie er immer außerhalb ihrer Reichweite sein würde.

»Verzeihen Sie mir«, sagte er leise, und Sorge schwang in seiner Stimme mit. »Es war nicht meine Absicht, traurige Erinnerungen zu wecken.«

Er deutete ihr Unbehagen falsch. Aber das war besser so. Einblick in das zu gewähren, was sie wirklich dachte, kam überhaupt nicht infrage – und war genauso unerhört, wie sich um Mitternacht allein mit ihm im Wintergarten aufzuhalten.

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Mylord. Ich sollte mich jetzt auf mein Zimmer zurückziehen.«

Aber statt zu gehen, konnte sie sich – töricht, wie sie war – genauso wenig von ihm lösen wie früher am Tage. Sie zögerte ihr Gehen hinaus, denn sie hatte keine Ahnung, wann sie je wieder die Gelegenheit haben würde, mit einem so faszinierenden Mann allein zu sein.

Wahrscheinlich nie wieder.

Als sein warmer Finger über ihren Handrücken strich, schreckte sie kurz auf, und sofort strömte flüssiges Feuer durch ihre Glieder.

»Bleiben Sie.«

»Es gehört sich nicht, bei Ihnen zu bleiben«, widersprach sie und hasste sich für die Atemlosigkeit, die in ihren Worten mitschwang. »Ich hätte gar nicht so lange bleiben dürfen.«

»Glauben Sie wirklich, dass sonst noch jemand wach ist und durchs Haus geht?« Seine Finger glitten zu ihrem Handgelenk und streichelten die Stelle, wo unterhalb der Manschette ihres Kleides der Puls schlug.

Sie sollte sich entziehen. Die Verbindung lösen.

Aber es fühlte sich gut an, berührt zu werden.

So gut.

»Das bezweifle ich«, gestand sie.

Doch wenn irgendjemand sie sah, würde sich das verheerend auf ihren Ruf und ihre Stellung auswirken. Verzweiflung und Hartnäckigkeit hatten dafür gesorgt, dass sie den Posten hatte ergattern können, und es hatte auch geholfen, dass Barlowe Park kurz vor dem Ruin stand und nur von einem Butler beaufsichtigt wurde, der kaum noch etwas hörte und leicht verwirrt war.

»Dann ist es doch bestimmt nicht schlimm, wenn Sie noch ein paar Minuten verweilen«, sagte Greymoor, dessen wissende Finger über ihre Adern strichen. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Haut an der Stelle so empfindsam war.

Konnte man in Ohnmacht fallen, wenn man nur am Unterarm gestreichelt wurde? Francesca hatte plötzlich das Gefühl, dass das durchaus möglich war.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und kämpfte um ihren Selbsterhaltungstrieb. »Ich darf meine Stellung nicht verlieren, Sir.«

Ihr Überleben hing davon ab.

Und auch noch so viel Mondlicht würde nichts daran ändern.

»Wenn Sie keine Angst hätten, Ihre Stellung zu verlieren, würden Sie dann hier bei mir bleiben?«, fragte er.

Sie ging nicht davon aus, dass er um die missliche Lage derjenigen wusste, deren nächste Mahlzeit, deren Dach über dem Kopf und Bett, in dem sie schliefen, vom guten Willen anderer abhängig war. Auch Francesca hatte das einst nicht gekannt und erst erfahren, als sie in Not geraten war. Der Überlebenswille konnte die Einstellung eines Menschen stark verändern.

»Spielt das eine Rolle?«, gab sie seine Frage zurück. Hoffnungslosigkeit stieg in ihr auf und wetteiferte mit dem Verlangen, das von der Wärme seiner wissenden Berührung hervorgerufen worden war.

»Natürlich spielt das eine Rolle. Nun sagen Sie doch – würden Sie bleiben?«

Seine Finger glitten wieder nach unten zu ihrer Hand und verharrten dort. Haut lag an Haut, und unwillkürlich dachte sie daran, wie es wohl wäre, wenn sich ihre Körper ohne die hinderliche Kleidung aneinanderpressen würden.

»Ja«, gestand sie schließlich und zischte dabei leise.

»Was wäre, wenn Ihnen etwas Besseres angeboten werden würde?«, fragte er als Nächstes, während seine Finger ein letztes Mal an ihren entlangstrichen, ehe er sie wegnahm. »Würden Sie das Angebot annehmen?«

Er wollte ihr doch nicht etwa anbieten, seine Mätresse zu werden?

»Es gibt kein besseres Angebot«, entgegnete sie. »Ich fürchte, Ihre Frage ist rein hypothetisch.«

»Aber wenn es das gäbe? Wenn Ihnen zum Beispiel für einen Monat Ihrer Zeit zehntausend Pfund angeboten werden würden, und danach müssten Sie nie wieder als Haushälterin arbeiten und nach anderer Leute Pfeife tanzen?«

Ihr Jahreslohn als Haushälterin betrug nur fünfzig Pfund.

Sie starrte ihn an und suchte in seinen Gesichtszügen, die im Dunkel kaum zu erkennen waren, nach einem Hinweis, dass er log. »Zehntausend Pfund sind eine gewaltige Summe, aber ich wiederhole: Es ist müßig, über so eine Frage nachzudenken, wenn keiner mir ein derartiges Angebot macht.«

»Ich mache so ein Angebot.«

Sie erstarrte schockiert. »Sie?«

»Ich.« Er grinste, doch wegen des mangelnden Lichts hatte sie nicht das Vergnügen, seine Grübchen in ihrer vollen Pracht zu sehen.

Herr im Himmel! Sein Charme würde noch ihr Untergang sein.

»Verzeihen Sie, Lord Greymoor, aber ich fürchte, ich benötige eine Erklärung.«

»Es ist ganz einfach. Ich will mehr von Ihrer Zeit. Und ich bin bereit, großzügig dafür zu bezahlen. Ein Monat im Tausch gegen zehntausend Pfund, und danach werden Sie nie wieder eine Haushälterin sein.«

»Meine Zeit«, wiederholte sie langsam. »Sie sind bereit, mir ein Vermögen für meine Zeit anzubieten?«

»Für mehr als nur Ihre Zeit.«

Es war dieses Mehr, das Wärme über ihre Haut kriechen ließ und einen süßen Schmerz zwischen ihren Schenkeln erzeugte. Denn sie war schwach und verrucht.

»Sie wollen, dass ich Ihre Mätresse werde«, sagte Francesca.

»Mir Missfallen derartige Bezeichnungen.« Er zuckte die Achseln. »Ich wäre gern Ihr Freund, Mrs Beasley.«

»Freunde bezahlen nicht gewaltige Summen, um Zeit miteinander verbringen zu dürfen«, stellte sie klar. »Sie wollen mit mir schlafen.«

»Natürlich will ich das, aber ich bin kein unzivilisierter Mensch. Ich stelle keine Forderungen. Die Verführung ist die eine Hälfte des Vergnügens.«

»Zehntausend Pfund«, wiederholte sie und war völlig verblüfft von dem Gedanken.

Und von der gewaltigen Summe.

So viel Geld könnte Freiheit für sie bedeuten.

Aber es konnte sein, dass der Marquis log. Unter Umständen unterbreitete er ihr ein Angebot, an das er sich später nicht halten würde, während er nur eine Verführung im Sinn hatte. Sie kannte ihn nicht, doch das Wenige, was sie über ihn wusste, deutete darauf hin, dass er kein unredlicher Mensch war. Der Graf von Anglesey war ein freundlicher und großzügiger Arbeitgeber. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass seine Freunde Schurken waren.

»Zehntausend Pfund, die ganz und gar Ihnen gehören würden.«

»Und im Gegenzug?«

»Werden Sie mir gehören«, erwiderte er ruhig. »Einen Monat lang. Danach werden wir getrennte Wege gehen.«

Werden Sie mir gehören.

Lieber Himmel! Ja! Das war das Einzige, was sie denken – was sie fühlen konnte. Heißes, heftiges Verlangen zerrte wie eine reißende Strömung an ihr.

Es konnte sein, dass dieser Mann ihr Untergang sein würde. Und sie würde jede Sekunde davon lieben.

»Und Sie würden keinerlei Forderungen stellen?«, fragte sie vorsichtig.

Wen hielt sie hier zum Narren? Wenn der Marquis von Greymoor sie küssen wollte oder etwas anderes begehrte, würde sie es ihm erlauben. Ja, sie würde voller Begeisterung auf alles eingehen.

»Keine Forderungen«, bestätigte er. »Nur, was Sie auch wollen.«

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. »Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Er streckte die Hand aus und strich mit der Rückseite seiner Finger über ihre Wange. »Sie brauchen noch nichts zu sagen. Anglesey wird mit seiner Frau in drei Tagen zurückkehren. Bis dahin können Sie sich überlegen, was Sie mir antworten wollen.«

»Und in der Zwischenzeit?«

Er grinste wieder. »Werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um Sie dazu zu bringen, dass Ihre Antwort Ja lautet.«

Francesca wusste nicht recht, ob das nun ein Versprechen oder eine Warnung war, aber es brachte das Verlangen, das in ihr brannte, dazu noch höher zu lodern. Und dabei hatte er sie noch nicht einmal geküsst.

Kapitel 3

Grey hatte die reizende Mrs Beasley gestern Abend in der Orangerie noch nicht einmal geküsst.

Er hätte es tun sollen. Und er hätte wirklich auch nach ihrem Vornamen fragen sollen. Als Mrs Beasley an sie zu denken, war zugegebenermaßen eine reizvolle Phantasie, wenn er morgens erwachte und sich mit dem Gedanken an sie seiner Erregung hingab. Aber es wäre natürlich schöner, ihren richtigen Namen zu kennen – insbesondere falls sie seinen spontanen Vorschlag, einen Monat lang mit ihm zu verbringen, annehmen sollte.

Die Vorstellung, Mrs Beasley bei seinen morgendlichen Phantasien um ungezogene Dinge zu bitten, hatte aber wahrhaftig etwas äußerst Verruchtes. Oder Mrs Beasley aufzufordern, freundlicherweise die Schenkel zu spreizen. Er hatte die schwarze, unscheinbare Kleidung der Dienerschaft früher nie verführerisch gefunden. Aber jetzt … Das förmliche Gewand hatte tatsächlich einen erotischen Reiz und steigerte das verbotene Verlangen noch. Anfangs, als er noch der Zweitgeborene gewesen war, und später als der Erbe waren ihm von klein auf an seine Pflichten eingebläut worden. Er wusste, dass ein wahrer Gentleman nie ein Auge auf Dienstboten warf. Das war ihm so klar wie die Tatsache, dass er an jeder Hand fünf Finger hatte. Aber trotzdem wollte er sie.

Himmel. Er war vierunddreißig Jahre alt und hatte erst jetzt entdeckt, dass er ein tiefsitzendes Verlangen besaß, Hausangestellte zu verführen. Er sollte sich schämen.

Er schämte sich.

Es war auch wirklich verabscheuungswürdig, wie groß sein Verlangen nach ihr war.

Unruhig rutschte Grey auf seinem Stuhl am Frühstückstisch herum und suchte nach einer bequemeren Position, während er trübsinnig die pochierten Eier und den Speck musterte, die vor ihm auf dem Teller lagen. Er hatte nur ein paar Bissen zu sich genommen. Die Speisen waren essbar, aber nichts Besonderes. Doch selbst wenn das Frühstück vom besten Koch zubereitet worden wäre, hätte er keinen Appetit darauf gehabt. Im Moment gelüstete es ihm nicht nach Essen, sondern nach einer bestimmten Person.

Angleseys Haushälterin hatte etwas an sich, das ihn ansprach. Er musste sie haben. Er würde nicht lügen – er wollte sie in seinem Bett. Aber er war auch bereit, eine hohe Summe zu zahlen, nur damit sie in seiner Nähe war, ohne jede Garantie, dass er in ihrem herrlichen Körper schwelgen würde.

Er hatte ihr zehntausend Pfund angeboten.

Für ihn war das nicht viel Geld, aber für eine Haushälterin war es ein Vermögen.

Er war verrückt. Das war die einzige Erklärung, warum er gestern in der vom Mond erhellten Orangerie zu diesem Entschluss gekommen war und er ihr den Vorschlag unterbreitet hatte. Entweder war er völlig irre, oder sie hatte ihn verhext.

Aber was sollte er seinem alten Kumpel Anglesey sagen, wenn Mrs Beasley sein Angebot annahm und er sich mit ihr davonschlich? Darüber würde er sich wohl erst Gedanken machen, wenn – falls – sie Ja sagte. Der Graf würde nicht erfreut sein, sie zu verlieren. Da war Grey sich sicher. Anglesey hatte erst vor Kurzem damit begonnen, sein Anwesen wieder in alter Pracht erstrahlen zu lassen. Das ohne eine Haushälterin zu bewerkstelligen – denn es würde dauern, bis er Ersatz gefunden hatte –, würde nicht einfach sein.

Schuldgefühle bohrten sich durch den Nebel des Verlangens, der ihn erfasst hatte, seit er Mrs Beasley das erste Mal vor einigen Wochen im Rahmen der Hochzeit von Anglesey erblickt hatte. Der Graf war sein Freund, verdammt nochmal. Grey hatte kein Recht darauf, der Haushälterin des armen, liebestrunkenen Kumpels hinterherzugieren.

Aber sein Körper hatte da andere Vorstellungen.

Zum Teufel nochmal. Das Frühstück hatte sich für ihn erledigt. Er musste Mrs Beasley heute Morgen erst einmal aufspüren. Knight schlief noch und würde wahrscheinlich bis zum Mittag im Bett liegen bleiben, wenn er sein Verhalten vom Vortag beibehielt.

Grey wurde allmählich unruhig. Er erhob sich, nickte dem Lakaien zu, der bei Tisch bedient hatte, und verließ auf der Suche nach seiner Beute den Raum.

Wie sollte er Mrs Beasley im Verlauf der nächsten drei Tage davon überzeugen, mit ihm wegzulaufen – wenn auch nur für einen Monat –, wenn sie nirgends zu sehen war? Aber das machte nichts. Er wusste, wo sich die Treppe befand, die in den Dienstbotentrakt führte. Ohne Zögern begab sich Grey in die höhlenartigen Kellerräume, von denen aus jeder Haushalt geführt wurde.

Im unteren Stockwerk von Barlowe Park roch es muffig und feucht. Er kannte diesen Geruch aus seiner Jugend – noch vor Anthonys Tod –, als er und sein älterer Bruder Haines Court unsicher gemacht hatten. Bis heute war eine seiner liebsten Erinnerungen, wie er mit Tony Erdbeertörtchen aus der riesigen Küche gestohlen hatte. Die Köchin war wegen der nicht mehr auffindbaren Gebäckstücke immer ganz außer sich gewesen.

Grey kam an einem Dienstmädchen vorbei – es war eine der Mägde, obwohl er hoffte, dass es nicht das lüsterne Ding war, das er vor zwei Tagen mit einem Lakaien im Musikzimmer erwischt hatte, als er auf der Suche nach einem Klavier gewesen war. Er sollte Mrs Beasley wohl über das skandalöse Verhalten des Mädchens informieren. Allerdings würde sie, wenn es nach ihm ginge, schon bald nicht mehr mit einem schwarzen Kleid, weißer Schürze und einer schrecklichen kleinen Haube, die ihr herrliches Haar bedeckte, durch die Gänge dieses feuchten Gemäuers laufen. Er nickte dem Dienstmädchen kurz zu und setzte seinen Weg fort, der ihn an einem Lakaien und dem Zimmer des Butlers vorbeiführte.

In dem Moment erspähte er sie von hinten, als sie gerade mit raschelnden Röcken in einem Raum verschwand. Grey folgte ihr und zog die Tür hinter sich zu.