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Mut und Entschlossenheit haben Hudson Stone als Chief Inspector bei Scotland Yard durchs Leben getragen. Aber nichts hätte den unerbittlichen Ermittler darauf vorbereiten können, ein Herzogtum zu erben. Am schlimmsten ist jedoch, dass Hudson aufgrund der Schulden, die ihm zusammen mit dem Titel vererbt wurden, eine reiche Erbin heiraten muss, um seine Ländereien vor dem Ruin zu bewahren ...
Lady Elysande ist bewusst, dass der letzte Herzog von Wycombe sie lediglich wegen ihrer immensen Mitgift interessant fand, und sie hat keinen Zweifel daran, dass sein grimmiger Nachfolger sie aus demselben Grund heiraten möchte. Aber Elysande hat ihre eigenen Beweggründe, das Angebot des neuen Herzogs anzunehmen.
Ein Arrangement aus Vernunft scheint für beide die ideale Lösung zu sein – bis die Schatten von Hudsons Vergangenheit auftauchen und alles durcheinanderbringen …
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Seitenzahl: 448
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Mut und Entschlossenheit haben Hudson Stone als Chief Inspector bei Scotland Yard durchs Leben getragen. Aber nichts hätte den unerbittlichen Ermittler darauf vorbereiten können, ein Herzogtum zu erben. Am schlimmsten ist jedoch, dass Hudson aufgrund der Schulden, die ihm zusammen mit dem Titel vererbt wurden, eine reiche Erbin heiraten muss, um seine Ländereien vor dem Ruin zu bewahren ...
Lady Elysande ist bewusst, dass der letzte Herzog von Wycombe sie lediglich wegen ihrer immensen Mitgift interessant fand, und sie hat keinen Zweifel daran, dass sein grimmiger Nachfolger sie aus demselben Grund heiraten möchte. Aber Elysande hat ihre eigenen Beweggründe, das Angebot des neuen Herzogs anzunehmen.
Ein Arrangement aus Vernunft scheint für beide die ideale Lösung zu sein – bis die Schatten von Hudsons Vergangenheit auftauchen und alles durcheinanderbringen …
Scarlett Scott liebt es Regency-Romane mit starken, intelligenten Frauen und sexy Alpha-Helden zu schreiben. Sie lebt in Pennsylvania mit ihrem kanadischen Ehemann, ihren eineiigen Zwillingen und einem fernsehbegeisterten Hund.
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The Detective Duke
Aus dem Englischen von Firouzeh Akhavan-Zandjani
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Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Epilog
Anmerkungen der Autorin zur historischen Richtigkeit
Über Scarlett Scott
Impressum
Lust auf more?
In Erinnerung an die wundervoll lustige, wundervoll wundervolle Maggie L.
Spätsommer 1886, Buckinghamshire England
Zweifellos wären die meisten Männer höchst erfreut gewesen, völlig unerwartet ein Herzogtum zu erben, mit dem sie noch nicht einmal gerechnet hatten.
Hudson Stone, der frühere Chief Inspector von Scotland Yard, der gerade zum neunten Herzog von Wycombe avanciert war, gehörte jedoch nicht dazu.
Voll Ingrimm starrte er die Haushaltsbücher und die Korrespondenz an, die über den ganzen Schreibtisch verteilt lag – Zahlen und Briefe und düstere Aussichten, die längst angefangen hatten, vor seinen Augen zu verschwimmen und mittlerweile bar jeden Reizes für ihn waren. Zur Hölle nochmal. Sie hatten nie auch nur irgendeinen Reiz für ihn gehabt, wenn er ehrlich war. Es war nie sein Wunsch gewesen, Herzog zu werden. Sein ganzes Leben lang hatte er immer nur Verbrechen aufklären wollen. Er hatte sich dem Ziel verschrieben, der bestmögliche Ermittler zu sein.
Und dann war der achte Herzog von Wycombe, ein kerngesunder, entfernter Cousin, von dessen Existenz er noch nicht einmal gewusst hatte, von seinem Pferd gestürzt.
»Erklären Sie mir bitte in ganz einfachen Worten, wie tief ich in der Scheiße sitze«, verlangte Hudson von dem jungen Verwalter, der vor ihm stand.
Die zugegebenermaßen grobe Ausdrucksweise ließ den Verwalter zusammenzucken. »Verzeihung, Euer Gnaden.«
»Ich bitte um Verzeihung«, brummte er. Offensichtlich benutzten Herzöge keine Kraftausdrücke – zumindest nicht in Gegenwart ihrer unglückseligen Verwalter. »Hören Sie bitte auf, mich ständig ›Euer Gnaden‹ zu nennen. Ich ziehe Stone vor oder Wycombe, wenn es sein muss.«
Saunders zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich damit die Schweißperlen von der Stirn. »Dann Wycombe.«
»Mache ich Sie nervös, Saunders?«, fragte er neugierig.
Der Mann wandte den Blick ab. »Natürlich nicht.«
Er lügt, dachte Hudson. Er hatte häufig genug Verbrecher verhört, um zu erkennen, wenn jemand nicht ehrlich war. Und dem Blick auszuweichen, wenn man etwas gefragt wurde, war ein eindeutiger Hinweis für Schuldgefühle.
»Hm«, meinte er unverbindlich. »Muss das ganze Dach dieser monströsen Scheußlichkeit erneuert werden?«
»Der Ostflügel weist eine nicht unerhebliche Undichtigkeit auf und am …«
»Ein einfaches Ja oder Nein reicht mir«, unterbrach er den Mann und sah auf seine Taschenuhr.
»Ja«, sagte Saunders und tupfte sich erneut die Stirn ab.
Der letzte Herzog von Wycombe hatte im Frühling das Zeitliche gesegnet. Aber die Nachfolge war offensichtlich aufgrund eines alten Zerwürfnisses zwischen dem sechsten Herzog von Wycombe und seinem Sohn, Hudsons Großvater, recht unklar gewesen. Hudson hatte sein Leben wie bisher weitergeführt und im Sommer einen sehr wichtigen Fall aufgeklärt. Doch letztendlich hatte ihn auch noch so viel inständiges Hoffen, er möge nicht der Nächste in der Erbfolge sein, nicht vor seinem Schicksal bewahrt, und so war er gezwungen gewesen, seinen Posten bei Scotland Yard aufzugeben und seine Angelegenheiten in London zu regeln, ehe er sich nach Buckinghamshire begeben hatte, wo ihn ein heruntergekommenes Anwesen, unzählige Schulden und eine völlig leere Kasse erwarteten.
Aber es gab noch etwas anderes, mit dem er sich befassen musste, und dieses Etwas, das in einer Viertelstunde eintreffen würde, missfiel ihm sogar noch mehr als der Umstand, der neunte Herzog von Wycombe geworden zu sein. Und das stellte wirklich eine Leistung dar.
Hudson ließ seine Taschenuhr zuschnappen und schob sie in die Westentasche zurück. »Gibt es Schätzungen, was der Austausch kosten würde?«
Auf den Wangenknochen des jungen Mannes bildeten sich rote Flecken. »Seine Gnaden hatte nichts in der Richtung unternommen. Ich glaube, er wollte die Eheschließung abwarten.«
Ah ja. Genau. Der achte Herzog von Wycombe war mit Lady Elysande Collingwood verlobt gewesen, deren fette Mitgift die Rettung bedeutet hätte. Aber der arme Tropf hatte sich das Genick gebrochen, ehe es so weit gekommen war. Natürlich musste Hudson erst noch die Bekanntschaft der fraglichen Lady machen. Es war durchaus möglich, dass ein Genickbruch einer Ehe mit ihr vorzuziehen wäre.
»Zweifellos wollte der vorherige Herzog das Geld abwarten, das ihm die Heirat einbringen würde«, meinte er.
Saunders räusperte sich. »Ich habe den vorherigen Herzog nicht hinsichtlich seiner Entscheidung befragt. Allerdings erwirtschaftet Brinton Manor keine Gewinne und das schon seit Jahren nicht.«
Und keiner der letzten Herzöge hatte sich bemüßigt gefühlt, daran etwas zu ändern – weder der achte Herzog noch sein Vater vor ihm.
Jetzt sah es so aus, als würde Hudson die Aufgabe zufallen, das Opferlamm zu spielen. Am besten, er stellte sich schon darauf ein.
»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, Saunders, ich habe einen Termin.«
»Natürlich, Euer Gn… äh, Wycombe. Sir.«
Hudson seufzte, als er den Raum verließ. Er war es gewohnt, die Leute einzuschüchtern. Das war sein Job. Halt. Das war sein Job gewesen. Allmächtiger! Er hatte jeden einzelnen Moment geliebt, Teil von Scotland Yard zu sein.
Im Flur vor dem Arbeitszimmer trat eine gehetzt wirkende Haushälterin auf ihn zu und setzte ihn darüber in Kenntnis, dass sein Gast bereits eingetroffen sei. Lady Elysande werde von ihrer Mutter, der Gräfin von Leydon, und ihrer Schwester, Lady Isolde, begleitet. Sie warte im Goldenen Salon auf ihn, der einen direkten Zugang zum Garten besaß.
Trotz des hochtrabenden Namens hatte der Goldene Salon nichts Prunkvolles an sich. Und die Gartenanlage von Brinton Manor war völlig verwildert und brauchte dringend jemanden, der die zu erledigenden Aufgaben beaufsichtigte, doch dem war offensichtlich vor einiger Zeit aufgrund der Kosten, die er verursachte, gekündigt worden. Aber all das war es nicht, was Hudson Kopfzerbrechen bereitete.
Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er mit seinen Gästen machen sollte. Seines Großvaters Abstammung mochte zwar von Adel gewesen sein, doch Hudson hatte seine Erfahrungen im schäbigen Herzen Londons gesammelt und war als Ermittler in den heruntergekommensten Bezirken des East Ends tätig gewesen, ehe er aufgestiegen war.
»Was soll ich mit denen machen, Mrs Grey?«, fragte er die Haushälterin.
»Was sollen Sie mit was machen, Euer Gnaden?«, fragte sie und klang so verwirrt, wie sie aussah.
Nicht schon wieder »Euer Gnaden«.
Er gab sich dem Luxus hin, kurz mit den Zähnen zu knirschen, ehe er antwortete. »Mit den Gästen, Mrs Grey. Ich muss gestehen, dass ich es nicht gewohnt bin, bei einer Gräfin und ihren Töchtern den Gastgeber zu spielen.«
Himmel! Er war es bei niemandem gewohnt, den Gastgeber zu spielen. Er zog das Alleinsein vor. Seine Junggesellenwohnung in London wäre, auch wenn er es gewollt hätte, nicht einmal groß genug gewesen, um eine Maus als Gast aufzunehmen. Das hatte er natürlich nicht gewollt, und zwar nicht, weil er die kleinen Nager abgrundtief verabscheute, sondern weil er eine Neigung zu Ordnung, Ruhe und Frieden hatte – aber nicht zu Menschen.
»Sie werden natürlich einen Tee mit ihnen zusammen einnehmen, Euer Gnaden«, erklärte seine Haushälterin.
»Natürlich«, gelobte er gehorsam.
Und was dann?
Vielleicht spiegelte sich seine Verwirrung und Hilflosigkeit in seiner Haltung wider, denn Mrs Grey ergänzte: »Und dann vielleicht einen Spaziergang durch die Gärten machen.«
»Die Gärten sehen aber eher nach einem undurchdringlichen Dickicht aus«, gab er zu bedenken.
»Es gibt immer noch den mit Kies bestreuten Weg, Euer Gnaden«, entgegnete seine Haushälterin.
Den musste es dann wohl geben. Er nickte kurz. »Danke, Mrs Grey.«
Es gehörte sich doch, dass er sich bei ihr bedankte, oder nicht? Verflucht nochmal, er hatte keine Ahnung, wie er sich korrekt zu verhalten hatte. Er war in der Hölle gelandet. Das zumindest war sicher.
Er machte auf dem Absatz kehrt und marschierte auf den Goldenen Salon zu.
»Der Salon ist in der entgegengesetzten Richtung, Euer Gnaden«, rief ihm Mrs Grey hilfreicherweise hinterher.
Er blieb stehen und schaute sich kurz um.
»Ah ja.« Er machte eine Kehrtwende. »Danke, Madam.«
Selbst in seinem vernachlässigten, baufälligen Zustand war Brinton Manor schrecklich groß. Er musste sich immer noch an das Gebäude gewöhnen, in dem es fast einhundert Zimmer gab. Gereizt begab sich Hudson zum Goldenen Salon. Er war so tief in Gedanken versunken, dass er einfach unangekündigt in den Raum platzte. Er blieb stehen und musterte die Gräfin und ihre beiden Töchter, die in eine leise, hitzig geführte Unterhaltung vertieft waren. Die Gräfin war eine gut aussehende braunhaarige Frau in einem lavendelfarbenen Kleid. Die eine Tochter hatte tiefschwarze Haare, die Haare der anderen wiesen einen etwas helleren Braunton auf.
Er hätte schwören können, dass der Satz fiel: Er kann nicht so schlimm sein, wie es heißt, ehe er sich räusperte und damit die Aufmerksamkeit in der ihm eigenen Art auf sich lenkte.
Alle drei drehten sich zu ihm um, und er merkte, dass er direkt in ein Paar warmer, brauner Augen schaute. Bemerkenswerte Augen. Augen, die seinen Blick trafen und ihm nicht auswichen.
»Euer Gnaden!«, rief die ältere Frau und zog damit seinen Blick wieder auf sich, während sie in einem nervösen Knicks versank.
Die neben ihr stehenden Damen folgten ihrem Beispiel.
Er rührte sich nicht und verbeugte sich erst nach einem kurzen Moment. War das die Verbeugung eines Herzogs? Wohl eher nicht. Es handelte sich wahrscheinlich um die sehr knapp ausfallende Verbeugung eines vielbeschäftigten Mannes, der seine kostbare Zeit üblicherweise nicht mit unbedeutenden Höflichkeitsbesuchen verschwendete. Und doch musste er sich gerade jetzt mahnen, dass er ja nicht mehr Chief Inspector Stone war.
Die Erinnerung fühlte sich wie ein Todesstoß an.
Sie bedeutete seinen Tod – oder zumindest den Tod des Mannes, der er mal gewesen war.
»Mylady«, sagte er. »Lady Elysande, Lady Isolde.«
Er ging davon aus, dass Lady Elysande die in grauer Kleidung war – Halbtrauer um ihren verstorbenen Verlobten. Sechs Monate. Man sollte meinen, dass das genügte. Wenn seine Annahme stimmte, dann war sie es mit dem faszinierenden Blick. Die andere Schwester trug ein rosafarbenes Kleid, das mit mindestens einem Dutzend seidener Rosen bestückt war. Neben ihrer dezent gekleideten Schwester wirkte Lady Isolde fast ein bisschen frivol.
»Wir sind sehr erfreut, endlich Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen«, begrüßte ihn die Gräfin mit einem Lächeln.
Er fragte sich, ob sie damit auf seine Abwesenheit bei der Beerdigung anspielte, die aber nicht zu vermeiden gewesen war, weil er den vorherigen Herzog weder gekannt noch von seinem Ableben gewusst hatte. Aber das war gerade alles egal. Es lag eine gewisse Anspannung in der Luft. Die Gräfin und ihre Töchter statteten ihm diesen Besuch nicht ab, um Höflichkeiten mit einem Nachbarn auszutauschen, sondern sie waren aus einem bestimmten Grund hier.
Aus einem sehr guten Grund.
Der letzte Herzog von Wycombe war gestorben, ehe er Lady Elysande zu seiner Frau gemacht hatte. Jetzt war sie hier, um sich mit dem nächsten Herzog zu verloben.
»Möchten Sie Tee?«, fragte er unvermittelt.
»Wir wären entzückt«, erwiderte die Gräfin formvollendet gewandt.
Obwohl die Fortzahlung ihres Lohnes nicht gesichert war, zeigte Mrs Grey emsige Beflissenheit. Ein Tablett wurde hereingetragen und der Tee serviert. Hudson fand sich gleich darauf auf der Stuhlkante sitzend von drei adligen Damen umringt wieder und zwang sich, ein Getränk zu sich zu nehmen, das er verabscheute. Kaffee – oder auch Whisky – wäre ihm deutlich angenehmer gewesen.
Es folgte eine gestelzte Unterhaltung, und er war sicher, mehrmals das Falsche zu sagen. Die Gräfin brachte das Gespräch auf ihre Töchter. Lady Isolde schwieg, und Lady Elysande musterte ihn unter halb gesenkten Lidern und vorgeschobenen Lippen. Sie waren hübsch, diese Lippen, aber es störte ihn, dass ihm das auffiel. Die ganze Angelegenheit hinterließ einen bitteren Geschmack, der nichts mit dem Tee zu tun hatte, sondern davon herrührte, dass er in eine Ehe gedrängt wurde.
Zu guter Letzt schlug die Gräfin vor, dass er und Lady Elysande vielleicht einen kurzen Spaziergang im Garten unternehmen sollten. Lady Leydon würde natürlich mit Lady Isolde im Haus bleiben und sie um des Anstands willen im Auge behalten.
Anstand.
Das war ja wohl ein Witz.
Hudson erhob sich, als wäre er eine Marionette, und bot Lady Elysande seinen Arm an. Zusammen verließen sie die gekünstelte Atmosphäre des schäbigen Goldenen Salons, um in die Sonne eines Spätsommertages über den überwucherten Gärten von Brinton Manor zu treten. Sie gingen schweigend nebeneinander her, bis sie zu einem Springbrunnen gelangten, dessen Fontäne nicht sprudelte, und blieben stehen. Saunders hatte etwas von einer kaputten Rohrleitung gesagt, aber andererseits schien alles auf Brinton Manor repariert oder ersetzt werden zu müssen.
Da jetzt der Kies nicht mehr bei jedem Schritt unter ihren Füßen knirschte, wurde das Schweigen fast ohrenbetäubend. Außer dem Gesang der Vögel war nichts zu hören. Eine leichte Brise trug ihren Duft zu ihm, und er war angenehm. Maiglöckchen, dachte er.
»Der Springbrunnen ist kaputt«, verkündete er.
Was zum Teufel sollte er tun? Chief Inspector Hudson Stone begleitete für gewöhnlich keine Damen durch den Garten. Genauso wenig versuchte er, Frauen den Hof oder Heiratsanträge zu machen.
Der Herzog von Wycombe würde das aber wahrscheinlich tun.
Zu dumm, dass er das jetzt war und nicht der verstorbene Herzog.
»Es ist ein wunderschöner Springbrunnen«, sagte Lady Elysande. Das waren die meisten Wörter, die sie in einem Stück sagte, seit das gemeinsame Teetrinken begonnen hatte.
Sie hatte eine angenehme Stimme und schien wirklich freundlich zu sein. Wie schnitt man das Thema einer missliebigen Heirat an, die notwendig war, um diesen bröckelnden Trümmerhaufen und all jene, deren Auskommen davon abhing, vor Not und Elend zu bewahren?
»Es wäre zweifellos schöner, wenn er Wasser enthielte«, stellte er fest.
»Aber er hat kein Wasser und ist trotzdem schön. Warum soll man sich Gedanken machen, nur weil kein Wasser drin ist?«
Er warf einen Blick in ihre Richtung und musterte ihr Profil. Alles an Lady Elysande war makellos. Sie war fast zu perfekt. Ihre Stimme war wohlklingend und lieblich und trotz des züchtigen Kleides war zu erkennen, dass ihr Körper an all den richtigen Stellen Rundungen aufwies. Ihr Gesicht war unbestreitbar reizend.
Er mochte sie nicht.
Hudson richtete den Blick wieder auf den Springbrunnen. »Das ist nicht sonderlich pragmatisch gedacht, Lady Elysande. Man muss sich Gedanken machen, wenn kein Wasser da ist, wo eigentlich welches sein sollte, und das Gleiche gilt für Dinge, die kaputt sind und repariert oder ersetzt werden müssen.«
»Vergeben Sie mir, Euer Gnaden. Ich wollte Sie nicht verärgern.« Sie drehte sich mit einem heiteren Lächeln auf den Lippen, die er beim Tee widerwillig bewundert hatte, zu ihm um.
Ihr Benehmen war tadellos und freundlich. Im Vergleich zu ihr kam er sich wie ein Ungeheuer vor. Ihre durch nichts ins Wanken zu bringende muntere Höflichkeit brachte ihn auf. Am besten, er brachte die Angelegenheit gleich hinter sich. Er hatte keine Zeit, in einem verwilderten Garten zu verweilen.
»Ich muss heiraten«, teilte er ihr brüsk mit.
Sie schien nicht weiter überrascht. »Natürlich, Euer Gnaden.«
Was sollte bloß diese blödsinnige Anrede? Sie ging ihm schrecklich gegen den Strich.
»Sie waren mit dem vorherigen Herzog von Wycombe verlobt.«
»Ja.«
»Haben Sie eine Abrede mit jemand anders?«
Sie lächelte immer noch, während ihre Schönheit etwas Ätherisches bekam.
Noch etwas, das ihn störte.
»Nein, das habe ich nicht, Euer Gnaden«, erwiderte Lady Elysande.
Das genügt wohl, dachte er sich und unterdrückte seinen Groll. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mit Ihrem Vater spräche?«
Das Lächeln verstärkte sich, und sie sah jetzt noch hübscher aus. Er bekam den vagen Eindruck, dass es vorher immer nur ein aufgesetztes Lächeln gewesen war und erst dieses von einem echten Gefühl herrührte.
»Das wäre wundervoll, Euer Gnaden.«
»Wundervoll« war nicht das Wort, das er benutzen würde, um die Aussicht auf solch ein Gespräch zu beschreiben. Übelkeit erfasste ihn. Er musste es tun, rief er sich in Erinnerung. Er hatte keine andere Wahl.
»Sollen wir zu Ihrer Mutter und Ihrer Schwester zurückkehren?«, fragte er und warf noch einmal einen kurzen Blick auf den leeren Springbrunnen, der für all das stand, warum er einer Dame einen Antrag machen musste, die er gerade erst kennengelernt hatte.
»Natürlich«, stimmte sie bereitwillig zu.
Allerdings war alles an Lady Elysande so verdammt zuvorkommend. Glücklicherweise hatte er nicht die Absicht, eine echte Ehe mit ihr zu führen. Wenn sie erst verheiratet waren, konnte jeder für sich glücklich und zufrieden seinen eigenen Belangen nachgehen.
Düster schweigend geleitete er sie zurück zum Goldenen Salon.
***
Die Rückfahrt mit der Kutsche nach Talleyrand Park begann in völliger Stille, die nur vom Rumpeln der Räder auf der Auffahrt von Brinton Manor unterbrochen wurde, auf der sich ein Schlagloch ans andere reihte. Die Straße befand sich wie der Rest des Anwesens in einem traurigen Zustand des Verfalls. Aber aus diesem Grunde war Elysande hergekommen.
Das Leben bestand – wie ein Apparat – aus verschiedenen Teilen. Die Teile mussten aufeinander abgestimmt werden, und das Ergebnis war erst gewährleistet, wenn alles reibungslos lief. Aber selbst dann konnte man sich nicht wirklich sicher sein. Das endgültige Ziel erreichte man erst durch Versuch und Irrtum, Prototypen, Testphasen und erneuten Versuche.
Das war nur einer der vielen Grundsätze fürs Leben, die Elysande von ihrem Vater gelernt hatte.
Die Bestandteile in diesem speziellen Fall waren eindeutig. Ein heruntergewirtschaftetes Landgut. Ein verschleudertes Vermögen. Ein neuer Herzog, der genauso abweisend, verdrießlich und ungeschliffen war, wie die Gerüchte es hatten ahnen lassen. Er war nicht nur ein Londoner, sondern hatte dort auch noch ein ganz gewöhnliches Leben geführt – wie skandalös! Nicht, dass sie sich wegen des Letzteren viel Gedanken machen würde. Ein éclat machte ihr keine Sorgen.
Aber über ihre Zukunft machte sie sich Gedanken und über die ihrer Schwester. Isolde wollte ihren geliebten Arthur, den ehrenwerten Mr Arthur Penhurst, heiraten. Doch dafür musste zuerst Elysande unter die Haube. Alles muss seine Ordnung haben, hatte ihr Vater erklärt, als Elysande Einspruch gegen die antiquierte Regel der Eltern erhoben hatte, dass erst die älteste Collingwood-Tochter heiraten müsste, ehe Isolde vor den Traualtar treten konnte. Aber ihr Können im Lösen von Problemen war ebenfalls hervorragend, und sie hatte sich für einen Weg beim Heiratsdilemma, wie sie es für sich mittlerweile nannte, entschieden, als der frühere Herzog vom Wycombe Talleyrand Park einen Besuch abgestattet hatte.
Allerdings hatte der letzte Herzog von Wycombe die Frechheit besessen zu sterben, ehe ihr Problem gelöst werden konnte, und hatte damit den ganzen Prozess zum Stocken gebracht.
»Was hältst du von dem neuen Herzog, Ellie?«, fragte ihre Mutter, während die Kutsche holpernd und schwankend über die furchtbare Straße fuhr.
Eine hervorragende Frage – und eine, mit der bei einer vernarrten Mutter zu rechnen war, die sich trotzdem wünschte, dass ihre älteste Tochter Herzogin wurde.
Sie setzte ein Lächeln auf, das eher für Isolde bestimmt war. »Ich glaube, er wird den idealen Ehemann abgeben.«
»Das hast du über den letzten Herzog von Wycombe auch gesagt«, merkte Isolde scharf an. Nur die zusammengezogenen Augenbrauen warfen einen kleinen Schatten auf ihre ansonsten makellose Schönheit.
Das hatte sie tatsächlich getan. Und der vorherige Wycombe war auch wirklich genauso geeignet gewesen wie der derzeitige – allerdings aus anderen Gründen. Der letzte Herzog war ein Dummkopf gewesen. Der neue Herzog war abweisend, finster und unnahbar. Beiden haftete nichts Romantisches an. Isolde wäre entsetzt.
Aber Elysande legte keinen Wert darauf, dass man ihr den Hof machte und sie umwarb. Vielleicht ähnelte sie ihrem Vater zu sehr – sie war methodisch, logisch denkend und von ruhiger Vernunft geprägt. Natürlich hatte ihr Vater sich Hals über Kopf in Mama verliebt, aber Elysande war fest davon überzeugt, zu einer ähnlichen Schwäche nicht in der Lage zu sein. Dadurch war eine Verbindung zwischen ihr und dem Herzog von Wycombe – jedem Herzog von Wycombe – auch so perfekt.
Sie würde weiter in bequemer Nähe zu ihrer Familie leben, doch jenseits des wohlmeinenden Schattens ihres Vaters, Isolde könnte endlich Mr Penhurst heiraten, und der Herzog würde das Leben führen, das er für angebracht hielt, während er Elysande in Ruhe ließ, so dass sie sich ihren Projekten widmen und dort ihre Zeit verbringen konnte, wo sie am glücklichsten war – auf dem Lande. Ihr lag nichts an London, und daran würde sich auch nie etwas ändern.
Elysande zuckte die Achseln. »Ein Herzog von Wycombe ist so gut wie der andere.«
»Dir ist doch klar, dass die beiden völlig unterschiedlich sind, oder, mein Schatz?«, fragte ihre Mutter beunruhigt.
»Natürlich sind sie das, aber du weißt auch, dass ich nicht in den verstorbenen Herzog verliebt war«, rief Elysande ihr sanft in Erinnerung.
Tatsächlich war der vorherige Herzog zwar freundlich gewesen, aber gleichzeitig auch bedauerlich beschränkt und mit einer Neigung zum Spielen ausgestattet, die sie veranlasst hatte, spezielle Regelungen zu ihrem Schutz im Ehevertrag aufzunehmen. Die Bestimmungen waren eindeutig gewesen – sie wollte in Ruhe gelassen werden, und er wollte ihre Mitgift, doch ein nicht unerheblicher Teil des Geldes würde weiterhin uneingeschränkt ihr gehören. Sie war nun einmal äußerst praktisch veranlagt.
Ihre Mutter gab einen missbilligenden Laut von sich. »Und du weißt ganz genau, was ich davon halte, dass du dich an einen Mann bindest, den du nicht liebst.«
Elysande beugte sich vor und klopfte ihrer Mutter beruhigend auf die Hand. »Ich bin alle Möglichkeiten durchgegangen. Wenn ich den jetzigen Herzog heirate, komme ich zum gleichen Ergebnis. Ich sehne mich nicht nach Liebe und Romantik. Meine Unabhängigkeit ist mir viel wichtiger.«
Und genauso wichtig, wie Isolde die Möglichkeit zu geben, zu heiraten, wen sie möchte, fügte sie im Stillen hinzu.
»Wie kannst du dir so sicher sein, dass der neue Herzog dir Unabhängigkeit gewährt?«, fragte ihre Schwester als Nächstes. »Mit dem alten hattest du eine Vereinbarung getroffen, aber du kannst nicht davon ausgehen, dass der gegenwärtige erfreut sein wird, dieselben Regeln einzuhalten.«
Sie dachte an das steife Gespräch, das sie mit ihm geführt hatte. »Er scheint mir zu der Sorte zu gehören, die dafür zugänglich ist, doch das werden wir wohl erst wissen, wenn er Papa einen Besuch abstattet.«
Ihre Mutter erstarrte. »Wenn er deinem Vater einen Besuch abstattet? Willst du damit sagen, dass der Herzog dich beim Gang durch den Garten gebeten hat, ihn zu heiraten?«
»Nicht wortwörtlich in dieser Form. Aber ja. Ich glaube, das hat er.«
Seine Absichten waren eindeutig gewesen. Kalt, schroff, geplant und völlig ohne Emotionen.
Genau das, was sich Elysande von einem Ehemann wünschte. Männer, die Gedichte rezitierten und ihr Herz auf der Zunge trugen, fand sie uninteressant. Tatsächlich waren alle Männer uninteressant.
Der neue Wycombe war viel verlockender als der alte – trotz seiner abweisenden Art, die sich in seiner Miene und auch Körperhaltung zeigte. Er hatte etwas Faszinierendes an sich. Er strahlte etwas aus und besaß eine Anziehungskraft, die sich nicht leugnen ließ. Glücklicherweise würde sie jedoch, solange ihre Bedingungen erfüllt wurden, relativ wenig von ihm sehen, nachdem sie geheiratet hatten. Er würde sie von dem Weg, den sie beschreiten wollte, nicht ablenken.
»Ellie, bitte«, sagte Isolde, und Entsetzen schwang in ihrer Stimme mit. »Ich flehe dich an: Opfere dich nicht meinetwegen.«
»Du neigst dazu, melodramatisch zu sein, Izzy.« Jetzt tätschelte Elysande ihrer Schwester die Hand. »Ich bin wohl kaum das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Ich bin eine Frau, die sich anschickt, den Mann ihrer Wahl zu heiraten.«
»Aber das ist ja gerade das Problem«, entgegnete Isolde. »Du hast nie Papas Werkstatt verlassen und dadurch keine Gelegenheit gehabt, passende Herren kennenzulernen. Warum nimmst du den ersten, der um deine Hand anhält?«
Weil passende Herren sie nicht interessierten und das auch noch nie getan hatten. Der Antrag des neuen Wycombe war daher sehr geeignet und willkommen. Aber das würde sie gegenüber ihrer Mutter und Izzy nicht laut aussprechen. Mit ihrer versponnenen Art würden sie daraufhin noch mehr Widerspruch erheben und sie weiter in eine Diskussion verwickeln.
Sie sah ihre Schwester mit hochgezogener Augenbraue an. »Um genau zu sein, ist der neue Wycombe schon der zweite Gentleman, der um meine Hand anhält.«
Der alte Wycombe war der erste gewesen. Aber die Wortklauberei war jetzt auch egal. Elysande war keine romantische Liebe bestimmt, wie ihre Eltern sie erlebt hatten, noch wie sie zwischen Isolde und Mr Penhurst bestand.
»Als dein Vater und ich zu dir sagten, du müsstest heiraten, geschah das, weil wir uns Gedanken darüber machen, was für dich am besten ist.« Ihre Mutter verstummte und runzelte die Stirn, was bei ihr nur selten vorkam.
Zum Beispiel, als Tristan Wasser in ihr Tintenglas gegossen hatte.
Oder als einer der Zwillinge einen Frosch in ihrem Schrank versteckt hatte.
»Ich mache mir auch Gedanken darüber, was am besten für mich ist«, erklärte sie ihrer Mutter. »Wenn ich schon heiraten muss, dann suche ich den mir geeignet erscheinenden Gentleman selbst aus.«
»Der neue Herzog von Wycombe ist ein kalter Mann«, meinte ihre Mutter bekümmert.
»Er war ein Chief Inspector bei Scotland Yard«, fügte Isolde hinzu. »Es heißt, er wäre ein barscher, strenger Mann. Er hat Mordfälle aufgeklärt, Ellie. Denk doch mal nach.«
Ja, sowohl das eine als auch das andere stimmte. Meinten Mama und Izzy etwa, sie hätte keine eigenen Nachforschungen angestellt? Der neue Herzog von Wycombe schien nicht unintelligent zu sein, was natürlich schade war. Den alten Wycombe hätte man mit Leichtigkeit lenken können.
»Er erfüllt meine Kriterien.« Elysande legte die Hände in den Schoß. Von ihrer Seite war die Angelegenheit damit geklärt.
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Ich wusste, dass es ein Fehler war, dich herzubringen. Ich habe es deinem Vater gesagt, aber er war fest davon überzeugt, dass du in jeder Hinsicht deine eigenen Entscheidungen treffen musst.«
Ja, außer in der Frage, ob sie überhaupt heiraten wollte oder nicht. Dieser Umstand trübte die Beziehung zu ihrem Vater wie ein Stachel, der jedes Mal schmerzte, wenn man daran rührte. Sie schien nicht in der Lage zu sein, ihn zu entfernen, egal wie häufig sie das Thema zur Sprache gebracht hatte.
»Ihr habt beide bestimmt, dass ich heiraten soll«, rief sie ihrer Mutter in Erinnerung. »Und ich habe meinen Ehemann ausgewählt.«
Es blieb nur zu hoffen, dass der neue Wycombe nicht ebenfalls – wie der alte – vor der Hochzeit umkam.
»Aber das ist ja das Problem an der ganzen Sache, Elli.« Izzy nahm eine eigensinnige Haltung ein, als sie die Arme vor der Brust verschränkte. »Du hast dich bei der Suche und Auswahl nicht genügend angestrengt. Du hast einfach jeden Herzog von Wycombe akzeptiert, der um deine Hand angehalten hat.«
Das stimmte, doch Elysande konnte nicht erkennen, was das Problem daran sein sollte.
»Der neue Wycombe muss erst noch um meine Hand anhalten«, konnte sie nicht widerstehen klarzustellen.
»Aber du hast gesagt, dass er mit deinem Vater sprechen möchte«, stellte ihre Mutter fest. »Das Ergebnis so eines Gespräches ist klar.«
»Solange er auf meine Bedingungen eingeht.« Elysande nickte. »Das ist das Ergebnis, das ich mir wünsche.«
Oder es war eher das Ergebnis, das sie gezwungen war zu akzeptieren.
Denn während sich ihre Eltern recht deutlich von den meisten Angehörigen der Londoner Gesellschaft unterschieden und Elysande und ihren Geschwistern erlaubt hatten, eine durch wenige Regeln geprägte Kindheit und Jugend zu durchleben, erwarteten sie doch von all ihren Kindern, dass diese heirateten. Es war eine seltsame Ausnahme ihrer sonst von Freiheit bestimmten Lebensphilosophie, die Elysande nie ganz verstehen würde. Und weil sie nicht wollten, dass eins der Geschwister ungerecht behandelt wurde, hatten sie die Regel aufgestellt, dass immer erst die Älteste heiraten musste. Das bedeutete, dass Elysande einen Ehemann finden musste. Dann erst konnte Isolde ihren Mr Penhurst heiraten, damit es dann auch ihren Zwillingsschwestern Criseyde und Corliss freistand, zu heiraten, wen sie wollten.
Ihr Bruder, Viscount Royston, war der einzige Sohn und hatte nicht unter einer Reihenfolge zu leiden, wenn er heiraten wollte. Und bisher hatte es noch keine Anzeichen bei ihm gegeben, dass er es überhaupt wollte. Ja, Tristan hatte etwas von einem Schurken und Wüstling an sich; und wäre er nicht so ein hingebungsvoller Bruder gewesen, hätte Elysande versucht gewesen sein können, ihm wegen seiner Skandale gelegentlich eine Ohrfeige zu verpassen.
Trotzdem sorgte seine Flucht aus der Ehefalle immer wieder für Streitgespräche zwischen Elysande und ihrem Bruder.
»Izzy hat recht. Deine Bedingungen waren vom früheren Wycombe akzeptiert worden«, stellte ihre Mutter klar, »und man kann nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass der jetzige Herzog auch darauf eingehen wird.«
»Wenn er nicht auf meine Bedingungen eingeht, werde ich ihn nicht heiraten«, erklärte sie großspuriger, als sie sich fühlte.
Tatsächlich war der Hinweis, dass der Herzog ihre Bedingungen vielleicht zurückwies, ein unerwünschtes Ärgernis. Wenn sie anfangen müsste, sich der unsinnigen Aufgabe zu widmen, selbst einen Verehrer zu finden, würde sie kostbare Zeit verlieren, in der sie eigentlich ihrer Arbeit nachgehen wollte. Zeit, die sie gerade jetzt nicht unnütz verschwenden wollte, wo sie gerade damit beschäftigt war, dafür zu sorgen, dass ihre elektrische Bratpfanne einwandfrei funktionierte.
»Ich glaube, du solltest gar nicht erst in Erwägung ziehen, ihn zu heiraten«, brummte Izzy. »Er kann beim Tee ja noch nicht einmal ein vernünftiges Gespräch führen.«
»Er wirkte … wortkarg«, meinte ihre Mutter schwach.
»Er wirkte wie jemand, der es nicht gewohnt ist, ein Herzog zu sein«, entgegnete Elysande. »Er wirkt auf mich wie jemand, der nicht von mir erwartet, dass ich als Gastgeberin für rauschende Feste sorge, neue Tapeten bestelle und darauf achte, dass jeder seinem entsprechenden Rang gemäß einen Platz am Esstisch zugeteilt bekommt.«
Mit einem Wort: perfekt.
Genau das war der neue Wycombe. Ein Mann, der auf dem Lande eindeutig nicht in seinem Element war, aber den Rang eines Herzogs bekleidete. Ein Mann, der wahrscheinlich erpicht darauf war, nach London zurückzukehren, und die Leitung des Landsitzes in die fähigen Hände seines Verwalters legte. Ein Mann, der keinen Erben von ihr verlangte und einen Zweitgeborenen oder sie dazu zwingen würde, mit nach London zu kommen, um auf Bällen herumzuwirbeln oder Leute zum Tee einzuladen.
Er mochte vielleicht intelligenter sein als der alte Wycombe – sie glaubte nicht, dass sie sich hinsichtlich des aufgeweckten Funkelns in seinem versteinerten Blick irrte –, aber er eignete sich möglicherweise sogar noch besser als Ehemann. Ein Mann, der geneigt war, sie machen zu lassen, was sie wollte, war wirklich der ideale Gatte.
Oh ja. Der neue Herzog von Wycombe war ohne Zweifel der Ehemann, den sie brauchte.
Chief Inspector Hudson Stone hatte Mörder und Räuber zur Strecke gebracht. Er hatte Verbrecher mit sorgfältig durchdachten Plänen in die Falle gelockt. Er hatte Monster verhört, die sich als Menschen gaben. Beinahe hätte er das Leben verloren, als ein Verbrecher ihm ein Messer zwischen die Rippen gestoßen hatte. Eine Narbe war zurückgeblieben – runzelig und glänzend –, eine Erinnerung daran, wie schnell es mit ihm hätte zu Ende gehen können. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte er dem abgrundtief Bösen ins Gesicht geschaut.
Aber er hatte noch nie – nicht ein einziges Mal – vor dem Vater der Frau gesessen, die er beabsichtigte zu heiraten, und vor ihm lag ein Ehevertrag. Als er das letzte Mal mit Leydon in Kontakt getreten war, hatte er das in Briefform getan – eine reine Geste der Höflichkeit. Offensichtlich ein Schuss, den er abgefeuert hatte, ehe der Krieg begann.
Du bist nicht mehr Chief Inspector Stone, raunte eine hinterhältige Stimme in seinem Kopf.
Eine Stimme, die ihn jeden Tag, den er länger in Buckinghamshire vermoderte, lauter verspottete.
»Und Sie sind sicher, dass Sie jetzt über den Ehevertrag sprechen möchten, Wycombe?«, fragte der Graf von Leydon und beendete damit die unangenehme Stille, die sich über den Raum gelegt hatte.
Wycombe. Er rechnete in solchen Momenten immer noch damit, dass er hinter sich einen Fremden stehen sehen würde, wenn er sich umdrehte – jemanden, der den Titel mehr verdiente als er. Ein Mann, der erfreut wäre, diese ganze Verantwortung aufgebürdet bekommen zu haben. Doch in dem riesigen Raum stand niemand hinter ihm. Er wusste, dass er dem Drang, sich umzudrehen, nicht nachzugeben brauchte.
»Gibt es einen besseren Zeitpunkt dafür?«, fragte er den Grafen.
Wahrscheinlich brach er schon wieder eine ungeschriebene Regel, indem er Lady Elysandes Vater auf den Vertrag ansprach. Es wäre nicht der erste Schnitzer, den er gemacht hatte, seit er widerwillig Herzog geworden war. Und ihm war klar, dass es auch nicht sein letzter sein würde. Obwohl er mit einigen Aristokraten befreundet war, die er durch Zufall oder im Rahmen seiner Arbeit kennengelernt hatte, konnte er nicht behaupten, sich mit deren Tausenden von Regeln auszukennen.
Noch würde er das je tun.
»Brandy?«, fragte Lady Elysandes Vater, statt Hudson eine Antwort zu geben.
Grimmig fragte sich Hudson, wer nach Lord Leydons Meinung die Stärkung wohl eher brauchte.
Er schüttelte den Kopf. »Für mich nicht, danke.«
Hudson zog es vor, alle Sinne beieinanderzuhaben, wenn er sich in feindlichem Territorium befand. Das feindliche Territorium unterschied sich gerade sehr wenig von einer dunklen Gasse im East End. Hier musste er eher im übertragenen Sinne mit einem Dolchstoß rechnen, als dass es dabei um Leib und Leben ging. Aber er hegte keinerlei Zweifel daran, dass es genauso schmerzhaft sein würde.
»Wie es Ihnen beliebt.« Leydon trommelte mit den Fingern auf der polierten Oberfläche seines Schreibtisches. »Bleiben Sie zum Dinner?«
Wer hatte denn unter diesen Umständen noch Appetit?
»Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht«, gab er ehrlich zur Antwort.
Tatsächlich war Hudson sofort nach Talleyrand Park gekommen, nachdem er mit Saunders den Ehevertrag durchgegangen war und sein Verwalter, der behauptete, sich mit solchen Dingen nicht auszukennen, ihn gedrängt hatte, sich einen Rechtsanwalt zu nehmen. Es gab kein Geld für einen Anwalt, und er glaubte, dass seine Beobachtungsgabe ausreichen würde.
Nach Talleyrand Park zu kommen, war eine höchst unkomfortable Angelegenheit gewesen, und zwar nicht nur, weil Hudson das Reiten nicht gewohnt war, sondern weil die im Stall von Brinton Manor verbliebenen Pferde kaum dafür geeignet waren. Die beleibte, alte Stute, für die er sich entschieden hatte, war der Meinung gewesen, den größten Teil des Weges ihren Heißhunger stillen zu müssen, indem sie bei jedem Grasbüschel stehen blieb, und seine verzweifelten Versuche, sie zum Weitergehen zu motivieren, ignorierte. Aus diesem Grunde kam er zwei Stunden später als geplant staubig, verschwitzt und gereizt an.
»Lady Leydon wäre sehr ungehalten, wenn Sie es ihr verwehren, Sie zu bewirten«, erklärte der Graf höflich.
Das war eine sehr fragwürdige Behauptung.
Wahrscheinlich handelte es sich um eine höfliche Lüge. In der vornehmen Welt tat man das häufig, hatte er festgestellt, seitdem er unerwartet und widerwillig Teil dieser Gesellschaft geworden war. Heuchelei war die Währung, mit der hier Handel getrieben wurde.
Ihm war bewusst, dass er seinen Besuch nicht angekündigt hatte. Hudson hatte sein Pferd selbst im Stall untergestellt. Der Butler hatte peinlich berührt gewirkt und diskret geschnuppert, womit er andeutete, dass Hudson nach Pferdemist roch. Eine verstohlene Überprüfung seiner Stiefel, während er in der riesigen Eingangshalle von Talleyrand Park auf Lord Leydon wartete, hatte auf zumindest saubere Sohlen hingedeutet.
Und dafür war er dankbar.
Es gab genug, worüber er sich Gedanken machte. Pferdemist an den Stiefeln hätte ihm da gerade noch gefehlt.
»Ich bin hergekommen, um über den Ehevertrag zu reden«, erinnerte er Lady Elysandes Vater höflich.
Was ihn anging, konnte das Dinner gern zum Teufel gehen. Je eher er diese unerquickliche Angelegenheit hinter sich gebracht hatte, desto besser.
Leydon zog eine Uhr aus der Westentasche und warf einen Blick darauf. »Es ist genug Zeit, um über den Vertrag zu reden, Wycombe. Vielleicht sogar nach dem Dinner bei einem Port und Zigarren.«
Der Graf rutschte auf seinem Stuhl herum. Man merkte ihm sein Unbehagen deutlich an.
Der Ermittler, der Hudson einst gewesen war – der Detective, der immer noch lebte und atmete und stets unter der Oberfläche brodelte –, kam zum Vorschein. Hudson musterte den ihm gegenübersitzenden Mann. Er war nicht elegant gekleidet, sondern trug den auf dem Lande üblichen Tweed. Sein Haar war zerzaust, als wäre er mit der Hand durchgefahren. Und war das etwa … ein Schmutzfleck auf seiner Wange? Dieses Gespräch wurde mit jeder Minute, die verging, verwirrender. Vielleicht hatte Hudson in seinem von Nervosität genährtem Bestreben, die Sache zu klären, ein paar beunruhigende Dinge übersehen.
»Ich würde es vorziehen, jetzt über den Vertrag zu sprechen, Mylord«, entgegnete er.
In der Tat würde er sich wahrscheinlich erst wieder entspannen können, wenn diese verdammte Verlobung besiegelt war.
Ehe der Graf zu einer Erwiderung ansetzen konnte, wurde die Tür zum Arbeitszimmer mit lautem Getöse aufgestoßen, so dass Hudson sich sofort auf seinem unbequemen Stuhl umdrehte und nachsah, was für die Störung verantwortlich war.
Eine Frau von zierlicher Gestalt kam mit wirbelndem schlichtem, grauem Rock ins Zimmer gestürmt. »Papa, ich glaube, ich habe endlich eine Lösung hinsichtlich der Stellschrauben für … oh! Verzeihung. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast.«
Sie blieb mitten auf dem kostbaren Teppich stehen, und die blassen Hände schlossen sich am Rock zu Fäusten.
Lady Elysande, stellte er fest.
Aber das war nicht die Lady, die ihn in den Garten begleitet hatte. Der Unterschied zwischen der selbstsicheren, ätherischen Schönheit, die er kennengelernt hatte, und der Frau im schlichten Kleid mit den geröteten Wangen und den zu einem einfachen Chignon hochgesteckten Haaren war so groß wie Tag und Nacht.
Beide waren atemberaubend, und doch glich keine der anderen.
Mit Verspätung bemerkte er ein Rascheln hinter sich – Lord Leydon erhob sich gerade. Sofort stand Hudson ebenfalls auf.
»Ellie, Liebes«, sagte der Graf. Und in seiner Stimme schwang deutlich erkennbar große Zuneigung mit.
Oh, verdammt. Wenn Hudsons eigener Vater doch nur je ein Quäntchen davon gezeigt hätte. Er hatte eher dazu geneigt, brennende Ohrfeigen zu verteilen.
»Verzeih die Störung.« Sie versank in einem Knicks.
»Unsinn«, erwiderte Leydon mit warmer Stimme. »Du weißt, dass du immer willkommen bist, liebe Tochter. Doch es könnte nicht schaden anzuklopfen.«
Der sanfte Tadel des Grafen ließ ihr blasses Gesicht erröten. Und Gott stehe ihm bei, aber Hudson fand den rosigen Schimmer ihrer Wangen ausgesprochen reizend. Ein unerwünschter Anflug von Verlangen stieg in ihm auf.
Mit aller Macht und Entschlossenheit unterdrückte er dieses Gefühl.
Eine Ehe würde ihn nicht verändern.
Er wollte diese Frau nicht.
Er wollte das Herzogtum nicht.
Seine Rückkehr nach London konnte gar nicht schnell genug erfolgen.
»Vielleicht möchten Sie sich unserem Gespräch anschließen, Mylady«, hörte er sich selbst trotz der inneren Ermahnung sagen.
Der Drang, dass sie bleiben möge, war seltsam. Eigentlich sollte er sich wünschen, dass sie wieder ging, dass er so wenig Zeit wie möglich in ihrer Gesellschaft verbrachte, dass er das unangenehme Gespräch so schnell wie möglich hinter sich brachte und die Hochzeit regelte.
»Worum geht es denn bei Ihrem Gespräch, Euer Gnaden?«, fragte sie.
»Um den Ehevertrag«, antwortete Lord Leydon an seiner Stelle.
Sie zog die schmalen, dunklen Augenbrauen zusammen. »Hast du die Änderung vorgenommen, Vater?«
Änderung?
Himmel nochmal.
Hatte man ihm etwa denselben Ehevertrag wie seinem Vorgänger vorgelegt? Hudson sah zu seinem Gastgeber hin und stellte fest, dass der Graf seinem Blick auswich, während seine Finger über das Dokument glitten, welches vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
Anscheinend ja.
»Die Änderung ist eingearbeitet worden, liebe Tochter«, sagte Leydon.
»Wunderbar.« Lady Elysandes wohlklingende Stimme ließ Hudson wieder in ihre Richtung schauen. Sie zupfte an ihrem schlichten Kleid, und erst jetzt bemerkte Hudson ein paar kleine Flecken auf dem Rockteil. »Sie müssen mein Erscheinungsbild entschuldigen, Euer Gnaden. Wenn ich gewusst hätte, dass wir einen Gast haben, hätte ich mit mehr Sorgfalt auf mein Aussehen geachtet.«
Was glaubte sie denn, wer er war? Hatte sie keine Ahnung, dass sie mit einem Mann sprach, der häufig gar nicht merkte, dass seine Kleidung Blutflecken aufwies, wenn er in seine Junggesellenwohnung zurückkehrte? Wahrscheinlich nicht, denn ansonsten hätte sie wohl sofort Reißaus genommen, statt über eine Änderung im Ehevertrag nachzudenken.
Er fragte sich, um was für eine Änderung es sich wohl handelte.
»Ihr Erscheinungsbild weist die Sorgfalt auf, die mir angemessen scheint«, sagte er in einem, wie er hoffte, ausdruckslosen, höflichen Ton.
Tatsächlich gefiel ihm die Einfachheit des Kleides, ihm gefielen die Flecken, die bewiesen, dass sie nicht immer so makellos aussah wie an jenem Tag im Garten. Er hatte bei ihrem ersten Treffen gar nicht bemerkt, wie schön sie war. Jetzt – ohne jeden Kunstgriff – berührte ihn ihr Aussehen viel mehr als beim letzten Mal, als ihre Wege sich gekreuzt hatten.
Sie sah ihn an, und ihre dunkelbraunen Augen sprühten vor Intelligenz. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie sich ein Urteil über ihn bildete – oder es zumindest versuchte. Er fragte sich, was sie wohl dachte.
»Es freut mich, dass Sie keinen Anstoß an meinem Aufzug nehmen, Euer Gnaden«, erklärte sie liebenswürdig mit wohlklingender Stimme.
Sie sprach, als stünden sie in einem Salon und es handelte sich um einen förmlichen Anlass. Er nahm an, dass man ihr eine Erziehung hatte angedeihen lassen, die sie auf ihre Rolle als Herzogin vorbereitet hatte.
»Bitte«, sagte er und deutete auf den leeren Stuhl neben seinem, »da es bei diesem Gespräch um Sie geht, ist es vernünftig und angebracht, wenn Sie daran teilnehmen.«
Leydon gab einen unverbindlichen Laut von sich. »Das ist eher … ungewöhnlich, Wycombe. Ich bin mir nicht sicher, dass Lady Elysande bleiben möchte.«
Hudson konnte nicht erkennen, ob sich die Bemerkung des Grafen auf die angesprochene Änderung bezog oder auf die Bitte an seine zukünftige Braut, dem Gespräch beizuwohnen, während sie auf die Einzelheiten des Ehevertrages eingingen. Aber es spielte auch keine Rolle. Er mochte zwar ein Herzog sein, doch er war immer noch der Mann, dem die feine Gesellschaft mit all ihren Regeln völlig egal war.
Er wandte sich wieder Lady Elysande zu. »Was würden Sie vorziehen, Mylady?«
Einen Moment lang zeigte ihre ausdruckslose Miene Risse, und er fragte sich, ob er einen Anflug von Sorge in ihren Augen gesehen hatte, als ihr Blick kurz zu ihrem Vater ging und dann zu Hudson zurückkehrte. »Ich sollte wohl bleiben.«
»Wunderbar«, sagte er, obwohl er sich insgeheim fragte, warum zum Teufel er beschlossen hatte, die Qual noch zu verlängern.
Fairness war natürlich der Grund.
Eine Dame sollte dabei sein, wenn die Einzelheiten ihrer Zukunft besprochen wurden. Hudson war kein ungerechter Mensch. Gesellschaftliche Benimmregeln konnten ihm gestohlen bleiben. Trotz all der Abgründe, in die er gesehen hatte, und der schrecklichen Dinge, die er erlebt hatte, glaubte er immer noch an die Ehre an sich. Die Ehre war letztendlich der Grund, warum er hier war, sich auf dieses unendliche Gespräch einließ und beabsichtigte, eine Dame zu heiraten, die er nicht kannte. Hudson Stone schuldete den Leuten nichts, für die er jetzt verantwortlich war, aber der Herzog von Wycombe schon – und leider war Hudson jetzt Wycombe.
»Vater?«, wandte sich Lady Elysande offensichtlich um seine Zustimmung ersuchend an ihren Vater.
Leydon runzelte zwar die Stirn, aber er nickte. »Wenn Seine Gnaden möchte, dass du dabei bist, dann ist daran wohl nichts auszusetzen.«
Seine Gnaden.
Wycombe.
Jedes Mal, wenn er das hörte, reagierte Hudson unverändert darauf. Der Titel gehörte ihm nicht. Sein Cousin hätte die Bürde tragen sollen. Und doch war er jetzt hier, um über dessen Braut zu verhandeln, als wäre das ein Vorgang, der so normal war wie das Atmen.
Lady Elysande nickte, und als sie an ihm vorbeiging, um sich auf den leeren Stuhl zu setzen, stieg ihm der Geruch von Lampenöl und kein Parfümduft in die Nase. Das war wirklich seltsam. Was zum Teufel hatte sie gemacht, ehe sie in das Arbeitszimmer ihres Vaters gestürmt war? Der Detective in ihm, der erst noch wahrhaben musste, dass das Leben ihm eine neue Rolle zugewiesen hatte, erwachte sofort.
Wirklich seltsam.
Lady Elysande war nicht der Mensch, der sie auf den ersten Blick zu sein schien. Er war nicht sicher, ob er angesichts dieser Entdeckung fasziniert oder besorgt sein sollte.
***
Elysande saß aufrecht wie ein Ladestock auf dem Stuhl neben dem neuen Wycombe. Sie war sich ihrer fleckigen Röcke und des strengen Geruchs nach Lampenöl, den sie verströmte, weil sie in der Werkstatt ihres Vaters eine Lampe, die damit gefüllt gewesen war, umgekippt hatte, wohl bewusst. Der Rocksaum hatte bei dem Malheur eine große Menge aufgesogen, ehe sie das ganze Öl, das auf dem Boden gelandet war, wieder aufgewischt hatte. So etwas passierte halt, wenn man eine Werkstatt in den Stall verbannte und es nicht hell genug war, weil der Dynamo dafür vorbehalten war, die Prototypen mit Strom zu versorgen. Sie hatte die Lampe – die glücklicherweise gerade nicht brannte – mit dem Ellbogen heruntergestoßen, während sie an der von ihrem Vater konstruierten Influenzmaschine arbeitete.
Elysande hoffte, dass sie sich eine bessere Werkstatt einrichten konnte, wenn sie den Herzog heiratete. Nachdem ihr Vater versehentlich die Bibliothek in Brand gesteckt hatte, als er versuchte, die Alarmanlage zu verbessern, hatte ihre Mutter darauf bestanden, dass alles, was mit seinen Erfindungen zu tun hatte, außerhalb des Hauses durchgeführt wurde. Dutzende von Büchern waren durch den Brand verloren gegangen – ganz abgesehen von den Vorhängen, dem wertvollen Teppich und dem geschätzten Sekretär ihrer Mutter. Die Bibliothek war zwar in ihrer alten Pracht wiederhergestellt worden, doch bis zum heutigen Tag hing in dem Raum immer noch ein verkohlter Geruch in der Luft, auf den ihre Mutter nie versäumte hinzuweisen. Aber zumindest war der Vorfall nicht so gefährlich gewesen wie die Explosion des Kessels des mit Wasserdampf angetriebenen Kinderwagens …
Etwas verspätet zwang Elysande sich, der monoton klingenden Stimme ihres Vaters zu lauschen, während er auf die Einzelheiten des Ehevertrags einging. Alles war so, wie sie es erwartet hatte. Schon seltsam, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, dabei zu sein, als mit dem alten Wycombe darüber gesprochen worden war. Natürlich hatte er sie auch nicht dazu eingeladen, und sie war froh gewesen, sich mit den Dingen beschäftigen zu können, die sie wirklich interessierten.
Der neben ihr sitzende neue Wycombe klopfte in einem gleichmäßigen Takt mit den Fingern auf seinen Schenkel. Er machte fast den Eindruck, als langweilten ihn die genauen Einzelheiten ihrer Eheschließung. Sie wusste nicht, warum sie dieses Wissen ärgerte, denn ihr ging es genauso. Trotzdem konnte sie nicht leugnen, dass der Mangel an Emotionen beim Herzog ihr Gedanken machte. Sie würden heiraten. Sollte er da nicht zumindest irgendetwas fühlen? Mehr als nur Langeweile?
Sie sagte sich, dass es keine Rolle spielte. Es war ja schließlich nicht so, dass sie ihn heiraten wollte – sie hegte für ihn genauso wenig zärtliche Gefühle wie für den letzten Herzog. Ihr ging es immer noch um das Gleiche – ein glückliches Leben für ihre Schwester und für sich selbst. Izzy wäre in der Lage, Mr Penhurst zu heiraten, und Elysande könnte sich ihrer eigenen Arbeit widmen, statt an den Erfindungen ihres Vaters herumzuspielen. Der neue Wycombe würde nach London zurückkehren, wo er sich ganz und gar seinem Missmut hingeben könnte. Also eine ideale Lösung für alle Beteiligten.
»Ich stimme zu«, sagte Wycombe und wandte sich dann an sie. »Lady Elysande?«
Entweder wollte er sie wirklich mit einbeziehen, oder ihm war nicht klar, wie außergewöhnlich es war, dass eine Dame an so einem Gespräch teilnahm, oder er versuchte, sie in irgendeiner Weise auf die Probe zu stellen. Sie wusste nicht, was sein Antrieb war. Als er sie jetzt mit dem Blick seiner graublauen Augen förmlich durchbohrte, hatte das etwas sehr Beunruhigendes.
Aber sie würde seinem Blick nicht ausweichen und auch nicht zugeben, dass kein Wort von dem, was ihr Vater gesagt hatte, bei ihr angekommen war.
Also setzte sie ein Lächeln auf, das – wie sie hoffte – die nichtssagende Gelassenheit zeigte, die sie bei den meisten Debütantinnen gesehen hatte, wenn sie in die Gesellschaft eingeführt wurden. »Ich stimme ebenfalls zu.«
Ihr Vater nickte und fuhr fort. »Lady Elysande erhält eine einmal jährlich auszuzahlende Summe, die zu ihrer freien Verfügung steht. Außerdem wünscht sie keinen Nachwuchs.«
Elysande versteifte sich, als die Änderung genannt wurde. Es handelte sich um eine Forderung, die sie an den alten Wycombe nicht gestellt hatte, es aber hätte tun sollen. Der neue Wycombe war vielleicht zugänglicher, als es sein Vorgänger bei dieser Bedingung gewesen wäre. Er schien nichts von dem Titel zu halten. Man konnte also nur hoffen.
»Kein Nachwuchs«, wiederholte der Herzog.
Eine leichte Röte überzog das Gesicht ihres Vaters. Daran ließ sich erkennen, wie verlegen ihn ihre Forderung machte. Er war von ihrer Idee nicht begeistert gewesen und hatte das auch deutlich zum Ausdruck gebracht. Trotzdem hatte er – widerwillig – zugestimmt, den Vertrag in ihrem Sinne abzuändern.
»Das ist richtig«, sagte ihr Vater.
»Gibt es einen Grund für diesen Wunsch? Hat Lady Elysande ein Leiden?« Wycombe richtete die Frage an ihren Vater, warf ihr aber gleichzeitig einen fragenden Seitenblick zu.
»Ich bin bei bester Gesundheit«, zwang sie sich zu sagen. »Aber ich möchte keine Kinder.«
Das stimmte nicht ganz. Sie konnte sich schon vorstellen, Kinder zu haben, doch sie war nicht, wie es bei den meisten Frauen schien, von dem einzigen Gedanken beseelt, diese unbedingt und sofort haben zu müssen. Izzy träumte von Kindern mit ihrem Arthur und sehnte sich nach dem Tag, wo sie Mutter werden würde. Doch Elysande war anders. Sie hatte Ziele. Pläne. Kinder waren nicht Teil davon. Eines Tages vielleicht. Aber nicht jetzt. Nicht in absehbarer Zukunft, und sie musste sicher sein, dass ihr Ehemann keine Forderungen an sie stellen würde.
»Nie?«, fragte Wycombe sie.
Elysandes Handinnenflächen wurden feucht, und der Geruch nach Lampenöl schien immer stärker zu werden. Ein kleiner Funke, und sie würde wie die Bibliothek in Flammen stehen. »›Nie‹ ist ein so endgültiges Wort, Euer Gnaden. Trotzdem hätte ich gern die Zusicherung, nicht dazu gedrängt zu werden, sofort einen Erben und dann noch einen zweiten Sohn bekommen zu müssen.«
»Nein«, sagte er.
Ein Wort. Kurz und knapp. Und trotzdem war sie sich nicht sicher, was es bedeutete … was er damit meinte.
Sie blinzelte verwirrt. »Verzeihung, Euer Gnaden?«
»Nein, ich bin mit dieser Vereinbarung nicht einverstanden«, führte er genauer aus.
Furcht machte sich in ihr breit. Auch wenn er ihr diesen Wunsch verweigerte, würde sie trotzdem der Heirat zustimmen. Aber sie konnte es sich nicht leisten, ihn das wissen zu lassen.
»Warum nicht?«, gab sie ruhig zurück.
»Das ist eine höchst ungehörige Unterhaltung«, ging ihr Vater dazwischen. Seine Stimme klang schwach – wie immer, wenn er sich in einer unhaltbaren Situation befand.
Ihr Vater war nie ein geselliger Mensch gewesen. Nur im Kreise der Familie oder mit engen Freunden fühlte er sich wohl. Auseinandersetzungen bedrückten ihn über die Maßen; genau wie Themen, die er befremdlich fand.
»Ich halte das Thema nicht für ungehörig«, erwiderte Wycombe ruhig. »So ein Gespräch gehört doch bestimmt zu einem Ehevertrag.«
»Die Dame ist bei so einer Unterhaltung für gewöhnlich nicht dabei«, erklärte ihr Vater und verzog die Miene. »Darüber hinaus glaube ich nicht … ähem, Lady Elysandes Bitte ist recht ungewöhnlich.«
Ungewöhnlich. Ja, das stimmte wohl, dachte sie. Aber dass ihr Vater es laut aussprach, bestürzte sie. Sein Geständnis würde ihr gewiss nicht helfen, durchzusetzen, was sie wollte.
»Vielleicht ist das eine Angelegenheit, über die Lady Elysande und ich besser unter vier Augen sprechen«, schlug Wycombe vor.
Er klang gelassen, als würden sie sich über etwas so Nebensächliches wie einen kaputten Springbrunnen in Brinton Manor unterhalten. War er tatsächlich so emotionslos, wie er sich gab?
»Wunderbar«, sagte ihr Vater, und die Erleichterung war ihm deutlich anzumerken. »Elysande, wie wäre es, wenn ihr ein bisschen nach draußen auf die Terrasse geht? Ihr könntet über den Passus sprechen und euch auf einen Kompromiss einigen.«
Elysande hätte ihren Vater am liebsten angebrüllt. Warum half er ihr nicht in dieser schwierigen Angelegenheit? Sie wollte die Fragen zu ihrer Eheschließung doch nur endgültig klären, damit sie endlich wieder an die Arbeit gehen könnte und der Weg für Izzy frei war, Mr Penhurst zu heiraten. Aber jetzt musste sie wieder ein unerwünschtes Gespräch mit dem neuen Wycombe über sich ergehen lassen.
»Aber … warum können wir das nicht gleich jetzt entscheiden?«, preschte sie vor und wünschte sich, ihr Vater wäre in dieser Sache eher ihr Verbündeter als ein Gegner.
War es nicht schon schrecklich genug, dass sie überhaupt heiraten musste? Konnte er ihr die schmerzhafte Angelegenheit nicht erleichtern, indem er alle Fragen zum Vertrag ohne sie klärte? Doch das war wohl dem Herzog an ihrer Seite zuzuschreiben; denn er hatte sie dazu aufgefordert zu bleiben. Und sie war so dumm gewesen, das Angebot anzunehmen.
Ihr Vater ließ sich von ihrer Bitte nicht erweichen. Hinsichtlich der von ihr gewünschten Regelung war er unnachgiebig gewesen und hatte eine klare Haltung eingenommen. In einer Ehe ist es deine Pflicht, einen Erben hervorzubringen. Rechne nicht damit, dass Wycombe auf diese Klausel eingehen wird. Kein Mann würde das tun.
