The Goodbye Governess - Scarlett Scott - E-Book
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The Goodbye Governess E-Book

Scarlett Scott

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Beschreibung

Oliver „Knight“ Knightly, frischgebackener Earl von Stoneleigh, kehrt nach England zurück, um sich um seine verwaisten Nichten zu kümmern. Doch er hat nicht vor, sich von familiären Verpflichtungen aufhalten zu lassen – sein Ziel ist es, schnell eine fähige Gouvernante zu finden und dann zurückzukehren zu dem Ruhm, dem Reichtum und den bewundernden Damen, die ihn in Amerika erwarten.

Lady Corliss Collingwood hingegen plant, als Autorin die Welt zu bereisen und um für ihren Roman zu recherchieren, gibt sie sich als Gouvernante aus. Doch die Herausforderung ist größer als erwartet, besonders als sie feststellen muss, dass ihre Schützlinge wilde Teufelchen sind und ihr Onkel der gutaussehendste und verführerischste Mann ist, den sie je getroffen hat.

Zwischen Corliss und Knight lodert eine unwiderstehliche Anziehung. Werden sie den Mut finden, ihren Gefühlen nachzugeben und ihre jeweiligen Pläne zu gefährden?

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Seitenzahl: 490

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Oliver „Knight“ Knightly, frischgebackener Earl von Stoneleigh, kehrt nach England zurück, um sich um seine verwaisten Nichten zu kümmern. Doch er hat nicht vor, sich von familiären Verpflichtungen aufhalten zu lassen – sein Ziel ist es, schnell eine fähige Gouvernante zu finden und dann zurückzukehren zu dem Ruhm, dem Reichtum und den bewundernden Damen, die ihn in Amerika erwarten.

Lady Corliss Collingwood hingegen plant, als Autorin die Welt zu bereisen und um für ihren Roman zu recherchieren, gibt sie sich als Gouvernante aus. Doch die Herausforderung ist größer als erwartet, besonders als sie feststellen muss, dass ihre Schützlinge wilde Teufelchen sind und ihr Onkel der gutaussehendste und verführerischste Mann ist, den sie je getroffen hat.

Zwischen Corliss und Knight lodert eine unwiderstehliche Anziehung. Werden sie den Mut finden, ihren Gefühlen nachzugeben und ihre jeweiligen Pläne zu gefährden?

Über Scarlett Scott

Scarlett Scott liebt es Regency-Romane mit starken, intelligenten Frauen und sexy Alpha-Helden zu schreiben. Sie lebt in Pennsylvania mit ihrem kanadischen Ehemann, ihren eineiigen Zwillingen und einem fernsehbegeisterten Hund.

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Scarlett Scott

The Goodbye Governess

Aus dem Amerikanischen von Firouzeh Akhavan-Zandjani

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Anmerkungen der Autorin zur historischen Richtigkeit.

Über Scarlett Scott

Impressum

Lust auf more?

Dieses Buch ist den Mitgliedern von Sassy Readers gewidmet. Ich danke euch.

Kapitel 1

yorkshire 1886

Jemand hatte sein Gesicht angemalt, während er schlief.

Grimmig musterte Knight sein Spiegelbild. Dieser Jemand – einer von vieren, um genau zu sein – hatte diese abscheuliche Tat begangen. Angesichts der ungeschickten Ausführung der lächerlichen Augenbrauen, die über seine eigenen gesetzt worden waren, wodurch er jetzt eine beständig überraschte Miene zur Schau stellte, würde er wetten, dass die jüngste seiner Nichten, die fünfjährige Mary, dafür verantwortlich war.

Er wischte sich übers Gesicht und verschmierte die rechte Augenbraue.

»Schuhcreme«, brummte er.

Wie hatte der kleine Teufel es geschafft, die in die Finger zu bekommen?

Knight goss etwas Wasser in ein Becken und schrubbte sich das Gesicht, während er seinen Bruder Robert verfluchte. Zwischen ihnen hatte es nie auch nur ein Mindestmaß an Zuneigung gegeben. Schon in Knights frühesten Erinnerungen waren sie Feinde gewesen. Und jetzt gelang es dem egoistischen, selbstgefälligen Mistkerl sogar noch aus dem Grab heraus, ihn durch seine missratenen Sprösslinge zu quälen.

Wer hätte gedacht, dass die vier jungen Damen so viel Ärger machen würden?

Knight zumindest nicht. Aber über so etwas hatte er sich ja auch keine Gedanken zu machen brauchen, als ein ganzer Ozean zwischen ihnen gewesen war und er das glückliche Leben geführt hatte, das er sich in Amerika aufgebaut hatte. Er war der Große Knight – ein berühmter Box-Champion. Frauen liebten ihn. Und Männer fürchteten ihn entweder oder wollten so sein wie er. Sein Credo war immer gewesen, ein Wandervogel zu sein – das war ihm hoch und heilig.

Bis zu dem Tag, als ihn vor fast einem Jahr ein Telegramm aus England erreicht hatte, in dem stand, dass er der neue Graf von Stoneleigh sei, nachdem sein Bruder sich nicht mehr von einer schweren Krankheit erholt habe und wie seine Frau Martha dahingerafft sei. Dadurch war Knight zum Vormund von Roberts und Marthas Töchtern geworden.

Teufelsbraten wäre allerdings die passendere Bezeichnung gewesen, wie er schnell nach seiner Ankunft in Knightly Abbey vor drei Tagen hatte feststellen müssen.

Er brummelte vor sich hin, während er nach einem Tuch griff und sich damit das Gesicht abtrocknete, ehe er sein Spiegelbild erneut musterte. Das Schlimmste hatte er entfernen können, doch es waren immer noch Spuren zu sehen, wodurch er irgendwie dreckig wirkte. Aber das musste jetzt reichen.

Er stapfte zur Tür seines Zimmers, um sich auf die Suche nach seinen Nichten zu machen und sie zu dem Geständnis zu zwingen, wer von ihnen für diese nächtliche Schandtat verantwortlich war.

Ein Schwall eisigen Wassers ergoss sich über seinen Kopf, als er die Schwelle überschritt.

»Himmelkreuzdonnerwetter noch mal!«, brüllte er und entdeckte sofort einen Eimer, der über seiner Tür so aufgehängt war, dass er sich über ihm entleerte, sobald er die Tür öffnete.

Er hörte gedämpftes Kichern und Glucksen, als er blinzelte, um wieder klar sehen zu können.

»Mary«, knurrte er und schaute sich nach der Quelle solch überbordender Fröhlichkeit um.

Der kleine Racker versteckte sich irgendwo. Das wusste er genau. Aber wo?

Und noch wichtiger – wo war die verdammte Gouvernante?

Durchnässt und vor Wut rasend, beschloss Knight, heute als Erstes der gerade eingetroffenen Frau einen Besuch abzustatten, die dafür angeheuert worden war, für Zucht und Ordnung in diesem Haus zu sorgen, damit er nach Amerika zurückkehren konnte. Ihr Zug hatte sich verspätet, und er hatte sich gestern nicht mehr die Mühe gemacht, sie kennenzulernen, als sie schließlich eintraf. Sie verfügte über ein hervorragendes Empfehlungsschreiben ihres vorherigen Arbeitgebers. Das war für ihn von entscheidender Bedeutung gewesen, da seine Nichten bisher jede Gouvernante in die Flucht geschlagen hatten, die mit der undankbaren Aufgabe betraut worden war, zu verhindern, dass die heimtückischen kleinen Furien noch mehr verwilderten.

Er war schon fast am Verzweifeln gewesen. Als Roberts Verwalter – jetzt sein Verwalter – ihm in einem Telegramm vorgeschlagen hatte, die neue Gouvernante einzustellen, war er sofort darauf eingegangen. Er war gerade dabei gewesen, die längst überfällige Heimreise anzutreten, und hatte deshalb keine Gelegenheit gehabt, sich ausführlich über die Qualitäten der neuen Angestellten zu informieren.

Bisher war er nicht sonderlich beeindruckt von der Frau.

Er lief seiner Haushälterin, Mrs Oak, über den Weg, ehe er die Gouvernante oder eine seiner immer zu Unfug aufgelegten Nichten aufgespürt hatte. Sie war vielleicht etwas jung für die Position, die sie bekleidete, aber glücklicherweise ausgesprochen tüchtig. Er brauchte jede Hilfe, die er finden konnte.

»Guten Morgen, Mrs Oak«, sagte er.

»Lord Stoneleigh.« Sie versank in einem Knicks. »Ist etwas passiert?«

»Ich vermute mal, dass es so aussieht, als wäre ein Eimer Wasser über meinem Kopf ausgekippt worden«, meinte er gedehnt und spürte, wie sich angehende Kopfschmerzen bemerkbar machten.

Er hatte fast ein Jahr lang gebraucht, um sich nach Roberts Tod dazu aufzuraffen, nach England zurückzukehren. Und das war nun der zweifelhafte Lohn dafür.

»Ja, Mylord.« Sie sah ihn mit großen Augen an.

»Mir ist nämlich ein Eimer Wasser über den Kopf gekippt worden. Deshalb suche ich jetzt nach der neuen Gouvernante. Haben Sie sie gesehen?«

»Nein, ich habe Miss Brinton heute Morgen noch nicht gesehen, Mylord. Vielleicht versuchen Sie es mal im Kinderzimmer.«

»Offensichtlich haben ihre Schutzbefohlenen sie auch noch nicht gesehen«, stellte er gereizt fest. »Danke, Mrs Oak. Ich werde in der Tat mal im Kinderzimmer nachsehen.«

Wo er jetzt so darüber nachdachte, hätte er als Erstes das Kinderzimmer aufsuchen sollen. Aber er war es halt nicht gewohnt, sich mit Kindern, Gouvernanten oder Anwesen zu befassen. Seine Hauptinteressen während der letzten Jahre waren Boxen, Reisen und Frauen gewesen – in genau dieser Reihenfolge. Was für ein herrliches Leben das gewesen war.

Und das würde es auch bald wieder sein.

Er brauchte nur eine Gouvernante zu finden, die man behalten konnte, und dann die Rangen seines Bruders ihrer Obhut zu überlassen.

Mit finsterer Miene stapfte Knight durch die große Halle und wieder die Treppe hoch, um sich zum Kinderzimmer zu begeben. Als er dort endlich ankam, gaben seine Schuhe ein feucht-nasses Gluckern von sich, weil das Wasser seine Hose hinunter bis zu den Füßen gelaufen war. Mary würde für ihre Schandtaten bezahlen.

Genauso wie Miss … Miss … wie zum Teufel sie auch immer hieß. Mrs Oak hatte den Namen gerade genannt, oder? Er sollte sich eigentlich daran erinnern. Vielleicht hatte er mittlerweile doch ein bisschen zu viele Schläge einstecken müssen.

Er stieß die Tür zum Kinderzimmer auf, ohne anzuklopfen, und rannte direkt in einen geschmeidigen, weiblichen Körper hinein. Der Zusammenprall kam überraschend für ihn. Knights Reaktionen waren im Laufe der Jahre, in denen er seine Fähigkeiten im Ring immer mehr verbessert hatte, geschärft worden. Seine Hände schossen nach vorn, legten sich um ihre Taille und bewahrten sie davor, zu stürzen. Durch die ganzen Schichten von Korsettstäben und Seide konnte er spüren, dass sie so weich und wohlgerundet war, wie eine Frau es sein sollte. Ihr graues, formloses Gouvernantenkleid verbarg einen ausgesprochen gut proportionierten Körper, und er konnte die Wirkung, die das auf ihn hatte, nicht unterdrücken, als er genauso schnell wie bei dem Wasserguss reagierte. Doch die Empfindung, die damit einherging, war eine ganz andere. Hitze erfasste ihn, wo er vorhin noch einen eiskalten Schock erlitten hatte.

»Oh!«, keuchte sie und klammerte sich mit weit aufgerissenen Augen, die von dichten goldenen Wimpern umrahmt wurden, an sein nasses Hemd.

Ihr Haar war zu einem griechischen Zopf geflochten, was ihre hohen Wangenknochen und den sinnlichen Mund betonte, dessen Lippen einen rosigen Ton aufwiesen. Verdammt. Sie besaß nicht nur einen verführerischen Körper. Die neue Gouvernante war wunderschön.

Das würde ein Problem werden – ein sehr großes, sehr verführerisches Problem.

Dem er aber natürlich aus dem Weg gehen konnte. Schließlich war er nicht nach Yorkshire zurückgekehrt, um nach irgendwelchen Gouvernanten zu gieren. Nicht einmal, wenn diese strahlend blonde Haare hatten, volle, zum Küssen einladende Lippen, warm funkelnde Augen, Grübchen im Kinn und die bezauberndsten Sommersprossen, die er je auf der Nase einer Frau gesehen hatte.

»Stehen Sie wieder fest?«, fragte er, denn der Gentleman in ihm wollte sichergehen, dass sie nicht zu Boden sank, wenn er sie losließ.

Der Mann in ihm wollte sie weiter festhalten.

Sie nickte und lächelte, als würde sie sich über einen mit ihm geteilten Scherz amüsieren. »Verzeihen Sie meine Ungeschicklichkeit. Sie dürfen mich jetzt loslassen. Ich verspreche, dass ich nicht umfallen werde.«

Er trat zurück, als wäre sie ein Scheiterhaufen; denn er befürchtete, dass sie genauso gefährlich sein könnte.

»Die Gouvernante, nehme ich an?«, fragte er, als ihm wieder einfiel, wer er war und – etwas verspätet – warum er nach dieser Frau gesucht hatte.

Grundgütiger! In seinen Schuhen stand das Wasser. Wo waren seine Nichten?

»Ja«, sagte sie, und ihr Lächeln verschwand. »Das bin ich. Und Sie sind?«

»Stoneleigh«, sagte er nur, denn sein Titel war ihm immer noch ein Gräuel – so fremd und unerwünscht, dass er ihn nicht über die Lippen brachte. »Ihr Brotherr.«

***

Ihr Brotherr.

Was für ein seltsamer Begriff. Einer, an den Lady Corliss Collingwood überhaupt nicht gewöhnt war. Doch eine gestandene Gouvernante wie Miss Corliss Brinton kannte ihn natürlich gut. Und sie wusste, dass sie sich wie eine ergebene, erfahrene Gouvernante verhalten musste, die sie ja vorgab zu sein, wenn ihr Plan aufgehen sollte.

Dass sie diese Person ganz und gar nicht war, spielte jetzt keine Rolle.

Sie rief sich zur Raison und versank in einem Knicks. »Mylord, verzeihen Sie. Mir war nicht klar, dass Sie mich heute Morgen sehen wollten. Dann wäre ich natürlich darauf vorbereitet gewesen.«

Das war jedoch eine Lüge. Denn durch nichts hätte sie sich ausreichend für ein Treffen mit dem Grafen von Stoneleigh wappnen können. Als sie den Plan gefasst hatte, war das gedanklich mit einem bestimmten Bild des Grafen einhergegangen – ein in Tweed gekleideter Herr mit einem hochgezwirbelten Bart und einer kleinen, goldgeränderten Brille auf der Nase. Er hatte buschige Augenbrauen, war blass, dünn und groß und mindestens zwanzig Jahre älter als sie. Dazu kam noch eine häufig mürrische Miene, und er verbrachte die meiste Zeit damit, Orchideen in seinem Gewächshaus umzutopfen.

Doch sie hatte sich geirrt.

Und zwar ganz gewaltig.

Der Graf von Stoneleigh besaß ein verrucht gutes Aussehen, über das die Aristokraten aus ihrem Bekanntenkreis und in ihrer Vorstellung nicht verfügten. Er hatte eine rehbraune Lederhose an und trug dazu ein weißes Hemd, welches an ungeheuer breiten Schultern klebte und sich über der Brust spannte. Um den Hals hatte er ein kleines Tuch gebunden – was wirklich außerordentlich formlos war –, und von Tweed war überhaupt nichts zu sehen. Ein sauber gestutzter Bart bedeckte den kantigen, ausgeprägten Kiefer. Seine Augen waren schockierend blau und erinnerten sie an die Farbe des Sommerhimmels über dem Anwesen ihrer Familie, Talleyrand Park. Da war keine Brille, die den Blick auf diese Augen behinderte.

Er war kein bisschen blass, sondern leicht gebräunt, wodurch er eher wie ein Arbeiter wirkte denn wie ein Aristokrat. Er machte überhaupt nicht den Eindruck eines Menschen, der auch nur ein bisschen Zeit in einem Gewächshaus verbrachte und Orchideen und andere Gewächse umtopfte. Der Graf war schlank, aber nicht dünn, eindeutig nicht zwanzig Jahre älter als sie und zeigte tatsächlich eine mürrische Miene, aber das konnte auch an irgendwelchen schwarzen Spuren auf seinem gut aussehenden Gesicht liegen und weil er nass war.

Tropfnass.

Es sah aus, als hätte jemand einen Eimer Wasser über seinem Kopf ausgekippt. Vielleicht hatte das tatsächlich jemand getan.

Ach du liebe Güte.

Sie hatte den Verdacht, dass eine ihrer ungeratenen Schutzbefohlenen dafür verantwortlich war. Die jüngste, Lady Mary, war wahrscheinlich die Übeltäterin.

»Können Sie sich denn nicht vorstellen, warum ich Sie heute Morgen vielleicht sehen wollte?«, fragte Stoneleigh grimmig.

Sie biss sich auf die Unterlippe, denn das Offensichtliche wollte sie nicht aussprechen. An Stoneleighs Miene war deutlich zu erkennen, dass er sie nicht sonderlich mochte. Ihr war unklar, was sie getan haben sollte, dass sie bereits so eine Feindseligkeit zu spüren bekam. Allerdings schien seine Reaktion eher mit seinem durchnässten Zustand als mit Corliss selbst zu tun zu haben.

»Vielleicht wollten Sie mich in Knightly Abbey willkommen heißen«, vermutete sie fröhlich, ehe ihr etwas verspätet einfiel, dass sie ja kein Gast war.

Hier war sie nicht Lady Corliss Collingwood. Und auch ihr Pseudonym C. Talleyrand, unter dem sie drei Bücher geschrieben und herausgebracht hatte, war hier unbekannt.

Nein, jetzt war sie die fähige Gouvernante Miss Brinton – eine gebildete junge Dame, die durch widrige Umstände in die Lage geraten war, sich ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen – und nicht eine der geliebten und verhätschelten Töchter des Grafen von Leydon. Für den neusten Roman, an dem sie schrieb und der ihr die finanzielle Unabhängigkeit bringen sollte, nach der sie sich so sehr sehnte, hatte Corliss beschlossen, selbst in die Rolle der Heldin zu schlüpfen.

»Ja, willkommen. In der Tat«, sagte Stoneleigh, und seine Worte trieften vor Sarkasmus. »Wissen Sie überhaupt, wo Ihre Schützlinge sind?«

Verflixt.

»Natürlich weiß ich das«, log sie und beobachtete, wie zwei Tropfen von seinem Haar auf den Teppich fielen. »Ich wollte sie gerade zum Unterricht holen.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Ich nehme an, Sie fragen sich, warum es so aussieht, als wäre ich bei einem Regenguss draußen herumgelaufen.«

»Es steht mir nicht an, Fragen zu stellen, Mylord«, murmelte sie und rief sich erneut ihre Stellung hier in diesem Haushalt in Erinnerung, die sich so sehr von ihren sonstigen Lebensumständen unterschied.

Denn so hätte Miss Brinton wohl auf eine derartige Frage geantwortet.

Er rückte näher, als wollte er ihr ein großes Geheimnis anvertrauen. »Ich sage Ihnen, warum. Da hatte nämlich jemand einen Eimer Wasser über meiner Schlafzimmertür platziert, und zwar mit der Absicht, dass sich dieser über mir entleert, wenn ich es verlasse.«

Ach du liebe Güte.

Hatte Lady Mary tatsächlich etwas so Niederträchtiges getan? Corliss biss sich auf die Unterlippe, um das Lachen zu unterdrücken, das aus ihr herausbrechen wollte.

Die Vorstellung, dass ein Kind so einen Unfug im Sinn haben könnte, war wirklich zum Lachen. Sie und ihre Zwillingsschwester Criseyde waren in ihrer Kindheit ziemlich wilde Rangen gewesen, aber noch nicht einmal sie hätten so einen Streich gewagt.

»Amüsieren Sie sich etwa, Madam?«, knurrte Stoneleigh.

Sie schluckte und zwang sich, an etwas zu denken, bei dem es nicht um kleine furchtlose Mädchen ging, die einen Eimer so präparierten, dass er sich über ihrem Onkel entleerte. »Natürlich nicht, Mylord. Ich … ich habe nur etwas im Auge.«

Sie biss sich noch fester auf die Unterlippe, um ihre Erheiterung unter Kontrolle zu bringen, und tupfte sich vorsichtig mit dem Handrücken das Auge.

Der Blick des Grafen bekam etwas Durchdringendes. Seine Größe und die muskulöse Gestalt waren wirklich atemberaubend.

»Wo?«, fragte er.

Sie blinzelte. Er konnte doch wohl nicht tatsächlich meinen, ihr mit dem imaginären Staubkorn in ihrem Auge helfen zu wollen, oder? »Ich bin mir sicher, dass ich das schon selbst hinbekomme, aber ich danke Ihnen natürlich für Ihr großzügiges Angebot, mir zu helfen.«

»Die Kinder«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich wollte wissen, wo sie sind. Sie sagten, Sie wüssten es, und ich möchte gern selbst ein Wörtchen mit Lady Mary sprechen. Sie werden mir bestimmt beipflichten, dass diese Art von Verhalten in höchstem Maße verwerflich ist. Das darf nicht wieder vorkommen.«

Oh. Ihre Wangen glühten. Was für eine Gans sie war, sich von einem gut aussehenden Grafen derart überwältigen zu lassen. Von der Sonne gebräunte Haut, große Hände und verlockende Augen sollten sie nicht solcherart verzaubern, dass sie ihr Ziel aus den Augen verlor. Es war ein Risiko gewesen, hierherzukommen, und eine Gelegenheit, die sie vielleicht nie wieder bekommen würde. Wenn sie Miss Brinton glaubwürdig darstellen wollte, musste sie aufhören, sich so töricht zu benehmen, und durfte sich nicht den Kopf verdrehen lassen.

»Natürlich, Mylord, da stimme ich Ihnen zu«, sagte sie in dem Bestreben, ihn zu beruhigen, weil sie hoffte, dass sein Zorn seinen Nichten vorbehalten war und nicht ihr. »Ich werde wegen dieses ungeheuerlichen Vorfalls ein strenges Wörtchen mit Lady Mary reden.«

Sobald ich sie gefunden habe.

Selbstverständlich sagte Corliss das nicht laut; denn gleich an ihrem ersten Tag als Gouvernante zuzugeben, dass sie keine Ahnung hatte, wo sich ihre vier Schutzbefohlenen aufhielten, erschien ihr wie ein Armutszeugnis. Das war kein Fehler, den eine so tüchtige Gouvernante wie Miss Brinton machen würde.

»Danke.« Er runzelte die Stirn und musterte sie mit einem durchdringenden Blick, bei dem sie unwillkürlich fürchtete, dass er zu viel sah. »Ihnen ist klar, warum Sie eingestellt worden sind, nicht wahr, Miss …«

Er verstummte, und sie stellte fest, dass er ihren Namen entweder vergessen hatte oder nicht kannte.

»Brinton«, sprang sie hilfreich ein. »Natürlich, Mylord. Bitte, seien Sie versichert, dass ich keine unschicklichen Streiche dulden werde, solange die jungen Damen in meiner Obhut sind.«

Er nickte kurz. »Mir wurde gesagt, dass Sie in Ihrer vorherigen Anstellung wahre Wunder gewirkt haben. Ich fürchte, dass wir hier in Knightly Abbey auch ein paar Wunder brauchen. Meine Nichten sind nach dem Tod ihrer Mutter verwildert, und die Situation hat sich, seitdem mein Bruder gestorben ist, nicht verbessert. Sie haben bisher jede einzelne Gouvernante in die Flucht geschlagen. Nichtsdestotrotz bin ich der Überzeugung, dass Sie aus härterem Holz geschnitzt sind. Führen Sie mich bitte zu diesen Teufelsbraten.«

»Wie Sie wünschen, Mylord«, erwiderte sie etwas schwach, während sie sich fragte, ob sie bei den Fähigkeiten von Miss Brinton vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen hatte. Wahrscheinlich. Warum hatte bisher keiner erwähnt, dass ihre Schützlinge all ihre Vorgängerinnen verjagt hatten? »Folgen Sie mir.«

Mit aufgesetztem Selbstvertrauen, als wüsste sie, wo sich die Kinder in diesem ihr unbekannten Gemäuer befanden, glitt sie an ihm vorbei. Sie ging den Flur entlang zur Treppe, warf unauffällig einen Blick durch jede geöffnete Tür, an der sie vorbeikamen, und überlegte dabei, dass sie mit Stoneleigh im Schlepptau auch eine Besichtigung des ganzen Gebäudes vornehmen konnte, wenn es sein musste. Früher oder später würde sie ihre widerspenstigen Schützlinge auf die Art und Weise finden.

Und zwar alle vier. Lady Mary, Lady Henrietta, Lady Beatrice und Lady Alice.

Vier junge Damen konnten sich doch nicht alle auf einmal verstecken.

Oder doch?

Als sie weiterging und sich allmählich der Treppe näherte, begann sie sich zu sorgen, der Graf könnte schon bald erkennen, dass sie ihn getäuscht hatte. Doch dann drang plötzlich schallendes Gelächter von unten nach oben. Sie erkannte die kindlichen Stimmen ihrer Schützlinge wieder, die sie gestern Abend kurz kennengelernt hatte, nachdem sie wegen ihres Zuges erst spät eingetroffen war.

»Alice hat schon wieder gewonnen!«, rief eines der Mädchen und unterstrich ihre Feststellung mit einem wenig damenhaften Kichern.

»Lasst uns noch mal schauen, wer schneller ist! Ich bin überzeugt, dass Alice geschummelt hat.«

»Meine Damen, ich halte es nicht für vernünftig …«

Die mahnenden Worte der Haushälterin, Mrs Oak, drangen als Nächstes an ihr Ohr.

Denen folgte sofort der begeisterte Ausruf eines der älteren Mädchen. »Ich zähle bis drei. Eins, zwei, drei!«

Grimmig beschleunigte Corliss ihren Schritt und nahm zwei Stufen auf einmal nach unten, während sich das, was sich gerade abspielte, ihrem Blick darbot. Am Fuße der Treppe standen neben einer besorgt schauenden Mrs Oak Lady Henrietta, das mit neun Jahren älteste Mädchen, und Lady Beatrice, die die Zweitälteste war mit ihren acht Jahren. Die beiden schienen das Spektakel zu leiten. Die zwei jüngeren Mädchen, die siebenjährige Lady Alice und Lady Mary, eine temperamentvolle Fünfjährige, rutschten gerade – jedes auf einer Seite – das Treppengeländer hinunter.

Man musste es wohl eher als Rasen bezeichnen.

Ihr blieb beinahe das Herz stehen, als die Jüngste dabei fast vom polierten Geländer abglitt, ehe sie absprang und anmutig landete, was über die Gefahr hinwegtäuschte, in der sie gerade geschwebt hatte.

»Meine Damen«, wetterte sie und hoffte, dass ihre Stimme die gleiche schneidende Schärfe besaß, die ihre eigene Gouvernante gehabt hatte. »Ich verlange, dass dieser gefährliche Unsinn sofort aufhört!«

Corliss raffte ihre Röcke und sprang die restlichen Stufen förmlich nach unten, wobei sie jeden Anschein von Anstand und Etikette in den Wind schlug. Aber hatte sie sich denn je Gedanken um etwas so Langweiliges wie angemessenes Benehmen gemacht? Ihre Eltern hatten ihr immer erlaubt, nach ihren eigenen Regeln zu leben. Und was für Regeln das gewesen waren. Sie hatten sie schließlich zu diesem neusten – vielleicht fehlgeleiteten – Kapitel ihres Lebens geführt.

Vier Gesichter wandten sich ihr zu, und große Augen, die genauso strahlend blau wie bei ihrem Onkel waren, sahen sie, ohne zu blinzeln, an. Sie waren einander so ähnlich mit ihren braunen Locken, die herzförmige Gesichter umrahmten, dass man sofort sah, dass es sich um Schwestern handeln musste.

Das Lachen verstummte.

Hervorragend. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit.

»Das Geländer hinunterzurutschen, ist gefährlich«, mahnte sie sie scharf, obwohl sie es in Talleyrand Park als eigenwilliges kleines Mädchen selbst häufig getan hatte. Aber das wussten sie ja nicht. »Und es ist ganz eindeutig ein Verhalten, dass sich für junge Damen nicht schickt.«

»Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der erste Tagesordnungspunkt eine Lehrstunde über die Feinheiten der Benutzung von Geländern sein würde«, meinte jemand mit gedehnter Stimme hinter ihr.

Sie erstarrte, denn Stoneleigh stellte ihre Autorität vor ihren Schutzbefohlenen infrage. Doch er war ja ihr Brotherr, rief sie sich in Erinnerung, und hatte das Recht dazu. Deshalb setzte sie einen makellos gelassenen Gesichtsausdruck auf, als sie sich zu ihm umdrehte.

»Würden Sie sich uns gern anschließen, Mylord?«, fragte sie ihn, während sie ihn mit einem höflichen, aber nicht unbedingt herzlichen Lächeln ansah.

Einen Moment lang – in dem ihr das Herz plötzlich bis zum Hals schlug – schaute er sie durchdringend an. Dieser erstaunliche Blick schien sich förmlich in ihre Seele zu brennen.

Und dann legte er die Hände auf dem Rücken zusammen und trat mit der Aura eines Mannes vor, der mächtig und stark war und das sehr wohl wusste.

»Ich möchte mich kurz allein mit meinen Nichten unterhalten, ehe Sie Ihre Geländer-Lektion fortsetzen«, sagte er und fügte ein untadeliges »wenn Sie nichts dagegen haben« hinzu.

Ihre Geländer-Lektion.

Als hätte sie den vieren aufgetragen, auf der großen Treppe um die Wette zu rutschen. Wenn sie doch nur Lady Corliss sein dürfte. Sie hätte ihm für seine Frechheit eine Standpauke gehalten, bei der ihm die Ohren klingelten. Aber das war sie jetzt nun mal nicht. Darüber hinaus würde Lady Corliss auch weder so ein schreckliches Kleid tragen noch nach Yorkshire aufs Land ziehen, um vier eigensinnige Teufelsbraten in wohlerzogene Damen zu verwandeln. Lady Corliss wäre es auch nie im Traum eingefallen, ihre Mahlzeiten mit den Dienstboten einzunehmen, noch hätte sie es durchgehen lassen, dass die Haushälterin die Nase über sie rümpfte und bei ihrer Ankunft Bemerkungen über ihre Jugend und ihre Erscheinung machte.

»Natürlich, Mylord«, erklärte sie großmütig. Allerdings knirschte sie dabei fast mit den Zähnen. »Ganz, wie Sie wünschen.«

Was von Lady Corliss in ihr war, welkte in diesem Moment ein bisschen dahin wie eine Sommerrose, die im Herbst den ersten Frost abbekam. Das war ein Hinweis darauf, dass diese Stelle sich vielleicht doch nicht als Segen für ihren Roman erweisen würde, wie sie eigentlich gehofft hatte. Sie hatte nicht mit den Schwierigkeiten gerechnet, denen eine Gouvernante ausgesetzt war, noch war ihr klar gewesen, wie es sein würde, der Dienerschaft anzugehören. Sie begann bereits, die Gouvernanten, die sie in ihrem Leben kennengelernt hatte, auf eine ganz neue Art zu schätzen.

Der Graf zog eine Augenbraue hoch. »Sehen Sie sich vor, wie viel Freiraum Sie den Mitgliedern dieses Haushalts gewähren wollen, Miss Brinton. Das ist Ihre erste Lektion heute.«

Sie hatte das Gefühl, dass es eher eine Warnung war denn eine Lektion.

Kapitel 2

Knight verzog das Gesicht, als er den Stapel Briefe auf Roberts Schreibtisch sah – ein Schreibtisch, den er sich weigerte als den seinen zu betrachten –, und stand auf, um den scheinbar nie kleiner werdenden Haufen erst einmal liegen zu lassen. Er hatte einen Brief von seinem alten Schulfreund, dem Grafen von Anglesey, erhalten, der vor Kurzem in den Ehestand getreten war. Auf dem Weg nach Norden hatte Knight Barlowe Park einen Besuch abgestattet, doch Anglesey und seine frischgebackene Ehefrau waren in den Flitterwochen gewesen. Er hatte sie eingeladen, ihn in Knightly Abbey zu besuchen, wenn sie wieder zurück waren, und der Graf hatte die Einladung angenommen.

Ein bekanntes Gesicht – und ein lieber Freund – wäre ihm jetzt sehr willkommen. Die restliche Korrespondenz war jedoch wie die Farben eines Aquarells vor seinen Augen verschwommen. Er war es nicht gewohnt, dass so viele Menschen so viele unterschiedliche Dinge von ihm wollten. Es erwies sich, dass Boxen viel einfacher war, als die Aufgaben eines Grafen zu erfüllen.

Und der Himmel wusste, dass er nie ein Graf hatte sein wollen.

Er war Preisboxer geworden, um sein eigenes Leben zu führen, denn als zweiter Sohn hatte er nach mehr gestrebt als den begrenzten Möglichkeiten, die sich ihm in England boten. Doch dann hatte sich das Schicksal einen Scherz mit ihm erlaubt und ihn gezwungen, zu einem Leben voller Pflichten und Verantwortung zurückzukehren, das er nie gewollt hatte. Sein Leben stand jetzt im Zeichen von Verantwortung und Pflichterfüllung – etwas, das er nie gewollt hatte. Pflichten, Pächter, Instandsetzungen, Landverkauf, Landkauf, Minenrechte, Schafe.

Gütiger Himmel! Schafe!

Und Nichten, die die reinsten Teufelsbraten waren.

Und eine Gouvernante, die …

Nein, er würde jetzt nicht an Miss Brinton denken. Er hatte ihren Namen in Erfahrung gebracht. Und er hatte in Erfahrung gebracht, wie ihre Hüften beim Gehen schwangen und wie melodiös ihre Stimme klang. Zuzulassen, dass sie in seinen Gedanken mehr Raum einnahm, war eine schlechte Idee.

Knight fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht und seufzte, während er das Arbeitszimmer durchquerte, weil es ihn zu den Fenstern hinzog, durch die man einen Blick auf die Parkanlage von Knightly Abbey werfen konnte. Wenn er schon nicht draußen sein konnte, wollte er sich doch zumindest die Illusion von Freiheit verschaffen, die er einst genossen hatte – bis es ihm endlich gelänge, diesem verfluchten Gefängnis zu entkommen.

Es klopfte an der Tür zum Arbeitszimmer, und ein Blick auf seine Taschenuhr zeigte ihm, dass wahrscheinlich der Moment für noch mehr stumpfsinnige, nie weniger werdende Aufgaben gekommen war.

»Herein«, rief er mürrisch.

Die Tür ging auf, und Roberts Verwalter, Mr Smithson, wurde sichtbar. Auch ihn würde Knight nie – genauso wenig wie jedes einzelne Möbelstück – als zu sich gehörig betrachten.

Der etwas ältere Mann verharrte in der Tür und verbeugte sich. »Ich bin gekommen, um mit Ihnen, wie geplant, Angelegenheiten, die das Anwesen betreffen, ausführlicher zu besprechen, Mylord. Ist Ihnen der Zeitpunkt dafür genehm?«

Natürlich war er ihm nicht genehm. Wenn er sich nie ausführlicher mit Angelegenheiten beschäftigen müsste, die das Anwesen betrafen, wäre ihm das deutlich lieber. Aber das konnte Knightly nicht sagen. Stattdessen ließ er sich die Schultern von für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Sonnenstrahlen wärmen, die durchs Fenster auf den verblichenen Teppich fielen. Er konnte nichts dagegen tun, dass die ganzen Belastungen, denen er ausgesetzt war, ihn förmlich erstickten und dass er sich irritierenderweise zu der einen Frau hingezogen fühlte, auf die er alle seine Hoffnung setzte, Knightly Abbey bald wieder verlassen zu können.

»Ja, es passt, Mr Smithson«, sagte er sehr verhalten.

Der Verwalter trat ein und schloss diskret die Tür hinter sich. Dann trat er mit einem Stapel Unterlagen vor und legte sie neben den Haufen auf den Schreibtisch, dem Knightly gerade den Rücken gekehrt hatte. Mr Smithsons braune Haare waren sauber in der Mitte gescheitelt, und auf seiner schmalen Nase balancierte eine Brille. Der furchtsame Blick, mit dem er Knightly ansah, erinnerte diesen an den eines Pächters, wenn eine Heuschreckenplage drohte die gesamte Ernte zu vernichten – eine seltsame Mischung aus Angst und Unsicherheit.

»Gibt es viel zu besprechen?«, fragte er und fürchtete sich vor der Antwort.

»In Anbetracht des Zeitraumes, der seit dem Tod von Lord Stoneleigh und Ihrer Rückkehr verstrichen ist, Mylord, sind unzählige Angelegenheiten schon viel zu lange aufgeschoben worden«, erklärte Mr Smithson und klang so, als würde er es bedauern. »Im Verlaufe eines Jahres muss man sich um vieles kümmern; insbesondere angesichts der Pächter. In wenigen Monaten ist Mariä Lichtmess, und deshalb müssen die Pachtverträge und Dienstverhältnisse überprüft werden.«

Ah, da war sie – die Schelte. Nicht, dass jemand, der bei ihm angestellt war, es wagen würde, ihm zu widersprechen, oder ihm jemals direkt ins Gesicht sagen würde – und darüber bestand einhellige Übereinstimmung –, dass er sofort nach Knightly Abbey hätte zurückkehren müssen, als er von Roberts vorzeitigem Tod erfahren hatte. Aber er konnte es in den ernsten Blicken erkennen und daran, wie vorsichtig alle ihre Worte wählten, dass alle dieser Meinung waren.

»Warum können Sie denn nicht die Pachtverhältnisse und Arbeitsverträge überprüfen?«, fragte er Mr Smithson. »Haben Sie das beim letzten Mal nicht auch getan?«

»Da hatte Seine Lordschaft bereits Überlegungen angestellt und sie mir mitgeteilt, ehe er krank wurde«, sagte der Verwalter und blinzelte dabei derart stark hinter seiner Brille, dass es Knight ganz nervös machte.

War dem Mann etwas in die Augen geraten? Das waren doch bestimmt nicht Tränen im Gedenken an seinen früheren Dienstherrn. Robert hatte sich gegenüber allen, die das Pech gehabt hatten, ihn besser zu kennen, wie ein Mistkerl verhalten. Da war sich Knightly ziemlich sicher.

»Wie vorausschauend von Seiner Lordschaft«, meinte er trocken und dachte dabei, was für eine Ironie des Schicksals es doch war, dass sein Bruder ihm im Tod noch genauso zusetzte wie damals, als er noch gelebt hatte.

»Seine Lordschaft zog es immer vor, das selbst zu erledigen«, erklärte Mr Smithson.

»Ich bin eindeutig nicht wie mein Bruder«, stellte Knight klar.

Zum einen war er einen Kopf größer, als Robert es gewesen war, und auch viel kräftiger gebaut, was ihm den Weg geebnet hatte, ein Preisboxer zu werden. Zum anderen hatte er sich nicht zu Tode gesoffen. O nein, keiner hatte über den Grund von Roberts Krankheit geredet, doch Knight war nicht dumm. Sein Bruder war vieles gewesen und hatte der Welt immer eine strenge Miene gezeigt, aber schon mit fünfzehn war er ein Trinker gewesen.

»Natürlich nicht, Mylord«, pflichtete Mr Smithson ihm sofort bei. »Verzeihen Sie. Ich wollte nicht andeuten, dass Sie das wären. Ich habe nur versucht zu erklären, wie ich es gewohnt bin, dass mit den Pachtverträgen verfahren wird.«

Knight waren die Pachtverträge völlig egal – und Knightly Abbey auch. Wäre das verfluchte Anwesen nicht Teil des Fideikommisses, hätte er es sofort verkauft und vergessen, dass er je darin gelebt hatte. Für ihn stellte es nur eine weitere Last dar – eine Erinnerung an eine Vergangenheit voller Verletzungen, Enttäuschungen und Fehlschläge.

Und ein weiterer Hinderungsgrund, nach Amerika zu dem Leben zurückzukehren, das er sich dort aufgebaut hatte, und seinen Titel als Champion zu verteidigen. Er konnte keine Herausforderung annehmen, wenn er im tiefsten Yorkshire mit vier missratenen Kindern und einem irritierenden Verwalter hockte.

Und wo auch noch eine Gouvernante war, mit der er gern ins Bett gegangen wäre, würde sie jemand anders sein.

Aber egal.

Er seufzte wieder und beschloss, es mit einer anderen Taktik zu versuchen. »Danke für Ihre Gewissenhaftigkeit und Ihren Fleiß, Mr Smithson. Wie Ihnen sicherlich bewusst ist, bin ich bedauerlich wenig auf die Aufgaben vorbereitet, mit denen ich es zu tun habe. Doch ich vertraue auf Ihre Fähigkeiten als Verwalter, mir die richtige Richtung zu weisen. Ich erteile Ihnen die Genehmigung, alle Entscheidungen in meinem Namen zu treffen.«

»Aber, Mylord, das kann ich nicht tun«, protestierte Mr Smithson.

Knight begann, seine Wanderung wieder aufzunehmen. »Warum nicht?«

»Weil ich nicht der Graf von Stoneleigh bin.«

Knight wäre beinahe damit herausgeplatzt, dass er das auch nicht sei, doch er hielt sich im letzten Moment zurück; denn er war es nun einmal doch. Verflucht! Er hätte seinen Tod fingieren sollen, als er noch in Amerika gewesen war, sodass sein widerlicher Cousin Anspruch auf den Titel hätte erheben können. Der Gedanke war ihm mehr als einmal durch den Kopf gegangen, aber über den Großen Knight wurde in den amerikanischen Zeitungen zu häufig berichtet, als dass er diesen Plan hätte umsetzen können.

»Na gut, Mr Smithson«, gab er schließlich nach. »Verfassen Sie einen Bericht über alle Pachtverhältnisse. Ich werde mir das dann mal ansehen.«

»Das habe ich bereits erledigt, Mylord. Sie brauchen ihn nur noch durchzulesen.«

Natürlich hatte er den Bericht geschrieben.

»Gibt es irgendetwas, um das man sich heute kümmern muss?«, fragte er. Seine Rastlosigkeit machte ihm zu schaffen. Er musste sich bewegen.

Seine Finger schlossen sich immer wieder zu Fäusten. Glücklicherweise hatte er ein paar übergroße Stalljungen auf dem Anwesen entdeckt, mit denen er ein Kampftraining absolvieren konnte. Zwar würde er sie nicht die ganze Wucht seiner Fäuste spüren lassen, aber zumindest könnte er sich auf die Weise abreagieren und seine Beweglichkeit erhalten.

»Es gibt da eine Firma, die in Eisen und Kohle macht und Minenrechte erwerben möchte«, erklärte Mr Smithson. »Der vorherige Graf war für die Idee sehr empfänglich gewesen.«

Knight war in Gedanken bereits bei den Stallungen. Täuschte einen rechten Haken an und wehrte einen Schlag ab. Doch der Verwalter wartete auf eine Antwort.

Knight ließ die Schultern kreisen. Ihm war bewusst, dass es seiner körperlichen Verfassung schadete, dass er seit seiner Ankunft in England so angespannt war.

»Hervorragend«, erklärte er, ohne bei der Sache zu sein.

»Sie sind also einverstanden, Mylord?«

War er das?

Er zerrte an dem Kragen seines Hemds, der sich plötzlich zu eng anfühlte. »Erstellen Sie bitte einen Bericht über die Vorteile für das Anwesen. Den werde ich mir dann auch anschauen.«

»Sehr gut, Mylord.« Mr Smithson nickte, und in seiner Stimme schwang Erleichterung mit. »Außerdem gibt es noch einen Hof mit zweihundert Hektar Land, auf dem Pferdezucht betrieben wird und welcher uns zum Kauf angeboten worden ist. Würden Sie ihn gern erwerben?«

»Nein«, erwiderte er sofort.

Er wollte nicht noch mehr Land haben zusätzlich zu dem, um das er sich bereits kümmern musste. Die gegenwärtigen zweitausendvierhundert Hektar reichten ihm. Danke.

»Aber, Mylord, der Wert des Landes wird auf fünfzig Pfund pro Hektar geschätzt und wird wahrscheinlich auf zweihundert Pfund steigen, wenn die Minenrechte vergeben werden und alle davon erfahren.«

Verfluchter Mist.

Er atmete tief durch. »Was umfasst der Besitz?«

»Ein Haus und mehrere Stallungen, die von Nutzen sein könnten«, berichtete Mr Smithson.

»Und was hat der vorherige Graf in Bezug auf dieses Angebot vorgehabt?«

Der Verwalter schob die Brille etwas höher. »Der Tod des vorherigen Grafen ging dem Angebot voraus.«

Hinter Knights Augen begann, sich ein dumpfer Kopfschmerz zu regen. Er ließ wieder die Schultern kreisen und verzog das Gesicht, als ein vertrauter Schmerz ihn durchzuckte, unter dem er immer wieder mal seit dem letzten Kampf gegen Billy O’Brien litt.

»Was würden Sie hinsichtlich des Angebots, das Land zu erwerben, empfehlen, Mr Smithson?«, versuchte er es noch einmal, indem er die Frage umformulierte.

»Meiner Meinung nach würde sich die Investition lohnen, obwohl zurzeit der Besitz von Ländereien von den meisten nicht als profitabel angesehen wird.«

Investitionen waren etwas Langfristiges und gingen mit der Absicht einher, sich auf Jahre zu binden. In Bezug auf ein Anwesen wie Knightly Abbey bedeutete dies ein ganzes Leben lang. Knight bekam einen trockenen Mund, und seine Kehle schnürte sich bei der Vorstellung zusammen.

»Ich beuge mich Ihrem Sachverstand«, sagte er zum Verwalter. »Wir werden das Land kaufen. Gibt es sonst noch irgendetwas Dringendes? Wenn nicht, dann wende ich mich jetzt anderen Dingen zu, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen.«

Dinge, bei denen es darum ging, seinen Körper für einen der beiden Zwecke zu nutzen, für den Gott ihn geschaffen hatte. Der erste war Kämpfen, und der zweite war, einer Frau beizuliegen.

In diesem Moment wollte er nur seine Fäuste fliegen lassen, um einen Teil der Anspannung loszuwerden, die sich in ihm wie eine Feder zusammengezogen hatte.

»Bezüglich der Entwässerung müssen auch noch Entscheidungen gefällt werden«, sagte Mr Smithson.

»Später«, erwiderte Knight. »Morgen.«

Der Verwalter schob erneut die Brille nach oben und wirkte besorgt. »Wie Sie mögen, Mylord.«

Das war die Schwierigkeit. Er mochte nichts an diesem gottverdammten Ort oder von der verfluchten Verantwortung, die auf ihm lastete.

»Danke, Mr Smithson.« Knight nahm, was von seinen fünf Sinnen noch da war, zusammen und verließ das Arbeitszimmer. Rastlosigkeit erfüllte ihn, und er hatte das überwältigende Bedürfnis, sich in irgendeiner Weise abzureagieren.

***

Den zweiten Tag in Folge waren Corliss ihre Schützlinge abhandengekommen.

Sie wanderte durch das wie ausgestorben wirkende Kinderzimmer und schaute unter jedes Möbelstück, falls sich die Rangen dort verstecken sollten. Sie hatte erst vor zwei Tagen ihre Stellung angetreten und war bereits völlig erschöpft von ihren Versuchen, vier Mädchen anzuleiten, die offensichtlich jede einzelne ihrer Vorgängerinnen in Grund und Boden gestampft hatten. Unwillkürlich kam ihr die Frage in den Sinn, ob sie ihrer Gouvernante damals auch so viel Ärger gemacht hatte. Andererseits waren diese Kinder hier verwaist, ihre kleinen Herzen hatten schon viel Schlimmes durchgemacht, und ihre ganze Welt war aus den Fugen geraten. Sie dagegen war unter der Obhut ihrer Eltern aufgewachsen, die sie vergöttert hatten.

»Lady Mary«, rief sie. »Lady Alice?«

Keine Antwort.

»Lady Henrietta? Lady Beatrice?«

Nicht einmal ein Kichern war zu hören, sodass man hätte vermuten können, sie wären irgendwo in der Nähe.

Sie seufzte schwer. Der Morgen hatte so verheißungsvoll angefangen. Doch dann hatte sie ihnen eine Pause nach der Lesestunde gewährt, und als sie zurückgekehrt war, hatte sie keins der Kinder mehr vorgefunden.

Als Gouvernante zu arbeiten, war viel schwieriger, als sie angenommen hatte. Und wenn sie nicht aufpasste, war sie die Stellung wieder los, ehe sie richtig angefangen hatte. Der Graf hatte sein Missfallen ihr gegenüber mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht, als sie die Mädchen dabei erwischt hatten, wie sie das Geländer hinunterrutschten. Wenn er herausfand, dass sie keine Ahnung hatte, wohin seine Nichten heute verschwunden waren, schauderte es sie bei dem Gedanken, wie seine Reaktion dann aussehen würde.

Sie konnte es sich nicht leisten, gefeuert zu werden.

Sie musste sich gründlich mit der Rolle einer Gouvernante vertraut machen, um ihre Miss Brinton so wohlwollend und realistisch wie möglich darstellen zu können.

Eines war sicher – ihre Schutzbefohlenen befanden sich nicht innerhalb dieser vier Wände. Wenn sie sie finden wollte, ehe Lord Stoneleigh es tat, würde sie nach ihnen suchen müssen. Erschöpft holte Corliss tief Luft und verließ das Kinderzimmer, um sich in den angrenzenden Räumen auf die Suche zu begeben. Wie nicht anders zu erwarten, waren die Mädchen nirgends zu finden. Sie ließ weder Kleiderschränke noch Betten bei ihrer Suche aus. Doch vor dem Zimmer Seiner Lordschaft schreckte sie zurück – sie würde auf keinen Fall in den privaten Bereich des Grafen eindringen.

Völlig ratlos, wo die Rangen abgeblieben sein könnten, ging Corliss schließlich die Treppe hinunter, wobei sie Augen und Ohren in alle Richtungen offen hielt. Doch wie immer wirbelten ihr vielerlei Gedanken durch den Kopf. Sie überlegte. Vielleicht würde so eine Wendung ihren Roman interessanter machen. Miss Brinton hätte es dann nicht nur mit einem düsteren, gut aussehenden Lord zu tun, der ein dunkles Geheimnis hütete, sondern musste sich auch noch mit widerspenstigen Kindern herumschlagen.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie in der Halle fast mit Mrs Oak zusammenstieß.

»Miss Brinton«, sagte die Frau kühl. »Nicht so schnell – Hast bricht Beine.«

Der Tadel traf sie. Und schockiert stellte sie fest, dass keiner sie als Lady Corliss je getadelt hatte. Niemals. Das Gefühl, zurechtgewiesen und gerügt zu werden, kannte sie nicht. Es war unangenehm. Tränen stiegen ihr in die Augen, die sie schnell unterdrückte, während sie dachte, dass es in den nächsten Wochen wohl Schlimmeres geben könnte als die Missbilligung einer Bediensteten.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, das sie nicht empfand. »Verzeihung, Mrs Oak. Ich hätte darauf achten sollen, wo ich hingehe.«

»Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Eile etwas mit Lady Mary, Lady Alice, Lady Beatrice und Lady Henrietta zu tun hat, die in den Stallungen verschwunden sind«, erklärte die Haushälterin schroff mit verkniffenem Mund.

In den Stallungen? Was um Himmels willen hatten die Mädchen in den Stallungen zu suchen?

Sie achtete darauf, ihre Überraschung nicht zu zeigen. »Ja, natürlich. Wenn Sie mich bitte entschuldigen, Mrs Oak. Ich wollte sie gerade für den Nachmittagsunterricht holen.«

»Also wirklich, Miss Brinton. Ich empfehle Ihnen, in Zukunft besser auf Ihre Schützlinge aufzupassen. Seine Lordschaft wird nicht erfreut sein, wenn ich gezwungen sein sollte, ihn über Ihre Pflichtversäumnisse in Kenntnis zu setzen.« Mit einem unangenehmen Lächeln auf den Lippen ließ die Haushälterin sie einfach stehen, um wohl anderen ahnungslosen Mitgliedern des Haushalts den Tag zu vergällen.

Corliss knirschte mit den Zähnen, während sie zur Tür eilte und sich nach draußen begab, wo sie ein kühler Spätherbsttag erwartete. Kaum hatte sie die Schwelle überquert, um zu den Stallungen zu eilen, bedauerte sie schon, sich nicht in ein Umschlagtuch gehüllt zu haben. Die Luft hatte etwas eindeutig Frostiges, und es wehte ein ungemütlicher Wind, der an ihren Röcken zerrte. Der Himmel zeigte eine bleigraue Färbung, aber es hatte noch nicht angefangen zu regnen.

Als sie die Stallungen erreichte, empfing sie lautes Gebrüll.

»Zeigen Sie uns, wie Sie es Billy O’Brien in Mississippi gegeben haben!«, brüllte ein Mann.

»Schlag ihm die Nase ein, Onkel«, rief ein Mädchen in höchst undamenhafter Manier.

Gütiger Himmel, was war da los?

»Nein«, erklang eine andere helle, eindeutig weibliche Stimme. »Hau ihm in den Wanst!«

Wanst? Hau ihn?

Kaum war sie in den Stall gestürmt, blieb sie bei dem Anblick, der sich ihr bot, wie angewurzelt stehen. Der Graf von Stoneleigh stand einem der Stallburschen gegenüber und lieferte sich mit ihm einen Kampf. Sie umkreisten sich auf der Stallgasse, von der die Pferdeboxen abgingen und die voller Sand und Stroh war. Überall waren Sättel, Trensen, Stricke und Geschirre. In der Luft hing der unverkennbare Geruch von Pferden.

Beide Männer hatten die Fäuste gehoben, und sie konnte beobachten, wie der Stallbursche zu einem Hieb ausholte, dem der Graf mit Leichtigkeit auswich, während er leise lachte, als fände er die Vorstellung, von einem seiner Diener angegriffen zu werden, erheiternd. Die Zuschauer standen im Kreis um das Spektakel herum und feuerten die Männer an – Stallburschen und alle vier Schützlinge von Corliss.

»Was geht hier vor sich?«, wollte sie mit erhobener Stimme wissen und vergaß ob ihres Schrecks angesichts der Szene, die sich ihr bot, beinahe, dass sie Miss Brinton war.

Eine Gouvernante hatte niemandem etwas zu sagen, außer ihren Schützlingen. Und insbesondere mit dem Grafen, der ihr die Stellung gegeben hatte, durfte sie nicht so umspringen. Auch wenn er sich gerade mit einem seiner Stallburschen prügelte, während seine hochwohlgeborenen Nichten ihn dabei anfeuerten.

»Ah, Miss Brinton«, sagte Lady Beatrice mit einem Grinsen, an dem Corliss erkannte, dass sie wahrscheinlich die Rädelsführerin war. »Wie schön, dass Sie auch dazukommen. Unser Onkel zeigt uns gerade, wie er Billy O’Brien in Mississippi besiegt hat!«

Corliss wusste nicht, wo sie anfangen sollte.

Alle starrten sie an – die Stallburschen, die widerspenstigen jungen Damen und ein verrucht gut aussehender Graf. Ihre Blicke prallten aufeinander, und es war wie eine Berührung, als er sie spöttisch mit seinem harten Blick ansah. Wie hatte sie diesen ausgeprägten Kiefer vergessen können, der von einem dunklen, sauber gestutzten Bart bedeckt war? Dann richtete sich ihr Blick auf seinen Mund, der missbilligend zusammengekniffen war, als hätte sie wieder eine Sünde begangen, über die er später richten würde. Er besaß einen viel massigeren Körperbau als die meisten Lords – muskulös und kräftig.

Trotz der Kälte, die im Stall herrschte, hatte er keine Jacke an, und die Ärmel seines weißen Hemds waren hochgekrempelt, sodass die starken Unterarme zu sehen waren. Seine Hände waren immer noch zu Fäusten geballt und größer, als sie von ihrer früheren Begegnung in Erinnerung hatte. Sie musste sich streng mahnen, daran zu denken, dass sie den atemberaubenden Körper des Grafen von Stoneleigh nicht zu bewundern hatte. Ihre Aufgabe war es, die Gouvernante für seine ungeratenen Nichten zu spielen.

»Sind Sie gekommen, um auch zuzuschauen, Miss Brinton?«, fragte der Graf spöttisch.

Fast schien er sie herausfordern zu wollen, Ja zu sagen – dass sie in den Stall gekommen wäre, um ihm zuzuschauen. Sie musste aufhören, ihn anzustarren. Lord Stoneleigh gehörte zu den Männern, die genau wussten, was für eine Wirkung sie auf Frauen hatten.

Sie bekam heiße Ohren und war sicher, dass ihre Wangen gerötet waren. »Ich habe nach den jungen Damen gesucht, Mylord. Sie sind nicht zum Unterricht erschienen.«

Er zog eine dunkle Augenbraue hoch, und seine sinnlichen Lippen zuckten. »Aber doch bestimmt kein weiterer Unterricht über das Rutschen auf Geländern, oder?«

»Ganz gewöhnlicher Unterricht, Mylord«, sagte sie und zwang sich erneut zu einem Lächeln.

Wahrscheinlich war es nur ein gequältes Verziehen der Mundwinkel. Der gestrige Vorfall schien ihr noch nicht vergeben worden zu sein.

»Aber, Miss Brinton«, sagte Lady Mary und machte einen ganz entzückenden Schmollmund. »Ich wollte doch so gern sehen, wie mein Onkel O’Brien geschlagen hat!«

Ihre Neugier siegte über den gesunden Menschenverstand. »Wer ist Mr O’Brien?«, fragte sie nur ein bisschen verärgerter, als sie beabsichtigt hatte.

»Der Büffel von Boston«, erklärte ihr Lady Alice, als müsste ihr der Name eigentlich bekannt sein.

»Der Büffel von Boston?«, wiederholte sie mit schwacher Stimme.

»Der Champion«, sagte einer der Stallburschen und grinste schief.

»Der frühere Champion«, verbesserte der Bursche, der neben ihm stand, und versetzte dem anderen einen freundschaftlichen Rippenstoß.

Corliss fragte sich grimmig, ob sie wohl in eine Parallelwelt geraten sei, in der es völlig normal war, dass sich ein Graf mit einem Stallburschen prügelte, während seine Nichten ihm dabei zusahen. Sie hatte keine Ahnung, wovon die Mädchen und die Burschen redeten.

»Wer ist der gegenwärtige Champion?«, hörte sie sich schwach fragen.

»Unser Onkel«, erklärte Lady Mary stolz.

Mit einem Ruck schaute sie wieder zu Stoneleigh hin, der sie mit einem Blick ansah, bei dem ihr trotz der feuchten Kälte im Stall heiß wurde.

Er zuckte die Achseln, als wäre die Bezeichnung unwichtig. »Vorläufig.«

»Zeig es uns, Onkel!«, rief Lady Mary mit einem Flehen in der Stimme, während sie vor Aufregung mit den kleinen Händen klatschte. »Zeig uns, wie du O’Brien besiegt hast.«

»Das war mit ein paar rechten Haken, nicht wahr, Mylord?«, fragte einer der Jungen. »Es hat keine elf Minuten gedauert, bis Sie den Büffel von Boston bezwungen haben.«

Stoneleigh war ein Boxer? Und dann auch noch der Champion? Jetzt ergaben sein muskulöser Körperbau und die großen Hände Sinn. Sie hatte gewusst, dass der Graf gerade erst aus dem Ausland zurückgekehrt war und er vor ungefähr einem Jahr durch den Tod seines älteren Bruders den Titel geerbt hatte. Das Gerede im Dienstbotentrakt war schwer zu überhören. Trotzdem war ihr nicht klar gewesen, dass Stoneleigh in Amerika geboxt hatte.

Gegen ihren Willen war sie von der Vorstellung lächerlich fasziniert.

Corliss schüttelte den Kopf, als könnte sie damit alle unerwünschten Gedanken vertreiben, und richtete den Blick auf ihre Schutzbefohlenen. »Meine Damen, der Unterricht fängt an. Wir sollten Seine Lordschaft und die Stallburschen …« Sie verstummte, weil ihr die Worte für die Situation fehlten, mit der sie konfrontiert war. »… weiter Lord Stoneleighs Sieg feiern lassen.«

So, sagte sie sich, noch höflicher konnte sie die ungehörige Darbietung, bei der sich der Graf vor seinen Nichten mit einem Stallburschen prügelte, nicht umschreiben. Gütiger Himmel! Kein Wunder, dass die Mädchen solche Rangen waren. Es lag ihnen wahrscheinlich im Blut.

»Unterricht ist langweilig«, verkündete Lady Mary.

»Wir wollen den Siegtreffer von unserem Onkel sehen«, fügte Lady Henrietta hinzu.

»Es dauert nur noch einen kleinen Moment«, meldete sich jetzt auch Lady Alice zu Wort.

»Zeig es uns, Onkel!«, rief Lady Beatrice.

Ein leises Lächeln spielte um die Lippen des Grafen, aber er sah nach wie vor Corliss unverwandt an. Fast könnte man meinen, er fände ihre Reaktion auf die ganze, völlig inakzeptable Angelegenheit amüsant und würde sie genau wie seine ungeratenen Nichten auf die Probe stellen. Vielleicht tat er das ja auch.

»Miss Brinton?«, fragte er. »Erlauben Sie es?«

Ach, jetzt sollte sie die Verantwortung für dieses empörende Schauspiel übernehmen? Ihre Eltern waren überaus exzentrisch, hielten nichts von starren Regeln und hatten Corliss und ihren Geschwistern – insbesondere in Talleyrand Park – bemerkenswert viel Freiheit gelassen. Doch ehrlicherweise musste sie gestehen, dass sie noch nie zugesehen hatte, wie jemand mit einem Stallburschen kämpfte. Und gegen ihren Willen wollte Corliss den Hieb sehen. Sie wollte den Körper des Grafen in Bewegung sehen – ihn noch ein bisschen länger anstarren, als ob das völlig akzeptabel wäre.

Sie war sicher, dass sie es eigentlich nicht erlauben sollte. Sie sollte ihre Schützlinge kühl auffordern, sofort ins Kinderzimmer zurückzukehren.

Doch sie meinte, in Stoneleighs Miene eine Herausforderung zu sehen, und so etwas hatte sie noch nie widerstehen können.

»Ich werde es erlauben«, gab sie nach, ehe sie streng einschränkte: »Aber nur dieses eine Mal.«

Der Graf drehte sich zu dem Stallburschen um, mit dem er schon vorher gekämpft hatte, und hob die Fäuste. »Auf drei, Jack. Gib alles.«

Der junge Mann wirkte unsicher. »Sind Sie sicher, Mylord?«

»Natürlich bin ich das«, erwiderte Stoneleigh locker. »So, jetzt auf drei. Eins, zwei, drei.«

Der Stallbursche ging sofort zum Angriff über, und seine Faust flog durch die Luft. Stoneleigh wich dem Hieb mühelos aus. »Hervorragender Versuch, Junge«, sagte er. »Ich gebe dir noch eine Chance.«

Alles jubelte und feuerte die beiden an. Corliss zuckte vor Schreck zusammen, als der Stallbursche es noch einmal versuchte und sich dabei rasend schnell bewegte. Aber erneut wich Stoneleigh dem Schlag gewandt aus.

»Noch einmal«, befahl er dem Jungen und schien sich dabei wunderbar zu amüsieren.

Ja, der Graf grinste tatsächlich.

Corliss ging plötzlich auf, dass er keinen einzigen Versuch unternommen hatte, die Hiebe zu erwidern. Stattdessen ließ er den anderen alle Wucht in seine Schläge fließen. Die Fäuste des Stallburschen flogen förmlich durch die Luft. Der Graf täuschte erst einen linken und dann einen rechten Haken an. Der Stallbursche ließ nicht locker, während er von seinen Stallkameraden laut angefeuert wurde. Jeder Hieb ging ins Leere, bis der Graf schließlich einen Moment zu lange zögerte und er am Oberarm getroffen wurde. Das Ganze dauerte vielleicht nur Sekunden, aber Corliss meinte, eine Absicht erkannt zu haben, als hätte der Graf zugelassen, vom Stallburschen getroffen zu werden.

Die Menge jubelte und johlte in gleichem Maße.

Der Stallbursche riss die Augen auf. »Oh, Mylord. Es tut mir so leid! Ich habe Sie doch nicht verletzt, oder?«

»Dieses alte Fell ist hart wie Stahl«, beruhigte Stoneleigh ihn mit einem reumütigen Grinsen. »Und jetzt kannst du all diesen Jungs immer sagen, dass du beim Großen Knight einen Treffer gelandet hast.«

Corliss hatte den Eindruck, förmlich zu sehen, wie die Brust des Jungen vor Stolz anschwoll.

»Ja, das hab ich, nicht wahr?«, fragte er und strahlte mit einem Mal ein ganz neues Selbstbewusstsein aus.

Corliss sah wieder zu Stoneleigh hin, und ihre Blicke prallten aufeinander. Plötzlich nahm sie ihn ganz besonders intensiv wahr, und es war, als würde ihre Haut auf einmal zu kribbeln anfangen. Er zog eine Augenbraue hoch und grinste leicht. Ihr Magen schlug einen ganz seltsamen Purzelbaum. Sie unterdrückte das Gefühl und zwang sich, den Blick wieder auf ihre vier Schützlinge zu richten.

»Lady Mary, Lady Alice, Lady Beatrice und Lady Henrietta«, sagte sie mit fester Stimme, »kommt jetzt bitte mit. Wir müssen weiterlernen.«

Sie wartete, bis die vier sich widerwillig in Bewegung setzten und vor ihr den Stall verließen. Dann drehte sie sich ebenfalls um und spürte bei jedem Schritt, den sie tat, den Blick des Grafen im Rücken.

Kapitel 3

Es war sehr früh, und es herrschte eine feuchte Kälte, wie man sie eigentlich nur in England kannte. Trotzdem war Knight wach und angezogen, um das Training zu absolvieren, das seine Kraft und Beweglichkeit erhielt. Da es hier keine echten Gegner gab, mit denen er hätte kämpfen können, und fern von Wettkämpfen, mit denen er sich die letzten paar Jahre fit gehalten hatte, brauchte er jetzt etwas anderes, um in Form zu bleiben. Die Einsamkeit bei Tagesanbruch hatte ihn nie gestört, und wo er auch gerade gewesen war, hatte er sich immer bemüht, einen Park oder eine andere Örtlichkeit zu finden, wo er sich der Leibesertüchtigung hingeben konnte. Drei Kilometer gehen und laufen gehörte für ihn ohne Ausnahme täglich dazu.

Knightly Abbey war so weitläufig, dass er bisher jeden Morgen seit seiner Ankunft einen anderen Weg einschlug und doch noch nicht alles erkundet hatte. Die neue Umgebung half, die Rastlosigkeit zu lindern, die von ihm Besitz ergriff, und dämpfte die Angst, für immer in Yorkshire bleiben zu müssen, um sich den ständigen Aufgaben und Pflichten zu widmen, die er geerbt hatte. So lange am selben Ort war er nicht mehr gewesen, seit er das letzte Mal in New York trainiert hatte. Und der Aufenthalt dort hatte einem echten Zweck gedient: Billy O’Brien zu schlagen.

Und geschlagen hatte er ihn dann auch. Allerdings hatte er gleich darauf von Roberts Tod und den Pflichten erfahren, die ihn an dem Ort erwarteten, den er einst Zuhause genannt hatte. Die Nachricht hatte ihm einen so schweren Schlag versetzt, als wäre er k. o. gegangen. Es war nie Knights Absicht gewesen, zurückzukehren. Trotzdem war er jetzt hier und lief bei grauem Himmel. Es lagen Welten zwischen Yorkshire und dem Leben, das er sich in den letzten zehn Jahren aufgebaut hatte.

Verbitterung darüber brannte wie Säure in seinem Mund und vermischte sich mit dem Geruch feuchter Erde, der in der Luft hing, als er um eine Kurve des von Bäumen gesäumten Weges lief und fast mit jemandem zusammenstieß, der aufschrie und sofort vor ihm zurückschreckte. Er selbst wich nach links aus und vermied durch seinen Instinkt, der durch Jahre im Boxkampf geschärft worden war, den Zusammenprall. Schwer atmend blieb er stehen, um sich zu entschuldigen.

Die Person, die er beinahe umgerannt hätte, war nicht irgendjemand, sondern ein weiblicher Jemand mit einem kecken Hütchen und einem scharlachroten Kleid, das unter einem dazu passenden, mit Fell gefütterten Mantel mit Fledermausärmeln hervorlugte. Schöne Kleidung. Und eine genauso schöne Gestalt mit eng geschnürter Taille, die den vollen Busen betonte, einem anmutigen Hals, seidiger Haut und glänzendem Haar, das unter dem Hut hervorsah. Die Erkenntnis, um wen es sich handelte, ließ Wärme in ihm aufsteigen, die nichts mit all den Schichten Kleidung zu tun hatte, die er zur Unterstützung der körperlichen Ertüchtigung angezogen hatte.

»Miss Brinton«, keuchte er.

Sie drückte eine Hand aufs Herz und sah ihn mit großen braunen Augen an, während ihre rosigen Lippen vor Überraschung ein O bildeten, was ihn einen törichten Moment lang auf den Gedanken brachte, sie zu küssen.

»Mylord«, stieß sie atemlos hervor. Sie war immer noch blass, und die Sommersprossen auf ihrer Nase waren heute Morgen noch deutlicher zu erkennen.

Lag es am Licht? Oder war sie heute sogar noch schöner als an dem Tag im Stall, als sie voller Missbilligung seiner Vorführung, wie der Kampf mit Jack abgelaufen war, zugesehen hatte? Lag es an dem auffälligen Kleid, dessen lebhaftes Rot trotz des Mantels erkennbar war? War es ihr selbstbewusster Blick?

»Verzeihung«, brachte er mühsam hervor. Es ärgerte ihn, dass andere Teile seines Körpers zum Leben erwacht waren, obwohl es erst sechs Uhr in der Früh war, es noch dämmerte und er bereits drei Kilometer gelaufen war. Es ärgerte ihn, dass sie der Auslöser für diese Reaktion war. »Es war nicht meine Absicht, Sie in Grund und Boden zu rennen.«

»Davon gehe ich aus«, erwiderte sie leichthin, »denn dann müssten Sie sich schon wieder auf die Suche nach einer Gouvernante machen.«

Ja, das kam für ihn natürlich überhaupt nicht infrage – vor allem, da seine Nichten solche Strolche waren. Eine hatte die Schnürsenkel seiner Stiefel zusammengebunden, was er erst heute Morgen bemerkt hatte, als er sich für seinen täglichen Lauf vorbereitete. Diese Gouvernante erfüllte eindeutig nicht das Versprechen und die Lobreden, von denen die Briefe gestrotzt hatten, durch die sie ausgewählt worden war. Aber das Einzige, was schlimmer war, als eine Gouvernante, die nicht in der Lage war, seine teuflischen Nichten zu beaufsichtigen, war, überhaupt keine Gouvernante zu haben. Und deshalb hatte er sie bleiben lassen, obwohl er allmählich den Verdacht hegte, dass die Mädchen und Miss Brinton mittlerweile Knightly Abbey gemeinsam unsicher machten. Er fragte sich, ob die lobenden Worte in ihrem Empfehlungsschreiben vielleicht übertrieben gewesen waren.

»Ich hatte wirklich Glück, eine Gouvernante mit Ihrer herausragenden Erfahrung zu finden«, meinte er sanft und konnte nicht widerstehen, sie auf die Probe zu stellen. »Ihr Empfehlungsschreiben war das überschwänglichste, das für die Position eingegangen ist.«

Die Mädchen waren wirklich schwer zu bändigen, aber eine Gouvernante mit ihren überragenden Fähigkeiten hätte sie eigentlich nicht zweimal in genauso vielen Tagen aus den Augen verlieren dürfen.

Ihr Blick schoss zu einem Punkt über seiner rechten Schulter, ihre Lippen wurden schmal, und ihre Haltung bekam etwas Starres. »Überschwänglich, sagen Sie? In welcher Hinsicht?«

Knight sagte sich, dass er sie nicht weiter befragen sollte. Er konnte alle Angelegenheiten, die das Anwesen betrafen, regeln und schon bald wieder nach Amerika segeln, auch wenn Miss Brinton recht ungeeignet für ihre Stellung war. Mr Smithson konnte ihn auch per Telegramm über Schafbauern und Pächter informieren, deren Äcker voller Quecke waren. Doch ganz wohl war ihm bei der Vorstellung nicht.