Herman Bang - Gesammelte Werke - Herman Bang - E-Book

Herman Bang - Gesammelte Werke E-Book

Herman Bang

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Beschreibung

Herman Bang war einer der bedeutendsten dänischen Schriftsteller der Moderne und gilt als Meister des Impressionismus in der Literatur. Geboren in Als auf der Insel Alsen, wuchs er in einer von Melancholie geprägten Umgebung auf, die sein künstlerisches Schaffen nachhaltig beeinflusste. Schon früh zeigte sich sein Talent für Sprache und Beobachtung, doch sein Leben war von Einsamkeit, Krankheit und gesellschaftlicher Ausgrenzung überschattet. In einer Zeit gesellschaftlicher Intoleranz und persönlicher Zurückweisung fand er in der Kunst ein Ventil, um die Zartheit und Verletzlichkeit menschlicher Existenz darzustellen. Seine Werke zeichnen sich durch eine feinsinnige Erzählweise aus, die nicht das große Geschehen, sondern die kleinen, oft übersehenen Regungen des Lebens in den Mittelpunkt stellt. Bang arbeitete neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Theaterkritiker, Journalist und Regisseur und verstand es, das ästhetische Empfinden seiner Zeit in unvergleichlicher Weise literarisch einzufangen. Sein Erbe ist das einer zutiefst sensiblen Stimme, die das Unausgesprochene zum Ausdruck brachte und die europäische Literatur nachhaltig prägte. Heute gilt er als eine der wichtigsten Stimmen des literarischen Impressionismus, dessen Einfluss weit über die Grenzen Skandinaviens hinausreicht. Ein zentrales Thema seines Schaffens ist die Darstellung "stiller Existenzen" – Menschen, die im gesellschaftlichen Leben übersehen werden, deren Leben auf den ersten Blick langweilig und unbedeutend erscheint. Gerade in der Einsamkeit, in den kleinen Gesten und alltäglichen Enttäuschungen entdeckte Bang eine tiefe poetische Dimension. Besonders oft widmete er sich einsamen oder isolierten Frauen, deren innere Welt er mit außergewöhnlicher Feinfühligkeit und psychologischer Präzision beschrieb. Auf diese Weise verlieh er jenen Stimmen Gehör, die in der Gesellschaft kaum wahrgenommen wurden. Die vorliegende Ausgabe versammelt die bedeutendsten Romane und Erzählungen des Autors und bietet einen umfassenden Überblick über sein künstlerisches Schaffen. Sie vereint jene Werke, die sowohl thematisch als auch stilistisch exemplarisch für seine Kunst sind und die ihn zu einem festen Bestandteil des literarischen Kanons gemacht haben. Eines seiner bekanntesten Bücher, Hoffnungslose Geschlechter, schildert den Niedergang des Adels in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Mit scharfer Beobachtung und feiner Psychologie zeichnet Bang das Bild einer Klasse, die zwischen Tradition und Moderne zerrieben wird. Am Wege wiederum sammelt Erzählungen, die das Flüchtige des Alltags einfangen – kleine Szenen und Gesten, die in ihrer Zartheit eine ganze Welt eröffnen. Besondere Beachtung verdienen auch Das weiße Haus und Das graue Haus, in denen Bang seine impressionistische Technik meisterhaft entfaltet. Er schildert Räume und Atmosphären so präzise, dass der Leser weniger eine Handlung verfolgt als vielmehr ein Stimmungsbild erlebt. Beide Werke zeigen, wie sehr Bang daran interessiert war, das innere Erleben seiner Figuren sichtbar zu machen. Mit Michael schuf er einen seiner bedeutendsten Romane, der zugleich eine der ersten literarischen Darstellungen homosexueller Liebe in der europäischen Literatur enthält. Das Werk besticht durch seine emotionale Tiefe und seine künstlerische Kühnheit und gilt bis heute als Meilenstein der queeren Literaturgeschichte. Die vier Teufel schildert das Leben junger Artisten im Zirkusmilieu und vereint das Faszinosum artistischer Körperkunst mit einer tiefen Tragik menschlicher Sehnsucht. In Die Vaterlandslosen schließlich thematisiert Bang gesellschaftliche und politische Spannungen seiner Zeit und stellt Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Entwurzelung. Die Sammlung zeigt Bangs Vielseitigkeit und ist ein bedeutendes Zeugnis seiner Kunst, im Leisen das Wesentliche sichtbar zu machen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Herman Bang

Herman Bang - Gesammelte Werke

Übersetzer: Julia Koppel, Ernst Brausewetter, Therese Krüger
e-artnow, 2025 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

Hoffnungslose Geschlechter
Am Wege
Das weiße Haus
Das graue Haus
Michael
Die vier Teufel
Die Vaterlandslosen

Hoffnungslose Geschlechter

Inhaltsverzeichnis
Erstes Buch
Prolog
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel

Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Inhaltsverzeichnis

Es war eins der ältesten Geschlechter im Lande. Die Stammtafel erzählte, daß sie einst Lehnsgüter auf Fünen und Seeland besaßen, aber das war gar lange her, und in den letzten Jahrhunderten war es mit der Größe abwärts gegangen. Die Familie lebte unbemerkt, einige trieben Handel, andre ein Handwerk; es gab auch studierte Leute darunter, denn das Geschlecht war sehr ausgebreitet, aber keine hervorragenden Individualitäten, alles mittelmäßige brave Leute. Die meisten darunter hatten wohl auch ihren großen Stammbaum ganz vergessen.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kam ein Zweig des Geschlechts wieder zu Ansehn. Unter den Männern dieser Linie zeichneten sich mehrere als Juristen aus; einige schwangen sich sogar zu den höchsten Stellungen des Landes auf, hohe Titel und Orden von aller Herren Länder wurden wieder Attribute des alten Namens. Es waren strenge willensstarke Männer, die tüchtig arbeiteten und immer wußten, was sie wollten. Ihre glänzende Karriere verdankten sie ihrem eisernen Fleiße und ihren guten Köpfen.

Aber neben ihrer außerordentlichen Tüchtigkeit und ihrem unermüdlichen Arbeitseifer war dem ganzen Geschlecht ein gewisser Hang zum Exzentrischen, zur Übertreibung eigen, der sich auf verschiedentliche Weise kundgab.

Der Stammvater des zu neuem Ansehn gelangten Zweiges war ein eifriger Pietist; er schrieb Andachtsbücher und züchtigte seinen Körper mit jeglicher Art Pönitenz. Seine Gattin war leichtsinnig und launenhaft; sie gab sehr gern und bestahl ihren Mann, um diese Neigung zu befriedigen. Mitunter während der Hausandacht lachte sie wie ein Kobold zu ihren Kindern hinüber und bewarf die Diener mit Papierkugeln. Sie schrieb auch Verse, die von Hirten und schönen Schäferinnen mit ziemlich leichten Sitten handelten. In allem, was sie tat, war sie äußerst heftig und leidenschaftlich.

Ihre Tochter schien ihnen viel Sorge gemacht zu haben. Wie es sich eigentlich verhielt, ist jetzt nicht mehr möglich festzustellen. Doch so viel ist sicher, daß die junge Dame eine leichte Fliege war, wie man das so nennt. Von einem adligen Offizier verführt, wurde sie vom Vater verstoßen, von der Mutter unterstützt – sie hatten sich inzwischen geheiratet – bis sie im Dunkel verschwand.

Der Sohn schlug nach dem Vater. Er besaß dessen eisernen Fleiß, seine Begabung und den klaren Blick. Doch da er einer jüngeren Zeit angehörte, war sein Gesichtskreis ein weiterer. Von der Mutter hatte er deren unruhige Natur geerbt; er mußte immer bis über Hals und Kopf in Arbeit stecken, jagte von einer Beschäftigung zur andern. So schrieb er in seinen Mußestunden Verse; und trotzdem ein Minister unter Christian VIII. ziemlich viel zu tun hatte, fabrizierte er deren eine solche Menge, daß er ganze Schubladen damit anfüllte. Gut waren sie nicht. Es hatte sich auch der Mutter Neigung zum Geben und ihre Heftigkeit auf ihn vererbt. Übrigens war er ein eitler Mann, der es liebte, gesehen und genannt zu werden.

Das Familienwappen wurde auf alle Wagenkissen, und wo es sich überhaupt nur anbringen ließ, gestickt. Er ließ in die Stammtafel Ordnung bringen und wollte seine Familie durch Verbindungen mit dem Hofadel heben. In diesen Bestrebungen wurde er von seiner Gattin unterstützt. Er hatte sie spät als angesehener Mann geheiratet, und die Leute fragten sich, ob das schöne Mädchen ihn wohl um seiner selbst willen oder seines Namens und der Stellung halber genommen hatte. Nichtsdestoweniger wurde die Ehe recht glücklich; er schmückte ihr Heim mit einem damals noch fast ungekannten Luxus und überschüttete seine Frau geradezu mit seidenen Kleidern, Schmucksachen und Versen. Das war seine größte Freude. Alles dies brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht; nur suchte sie ihm ab und zu einen Dämpfer aufzusetzen. Sie lebte in der Hoffnung einer glänzenden Zukunft für ihre Kinder und fürchtete nur, daß ihres Mannes Exzentrizität alles verderben könnte.

Von ihren Kindern war Ludwig, der älteste Sohn, des Vaters ausgesprochener Liebling. Er hatte glänzende Gaben und jene Eleganz, die alte, vererbte Vornehmheit verleiht. Aber es zeigte sich schon früh, daß es mit ihm wie mit den meisten Söhnen großer Männer ging, in denen sich die ganze Kraft des Geschlechts verausgabt zu haben scheint: er war schwächlich, nervös und schon ganz jung tief melancholisch. Man war bei ihm augenscheinlich zu einem neuen Stadium in der Familiengeschichte gekommen.

Die Kraft war fort, das Gehirn weniger stark; der Hang zum Exzentrischen bekam die Oberhand.

Ludwig reiste viel, nahm zu Hause an allem teil, was vornehmer Müßiggang sich nur ausdenkt, machte Schulden, die der Minister ohne Murren bezahlte und war zeitig auf die verschiedenartigste Weise ruiniert. Er wurde beständig nervöser, seine Schwermut nahm beunruhigend zu, und die Heiterkeit, welche diese von Zeit zu Zeit ablöste, war forciert. Man begann sich zu fragen, was aus Ludwig Hög eigentlich werden sollte, und beklagte den armen Vater.

Eines Tages im Spätherbst ließ Seine Exzellenz den Sohn zu sich ins Arbeitszimmer kommen, und man hörte die beiden sehr lange und laut miteinander sprechen; des Vaters Stimme schrie mitunter ganz heiser auf, und zuletzt ertönte ein lautes Schluchzen.

Den ganzen Winter hindurch studierte darauf Ludwig wie ein Verrückter, schlief des Nachts nur drei Stunden, hielt sich durch Trinken von starkem Kaffee wach und dadurch, daß er die Füße in Eiswasser steckte. Es war etwas von dem seinem Geschlechte eigenen Arbeitseifer in ihm, aber die physische Kraft fehlte. Dieser plötzliche, übertriebene Fleiß richtete ihn vollends zugrunde. Seine Gesundheit, die nie besonders gut gewesen, war nun unwiederbringlich dahin. Mittlerweile bestand er zur Sommerzeit sein Examen ausgezeichnet, und der Minister war zufrieden. Nun sollte er eine Erholungstour machen, und wenn er zurückkam, konnte man dann etwas für ihn tun. So reiste Ludwig nach Paris.

Außer ihm waren noch zwei Söhne. Der eine recht begabt, der andre weniger; er wurde Landwirt.

Die Schlappheit des Geschlechts wurde noch durch gewisse Eigentümlichkeiten verstärkt, die in der Zeit und in den Verhältnissen des Landes lagen.

Ludwigs Jugend fiel in den Schluß der ästhetischen Periode Dänemarks: die große Arbeit war getan, die großen Werke geschrieben, nun konnte man auf den Lorbeeren ruhn, sich behaglich in Hegelscher Phantasterei und rührseliger Empfindsamkeit wiegen. Dagegen begann der Sinn für Politik zu erwachen ... man sprach von Freiheit, von Gleichheit, von Tyrannei; diese Phrasen nannte man Politik. Vaterland, Freiheit, Verfassung, all das waren die Ideale der Zeit. Es war so leicht, sich damit zu beschäftigen, weil Ideen stumpfe Waffen sind, mit denen selbst Kinder spielen können; die Wirklichkeit ist gefährlicher.

So kam 48, das Jahr der Handlungen. Im Volke selbst steckte Kraft hinter den Worten; das sah man, als es galt, sich zusammenzunehmen.

Ludwig ging als Freiwilliger mit. Seine Begeisterung loderte in heller Flamme auf, und so zog er von dannen. Drei Tage hindurch hätte er gewiß gern sein Leben für sein Vaterland hingegeben, aber die Tage wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten, bevor er Pulver zu riechen bekam. So kühlte sich seine Begeisterung ab; wohl war er bereit gewesen, zu sterben, ohne zu klagen, aber nicht die monatelangen Strapazen langweiligen Exerzierens auszuhalten. Er wurde krank und reiste heim.

So vergingen ein paar Jahre. Der Minister nahm seinen Abschied und wurde Oberpräsident. Ludwig hatte keine Lust, sich um ein Amt zu bewerben, er war ewig auf Badereisen, trieb sich ruhelos Sommer und Winter in ganz Europa herum. Der Vater wartete geduldig. Der zweitälteste Sohn war mittlerweile in einer kleinen Stadt Bürgermeister geworden, der jüngste hatte ein Gut zum bewirtschaften bekommen, wobei beständig Geld zugesetzt wurde.

Im Anfang der 50er Jahre beschloß Ludwig, einen Sommer zu Haus zu bleiben und bei seinem Bruder, dem Bürgermeister in Skelskör, zu wohnen.

Aber er langweilte sich in der kleinen Stadt. Die Gesellschaft in dem Provinznest genügte ihm nicht, und Arbeit, die seine Zeit hätte ausfüllen können, hatte er nicht. Unter diesen Umständen benützte er seine freien Stunden dazu, sich zu verlieben. Der Gegenstand seiner Verehrung war eine sehr lebhafte, sehr schöne und sehr junge Dame aus der Umgegend. Sie hatten einander auf Morgenspaziergängen im Walde getroffen, aber nur wenig zusammen gesprochen. Stella war 18 Jahr, recht unerfahren und verhätschelt. Der 35jährige Hög war der eleganteste Mann, dem sie bisher begegnet war; seine dichterische Begabung reichte gerade aus, um seiner Liebe mit seinen formvollendeten Versen einen glänzenden Rahmen zu geben, und seine Vergangenheit war unklar genug, um mit der Macht des Geheimnisvollen zu locken und zu reizen.

Als er Stella bat, sein Weib zu werden, sagte sie »Ja.«

Es wurde sehr viel über diese Heirat geredet. Die meisten betrachteten diese Verbindung als eine Mesalliance und bedauerten Seine Exzellenz, daß er keine richtige Freude an seinen Kindern erlebte. Einige andere wieder bedauerten Stella: er war so viel älter als sie, hatte sehr gelebt und gewiß nicht mehr viel auf dem Altar der Ehe zu opfern übrig; und sie war so jung und frisch. Aber sie kam ja in eine vornehme Familie!

Der kluge, alte Arzt in Skelskör war sehr unzufrieden. »Das ist eine dreckige Geschichte,« sagte er am L'hombretisch bei Pastors. »Eine dreckige Geschichte ... Leute wie Hög dürften überhaupt nicht heiraten. Die Linie ist fertig, die Kraft verbraucht ... Dieser hat Anlage zur Melancholie, die andern sind Dummköpfe, sowohl der Bürgermeister wie der Gutsbesitzer ... Ja, 's ist kein Spaß für das arme Ding ... Und wenn er nun schon mal partout heiraten wollte, so hätte er sich ein Bauernmädel nehmen sollen, da wäre gesundes, dickes Blut in die Familie gekommen.« – Die andern lachten. – »Ja, das ist meine Meinung ... es ist geradezu Sünde um Stella ... Sie hätte einen Kraftkerl bekommen müssen ... Denn es ist Disposition zur Schwindsucht in ihrer Familie ... Und das wird eine schlimme Geschichte, wenn die Gebrechen zusammenkommen ... Aber hoffentlich bekommt der Kavalier da keine Kinder, so daß es der letzte Akt bleibt ... Sonst Gnade Gott den armen Sprößlingen!«

Seine Exzellenz empfing die Braut seines Sohnes mit tadelloser Würde; seine Frau konnte sich weniger beherrschen. Sie suchte auf Ludwig einzuwirken, aber er ließ sich nichts sagen. Im Herbst bekam er eine Anstellung, und im November war die Hochzeit.

Bei Ehen, die nach kurzer Bekanntschaft geschlossen werden, ist man immer leicht in der Lage, einen Irrtum begangen zu haben. Als Stella Frau Hög wurde, wußte sie vielleicht selbst nicht recht, was sie tat, und so war es bald dies, bald jenes, was sie vermißte: mehr Glut, eine stärkere Hingabe, möglicherweise auch mehr Kraft. Aber sie war nicht nur sehr jung, sondern auch sehr jugendlich unerfahren, wußte sehr wenig von der Welt und noch weniger von der Liebe. Im Anfang glaubte sie, daß alles wohl so war, wie es sein mußte, und als sie nach und nach langsam entdeckte, daß dies nicht der Fall, war der gegenwärtige Zustand ihr schon zur Gewohnheit geworden.

Ludwig meinte, daß er sich mit einem Kinde verheiratet hatte. Er gab ihr alles, was er zu geben hatte, aber es waren nur Überreste. Es ging mehr und mehr vor ihm selbst auf, daß seine Gesundheit untergraben und sein Leben in seinen Wurzeln angenagt war. Dies machte ihn sehr schwermütig, und wenn er dazwischen heitere Stunden hatte, äußerte sich seine gute Laune durch beißende Sarkasmen, die andre verletzten. Stella und er waren so verschieden wie Tag und Nacht.

In den ersten Jahren ihrer Ehe spielte Stella noch mit Puppen, oder sie führte Theaterstücke vor Hög auf. Wenn er ausging, weinte sie, und im Dunkeln fürchtete sie sich, allein zu bleiben. Sie hatte eine sehr lebhafte Phantasie und liebte es, sich mit Blumen und Schleiern aufzuputzen. Stundenlang konnte sie am Klavier sitzen und »Opern«, wie sie es nannte, spielen. Es war dies ein Durcheinander verschiedener Melodien, zu denen sie während des Spielens einen Text improvisierte.

Auch machte es ihr großes Vergnügen, laut vorzulesen. Sie bat oft ihren Mann, doch mit ihr zusammen Dramen zu lesen, und wenn er einwilligte, saßen sie bis in die halbe Nacht hinein und lasen mit verteilten Rollen. Sie hatte eine herrliche Stimme, und manchmal brach Hög ganz berauscht und entzückt in Lobsprüche aus. Sie lachte dann und sagte: Ja, ich bin nicht dazu geboren, Beamtenfrau zu sein!

So lebten sie im Anfang. Doch nach und nach, als Stella älter wurde, sah sie langsam, aber sicher ein, daß ihre Ehe eine ungleiche Verbindung war, daß er alt und sie jung war, und daß das, was ihr Mann ihr gab, und womit sie sich begnügen mußte, wohl eigentlich nicht mehr als eine apathische, ab und zu durch einen kurzen, fieberhaften Anfall von Verliebtheit gewürzte Freundschaft war. Aber sie ließ den Mut nicht sinken. Sie war der gesellschaftliche Mittelpunkt der Gegend und im Umkreise mehrerer Meilen bei jeder Zusammenkunft unentbehrlich.

Sie war nun mittlerweile 22 Jahr geworden. Drei Jahre waren sie nun verheiratet, und es schien, als ob der alte Arzt in Skelskör recht behalten sollte.

Da auf einmal verliebte sich Stella. Der Gegenstand ihrer Liebe war der Freund ihres einzigen Bruders und mit ihr ungefähr gleichaltrig.

Was da alles vorging, weiß kein Mensch; genug, eines schönen Tages reiste Ludwig Hög mit seiner jungen Frau ins Ausland.

Man tuschelte in der Gegend über diese Reise, die so Hals über Kopf angetreten wurde, dann aber hatte man wieder über anderes zu sprechen und vergaß dieses.

Nach ihrer Rückkehr machte Stella weniger mit als früher; ihre Gesundheit war daran schuld. Sie hustete, und der Arzt fürchtete, daß ihre Brust angegriffen war.

Ein Jahr darauf wurde sie Mutter. Das Kind ward nach Ihrer Exzellenz, die sie über die Taufe hielt, Nina genannt. Stella war sehr glücklich. Sie spielte mit dem Kinde wie mit einer Puppe und stillte es selbst.

Hög kümmerte sich nicht viel um das Kind. Er litt in der letzten Zeit beständig an Kopfschmerzen und Neuralgie, und des Nachts hatte er mitunter Halluzinationen. Stella suchte sein Leiden mit heimlichem Grauen vor der Welt zu verbergen.

Zwei Jahre darauf wurde sie wieder guter Hoffnung. Sie war sehr merkwürdig während dieser Schwangerschaft, vertrug es kaum, ihren Mann zu sehen, wollte wochenlang keinen Besuch annehmen und schloß sich in einem dunklen Zimmer ein, wo sie die Tage ohne jede Beschäftigung auf einem Schaukelstuhl in dumpfem Brüten verbrachte. Dann wieder kam eine Periode, wo sie gar nicht genug mitmachen konnte; sie fuhr von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Ball zu Ball.

Im fünften Monat ihrer Schwangerschaft arrangierte sie eine dramatische Abendunterhaltung, und im siebenten mußte ihr der Arzt das Tanzen verbieten.

Die Geburt des Kindes war sehr schwer und dauerte 24 Stunden; der Doktor behauptete, daß sie sich während ihres schwangeren Zustandes zu sehr geschnürt hatte.

Als der Junge endlich zur Welt kam, wog er nur fünf Pfund und wurde gleich in Baumwolle gewickelt. Der Hebamme schien es, daß er blind war. Den dritten Tag glaubten sie schon, daß es mit ihm zu Ende ging; er wurde schnell vom Hausarzt in Eiswasser getaucht und kam wieder ins Leben zurück.

Stella lag lange krank.

Gleich vom ersten Tage an hatte sie den Jungen mit einer fast fieberhaften Zärtlichkeit umfaßt. Bei der Taufe bekam er ihren Lieblingsnamen William.

Die Zeit verging, und drei Jahre darauf kam Stella mit einer Tochter nieder. Sie wurde Sophie getauft.

Dasselbe Jahr im Herbst segnete der Minister als Ritter des Elephantenordens das Zeitliche. Stark wie er gelebt, starb er auch.

Einige Monate darauf wurde Ludwig Hög versetzt, er war zum Oberbürgermeister in Randers ernannt worden.

Stella war darüber ganz verzweifelt. Den letzten Abend vor ihrer Abreise ging sie mit Nina und William auf einen Hügel oberhalb des Städtchens. Es war im Mai; die ganze Gegend lag in des Frühlings erster Frische, grün und berauschend, vor ihren Blicken da. Weiter draußen schimmerte das Meer silbergrau. Stella zeigte alles den Kindern zum letztenmal: jeden Kirchturm, jede Mühle, jeden Stein. Nina weinte; William stand mit den Fingern im Munde da und sah seine Mutter mit großen, erstaunten Augen an. Sie fuhr fort, sie auf die einzelnen Dinge aufmerksam zu machen, zeigte ihnen jedes ihr liebgewordene Fleckchen; es war ihr, als ob sie in einem lieben Buche las, worin sie jede Seite kannte, während sie so zum letzten Male von dem hoch aufragenden Hügel auf die ihr teuer und traut gewordene Gegend hinabschaute.

Plötzlich warf sie sich ins Gras nieder und weinte. William sah verwundert auf die Mutter; dann nahm er ihr sachte die Hände vom Gesicht und sagte:

»Willy küssen.«

Stella schloß den Jungen leidenschaftlich in die Arme; dann faßte sie Nina bei der Hand und ging schnell den Abhang hinunter.

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Im nächsten Jahr wurde Stella zum vierten Male guter Hoffnung und gebar einen Sohn. Er wurde Aage getauft.

Högs lebten in Randers sehr still und zurückgezogen. Es nahm erst viel Zeit, bis man nach dem Umzug in Ordnung kam; dann erkrankte Nina an den Masern, und so kam Stellas Schwangerschaft. Mittlerweile war der Herbst 63 herangekommen.

Es war heut abend das erstemal, daß sie Gäste bei sich hatten: den Pastor, den Gymnasialdirektor und den Kreisphysikus Berg mit ihren Frauen. Die Herren sollten eigentlich in Högs Zimmer Karten spielen, aber sie waren im Wohnzimmer bei den Damen geblieben. Man sprach die ganze Zeit davon, was augenblicklich die Gemüter erregte: des Königs Krankheit. Hög hatte soeben einen Brief aus Kopenhagen bekommen, die Nachricht lautete traurig; man befürchtete das Schlimmste.

In dem Gefühl des Drohenden, das auf den Gemütern lastete, war man zusammengeblieben, gerade wie bei einem Unwetter gewöhnlich alle in dasselbe Zimmer zu einem Häuflein zusammenkriechen.

Man sprach auch von der Gattin des Königs, der Gräfin. Hög wurde heftig und sagte, man sollte sie in einem so ernsten Augenblicke zu vergessen suchen; der Direktor nannte sie wie in einer Festrede im Klub »Dänemarks Aspasia«, worauf der Physikus lachend fragte, wer denn da Perikles war?

Der Pastor, ein magerer Mann von feinem Aussehen, suchte das Gespräch von der Gräfin abzulenken und kam auf die brennende Frage von den Herzogtümern.

Man nahm einander das Wort aus dem Munde. Alle meinten, daß, im Falle der König sterben sollte, gar viel auf dem Spiele stand.

»Gott verhüte es!« meinte der Pastor.

Stella hatte aufgehört, mit den Damen zu plaudern. Sie saß auf ihrem Stuhl nach vorn übergebeugt und hörte aufmerksam zu.

»Vielleicht wäre ein Krieg uns ganz nützlich,« sagte sie.

Der Arzt lachte. »Sie wollen wohl als Krankenpflegerin mitgehn?«

Man erwog die Chancen für einen Krieg; der Direktor sprach mit Begeisterung von dem Geist, der 48 geherrscht hatte; der Pastor meinte, daß sich die Zeiten verändern, so etwas wiederhole sich nicht.

Nach und nach wurde die Unterhaltung mehr allgemein politisch. Und als dann auch die Damen an der Konversation teilnahmen, ging man zu allen möglichen Gesprächsstoffen über. Die Frau des Arztes hatte einmal die Kaiserin Eugenie in Paris gesehen. Ihre Krinoline hatte den ganzen Wagen ausgefüllt. Hög erzählte pikante Geschichten aus den Tuilerien.

»In Spanien ists doch noch ärger,« entfuhr es der Doktorsfrau.

Man lachte und gab Anekdoten von der Königin Isabella zum besten; die Direktorin meinte, daß sie zu viele Beichtväter hatte, und der Arzt sagte, daß Beichtväter – er meine natürlich nur Seelsorger, die im Zölibat leben – überhaupt eine gefährliche Einrichtung wären. Das sollte eine Stichelei für den eleganten Geistlichen sein, von dem man behauptete, daß er der Damenwelt und nicht zum wenigsten Stella gegenüber gewisse katholische Tendenzen an den Tag legte.

Der Pastor lächelte und ging auf die Neckerei ein: Man sollte nicht zuviel verlangen, wir sind ja alle nur Menschen ...

In dieser Stimmung erhob man sich, um zu Tisch zu gehn. Nina und William hatten Erlaubnis bekommen, mit den Großen zu essen.

Der Tisch war reich gedeckt; Stella hatte trotz der vorgerückten Jahreszeit die großen Aufsätze mit stark duftenden Blumen gefüllt. Es gab einen Überfluß von geschliffenen Gläsern, Karaffen und Desserttellern. Nach des Ministers Tod hatte Ludwig den größten Teil des Familienservices geerbt, und Stella, die gern ein bißchen mit den prächtigen Schätzen des Hauses prunken wollte, hatte diesen Abend so viel davon angebracht, wie nur möglich war.

Die Zimmerecken waren mit großen Pflanzen, Palmen und Farnkraut dekoriert, und all die Kerzen der Kronen und Kandelaber brannten und verbreiteten ein strahlendes Licht.

Die Provinzdamen waren ganz geblendet, sie besahen prüfend jedes einzelne Stück auf dem Tische; nach Verlauf von fünf Minuten hatte die Direktorin im Geiste jeden Löffel gewogen und jedes Gefäß abgeschätzt. Die Pastorin blinzelte mißbilligend zu ihrem Manne hinüber; aber dieser, welcher den Luxus liebte, streckte sich behaglich auf seinem Stuhle und genoß schon im voraus die guten Gerichte, die ihnen bevorstanden.

Eine prachtvolle Vase mit Namenchiffre in Gold erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Er fragte, ob sie von Sevresporzellan war.

»Mein Vater hat sie von Louis Philipp bekommen ... er war in einer diplomatischen Mission in Frankreich ... sie ist echt Sevres ...«

Der Pastor hatte es sich gedacht. Er hatte selbst die Fabriken in Sevres besucht.

Die Direktorin fing an, ihre Handschuhe auszuziehen, aber als sie plötzlich sah, daß Stella die ihrigen anbehielt, bekam sie einen ganz roten Kopf und knöpfte sie schnell wieder zu.

Der Diener in blauer Livree mit Silber reichte Fisch herum.

Es war sehr schwer, in dieser Jahreszeit Fisch zu bekommen, meinte die Direktorin, wo Frau Berg kaufte? Diese erklärte lachend, daß sie es nicht wüßte, das Mädchen besorgte die Einkäufe. – Fisch war ein teures Essen für einen Haushalt, wenn der Mann nicht Stockfisch aß. – Aß der Direktor keinen? – Nie! –

Der Bediente schenkte Hochheimer ein. William fing zu weinen an, weil er keine Splitterkuchen bekommen hatte.

Die Frau Direktor setzte ihr Pincenez auf. Sie hatte nie ein so dunkles Kind gesehn, das war ja ein richtiger Zigeuner!

Der Physikus trank eifrig dem Pastor zu.

Stella beugte sich vor und fragte die Pastorin, ob ihre Kinder noch immer Lebertran tranken? – Frau Berg mochte Kinder nicht gern, wenn man selber sechs Stück hat ...

Die Stimmung wurde animiert, man sprach laut durcheinander. Der Direktor dozierte; der Pastor demonstrierte seiner Dame lebhaft etwas vor, wobei er in seinem Eifer die Hand auf ihren Arm legte. Die junge Frau hatte volle Arme und trug Halbärmel. Berg sprach von der Malthusschen Theorie. Stella griff den Namen auf und fragte, wer das war.

»Einer der Wohltäter der Menschheit,« sagte der Arzt. Seine Frau lachte laut auf.

Ob Hög wußte, wie groß das Legat fürs Asyl war? fragte der Geistliche, er hatte von 5000 Reichstalern gehört. Das war doch eine große Wohltat für die Stadt! ...

Es war dumm, zu behaupten, daß dunkle Kinder leidenschaftlicher als blonde sein sollten ... Die Direktorsfrau hatte viele blonde Kinder gesehn, die sehr leidenschaftlich waren ...

Hög glaubte es nicht.

Sie redeten alle auf einmal. Der »Blaue« ging herum und schenkte ein. Es war alter Rotwein aus des Ministers Zeit. Der Pastor erklärte, lange keinen so vorzüglichen Wein getrunken zu haben.

Die Stimmung wurde immer lebhafter. Stella nahm William auf den Schoß, Nina saß beim Arzte.

»Ja, wenn man so schöne Kinder bekommen könnte, dann wärs was andres,« meinte Frau Berg und erklärte ihre Bengels für gräßlich. Der Direktor erwiderte, daß sie zuviel Selbstkritik hatte, der Älteste war wirklich sehr tüchtig in Latein ...

»Ja in Latein, das ist auch noch das einzige ...«

Hög benutzte diesen Zusammenhang, ein Glas aufs Wohl der Damen als Mütter der Gesellschaft zu trinken. Stella zog jetzt ihre Handschuhe aus. Die Direktorin war ganz weg vor Bewunderung über einen Aufsatz ... »Es ist eine Gabe des Königs,« sagte Stella, »übrigens knüpft sich eine pikante Geschichte daran ...«

Und sie fing zu erzählen an. Hög unterbrach sie öfters und berichtigte dies und jenes ... Dann kam man wieder auf Geschichten von der Gräfin. Der König hatte ihr einmal einen Nachtstuhl, mit Apfelsinen gefüllt, geschenkt, und jede davon war in einen Fünfkronenschein gewickelt ... Der Arzt meinte, daß das doch sehr spaßig und generös vom König war. Die alte Aspasia hatte so was schwerlich von ihrem Perikles bekommen.

Sie wälzten sich förmlich vor Lachen, selbst die Pastorin wurde von der allgemeinen Lustigkeit mitgerissen.

Der Bediente kam herein und überreichte Hög auf einem Tablett ein Telegramm.

»Ein Telegramm.« Hög sprang auf und griff danach. Im selben Augenblick hatten es alle gesehn, und es wurde ganz stille im Saal. Stella setzte William brüsk auf den Boden.

Hög war sehr bleich geworden.

»Der König ist tot,« sagte er.

Mit einem Ruck wurden die Stühle zurückgeschoben; alle standen auf. Dann wurde es wieder ganz still; man hätte eine Stecknadel zur Erde fallen hören können. Sie sahen alle gedankenvoll vor sich hin – der Pastor hatte die Hände gefaltet.

William stand bei der Mutter, er sah ängstlich vom einen zum andern, dann fing er zu weinen an.

Bald darauf waren Hög und Stella allein im Speisesaal zurückgeblieben.

»Wir sehen schweren Zeiten entgegen,« sagte Hög.

Stella löschte die Lichter aus.

Der Krieg kam. Es lagen viele dänische Truppen in Randers, aber man fürchtete jeden Tag weiter nordwärts gehen und die Stadt aufgeben zu müssen. Der Feind war nördlich von Skanderborg vorgerückt – der Weg nach Randers lag offen.

Der Kronprinz war am Nachmittag zur Stadt gekommen, um nach den Verwundeten zu sehn, die im städtischen Lazarett untergebracht waren. Hög begleitete Seine königliche Hoheit.

Es war spät am Abend. Ein kalter, durchdringender Herbstregen wurde von einem heulenden Sturm gepeitscht.

Bei Högs sah es traurig aus. Das jüngste Kind lag an Lungenentzündung krank. Der Arzt gab nur wenig Hoffnung.

Über die Lampe hatte man einen dichten Schirm gebreitet. Stella saß bei der Wiege, die in der dunkeln Ecke beim Kachelofen stand. Sie wiegte ganz mechanisch mit dem Fuße; wenn das Kind zu wimmern anfing, suchte sie es leise wieder in den Schlaf zu singen. Mitunter fuhr sie aus ihrer Geistesabwesenheit wie erschreckt auf, beugte sich über die Wiege und lauschte den röchelnden Atemzügen. Dabei faßte sie sich wie verzweifelt an den Kopf und seufzte schmerzlich auf.

Der Regen schlug hart gegen die Scheiben ... Und auf der Straße hörte man die Leute laut und aufgeregt miteinander reden.

Stella richtete sich wieder auf. Das Kind lag mit großen, angstvollen, gleichsam fragenden Augen da, die ihr überallhin folgten. Sie sah zur Seite, suchte ihm auszuweichen; aber es nützte nichts, immer und immer fühlte sie diesen flehenden Blick auf sich ruhen.

»Wieg' Aage ein bißchen, Nina,« sagte sie.

Nina saß bei der Lampe und strickte.

»Wo ist William?« fragte die Mutter.

Dieser saß ganz zusammengekauert auf einem Schemel hinter der Gardine versteckt und schlief. Das Bilderbuch, in dem er geblättert, war zur Erde gefallen.

Aage drehte den Kopf ein wenig auf seinem Kissen und folgte Stella mit den Augen, während sie auf das Fenster zuging. Sie rüttelte William sacht und sagte: »Anna soll dich jetzt zu Bett bringen.« Darauf stellte sie sich mit dem Rücken gegen die Stube und sah hinaus.

Die Leute liefen unruhig in den Gassen auf und nieder. Man rief einander im Vorübergehen zu und lief schnell weiter, die Köpfe unter dem Regenschirm bergend. Der Sturm hatte das Barbierschild vom gegenüberliegenden Hause losgerissen, so daß das Messingbecken gegen die Mauer klapperte. Der Regen fiel unregelmäßig, ruckweise vom Winde gepeitscht.

Stella ging zur Wiege zurück. Das Kind sah sie an und lächelte schwach, seine Brust ging heftig auf und nieder, und die kleinen Händchen griffen krampfartig nach der Wiegenkante. Es wurde ganz blau im Gesicht.

William ging zur Wiege und sah neugierig auf den Bruder.

»Armer kleiner Aage ist krank,« sagte er und riß an dem grünen Vorhang. Stella hatte keine Ruhe; sie ging mit gerungenen Händen im Zimmer auf und nieder, blieb eine Weile in der dunkeln Ecke bei den Kindern stehn und ging dann wieder auf und ab. Ihr schien es, als ob der Sturm von Minute zu Minute heftiger wurde. In ihrer Unruhe ging sie wieder ans Fenster. Nun mußte doch Hög bald kommen! Ein vereinzeltes Hornsignal ertönte. Sie fuhr erschreckt zusammen und wich zurück.

»Wann kommt denn Vater?« fragte Nina.

Stella sah wieder hinaus. Auf der Steinbrücke sah man viele Menschen hastig hin und her laufen. Vom Marktplatz her tönte lautes Schreien gleichsam wie Kommandorufe. Gegenüber unter der Laterne standen zwei Offiziere und sprachen sehr eifrig miteinander. Ihre langen Regenmäntel trieften förmlich. Aage fing zu weinen an. Stella ging zu ihm und wiegte ihn langsam. Der Sturm nahm zu; der Regen peitschte förmlich gegen die Fenster. Von der Straße her hörte man immer mehr und mehr dröhnende Schritte. Der Wind seufzte im Kachelofen; das Kind wimmerte leise.

»Wie sie laufen!« sagte Nina. Sie war auf einen Stuhl am Fenster gekrochen.

William stand bei ihr und zupfte sie am Kleide.

Auf der Straße ertönte Hufschlag, lautes Rufen und dazwischen das Tuten der Hornsignale ...

Stella fuhr in die Höhe ...

»Ach, Mutter, Mutter,« schrie William angstvoll auf und rannte zu ihr. Auch Nina lief vom Fenster weg. Auf einmal fingen beide Kinder zu weinen an.

Nun hörte man Trommelwirbel, Hörnertuten und Pferdegetrappel von allen Seiten. Dazwischen immer wieder die lauten Kommandorufe.

Stella riß das Fenster wieder auf. Der Sturm schlug es klirrend gegen die Mauer. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und zerzauste ihr Stirnhaar.

In allen Türen standen Leute; Soldaten liefen aus und ein. Eine Kompagnie marschierte in geschlossenem Trupp über die Straße. Die Schritte klangen glitschig auf der überschwemmten Steinbrücke.

Vor der Tür standen ein paar weinende Weiber.

»Kommen sie?« rief ihnen Stella zu. Und nochmals lauter: »Kommen sie?«

Aber der Sturm entführte ihre Worte. Niemand hörte sie.

Wieder ertönten Hornsignale ängstlich wie kurze Notrufe von allen Seiten.

»Kommen sie?« rief sie nochmals mit aller Kraft. Niemand antwortete.

Ein Adjutant sprengte im Galopp vorbei. Sie fragte wieder, er wendete den Kopf und sagte etwas, aber seine Worte erstarben im Winde.

»Mutter, komm nur, Aage wird so schwarz im Gesicht,« rief Nina, die bei der Wiege saß, angstvoll aus. Stella lief hin. Das Kind lag röchelnd mit starren Augen da. Sie riß Nina weg, warf sich mit einem Schrei über die Wiege, nahm das Kind in die Höhe und legte es wieder zurück.

»Es stirbt, es stirbt!« schrie sie wie wahnsinnig auf. Dann flog sie zum Tisch, ergriff eine Flasche und träufelte ein paar Tropfen in einen Löffel.

»Es stirbt,« sagte sie dann leiser und blieb dabei, wie mechanisch, immerfort leise vor sich hinzusagen: »Es ist tot, es ist tot ...«

Das Fenster klapperte gewaltsam gegen die Mauer. Der Wind hatte die Gardine erfaßt und gelöst, sie wehte wie eine weiße Fahne weit ins Zimmer hinein. Die Flamme in der Lampe flackerte in dem Zuge auf und blakte ... William und Nina saßen im Winkel beim Bücherschranke und weinten leise vor sich hin; der Junge hatte den Kopf in den Schoß der Schwester gelegt.

Stella lag ausgestreckt über der Wiege. Sie sah mit Angst und Weh das Kind an.

Da wurde die Tür aufgerissen und Hög trat ein.

Er hatte einen langen Gummimantel um; das Wasser tropfte von ihm nieder und floß in Bächen über den Teppich.

»Der Feind ist gleich hier,« sagte er hastig. »Der Prinz flüchtet.«

Die Kinder fingen lauter zu schreien an. Er schüttelte sich das Wasser von Haaren und Mantel, wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort heraus.

»Gehst du wieder?« fragte Stella angstvoll.

»Ja, der Prinz reist gleich.« Einen Augenblick herrschte dumpfes Schweigen. Darauf sagte sie leise:

»Das Kind stirbt ...«

Hög ging zur Wiege hin, wo Aage lag und seine kleinen Händchen um die Decke krampfte. Er beugte stumm den Kopf und ging.

Stella sah ihn die Straße hinunter nach dem Klub stürzen. Eine lange Reihe Soldaten marschierte nach dem Marktplatz. Sie liefen mehr als sie gingen. Die Köpfe duckten unter den aufgeschlagenen Kragen unter. Der Regen wurde immer stärker, man sah das Wasser um die trampelnden Beine aufspritzen ... Der ganze Trupp sah wie ein dunkler Körper aus.

Männer und Weiber rannten kopflos auf dem Trottoir auf und nieder. Die Hörner tuteten unaufhörlich.

Plötzlich ertönte wieder Hufschlag vom Marktplatz her. Eine kleine Kavalkade sprengte vorbei; die Mäntel flogen im Sturme, die Pferde wieherten – Stella erkannte den Prinzen. Im Laternenschein sah sie deutlich seine Züge; er war weiß wie ein Bettuch.

Sie zitterte, daß ihr die Zähne im Munde klapperten. Ihr Gesicht und Haar waren ganz naß vom Regen. William stand neben ihr und riß an ihrem Kleide. Sie wandte sich um.

»Was willst du?«

»Warum blasen sie so?« fragte er.

»Weil die Dänischen flüchten,« sagte sie und sah wieder hinaus.

William heulte.

»Jetzt schläft Aage,« flüsterte Nina.

»Was sagst du?«

»Er schläft.«

»Schläft?« Es klang wie ein Schrei. Sie wollte zur Wiege stürzen, die Füße versagten ihr den Dienst.

Das Fenster schlug wieder gegen die Mauer. Die eine Scheibe ging entzwei und fiel klirrend auf die steinerne Vortreppe.

Die hastigen, einförmigen Schritte der Truppen verhallten mehr und mehr in der Ferne ... man hörte nur noch ab und zu ein einzelnes schrilles Signal.

Stella hockte zusammengekauert bei der Wiege am Boden. Das Gesicht in die kleinen Betten vergraben, schluchzte sie herzbrechend.

William weinte die ganze Nacht.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Die meisten waren darüber einig, daß William ein ganz eigentümlicher Knabe war.

Er war sehr dunkel, sowohl von Haut- wie von Haarfarbe, und hatte ungewöhnlich große Augen mit einem schwermütigen, etwas unruhigen Blicke.

Sein Kopf schien im Verhältnis zum Körper zu groß zu sein; außerdem hielt er sich schlecht, so daß er noch einen runderen Rücken zu haben schien, als es in Wirklichkeit der Fall war. Die Natur hatte ihm ein paar ziemlich dünne Beine und allzu lange Arme geschenkt, und seine Bewegungen waren wunderlich, halb eckig, halb theatralisch.

Sein Gang war ungleich und ebenfalls merkwürdig. Er konnte, leise mit sich selbst redend, langsam längs der Häuser hinschlendern – Stella behauptete, daß er Löcher in den Ellbogen bekam durch die Art, wie er sich an den Wänden entlang drückte – mit gebeugtem Kopf und schlenkernden Armen. Dann plötzlich stolperte er über seine eigenen Beine, die er beständig einwärts setzte, und fing zu laufen an. Wie er aussah, wenn er so lief! Man kam darauf, an die kleinen, mißgestalteten Trolle mit ihren unverhältnismäßig großen Köpfen zu denken, die zusammengedrückt in Schachteln liegen und aufspringen, wenn man diese öffnet. Nach einer Weile hielt er dann gewöhnlich mit dem Laufen inne, schlenderte eine Zeitlang wieder in der alten Weise, bis er dann auf einmal wieder zu laufen anfing.

Beim Sprechen gestikulierte er viel. Er wandte gern selten gebräuchliche Worte an, und was er sagte, war oft so stilisiert wie die Repliken in einem Drama.

Nina und William standen zeitig auf, lange vor den andern. An den Wintermorgen kamen sie noch ziemlich verschlafen in die eiskalte Küche, wo die Köchin ihre Butterschnitten, die sie in die Schule mitbekamen, bei einem tropfenden Talglicht schmierte. Sie hatte stets noch ihre Barchentnachtjacke an und schnitt Brot, indem sie dieses gegen ihre Brust hielt. William bekam manchmal geradezu Ekel vor diesem Essen – des Mädchens Nachtjacke war mitunter schon ganz graugelb in der Farbe – und warf das Butterbrot auf dem Wege zur Schule fort. Während die Kinder ihren Kaffee tranken, stand sie und frisierte sich am Küchentisch, wobei sie immer den einen Zopf im Munde hielt, während sie den andern flocht.

Wenn die Kinder fortwaren, kroch sie wieder ins Bett zurück. Um neun Uhr kam der Milchmann und weckte sie; um halb zehn Uhr bekam Stella ihren Tee ins Schlafzimmer.

Ab und zu passierte es, daß Hög bei seiner ewigen Schlaflosigkeit sehr zeitig aufstand.

»Hyß, hyß,« machte das Mädchen, wenn die Kinder zähneklappernd in die kalte, dunkle Küche traten. »Der Herr Bürgermeister ist auf.«

An diesen Tagen wagten Nina und William kaum zu sprechen. Nina stand und las flüsternd in ihrem Katechismus bei dem blakenden Talglicht, William setzte sich auf die Küchenbank neben die Wassertonne, aber er konnte keinen Augenblick stillsitzen und wackelte so unruhig auf der Bank hin und her, daß der Schöpfeimer plötzlich plätschernd in die Tonne fiel.

»Sst, William,« sagte Nina, »du weißt ja, Vater ist auf.«

Wenn er sich dann auf den Zehen sachte durch die Küche schleichen wollte, fiel er über den Kohlenkasten beim Schornstein. Aus Schreck fing er an, auf allen vieren zu kriechen.

»Daß dich der Kuckuck ... du ungeschickter Klotz,« schalt das Mädchen. Im Eßzimmer, welches die Kinder passieren mußten, sahen sie den Vater mit einem Handtuch um den Kopf gewickelt am Tische sitzen. Sie sagten ganz ängstlich, leise »guten Morgen«. Er nickte nur, ohne sich umzudrehen oder zu sprechen. Nina öffnete die Tür und schlüpfte schnell hinaus; der Junge ihr nach, aber in seiner Angst war er nicht imstande, die Tür zu schließen. So stand er lange da und rasselte mit dem Schloß, bis der Vater wütend aufstand und mit einem ungeduldigen »Na« die Tür hastig zuwarf.

Die Kinder machten, daß sie so schnell wie möglich die Treppe hinunterkamen. An einem solchen Morgen waren sie froh, wenn sie erst glücklich auf der Straße waren.

Hög pflegte zu Mittag zu speisen, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Bei Tisch wurde wenig gesprochen. Wenn Nina eine etwas längere Geschichte zu erzählen anfing und die andern einmal lachten, fuhr sich Hög mit einer nervösen Bewegung über die Stirn, und Stella winkle ihnen gleich zu, still zu sein.

Diese Schweigsamkeit drückte auf die Kinder; meist aßen sie ihr Essen hinunter, ohne ein Wort zu sprechen; sie schubsten sich nur gegenseitig unter dem Tisch. Wenn das Mittagbrot vorbei war, küßten sie den Vater – William war immer so wunderlich angst dabei zumute; nach dem Kuß bekam er einen ganz roten Kopf und lief wie besessen hinaus.

Nun war er bis abends sein eigener Herr.

Mitunter sammelten sich alle Kinder der Nachbarschaft auf dem Högschen Hofe, auf dem es sich großartig Verstecken spielen ließ – es gab da hohe Holzhaufen, große Wagenremisen und Schuppen. Auch lagen einige alte Zuckertonnen herum, die der Kaufmann schon jahrelang da liegen lassen hatte; diese stapelten die Jungen zu Festungen auf, wenn sie Soldaten spielten. William war der Kleinste von allen, deshalb war er beständig König – zu etwas anderem taugte er nicht. Aber König zu sein, das verstand er aus dem ff. Er stand mit Würde ganz oben auf den Tonnen und teilte Orden aus: kleine Zigarrenbändchen, die er vom Vater erbettelt hatte, und fabrizierte sich Schärpen aus altem Tarlatan, den ihm Stella gab.

Er hielt lange Reden, und jedesmal, wenn seine Truppen gesiegt hatten, ließ er sich mit der Pappkrone krönen, die ihm seine Cousine zum Geburtstag geschenkt hatte.

Und seine Truppen siegten immer. Nina war Bischof und setzte ihm die Krone aufs Haupt – mit Nina konnte man sich doch nicht prügeln, weil sie ein Mädchen war, deshalb repräsentierte sie mit ihrer besten Freundin des Reiches höchste Geistlichkeit.

Ein anderes Mal wieder mußten die Tonnen Schiffe vorstellen. Sie segelten weit, weit fort. William war Kapitän; er stellte Kolumbus vor und entdeckte Amerika. Traurig saß er tief drinnen in einer der Tonnen; die Matrosen hatten ihn gebunden. Aber als dann Nina: »Land – Land!« rief, wurde er befreit, und, jubelnd eine alte Fahne schwingend, ließ er sich im Triumph von den anderen Jungens im Hofe herumtragen.

Der Himmel weiß, wie viele Male er Amerika entdeckt hatte!

Oft aber spielte Nina allein mit den Knaben. William blieb oben, um zu lesen. Er lag dann auf dem Bauch platt am Boden ausgestreckt, den Kopf auf beide Hände gestützt, und las und las. Wenn er besonders eifrig wurde, kroch er – beständig die Augen auf das Buch geheftet – von einem Ende des Zimmers bis zum andern. Oft las er auch laut, ohne daß er es selbst wußte, oder er deklamierte Verse; bald flüsternd, bald mit erhobener Stimme. Mitunter erhob er sich auch wie ein Nachtwandler ganz mechanisch vom Boden, ging, das Buch immer offen in der Hand haltend, auf und nieder und rezitierte, bis ihm vor Anstrengung die Stimme überschlug.

Stella war ganz still dabei und beobachtete ihn. Mitunter legte er auch das Buch aus der Hand, ging vor den Spiegel und sprach mit sich selbst, wobei er mit den Armen allerlei Gesten machte und verschiedene Stellungen probierte.

Eine Weile später lag er dann wieder auf dem Bauche, ganz rot im Gesicht und vor Erregung und Anstrengung förmlich schwitzend. Man konnte ganz gut um ihn herum sprechen, das störte ihn nicht. Er hörte die Unterhaltung nur als etwas ganz Fernes, weit, weit fort. Es war ihm dann, als wäre er in einem tiefen Brunnen, und ganz oben über ihm wurde Spektakel gemacht. – Er hatte sich auf dem Boden ein Zelt aus ein paar alten, roten Gardinen fabriziert, eine kleine Hütte mit einem Lager aus wollenen Schlafdecken. Dort saß er stundenlang und las ... Er las leidenschaftlich gern. Aber mitunter entfiel das Buch seiner Hand, und er konnte lange mit der Nase in der Luft auf seinem Lager unbeweglich daliegen, ganz wach, aber mit geschlossenen Augen. Er träumte. Wunderliche, vage Träume, so daß es ihm ganz heiß ums Herz wurde. Wenn dann die Dämmerung hereinbrach und die Abendröte durch die alten Gardinen schimmerte, bekamen seine Phantasien immer wärmere Farben und Töne.

Er träumte, daß er König war mit vielen Rittern und Knappen, so ein König, wie er in den Büchern, die er las, vorkam: mächtig, reich und groß. Er kleidete sich in Gedanken in Hermelin und Purpur, in Goldbrokat und schimmernden Atlas; vor seinen Augen funkelten bunte Edelsteine und Perlen, Diamanten und Silber, daß es ihn mitunter geradezu blendete.

Aber dann kam der Feind ins Land und bedrohte ihn. In Regen, Sturm und rauhkaltem Unwetter mußte er hinaus ins Feld. Und dann kam der Kampf. Es gab ein wildes Getümmel, Lärm von Schlägen und Geschrei; die Schwerter schlugen klirrend aneinander, Gewehre knallten; es gab auch Kanonen in seiner großen Schlacht.

Oder er träumte, daß er unermeßlich reich war. Er badete sich in duftendem Wasser wie der Prinz im Märchen, aß nichts als herrliche, seltene Früchte und verheiratete sich mit der schönsten Frau im Lande. Sie hatte ein weißes Kleid mit blauen Schleifen wie die kleine Julie aus der Tanzstunde. Er hatte sie einmal hinter der Tür geküßt, und sie hatte geweint. Aber nun war sie seine Königin, und er betete sie an und küßte sie auf ihre marmorweißen Hände. Dann aber kamen böse Zeiten, und sie mußten sich trennen. Sie ging weinend die hohe Freitreppe hinab und winkte mit ihrem weißen Schleier – ein langer, silbergestickter Schleier, der im Winde flatterte – und er stand allein auf dem Balkon. So warf er sich auf den Fußboden nieder und küßte die Stelle, wo sie gestanden hatte.

Das hatte er auch damals getan, als die kleine Harriet, ein Nachbarkind, abreiste. Sie hatten noch zuletzt »Kirche« zusammen gespielt. Nina war der Geistliche, Harriet Braut und er der Bräutigam. Der Altar war im Musikzimmer arrangiert, die Puppen bildeten das Gefolge; Stella spielte einen Marsch auf dem Flügel. William und Harriet waren ganz rot im Gesicht und schritten, ohne sich anzusehen, zum Altar hinauf, wo Nina sie traute und ihnen zwei Ringe aus Goldperlen ansteckte.

William war es zumute, als ob es Ernst war, und mitten während der Trauung fing Harriet zu weinen an. Den nächsten Tag schrieb William ein Gedicht von einer Fee und blauen Veilchen; Stella lachte, als sie es las, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Als Harriet »Adieu« sagen kam, gab er ihr das Gedicht. Sie standen draußen auf dem kleinen, dunklen Gang bei der Bodentreppe. Er küßte sie, und sie umfaßte ihn mit ihren Armen, und beide weinten. Da rief ihn die Mutter, aber Harriet klammerte sich an seine blaue Jacke und wollte ihn nicht gehen lassen. Und plötzlich schluchzte sie ganz laut auf und lief schnell die Bodentreppe hinunter. Die Mutter rief wieder; er aber sah traurig Harriet nach, und während er noch ihr Schluchzen hörte, beugte er sich nieder und küßte die Treppenstufe, auf der sie gestanden hatte.

Als er dann zu Stella hinunterkam, war er purpurrot im Gesicht. Stella seufzte: Der Junge kannte kein Maß – in nichts! Wie sollte das noch einmal mit ihm werden!

Mitunter ging Stella zu ihm auf den Boden hinauf, setzte sich zu ihm und erzählte Geschichten oder sang. Aber oft auch verjagte sie ihn aus seinem Tuskulum, weil sie ihn in Tränen traf.

»Warum weinst du eigentlich?« Aber der Junge antwortete nicht; er trocknete nur die Augen und hörte zu weinen auf. »Komm, wir wollen hinuntergehen und zusammen vorlesen.«

Stella, Nina und William lasen häufig mit verteilten Rollen. Meist nahmen sie Oehlenschläger, und William war der Held. Er las genau wie die Mutter mit derselben Betonung, denselben Nuancen, demselben Mienenspiel. Sie saßen alle drei dicht an die Lampe gerückt; William und Nina hatten ein Buch zusammen. Während sie lasen, rückten sie im Eifer immer näher aneinander, so daß sie sich mit den Stirnen stießen. Nina wußte nie, wo es war, weil sie immer weiterblätterte, um zu sehen, wann sie wieder drankäme.

»Jetzt ist Mutter dran!« – sagte William.

Stella las mit gedämpfter, sanfter Stimme, fast wie flüsternd. Wenn sie so über das Buch gebeugt dasaß, ließ sie ihre weiße Hand gleichsam wie im Takt mechanisch über ihr schwarzes Haar gleiten, das im Lampenschein förmlich glänzte.

William schien das Lesen seiner Mutter geradezu Musik.

Die Uhr auf der Konsole tickte ganz leise; im Winkel beim Bücherschrank war es ganz dunkel. Dort mußte es sich herrlich sitzen. Er stand langsam auf und schlich sich nach der dunkeln Ecke. Da saß er wie versteckt und lauschte andächtig. Er ließ kein Auge von der Mutter, die der helle Lampenschein wie eine Glorie umgab.

Als sie geendet hatte, wandte sie sich um und sah zu ihm hin. Er hockte ganz zusammengekauert, den Kopf auf den Knien, auf seinem Stuhl und wackelte langsam hin und her.

»Schläfst du?« fragte die Mutter.

»O, nein,« antwortete er, ohne sich zu rühren. Nina gab es einen Ruck, daß ihre Stricknadeln rasselnd gegeneinander fuhren; sie nickte mitunter ein bißchen ein.

Im vierten oder fünften Akt weinten sie gewöhnlich alle drei. Die Tränen der Mutter fielen langsam über die Wangen auf das Buch nieder. Nina schnaufte in einem fort und kraute sich mit den Stricknadeln im Haar. Zuletzt, als die Rührung überhandnahm, trocknete sie sich die Tränen mit ihrem Strickstrumpf ab.

»Aber Nina, der Strumpf,« rief Stella aus, »der wird ja so schwarz wie Erde bis zum Examen!«

An andern Abenden erzählte sie den Kindern. Sie sprach von dem Högschen Geschlecht, von seiner Größe, seinem Alter. In einer der schönsten Kirchen des Landes lagen die Ahnen durch viele Jahrhunderte begraben, ihr Wappen war auf die Wand gemalt, die ganze alte Kirche war ihr Mausoleum.

Von dieser Zeit an dachte William viel an diese Kirche, wenn er allein oben auf seinem geliebten Boden saß. Dort lag also sein ganzes Geschlecht, all die alten, berühmten Männer! Dort lagen sie. Wie still und feierlich es doch in dieser Kirche sein mußte! Da wagte man gewiß nur zu flüstern ...

Da lag der große Bischof, der Dänemark stark und mächtig gemacht hatte. Und da lag auch der Königsmörder ... Ein Königsmörder in seiner Familie! Ihm wurde ganz angst, wenn er daran dachte, der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und es durchschauerte ihn.

Ein Königsmörder! Und er sah das Blut fließen und den König bleich und starr seinen Geist aushauchen. Er hatte darüber in Romanen gelesen. Es gab einen Königsmörder in seinem Geschlecht, und er lag dort in der Kirche zusammen mit den andern ... Fürchterlich, entsetzlich! – –

Seines Stammvaters Gebeine waren in die Wand hinter dem Altar eingemauert. »Glaubst du, daß sie schon zerfallen sind?« fragte er den Vater. Dieser glaubte es: »Es sind sechshundert Jahre her,« sagte er. »Sechshundert Jahr.«

... Manchmal, wenn er so allein dasaß, begann er darüber nachzudenken, was er werden wollte. Etwas Großes mußte es natürlich sein – das war er seinem Geschlechte schuldig!

Alle seine Gedanken kreisten um diese Größe, die in der alten Klosterkirche moderte. Als sie in der Schule in der Geschichtsstunde von dem Königsmörder lasen, nannte einer der Jungen diesen geradeheraus einen Schurken. Das brachte William so auf, daß er auf den Knaben zustürzte und ihm mit der geballten Faust einen Schlag ins Gesicht versetzte.

»Er ist von meinem Geschlecht,« sagte er stolz, und als ihn die andern auslachten, wurde er ganz bleich, sagte aber nichts mehr.

Drittes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Zum Frühjahr kam eine große herumziehende Ballettgesellschaft zur Stadt, um Vorstellungen zu geben. Hög hatte es stets seiner Frau untersagt, die Kinder ins Theater mitzunehmen: es würde nur ihren Geschmack verderben, meinte er. Da William nur zur Sommerzeit in Kopenhagen gewesen war, wo die Schauspieler Ferien hatten, war er noch nie in einem Theater gewesen.

Wenn die Kameraden in der Schule vom Theater sprachen, wohin die meisten häufig gingen, schwieg er immer still, wie beschämt. Die andern merkten das und sprachen nun gerade erst recht davon, um ihn zu necken. Da konnte er oft ganz bleich werden. Wie in sich versunken, saß er dann da und biß sich die Lippen blutig.

Mitunter wenn gerade Vorstellung war, ging er am Abend nach dem »Graben« hinunter, wo das Theater stand, stellte sich beim Eingang auf und sah einem jeden, der hineinging, sehnsüchtig nach. Er wußte nicht, was er darum gegeben hätte, mit den andern hineingehn zu dürfen. Das Weinen saß ihm im Halse, und er konnte sich nicht entschließen, nach Hause zu gehn. Einmal war es ihm gelungen, bis zur Garderobe vorzudringen. Wenn die Tür aufging, konnte er den roten Vorhang sehn und die gemalten Säulen längs der einen Wand.

Und alle, die hineingingen, sahen so heiter aus! Sie lachten und flüsterten zusammen, während sie sich ihre Handschuhe zuknöpften. Am Schalter kauften sie sich Programme. Er hätte keins zu kaufen brauchen – er kannte alle Namen auswendig, ja im Schlafe!

»Nun ist er wieder unten beim Theater gewesen,« sagte Stella zu Hög, »laß ihn lieber gleich hingehn, Bester, wir bekommen doch nicht eher Ruhe vor ihm.«

Hög gab nach: »Ballett war ja etwas anderes ...« Die kleinen Stückchen, die man dazwischen spielte, hatten nicht viel zu bedeuten; außerdem war diese Gesellschaft bei weitem besser als gewöhnlich. Sie sollten schon gleich den ersten Abend hin. William war ganz aus dem Häuschen; er hatte Fieber, aß nichts zu Mittag und fing zu »laufen« an. Dies war eine merkwürdige Gewohnheit von ihm. Sowie irgend etwas Besonderes los war, ihn irgend etwas erregte, lief er, die Hände in den Taschen, wie ein Besessener herum. Am liebsten Treppen, nach den großen Böden des hinteren Hofgebäudes, hier von Boden zu Boden, treppauf, treppab, trällernd, pfeifend, wie von Sinnen. Heute war es ganz besonders schrecklich mit ihm. Er hatte sich rein das Leben aus dem Körper gerannt; die Zunge hing ihm förmlich aus dem Halse, als er hinunterkam.

Nun sollte er es sehn!

Er riß die Knöpfe von beiden Handschuhen ab vor lauter Ungeduld und Erregung, und Stella mußte ihm einen neuen Kragen geben, so hatte er den ersten beim Umnehmen zerdrückt. Er stand und trippelte mit den Füßen; es war ihm nicht möglich, auch nur einen Augenblick stillzustehen. Hög sagte, wenn das so weiterginge, käme er überhaupt nicht mit.

William kam es vor, als ob die letzte halbe Stunde überhaupt kein Ende nahm.

Endlich brachen sie auf. Hög ging mit Nina Arm in Arm. Stella und er konnten nie recht Schritt halten. William lief bald voran, bald nach, wie ein Hund. Seine Hände waren ganz feucht und fieberig.

Sie gaben ihre Sachen an der Garderobe ab, kauften ein Programm – William mußte dabei daran denken, wie oft er hier gestanden und den Leuten zugesehn, wie sie ihre vier Schillinge aus dem Portemonnaie heraussuchten. Stella nahm ihn bei der Hand. Sie sah ihn an und lächelte. Seine Augen waren glänzend, groß und voller Tränen; er war ganz bleich und bebte. »Gott steh ihm bei!« sagte sie leise vor sich hin. Die Worte klangen gleichsam wie ein Seufzer. »Was ist dir?« fragte er. Die Mutter antwortete nicht.

Der Saal war nicht groß. Die Luft schlug ihm wie eine warme, staubgeschwängerte Wolke entgegen. Er sah nicht ganz klar und mußte mit den Augen blinzeln. Richtig, da war der rote Vorhang und die Säulen, der Souffleurkasten und der Kronleuchter. Er verschlang alles gleichsam mit einem Blicke.

»Wirds hier nicht heller?« fragte er leise. Er hätte nicht laut sprechen mögen, und wenn man ihm wer weiß was dafür gegeben hätte.

Stella lachte. »Was sagt er?« fragte Hög, während sie auf ihre Plätze zugingen.

»Er findet, daß es hier zu dunkel ist,« antwortete Stella.

»Ja, hier müßte es doch heller sein,« meinte William ernst.

Sie setzten sich, William neben Stella. Der Junge sprach kein Wort mehr; er saß ganz still und starrte auf den Vorhang, der sich mitunter, durch einen Luftzug von der offenen Tür her, bewegte. Er wußte selbst nicht recht, ob es so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Alle seine Vorstellungen und Bilder glitten wie im Nebel fort; seine Ehrfurcht war so groß, daß er alles als richtig nahm, wie es war.

Es kamen immer mehr Leute; Stella nickte nach rechts und links und erzählte aller Welt, daß ihr Mann endlich erlaubt hatte, die Kinder mitzunehmen.

William hörte es um sich herumsummen gleichsam wie das einförmig steigende und fallende Schwirren eines Bienenstocks in Aufruhr. Der Schuldirektor schlug ihn von hinten auf die Schulter und flüsterte ihm etwas zu. Der Junge trocknete sich den Schweiß von der Wange, ohne zu antworten, ohne überhaupt zu hören, was gesprochen wurde. Er saß mit dem Kinn auf die Brust gesenkt und wackelte ganz langsam auf seinem Sitz hin und her.

Das Orchester hörte er nur undeutlich; seine Augen hingen an den Goldfransen des Vorhangs. Endlich ging er auf. Der Junge fuhr zusammen, sah dann im Rampenlicht zwei Damen; es war ihm, als ob sie aus einem Nebel kamen.

Stella hatte wenig Auge für das, was auf der Bühne vorging; sie saß hinter ihrem Fächer versteckt und sah von der Seite auf ihren Sohn. Er saß ganz stille da. Sie beugte sich zu ihm nieder und flüsterte ihm etwas zu, aber er schüttelte nur den Kopf und starrte weiter krampfhaft auf die Bühne. Die ganze Komödie spiegelte sich in seinen Zügen.

Stella konnte den ganzen Abend nicht die Augen von ihm lassen.

Sie war mit ihrer Mutter zum erstenmal als fünfzehnjähriges Mädchen im Theater gewesen. Wie gut sie sich noch daran erinnerte! Man gab »Romeo und Julia«. Sie hatte es zwar nicht verstanden, die glühenden Worte waren an ihrem Ohr nur wie eine Art Musik vorbeigeglitten – aber wie schön war es doch gewesen! Sie hatte damals tief in ihrem Innersten etwas gefühlt wie eine Erwartung, eine Sehnsucht, ein Seufzen nach dem Leben, was kommen sollte.

Der Fächer bewegte sich immer lebhafter in ihrer Hand. Sie wandte sich um und sah Hög an. Er saß müde, den Kopf auf die Hand gestützt, da; ein starker Duft von Eßbukett schlug ihr aus seinen Sachen entgegen.

Einen Augenblick beschattete sie ihr Gesicht mit dem Fächer, während ihr Auge auf der zusammengesunkenen Gestalt ruhte. Darauf schlug sie den Blick nieder und eine Träne rollte langsam die Wange hinab ...

Ihr ganzes Leben bis heute hatte sie in diesem einen Augenblick gesehn. Und plötzlich stand es wie ein fürchterliches Rätsel vor ihr, wie sie an diesen Mann gekettet worden war, der hier in der Hitze des Theaters frierend dasaß. Es war ihr, als ob sie in eine weite Einöde blickte, über der ein schwerer Nebel hing. Und eine unsagbare, trostlose Bitterkeit schnürte ihr die Kehle zusammen.

Eine Bekannte beugte sich vor und sprach zu ihr. Sie lächelte mechanisch, ohne zu hören, und dieses Lächeln blieb gleichsam wie versteinert auf ihrem Antlitz liegen.

Sie sah wieder William an: er hatte sich halb erhoben, und den Kopf weit nach vorn zwischen die vor ihnen Sitzenden gedrängt, lebte er ganz auf der Bühne. Sie beugte sich nieder und küßte ihn leidenschaftlich auf die Stirn.

In diesem Kusse gab sie ihm alle Hoffnungen ihres Lebens zum Erbe.

Der Vorhang fiel. William setzte sich. »Es war nicht besonders,« sagte er und fing zu kritisieren an. So machte man nicht – oder so, und das hieß nicht lieben, der Liebhaber hatte ja ganz ruhig dagestanden! Er hätte beinahe an der rührendsten Stelle gelacht, so ein Klotz! Und der Liebhaberin fehlte am rechten Schuh die Schnalle! Und wirkliche Gräfinnen hielten nicht so den Kopf, wenn sie Tee tranken! Und so ging es weiter.

Es war etwas in diesem allem, was Stella nicht verstand, nicht begreifen konnte. »Amüsierst du dich denn nicht?« fragte sie ganz erstaunt.

»Ach, himmlisch!« Er sah auf; seine Augen strahlten.

Nun spielte das Orchester einen spanischen Tanz, die Introduktion zum Bolero des Programms.

Der Tanz fing schwermütig an, wie schleppend in langsamem Tempo. Dann wurde er lebhafter, und plötzlich hörte man die wilden Laute des Bolero in sausender Fahrt.

Der Vorhang ging auf. Aller Augen wandten sich der Bühne zu, die einen Wald vorstellte. Da hörte man die Kastagnetten erklingen, und mit erhobenen Armen schwangen sich die Damen über die Bühne.

William fuhr von seinem Sitze auf ... wurde puterrot, das war es also, das war es ... Und die Tanzenden jagten aneinander in verschlungenen Kreisen; die Weiber glitten in die Arme der Männer, machten sich wieder frei; und während die Musik mit immer wachsender Schnelligkeit raste, wurden die Bewegungen der Tanzenden immer wilder, und lockend klangen dazu die Kastagnetten ...

William klammerte sich an die Bank fest; das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.

Er hatte rote Flecken auf den Wangen, die Augen glänzten, und er atmete stoßweise. Stella bemerkte es, und von einer plötzlichen Angst ergriffen, preßte sie ihn an sich.

Der Junge lächelte schwach. Die Töne des Bolero jagten noch durch seinen Kopf; es war ihm so eigentümlich beklommen zumute.

Jetzt sollte Cancan getanzt werden. Erst hatte Hög gesagt, daß sie vorher gehen sollten, nun wollte er bleiben. Seine Augen hatten einen gläsernen, starren Ausdruck bekommen. »Wenn man nun einmal erst hergegangen war, konnte man auch ebensogut jetzt noch dableiben«, meinte er. Aber Stella machte ihm Zeichen, aufzubrechen; sie hatte die ganze Zeit über William ängstlich beobachtet und war nach dem Tanz von einer unerklärlichen Angst ergriffen worden. Sie konnte sich selbst keine Rechenschaft darüber geben, weshalb, – aber sie wußte nur eins: sie wollte mit dem Jungen heim.

Dann war ja auch Nina mit ... Ach nein, für Nina brauchte man nicht zu fürchten. Sie saß ganz ruhig da und sah mit ihren klaren, vernünftigen Augen auf den Vorhang. Stella seufzte erleichtert auf. Aber fort wollte sie doch, Hög hatte ja selbst gemeint, daß ... und schon der Bolero war mehr als genug für die Kinder ...

Hög stand auf, aber während man noch rechts und links Abschiedsgrüße lauschte, hatte die Musik wieder begonnen, und der Vorhang war aufgegangen. Stella, die als Letzte ging, schob den Jungen nach dem Ausgang zu, aber ein Murmeln ließ ihn den Kopf wenden. Er sah noch vier fast nackte Weiber auf der Bühne, darauf schloß sich die Tür hinter ihm. Stella sprach mit der Garderobenfrau; Hög bestellte Billette für den nächsten Tag. William hörte die Musik von drinnen gedämpft heraustönen, darauf ein dumpfes Brausen von Bravorufen, Klatschen und Gemurmel. Als er sah, daß man nicht auf ihn achtete, ging er schnell zurück, lief den Gang hinunter und öffnete die Tür zum Parkett.

Er blieb wie angenagelt stehn. Die vier Damen standen noch immer da. Mit einem einzigen scheuen Blicke durchsuchte er gleichsam jeden Winkel dieser schamlosen Entblößung. Das Blut schoß ihm ins Gesicht.

»William«, rief Hög hinter ihm.

... Als William ins Bett kam, konnte er trotz seiner Mattigkeit nicht einschlafen. Er fühlte sich ganz wach und war nicht imstande, stillzuliegen, strampelte mit den Beinen und sprach ganz laut mit sich selbst.

Auch Stella konnte nicht einschlafen. So machte sie Licht und stand auf. In ihre Bettdecke gewickelt, schlich sie sich langsam zu Williams Zimmer und öffnete die Tür.

Sie hob das Licht in die Höhe. Der Junge schlief. Er lag ganz zusammengekrümmt da, rot im Gesicht; die Hände krampfartig an die Brust gepreßt. Stella sah ihn lange zärtlich an; sie studierte jeden Zug seines Gesichts, jede Falte.

Der Junge drehte gerade den Kopf auf die andre Seite und seufzte. Stella machte ihm Kissen und Decke ordentlich und wandte sich zum Gehen. Als sie aufsah, traf ihr Blick ein Christusbild, das über dem Bettchen hing, das Geschenk einer alten Kinderfrau.

Sie blieb stehn und sah es lange an. Es war, als ob ihr Blick das Bild durchdringen wollte.

Sechs Wochen später wurde Nina konfirmiert.