Michael - Herman Bang - E-Book

Michael E-Book

Herman Bang

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Beschreibung

Herman Bangs Roman "Michael" ist ein eindringliches Werk, das in der Belle Époque Europas spielt und die komplexen Beziehungs- und Machtstrukturen zwischen Künstlern, ihren Musen und Liebhabern erforscht. Der Roman erzählt die Geschichte des Malers Claude Zoret und seiner komplizierten Beziehung zu seinem Pflegekind Michael, dessen jugendliche Anmut und Schönheit die Inspirationsquelle des Künstlers ist. Bangs präziser und eleganter literarischer Stil fängt die subtilen emotionalen Unterströmungen und die stille Tragik der Charaktere meisterhaft ein, während er zugleich eine feinsinnige Kritik an der oberflächlichen Schönheit und dem Ruhm der Kunstwelt übt. Herman Bang, ein dänischer Schriftsteller und Kritiker, war ein herausragender Vertreter des Impressionismus in der Literatur. Geboren 1857 in der dänischen Kolonie Sankt Thomas, wurde er später in Dänemark für seine journalistischen Arbeiten bekannt. Seine eigenen Erfahrungen mit gesellschaftlicher Isolation und sein scharfer Blick für die Nuancen menschlicher Interaktionen brachten ihn dazu, psychologisch dichte und stilistisch anspruchsvolle Erzählungen zu schaffen. Die Inspiration für "Michael" könnte teilweise aus Bangs eigenem, von Turbulenzen geprägtem Leben stammen, in dem er oft mit den Erwartungen und Vorurteilen seiner Zeit ringen musste. Dieses Buch ist eine hervorragende Wahl für Leser, die die feinsinnige Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen und die psychologische Komplexität literarischer Figuren schätzen. Die Kunst und das Leben, die Geschichte von Liebe, Schönheit und Verlust, werden von Bang so kunstvoll verwoben, dass "Michael" sowohl ein tiefergehendes Verständnis als auch eine emotionale Auseinandersetzung verspricht. Die Lektüre dieses Romans bietet nicht nur eine Bereicherung der intellektuellen Perspektiven, sondern auch ein eindringliches Erlebnis der ästhetischen Eindrücke, die Herman Bangs geschickte Erzählkunst hervorruft.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Herman Bang

Michael

Übersetzer: Julia Koppel
e-artnow, 2025

Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Der Meister öffnete die Tür zum Balkon und trat hinaus. Seine Augen waren leicht zusammengekniffen, entweder weil sie das Werk, das seine Gedanken endlich verlassen wollten, noch zu sehen sich bemühten, oder vielleicht nur, weil sie vom Tageslicht geblendet wurden.

Er setzte sich in den gewohnten Stuhl. Sein mächtiger Bart, dessen weiße Streifen wie seltsame Wellen durch das Schwarz rannen, reichte fast bis zum Geländer hinab, und er drückte nach beendetem Tagewerk seine Hände einen Augenblick gegen das Eisen des Gitters, als stemme er sie gegen einen unerschütterlichen Felsen.

Michael saß wie gewöhnlich, das schlanke Kinn gegen die Balustrade gestützt, und starrte in die Luft. Einige Skizzen lagen in seinem Schoß, als wären sie vergessen.

Der Diener erschien in der Tür mit der Post und Visitenkarten, die er dem Meister auf einem Tablett reichte. Der Meister las die Karten und ließ sie auf das Tablett zurückgleiten, als hätte keine von ihnen einen Namen getragen. Er behielt eine einzige, die er oben in seine Weste hineinschob.

Dann griff er nach den Zeitungen. Die meisten waren unter Kreuzband, mit blau eingerahmten Spalten.

»Was schreiben sie?« fragte Michael und hob den Kopf.

»Von der Ausstellung in Melbourne.«

»Was?« fragte Michael und sah Claude Zoret ins Gesicht.

»Was sie immer schreiben,« sagte der Meister, der die Lippen nur ganz wenig öffnete, wenn er sprach, und schob die Zeitungen beiseite.

Michael richtete sich in seinem niedrigen Stuhl auf und breitete die Zeitungen vor sich auf dem Geländer aus, während er im Eifer jeden Augenblick sich das lange, dunkle Haar aus der Stirn strich, als hindere es ihn am Lesen.

Der Meister rührte sich nicht. Ruhevoll lag sein Blick auf dem Garten der Tuilerien, wo der beginnende Abend seine rieselnden Schleier bereits über die Schultern der Statuen herabsenkte und die Schatten der Lorbeerbäume vertiefte, und in seinem Blick war ein Ausdruck, wie seine Bauernvorfahren ihn gehabt hatten, wenn sie am Abend vor ihren Äckern saßen.

Claude Zoret wandte den Kopf.

»Du kannst ja gar nicht Englisch lesen,« sagte er.

»Doch, etwas,« sagte Michael und blieb über die Zeitungen von Melbourne gebeugt sitzen.

Der Meister hob die Skizzen auf, die von Michaels Schoß herabgeglitten waren, und er betrachtete sie: Wieder ein paar hingestreckte Frauenkörper. Bei der einen Skizze war der Kopf nicht vollendet oder vergessen. Die andere zeigte nicht viel mehr als eine Hüfte.

Weiter kam Michael nie. Ihm gelang eine Brust, eine Lende, ein Nacken, ein Hals, aber nie erfaßte er den ganzen Körper.

Aber – und der Meister hielt die Skizzen etwas von sich ab – die Linien waren gut.

Ja, sie waren gut.

Der Meister lächelte.

Natürlich, die Skizzen waren schon signiert. Unter jeder Studie stand stets in seiner wunderlich verschwimmenden, oder vielleicht eher verwickelten Handschrift, denn jeder Buchstabe griff fest in den andern: Eugene Michael, und der Strich unter dem Namen war wie gestickt mit seinen drei Punkten.

Claude Zoret hob wieder den Kopf, und ohne daß er es selbst wußte, saugten seine Augen die Farbe des Himmels ein, die in dem zunehmenden Abend blasser und blasser wurde, von einem eigenartigen, weißlichen Blau, ähnlich dem allerersten Schimmer vom allerersten Licht eines Sommermorgens.

Auch Michael hatte den Kopf gehoben und betrachtete den Himmel. Wenn er so aufrecht saß wie jetzt, hob sein dunkles Haar sich fast wie ein Helm über seinem Kopf.

»Wie seltsam der Himmel gefärbt ist,« sagte er; und er versuchte wieder zu lesen, während der Lärm der Rue de Rivoli zu ihnen heraufstieg wie ein brausender Strom von Lauten, in dem man keine einzelnen Töne unterschied.

Ein paar Augenblicke sprach niemand, bis Michael von neuem die Augen hob und lange zum Himmel hinaufsah: »Weißt du,« sagte er, »ist es nicht seltsam? Diese Farben habe ich zu Hause über dem Hradschin an Maimorgen gesehen.«

Der Meister lachte kurz auf: »Bist du so zeitig aufgestanden?«

»Ja, damals,« sagte Michael und las weiter.

Der Meister rollte, ohne es zu wissen, Michaels Skizzen zusammen und hielt sie in seiner geschlossenen Hand, während er den Lesenden betrachtete:

Seine Glieder waren so stark geworden. Sein Körper bekam Muskulatur. Er wuchs sich aus. Diese Linien – und unwillkürlich führte Claude Zoret die Skizzenrolle durch die Luft – hatten sich verändert, seit er ihn als »Alkibiades« und als »Sieger« gemalt hatte.

Aber das war auch fünf Jahre her – und die Augen des Meisters bekamen einen Ausdruck, als läsen sie die fortschreitenden Jahreszahlen auf seinen eigenen Bildern – ja, wirklich fünf Jahre, seit er den Sieger gemalt, und über fünf Jahre, seit er die Studien im Hradschin gemacht hatte.

Wie deutlich er sich jener Zeit entsann. Die Atmosphäre von Prag, wie merkwürdig sie der Atmosphäre von Montmartre glich, dieselben Farbentöne, ganz dieselbe Stimmung. – – Und in Prag war dann Michael zu ihm gekommen.

Jeden Abend, wenn er vom Hradschin nach Hause kam, hatte der Portier des Hotels zu ihm gesagt: »Der junge Mensch ist da,« und jeden Abend hatte er geantwortet: »Morgen.« Bis er schließlich eines Abends, halb in Wut, gesagt hatte: »Wieder, na, meinetwegen, lassen Sie ihn kommen.« Und Michael war in sein Zimmer getreten und an der Tür stehen geblieben, die Knie leicht gebeugt, das regelmäßige Gesicht ganz weiß, die Stirn von Schweißtropfen bedeckt, Perle an Perle. »Na, was wollen Sie?« – »Ihnen etwas zeigen, Meister.« – »Was?« – »Ein paar Zeichnungen, Meister.« – »So. Zeichnet man in Ihrem Alter? Geben Sie her.«

Und er hatte das Machwerk, die Strichelei, etwas anderes war es nicht, betrachtet. Aber dazwischen waren einige Frauenstudien, die trotzdem . . .

»Setzen Sie sich,« hatte er gesagt: »Ja, wenn Sie Maler werden, werden Sie jedenfalls nichts als Weiber malen lernen.«

Er hatte Michael angesehen, der sich nicht gesetzt, sich nicht gerührt hatte. Noch immer bleich, das Antlitz von Schweiß wie von einem Schleier bedeckt, stand er da – und über dieser Statue der Angst mußte wohl etwas gelegen haben, etwas, das sein Auge fesselte, denn er sagte plötzlich, wie man ein Lebewohl sagt, das man freundlich gestalten möchte: »Hm, Sie, wenn Sie mir in einem Jahr ein Bild bringen, eine Frau, die gemalt ist, richtig gemalt – – dann können wir ja weiter reden.

Im übrigen bin ich kein Mr. Bonnat, ich gebe keine Stunden.«

Und er hatte, als Michael, noch immer bleich, mit weit aufgerissenen Augen, bereits die Tür geöffnet hatte, noch gefragt: »Wie alt sind Sie?« – »Siebzehn Jahr, Meister.« – »Und wie heißen Sie?« – »Michael,« hatte er geantwortet und den Kopf gesenkt.

Nein, er hatte nie einen Menschen gesehen, der so voll und ganz, so bis in die Fingerspitzen hinein der Ausdruck des einen Gefühls war: der Angst. Er hatte ihm die Hand gereicht: »Adieu,« hatte er gesagt und Michaels Hand gefühlt, die eiskalt war wie sein ganzer Körper.

»Adieu, Meister,« hatte Michael geantwortet und hatte wieder den Kopf gesenkt, bevor die Tür zufiel.

Claude Zoret betrachtete noch immer den verblassenden Himmel.

Wo mochten jene Studien vom Hradschin eigentlich sein? Er hatte nie Gebrauch davon gemacht. Als er von Prag heimkehrte, hatte er plötzlich, er erinnerte sich dessen, ganz ohne Grund, ohne greifbare Ursache, einen jener sinnlosen, geistesleeren Anfälle bekommen, in denen er Monate, Tage und Tage, in seiner eigenen Ohnmacht wie ein Bär im Käfig umherirrte oder sich in eine ungeheure Betäubung stürzte, die Wochen zu einer einzigen Nacht machte, aus der ihm nur die Erinnerung an den dumpfen Drang nach Bewußtlosigkeit oder Schlaf zurückblieb.

Ja, gerade damals hatte er solch einen Anfall gehabt, solch verfluchten Anfall. Fast ein halbes Jahr hatte er gedauert. Michael war inzwischen mit seinem Bild gekommen, ein nacktes Weib auf einer Wiese hingestreckt. Viele Monate hatte die Apathie gewährt, bis er plötzlich, fast ohne zu denken, ohne zu überlegen, ohne zu wissen, er, in dessen Gehirn Gedanken und Gestalten sonst halbe Jahre zu lagern pflegten, ganze Jahre, viele Jahre und all seine Gedanken aufsogen, wie ein Schwamm Blut aufsaugt, und ihn quälten, bis er sie wie einen Mühlstein von sich schleuderte – sich unvermittelt über das große Gemälde hergemacht hatte: »Die Athener erwarten die Antwort des Orakels,« bei dem es ihm endlich einmal geglückt war, die elende Todesangst der Menschen zu malen, und wo er Michael in den Hintergrund gestellt hatte, die Knie leicht gebeugt, gerade so wie er damals in Prag an der Tür gestanden hatte.

Und nach der »Angst« hatte er den »Sieger« gemalt.

Michael hatte das Gesicht gehoben.

»Weißt du, was hier steht?« fragte er.

Der Meister antwortete nicht.

Durch die bleiche Luft fiel die Röte des westlichen Himmels wie der Widerschein eines Feuers auf die Dächer des Louvres.

»Weißt du, was hier steht?« wiederholte Michael.

Und als hätte er es auswendig gelernt, sagte er in die Luft hinein: »Hier steht: Es bleibt der Eindruck, daß hoch über alle hinaus Frankreichs Name sich wie ein Banner erhebt, von Claude Zorets mächtigen Händen getragen.«

Der Meister verzog keine Miene, Michael aber stützte den Kopf in die Hände, während er in den Abend hinein sagte: »Wenn so etwas von einem geschrieben würde.«

Der Meister lächelte: »Ja, Michael, der Mann muß malen können,« sagte er und schleuderte die letzten Worte wie im zornigen Hohn heraus.

Plötzlich änderte er den Ton: »Du solltest über dieses Gitter hinunterspringen,« sagte er und schlug mit seinen Händen auf das Geländer.

»Weshalb?«

Das Geklingel der Fahrräder klang zu ihnen herauf, während sie beide schwiegen.

»Weshalb,« fragte Michael, und er sprach ganz leise, »sagst du mir immer dasselbe?«

Der Meister antwortete nicht.

Michael aber sagte und sprach noch immer leise, während eine plötzliche Röte sich über das gesenkte Gesicht breitete: »Darf ich dir etwas sagen?«

»Was du willst.«

»Begreifst du nicht . . . kannst du denn nicht begreifen, daß ich . . . daß, wenn ich lese, was hier steht, wie deine Bilder, gleich denen der großen Meister, Jahrhunderte überdauern und daß Menschen sie noch ansehen werden nach einer Zeit, die wir gar nicht ausdenken können . . .«

Claude Zoret schüttelte den Kopf: »Niemand,« sagte er, »weiß, wie lange etwas besteht.«

Und indem er seine behaarte Hand hob und zum Louvre hinüberzeigte, sagte er, und seine Stimme hatte denselben Tonfall wie vorhin: »Geh dort hinüber und sieh zu, wie viele von den Unsterblichen bereits tot sind.«

Michael hob den Kopf: »Du weißt, daß du leben wirst. Wenn ich dich ansehe, während du malst, seh ich deinem Gesicht an, daß du weißt, du malst nicht für die, die jetzt leben.«

Der Meister lachte: »Wie seh ich denn aus, wenn ich male?«

»Du lächelst,« sagte Michael.

Claude Zoret lachte von neuem mit dem kräftigen Lachen des Bauern, das ihm bisweilen eigen war: »Ja, weil ich weiß, daß die Leute nichts verstehen werden.«

»Nein,« sagte Michael und schüttelte den Kopf, »du lächelst, weil du weißt, daß welche kommen werden, die dich verstehen.«

»Aber,« und er senkte die Stimme, »kannst du dann nicht begreifen, daß ich – daß ich mir sage . . .«

»Was?« fragte der Meister.

»Daß ich mir sage,« und plötzlich sprach Michael sehr schnell, fast wie einer, der sich schämt, »es ist dein Körper, den er malt.«

Er erhob sich mit einem Ruck, als müsse er seiner Gemütsbewegung Luft machen: »Du bist es, den er verewigt,« sagte er.

Er schwieg einen Augenblick, und während er sich wieder setzte, sagte er: »Und dann mußt du auch begreifen, daß mit meinem Körper« (er suchte nach einem Wort und verfiel auf das wunderlichste) »nicht wie mit anderen verfahren werden darf.«

Michael schwieg und auch der Meister sagte nichts. Das schwere Dröhnen der elektrischen Wagen drang wie das Geräusch eines gewaltigen Pfluges, der die Erde spalten will, zu ihnen herauf.

Da sagte der Meister in die Dämmerung hinein: »Du wirst eines Tages mehr geben als deinen Leib.«

»Was?«

»Alles,« klang die Stimme des Meisters durch das Dunkel.

Sie schwiegen wieder, bis Michael flüsternd sagte, während er seinen Kopf bis fast auf das Geländer herabbeugte: »Sag mir, wie war sie?«

»Wer?«

Michael zögerte einen Augenblick, bis er ebenso leise sagte: »Deine Frau.«

Die Züge des Meisters veränderten sich nicht.

»Du hast sie ja gesehen,« sagte er und rührte sich nicht.

Michael starrte in die Dämmerung hinein.

»Ja,« sagte er und bewegte den Kopf ganz wenig, er wagte ihn nicht zu wenden. Und er fühlte von neuem dieselbe Scheu oder beinahe Angst, die er empfunden hatte, und deren Grund er sich nicht erklären konnte, als der Meister ihn damals in Montreuil auf den Kirchhof geführt und er vor dem Denkmal, vor der Statue gestanden hatte, der einzigen, die der Meister in seinem ganzen Leben geschaffen: Eine Frau, die gebeugt und starren Auges mit einem zerbrochenen Krug in der Hand dasaß. Neben ihrem Fuß – wie war er müde – stand ein »Maria« eingeritzt.

»Aber,« sagte Michael, und seine Stimme zitterte leicht, während er beständig das Antlitz der weißen Frau vor sich sah: »Wie war sie?«

Claude Zoret saß unbeweglich und seine Stimme klang wie vorhin: »Sie war aus meiner Heimat,« sagte er und schwieg wieder.

Michael wußte selbst nicht, wie weiß sein Gesicht war und daß seine Hände zitterten.

»Aber,« fuhr der Meister immer in demselben Ton fort, »hier ist nicht von mir die Rede.«

Claude Zoret erhob sich und ging an seinem Pflegesohn vorbei, der wie in einer Ideenverbindung leise sagte:

»Wer ist eigentlich glücklich?«

Der Meister antwortete: »Ja, wer? Der empfängt, weil er gibt.«

Michael schaute zum Meister auf.

»Du hast ja alles gegeben,« sagte er.

Der Meister blieb stehen. Der Wind, der vom Tuileriengarten herübergestrichen kam, bewegte seinen wogenden Bart.

»Ich gab dem Leben nichts,« sagte er.

Michael hörte nicht. Unablässig sah er das Grabmal vor sich, die Frau und ihr Starren auf das zerbrochene Gefäß und ihre todesmüden Arme.

Der Meister aber wiederholte seine Worte, und plötzlich fing Michaels Ohr eines davon auf.

Und tief aufatmend – er wußte nicht weshalb, oder welche Bürde er heimlich abwälzte – sagte er und lächelte, daß man seine weißen, kräftigen Zähne sah: »Ja. Das Leben.«

Der Meister hatte beim Klang von Michaels Worten jäh den Kopf gewandt, und er blieb stehen, während der Ausdruck seines Gesichts sich plötzlich veränderte, und betrachtete den Pflegesohn mit Augen, die immer größer wurden. Er sah ihn von der rechten Seite. Die Lippen des Profils waren begehrlich geöffnet oder als atmeten sie stark, und die Stirn – der Meister sah es zum erstenmal – trat nach oben zu seltsam schroff zurück.

»Michael,« sagte er – und es war nicht zu erkennen, ob der Mensch oder der Maler sich wunderte, »du hast ja zwei Gesichter.«

Eine tiefe Röte flog über Michaels Züge.

»Das weiß ich wohl,« sagte er und lachte verlegen.

»Nein, bleib sitzen,« sagte Claude Zoret, und während er fortfuhr Michael zu betrachten, kam plötzlich jene Schärfe in seinen Blick, die darin aufblitzte, wenn er angestrengt arbeitend vor seinen Bildern stand.

»Das habe ich noch nie gesehen,« sagte er.

Und kurz darauf: »Sonderbar.«

Michael hatte seinen Kopf abgewandt, und keiner von ihnen sprach. Auf dem weiten Platz wurden jetzt ringsherum die elektrischen Lampen angezündet. Es sah aus, als hüpften Irrlichter hervor, wenn sie aufflammten. Der Lärm der Straße rauschte wie ein Strom, der gegen seine Ufer schwillt, zu ihnen herauf.

Der Meister stand noch mit demselben Ausdruck in den Zügen am Geländer.

Der Diener erschien in der Tür.

»Es ist bereit,« sagte er.

»Danke.«

Claude Zoret ging an Michael vorbei, um sich hineinzubegeben.

»Wirf den Ruhm ins Feuer,« sagte er, indem er auf die Zeitungen zeigte, und er bückte sich, um die eine aufzuheben.

»Du hast eine Karte verloren,« sagte Michael und nahm die Visitenkarte von der Erde auf, die der Meister hinter seine Weste geschoben hatte.

»Ja,« sagte der Diener, der an der Tür wartete, »Madame wollte Bescheid haben.«

»Ach so,« sagte der Meister, »die ist es. Sagen Sie, daß ich heut abend zu Hause bin.«

Der Diener verschwand.

Michael hielt die Karte so, daß das Licht aus der Tür darauf fiel.

»Fürstin Lucia Zamikof.«

»Ja,« sagte der Meister, »ein Frauenzimmer, das gemalt werden will.«

Michael lachte, während er den fremden Namen noch einmal spöttisch wiederholte. Die Zeitungen in der Tasche, ging er dem Meister voran die Stufen zum Atelier hinunter, wo er den Zeitungshaufen in den großen Kamin warf, während er sich selbst auf einen Schemel davor setzte. Die Flammen des brennenden Papiers warfen einen roten Schein auf sein Gesicht.

Der Meister zögerte einen Augenblick.

»Kommst du?« sagte er. »Adelsskjolds essen heute hier.«

Der Meister ging.

Michael saß noch auf seinem Schemel. Über den Kohlen im Kamin lag es von dem verbrannten Papier wie ein grauer Schleier von Asche oder von Staub.

Claude Zoret führte Frau Adelsskjold die drei weiß lackierten Stufen zum Speisesaal hinunter. Ihnen folgten Adelsskjold und Herr de Monthieu.

Charles Schwitt, der neben Michael ging, sagte, indem er einen Ring an dessen Finger betrachtete: »Was ist das für ein Ring?«

»Ein ägyptischer,« antwortete Michael und hob die Hand, »es ist ein Geschenk des Meisters.«

»Natürlich,« sagte Schwitt, »er wird Ihnen wohl nächstens noch ein paar Beinspangen verehren.«

Sie nahmen alle Platz, während die beiden Stubenmädchen mit den weißen Hauben die Suppe herumreichten, und es wurde wieder von Schmucksachen gesprochen, antiken Schmucksachen, von einem syrischen Gefäß, das der Herzog von Rochefoucault angekauft hatte, und von einigen Neuerwerbungen des Louvres, über die alle lachten.

Frau Adelssjkold hob ihre Hände, die schwer von Diamanten waren, ein wenig vom Tisch und sagte: »Ich mag keine antiken Ringe. Man weiß nie, an wessen Händen sie gesessen haben. Ich glaube, sie bringen Unglück.«

Charles Schwitt lachte und sagte: »Glauben Sie, daß so ein Ring zweitausend Jahre lang in der Erde gelegen und Unglück eingesogen hat?«

Frau Adelsskjold antwortete: »Ich weiß nicht. Es ist so eine Idee. Und außerdem habe ich Furcht vor Leichen.«

Adelsskjold, der trotz seines fünfzehnjährigen Aufenthaltes in Paris die Sprache mühsam sprach, wie etwas, das sich schwer handhaben läßt, sagte: »Alice ist abergläubisch wie die Wirtin vom Grauen Bären.«

Der Meister lachte beim Gedanken an die alte Wirtin vom Bären in St. Malo, wo er, der sonst immer allein arbeitete, der Künstlerkolonien scheute und gewöhnlich nur von Michael begleitet war, sich einen einzigen Sommer mit Adelsskjolds eingemietet hatte – bis der Ausdruck seines Gesichtes sich plötzlich veränderte und er sagte: »Sie war ebenso abergläubisch wie meine alte Mutter.«

Der junge Herzog beugte den Kopf, der ein zartes Aroma ausströmte, wie Salben und Essenzen es hervorbringen, und sagte: »In unserer Familie glauben wir alle an Weissagungen.«

»Ja, es ist unglaublich,« sagte Herr Schwitt, der immer merkwürdig stoßweise sprach und mit vielen eigenartigen Handbewegungen, wie die meisten Männer jüdischer Abstammung, »der Aberglaube verbreitet sich buchstäblich in ganz Paris und am stärksten in unseren Kreisen.«

Der Herzog wandte den Kopf und sagte zu Herrn Schwitt, während seine Stimme sehr ehrerbietig klang: »Ist das nicht ganz begreiflich? Ich meine, daß die, die überhaupt einen Zusammenhang suchen, dem Unerklärlichen in die Arme fallen?«

Der Meister wandte den Kopf und sah den jungen Mann an.

»Sie haben recht, Monthieu,« sagte er kurz, »um das Unerklärliche zu erklären, sucht man das Unerklärliche auf.«

»Nein, das geht doch zu weit,« sagte Herr Schwitt und gestikulierte vor seinem Gesicht herum, »schließlich wirst du auch noch Sterndeuter. Es gibt in Paris kaum noch eine Stelle, wo nicht in den Sternen gelesen oder aus der Hand geweissagt wird.«

»Ich habe nicht gesagt, daß man einen Zusammenhang suchen soll,« sagte der Meister.

Frau Adelsskjold aber beugte hastig ihre Brust über den Tisch und sagte: »Sie wollen doch wohl nicht Chiromantie als Aberglauben bezeichnen?«

Alle lachten über den Eifer, ja fast Ärger in ihrer Stimme (ausgenommen der Herzog, dessen blaue Augen weniger als eine Sekunde auf Frau Adelsskjolds entblößter Brust ruhten), und Herr Schwitt sagte: »Als was sollte ich es sonst wohl bezeichnen?«

Frau Adelsskjold sagte in demselben Ton wie vorhin: »Mit Ihnen kann man nicht disputieren, denn Sie glauben ja überhaupt an nichts. Daß man aber aus der Hand weissagen kann, ist doch wirklich bewiesen.«

Und sie erzählte eine Menge Geschichten von Bekannten, denen aus der Hand geweissagt worden war. »Die Leute haben Geheimnisse herausgelesen, die sie unmöglich wissen konnten,« sagte sie. »Sie haben gelesen, was geschehen war und was geschehen würde – alles, und es ist eingetroffen.«

»Haben sie auch die Zukunft vorausgesagt?« fragte Herr de Monthieu und hob eine Sekunde seine Augen.

»Ja, alles, auch die Zukunft . . . und es ist eingetroffen.«

Der Meister lächelte ganz wenig.

»Ich würde mir nie aus der Hand weissagen lassen, selbst wenn ich daran glaubte.«

»Weshalb?«

»Ach,« sagte der Meister, »in meinem Alter besteht das Geheimnis, was geschehen wird, nur darin, daß nichts geschieht.«

Herr de Monthieu senkte den Kopf. »Es wird doch geschaffen.«

»O ja,« antwortete Claude Zoret, dessen Stimme etwas lauter und ungeduldiger klang, »man malt ja etliches.«

»Ich,« sagte Michael, der oft so seltsam mit seinen Bemerkungen herausplatzte, »möchte mir schrecklich gern aus der Hand weissagen lassen.«

»Um was zu erfahren?« fragte Herr Schwitt.

Michaels Wangen wurden rot. »Um zu erfahren, was kommt.«

Herr Schwitt lachte über den Ton seiner Worte, Adelsskjold aber hob den großen Kopf. »Alice hat sich übrigens nie weissagen lassen.«

»Nicht?« – fragte der Herzog.

»Nein,« sagte Frau Adelsskjold, »ich wage es nicht.«

Und mit einem kleinen Lachen, das plötzlich um den Mund die allerersten Falten ihrer zweiunddreißig Jahre zeigte, sagte sie: »Ich habe Angst, daß man etwas über meinen Tod herauslesen könnte.«

»Sie?« sagte Herr Schwitt und ließ seine Augen auf ihrer kräftigen Erscheinung ruhen, wo der schöne, weiße Busen von Adern wie von einem halb unsichtbaren Spitzenschleier durchwebt war.

»Ja,« sagte Frau Adelsskjold und sagte in einer unwillkürlichen Gemütsbewegung vielleicht mehr als sie wollte, »es ist seltsam, aber ich kann plötzlich von einer solchen Todesangst ergriffen werden, daß ich nicht weiß, wo ich vor Entsetzen hinflüchten soll. Ich muß manchmal« – und sie lachte ein bißchen – »den armen Alexander mitten in der Nacht wecken, und dann zünden wir alle Lampen im ganzen Hause an, und er spielt mir etwas vor . . . denn ich wage geradezu nicht, in meinem Bett zu bleiben.«

Alle hatten Frau Alice angesehen. Eine matte Blässe hatte sich von ihrem Gesicht über ihre Brust bis an die Kante ihres rotbraunen Kleides ergossen.

»Ja,« sagte sie und strich sich mit der Hand über die Stirn, während sie den Ton wechselte, »es ist direkt lächerlich.«

Herr Schwitt, der sie noch immer betrachtete, sagte mit einem kaum merklichen Lächeln: »Das kommt davon, daß Sie so kräftig sind.«

Herr de Monthieu, der so weiß war, als hätte Frau Alices Blässe ihn angesteckt, sagte halblaut, indem er in das Licht der Kandelaber sah: »Ich weiß eigentlich nicht, ob es so schwer wäre, an dem Abend eines Tages zu sterben, an dem man gelebt hätte.«

Frau Alice sah ihn plötzlich an und schlug die Augen wieder nieder.

»Oder, Monthieu,« sagte der Meister, »an einem Abend, an dem man nur die andern hat leben sehen.«

Adelsskjold saß da, als hörte er nichts. Sein ganzes Leben war in seinen Augen konzentriert, die auf Frau Alice ruhten. Dann sagte er: »Wir reisen bald nach der Normandie.«

Herr de Monthieu wandte sich hastig zu ihm. »Wirklich?« sagte er.

»Ja,« sagte Adelsskjold, »das ist gut für die Nerven.«

Herr Schwitt aber, der noch bei dem Thema Tod war, sagte: »Für mich ist der Tod ganz einfach der letzte Abschnitt des Lebens;« während Michael, der unausgesetzt Frau Adelsskjold ansah, sagte: »Ich habe mich nie vor dem Tode gefürchtet, selbst damals nicht, als ich Typhus hatte und alle meinten, daß ich sterben würde.«

»Weshalb nicht, Michael?« fragte der Herzog, dessen Augen gleichsam aus ihrer Schwermut zu erwachen schienen, wenn Michael plötzlich sprach.

Michael warf den Kopf zurück, so daß sein reiches Haar sich wie eine Krone über seinem Kopf erhob. »Weil ich genau wußte, daß ich nicht sterben würde,« sagte er.

Herr de Monthieu lachte, Frau Alice aber, die dem Gespräch eine andere Wendung geben wollte, sagte, während sie die Augen zur Decke erhob, wo weiße Fayencelilien sich über ein einziges mächtiges Spiegelglas ergossen: »Wie schön die Lilien doch sind.«

Der Meister, der sich noch immer, nach zwanzig Jahren des Weltruhmes, geschmeichelt fühlte, wenn jemand das Haus bewunderte, das er sich für einige Millionen geschaffen hatte, um nicht hinter »den anderen« zurückzustehen, zeigte auf sein Glas, das das Stubenmädchen gerade mit Champagner füllte. »Das ist schön,« sagte er und hob das Glas, wo der gelbe Wein in dem englischen Schliff funkelte. Er behielt es einen Augenblick in der Hand. Zuzeiten besaß er noch den Drang seiner Vorfahren, ihren Besitz zu zeigen.

Die Stubenmädchen fuhren fort, Champagner zu schenken, den Herr Schwitt mit Selters vermischt trank, und Michael setzte mit Bezug auf die Gläser rasch und laut hinzu: »Sie sind aus London, nach einem Entwurf von Jones.«

Frau Adelsskjold hob das Glas mit ihrem Arm, dessen Ellenbogen von blutrotem Chiffon verschleiert war, um den Schliff gegen das Licht der Kandelaber zu betrachten, als ihr Blick auf Michael fiel und sie lachend zu dem Meister sagte: »Michael gehen allmählich die Augen auf.«

»Wieso?« fragte Michael, während alle lachten und Herr Schwitt sagte: »Ja, er wächst heran.«

Der Meister lächelte und sagte: »Für Frauen hat er immer den richtigen Blick gehabt.«

Und zu demselben Gedankengang zurückkehrend, dem er vorhin auf dem Balkon gefolgt war, sagte er: »Haben Sie nie seine Skizzen gesehen?«

»Nein, nein,« rief Michael und sprang vom Stuhl auf.

Der Meister aber sagte zum Majordomus gewendet, der breit und wie eine Bildsäule vor dem mächtigen, weißen Büfett stand: »Hole sie her.«

»Nein, nein,« rief Michael wieder.

»Hole sie her.«

Alle lachten über Michael, der vor Angst glühte.

»Also Michael, jetzt bekommen wir Ihre Werke zu sehen,« sagte Frau Adelsskjold, während alle immer noch lachten. Adelsskjold lachte immer so dröhnend, als lache sein ganzer gewaltiger Körper – was gewöhnlich Frau Adelsskjolds Lachen zum Verstummen brachte.

»Wir bekommen vielleicht noch mehr zu sehen,« sagte Schwitt.

Der Majordomus kam mit Michaels Mappe unterm Arm zurück.

»Nein, es hilft Ihnen nichts, es hilft Ihnen nichts,« sagte Herr de Monthieu, »jetzt wollen wir sie sehen.«

Michael wollte ihm die Skizzen entreißen, aber Monthieu hielt die Mappe fest.

Die Blätter gingen von Hand zu Hand, während aller Augen, indem sie sie betrachteten, einen anderen Ausdruck annahmen. Adelsskjold streifte unwillkürlich seinen Frackärmel über die Manschette zurück. Er mußte stets, wenn er beschäftigt war, seinen starken Körper von Kleidungsstücken befreien; er malte immer halb angezogen.

»Wo zum Teufel hat der Junge dies alles gesehen?« sagte er und sah Michael an.

Er führte seine großen Hände im Bogen über eine neue Skizze.

»Wo zum Teufel hat er das gesehen,« sagte er zum Meister gewendet, der aufrecht auf seinem Stuhl saß, während der mächtige Bart fast den Tisch erreichte.

»Wahrscheinlich in Böhmen,« sagte der Meister, während seine Augen auf Michael ruhten, in dessen schmalem Gesicht die dunkelblauen Augen vor Erregung feucht waren.

»Im Traum hat er es jedenfalls nicht gesehen,« sagte Herr Schwitt, der eine Skizze ein Stück von sich ab hielt, während der Herzog den Blick von dem Blatt, das er in der Hand hielt, erhoben hatte und Frau Adelsskjold betrachtete, die die Blätter etwas hastig auf das Tischtuch gleiten ließ.

»Ich habe mir immer gedacht, Michael,« sagte Herr Schwitt und betrachtete Michael mit jenem Blick, der seine Rasse zu den größten Kritikern der Welt gemacht hat, »daß Sie Frauen gefährlich werden können.«

»Weshalb?« fragte Michael und lachte in seiner Verlegenheit.

Herr Schwitt legte das Blatt aus der Hand und sagte in dem Ton von Zynismus, mit dem er den Menschen ins Gesicht schlug: »Weil Frauen stets wissen, wer bereit ist, ihnen alles zu geben.«

»Und,« fuhr er fort, »es gibt immer weniger Männer, die alles geben.«

Der Herzog wandte langsam den Kopf.

»Glauben Sie?« sagte er.

»Ich weiß es. Und der Grund ist sehr einfach. Die Männer heutzutage,« sagte Herr Schwitt, »müssen vor allen Dingen an das Geld denken. Der Rest bleibt dann für die Frauen.«

»Das glaube ich nicht,« sagte Adelsskjold, der den Kopf hob und seine Frau ansah.

»So?« sagte Herr Schwitt und seine Augen streiften Adelsskjold flüchtig. »Wahr ist es aber trotzdem. Ja, einige Männer schuften natürlich, weil sie lieben, und wenn sie schuften, wird man sie nicht mehr lieben, weil sie geschuftet haben. Das haben sie davon.«

Es wurde während einer Sekunde still am Tische, während Adelsskjold sich unwillkürlich mit der Serviette über die Stirn strich, als wäre sie feucht, bis Frau Alice lachend sagte: »Sagen Sie mal, Herr Schwitt, wieviel Paradoxen schleudern Sie eigentlich täglich in einer Stunde heraus?«

Entweder hatte Herr Schwitt die Frage überhört oder er wollte sich nicht weiter darauf einlassen, denn er wendete sich an Michael und sagte: »Was meinen Sie dazu, Michael?«

Michael lachte und antwortete: »Ich versteh mich nicht darauf.«

Herr de Monthieu hatte sich hastig zu Frau Adelsskjold gewandt und sprach über ein Buch von Anatole France, während der Meister, der eine von Michaels Skizzen in der Hand hielt, zu Frau Adelsskjold sagte: »Sehen Sie Michael mal an – – jetzt . . . wie er da sitzt. Der Junge hat zwei Gesichter.«

»Ja, eines im rechten Profil und eines im linken,« antwortete Frau Adelsskjold, die wieder den Kopf drehte, »das hab ich immer gewußt. Haben das nicht eigentlich alle Menschen?«

»Zwei Ausdrücke, ja,« und der Meister betrachtete seinen Pflegesohn wieder mit demselben Blick wie vorhin auf dem Balkon, »aber nicht zwei Gesichter.«

Er rollte etwas Brot zwischen seinen Fingern, daß es wie Krumen oder wie Sand auf das Tischtuch fiel, während er sagte: »Allerdings sehen wir alle das Gesicht eines Menschen nur alle fünf Jahre, und dann sehen wir, daß es ein anderes geworden ist.«

»Ja,« sagte Frau Adelsskjold, indem sie den Meister plötzlich ansah, »das ist wahr.«

Und kurz darauf wiederholte sie und nickte mit dem Kopf, während sie in die Kerzen sah: »Das ist wahr.«

Der Meister hatte es nicht gehört. Er hatte die Serviette fortgeschoben und stützte den Kopf in die Hand, als er plötzlich zu Herrn Schwitt hinüber sagte: »Charles, weißt du, ich hab eine Idee zu einem Bild bekommen – – heut – – vorhin – –«

Die ganze Tafelrunde verstummte. Es geschah sonst nie, daß Claude Zoret mit anderen als mit Michael über seine Bilder sprach – niemals, selbst nicht mit Charles Schwitt, dem ersten Kritiker, der sein Genie erkannt hatte.

Claude Zoret nahm, halb unbewußt, die Seemannspfeife, die neben seinem Teller lag und die er stets bei Tisch rauchte, auch wenn er Gäste hatte.

»Weißt du, ich will Cäsar malen – – den Menschen habe ich immer malen wollen. Jetzt aber« – und er sah dem Rauch der Pfeife nach, die er angezündet hatte – »jetzt weiß ich, wie . . . ich will den Augenblick wählen, wo er verwundet wird – – von einem germanischen Soldaten, – einem unwissenden, gemeinen, barbarischen, jungen Soldaten.«

Er schwieg eine Weile, bis er hinzufügte: »Am Fußgelenk soll er ihn verwunden.«

Alle sahen Claude Zoret an. Seine diamantgleichen Augen leuchteten, als sähen sie bereits Form und Haltung der Gestalten.

Michael starrte den Meister mit einem Blick an, als säße er zu seinen Füßen.

»Wie soll er aussehen?« sagte er so leise, als wären sie beide allein.

Der Meister aber brach plötzlich ab und sagte munter zu Frau Adelsskjold: »Diese Idee ist schuld, daß ich solch schlechter Wirt bin.«

Und seinen Gedankengang schroff verlassend, von dem Drang beseelt, anderen Freude zu bereiten, der ihn bisweilen überkam – vielleicht auch, weil er selbst dabei ausruhte –, fing er an von dem Präsidenten der Republik zu sprechen, den er bei einem Gartenfest im Elysee gesehen hatte, und winkte dem Majordomus, dem er einen Befehl zuflüsterte.

Es wurde jetzt allgemein vom Präsidenten gesprochen, lustig, mit hellen Stimmen, wie Leute zu sprechen pflegen, deren Gedanken ruhen.

Die Gattin des Präsidenten habe ein Gesicht wie ein glühendes Plätteisen, so sei sie geschnürt.

»Aber das lächerlichste sind ihre Hüte,« sagte Frau Adelsskjold.

»Die wehen wie der Schwanz des gallischen Hahnes,« sagte Herr de Monthieu.

Herr Schwitt sagte: »Ich habe sie Prämien an französische Mütter austeilen sehen, die sieben Kinder bekommen haben. Dazu ist sie wie geschaffen.«

Der Majordomus kam mit zwei Körben zurück, in denen er ein paar bestaubte Flaschen trug, aus welchen er selbst den Wein in die inzwischen hingestellten Pokale, ein Geschenk des Prinzen von Wales, schenkte.

»Das ist der Burgunder,« sagte Adelsskjold und hob den Pokal, während seine kleinen hellblauen Augen vor Freude über die Farbe des Weins größer wurden.

»Ja, der ist alt,« sagte der Meister, »und echt. Darin ist Kraft.«

Glas und Teller hatte er fortgeschoben und saß an seinem Tischende, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, breit wie einer seiner Bauernvorfahren beim Gastmahl am Namenstag.

»Prost,« sagte er und hob sein Glas.

Sie tranken.