Hermann Kleemann - oder die Selbstwahrnehmung eines Mörders - Tim Laatz - E-Book

Hermann Kleemann - oder die Selbstwahrnehmung eines Mörders E-Book

Tim Laatz

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Beschreibung

Der in Dithmarschen geborene SS-Oberscharführer Hermann Kleemann (1915-1977) wurde ab 1941 im Konzentrationslager Auschwitz, zunächst im Block 11 (dem sogenannten "Todesblock"), und später als Lagerführer in den Außenlagern Janinagrube und Bismarckhütte eingesetzt. Dort mussten Häftlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. In Aussagen beschrieb sich Kleemann selbst als Wohltäter, er habe Häftlinge stets anständig behandelt. Er war aber von Häftlingen gefürchtet. Sie haben ihn "Revolverking" genannt, da er immer schnell zu diesem gegriffen habe. Zuletzt war er in einem Außenlager des KZ Mittelbau-Dora in Woffleben als Lagerführer eingesetzt. Mit dem Vorrücken der Alliierten begann die SS die Lager aufzulösen und die Insassen auf Räumungstransporten mit Zügen oder zu Fuß auf Todesmärsche und -fahrten in andere Lager zu verbringen. Kleemann war bei der Evakuierung des KZ-Woffleben Transportführer. Bei einem Zwischenstopp am Bahnhof Glückstadt erschoss Kleemann einen Häftling.

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Seitenzahl: 61

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Vorwort

Liebe Leser und Leserinnen,

76 Jahre ist es jetzt her, dass der Zweite Weltkrieg ein Ende gefunden hat. Die Erinnerung an die Schrecken des Krieges verblasst, aber nur wer die Geschichte kennt, kann die Zukunft gestalten und Fehler der Vergangenheit vermeiden.

2021 wurden im Zuge des Gedenkjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ drei Stolpersteine auf Initiative des Historikers Kay Blohm in Glückstadt verlegt. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand mittels Hammer und Schlagbuchstaben eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenen Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 und einer Höhe von 100 Millimetern getragen. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster bzw. den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. So jetzt auch in Glückstadt in der Schlachterstraße. Eine Aktion gegen das Vergessen.

Tim Laatz, Dominik Maik, Jelle Christian Reinhard und Julian Muxfeldt, Schüler des Detlefsengymnasiums, veröffentlichen hier nun ihren im März 2020 gehaltenen Vortrag über einen Mord am Bahnhof Glückstadt, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges verübt wurde. Der SS-Angehörige Hermann Christoph Kleemann aus Dithmarschen erschoss bei einem Stopp eines Häftlingstransports kaltblütig einen Mann. Mit dieser umfangreichen Arbeit nahmen die Schüler am 26. Geschichtswettbewerb der Körber-Stiftung teil. Wie entstehen gesellschaftliche Krisen? Wie wirken sie sich auf das Leben der Menschen aus und welche historische Bedeutung bekommen sie damit? Frank-Walter Steinmeier rief Kinder und Jugendliche auf, sich im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten mit genau solchen Fragen zu beschäftigen. Vom 1. September 2018 bis zum 28. Februar 2019 konnten alle Unter-21-Jährigen in Deutschland zum Thema „So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch“ auf historische Spurensuche gehen. Mit diesem Beitrag der Schüler ist dieses Projekt aber noch nicht abgeschlossen. 2021/22 wird nun auf Initiative der Schüler eine Tafel am Bahnhof an diese Tat erinnern. Dieser Mord wird zudem auch ein Thema in einer großen Ausstellung im Detlefsen-Museum sein. Aktionen wie diese halten die Erinnerung wach.

Borsfleth im November 2021

Christian Boldt und Jens Binckebanck

Hermann Kleemann – oder die Selbstwahrnehmung eines Mörders

Tim Laatz, Dominik Maik, Jelle Christian Reinhard und Julian Muxfeldt

I Einleitung

Die Nationalsozialisten verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Diese sind bis heute nicht vollständig aufgearbeitet und es ist fraglich, ob dies überhaupt möglich sein wird.

Der erste Versuch einer solchen Aufarbeitung wurde 1945 in Nürnberg getan, hier wurden Hauptkriegsverbrecher verurteilt und nationalsozialistische Organisationen als verbrecherisch erklärt.1 Eine der berüchtigtsten war dabei zweifelsohne die Schutzstaffel (SS) bzw. deren Teilorganisationen, der die Verwaltung und Bewachung der Konzentrationslager (KZs) oblag.2 In solchen war der SS-Oberscharführer Hermann Kleemann in verschiedensten Positionen tätig, wobei er sich bis zur Niederlage des NS-Staates unzähliger Verbrechen schuldig machte. Diese Niederlage markiert einen zentralen Umbruch innerhalb der deutschen Geschichte, der für viele der einstigen Täter eine Krise ihrer bisherigen Selbstwahrnehmung als überzeugte und willfährige Nationalsozialisten mit sich führte. Im Angesicht der drohenden Ahndung ihrer Verbrechen durch anfänglich alliierte, später deutsche Gerichte flüchteten sie sich häufig in Selbstbetrug und Lügen. Ausdruck dessen ist das Zitat, das Kleemann im Rahmen seiner Zeugenaussage über das Nebenlager Janinagrube in den staatsanwaltlichen Ermittlungen im Auschwitzprozess 1961 zuzuordnen ist: „Es war ja schließlich so, daß alle Häftlinge in diesem Nebenlager bleiben wollten, weil sie es hier gut hatten.“3

Diese Aussage steht im diametralen Gegensatz zu den Aussagen ehemaliger Häftlinge, wie zum Beispiel der von Abram Nuss: „Dieser Oberscharführer war ein Menschenfresser, einer der schlimmsten Menschen, die ich kenne.“4

Die folgende Arbeit stellt sich die Aufgabe, den Werdegang Kleemanns innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystems darzustellen und hierauf aufbauend seine Verteidigungsstrategie der Selbstexkulpation in der Nachkriegszeit und Bundesrepublik aufzuzeigen. Hierzu werden zuerst Kleemanns „frühe Jahre“ sowie seine darauf folgenden Tätigkeiten in Auschwitz und diversen Nebenlagern aufgegriffen und danach die Todesmärsche und Räumungstransporte im Jahr 1945 thematisiert. Schließlich wenden wir uns der Nachkriegszeit zu und deren justiziellen „Aufarbeitung” seiner Verbrechen.

II Frühe Jahre des Hermann Kleemann

Hermann Christoph Kleemann wurde am 26.09.1915 in Westdorf im Kreis Dithmarschen (Schleswig-Holstein) geboren. Der Sohn eines Reichsbahnangestellten besuchte dort neun Jahre die Volksschule und absolvierte anschließend eine Fleischerlehre in Hohenweststedt, die er 1935 mit der Gesellenprüfung abschloss. Im selben Jahr meldete er sich zur SS-Verfügungstruppe.5 Diese war auf „innere“ Aufgaben beschränkt und unterstand bis zur Umgestaltung in eine Division 1938 militärisch dem Reichsinnenminister.6

Die SS als solche wurde 1925 ins Leben gerufen und seit 1929 zu einer „Eliteformation“ ausgebaut. Sie wurde als Verkörperung nationalsozialistischer „Herrenmenschenideologie“ gesehen und verstand sich selbst als „Sippschaft“ mit der Aufgabe der Bewahrung der „Blutreinheit“. Dabei bediente die SS einen Ahnenkult mit pseudo-religiösen Tendenzen. Später übernahm sie zudem die alleinige Zuständigkeit über die Konzentrationslager sowie deren Außenlager.7 Kleemann kam zur 6./SS-Germania bei Arolsen. Von 1935 bis 1937 war er dort kaserniert. Nach einer Versetzung im Jahre 1937 wurde er in Hamburg zum SS-Rottenführer befördert, die Versetzung geschah vermutlich aus Zwecken der weiteren Ausbildung. Als er diese beendet hatte, wurde er wieder nach Arolsen beordert.8 Zum damaligen Zeitpunkt war das volle Ausmaß der verbrecherischen Dimension, welche die SS bis 1945 begehen würde, nicht absehbar. Es gab nur wenige Menschen, die diese Verbrechen „aus vollem Herzen bejahten“9, daher bleibt das Verhalten der übrigen Gruppe erklärungsbedürftig. Die Erklärungsansätze reichen z.B. von der „kumulativen Radikalisierung“, dass es ganz „normale Männer“ seien, die unter Gruppendruck handelten, bis zu einem dezidierten SSSchulungsprogramm mit dem „Ausbildungsziel Judenmord“10. Über die Motivation Kleemanns ließen sich dabei zwar Überlegungen anstellen, jedoch wäre keine davon abschließend als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten, da die genauen Beweggründe, die seinen Taten zugrunde lagen, wohl nur von ihm selbst zu benennen gewesen wären. Hermann Kleemann wurde neben seiner Zugehörigkeit zur SS 1937 auch Mitglied in der NSDAP (Mitgliedsnr. 4629413)11.

III Auschwitz

Der 1. September 1939 führte mit dem Überfall auf Polen zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Ziel des Überfalls war die vollständige „Germanisierung“ Polens, welche innerhalb weniger Generationen umgesetzt werden sollte.12 Dieser Angriff war nicht zuletzt wegen des Nichtangriffspaktes zwischen dem „Dritten Reich“ und der UdSSR ermöglicht worden.13 Zu diesem Überfall wurde auch Hermann Kleemann eingesetzt. Obwohl seine reguläre Dienstzeit 1939 hätte enden sollen, wurde er aufgrund des sich anbahnenden Krieges nicht entlassen und der Waffen-SS unterstellt.14 Im Oktober 1939 war er mit seiner Einheit in Beroun bei Prag stationiert. Dort stellte er beim „Rasse- und Siedlungshauptamt der SS“ einen Antrag auf eine Erlaubnis zur Kriegshochzeit, denn SS-Angehörige durften, getreu dem Leitsatz einer „arischen Elite“ nur dann heiraten, wenn die Ehe von oberer Stelle genehmigt wurde. Am 18.10.1939 wurde die Hochzeit freigegeben und sechs Tage darauf heiratete Kleemann Emmy W.15 Ab dem 19.01.1940 befand er sich aufgrund einer Verwundung, die er sich am Knie zuzog, im Lazarett Berlin-Lichterfelde.16 In den folgenden Monaten ist seine genaue Verwendung unklar. Ab 1941 war Kleemann dann in der Kommandantur des Konzentrationslagers Auschwitz tätig.17