Hermaphrodit III - Stefan Tomas Gruner - E-Book

Hermaphrodit III E-Book

Stefan Tomas Gruner

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Beschreibung

Der religiöse Aspekt der Hermaphroditen ist besonders deutlich in der muslimisch- hinduistischen Tradition zu erkennen. In Indien beziehen sich vor allem die Hijras auf diese Tradition. Nach der medizinischen (Hermaphrodit I) und der mythologischen Seite (Hermaphrodit II) beschäftigt sich der Band Hermaphrodit III daher mit den Hijras. Das Besondere - und zugleich exemplarische -- an diesem "dritten Geschlecht" ist die immer größere Kluft zwischen dem religiösen Anspruch, der in speziellen Kulten aufrecht erhalten wird, und dem tatsächlichen, oft sehr demütigenden Leben, das sich in den Straßen der Megametropolen abspielt. Schwindet der Glaube in ihre sakralen Kräfte, die die Hijras schützt und ihnen Respekt verschafft, droht ihnen nur noch Spott und Verfolgung. Was dann noch bleibt, ist die aktuelle Frage, wie es mit der Toleranz der Gesellschaft im profanen Umgang mit Transgendern aussieht.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Szene:

Untersuchungsraum der Praxis von Doktor Knax.

Da nach seinem Vortrag über die Epigenese des Hermaphroditen nichts Wesentliches mehr kommen kann, hat sich Dr. Knax mit seinem Assistenten ins Rechenzentrum verabschiedet.

Die Psychologen Knox und Knoxito schweigen gekränkt, weil sie seit Stunden nicht mehr zu Wort kamen, in der vergeblichen Hoffnung, man werde sie umso reumütiger um ihre Meinung bitten.

Der König des Rotlichtmilieus Knex ist vor dem Wortschwall des Dichters an die Theke der Hausbar im Keller des Gebäudes geflohen, um sich ins normal Menschliche zurückzusaufen.

Knix, der Dichter, hat sein Ziel erreicht. Er kann ungestört die Brücke zu außereuropäischen Hermaphroditen schlagen:

Das Doppelgeschlechtliche, in der Kunst gefeiert, verwirrt im Alltag. Von der Verwirrung zur Ablehnung ist es nicht weit. Achtung und Ächtung laufen nebeneinander her. Der Hermaphrodit, anatomisch richtig dargestellt, schreckt ab. Sobald er den sakralen Schutzraum verlässt, verblasst seine Sonderstellung zur Missbildung.

Umgekehrt flieht die Missbildung unter den sakralen Schutz, um nicht verfolgt zu werden.

Natürlich darf keiner Missbildung sagen. Es ist eine besondere Ausbildung, die viel über die normale Ausbildung lehrt. Trotzdem sollte keiner scheinheilig um die Ecke kommen und normal sagen. Ein Zwitter ist nicht normal. Es beleidigt sein Eigenbild, ihn normal zu nennen. Er ist ja nicht blöd. Er sieht sich außer der Norm. Er ist die Verkörperung bemerkenswerter Fantasien. Er ist gut beraten, diese Fantasien zu bedienen, sonst ist er statt dem Echo aus dem Paradies die niederzuprügelnde Kreatur.

Verfolgt oder verehrt, das Pendel schwingt durch alle Epochen mal in die eine, mal in die andere Richtung, meist nebeneinander her, von Betroffenen mit der Hoffnung verbunden, dass die Pendelei irgendwann einmal in der Mitte zur Ruhe kommt.

Nun gut, oh Schnappatmer, wir haben uns die Doppelgeschlechtlichkeit aus medizinischer Sicht in schwer verdaulichen Happen einlöffeln dürfen. Danach beglückte uns der Mythos – im Gegensatz zum medizinischen Gestotter geschmeidig vorgetragen – mit der notwendigen poetischen Ergänzung. Durch die Zauberkraft des Vortrags offenbarte sich die Kluft zwischen der Überhöhung unseres Probanden in der Kunst und seiner Unterdrückung im Leben. Zusammengefasst erkannten wir, Kult ist für den Hermaphroditen aus Fleisch und Blut Kacke.

Was bleibt nach Wissenschaft und Kunst? Die Religion! Die heilige Dreifaltigkeit oder Einfältigkeit, ohne die wir durch ein jämmerliches Dasein wanken. Gerade der Hermaphrodit muss religiös ausgeleuchtet werden, um all seine Facetten und Fallstricke zu erfassen.

Wo aber ist Religion tiefer verwurzelt, breiter aufgefächert und umfassender in alle Bereiche der Gesellschaft gedrungen als in Indien?

Kennen Sie einen Inder, der seine profanen Handlungen ohne sakrale Anhauchung verrichtet? Ich nicht. Um die religiöse Dimension des Themas zu verdeutlichen, wage ich den Sprung ins Vielgötterland – ein Sprung, der dem Eintauchen in eines der schwarzen Löcher unseres Multiversums gleicht.

Diese Warnung vorneweg! Indien ist unfassbar. Indien ist eine Fata Morgana. Ich habe Indien fünf Jahre von Süden nach Norden, von Osten nach Westen durchwandert. Ich habe auf dem Land, in mittelgroßen Städten, in Megametropolen gelebt. Ich habe in Wellblechhütten und zu Hotels umfunktionierten Maharadscha Palästen gewohnt. Ich habe alle Klassen, Rassen und Glaubensrichtungen gesprochen. Ich habe Festivals besucht, Tamili, Kannada und Hindi gelernt. Ich habe Zimmer in Bordellen und in Klöstern bezogen, Kondome vom Sofa entfernt und Mantras gesprochen. Ich habe mich als Bogenschütze und Schwertkämpfer ausbilden lassen. Ich habe die unverzichtbaren Texte gelesen, die schwierigsten Tänze getanzt, gesungen, getrommelt, das Muschelhorn geblasen.

Ich habe aufrichtig versucht, dieses hyperkomplexe, trillionenfach aufgesplitterte Gebilde Indien zu verstehen, nein, was sage ich, mich wenigstens ansatzweise einzufühlen. Und was passierte? Von Tag zu Tag wurden mir die Widersprüche unheimlicher. Von Tag zu Tag versank ich tiefer im Doppelbödigen, Unauflösbaren. Ich drang in eine überbelichtete Dunkelheit vor. Ich erfuhr die höchste Konzentrationsleistung im Dösen. Was immer ich ansah, wollte anders angesehen werden, was immer ich hörte, bestand darauf, missverstanden zu sein.

Bei jedem Schritt trat ich auf Scherben glasklarer Uneindeutigkeit. Ich setzte mich auf einen Stein und fiel ins Wasser. Ich stellte mich unter einen Wasserfall und wurde gesteinigt...

Ein Jahr länger auf diesem Kontinent und Sie wären nie mehr in den Genuss meiner Bekanntschaft gekommen! Mein Fazit? Wann immer ich Indien sage, lüge ich. Indien gibt es nicht. Den Inder gibt es nicht. Den Hindu gibt es nicht. Selbst die kleine Randgruppe, die uns beschäftigen soll – die Hijras – gibt es nicht. Gibt es und gibt es nicht. Sie sind nicht nur untereinander verschieden, sondern schon mit sich selbst unvereinbar.

Ich bestehe trotzdem auf Indien. Ich bestehe gerade deshalb auf Indien. Die Hijra wird uns zeigen, wie wenig wir wissen: ein männlich geborenes, feminin fühlendes Wesen, das durch Kastration auf sein männliches Genital verzichtet, um als göttlich auserwählte Geschlechtslose zu leben, ohne unbedingt sexuell enthaltsam zu sein. Bekanntlich sind die Engel die Huren des Himmels. Das erste, was eine Hijra unserem Priester, der beim Hochamt keinen Orgasmus bekommen, sagt: Du hast nicht richtig gebetet!

Moment! rufen Sie mir entgegen. Haben wir da nicht eine Kleinigkeit übersehen? Gilt unsere Aufmerksamkeit nicht dem Doppelgeschlechtlichen? Und nun kommen Sie uns mit einer Ungeschlechtlichen daher? Hier gleiten Sie doch vom doppelt Ausgestatteten zum Minderbemittelten, mit anderen Worten: Thema verfehlt, setzen, sechs!

Von wegen, oh unbeschlagene Paarhufer! Der Doppelgeschlechtliche vertritt wie der Geschlechtslose ein Ideal, wenn es um Kult geht. Er verkörpert etwas Unerreichbares, das nur Überirdische vollständig erfüllen. Stöbern Sie sich durch die heiligen Legenden rund um den Globus und Sie werden sehen, dass den Doppelgeschlechtliche wie den Geschlechtslosen gleichermaßen zugetraut wurde, himmelsnähere Wesen zu sein.

Welches Geschlecht haben Engel? Als vollkommene Wesen müssen sie beide Geschlechter vereinen, wären also Hermaphroditen. Als vollkommene Wesen stehen sie über allem Geschlechtlichen, haben also einen genitalfreien Leib. Beide Ansichten sind in allen Einzelheiten ausgearbeitet und zum Teil mit dem Schwert verteidigt worden.

Nicht jeder hat eben den Durchblick eines Dichters vom Kaliber Knix. Ich stelle mich in aller Unbescheidenheit zwischen die beiden immer noch streitenden Parteien, erhebe den Zeigefinger der rechten Hand gegen die eine, den Zeigefinger der linken Hand gegen die andere Front und sage versöhnlich: Hornochsen! Seht ihr denn nicht, dass die Geschlechtslosen ebenfalls Hermaphroditen sind, nur nicht außerhäusig, sondern inwandig?! Was sie auf Erden eint und mit den Himmlischen verbindet, ist ihre Fähigkeit, nach Belieben als Mann oder Frau aufzutreten.

Somatopsychisch die einen, psychosomatisch die anderen, das ist der Unterschied, der für den Durchblicker deckungsgleich zusammenschmilzt.

Hijras opfern ihr Geschlecht und werden etwas Drittes, Ultra-Hermaphroditisches, das unsere Denkmuster sprengt und gerade deshalb jede Aufmerksamkeit verdient. Aber es ist nicht nur das für uns geschlechtlich Unfassbare, was reizt, es ist der sakrale Anspruch in jedem noch so profanen Tun, der unseren Verstand zum Schleudern bringt. Die Hijra sagt: Ich bin nur durchs Jenseits hier! Das will verkraftet sein.

Dok Knax hat uns die nackte Empirie vorgelegt. Dem musste der Mythos ergänzend zur Seite springen, um im Künstlerischen zu verenden. Doch erst die religiöse Komponente liefert das ganze Bild des Hermaphroditen, nicht?

Ja gut. Und nun? Wo in der Erden Rund – um eine Zeile aus dem Liederbuch der Wandervögel aufzugreifen – finden wir diese Komponente? Einzig mögliche Antwort: Bei den Hijras. Sie sind es, die unser Thema bis in die geheimsten Winkel ausleuchten können. Sie beharren auf göttlichem Wirken in ihrem Leib, sei der noch so verlacht und geschunden. Das macht sie einmalig. Auch tragisch. Mal sehen.

Ursprünglich sollten die rituell Kastrierten für heilig gegolten haben. In der gläubigen Vorstellung verwandelte sich ihre zurückgehaltene sexuelle Energie in sakrale Kraft. Ihre guten Wünsche und Segnungen galten als glücksverheißend.

Deswegen werden sie noch heute zu Geburten, Hochzeiten, Wohnungseinweihungen und anderen Unternehmungen in der Startphase eingeladen, die eine zusätzliche göttliche Unterstützung gebrauchen können.

Noch öfter kommen die Hijras inzwischen uneingeladen zu solchen Anlässen. Sie tanzen, lärmen, werden aufdringlich, anzüglich, unheimlich, bis sie ihr Geld nicht fürs Erscheinen, sondern fürs Verschwinden erhalten.

Das ist ihr täglicher Spagat! Betrachten Sie mich als sentimental, betrachten Sie mich als bedauernswerten Fall einer emotionalen Inkontinenz, mich erschüttert bei der sakral-profanen Mischung einer Hijra die Kluft zwischen heiligem Anspruch und brutaler Wirklichkeit. Werfen Sie dabei nicht mir die Rückgriffe auf Anekdoten vor, die ich voranschicken muss, um den Hijras gerecht zu werden. Sie selbst sind es – in jeder Region anders genannt, was uns hier nicht weiter verwirren soll – die sich an religiösen Bezüge klammern, um ihre Sonderstellung zu verteidigen.

Ich werde ich mich hüten, diese Quellen zu überspringen, nur damit Sie Ihre Chance wittern, eigene Gedanken zu entwickeln, im schlimmsten Fall sogar vorzutragen! Nein, ohne Tauchgang in die sakralen Gewässer bleiben die Hijras unverstanden. Ich sage Gewässer nicht so leichthin, wie ich überhaupt nie etwas so leichthin sage, außer in den Momenten, wo ich die Kontrolle über meine Zunge verliere, die bekanntlich ein eigenes Denkorgan bildet.

Nein, ich sage Gewässer, weil Wasser das Grundelement der Verwandlung ist. Wer formte die Organismen so lange um, bis sie an Land kriechen konnten? Wer sorgte dafür, dass sie an Land überleben und sich weiter umformen konnten? Wer ermöglichte durch erneute Verwandlung, dass Landbewohner wieder in die Ozeane zurückkehren konnten? In welchem Element wurde aus dem Penis des Uranos Aphrodite? Und wodurch wurde ihr Sohn zum Hermaphrodit? Wasser. Das im Auge behalten!

Für den Inder – ich wiederhole jetzt nicht ständig, dass er die Zusammenfassung einer Fiktion ist – löst von Göttern bewohntes Wasser nicht nur den Dreck vom Körper, es reinigt die Seele. Götter bewohnen in dem Land der Trillionen Lokalheiligen jeden Fluss, See, Weiher und Teich bis zum kleinsten Tümpel.

Allein das Wasser des Ganges hat seit seiner Besitznahme durch die Göttin Ganga viele Milliarden Sünder nach einem Bad unschuldig entlassen.

Es versteht sich von selbst, dass Wassergeister androgyn sind. Diese Geister fackeln nicht lange. Wer sich mit ihnen einlässt, muss mit Körper-Morphing rechnen. Nehmen Sie nur unseren Johannes den Täufer, der Heiden unter Wasser tauchte und sie als Kinder Christi wieder an die Oberfläche zog, selbst jedoch, wenn er zu lange im Taufgewässer stand, als Johanna die Täuferin an Land ging...

Wasser ist denn auch in den hinduistischen Texten das entscheidende geschlechtsumwandelnde Element. Erlauben Sie mir, der ich aus lauter Schlenkern bestehe, von Schlenkern lebe und für Schlenker sterbe, einen Schlenker ins Grammatikalische?

Ich höre nichts Gegenteiliges. Also ja. So frage ich Sie: Glauben Sie an die Magie der Artikel? Nein? Ich JA! Die Artikel und ihre Deklination sind eine Spezialität der deutschen Sprache, erfunden, um noch nach Jahrzehnten den Zugereisten vom geborenen Deutschen unterscheiden zu können. Sie entbehren jeder inhaltlichen Logik, besitzt aber inselartig offenbarende Kraft. Artikel sagen das Meer, die See, der Ozean! Sie sagen das Wasser, die Quelle, der Fluss. Allein diese aquaristische Leistung rechtfertigte ihr Dasein!

Sprachempfindliche wie ich nehmen die dreiverteilte Artikel-Reihung desselben Elements als Wink, das Wasser, aus dem alles Leben kam, auch als das Wasser zu erkennen, aus dem alle Geschlechter steigen können. Beim Wasser ist alles im Fluss. Schöner kann man’s nicht sagen.

An den Haaren herbeigezogen? Mag sein. Wie jede höhere Erkenntnis. Für eine Hijra ist es wichtig, sich auf Übernatürliches zu berufen. Das Grundmuster scheint weltweit gleich, nauseatic similar, wie Herodot abfällig bemerkte. Oder war’s Hesiod? Hesse? Humpty Dumpty? Egal. Regelmäßig kommen Götter als Menschen verkleidet herab und mischen sich ins Weltliche ein oder es vergöttlichen Menschen nach übernatürlichen Großtaten, steigen in den Himmel hinauf und nehmen an der Tafel der Götter Platz. Nennen Sie mir eine religionsgeschichtliche Ausnahme und ich nennen Sie Lügner.

Ausgehend von dieser Gemeinsamkeit entwickeln sich Unterschiede. Christen und Hindus zum Beispiel, vom selben transzendentalen Wahn gekeult, sind in ihrer Ausgestaltung nicht unter einen Hut zu bringen.

Ich sage Christen und Hindus im Bewusstsein, dass es sie in dieser Einheitlichkeit nicht nur nicht gibt, sondern Untergruppen davon sich an die Gurgel gehen.

Meinen Segen haben sie, solange sie die Finger von meinem Konto lassen. Schon dass der Christ davon ausgeht, nur ein Mal auf dieser Welt zu erscheinen, mit einer Erbsünde im Gepäck, die er genau in diesem einen Mal loswerden muss oder in der Hölle landet... wo jeder weiß, dass wir endlos wiedergeboren werden, bis wir durch einen guten Lebenswandel ins erlösende Nichts eingehen dürfen.

Oder dass der Christ – längst in Nanopartikel zerfallen und in alle Himmelsrichtungen verstreut – darauf hofft, zum Jüngsten Gericht geweckt zu werden, sich auf wunderbare Weise wieder zusammensetzt, in die Höhe schwebt und nach bestandener Prüfung des göttlichen Gerichts auf ewig den Himmel bewohnt... wo jeder weiß, dass der höchste Lohn der Götter darin besteht, nie mehr geweckt zu werden.

Oder dass der Christ in seiner linearen Beschränkung an der Vorstellung eines Weltenanfangs und eines Weltenendes festhält... wo jeder weiß, dass Brahma, das absolute Sein, weder Anfang noch Ende kennt.

Oder dass der bibeltreue Christ der Idee von einer Schöpfung aus dem Nichts nachhängt... wo jeder weiß, dass Nichts nichts schöpfen kann.

Oder dass der Christ zwischen belebter und unbelebter Natur unterscheidet... wo jeder weiß, dass schon Stock und Stein Seele hat.

Zu schweigen von dem Drang des Christen, die Welt zu erklären... wo jeder weiß, dass es nur darum geht, sich möglichst rasch von der Welt zu verabschieden.

Und warum verteidigt der Christ seinen Gott mit Zähnen und Klauen... wo jeder weiß, dass Götter nur unterschiedliche Avatare des außergöttlichen Seins sind?

Jehova, Allah, Zeus sind so gut wie Vishnu, Shiva, Yama. Maria, Gaia, Hera könnten auch Uma, Parvati, Durga heißen... Was soll’s? All diese Gestalten sind nur bildliche Ausstülpung, die das Unbenennbare veranschaulichen, den Yogi auf dem Weg zum Wesentlichen – zum Bild- und Namenlosen – aber bloß stören.

Wenn ich die großen Epen wie das Mahabharata erwähne, auf das sich die Hijras berufen, dann nur mit dem erneuten Hinweis, dass es das Mahabharata nicht gibt. Ich hoffe, das ist jetzt durch. Es gibt unterschiedliche Mahabharatas, gespeist aus altindischen, tamilischen, griechischen, arischen, persischen, anatolischen, levantinischen Quellen, aus mündlich weitergegebenen Sagen oder schriftlich festgehaltenen Legenden, ohne eine Urform, aus dem sich wie aus einem Baumstamm die Varianten abgezweigt hätten!

Jede Fassungen ist zusätzlich von lokalen Besonderheiten gefärbt und den Bedürfnissen vor Ort angepasst...

Ich gerate ins Schwärmen! Warum hole ich so weit aus? Feinde unterstellen mir eine therapieresistente Logorrhoe. Eine dem Durchfall aus dem Arsch vergleichbare Geschwätzigkeit aus dem Maul. Das ist gemein. Das ist richtig. Was sie Schwatzsucht nennen, nenne ich Rettungsversuche.

Das Bild ist folgendes: Wir sitzen in einem Boot, das einem tödlichen Wasserfall zustrebt. Da hilft nur rudern. Woraus bestehen die Ruder? Sie ahnen es! Aus Worten. Das einzige uns verfügbare Gerät gegen den Wasserfall. Gegen den Tod. Natürlich können Sie mir das Sprechen verbieten, die Worte abschneiden, das Ruder aus der Hand schlagen, um Ruhe zu haben.

Um in Ruhe in den Abgrund zu stürzen...

Wer mir Logorrhoe vorwirft hat recht, was den Wortdrang betrifft, und liegt daneben, was das Krankhafte angeht. Weil er anprangert, was ihn rettet.

Meine Logorrhoe ist in Wahrheit Logosalvation!

Wo bin ich? Wo unterbrach mich wer? Und wenn mich keiner unterbrach, warum nicht? Was wollte ich? Heiligenlegenden. Heldenepen. Hijras. Ihre Tempelkulte. Ihre Nacherzählungen. Ihre Worte. Ihre Rettungsversuche.

Jeder Kult wird erst im eigenen Umfeld verständlich. Im Dorf. Im Stadtviertel. Es ist ein langer Weg von den Veden zum eigenen Hausaltar. Die Touristenbroschüren zitieren ständig das gleiche Dutzend prominenter Lokalitäten, das gleiche Dutzend empfehlenswerter Festivals. Ich zitiere noch weniger. Um mich nicht dem Vorwurf der Weitschweifigkeit auszusetzen!

Knapp gefasst und auf den Punkt zu, das ist mein Motto! Reduzieren, auf den Kern der Sache kommen und beim Kern angekommen diesen noch einmal aufs Allernotwendigste verschlanken! Daher dieses Schlaglichtgewitter meiner Worte, das in einem Abschnitt zusammenblitzt, was andere auf tausend Seiten nicht gebacken kriegen.

Und jene radikale Raffung, die mich auszeichnet, wende ich auch hier an. Es gibt mehr Tempelanlagen, Wohnzimmer-Altäre und private Ikonen als jede Hijra Nervenzellen hat. Ich beschränke mich aufs Unverzichtbare, wie‘s meiner Art entspricht, weil’s ja nachvollziehbar bleiben soll. Das Nachvollziehbare ist naturbedingt unvollständig, also aus Sicht des Gesamten gefälscht. Das nur als Warnung. Ich lüge. Dazu stehe ich. Ich lüge wie jeder, der bei einer Hijra Nachvollziehbares von sich gibt. Ein Guru sagte mir ins Gesicht, ich sei nicht zu retten. Wieso das? wagte ich zu fragen. Du ringst nach Worten, gab er zurück, statt dich von der Stille niederringen zu lassen.

Der Hund. Ich hätte ihn vermöbeln müssen. Wahrscheinlich hat er‘s sogar von mir erwartet. Kein Kloster ohne Prügel. Nur mehrfach geohrfeigt und mehrfach ohrfeigend näherst du dich Moksha, deiner persönlichen Endlösung durch endgültige Auflösung.

Der Unbedarfte stützt sich bei seiner Fremdforschung gern auf die Inhalte. Er notiert die Aussagen von Hijras, übersetzt ihre Gesänge, Erzählungen, Texte, aber die wesentlichen Mitteilungen stecken in ihrem Auftreten, ihren Bewegungen, ihrer Stimmlage, in ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihrer Art sich zu schminken. Es ist viel bedeutsamer fürs Verständnis, darauf zu achten, wie sie dir zuhören, dich ansehen, klatschen, den Klang bestimmter Wörter in die Höhe schrauben... Die wichtigsten Botschaften kommen aus ihrer Fußstellung, nicht aus ihrem Mund.

Ich rede vom Signalsystem der so genannten Körpersprache, die gerade keine Sprache ist, denn dann könnte man sie in Worten wiedergeben. Was nicht klappt. Statt notieren wäre mitmachen der Zugang zum Hijra-Text. Das war meine erste Lektion. Also notierte ich mit Waden, Schenkel, Bauch, Brust, kam ihrem Lebensgefühl näher, zumindest bildete ich’s mir ein, aber dieses Gefühl blieb exklusiv bei mir, weil‘s nie anders als im Mittun ausgedrückt werden kann.

Die Erkenntnis, dass es ein wortfreies Verständigungssystem gibt, kränkt jeden Dichter. Ich gestehe die Demütigung nur um zu sagen, dass ich weiß, dass ich lüge, wenn ich über Hijras rede. Dass ich immer nur den unerheblichen Teil über sie in Worte fasse.

Besser als nichts! schallt mir von den Aufmunterern entgegen. Schlimmer als Klappe halten! rufen die Apostel des Guten, Schönen und Wahren. Besser das Schlimmere als nichts, sage ich und fahre fort.

Der rote Faden bleibt der Widerspruch zwischen Himmel und Straße, der die Hijras verfolgt und durch keine brahmanischer Atemgymnastik zu verscheuchen ist.

Hijras sehen sich in der Gefolgschaft Krishnas, Aravans, Draupadis, des Gottes Shiva, den sie durch mimetische Mystik im eigenen Leib wieder auferstehen lassen: Shiva, der sich in einem Bericht selbst kastrierte und seinen zur Erde geschleuderten Phallus zu einem Garant der Fruchtbarkeit macht.

Sie spiegeln sich in der Göttin Kali, Durga, Mariamman, Lakshmi, Parvati, Uma, Chandi, Ulupi, Subhadra, sie sind Kuttantavar, Brihannala, Mohini... Ich bleibe bei den wenigen, um nicht im Strom der persönlichen Gottheiten zu versinken, die die Wirklichkeit der Hijras bestimmen, aber uns überfordern.

Allein dass wir als lesefähige, wenn’s ganz schlimm kommt als belesene Wesen einer Mehrzahl von Analphabeten gegenüberstehen, denen wir in unserer durch Buchstaben vergitterten Wahrnehmung kaum gerecht werden, muss um der Wahrheit willen zugestanden sein.

Der nach seiner Entmannung körperlich nicht weiter verweiblichte Kastrat wurde im Islam wie im Hinduismus verehrt. Hijras verweisen auf diese Tradition. Sie waren bei Muslimen geachtet, sagen sie, bewachten die Frauengemächer, arbeiteten als Dienerinnen, erzogen die Kinder, lehrten den Koran. Sie gelangten in einflussreiche Positionen. Gott entschädigte sie mit besonderen Kräften dafür, dass sie weder mit Frauen schlafen noch Kinder bekommen konnten. Sie bewachten das Grab des Propheten Mohammed und die heilige Moschee in Mekka.

Zahlreiche Sufi-Heilige, Derwische und Sufi-Dichter bezeichneten sich als Bräute Allahs. Sufi-Mystiker werden von Hijras verehrt, muslimische Vornamen sind bei ihnen beliebt. Wer es sich nach dem Gebot seines Glaubens leisten kann, unternimmt den Haddsch, die Pilgerfahrt nach Mekka. Etwa die Hälfte der Hijras sind Muslime, was viele Islamgläubige inzwischen peinlich berührt.

Die Beschwörung ihres damaligen Ansehens wird mit steigendem Trotz vorgetragen. Bekanntlich schreit man umso lauter, je weniger hinhören. Wen kümmern die alten Kamellen noch? Vielleicht ist die große Vergangenheit der Hijras auch noch verklärt, vielleicht vom Wunschdenken zurechtgebogen? Außerhalb der Kunst haben Zwitter nicht viel zu lachen. Das Gleiche scheint zu gelten, wenn sie den Schutz der religiösen Kulte verlassen. Das trifft die Hijras. Für sie weitet sich die Kluft zwischen heiligem Geist und gepeinigtem Fleisch.

In Becharaji, einem Dorf im Nordwesten Indiens, steht die zentrale Tempelanlage für Bahuchara Mata. Der Ort ist geschichtsträchtig, was Geschlechterwechsel angeht. Die Geschichten sind verzwickt, fragwürdig, unsittlich, kurz fabelhaft.

Den Streit, ob die Tempelanlage ursprünglich Bahuchara Mata oder einer älteren Göttin wie Balatripurasundari geweiht war, die wiederum ein Avatar von Shakti, der weiblichen Urkraft gewesen sein soll, überlasse ich Ethnologen mit dem Forschungsschwerpunkt vergleichende Religionsgeschichte, die nach ihrer Emeritierung nicht mehr wissen, was sie noch machen sollen, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Bahuchara ist die jüngste der drei Töchter von Bapal und Deval. Deval könnte ein Avatar der Weltenmutter Jagadamba sein. Und so weiter. Ich sage nicht leichtfertig und so weiter, ich sage und so weiter, weil und so weiter ein fester Bestandteil der indischen Theogonie ist. Kein Gott, der im nächsten Dorf nicht anders heißt, eine andere Verwandtschaft hat, einen anderen Rang einnimmt. Keine menschlichen Helden, was sage ich, keine Kreaturen, die nicht Avatare eines Gottes oder einer Göttin wären, die dann wiederum mit anderen Gottheiten verschmelzen oder verwechselt werden und ihr Geschlecht auf ihrem Weg von Süd nach Nord, von Land zu Stadt wechseln. Deshalb und so weiter.

Auch der Zwang, hinter jeden Satz, der etwas Indisches anspricht, ein und so weiter zu setzen, sei nur ein Mal erwähnt. Aber immer im Auge behalten! Hinter jeden Satz, jeden Inhalt, jeden Namen das urindische und so weiter setzen! Weil ich mir’s – nach dieser Warnung – durchgängig verkneife.

Die Familie Bahucharas gehört zu den Charanas, einer Gemeinschaft von Hirten, Sängern, Boten und Wächtern. Sie sind bekannt dafür, lieber zu sterben als sich einem Angreifer zu ergeben. Wenn es keinen anderen Ausweg gibt, begehen sie einen rituellen Selbstmord, verfolgen danach allerdings die Angreifer als Geisterwesen.

Charanas beweisen ihre Talente als Boten, die in die entlegensten Gebiete reisen, um Nachrichten zwischen den Stämmen auszutauschen. Sie sind darüber hinaus in der Lage, zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt zu wechseln, was ihnen eine besondere Macht verleiht.

Hirtin, Sängerin, Botin, Wächterin, Grenzgängerin zwischen der Ober- und Unterwelt... heißt zusammengefasst: Bahuchara Mata ist die weibliche Ausgabe von Hermes.

Was ich so nie sagen darf, ohne den Zorn der Indologen auf mich zu ziehen, und deshalb umso lieber wiederhole. Habe ich schon erwähnt, dass mein Geburtsname, im Volksmund Mädchenname genannt, Doppelkopf ist, bevor ich Frau Knix heiratete und ihren Namen annahm?

Getreu der Charana Tradition opfert Bahuchara ihr Geschlecht, als es in Gefahr gerät, missbraucht zu wer