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Was, wenn jemand freiwillig untätig wird, sich dem Weitermachen verweigert? Er wird als Zumutung empfunden und löst aggressive Impulse aus. Es sollte uns beunruhigen, dass Stillstand als solcher - ob selbst durchgemacht oder bei anderen beobachtet - der unerträglichste Zustand für Menschen scheint. Der Verdacht für den unbezähmbaren Bewegungsdrang zum Weiter, Besser, Schneller, Mehr scheint eine biologische Hypothek ein nicht zu steuernder Ausbreitungsdrang gegen alle Vernunft, Einsicht und mögliche Selbstvernichtung. Satirisch aufbereitet setzt sich Ramm einfach mal hellwach und fit auf einen Stuhl, bereut seine bisherige erfolgreiche Tätigkeit und beschließt, gegen den Wachstumswahn ein Muster an Tatenlosigkeit abzugeben. Er stürzt dadurch seine Familie in eine Krise. Ramms Frau und ihre drei Kinder tragen Ramm samt Stuhl im Garten der Sonne nach und hoffen vergeblich auf seine Genesung. Das Rätsel des Wachstums- und Ausbreitungsdrangs vom Molekül bis zum Mensch auszuleuchten ist Inhalt dieser Story. Ein zweiter Fall von Rückzug und Verweigerung Der Fahrzeugführer Patrick Elias beantragt bei seinem Arbeitgeber, der Bahn, den vorzeitigen Ruhestand. Er stellt den Antrag, nachdem er als Zugführer, ohne es verhindern zu können, einen Selbstmörder auf den Gleisen überrollt hat. Der bei solchen Vorfällen eingeschaltete Psychologe geht von einem verständlichen Schock aus, der Elias im ersten Moment dazu drängt, den Beruf aufzugeben. Zum Erstaunen des Psychologen bestreitet Elias jeden Zusammenhang zwischen dem Suizid-Vorfall und seinem Wunsch nach vorzeitigem Ruhestand. Was ihn zu dem Antrag bewege, sei ausschließlich eine bedrückende Erkenntnis von einer Globalmaschine, die als selbststeuernder Organismus längst die Kontrolle über die Menschen übernommen habe. Er folgt darin der These eines Neobiologen und Mediziners (real existierender Professor in Münster). Die folgende Auseinandersetzung zwischen dem betreuenden Psychologen, der eine intelligent agierende Globalmaschine für gefährlichen, weil deprimierenden Unfug hält und Elias, der nur zu gern - bislang vergeblich - auf eine Widerlegung dieser Annahme wartet, ist Inhalt der Erzählung.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ramm
9 Uhr
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19 Uhr
Elias
Montag, 24. Mai
Montag, 31. Mai
Montag, 2. August
Mittwoch, 1. September
Donnerstag, 16. September
whatever will happen
has already passed
Da, vor Ramm, diese makellose Rasenfläche, Ramm nickt, er will noch genauer hinsehen, dieses Büschel zwischen seinen Sandalen, Ramm nickt, noch genauer, dieser eine Halm, verlorener Wicht im Meer seiner Artgenossen, Ramm nickt, noch genauer, durch die Oberfläche des Halmes die einzelnen Zellen erkennen, die chemischen Miniaturkraftwerke, die Atome, noch genauer, Energiepäckchen, Wellen, wo endet das? Ein windgeströmtes Vibrationsmuster ohne Fixpunkt, durchpulst vom spezifischen Grashalmryhthmus der Sorte schattentauglicher Zierrasen, im Gegensatz zum Berliner Tiergartenrasen, Welschen Weidelgras oder Wiesenschwingel. Kein Halt in der weichen Pflanzenmusik. So melodiert der Halmenteppich sich zu seiner verwechselbaren Einmaligkeit zusammen, zwischen Ramms großen Zehen, und der Wunsch, ihn zu streicheln, weil er so tapfer ist, streitet sich mit dem Drang, ihn zu treten, weil er so unmenschlich ist.
Ja, das florale Fandango, Ramm schwindelt. Welten hinter den Welten… das unbewaffnete Auge erfasst in diesem Spektrum der Wirklichkeiten nur eine Strichprobe, gerade genug, um den Alltag im Tee zu verrühren. Der Rest ist sinnverrückende Geisterbahn.
Ramm sitzt auf einem stabilen blauen Holzstuhl im Gras. Er weint trocken, nach innen. Alle Gefühle, die zum Weinen gehören, sind da. Was fehlt ist das Augenwasser. Es erinnert ihn an andere verhinderte Ausbrüche von Körpersäften, verbunden mit echten Gefühlen, die keinen Weg mehr nach draußen fanden und in dieser Stockung versauerten.
Gefühle, ihrer körperlichen Seite beraubt, versiegen. Wut ohne Blutwallung, Angst ohne Schweiß, Liebe ohne Herzklopfen? Es geht nicht. Was löst was aus? Einige behaupten, man weine nicht, weil man traurig sei, sondern man werde traurig, weil man weine. Um nur das Weinen zu nennen.
Die Grashalme vor seinen sonnenbestrichenen Füßen sind dünn und weich. Einzelne Halme bewegen sich gegen die Strömung, offensichtlich von einem Windfinger angetippt, andere räkeln sich im Halmenbett wie ein Schläfer, der sich seufzend dreht, um noch ungestörter zu träumen.
Bevor seine Familie Ramm in den Garten setzte, hatte er sich am Straßenfenster eingerichtet. Er hatte sich fürs Nichtstun entschieden. Für das Recht auf bezahlten Stillstand. Dafür schien ihm der Blick auf die Straße − aufs Gewimmel der Tüchtigen − besonders geeignet. Die Gegenspieler immer vor Augen. Sich im eigenen Zimmer einschließen ist kindisch, hatte er überlegt, im Bett liegen ist theatralisch, also entschied er sich für einen Stuhl am Fenster. Doch die Familie duldete keinen Dauerfenstersitzer zur Straße wegen der Nachbarn. So ein ewiger Glotzer drohte im Viertel zu Lachnummer, bei einigen sogar zum Ärgernis zu werden. Eine Schande für die Familie. Also transportierte sie ihn an die frische Luft im Garten, wenn‘s das Wetter zuließ, ansonsten zum Fenster im Esszimmer, das zum Garten ging.
Dieser Sommer hat viele heiße Tage. Ein Jahr, in dem der Oleander, das ewige Sorgenkind der Tochter, vor lauter Sonne und Wärme überraschend aufblüht, von triumphierenden Kommentaren begleitet und fotografiert, um künftigen Zweiflern entgegenzutreten. Dreistöckig gestaffelte Kelche mit rüschenartig gewellten, spitz zulaufenden und in der Spitzenmitte eingekniffenen Blütenblättern, als habe ein vernarrter Gärtner Blatt für Blatt einfach hinzwicken müssen, um seiner Begeisterung Ausdruck zu geben.
Ramm hatte sich am Oleanderblütenkampf nicht beteiligt, weil er glaubte, sich mit dem Aussitzen des Endes der Menschheit beschäftigen zu müssen. Er sei deutsch, unfroh, zäh und verbohrt, klagen die beiden älteren Kinder. Ramm stimmt zu. Er hat diese eingebaute Grübeldrüse, die an keiner Beobachtung vorbeikommt, ohne ihre Grübelbotenstoffe auszuschütten.
Wo wäre die Wissenschaft, deren theoretische Fundamente Ramm nicht wieder und wieder abgeklopft hätte, um darüber ins Grundsätzliche zu stürzen? Wieder und wieder brütend ins Bodenlose zu fallen? Und noch im Fallen die Alternativen aufzuzählen, die er nun nicht mehr verfolgen kann.
Jahr für Jahr hatte die Tochter am nie richtig blühenden Oleander festgehalten, aus einer italienischen Sehnsucht heraus: ein Pflanzenwink vom Mittelmeer sollte unbedingt auch hier, im westfälischen Münster, südliche Lebensart verbreiten. Es gelang! Der oleanderblütentreibende, italienische Sommer kam. Dafür wurde es in Italien afrikanisch. Die Klimaverschiebungspropheten hoben einmal mehr ihre warnenden Finger und verunsicherten die Küstenimmobilienbesitzer mit ihren Visionen von steigenden Meeresspiegeln, die die Mietspiegel ihrer Seeblickanwesen ins Uferlose fallen ließen.
Doch noch während sie die alpine Tourismusindustrie durch ihre Szenarien von der Versteppung Bayerns verängstigten, kamen ihre Gegenspieler auf Grund der gleichen Ozonlöcher, Temperaturanstiege und Eisschmelzen an den Polen zu dem Schluss, dass der wärmende Golfstrom, wenn alles erzählt ist, von den kühleren Schmelzmassen untergepflügt werde und die nächste Vereisung Mitteleuropas vor der Tür stehe - Vereisung, nicht Austrocknung!
Dafür haben wir die Wissenschaft, dass alles anders kommen kann, je nach den berücksichtigten Daten, bis es kommt − in Wirklichkeit − und wieder ganz anders. Denn dafür haben wir uns ja krumm und dämlich gedacht, dass das möglich bleibt, das noch ganz Andere.
Wenn nur das Maschinengestampfe in seinem Kopf aufhörte! Der dumpf stampfende, pochende, tuckernde, reibende, rollende, tiefgraue Klang, das unterschwellige, mehrstufige, trübwarme Geschiebe. Das verhaltene Dröhnen, raumfüllende Klopfen. Die verschmierte, schleifende Bilderwalze des Daseins...
Im Absichtslosen angekommen, steigert sich Ramms Wahrnehmung. Er hört die Würmer unter der Erde schmatzen. Er spürt den Muskelkater des kletternden Efeus. Er wittert die Drogendüfte, mit denen die Ameisen ihre Sklaven an der Nase herumführen. „Nur wer Schmetterlinge lachen hört, weiß, wie Wolken riechen.“
Ramm gerät ins Dösen. Vor ihm die Grashalme, ein Inzuchtkollektiv, keine Blumen dazwischen. Zittrig hin und her strömende Gleichförmigkeit, als schauerte ihnen vor sich selbst. Aus seiner Sicht ein Gräserinferno, jeder Halm ein wankendes Unglück, vereint nur in dem Gedanken an Flucht und möglicher Neugeburt in rasenmäherfreier Zonen. So könnte er sich’s vorstellen. Mitfühlend. Falsch. Grashalme suchen nicht, empören sich nicht, denken weder an Flucht noch Wiedergeburt, schon gar nicht aus Kummer.
Selbst die Blätterwolken und das Blütendonnern, in das ihn seine Familie hineingesetzt hat, schafft es nicht, Ramm bis zur Bemitleidung der Grashalme zu benebeln. Nein. Die Halme sind. Sind was sie sind und machen das Beste draus. Im Grunde unerträglich. Wesen für sich, an all seinen Deutungen vorbei. Wenn einer fragt, Woher seid ihr und warum? dann ist es Ramm und seinesgleichen, die sich mit solcher Sinnsuche quälen. Und ohne Antwort bleiben. Das kränkt.
Ramm sitzt am Rand einer Steinterrasse zwischen zwei Kirschbäumen, solange die Sonne dort scheint. Die Stuhlbeine stehen auf den Steinplatten, seine nackten Füße stecken im Rasen.
Noch sitzt Ramm außerhalb der Schatten, die beide Kirschbäume auf den Rasen werfen. Spätestens wenn ihre Schattenränder seine Waden streifen, wird die Familie herbeirennen, ihn samt Stuhl anheben und wieder in die Sonne rücken, wie jeden Tag seit seiner Veränderung, ausgenommen die Winter- und Schlechtwettertage, wo sie ihn ans Esszimmerfenster mit Blick zum Garten setzen.
Die Familie trägt ihn im Stundentakt der Sonne nach, um ihn warm zu halten. Sie bringt seine Antriebslosigkeit mit Unterkühlung in Verbindung. Erstarrte brauchen Sonne. Als sei er eine Echse, ein wechselwarmes Tier. Da er nie dagegen protestierte, verfestigte sich bei ihnen: Ramm in die Sonne, solange sie scheint, das hält ihn beweglich, macht ihn vielleicht wieder funktionstüchtig.
Immer der Sonne nach, aus den unterschiedlichen Bäume- und Häuserschatten hinaus, um das Mindeste zu tun, was er von ihnen erwarten darf, wenn ihm schon nicht mehr zu helfen ist.
Sie haben Ramm auf dem Stuhl sitzend zum nächsten Sonnenabschnitt getragen. Inzwischen ist er für sie zu einem Holzfleischwesen zusammengewachsen, ein Sechsfüßler, vier Beine aus Holz, zwei aus Fleisch. Ein Rammstuhl. Er sitzt vor den Kirschbäumen, von der Sonne aus gesehen, hätte sie Augen. Er stiert Löcher in den Boden, weint trocken, schärft seine Sinne, hört Photonen brüllen, sieht Moleküle boxen, dringt vor, weiter hinein, wenn er nur wüsste, in was. Nein, gelogen, er weiß, in was. Sogar wogegen.
Angekommen im Absichtslosen, blitzen Einzelheiten auf, die zielorientierte Forscher wegblenden. Mit dem Ergebnis, dass sie nur noch im Rahmen ihrer Suchmuster fündig werden.
Echte Wahrnehmung verbittet sich zusätzliche Suchmuster. Ziellos ist sie ohnehin nicht, weil die Sinne, speziell die falsch benannten Empfangsorgane, die genau das nur nebenbei sind, in Wahrheit immer Suchorgane bleiben, Sortierorgane. Ohne ihre Vorauswahl verwirbelte die Wahrnehmung im Dauerhagel milliardenfach hereinprasselnder Eindrücke.
Bis sie sich im Gehirn als Bild, Geräusch, Geruch, Berührung bemerkbar machen, durchlaufen sie die Etappen der zerebralen Eigenkonstruktion, greift schon mehr als genügend Ordnung − ein anderes Wort für Beschränkung.
Ordentlich beschränkt. Unsere biologische Grundausrüstung. Ramm schmeckt den braunen Atem der Pflanzen, übernimmt ihr Keuchen in der Zeit, hört tierisches Anschleichen, Heranflattern, hört das malmende Schnurren der Erdaussaugmaschinen, ergänzt durch das Ächzen seiner teils bestürzten, besorgten, teils angepissten Familie, was ihn betrifft: ein gleichzeitig und gleichrangig sich aufschaukelnder Aufruhr, ein Drängen und Überwindenwollen. Auch Fluchtbewegungen. In wechselnden Schüben. Eine von allen Seiten gegen ihn drückende, gegen ihn anrückende Dauerreizung, dass er statt Luft Sand einzuatmen glaubt, von der Anstrengung her.
Ramms Mutter hieß Alete. Er schrie und sie flog mit einem angewärmten Plastiknippel heran. Alles hörte auf sein Kommando. Die Entwöhnung kam aus heiterem Himmel. Ein immer wieder bejammerter Dressurakt weg von der sofortigen Wunscherfüllung hin zum Warten und Winseln. Viel zu oft, viel zu ausführlich erzählt, bis zu dem Punkt, wo das Zuhören schmerzhafter wird als der Vorgang selbst.
Ramms Kummer hielt sich in Grenzen. Wo die kindliche Kontrolle sank, stieg der jugendliche Steuermann auf: das gestaltende Subjekt.
Ha! Der frisch hochgeschossene Leib, ein einziger, über die Jahre aufgestauter Jubelschrei. Machbarkeit! Möglichkeit! Mit mir wird alles anders! Versammelt euch um mich, der Planet wird umgekrempelt. Jedes Alter sucht sich seine passende Theorie, so wie das Kind zur Rutsche rennt, der Jugendliche auf die Achterbahn drängt, der Greis den Schaukelstuhl ansteuert.
Ramm nennt es zurückblickend seine Walt Whitman Jugend. Es waren die alles Moderne umarmenden Triumphgesänge seines amerikanischen Idols, die ihn berauschten. Bei dem Dichter der Grashalme begeisterte ihn die brusttrommelnde Freude über elektrifizierte Lebensräume, Wolkenkratzer, Eisenbahnen und Maschinen, die den Menschen von der Muskelarbeit befreien, ihn beschleunigen, beflügeln sollten. Behalte deine leuchtende Sonne, behalte deine Wälder, o Natur, gib mir Gesichter und Straßen, gib mir die Werft, die großen Hotels - alles für den Durchschnittsmenschen!
Entzückt von der technologischen Morgenröte, besang Ramm mit Whitman Kunstsonnen in der Nacht, besang die Demokratisierung dank Kraftwerk und Telegraph, die Emanzipation durch Turbo, Strom, Schiene und Motor.
Es waren Ramms Überzeugungen. Befeuernd, bis ihn die Lähmung traf. Er hat alle Verse der Lokomotivhymne abgesungen, ist innerlich entgleist, ins Abseits geglitten, um über die nach allen Seiten offene Verwirrung in eine Sichtkehre zu geraten und in der Ecke der aktiv Untauglichen aufzuwachen.
Doch bis dahin sang er das Hohe Lied aufs steuernde Subjekt. Entscheider! Gestalter! In seiner Jugend gab es keine Zweifel am Machbaren. Die Jugend, das biologische Starterpaket! Kein Ziel scheint unerreichbar: „Noch ist nichts bestimmt und alles möglich. Noch spielt die Hand mit den Losen in der Urne des Schicksals, welche auch das große enthält. Warum sollte sie es nicht fassen können? fragt Kleist. Und fasst hin. Sieht, was er in der Hand hält. Geht ans Seeufer und erschießt sich.
Entzückt! Entzündet! Das gesamte Nervennetz durchfeuert. Gehirn in Flammen. Selbstentwürfe verklären sich wie eine von Ewigkeit her festgelegte Bestimmung. Angedachte Möglichkeiten entwickeln sich zu einem tatendurstigen Pflichtprogramm.
Der Glaube an die Selbstverwirklichung des gesellschaftlichen Subjekts beschleunigte Ramms Puls, denn nur so schien auch die Befreiung zur eigenen Individualität möglich. Dieses Feuer im Herzen! Dieses Licht im Kopf! Ah ja, was war er da angelodert von der Herstellbarkeit der eigenen Geschichte! Was war er ergriffen von der Überzeugung, Wahrheiten nicht zu finden, sondern machen zu können! Was war es erfrischend, als Vertreter des notwendigen Fortschritts Kampf und Kontrolle zu befürworten, eine klare Position zu haben, von allen anderen eine klare Position verlangen zu dürfen.
Den reaktionären Gegnern, ewiggestrigen Widerständlern, Zweiflern, Bremsern, Bedenkenträgern und Hürdensuchern galt der Kampf, um den zukunftsorientierten Lösungsfindern Platz zu machen. Wer, wenn nicht sie, konnten die Restprobleme auf dem Weg zum selbstbestimmten, voll befriedigenden Leben beseitigen! Wie höhnisch lustvoll drosch Ramm auf die Geschichtsskeptiker ein. Verächtlich spuckte er den Bedenkenträgern, den Hürdensuchern und Emanzipationsbremsern in ihren bürgerlichen Suppentopf.
Ramms Allergie gegen jede Herrschaft, Hierarchie, Rangordnung, Klasse. Was rechtfertigt Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht, vererbbaren Besitz? Nichts. Verweise auf Gottes Willen? Zu durchsichtig. Verweise auf die Hackordnung bei Hühnern? Auf die Alpha-Rättin? Auf das Leittier im Wolfsrudel? Weg mit dem verlogenen Analogie-Krempel aus dem Tierreich! Her mit der vernunftgeleiteten Selbstbestimmung! Die Vision hat Ramm mit einer leuchtenden Haut versehen, egal durch welchen Dreck er kroch. Er fühlte sich an der Speerspitze der Menschheitsentwicklung, ein Teil der Bewegung, die das Tor zum irdischen Paradies aufstieß.
Das Selbstverwirklichungsfeuer, zur halluzinatorischen Erlösungsgewissheit gesteigert, musste neben der rohen Wut natürlich auch philosophisch unterfüttert werden. Es gelang ihm, an Büchersäulen gelehnt, Denkwindung für Denkwindung die abendländische Geistesgeschichte als eine einzige Subjekterweckung aus den Jahrhunderten zu bürsten: Die Erzählung vom Einzigartigen in jedem von uns!
Er tagträumte. Er sah den Subjektriesen leibhaft vor sich, wenn er durch die Straßen ging. Er sah die Elektrifizierung der Welt, die Stromkabel- und Glasfaser-Aderung der Erde, die ihre Haut energetisch auflud, er sah den durch maschinelle Produktion zu erreichenden Mehrwert, die Robotersklaven, die digitale Entlastungs-Revolution, Smartart, Smartwatch, Smartmobil, Smartphone, Smarthome, was künftigen Generationen eine Freizeit und Bewegungsfreiheit bot, mit der sie die letzten Fremdbestimmungen abschüttelten.
Arbeit und Muße, Aktion und Reflektion im fruchtbaren Wechsel! Ein ungehindertes Ein- und Ausatmen! Ein stetiger, linearer Anstieg...
Der rote Erzählfaden hieß Aufklärung. Erwachen der Menschheit. Abschütteln ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Auferstehung des Göttlichen in jedem Erdling. Der Erzählfaden wurde im Leben aus immer feinerem, immer unzerreißbarerem Technozwirn gesponnen und spannte sich geschmeidig über den Globus.
