Kains Erben I - Stefan Tomas Gruner - E-Book

Kains Erben I E-Book

Stefan Tomas Gruner

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Beschreibung

Jahrhunderte schien hohe Dichtung nicht ohne religiöse Bezüge und Mythen auszukommen. Nach der Aufklärung - in einer Situation "transzendentaler Obdachlosigkeit" - galt es auszuloten, ob es je eine vollkommen säkulare Dichtung geben könne. Vordergründig kein Problem; sieht man näher hin, verstecken sich bis heute religiöse bzw. transzendentale Andeutungen gerade in den ehrgeizigsten poetischen Werken. Offenbar ist es schwer - manche sagen unmöglich - die tiefe christliche, im weiteren Sinn am Transzendenten orientierte Prägung abzustreifen, ohne die Dichtung zu "entzaubern". Fehlt der Glaube an einen Schöpfergott, tritt der bisherige "imitator dei", der Mensch, als originärer Schöpfer auf. Das ist aus religiöser Sicht des Teufels. Genau dieses Bündnis mit dem Bösen gingen die Poeten ein. Luzifer verschmolz als Lichtbringer mit dem mythischen Feuerbringer Prometheus. Was vorher verwerflich war, wurde nun gefeiert: Sinnlichkeit, Sex, Grenzüberschreitung, Ungehorsam... Rückbesinnung auf die "primitiven" heidnischen, "naturnahen" Ursprünge. Auch mit Konsequenzen für die Sprache: von rationalen Aussagen zu prälogischen, unbewusst produzierten Texten, am besten noch eine Stufe tiefer zur Gebärde, Pantomime, Tanz... "Kains Erben I" beschäftigt sich mit der Renaissance des Bösen, den Bewegungen zwischen Aufklärern und Gegenaufklärern und den diversen "Befreiungsschlägen" der Literatur von den religiösen Traditionen. Personen u.a.: Kierkegaard, Göring, Hamann, Hegel, Byron, Hofmannsthal, Brummel, Poe, Reich, Marcuse, Artaud, Fichte, Bataille, Ball, Arp, Schwitters, Valéry, Wiener, Barthes.

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Seitenzahl: 498

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Vorab

Der erste Poet

Das Böse nebenan

Weder gut noch böse

Die Renaissance des Bösen

Der Psychopath

Des Teufels General

Der Gegenaufklärer

Sokrates weiß, dass Dichter nichts wissen

Der „Schwabenbund“

Das Böse in uns

Scham

Der Teufel geht – das Böse bleibt?

Mythen gegen eine „entzauberte Welt“

Religiöse Abtaucher

Der Dandy

Geben um zu geben

Freiheit

Der klare Blick

Zerteilte Körper

Lord Chandos Brief

Gespräch über Pferde

Die Briefe des Zurückgekehrten

Gedanken tanzen

Die Lust am Leib

Passion

Der verengte Blick

Hormone als Schicksalsboten

Pflanzen

Doña Quijote

Metaphysik der Gebärde

Der surreale Akt

Lallteratur

Dämonen abhusten

Poet oder Programmierer

Mythenjäger

Was bisher geschah: Zweitausend Jahre Christentum.

Bröckelnder Glaube. Wachsende Sprachlosigkeit.

Gibt es da einen Zusammenhang?

(Konrad Salto)

Wenn der Weg zu Gott mir offen stünde,

hätt‘ ich nicht das Herz zu dichten.

(Faridoddin Attar)

Das Austrocknen der Quellen von Mythos und Religion macht den Dichter zum Wassersucher.

(Werner von Koppenfels)

Vorab

Wer unsere Situation für verworren hält, leidet an Untertreibung. Sie ist jeder Anschauung entzogen. Überkomplex. Überkompliziert. Ein Sinnfadengewebe mit lauter losen Enden und Fransen, die ins Undurchschaubare fasern. Das Gewebe selbst besteht aus unterschiedlichen Lagen, ist eher ein Knäuel, hier knotig, da löchrig, dort mehrfach ineinandergefältet, aus den unterschiedlichsten Materialien, manches mit schneller Verfallszeit, manches von langer Haltbarkeit, manches so gut wie unzerstörbar.

Da scheint es eine Realität zu geben, die uns affiziert. Wir erfassen von ihr, was unsere Sinne zulassen. Wir behandeln sie. Wir kultivieren sie. Wir greifen ein und ändern sie und sie ändert uns. Wir arbeiten uns aneinander ab. Wir verstoffwechseln uns gegenseitig. Der Prozess beginnt schon weit vor uns. Bei Qualle und Wurm und Springmaus. Ihre evolutionäre Leistungen schreiben sich in die Sequenzen unserer Gene ein, eine Art Knotensprache, die uns lebenstüchtig macht, nicht zuletzt indem sie unsere Wahrnehmungsfähigkeit begrenzt. Dazu der Austausch mit dem Kollektiv von den ersten embryonalen Zellteilungen an. Vor jedem Ich wirken andere. Sie sozialisieren mich. Kultivieren mich, damit wir gemeinsam weiter die Realität kultivieren. Und die Kultur kultivieren. Kulturschicht um Kulturschicht übereinander lagern. Erfinden. Vergessen. Forschen. Streiten.

Wahrheit? Wo sollte die sein? In welchem endgültigen Weltbild zusammengefroren? Mythen haben es versucht. Religionen haben es versucht. Naturwissenschaften haben es versucht. Ihre angeblich soliden Fundamente sind immer wieder zerbröckelt. Dabei stehen wir nicht auf Nichts, im Gegenteil, wir bewegen uns zwischen durchgearbeiteter Geosphäre, Biosphäre, Soziosphäre, Technospähre, Atmosphäre, Kosmosphäre in einem Fließgleichgewicht, das jeder Zeit zu stocken droht oder davonschießt, uns fortreißt. Die einzige Klammer, die diese in uns verstoffwechselten Sphären eint, hat einen schlichten Namen: Erzählung.

Wir wissen nichts, wir erzählen uns. Erzählungen sind grundsätzlich uneindeutig. Es gibt keine Interpretationshoheit. Wie auch? Da ist ein Text und ein Subtext, da sind Anspielungen aus anderen Texten für den Kenner, Fallstricksätze für den Laien, Signalwörter für den Diagonalleser, da mischen sich Epochen und Zeitbezüge, Fakten und Fiktionen, und außerdem ist der lesbare Text nur die oberste Schicht eines Palimpsests aus Tausenden von überschriebenen Variationen zum Thema. Die wahre Wirklichkeit? Ein Konglomerat von letztlich unvereinbaren Sinnfeldern. Die Fäden unseres Realitätsgewebes können demnach genauer bezeichnet werden: es sind Erzählstränge.

Gibt es keine Erkenntnis, die den Rahmen des Erzählens verlässt? Empirisch erhobene Daten? Physik? Chemie? Mathematik? Die Antwort ist nein. Selbst am äußersten Ende der Objektivitätsskala muss erzählt werden, wenn überhaupt noch etwas mitgeteilt werden soll, so wie das äußerste Ende der Erzählskala nicht ohne Realitätspartikel auskommt, um nachvollziehbar zu bleiben. „Das Universum ist aus Geschichten, nicht aus Atomen gemacht“, heißt es in einem Gedicht von Muriel Rukeyser, die dabei nur das poetische Flimmern gegen den exklusiven Wahrheitsanspruch der Empiristen in Stellung bringt, ohne die Existenz von Atomen leugnen zu wollen: als Atom-Story! Als interpretationsbedürftige Vorstellung. Eine einigermaßen plausible Geschichte – und trotzdem eine Geschichte, nicht mehr.

Was einst konkurrierend zwischen „Geisteswissenschaft“ und „Naturwissenschaft“ verhandelt wurde, verschiebt sich zu mehrpoligen, übereinander gelagerten, sich gegenseitig durchdringenden Deutungsfeldern. Ihre konkurrierende Sichtweisen werden sich nie in einer Synthese auflösen, sie hängen voneinander ab, bilden Symbiosen, Kooperationen auf Zeit, bleiben Gegner, sind Weggefährten wider Willen …

Es wäre also nicht nur anmaßend, sondern verfälschend, wollte man ein global gültiges Szenario über eine begrenzte Sichtweise legen. Der einzige Erzählfaden, der im vorliegenden Versuch durch das abendländisch geprägte, literarische Gewebe verfolgt wird, beschäftigt sich mit den Möglichkeiten einer Säkularisierung der Dichtung nach zwei Jahrtausenden christlicher Prägung.

Warum hängt unsere Literatur immer noch am Tropf der Transzendenz, sobald ihr Anspruch „zu den letzten Dingen“ steigt? Kaum jemand – Hirtenbriefe der Kirchengemeinden ausgenommen – wagt noch offen religiös zu schreiben, doch versteckt, in Anspielungen, symbolisch und durch die Blume wird auf den Schlenker ins Jenseitige nicht verzichtet, sofern ein Werk den Gütestempel „überdauernd“ anstrebt. Auch notgedrungen, da sich kaum eine Redewendung ohne metaphysische Aufladung durch die Jahrhunderte schmuggeln konnte. Ein Wortspiel Buñuels bringt das Dilemma auf den Punkt: „Ich bin Atheist, Gott sei Dank“ – je suis toujours athée, grâce à dieu.

Befürchten die Dichter/innen den Verlust der Magie ihrer Texte, wenn sie den goldenen Faden zum Jenseits kappen? Ist die Befürchtung begründet?

Die Frage soll weder überzeitlich noch über die christlichen Kultureinflüsse hinaus behandelt werden. Unser bibelgetränkter Horizont ist so begrenz wie schwer verschiebbar. Ob in Epochen der Gottesverehrung, der Gottesverfluchung oder der blanken Gottlosigkeit – der Bezugspunkt bleibt Jehova und Jesus, selbst für die, die gegen sie anrennen, das heißt, sich mit dem Teufel und dem Bösen verbünden. Noch schwieriger erweist sich für die Schreiber der Versuch, den ganzen religiösen Quark – nicht nur die Bibel, sondern alle Texte mit religiösen Konnotationen – zu irgnorieren, ohne in die Falle von Ersatzreligionen zu tappen, die als solche erst einmal nicht erkannt werden: Ich-Auflösung in Natur, Volk, Kollektiv, Kosmos, Tantra-Sex, Übermensch...

Unsere Literatur steckt nicht nur bis zum Kinn in den Erzählungen des Alten und Neuen Testaments, egal welches Thema sie behandelt, schlimmer, sie hat diese Erzählungen mitgeprägt, umgeformt, verklärt, auf lokale Bedürfnisse hin verbogen und selbst in der Verhöhnung noch Korrekturen eingebracht, die deren Leben verlängerten… Literatur kann schon aus dem Grund schwer von den himmlischen Urahnen lassen.

Bekanntlich ist die Heilige Schrift ein Konglomerat aus älteren, polytheistischen Mythologien, deren Narrative christgerecht umgemodelt und in die Reihe der eigenen Heiligenlegenden eingebaut wurden, keine Figur ohne Vorläufer-Figuren und über Generationen tradierte Ereignisse mit der spezifischen Zusammenballung auf einen Gott. In der alle „störenden“ Varianten ausblendenden, dafür wünschenswerte Eigenschaften dazumogelnden Endfassung der Bibel, wie wir sie heute kennen, sind speziell die jüdischen und muslimischen Einflüsse getilgt, die im kultur-osmotischen Austausch an den Ausgangstexten unserer später kirchengenehmen Heiligen Schrift mitgewirkt haben.

Literaturhistoriker wie Erich Auerbach (Mimesis, 1943) lassen neben der „volkstümlichen“ christlichen Tradition nur noch die „elitäre“ hellenistische gelten, wenn sie die Quellen unserer Dichtung nennen. Eine seither ständig wiederholte, unzulässig verengten Darstellung unseres poetischen „Mutterbodens“. Dantes Komödie, Bocaccios Dekameron oder Cervantes Don Quijote ohne Berücksichtigung der altpersischen Mystiker, der jüdischen Überlieferung und der mozarabischen Dichtung verstehen zu wollen, gleicht einer Amputation am lebenden Werk.

Genau das geschieht. Vergessen gehört zum Weitermachen. Das Christentum und das klassische Griechenland sind die beiden verbliebenen, dafür bis in die Reflexzonen eingesunkenen Säulen, einschließlich der Versuche, ein gemeinsames Dach darüber zu errichten. Augustinus arbeitete sich an Platon, Thomas von Aquin an Aristoteles ab, Hölderlin lässt seinen Hyperion am griechischen Wesen vom verkrusteten Christentum genesen. Religion und Poesie sind für ihn untrennbar, doch zerreißt ihn schon die „moderne“ Frage, wie religiöse Dichtung in gottloser Zeit aussehen könnte.

Die einfachste Antwort: Es geht nicht. Lass die Finger davon. Sei froh, dass du Gott los bist. Dichte restlos diesseitig... Die Gegenrede zu dieser Antwort: Es geht nicht. Ich kann die Finger nicht vom Religiösen lassen, ohne das Poetische zu verlieren. Rückfrage: Warum nicht?

Die Antwort steht aus. Wenn Schreiben eine Form des Gebets ist, wie es Kafka notiert, und für immer Gebet bleiben muss, wer wird da im entleerten Himmel angebetet? Oder geht es nur um die Ernsthaftigkeit, die ausschließliche Hingabe eines Betenden an seinen neuen Gott, das zu schreibende Werk? Der entzückte Aufschrei bei der Lektüre – „Das ist ja göttlich!“ – kann er wirklich noch wortwörtlich gemeint sein? Niemals. Ohne Gott ist jedes Werk nur im Sinne eines dreifachen Prost! „göttlich“.

Ob noch religiös oder nur metaphorisch betend, die Poesie hängt für uns vom Muster her am Gott der Genesis: an einem Schöpfer aller Dinge durch das Wort.

Nachdem sich Gott als unser eigenes Geschöpf herausstellte, änderte sich an der überlieferten Wortmächtigkeitfür den Poeten nichts – der Anspruch kehrte nur zu seinem eigentlichen Urheber zurück. Er übernahm, was er in den Himmel verschoben hatte: die Weltschöpfung durch das Wort. Für den Gläubigen das sündhaftes Nachäffen einer nur Gott vorbehaltenen Fähigkeit, also das Böse – für den analytischen Wissenschaftler und Datenhuber eine unhaltbare Anmaßung, also das Übel.

In der Zange dieser beiden Gegner vergehen dem Poet die Sinne; er weiß nie, ob er recht hat, ob er spinnt, ob er an der Sprache zweifeln soll oder der einzige ist, der sie noch vollwertig anwendet.

„Die Licht- und Feuerzunge des Herrn, die schafft, indem sie benennt, ist in Wahrheit deine eigene“, so flüstert Luzifer, der Lichtbringer, und diese Einflüsterung haftet. Nachdem Gott vor dem Tribunal der Aufklärung seiner Hinrichtung zustimmte, erweist sich Satan als der christliche Prometheus, der Menschenfreund. Wenn die menschliche Schöpfer-Zunge gotteslästerlich ist, dann ist im religiösen Rahmen eben das Böse Garant und Quelle der Poesie.

Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass sich die Existenz des Bösen auch in den „gottlosen“ Zeiten – und unter den bekennenden Gottlosen – hartnäckig hält. Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass selbst in einer ansonsten profanen Welt hinter der Annahme eines „Bösen an sich“ ein Sprach-Kampf ausgetragen wird. Immer nebenher und meist unbewusst. Kain ist der Verbrecher, auf den sich die Poesie stürzt – und stützt – denn Kain beendet den Kuhhandel mit Gott und sagt, was ist.

Ein Strang der Aufklärung verschob den Schwerpunkt von der Essenz (ideell, allgemein) zur Existenz (konkret, besonders). Angestoßen von Kierkegaard und seinem vergeblichen Versuch, als „Glaubensritter“ den Sprung des Einzelnen zum Absoluten zu schaffen, folgte der säkularisierte Einzelne, der – in die Welt „geworfen“ – zu einer radikalen (Wahl-)Freiheit „verdammt“ war, dank derer er sich entwerfen und für den Entwurf verantworteb musste. Hier wiederholte sich, was im religiösen Zusammenhang die Freiheit bedeutete, die Gott seinen Geschöpfen gewährte, sich von ihm abzuwenden.

Ohne dieses „Drama der Freiheit“ im Himmel wie auf Erden wäre das Böse nicht möglich, Gott ein Lügner und der Existenzialismus eine Illusion. Das wurde denn auch von den Leugnern des freien Willens vorgebracht und gegen jede Moral angeführt.

Die beiden Zimmergenossen im Tübinger Stift, Hegel und Hölderin, zu Beginn glühende Anhänger der Aufklärung und der Französischen Revolution, wollten vom Absoluten nicht lassen. Um die Spur des Bösen beim Philosophen der dialektischen Methode zu erkennen, braucht es nicht viel: es ist die Verneinung, die für Hegel die Geschichte der Menschheit vom absolut Bewusstlosen zum absoluten Wissen treibt. Kain, der Verneiner, nicht Abel stößt diese Entwicklung an und bewegt sie durch alle Stadien. Es ist das „Kain’sche“ Moment in der Sprache, das der Dichter-Philosoph Hegel betont: ein isoliertes Wort ist sinnlos, seine Begrifflichkeit entsteht erst im Durchlauf eines Satzes zwischen Subjekt, Objekt und dem „tätig“ vermittelnden Verb. Die Hebamme eines Wortes wie „Licht“ ist die Dunkelheit oder das Wort bleibt ungeboren.

Das aus religiöser Sicht „Böse“ beim Tübinger Philosophen-Dichter erscheint ebenso deutlich: nur durch die Verschmelzung mit den „gottlosen“ Barbaren, die ausnahmslos Kandidaten für die Hölle sind, nur in der Besinnung auf das heidnische, pantheistische Leben des alten Griechenlands waren für ihn die biblischen Figuren zu retten: Hölderlins „Rechristianisierung“ darf genauso „Repaganisierung“ genannt werden.

Goethe Faust verwirft beim Versuch, den Eingangssatz der Genesis in sein „geliebtes Deutsch“ zu übertragen, die Version: „Im Anfang war das Wort“. Nach einigem Hin und Her steht für ihn fest, die richtige Übersetzung müsste heißen: „Im Anfang war die Tat!“ Es kann als Weckruf für einen alternativen Pakt mit dem Teufel gedeutet werden, der beim Erschaffen der Dinge nicht auf die Sprache, sondern auf die tätige Konstruktion setzt.

Schließlich ist poiesis nichts weiter als Herstellung. Die leistet der Techniker vordergründig realer als der Wortsetzer mit seinem mystischen Dinge-durch-Benennung-schaffen. Die Illusionsblase „Gott“ ist geplatzt, sagt der Aufklärer, ab jetzt übernehmen wir die Urheberschaft für die Gestaltung der Welt (nicht ohne Hinweis auf Seine eigene Aufforderung, Macht euch die Erde untertan). Plausibler scheint die Version, dass die Eigendynamik von Wissenschaft und Technik in ihren wachsenden Erfolgen den Gott der Kirche spätestens mit der Begeisterung für mechanische Puppen an die Wand drückten.

Während die Literaten in der Selbstverteidigung eher auf Regression setzten – im Versuch, die Sprache durch Wurzelkuren zu stärken – setzten die Wissenschaftler auf Fortschritt: Ihr Tatendrang ist immer auf die Zukunft gerichtet – future research will show – und wo Technologie Probleme schuf, wird noch mehr, noch bessere Technologie Abhilfe schaffen. Die Vision ist: vom schwitzenden Hammerschwinger und elendiglich-endlichen Erdenbeackerer hin zum unsterblichen transhumanen Wesen, am besten auf einem günstigeren Planeten als der fehlerbehafteten, krisenanfälligen Erde.

Ob Literaten mit dem Hang zur Beschwörung vom besseren Vorgestern oder Technokraten mit ihrer notorischen Fixierung auf Übermorgen, Hauptsache weg vom unerträglichen Heute.

Erfinder, Forscher und materielle Umgestalter der Welt gebärden sich als die wahren „Poeten“. Die Wirkmächtigkeit ihrer Taten lässt nicht nur die Wortmächtigkeit der Dichter blass aussehen, sie leugnet rundweg jeden Einfluss der Sprache auf den Gang der Dinge. Informationstheoretiker erklären Worte zu beliebigen Laut-Vehikeln für ein und dieselbe Sache. Das macht einen Dichter wie Lord Chandos sprachlos. Er versucht bei dem neuen Typus Wissenschaftler seine Ansicht von der Wort-Ding Bindung zu verteidigen, stößt aber nur noch auf taube Ohren (und heimliches Gelächter).

Dichten nicht nur in gottloser, sondern auch in technologiewütiger Zeit, wie geht das? Die Lichtbrigaden der Aufklärung – den Schwefelgeruch Satans noch im Schritt – suchten angesichts der ungewohnten „transzendentalen Obdachlosigkeit“ neuen metaphysischen Halt im Ästhetischen, im Dandytum, im reinen Stil, im autonomen Wort, in der Wortzertrümmerung, im Körperlichen, in der Urnatur, in der Ursprache, im Genialischen, im Dämonischen, im Unbewussten, im Automatischen, im Gesellschaftlichen... alles nach dem Motto: „Seit ich das Rauchen aufgegeben habe, bin ich Nasenbohrer“, will sagen, ich habe das Laster gewechselt, aber nicht das Lasterhafte (die Transzendenz).

Ich verlasse Gott, den Übervater, und werde – Gott sei Dank – Surrealist. Ich wechsle vom Surrealismus, dem Überwirklichen, zum Kommunismus, zum Überpersönlichen. Ich gebe den Glauben auf und bete weiter... Wie sahen die Lösungen bei Dichtern aus, die ihren lasterhaften Drang zur Transzendenz kannten und überwanden?

Besonders aufschlussreich erscheinen bei dieser Abkehrbewegung Dichter, deren Start noch im Schutz und unter dem Druck des Glaubens stand, bevor sie sich und ihre Texte „säkularisierten“. Jeder auf seine Art ein nicht zu überbietender Endpunkt: Joyce und Beckett, die sich von ihren Epiphanie-Erlebnissen lösten und den Dichter-Seher aus der Literatur verabschiedeten. Camus, der wie Genet das Moment der Mimikry als weltliche Antwort auf den mythischen Nachäffer Satan einbrachte. Musil, der den Spagat zwischen der technischen und der literarischen Poetik bis zur „taghellen Mystik“ trieb. Schließlich Benjamin, der nicht nur zu einer mit Musils Darstellung vergleichbaren „profanen Erleuchtung“ fand, sondern in seiner Mimesis-Theorie die Ansätze zur Beantwortung des zentralen Sprachrätsels skizzierte, das der Eingangssatz der Genesis für Jahrhunderte ins Jenseits verschob und nun evolutionsgeschichtlich aufzulösen wäre.

Der erste Poet

Solange wir von der Existenz des Bösen überzeugt sind, bewegen wir uns im religiösen Feld, auch wenn wir es anders meinen. Böse sind nicht nur unmenschlich, sie werden für außermenschlich erklärt. Ihr Verhalten bekommt über die Ächtung als Gesetzesbrecher zusätzlich den Stempel des Dämonischen aufgedrückt. Wir geben keine Ruhe, bis wir ihre Verwerflichkeiten im Transzendenten verankert haben. In der biblischen Version: beim Teufel.

Bei aller Säkularisierung erstaunt eine „Renaissance des Bösen“, nicht nur hochgespült von radikalisierten Religionsanhängern, sondern auch von Wissenschaftlern, Kriminologen und forensischen Gutachtern, denen angesichts bestimmter „Unmenschen“ keine Erklärung mehr einfällt. Sie beschwören den zeitlosen Kampf zwischen Gut und Böse schon auf Erden, ein Kampf, der für Gläubige erst am Ende aller Tage durch die himmlischen Heerscharen zu einem guten Abschluss gebracht werden kann.

Die Literatur hat ausgiebig von diesem Kampf profitiert. Hymnen an die Schönheiten der Natur, Geschichten von Liebe, Treue, Güte, Rücksicht und Hilfsbereitschaft unter den Menschen belegen, dass der Schöpfer die beste aller möglichen Welten eingerichtet hat. Umso rätselhafter die Kriege, Plünderungen, Ausbeutungen, Vertreibungen, Tyranneien, begleitet von Naturkatastrophen, Krankheiten und Tod, die an jeder obersten Gerechtigkeit zweifeln lassen. Doch egal, wo der Schwerpunkt liegt, poetisch scheint die Darstellung erst vollendet, wenn Lob wie Zweifel bis zu den Drahtziehern hinter den Wolken verlängert werden und dort jene transzendentale Rührung oder Erschütterung auslösen, die in den Text zurück vibrieren und ihm eine letzte „Tiefe“ verleihen.

Zum abendländischen Narrativ gehört: Aus dem „finsteren“ Mittelalter erlöste uns das „Licht“ der Aufklärung. Warum schienen jedoch gerade die Dichter vom „Licht“ der Aufklärung eher geblendet als gefördert? Was wurde durch dieses „Licht“ gestört? Wie kam es zu dem Vorwurf, es „entzaubere“ alle Poesie, vernichte die Sprache? Die einzig tragfähige Antwort: Eben jene zum quasinatürlichen Kulturbestand abgesunkene Erzählung der Genesis, deren Eingangssätze poetischer nicht hätten sein können:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“ (Johannis). „Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht … Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art, und es geschah also“ (Moses).

Stillschweigend hatten die „aufgeklärten“ Dichter für Gott sich selbst gesetzt, stillschweigend dessen höchste Fähigkeit angenommen: zu schaffen, was sie benennen! Zurecht, sofern sie sich an Gottes eigenes Versprechen hielten, sein Ebenbild zu sein. Ebenbild hieß für ihn aber gerade nicht Gleichheit, sondern rangniederer Abklatsch. So verbat er seinen Ebenbildern, es ihm in der Weltschöpfung durchs Wort gleichzutun. Nur Jahwe konnte reale Dinge schaffen, indem er sie aussprach! Wer sich einbildete, dasselbe zu leisten, blieb ein jämmerlicher Nachäffer. Es musste den Möchtegern-Sprachschöpfern klar sein, dass sie sich bei einem solchen Anspruch mit dem obersten Nachäffer Gottes, mit Satan verbündeten.

Dieser blasphemische Aspekt ihrer Dichtkunst – bislang immer im dienenden Sinn und zu Ehren Gottes gesehen – überraschte (beunruhigte, verschreckte) die Literaten, als das Licht der Aufklärung Gott ausblendete. Es war nun an ihnen, die göttliche Wortmächtigkeit zu übernehmen. Wort und Ding in der poetischen Herstellung zu verbinden. Und dann war es wiederum die Aufklärung, die nach dem Erzpoeten (Gott) den Erdpoeten (Lord Chandos) zum Auslaufmodell herabstufte, indem sie die Dinge von den Wörtern trennte, erstere zum Wesentlichen, letztere zum Beliebigen erklärt. Alle Singer, Seher, Hymniker lagen plötzlich im Dreck, die Stiefelsohle der Nominalisten im Nacken.

Ausgerechnet in der Epoche der Aufklärung, in der das Menschenbild von einer Fremderleuchtung zur Selbsterhellung wechselte, schlug sich der Literat auf die Seite Satans. Auf die Seite des Bösen, zu der er sich selber abgeschoben fühlte. Seine Allianz mit dem Bösen war kulturgeschichtlich stimmig.

Wenn nach der herrschenden Religion im Anfang das Wort war, und Gott schuf, indem er sprach, ist dieser Gott nichts anderes als der erste und oberste Poet. Poiesis heißt Herstellen, in diesem Fall Herstellen durch Nennen. Damit ist das Muster für alle nachfolgenden christgeschulten Poeten gegeben.

Die Alltagssprachler mag wenig kümmern, wie weit sie mit ihren Sätzen Sein begründen, solange die Verständigung funktioniert. Nicht so der Dichter. Nachdem ihm die analytischen Wissenschaftler von einer Welt erzählt haben, die sich gleich bleibt, egal, wie man sie bezeichnet, nachdem sie ihm also die Butter vom Brot, will sagen, die Wörter vom Ding gezogen haben, wacht er aus seinem Urvertrauen in die paradiesische Sprache auf und sieht sich schmerzhaft in die Zange genommen: Die Kirchenlehrer – ihrerseits von der neuen nominalistischen Erzählung angefixt – beschimpfen ihn als Häretiker, der sich anmaßt, die Wörter gottgleich zu handhaben, die Wissenschaftler werfen ihm auf der anderen Seite vor, einer kindischen Illusion von Sprachmächtigkeit nachzuhängen, die sich auf eine nicht weniger lächerliche biblische Behauptung beruft, zu allem Überfluss einem Gott in den Mund gelegt, den es nie gegeben hat...

Das Fazit für den Dichter, der von seiner magischen Sprachauffassung nicht lassen will: Ich bin böse und ohne Verstand. Der einzige, der dazu Beifall klatscht, ist Satan. In seiner Zeit als Engel stand er Gott am nächsten, und Begriffsstutzigkeit ist das letzte, was man ihm nachsagen kann. Also hat er die Fähigkeit, durch Worte Dinge zu schaffen, als wirkmächtigste, oberste und göttlichste erkannt und noch im Sturz für sich reklamiert. Die Erkenntnis, die Jehova allen anderen vorenthalten wollte, bestand in diesem Wissen: Sprache schafft Welt! Wer das weiß, wird gottgleich. Aus Sicht Gottes ein Sünder. Von wegen Ebenbild! Her mit dem Verbot, von diesem Wissen zu kosten! Doch bei seiner eifersüchtigen Geheimhaltung hat Er die Rechnung ohne Satan gemacht. Der Teufel windet sich als doppelzüngige Schlange vom Baum des entscheidenden Wissens und flüstert es Eva ins Ohr: in Wahrheit bist du es, die schafft, indem du sprichst. (Eva, die ihren Adam kennt, weiß, dass er solche Botschaften nur erfasst, wenn er in das, was sie „Apfel“ nennt, beißen darf).

In einer Erzählvariante schickt Gott persönlich Satan in den Baum, um die „Ebenbilder“ endlich verfluchen und fortjagen zu können: Lasst euch nicht für dumm verkaufen! soll er sagen, ihr seid nicht nur ebenbildlich, ihr seid ebenbürtig – seid Poeten wie ich!

Worte, die Dinge schaffen? Real? Körperlich? Unmöglich. Und doch das innigste Credo jeder Poesie. Nach der Vertreibung aus dem Paradies drehen die Vertriebenen die Schöpfungsrichtung um. Gott kann nicht namentlich angesprochen werden, ohne dadurch zu entlarven, wer hier wen erschafft... nicht umsonst verbittet Er sich, genannt zu werden!

Wer wirklich bei Gott ist, verstummt und zittert. Darauf bestehen die Mystiker gegen das von der Kirchenlehre weich gespülte Gottesbild. Der Allgütige? Gerechte? Hort von Trost und Zuversicht? Weit entfernt von dem, was er tatsächlich ist: die reine Willkür. Er zerstört, baut auf, straft, lobt, zürnt, wütet, hilft, zertrümmert, nährt, schickt Plagen und spendet Manna ohne erkennbares Muster. Er ersäuft die Menschheit, um sie durch ein einziges gerettetes Paar neu zu züchten, was sich als überflüssig herausstellt, weil es danach genauso weitergeht. Er belohnt die Verbrecher, stürzt seine ergebensten Diener ins Unglück. Er verlangt von Abraham den Kindermord, lässt seinen eigenen Sohn am Kreuz verenden, schickt den Teufel los, um den Frömmsten aller Frommen, Hiob, so lange mit Verlusten zu quälen, bis der Gedemütigte nur noch eine Scherbe hat, mit der er sich die juckende Krätze vom Körper schabt.

Hiobs Schrei ist der Urschrei der Empörung, den keine theologische Gedankenakrobatik je besänftigen wird: Warum? Warum ich, dein treuster Diener? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Ist das der göttliche Plan? Die Planlosigkeit?

Wie rechtfertigt sich der Angegriffene? Es ist schnell erzählt. Gar nicht. Stattdessen donnert er seinem schmerzgekrümmten Diener den ultimativen Machtspruch entgegen: Ich bin, der ich bin! Hätte die Natur einen Mund, käme nichts anderes heraus. Sie nährt und vernichtet nicht weniger ziellos, weil sie gar nicht weiß, dass wir da sind.

Dieser schauderhafte Gott ist der Gott der Mystiker. Je näher sie ihm kommen, desto fürchterlicher wird es für sie. Entsprechend schleudern sie ihm Dinge an den Kopf, die kein lauer Gläubiger, kein trostverpflasterter Kirchenlehrer wagt. Die Mystiker sehen im Himmlischen auch einen Sadisten, Weggucker, Provokateur, Tyrannen, Gleichgültigen, schlimmer noch, sie glauben seine Abwesenheit feststellen zu müssen, aber nur, um sich desto feuriger nach ihm zu verzehren. Das ist der Rohstoff. Der Rest frömmelt sich in ein kitschiges Gott-Kuschelwesen hinein.

Die Aufklärung trieb Dichter in Satans Arme. Der Herr der Finsternis wandelte sich zum Lichtbringer Luzifer. Kain wurde als erster Rebell gegen die göttliche Willkür gepriesen. Milton, Byron, Shelley, Blake traten gegen die oberste Allmacht an. Goethes Held paktiert mit dem Teufel: er verführt und schwängert die gutgläubige Gretel, lässt sie im Stich, mordet ihre Mutter, klebt am Gold, während sein diabolischer Kumpel die Massen durch die Erfindung von Papiergeld betrügt, zwingt Helena zur Wiederauferstehung, um nach dem irdischen auch den überirdischen Sex zu erleben, besiegt mit den niederen Kreaturen Raufebold, Habebald und Haltefest das Heer des Gegenkaisers, greift mit dem Großbauprojekt eines Deiches in die Natur eines ihm vom dankbaren Kaiser geschenkten Küstenstreifens, nimmt als Bauherr in bekannter Manier Vertreibung und Tod eines ansässigen alten Ehepaars in Kauf, um sein Projekt voranzutreiben... was nicht verhindert, dass sein Autor seither mit der nationalen Kulturkrone auf dem Kopf herumläuft.

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann reichte zur Genesung der kranken – tief gekränkten – Dichtung die Elixiere des Teufels. Poe und deQuincey wechselten vom göttlichen zum künstlichen Paradies. Künstlichkeit hob der Dandy Wilde auf das Niveau einer Ersatzreligion. Hymnen an das Böse lieferten Villon, de Sade, Huysmans, Lautréamont, Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Genet, Bataille … um nur die Bekanntesten der Gotteslästerer zu nennen.

Unterm Strich ist es gleich, auf welche Seite man sich schlägt; der Poet sitzt im theologischen Käfig, ob er nun gottergeben darin hockt oder satanswild an seinen Gittern rüttelt. Selbst im Atheisten steckt noch theos; solange er sich abmüht theos zu verneinen, ist er verurteilt zu bestätigen, was er verneint. Atheisten vergleicht Albert Einstein denn auch mit „Sklaven, die immer noch das Gewicht ihrer Ketten spüren, die sie nach hartem Kampf abgeworfen haben.“

Gott als Phantomschmerz.

Und wenn ein Dichter allem Jenseitigen abgeschworen hat, ohne die geringsten Kettengewichte zu spüren, muss er sich immer noch von den „aufgeklärten“ Wissenschaftlern sagen lassen, dass er ein am falschen Mythos geklammerter Depp bleibt, solange er nicht auch seiner überholten Wortschöpfungslehre abschwört.

Was er nicht will.

Nicht kann und nicht darf.

Das Böse nebenan

Ein bislang unauffälliger Nachbar wird verhaftet; er erweist sich als bestialischer Serienmörder. Ein Junge tritt bewaffnet in seine Schule und versucht, so viele Mitschüler wie möglich zu töten. Bis dahin war er nur durch seine Schüchternheit aufgefallen. Eine Frau wird aus dem Gefängnis entlassen, setzt sich zu ihrem Freund in den Wagen und erschießt an der ersten roten Ampel einen Fremden, der im Wagen neben ihr angehalten hat. Sie kann keinen weiteren Grund dafür angeben… Ob spontan oder geplant, Verbrechen sind Teil unseres Alltags, bleiben meist Hörensagen, wenn man sich in den richtige Zonen bewegt, beunruhigen jedoch durch die Möglichkeit, irgendwann – „zur falschen Zeit am falschen Ort“ – selber davon betroffen zu sein.

Die einfachste Art, Verbrecher gesellschaftlich einzuordnen, setzt Fronten: wir die Guten, sie die Bösen. Und zwischen uns der ewige Kampf der beiden Mächte – wie im Himmel, so auf Erden.

Naturkatastrophen lassen an der Existenz eines gütigen Schöpfers zweifeln; zu wahrer Verzweiflung treiben einen jedoch die von Menschen hausgemachten Katastrophen. Ob Amokläufer, Serienmörder, Kriegsverbrecher, Umweltsünder, Börsenbetrüger, die „Verarbeitung“ im Schock der Untaten folgt eingespielten Regeln: Empörung, Verurteilung, Erklärungsversuche, Ruf nach Veränderung, Übergang zur Tagesordnung... Diese Abläufe beruhigen, auch wenn sie kein nächstes, „entsetzliches“ Ereignis verhindern.

„Böse“ bleibt selbst noch im umgangssprachlichen Sinn von „schlecht“ eine religiöse Kategorie. Einen Straffälligen als „böse“ zu bezeichnen, heftet ihm über den Gesetzesbrecher hinaus den Sünder, den von Gott Abgefallenen an. Dabei spielt es keine Rolle, ob man noch an diesen Gott glaubt. Greift der Atheist auf den Vorwurf des „Bösen“ zurück, zielt auch er auf eine Transzendenz, die besagt, dass es sich bei dem Verbrecher um etwas mit menschlichen Maßstäben nicht mehr zu Begreifendes handelt. Das Böse ohne Anführungsstriche bleibt auch für den Konfessionslosen an etwas Außermenschliches gekettet.

Möchte sich der Aufgeklärte bei seinen kriminellen Mitmenschen jegliche Dämonisierung verkneifen, müsste er als erstes das Wort „böse“ meiden und es durch Begriffen wie „abweichend“ oder „regelwidrig“ ersetzen.

Leicht gefordert, schwer zu verwirklichen.

Weder gut noch böse

Die Deutung eines zerstörerischen Verhaltens durch Satans Treiben ist dem Verstand ein Ärgernis. Strikt am Diesseitigen orientierte Psychologen, Neurologen, Soziologen, Genetiker bemühen Hinweise auf Traumata, ungünstige Umwelteinflüsse, angeborene Defekte, neurophysiologische Besonderheiten, fehlende Willensfreiheit nicht nur, um kriminelles Verhalten zu begreifen, sondern vor allem, um Verbrechen zu entmystifizieren.

Aus dieser Sicht gefährden Massenmörder wie Fritz Haarmann, Andreij Romanowitsch Chikatilo oder Anders Breivik das gesellschaftliche Zusammenleben, sind jedoch ohne weitere moralische Bewertung „aus dem Verkehr zu ziehen“, ob eingesperrt oder ausgestoßen, lebenslänglich abgesondert oder durch Resozialisierungsprogramme ins „normale“ Leben rückführbar.

Ein Problem der traditionellen Ethik besteht in ihrer Begründung. Weder logische Ableitungen noch biblische Gebote konnten die Moral überzeugend in einem zeitlos Guten verankern. Schon Begriffe wie „intuitionistische“, „existenzialistische“, „ambivalente“, „alteritäre“, „emotive“, „kontraktualistische“ oder „diskursive“ Ethik verraten die Begründungsnot. Quelle für alle Formen des Benehmens bleibt der Mensch, der nach Regeln für ein erträgliches Zusammenleben sucht.

Woher wissen wir, welches die beste Überlebensstrategie für uns ist? Darwin geht vom evolutionären Vorteil aus. Die Evolution kennt kein „gut“ oder „böse“, wohl aber, ob etwas günstig oder ungünstig für die Erhaltung einer Art ist. Dieses Kriterium reicht; es verzichtet auf jede moralisierende Schuldfrage. So empfehlen die Vertreter eines „evolutionären Humanismus“ auch den Umgang mit Verbrechern Jenseits von Gut und Böse (Michael Schmidt-Salomon, 2012) Ziel ist es zu zeigen, dass wir „ohne Moral die besseren Menschen sind.“

Gesetze entstehen aus Absprachen. Sie werden umgangssprachlich vermittelt, wenn auch später juristisch verknödelt. Nur die Umgangssprache kann konstituieren, was sie im Namen trägt: den Umgang.

System- und Spieltheoretiker sehen im Moralbegriff eine überflüssige Altlast, die den einzig stichhaltigen Grund für gutes Handeln mystifiziert, nämlich die beste Überlebensstrategie für uns zu finden.

„Nichts ist wahr, alles ist erlaubt!“ Will sagen: Wir allein bestimmen den Ausgang unserer Überlebensstrategie. Ist das Spiel in diesem Sinn freigegeben, springt uns als erstes die Befürchtung an, dass jetzt „Schurken“ nur noch „Trottel“ suchen, auf deren Kosten sie sich ausbreiten können.

Das liegt nah, hat aber den Nachteil, dass die „Trottel“ rasch aussterben. Haben die „Schurken“ den letzten „Trottel“ zu Tode genutzt, bleiben nur noch sie, die sich jeder „Trottelei“ verweigern und (einer an der Gurgel des anderen) untergehen. Spieltheoretiker beweisen durch stochastischen Simulationen, dass ein Verfahren nach dem Motto „Nette Kerle kommen zuerst ans Ziel“ auf Dauer evolutionär erfolgreicher ist.

„Nett“ ist dabei – Fallstricke der Alltagssprache – selber schon wieder moralisch gefärbt. „Nett“ meint hier lediglich: eine Gewinner-Gewinner Strategie einsetzend. Es geht um langfristige Kosten-Nutzen Auswirkungen, die sich auf eine „evolutionär stabile Strategie“ – abgekürzt ESS – einpendeln.

Treten bei den Menschen „Zusammenarbeiter“ und „Zusammenarbeitsverweigerer“ gegeneinander an, stellt sich heraus, dass die Wie-du-mir-so-ich-dir Strategie gegenüber allen anderen – insbesondere der Jeder-gegen-jeden-Strategie – den größten Nutzen (messbar an der Zahl der Nachkommen) abwirft.

Eine durch Jahrmillionen herausgebildete „evolutionär stabile Strategie“ unter den Menschen führte demnach zu einer Gesellschaft mit einer überwiegenden Zahl von Wie-du-mir-so-ich-dir Strategen, ständig begleitet von einigen Nullsummenspielern, Strategiewechslern, probierfreudigen Vergeltern, „Schurken“ und, warum nicht, „Trotteln“.

So pendeln sich nach Ansicht der Spieltheoretiker Gesellschaften im Laufe ihrer Überlebensversuche auf die uns banal erscheinende Wie-du-mir-so-ich-dir-Strategie ein, was sich transzendental zu göttlichen Geboten versteigt, philosophisch als kategorischer Imperativ einrichtet und sich für den jeweiligen Zeitgenossen in Strafgesetzbüchern niederschlägt.

Der Erfolg der Gewinner-Gewinner Strategie setzt etwas voraus, das im Wort Rück-sicht mitschwingt: ein gutes Gedächtnis. Ich muss mich daran erinnern, was du mir angetan hast, um dir bei Gelegenheit mit gleicher Münze heimzuzahlen. Und du musst wissen, dass ich mich daran erinnern kann, um am besten gar nicht erst mit der einseitigen Ausnutzung zu starten. So setzt sich die faire Strategie auf Dauer durch.

Kritiker der Spieltheorie bemerken, dass es dem Menschen im Unterschied zum Großrechner nicht möglich ist, den Ausgang einer Strategie über abertausende von Aktionen und Reaktionen abzuschätzen. Der Täter mag einige „Züge“ voraus denken, mehr ist nicht drin, und selbst das spielt bei gefühlsgeladenen Aktionen keine Rolle. Der Computer simuliert, aber er hat keine Galle, die ihm überlaufen könnte. Das ist der Unterschied. Im „Affekt“, im Suchtverhalten, im Macht- und Lustrausch wird Vernunft und Berechnung über Bord geworfen. Was nicht heißt, dass der Computer im Ergebnis irrt und uns völlig Unbrauchbares liefert.

Begeben wir uns mit dem heutigen Wissen noch einmal ins verlorene Paradies, schlägt Michael Schmidt-Salomon vor: Was, wenn wir erneut vom Baum der Erkenntnis essen und unsere Unschuld wieder erlangen, indem wir das „Sündenfall-Syndrom“ endgültig löschen? Das archaische Gut-Böse Schema hat über Jahrtausende immer nur Feindbilder produziert, Kriege ausgelöst und die Vernichtung von Menschen gerechtfertigt, bloß weil sie zu den „anderen“ gehörten. „Moralismus ist nicht die Grundlage der Ethik, er verhindert viel eher, dass wir uns ihren Anforderungen stellen.“

Der Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts kann einfach nicht mehr – so die Hoffnung – göttliches Wirken, Walten und Wundermachen ernst nehmen. Welche theologischen Verteidigungslinien auch immer eingezogen werden, irgendwann zerrreißt die Klammer zwischen der alltäglichen Kultur, die schon eine digitale Industriephase 4.0 ausruft, und einem vor über zwei Jahrtausenden festgeschriebenen göttlichen Mythenbericht, dessen Quellen noch älter sind.

Die Bibel hat die Qualität einer sprachgewaltigen Märchensammlung erreicht: voller Geschichten, wie sie anregender nicht sein könnten, nur eben nicht mehr nach dem Diktat eines Gottes verfasst. Wie sehr man die heiligen Texte auch abstrahiert und durch gleichnishafte Weichspülprogramme jagt, der echte Glaube bröckelt. Die drei klassischen, von Jahwe ausgehenden „Weltreligionen“ zucken im Todeskampf. Ihre fundamentalistisch fanatisierten Krieger betreiben Leichenbeatmung. Kein Grund zum Jubeln. Am heftigsten reagiert der, der weiß, dass er sich auf der Verliererstraße befindet. Die Rückzugstruppen hinterlassen ein dicht vermintes Gelände. Neben den marodierenden Horden des „islamischen Staats" erstaunt die in den „Bibelgürtel“-Bundesstaaten der USA angestoßene juristische Auseinandersetzung, ob Darwins Ideen an den Schulen gelehrt werden dürfen oder zumindest ein gleich breiter Raum für die Lehre der „Kreationisten“ eingeräumt werden muss.

Ein neuer Höhepunkt der geistigen Rolle rückwärts, die auch vor Europa nicht Halt macht, ist jene im Januar 2017 vorgebrachte Ankündigung des türkischen Bildungsministers Ismet Yilmaz, die Evolutionstheorie aus den gymnasialen Lehrbüchern zu streichen und Atheismus in Religionsbüchern als „Krankheit“ einzustufen.

Neben den theologischen Versöhnungsbemühungen mit den modernen Wissenschaften zeigen staatlich etablierte Kirchen den wahren Charakter des Glaubens, der nur in der unbeirrbaren Verteidigung geschichtsloser Wahrheiten liegen kann. Das im Verlauf der tatsächlichen Geschichte veränderte Weltbild werden sie auf Dauer nicht löschen können.

Die Schuldfrage erübrigt sich. Jeder Täter ist unschuldig, weil er in einem konsequent zu Ende gedachten Determinismus nicht anders konnte. Ein weiterer Irrtum des „Sündenfall-Syndroms“ besteht in der Illusion von Willensfreiheit. In keinem Moment unseres Lebens haben wir die Wahl, anders zu handeln, als wir handeln. Das ist für Schmidt-Salomon – gestützt auf Hirnforscher wie Benjamin Libet, Wolf Singer, Wolfgang Prinz und Gerhard Roth – die grundlegende Überzeugung.

Allan Snyder: „Bewusstsein ist nur eine PR-Aktion Ihres Gehirns, damit Sie denken, Sie hätten auch noch was zu sagen.“

Die Leugnung der Willensfreiheit zwingt zu einer Umdeutung des gesamten Rechtssystems. Der Streit wird entsprechend heftig geführt und ist weltanschaulich gefärbt. Schmid-Salomon sieht in der Absage an den freien Willen eine innere Entlastung: ohne Schuldgefühle kommt es zu weniger Depressionen. Das „Paradigma der Unschuld“ gestaltet das Zusammenleben in der Gesellschaft bis hin zur Völker-Gemeinschaft entspannter: Es gibt keine „Achse des Bösen“, keine „Schurkenstaaten“ mehr.

Stattdessen breitet sich eine „neue Leichtigkeit des Seins“ aus.

„Ich unterscheide zwischen Moral und Ethik“, erklärt Schmidt-Salomon in einem Interview: „In der Moral geht es um das metaphysische Gut und Böse, in der Ethik hingegen um das physische Wohl und Wehe... Das Gut-gegen-Böse-Prinzip hat sich nicht deswegen über die Jahrhunderte gehalten, weil es so human ist, sondern weil es sich so hervorragend eignet, die eigene Gruppe gegenüber ‚den Anderen’ abzugrenzen... Unter dem Deckmantel des ‚Guten’ folgt man dem blinden Instinkt der Rache... Rechtssysteme müssen nicht notwendigerweise auf dem moralischen Schuldprinzip aufbauen. Es reicht, dass sie die fälligen Kosten erheben, wenn eine Handlung gegen geltende Normen verstoßen hat... Es ist wichtig, dass wir uns für die Universalität prinzipieller Rechte einsetzen, etwa im Sinne der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“

Entscheidend für die Bewertung ist die jeweils vorherrschende „gewachsene Kultur“, in der sich die Verbrechen ereignen. Schmidt-Salomon nennt diese kulturelle Komponente im Anschluss an Richard Dawkins „Memplex“. So ist ihm die Bösartigkeit der Nazis aus deren Sicht – eingebettet in den Horizont ihres Memplexes – lediglich die konsequente Fortsetzung einer Tradition gegen die Weltverschwörung der Juden, womit sich das aus unserer Sicht unfassbar Böse für sie als das Gute im Kampf gegen das Böse darstellte.

Was hier für ein Kollektiv in einer „gewachsenen Kultur“ angesprochen wird, gilt ebenso für jeden einzelnen im Moment seiner Tat: er ist schuldunfähig, damit jedoch nicht vor Strafe geschützt. Lediglich der Ballast der moralischen Bewertung ist abgeworfen. Die Gesellschaft und ihre Gerichte urteilen nach dem Schaden fürs Gemeinwohl und ergreifen Gegenmaßnahmen. Punkt.

Verbrecherische Systeme wie der Nationalsozialismus werden demnach nur überwunden, wenn man deren handlungssteuernde kulturelle Überzeugungen ändert.

Ein verinnerlichtes autoritäres Mem besagt, dass Gehorsam ein unbezweifelbares Gut ist. Nebenbei bewahrt es vor persönlicher Verantwortung. Das damit verbundene Verhalten weicht nicht eher, bis neue innere Bedingungen geschaffen sind, etwa der Glaube an ein Zusammenleben auf gleicher Augenhöhe, der dann wiederum das individuelle Vorgehen in einer veränderten Richtung determiniert.

So sind für Schmidt-Salomon auch Menschen wie Eichmann, Hitler, Göring nicht böse, sondern im Rahmen ihrer Mem-Determinanten unschuldig – nicht zu verwechseln mit straffrei!

In einer Teufelsaustreibung des Mittelalters werden alle Teile des Körpers, auch die kleinsten, aufgezählt, die der Dämon zu verlassen hat: man könnte von einem unsinnigen Anatomietraktat reden, das durch den Überfluss an Genauigkeit, die Fülle der Einzelheiten und den Charakter des Unerwarteten überzeugt. Eine sorgfältige Magie. Verlasse die Fingernägel! Es ist irre, aber nicht ohne poetische Wirkung.

(Emil Michel Cioran)

Die Renaissance des Bösen

Den Hoffnungen der „evolutionären Humanisten“ zum Trotz scheinen wir uns immer weiter von der „neuen Leichtigkeit des Seins“ zu entfernen, je mehr wir wissen. Im Gegenteil: Je höher der wissenschafts-technologische Standard, desto unwiderstehlicher scheint der Neandertaler in uns hochgekitzelt, der auf die immer komplexere, immer virtuellere Umwelt mit der Keule losdrischt, um ein Gefühl von Bodenhaftung zu retten: durchdigitalisiertes Leben trifft auf dumpfe Gesinnung.

Extreme, die sich dabei berühren, wirken kurios bis beunruhigend. Bibellesungen aus der Mondfähre, Einsatz des Internets zur Rekrutierung von Kämpfern für die Scharia… Statt „neuer Leichtigkeit des Seins“ bedrückende Widersprüche.

Das Böse wieder ohne Anführungsstriche zu nehmen hat nicht nur im „Bibel-Gürtel“ der USA oder bei den islamischen „heiligen Kriegern“ Konjunktur. Wenn George W. Bush nach dem Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center einen Kampf gegen die „Achse des Bösen“ beschwört und umgekehrt die Streiter für den islamischen Gottesstaat in der westlichen Kultur den Teufel am Werk sehen, wird über Machtpolitik erneut die alte Tarnkappe eines „Religionskriegs“ geworfen.

Trotz der Bemühung zahlreicher Theologen, den personifizierten Teufel endlich loszuwerden, hält die Kirchendogmatik nicht nur an ihm, sondern auch an der Austreibungspraxis aller von ihm und seinen Helfershelfen befallenen Personen fest.

Herbert Haag bemerkt in seinem Sammelband über den Teufelsglauben, dass die Annahme eines real existierenden Satans für die Mehrzahl der heutigen Christen nicht mehr nachvollziehbar ist und ihren Glauben unzumutbar belastet. Der Theologe Rudolf Bultmann stimmt dem zu, wenn er meint, man könne nicht moderne technische Einrichtungen benutzen und gleichzeitig an Dämonen glauben. Seiner Entmythologisierung des „baren Aberglaubens“ steht die nachdrückliche Verteidigung eines real existierenden Teufels durch K. J. Wojtila (Johannes Paul II, 1978-2005), J. A. Ratzinger (Benedikt XVI,2005-2013) und J. M. Bergoglio (Franziskus, seit 2013) entgegen.

Es gibt jedoch auch ein außerkirchliches Satans-Revival: Gothic-Treffen in Leipzig, heidnische Riten an den Extersteinen, Death Metal, Church of Satan, Temple of Set, Orden in Nomine Satanis, Order of Nine Angels…

Eine Besprechung von Lionel Rubinoffs „Pornographie der Macht“ nennt schon 1968 die Gründe: „Die guten alten dramatischen Gleichnisse, von der Schlange im Garten bis zu Gustave Dorés schwefeligem Luzifer, haben ihren Schrecken eingebüßt. Doch der moderne Ersatz bleibt unbefriedigend. Sozialwissenschaftler zerkrümeln das Böse zu Daten. Intellektuelle zeigen seine Banalität. Die Öffentlichkeit scheint das Dämonische nur in der harmlosen Einkleidung von „Rosemary’s Baby“ bedenken zu können… Das Böse könnte wirklich ein neues Image gebrauchen.“

Das neue Image ist bis zu den modernen Gesellschaftstheorien und in die Forensik vorgedrungen. „Das Böse ist eine Leidenschaft eigener Art“, beharrt der Soziologe und Gewaltforscher Wolfgang Sofsky, „Rache ist auch Ausdruck moralischer Beharrlichkeit.“ Und Angesichts der Gefühlskälte, der Unfähigkeit zur Reue oder dem geringsten Schuldbewusstsein einiger Kapitalverbrecher drängt es so manchen durchaus aufgeklärten Gutachter nach Jahren der Konfrontation mit dem Unfassbaren in den Restzweifel, ob es nicht doch absolut Böses gibt. Einer von ihnen, Hans-Ludwig Kröber, bekennt nach 30 Jahren Umgang mit Mördern und Vergewaltigern, es gehe von einigen Tätern eine derart erschütternde Kälte und Finsternis aus, „als käme das Böse in Reinkultur aus solchen Leuten … Es gibt Menschen, an denen man abrutscht wie an den Wänden eines weiß gekachelten, leeren Badezimmers.“

Bei solchen Tätern enden dann auch alle Erklärungsversuche. „Jahrzehnte romantisierte man die trostlosen Schicksale jugendlicher Straftäter … Heute ist unser Blick nüchterner geworden … Die Therapievorstellung ist: Erzähl mir mal, warum ich nichts dafür kann. Man hofft auf die Mystifizierung …“

Ein deutscher Richter fasst es bündig zusammen: „Um zu richten, darf man nicht alles verstehen.“

Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster, fand Goya, richtig, aber schon er musste erfahren, welche Monstrositäten im Namen der Vernunft begangen werden. Ausgerechnet die Zeitgenossen der Französischen Revolution erlebten, dass der „messerscharfe“ Verstand auch im Fallbeil der Guillotine sein exekutives Organ finden kann.

Zunächst sind es Kriminelle der harten Sorte selbst, die jede Erklärung ihrer Taten als entwürdigend ablehnen. Wer sie nicht wie echte Außenseiter, sondern nur wie vorübergehende Abweichler behandelt, ist ein besonders perfider Feind. „Du hast dich bloß verirrt, wir kriegen dich wieder hin, du bleibst einer von uns!“ Das empfinden sie als Beginn ihrer Vernichtung. Dafür haben sie nicht alles für den Ausbruch aus der verhassten Gesellschaft gegeben, um sich nun von einem Schlaumeier die Gründe vorbeten zu lassen, die sie vom rechten Weg abbrachten, verbunden mit der Unterstellung, nichts sehnlicher zu wünschen, als auf diesem Weg in die Gesellschaft zurückzukommen.

Wir gegen die muss auf Teufel komm raus verteidigt werden. Gangs, die ihre Reviere abstecken und jede Übertretung als Kriegserklärung ansehen, koppeln sich ab, leben in ihrer Parallelwelt mit ihrem Parallelkodex. Sie sind etwas Besonderes. Eine nachbarliche Gleichbehandlung wirkte wie eine Entmündigung. Ihre Regeln lassen sich in der Verachtung aller anderen Regeln zusammenfassen. Im Idealfall sind ihre Reviere für die Normalbürger unbetretbares Territorium, no go areas. Sie entwickeln Sondersprachen, nicht zuletzt, um sich im Gefängnis abhörsicher zu machen und grundsätzlich von der Bewachungsgesellschaft abzugrenzen.

Während in der biblischen Genesis der Schöpfergott nur noch der gute Gott ist, tritt in der „dualistisch“ gedeuteten Lehren Zoroasters oder Manis das Böse gleichrangig gegen das Gute an. Gnostiker sehen einen Demiurgen am Werk. Abseits des vollkommenen Gottes beginnt der Demiurg eigenmächtig zu handeln. Seine Unvollkommenheit besteht in dem, was die Bibel exklusiv am guten Gott lobt: er erschafft. Und dabei erschafft er auch notwendig Unvollkommenes, da schon „Es werde Licht!“ die Finsternis nicht nur voraussetzt, sondern in dem Moment hervorbringt. Diese Version wehrt sich gegen die Zweitrangigkeit des Bösen in jeder Schöpfung.

In der etablierten Kirchenlehre wird das Böse bekämpft, aber nicht wirklich ernst genommen. Der Gläubige weiß, es kann nicht siegen. Die apokalyptischen Prophezeiungen sind eindeutig: der Ausgang des Endkampfes steht fest.

Wenn empirischen Wissenschaften das Böse in soziopsychosomatische Erklärungsmodelle umgießen, schließen sie sich dieser Verharmlosung bis zur völligen Vernichtung an. Das Böse steht in Anführungsstrichen, ist eine Heimsuchung, die in die Hände eines exorzistisch ausgebildeten Priesters gehört, wahlweise dem Naturwissenschaftler anvertraut wird, der mit Gehirnstrommessung, Genanalyse und Sozialdiagnostik seine Version der Teufelsaustreibung vorstellt. So oder so ist das „Böse“ ein verunfalltes Gutes.

Bedenkenswert, dass diese Verharmlosung sowohl von überzeugten Tätern als auch von einigen ihrer „ernüchterten“ Beurteiler abgelehnt wird. Warum tauchen diese Neu-Manichäer darüber hinaus unausrottbar in den Blockbustern der Filmindustrie, den Horror- und Monsterszenarien auf, um den Endkampf der Apokalypse schon mal unterhaltungstechnisch vorweg zu nehmen? Schocker-Schrott, könnte man sagen: abhaken. Aber nein, ernst zu nehmende Bekenntnisse zur Existenz des Bösen bei modernen Soziologen und forensischen Gutachtern hier, Tendenzen zur Errichtung neuer Gottesstaaten selbst in Ländern mit langer laizistischer Tradition da. Was bietet das Böse, das uns die nüchterne Sicht auf den Verbrecher als bloßen gesellschaftlichen Spielverderber nicht bieten kann?

Keine Aufklärung ohne den Vorwurf einer „Entzauberung“ der Welt! Von daher die Versuche, ein Resträtsel der Existenz zu retten, etwas Unberechenbares, Wunderbares… Nicht nur Religionen widersprechen einem durchrationalisierten Universum, es widerspricht auch die durch den Zahlentrichter der Mathematik zur Eindeutigkeit hin gefolterte Sprache.

Dieter Wellershoff formuliert das Unbehagen: „Wissenschaft ist die plausible Gebrauchsanweisung, nach der der Durchschnittsmensch die Welt in den Griff nimmt, ist eine Erfolgskalkulation, die das Schicksal abschafft, der Konformismus der niederen Geister, ihre Gesetzgebung gegen das Außerordentliche, Unberechenbare, gegen spontane Schöpfung, die sich im Chaos jäh ereignen kann, nicht aber in einer determinierten, geregelten, verfügbar gewordenen Welt. Wissenschaft ist der vollkommene Ausdruck des Geistes der modernen Zivilisation, die gegen die Ausnahme, für das Glück der meisten eine bequeme, gesicherte, banal vernünftige Welt errichtet.“

Die Annahme, dass wir trotz aller Katastrophen in der „besten aller Welten“ leben, scheint nicht nur Candide verdächtig. Ein hinter den Wolken agierender Allgütiger verliert mit jeder unverschuldeten Not an Glaubwürdigkeit. Die Wissenschaften – bis ins Hochmittelalter „Mägde der Theologie“ – kündigten den Dienst und schnitten den eines kritischen Kopfes unwürdigen Zopf des „Bösen“ ab.

Kaum vollbracht, stellt sich heraus, dass in dem Zopf ein goldenes Haar steckt: das poetische Wort! Unvermeidlich kommt es zur Zusammenarbeit zwischen Sünde und Dichtung, zur schwarzen Romantik. Nicht überhaupt und überall, sondern hier, in der abendländischen Tradition mit ihrer christlichen Prägung. Ansonsten bliebe André Gides Bemerkung unverständlich, kein Kunstwerk entstehe ohne Mitwirkung des Teufels. Sollte Gide Recht haben, verschärft sich die Frage: welche Dichtung, die vom Dämonischen die Finger ließe, wäre dann überhaupt möglich?

Während der Materialismus wütet, erhebt sich die Magie.

(Joris-Karl Huysmans)

Der Psychopath

Der jüngste Versuch der Naturwissenschaften, von allen Vorstellungen des „Bösen“ abzurücken, bündelt sich in dem Konstrukt „Psychopath“.

Die Deterministen, die nicht nur den freien Willen leugnen, sondern das Ich zu einer Illusion erklären, suchen vor allem in der körpereigenen Chemie und den neuronalen Verarbeitungsprozessen Gründe für notorisch destruktives Verhalten ohne Anzeichen von Mitgefühl oder Reue.

Im Unterschied zum Soziopathen, bei dem das destruktive Verhalten hauptsächlich auf Umwelteinflüsse zurückgeführt wird, konzentrieren sich die Erklärungsversuche beim Psychopathen auf die Aspekte, die ihn in jedem sozialen Umfeld auffällig machen. Beim Psychopathen erweisen sich Hinweise auf soziale Missstände, die sein späteres Fehlverhalten prägen, als unzureichend.

Die Bezeichnung „Psychopath“ stammt von Hervey Cleckley; sein Buch mit dem programmatischen Titel Die Maske des Gesunden erschien 1941. Cleckley erstellte auch die erste „Checkliste“ zur Erkennung des Psychopathen, die von Robert Hare zu einer bis heute für Diagnosezwecke eingesetzten Prüfliste erweitert wurde.

Maskerade ist nach diesen Autoren die Hauptfähigkeit des Psychopathen: das perfekte Vorspielen von Gefühlen, die er nicht hat. Seine Empathie ist enorm, allerdings nicht im Sinn einer Einfühlung als Mitgefühl, sondern eines bloßen Anfühlens und genauen Erfassens dessen, was der Gegenüber gerade braucht, um ihn desto besser für die eigenen Ziele auszunutzen.

Die Ambivalenz der Einfühlung – Basis des sozialen Zusammenhalts, aber auch Möglichkeit der Täuschung und Vernichtung anderer – bringt evolutionäre Vorteile. Ein Jäger, der in der Lage ist, sich in seine Beute einzufühlen, kann diese umso leichter überlisten, fangen und töten. Er weiß, wie seine Beute „tickt“, wie sie auf bestimmte Reize reagiert und was er tun muss, um ihr Verhalten für sich zu nutzen.

Das Problem ist, dass die Einfühlung, die ihn zur Überwältigung der Beute befähigt, als Mitgefühl ein nachträgliches Schuldgefühl beschert. Viele Forscher koppeln daher Empathie an depressive Zustände. Man vermutet, dass die Schuldgefühle nach dem Töten von tierischer Beute oder menschlicher Konkurrenten die Täter seit Urzeiten zu den unterschiedlichsten Versöhnungsritualen trieben.

Die Bezeichnung der „Spiegelneuronen“ trifft, wenn sie denn tatsächlich existieren, etwas Entscheidendes: eine Spiegelung, nicht jedoch notwendig eine emotionale Übernahme. Die Fähigkeit, Bedürfnisse anderer zu erkennen und für sich zu nutzen, ohne dabei Mitgefühle zu empfinden – weder in der Planung, noch in der Durchführung, noch danach – wird zum Hauptmerkmal des Psychopathen.

Aus Sicht der Gesellschaft pervertiert dabei die Fähigkeit zur Einfühlung durch die gleichzeitige Unfähigkeit für jedes Mitgefühl beim Psychopathen zum ausschließlichen Macht- und Manipulationsverhalten. Es macht die auf ihn „Hereingefallenen“ fassungslos.

Der Psychopath ist ein Charmeur, jovial, verständnisvoll, gewinnend... solange er die Beute jagt. Dann wird sie ausgenutzt, gequält, zerlegt, vernichtet. Ohne Gewissensbisse. Die Umwelt ist ihm Material. Wenn er jemanden zur Strecke bringen kann, dann war der lediglich dumm genug, auf ihn hereinzufallen. Seine Opfer sind selber schuld, das ist die Grundeinstellung, sofern der Psychopath gezwungen wird, sich überhaupt mit einer Schuldfrage zu beschäftigen.

Da für den Rest der Menschheit das Hauptproblem bei der Begegnung mit einem Psychopathen darin besteht, ihn hinter seiner Maske zu erkennen, bemühten sich die Wissenschaft, sichere Erkennungsmerkmale aufzulisten. Unter anderem: Charme, Intelligenz, Furchtlosigkeit, Selbstsicherheit, Ruhe, Wortgewandtheit, Impulsivität, Selbstgefälligkeit, Launenhaftigkeit, Hang zu sexueller Abwechslung... Der Psychopath ist ein „Sensationssucher“, ein abgebrühter Alleskönner mit parasitischem Lebensstil... Ein weiteres Merkmal – die frühe Auffälligkeit und Straffälligkeit – scheint vor allem Männer zu betreffen. Insofern gibt es Forderungen, für Frauen abgewandelte Suchmuster aufzustellen.

Die Assoziation mit einem Virus drängt sich auf: Der Psychopath dringt ins Innerste seiner Opfer vor und lebt von dem, was er dort findet, bis sein „Wirt“ verendet. Das Beste ist, einen bekannten Psychopathen von vornherein zu meiden, das Zweitbeste, sich nach seiner Entdeckung sofort von ihm zu trennen.

Kann er geheilt werden? Er würde fragen: geheilt wovon? Therapien scheitern nicht nur, sie bereichern sein Täuschungsrepertoire. Er lernt durch die verschiedenen Umerziehungsmaßnahmen, was er von sich geben muss, damit die Therapeuten noch besser auf ihn hereinfallen. Am Ende trickst er jeden Test aus, legt jeden Begutachter aufs Kreuz.

Eine TV-Dokumentation berichtet: Über Jahre leitete Susanne Preusker die sozialpsychiatrische Abteilung der JVA Straubing, bis ein Häftling sie am 7. April 2009 in ihrem Büro als Geisel nahm und mehrfach vergewaltigte. Erst nach sieben Stunden gab der Mann auf. Susanne P. kannte ihn gut. Er war jahrelang ihr Patient und sie hatte bei ihm Fortschritte diagnostiziert. Sie sagt: „Ich hatte mich bei diesem Menschen geirrt und ganz offensichtlich etwas übersehen. Das quält mich beinah mehr als die Tat selbst. Es hat mein ganzes Vertrauen in mich, meine Wahrnehmung, meine Fähigkeiten und Sicherheiten dieser Welt erschüttert.“

„Psychopathen sind oft gewitzt und können sich gut ausdrücken“, warnt Hare, „sie können amüsante und unterhaltsame Gesprächspartner sein, bereit zu schneller und gewandter Entgegnung, und sie können unwahrscheinliche, aber überzeugende Geschichten erzählen, die sie selbst in ein gutes Licht rücken.“

Die „intra-spezifischen Räuber“, wie Hare sie nennt, sind oft damit beschäftigt, eine wohltätige Fassade um sich zu errichten, um ihre Ambitionen voranzutreiben. Sie können sich in der Öffentlichkeit am besten durch eine Fassade der Ehrenhaftigkeit zur Geltung bringen. Statt sich im Schatten zu verstecken, verbergen sie sich im Glanz ihrer Auftritte, hüllen sich in pfauenhafte Gewänder, die ihnen erlauben, der Umwelt vorzuschwindeln, sie seien ihre Retter. So gefiel sich Göring vor laufenden Kameras als „Weihnachtsmann“ für die Kinder, als „volksnaher“ Gönner und „Samariter“ in einer Uniform, an dessen Vorderseite die gesammelten Orden nicht genügend Platz fanden.

Hitler: „Die großen Menschenmassen fallen leichter einer großen Lüge zum Opfer als einer kleinen.“

Zur Erreichung ihrer Ziele werden sich Psychopathen tadellos benehmen, um sich in gehobene gesellschaftliche Positionen zu bringen, ob Schulgremien, Hilfsorganisationen, Kirchen, politische Parteien, ob in Gesetzgebung, Verwaltung oder Wirtschaft... jede Position, von der sie glauben, dass sie ihnen nach der Erreichung Macht über andere beschert, ist ihnen recht. Sie besetzen mehrheitlich Räume, wo man sie am wenigsten vermutet: unter den Nachbarn im besseren Wohnbezirk – nicht im Gefängnis.

„Sie funktionieren als Juristen, Ärzte, Psychiater, Akademiker, Söldner, Polizeibeamte, Kulturführer, militärisches Personal, Geschäftsleute, Schriftsteller, Künstler, Entertainer und so fort – ohne das Gesetz zu brechen,“ erläutert Hare, „ihre Intelligenz, der familiäre Hintergrund, soziales Geschick sowie entsprechende Umstände erlauben es ihnen, eine Fassade der Normalität zu konstruieren.“

In seinem 2013 erschienen Buch Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann, geht es Kevin Dutton sogar um den Nachweis, dass in der abgestuften Zone zum Durchschnitt die „gemäßigten“ Psychopathen durchaus gesellschaftsförderliche Eigenschaften zeigen können. Wem Regeln nicht viel bedeuten, der kommt auch auf Ideen abseits des Üblichen, setzt sie furchtloser um und behält dabei einen kühlen Kopf; er verfolgt seine Ziele beharrlich und agiert dennoch konzentriert in der Gegenwart. Gelingt es, einzelne psychopathische Komponenten in bestimmten Situationen zu nutzen, stellen sich Erfolge ein. Kritisch wird es, sobald jemand den Alltag insgesamt psychopathisch nutzt.

Bezogen auf die Gesamtbevölkerung schwankt der geschätzte Anteil an Psychopathen zwischen einem und fünf Prozent, wäre demnach vernachlässigbar, wäre nicht jeder von ihnen in der Lage, einen enormen Schaden anzurichten. Entsprechend groß ist die Furcht, dass ganze Gemeinwesen vom psychopathischen Virus befallen und in den Untergang getrieben werden.

Vom Typus des „üblen Ungeheuers“ verunsichert, visioniert Lobaczewski den möglichen sozialen Flächenbrand: „Es beginnt bei den Oberhäuptern und infiltriert nach und nach jedes Dorf, jede Kleinstadt, jede Fabrik, jeden Betrieb und jeden Bauernhof. Die pathologische soziale Struktur überzieht schrittweise die ganze Nation und erzeugt eine ‚neue Klasse’... Diese privilegierte Klasse der abweichenden Menschen fühlt sich andauernd von den ‚Anderen’ – d.h. von der Mehrheit normaler Menschen – bedroht.“

„Wenn Psychopathen eine Gesellschalt regieren, wird die Gesellschaft deren Wesenszüge aufweisen. Im Allgemeinen wird sie stark korrumpiert sein. Aber da Täuschung ein primäres Wesensmerkmal des Psychopathen ist, wird sie menschlich erscheinen. Ihre Eigenschaften können von höchster Regierungsebene bis hinunter zum Straßenniveau beobachtet werden. Würden Sie den Wahnsinn einer Zivilisation unter psychopathischer Herrschaft bezeugen wollen, müssen Sie nicht die Hauptstadt dieses Staates oder eine Großstadt besuchen, da selbst das kleinste Dorf diese Eigenschaften aufweisen wird.“

Ist die herrschende Schicht einer Gesellschaft erst einmal psychopathisch infiziert, „dringt die Krankheit bis zu den niedrigeren Ebenen durch. Amoralische Haltungen werden abgebildet, während moralische Einstellungen verlacht werden, und es werden Feinde geschaffen. Der destruktive Prozess endet mit einem Holocaust, Völkermord oder mit Verfolgung irgendeiner Art. Die ‚neue Weltordnung’ ist eine solche Bewegung.“

Wie gering der Bevölkerungsanteil an Psychopathen auch sein mag, die Beunruhigung, die ihr Erscheinen auslöst, grenzt an Hysterie. Das Schlimmste dabei: niemand kann den Psychopath befriedigend erklären. Genetiker vermuten. Physiologen messen. Soziologen verweisen. Ethologen modellieren. Ethnologen vergleichen. Der Rest greift immer wieder auf einen Wortschatz zurück, der eigentlich überholt sein sollte: Monster, Unmensch, Ungeheuer... als handle sich‘s um eine fremde Spezies.

Durch ihr unfassbares Verhalten scheinen Psychopathen eine stärkere gesellschaftliche Spaltung zu erreichen als es Alter, Klasse, Rasse oder Religion vermögen. Lobaczewski: „Die Welt des pathologischen Egotismus und Terror ist für Menschen, die außerhalb dieses Phänomens aufwuchsen, so schwierig zu verstehen, dass sie in ihrer Herangehensweise eine oft kindliche Naivität erkennen lassen, selbst wenn sie Psychopathologie studiert haben und hauptberufliche Psychologen sind... Psychopathen sind im Grunde ihres Wesens Aliens, die menschlieh aussehen.“

Gleichzeitig von ihm fasziniert und angewidert, wird der Psychopath für den Normalbürger aus sicherer Distanz zum Medienstar. Norman Bates (Psycho), Alex (Clockwork Orange), Patrick Bateman (American Psycho), Travis Bickle (Taxi Driver), Micky und Mallory (Natural born killers), Dexter Morgan (Dexter TV- Serie) oder die Hannibal Lecter Trilogie sind Feierabend-Aufreger und Kassenhits.

Die hochgradige Ansteckungsgefahr wird deutlich, wenn Dirty Harry Callahan, ein Vertreter des Gesetzes, den psychopathischen Killer Scorpio jagt und dabei immer mehr dessen Methoden, Gesten, Sprache und Brutalität übernimmt, bis beide austauschbar erscheinen.

Die Befürchtungen der Bürger formuliert eine Filmkritik mit der Frage: Überlistet Scorpio Dirty Harry? Die Antwort heißt: Ja! Der Cop versenkt am Ende der Jagd seine Dienstmarke in dem gleichen Gewässer, in dem der von ihm gerade erschossene Serienmörder schwimmt.

Ich habe ihn nur besiegt, weil ich so wurde wie er...

Der Lustschauder aller medial servierten Konfrontationen mit den Unmenschen endet schlagartig, wenn jemand Opfer eines realen Psychopathen wird. Das Entsetzlichste nach jedem von Psychopathen begangenen Verbrechen ist, dass die Täter zu Medienstars werden, während für die Opfer warme Worte bleiben. Nach den Exzessen der Columbine Mörder erscheint auf dem Time-Magazin Titelblatt THE MONSTERS NEXT DOOR. Der Artikel beschäftigt sich ausschließlich mit dem Warum? und Woher? der Täter.

J. W. Gacy, der Serienmörder hinter der Maske des Kaplans und Clowns, Muster für Halloween-Ganoven und Bankräuber... Aileen Wuornos, im Oskar prämierten Film Monster in die Kinos gebracht... Ted Bundy, Mörder an geschätzten vierzig bis sechzig Frauen, Vorlage für den Bestseller Der Fremde neben mir... David Berkowitz, dessen Hauptmotiv darin bestand, „ein krimineller Superstar“ zu werden... Frank Pott, der fünfzehn Jahre unentdeckt mordete, als hilfsbereiter Nachbar geschätzt wurde, „wie ein Prediger“ reden konnte und „wahrscheinlich verfilmt wird“... Time-Magazin bringt solche Aufzählungen unter dem Titel: Tänze mit den Werwölfen.

Die „Tänze“ sind endlos fortzusetzen, jedes Jahr zwei bis drei neue „Monster“ oder „Werwölfe“, die immer die gleiche Fassungslosigkeit – und Fanbriefe! – auslösen.

Die Attraktivität der Psychopathen beruht auf der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich über Gesetze hinwegsetzen. Grenzüberschreitung ist ein evolutionärer Imperativ, Transgress die menschliche Urtugend. Frei von Schuldgefühlen haben Psychopathen etwas von der natürlichen „Grausamkeit“ der Tiere. Für die Forscher bleibt ein Rest, vor dem alle Deutungen versagen.

Kritikern des Etiketts „Psychopath“ drängt sich der Verdacht auf, dass die Bezeichnung lediglich dazu dient, den wissenschaftlich in Verruf geratenen Begriff des Bösen abzulösen, ohne ihn abzuschaffen.

Philip Zimbardo, bekannt geworden durch sein Stanford-Gefängnis Experiment, veröffentlichte 36 Jahre später ein Buch über den „Luzifer-Effekt: Warum gute Menschen böse werden.“ Er hat den religiös aufgeladenen Begriff gezielt eingesetzt, „weil dieses Wort mehr Aufmerksamkeit bekommt als jedes andere.“ Wohl nicht nur deshalb. Es steckt noch in den zu reinen Werbezwecken bemühten Luzifer-Anspielungen ein Kniefall vor dem mythisch-transzendentalen Rest, der reflexhaft einspringt, wo die weltliche Forschung scheitert.

Der »Psychopath« bleibt hinter allen rationalen Erklärungsversuchen eine Teufels-Theorie.

Des Teufels General

Hermann Göring verschaffte dem Nürnberger Gerichtshof keine rechte Befriedigung, da er sich nicht zerknirscht oder in irgendeiner Weise gebrochen zeigte. Von den ehemaligen Anhängern gehasst, vom Feind verurteilt, entzog er sich diesem Urteil, indem er sich ihm unterwarf, ohne ein anderer zu werden als der, der er immer war: ein Mensch ohne Reue. Ein Rätsel.

Das vermerkten die Ärzte, die ihn vergeblich auf Krankheiten durch Drogenmissbrauch, geistige Ausfälle, Anflüge von Unzurechnungsfähigkeit hin untersuchten, die Richter, die ihn verurteilten, ohne ihn erreichen zu können, die Bürger, die sich darüber aufregten, dass sie ihn nicht wirklich verachten konnten.

Görings Jugend blieb ohne Dramen und einschneidende Krisen. Dinge wie der Liebhaber seiner Mutter waren für ihn verkraftbar. Sein herausragender Zug lag in seiner Flüchtigkeit. Seine Instinkte machten ihn kaum fähig, Leiden oder Verluste so zu durchleben, dass sie Minderwertigkeitsgefühle erzeugten, die nach Kompensation verlangten –ein beliebter Erklärungsversuch für Größenwahn. Er war der Mann der Geistesblitze, der Details scheute. Er war gesund, das heißt: er hatte einen guten Schuss Empfindungslosigkeit mitbekommen.

Von seiner Jugend weiß er noch angesichts seines Todesurteils Humoriges zu berichten: „Es war an einem Sonntagmorgen – damals war ein Auto noch sehr selten – wir kamen auch nicht weit, denn in Velden passierte der erste Unglücksfall kurz nach der Abfahrt, indem ein Huhn in das rechte Hinterrad lief und totgefahren wurde. Nun hätte ja mein Vater dem Bauern das Huhn einfach bezahlen und weiterfahren können. Aber er war ein Dickkopf, und so kam es zu einem Prozess mit dem Eigentümer in Nürnberg, bei dem nach vielem Hin und Her mein Vater sogar obsiegte, weil das Huhn in das Rad hineingelaufen war. Ich durfte mit aufs Gericht, folgte der Verhandlung gespannt und lernte nun zum ersten Mal die Tücke des Gesetzes kennen. Dieser mein erster Prozess ist mir unvergesslich geblieben und wie seltsam!, meinen letzten erlebe ich nun auch hier.“

Nach eigener Beschreibung wurde er „mit schweren Knochen“ geboren. Er war mutig, missachtete körperliche Qualen, seit frühester Jugend selbst den Tod. Er liebte das Wagnis, es kostete ihn kaum Überwindung: Furchtlosigkeit wird gerne mit mangelnder Einbildungskraft begründet, wahlweise mit einem beschränkten Geist, was für einige zutreffen mag, doch kaum für Göring, der nicht nur intelligent war, sondern auch eine Menge Fantasie bewies, sobald es um seine Person ging.

Abstraktionen meidend, blieben alle Ereignisse eine Bestätigung seiner selbst. Wenn er von dem Erlebnis mit dem überfahrenen Huhn berichtet, hat man nicht den Eindruck, die „Lehre“ daraus habe ihn moralisch beschäftigt. Er hat sich den Vorfall samt Gerichtsverhandlung als Beispiel gemerkt für das, was ihm sowieso entsprach und was er nun bestätigt bekam: Gesetze sind biegsam und beugungsfähig, das Recht des Stärkeren – Autobesitzer mit dicker Brieftasche gegen Bauer mit dummem Huhn – so natürlich, dass er später durch diese Überzeugung die Nürnberger Richter in Verlegenheit brachte. Er akzeptierte sie nicht als moralisches Tribunal, sondern als Siegerjustiz.

Der „geborene“ Verbrecher denkt am wenigsten daran, die Polizei in Frage zu stellen. Wenn er geschnappt wird, ist das keine Ungerechtigkeit, sondern Pech; manchmal sogar Erleichterung. Oft fällt er in seiner Beziehung zur Polizei durch kaum mehr zu unterdrückende Koketterie auf, sein Bullenhass ähnelt einer verwirrten Liebe. Bezeichnend ist der Ausspruch einer der – von Truman Capote in „Kalt