Herren im Anzug - Anja Meyerrose - E-Book

Herren im Anzug E-Book

Anja Meyerrose

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Beschreibung

Kapitalismus ist weit mehr als eine Wirtschaftsform. Mit seiner Ausbreitung wurden bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse umgewälzt, Klassengesellschaften bildeten sich. Die Autorin schildert die Entstehung unserer modernen Welt im Spiegel eines konkreten sicht- und fühlbaren Gegenstands: dem Männeranzug. Denn Bekleidung verortet die Menschen in modernen Gesellschaften, markiert ihre Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie. Und das einflussreichste Kleidungsstück der Moderne ist der Männeranzug. In dieser ausgreifenden transatlantischen Geschichte von Produktion und Konsumtion des Männeranzugs entfaltet das Buch deshalb eine Geschichte moderner Klassengesellschaften. Dabei richtet es den Fokus auf Großbritannien, die USA und Deutschland und zeigt, wie sich die Transformationen in diesen verschiedenen Gesellschaften gegenseitig beeinflussten. Die neuen Herren waren im Anzug.

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Seitenzahl: 663

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://portal.dnb.de abrufbar.

Umschlagabbildung:

oben: Andrew Carnegie, William Jennings Bryan und andere. Die Aufnahme entstandzwischen ca. 1910 und ca. 1915. Library of Congress Prints and Photographs DivisionWashington, D.C. 20540 USA http://hdl.loc.gov/loc.pnp/pp.print

unten: Die Belegschaft der Gas- und Wasserwerke 1898. Der Abdruck erfolgt mitfreundlicher Genehmigung der Stadtwerke Essen AG/Fotoarchiv Ruhr Museum.

© 2016 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar WienUrsulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzendes Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.

Korrektorat: Constanze Lehmann, Berlin

Satz: Reemers Publishing Services, Krefeld

Druck und Bindung: Finidr, Cesky Tesin

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in the EU

ISBN 978-3-412-50365-9

Datenkonvertierung: Lumina, Griesheim

ISBN für dieses eBook: 978-3-412-50613-1

Für Stephan Truninger

Inhalt

Danksagung

Einleitung

1.DIE UNIFORM DER BOURGEOISIE

1.1Die Merchants von Manchester

Spanische Mode? | Die neuen Händler | Gewobener Wind: Die neuen Stoffe | Gentry und Merchants | Industrielle Revolution

1.2Sansculotten – Bürger im seidenen Rock?

Versailles oder die Nachahmung | Die Kleider der Revolution | Luxus à la Napoleon

1.3Deutsche Bürger – Von Werther zu Jahn

Dichter und Denker | Von der antifeudalen zur antibourgeoisen Kritik | Bürger oder Juden? | Jahn’sche Turner

2.DIE UNIFORM DER MASSE

2.1Merchant Farmers

Farmer im Dress Coat | Homespun | Die Revolution der Merchants

2.2New York’s Merchants

Assembly Lines | Profit als Maßstab | Von New York an die Frontier

2.3Massenproduzenten

Sweat Suits | Industriearbeiter | Maschinelles Weben

3.DIE UNIFORM DER HERREN

3.1Die Uniform der Gentlemen

Klassenkämpfer | Invention of the Gentleman | The Best-dressed-Gentleman

3.2Die Uniform der Quasi-Gentlemen

Flexible Massenproduktion | Big Business Men | Gentlemen of Leisure | White-Collar Workers | E pluribus unum

3.3Die Uniform der Berufe

Bourgeois Made in Germany | Die Fremden | Kleider machen Deutsche | Sonderklasse im Anzug

Schluss: Kein Ende der Geschichte

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Sach- und Ortsregister

Personenregister

Danksagung

Sehr gute Arbeiten schreibt man nur im Team. Das hat Stephan Truninger mich gelehrt, als wir uns kennenlernten. Ohne ihn wäre dieses Forschungsprojekt nicht von mir in Angriff genommen worden. Er war es, der mich durch meine Jahre des Forschens, Denkens und Nachdenkens begleitet hat. Stephan ist die Persönlichkeit, mit der ich Reiche betreten und Schätze bergen kann, die ich allein nur schwerlich erlange – ihm ist dieses Buch darum gewidmet.

Aber zum Team gehört auch mein Doktorvater Detlev Claussen. Obwohl er am liebsten Chinos und Sneakers trägt, hat er sich mit mir darauf eingelassen, dem Anzug einen so großen Stellenwert in einer Geschichte zur Klassengesellschaft zu geben.

Und ich möchte Sven Beckert danken, der mich so unkompliziert und freundlich, wie das nur Amerikaner können, mit dieser Forschungsarbeit als Doktorandin akzeptiert hat.

Mein Dank gilt besonders Daniel Völk für seine vielen Lektorate, die er – jedes Mal wieder – genau, kritisch und sorgfältig gemacht hat.

Julia Meyerrose danke ich vor allem dafür, dass sie mir die Abbildungen in diesem Buch in druckbare Versionen umgewandelt hat.

Allen Teilnehmern unserer Veranstaltungsreihe Offenes Kolloquium der Reihe KunstDerKritik möchte ich für die kritischen Anmerkungen zu meinem Text danken, vor allem aber Fritz Trümpi, der mir seit meinen Anfängen hilfreich zur Seite stand.

Nicole Peter und Hanna Lucia Worliczek gilt mein Dank für das sorgfältige Lesen und die kritischen Bemerkungen zu meiner Einleitung. Sie haben mir damit geholfen, den Einstieg in das Buch erheblich spannender zu gestalten. Dafür danke ich auch Annelise Truninger sehr, die mir zugleich mit ihrer finanziellen Unterstützung das Leben schöner gemacht hat.

Den wichtigsten Beitrag zu den Finanzen lieferte aber die Friedrich-Ebert-Stiftung, die mir mit einem Stipendium drei Jahre Forschungsarbeit ermöglicht hat, aber auch durch viele spannende Seminare und Weiterbildungen den Austausch mit anderen jungen Forschern erlaubte.

An die British Library in London geht mein Dank dafür, dass ich zum Forschen hereingelassen wurde und die große Auswahl an internationaler Literatur studieren durfte. Der Traum eines Forschers, nahezu jedes Buch, das ich gerne lesen wollte, war in dem riesigen Archiv zu bekommen. In der New York Public Library, in die man so unkompliziert hineinkommt, danke ich vor allem den Mitarbeitern für die fachkompetente Hilfe bei der Suche und dem Finden von passender Lektüre nach meinen Recherchevorstellungen. Außerdem gilt mein Dank den vielen anderen Mitarbeitern in Bibliotheken und Archiven, die mir im Laufe der Zeit geholfen haben.

Und zum Schluß danke ich all denen, die hier nicht namentlich aufgeführt sind und die doch zum Team gehören: Vielen Dank auch an dich.

Die Stärken des Buches sind Ausdruck der wertvollen Teamarbeit, ich allein bin für alle Fehler und Schwächen verantwortlich.

Im Gedenken an Sylvia Read.

Einleitung

Mai 1789 in Versailles. Für die erste Zusammenkunft der Generalstände seit mehr als 100 Jahren waren die teuren Eintrittskarten schon am frühen Morgen ausverkauft. Unter den Zuschauern fanden sich Gesandte aus Europa und den USA, ausländische Berichterstatter1, Gouverneure, Staatsminister, Militärbeamte und wenige Frauen, darunter Aristokratinnen, Prinzessinnen sowie die Königin. Endlich traten die Generalstände nach einem strengen Hofzeremoniell ein.

Zuerst durften die 300 ausgewählten Aristokraten zu ihren reservierten Plätzen gehen, gekleidet in Samt und Seide, Brokat und Spitzen. Dann wurden die Geistlichen eingelassen, auch sie besetzten ihre angestammten Sitze, 300 Bischöfe und Priester, viele in sakrale prachtvolle Prunkgewänder gekleidet. Gold und kostbare Edelsteine blitzten auf, edle Materialen schimmerten und glänzten, als die Männer des Ersten und Zweiten Standes ihre Plätze einnahmen. Die 600 Abgeordneten des Dritten Standes mussten noch stundenlang vor der Tür im Regen warten, bis auch sie den Saal betreten durften. Es entstanden Tumulte und Raufereien um die verbliebenen Sitzplätze, nicht wenige Männer blieben im überfüllten Raum stehen. Im Gegensatz zu den goldglänzenden Geistlichen und den Adeligen, die sich um den Thron Ludwigs XVI. drängten, schien der Dritte Stand Trauer zu tragen. Diesen Männern, unter ihnen Rechtsanwälte und wohlhabende Händler, Richter und abtrünnige Aristokraten sowie einige wenige Handwerker, waren feine Spitzen, auffällige Stickereien oder Gold verboten. Ihre Kleidung, das Halstuch oder die Krawatte mussten aus schwarzer Wolle sein, genauso wie die Strümpfe. Nur am Aufschlag des Mantels durfte ein wenig schwarze Seide verarbeitet werden.

Gegen diese Bekleidungsvorschriften gab es aus dem Dritten Stand schon im Vorfeld Proteste. Sie dienten, so sahen es viele Vertreter des Dritten Standes, nicht nur der äußerlichen Trennung der Stände, sondern sollten ihren Stand degradieren.2 Auf die im Rahmen des Hofzeremoniells vorgenommene Auswahl oder besser gesagt: befohlene Einschränkung reagierten viele Abgeordnete gereizt oder sogar verletzt.

[<<11||12>>] Als wenige Wochen später die Revolution ausbrach, hatten die Abgeordneten des Dritten Standes diese Demütigung nicht vergessen. Schon auf einer der ersten Sitzungen der revolutionären Nationalversammlung wurde über die Kleiderordnung heftig debattiert. Schließlich stand ein Abgeordneter des Dritten Standes, Honoré Gabriel Victor de Riqueti, Marquis de Mirabeau, auf und hielt eine seiner gefürchteten Reden. Er wetterte gegen den Hof, der den Abgeordneten des Dritten Standes ein in „Farbe und Schmucklosigkeit geradezu beleidigendes Kostüm“ vorschreibe (zit. n. Wolter 2001: 118). Sie lebten doch nun in einer Zeit, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf ihr Banner geschrieben habe und die darum auch in der Kleidung keine Privilegien dulden könne. Nach dieser Rede von Mirabeau wurden die vom Hof befohlenen Standesunterschiede in der Bekleidung abgeschafft.

Bekleidung, das zeigt sich hier deutlich, war keine unbedeutende Nebensache. Und bis heute markiert sie die gesellschaftliche Stellung ihrer Träger. Kleidung ist das äußere Kennzeichen, an dem Jeder und Jede auf den ersten Blick erkennen kann, mit wem sie oder er es zu tun hat. Sie zeigt den Stand oder die Klasse ihrer Träger und Trägerinnen an, ermöglicht es die Menschen einzuordnen. Immer wenn die Herrschaftsverhältnisse sich ändern, wenn die gesellschaftlichen Kämpfe um Macht und Anerkennung entbrennen, wird die Bekleidungsfrage zu einem zentralen Thema. In den Anfängen der französischen Revolutionszeit wandte sich der gesamte Dritte Stand vereint gegen Aristokratie und Kirche, die Männer forderten das Ende der aristokratischen und geistlichen Privilegien. Diese Abgeordneten wollten sich nicht mehr als Angehörige eines Standes sehen, sondern als Vertreter der gesamten französischen Nation. Und weil sich mit der Abschaffung der Privilegien für den Ersten und Zweiten Stand die Herrschaftsverhältnisse veränderten, trugen die Abgeordneten, obwohl sie frei gewesen wären, das zu tun, trotzdem nicht die prunkvolle Bekleidung des französischen Adels. Da sie die Aristokraten nicht mehr qua ihres Standes anerkannten, wurde auch die vom Adel getragene Kleidung nicht mehr anerkannt.

Doch die Herrschaftsverhältnisse waren noch nicht gesichert und die gesellschaftlichen Kämpfe gingen weiter. Schon bald brach der Dritte Stand auseinander, verschiedene Fraktionen bildeten sich, die sich auch über die Bekleidung ab-, aus- und eingrenzten. Und vier Jahre später, im Brumaire des Jahres II der Revolution (Monat von Ende Oktober bis November 1793), wurde im ein Jahr zuvor etablierten Nationalkonvent wieder einmal heftig über Kleidung debattiert. Der Konvent tagte im neu bezogenen Saal des Palais des Tuileries, der ehemaligen Residenz des Königs. Es ging laut und wild zu, die Akustik war schlecht, im Minutentakt schlugen Türen auf, Männer kamen und gingen, im Tumult wollten sich einzelne Abgeordnete mit Zwischenrufen Gehör [<<12||13>>] verschaffen. Auf der schmalen umlaufenden Galerie und den Balkontribünen strickten die Tricoteuses, rissen Witze und vergriffen sich auch gerne mal an anderen Zuschauern, die für sie aristokratisch aussahen, d. h. besser oder feiner gekleidet waren. Unter ihnen schrien sich in dem langgestreckten Raum auf den gegenüberliegenden aufsteigenden Bankreihen die verschiedenen Fraktionen an, bevor sie wieder zur Tagesordnung übergingen. Es waren die Sansculotten3 – Handwerker, Krämer und Kaufleute, Gesellen und Gelegenheitsarbeiter –, die im Nationalkonvent erneut die Kleiderfrage stellten. „Die Franzosen, die schon ihre politischen, religiösen und bürgerlichen Vorurteile abgelegt haben, sollten auch ihre lächerliche, unbequeme und verrückte Kleidung ablegen und sie mit einem edlen und bescheidenen Gewand vertauschen, dessen der natürlichen Entwicklung des Körpers gemäßer Schnitt der republikanischen Einfachheit entspricht.“ argumentierte Charles Bougas von den Pariser Sansculotten in einer Petition (Soboul 1978: 375). Die Sansculotten definierten sich unter anderem über ihre Kleidung, die sie von den sozial Höhergestellten abhob. Sie wollten durch ihre Forderung nach einfacher Bekleidung die sozialen Beziehungen auf eine egalitäre Basis gestellt wissen. Sie selbst uniformierten sich in Kattunwesten mit breiten blau-weiß-roten Streifen, hüftlangen Jacken aus grober Wolle, carmagnole genannt, einer roten Mütze der Freiheit sowie den für sie typischen langen weiten Hosen (Soboul 1978: 276). Wer die lange Hose trug, rechnete zum Volk, während die Kniehose (culottes) die Tracht der Aristokratie und, verallgemeinert, der oberen Schichten des alten Dritten Standes war (Soboul 1978: 21).

Genauso wie den Sansculotten selbst fehlte auch ihrer uniformen Bekleidung die Anerkennung, vor allem der gemäßigten Fraktionen. Selbst radikale Abgeordnete wie Maximilien de Robespierre oder Louis Antoine de Saint-Just und andere Mitglieder der französischen Revolutionsregierung trugen nicht die Uniform der Sansculotten. So kleidete sich beispielsweise Robespierre bei einem [<<13||14>>] öffentlichen Auftritt in farbenfrohe leuchtend blaue und weiße Seidenkleidung, um die Hüften die dreifarbige Schärpe gewickelt; eine Pracht, die man früher nur bei Aristokraten gesehen hatte – gleich welchen Geschlechts. Viele der Reichen und Mächtigen versuchten daher, als Sansculotten im Geist anerkannt zu werden (Soboul 1978: 281).

Denn noch wurden die Pariser Sansculotten gebraucht. Nur mit ihrer Unterstützung war es im Jahr 1789 der Bourgeoisie gelungen, den Sieg über die Aristokratie und ihre Verbündeten davonzutragen (Soboul 1978: 18). Und auch die Krise der Revolution im Frühjahr und Herbst des Jahres II (1793) erzwang noch einmal ein Bündnis mit den Volksmassen, d. h. auch mit den gut organisierten Sansculotten (Soboul 1978: 32). Im Juli 1789 war das Schlagwort Freiheit gewesen, als der Dritte Stand sich gegen die Aristokratie und das Ancien Régime erhob. In dieser zweiten Revolution 1793 waren es Gleichheit und Brüderlichkeit, die vor allem von den Sansculotten, unter anderem auch über die Frage nach der angemessenen Bekleidung, gefordert wurden. Doch mit dem Ende der Krise von 1793 wandten sich die Fraktionen im Konvent von den Sansculotten ab. Weder die Girondisten noch die meisten Montagnards, unter ihnen viele Jakobiner, die sich vor allem aus den wohlhabenderen Schichten rekrutierten, hatten an der Durchsetzung der Gleichheit ein Interesse (Soboul 1978: 312). In einer Proklamation im Brumaire des Jahres II der Revolution verkündete der Nationalkonvent, dass keine Person, gleich welchen Geschlechts, einen anderen Citoyen zu einer bestimmten Kleidung zwingen dürfe. Jeder sei frei zu tragen, was immer sein Geschlecht kleide (Chenoune 1993: 19). Damit wurde der Gleichheit der Todesstoß versetzt, genauso wie den Sansculotten, die diese mit Leidenschaft vertraten. Nur einige wenige weitsichtige Sansculotten erkannten schon nach der Verabschiedung solcher Proklamationen, dass an die Stelle des Vorrechts der Geburt jene des Geldes trat (Soboul 1978: 34 f.). Die Transformation der französischen Gesellschaft von einer Standes- zu einer Klassengesellschaft hatte längst begonnen.

Diese Entwicklung blieb nicht auf die französische Gesellschaft beschränkt. In der westlichen Welt haben sich bis zum 20. Jahrhundert viele Gesellschaften so umstrukturiert, dass sich an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie die Bourgeoisie gegenüber der Aristokratie durchgesetzt oder sich mit ihr in Teilen zusammengeschlossen hat. Da in den modernen Klassengesellschaften die Bürger und Bürgerinnen formal frei sind, können die neuen Machthaber, die Bourgeois, Macht und Herrschaft nicht qua Geburt für sich beanspruchen. Wer zur herrschenden Klasse gehört, wird in gesellschaftlichen Kämpfen verhandelt. Die Bourgeoisie löst diese Probleme in der Regel damit, dass innerhalb der herrschenden Klasse immer auch bedeutende Männer aus der beherrschten Klasse [<<14||15>>] aufgenommen werden. Diese Kämpfe um die Aufnahme verlaufen in allen Gesellschaften unterschiedlich und haben stets auch einen Einfluss auf die beherrschten Klassen, wie bei den Sansculotten, die von der Bourgeoisie wieder fallengelassen wurden, als die eigene Macht in der französischen Gesellschaft gegen die konterrevolutionären Aristokraten gefestigter war. Durch diese gesellschaftlichen Transformationen, die nie abgeschlossen sind und doch für lange Zeiträume stabil wirken können, werden auch Unterteilungen vorgenommen, die als Mittelschichten oder sogar noch differenzierte Abstufungen wie obere Oberschicht, mittlere Oberschicht, untere Oberschicht, obere Mittelschicht, mittlere Mittelschicht etc. erscheinen.

In diesem Buch wird die Entwicklung moderner Klassengesellschaften in ihren verschiedenen Transformationsformen vergleichend untersucht. Doch solch eine Untersuchung stößt auf einige Schwierigkeiten, denn Klassengesellschaft erscheint zunächst als abstrakter Begriff. Um diesen Begriff dennoch zu fassen zu bekommen, wird hier deshalb ein konkreter, sicht- und fühlbarer Gegenstand ins Zentrum gestellt: die Kleidung.

Bekleidung ist, wie oben exemplarisch gezeigt, das äußerlich sichtbare Merkmal der Klassenzugehörigkeit, markiert die gesellschaftliche Stellung ihrer Träger. Denn die in der Französischen Revolution geforderte Freiheit (liberté), die nicht zuletzt auch als Wahlfreiheit der Bekleidung proklamiert wurde, ist bis heute nicht durchgesetzt. Obwohl die Einzelnen formal frei sind, auch die Kleidung tragen können, die sie wollen, unterliegen Männer wie Frauen in der gesellschaftlichen Praxis zahlreichen Einschränkungen. Statt der Uniform für alle, welche die Sansculotten forderten, uniformieren sich die verschiedenen Gesellschaftsgruppen. An der tatsächlich getragenen Bekleidung können die verschiedenen Gruppen auch unserer heutigen Gesellschaften bestimmt werden. Kleidung entscheidet über die Zugehörigkeit und den Wert eines Menschen und nicht zuletzt wird von ihr auch gerne auf das Innere geschlossen, die Gedankenwelt des Trägers oder der Trägerin.

In der deutschen Gesellschaft wird der alltäglichen Bekleidung wenig Beachtung geschenkt, ihre Bedeutung heruntergespielt und wer sich zuviel mit Kleidung beschäftigt, eher mit Verachtung gestraft. Und doch, so habe ich während der Arbeit an diesem Buch erfahren, meint jeder und jede etwas zum Thema sagen zu können. Meine Gesprächspartner, Akademiker und Akademikerinnen genauso wie Bekannte, Freunde und Familienmitglieder haben fast alle sehr vehemente und rigide Ansichten zum Thema Bekleidung. Da wird aus der persönlichen Erfahrung heraus von Vätern, Großvätern, berühmten Persönlichkeiten berichtet, die diese oder jene Bekleidung getragen hätten. Bei der durchweg von allen Gesprächspartnern geäußerten Beteuerung, was für ein spannendes [<<15||16>>] Thema dies doch sei, gab es oft Widerspruch und Diskussionen und vehementes Beharren auf ihren eigenen Ansichten zu meinem Forschungsbereich. Das Thema geht den meisten nahe, wenn auch nicht unter die Haut, so liegt es doch direkt auf derselben. An den Reaktionen der Leute merkt man, welch zentrale Stellung die Kleidung in allen Gesellschaften hat. Die Menschen werden nach ihrer Bekleidung beurteilt, auf der Straße, der Leinwand, auf Reisen. Man schaut immer zuerst aufs Äußerliche, um jemanden einzuordnen.

Wie bedeutend ungeschriebene Bekleidungsvorschriften auch in der deutschen Gesellschaft sind, ist an der Reaktion zu erkennen, wenn jemand sich nicht daran hält. Exemplarisch zeigte sich das, als Gerhard Schröder 1998 zum deutschen Bundeskanzler gewählt wurde und sich bei dem italienischen Modeunternehmen Brioni Maßanzüge fertigen ließ. Da rauschte es im deutschen Blätterwald. Gerhard Schröders Anzüge waren das wichtige Thema in den Medien. Sozialdemokratie und teurer Luxus, modische Bekleidung für einen Mann, maßgefertigte Anzüge für einen Politiker, das war so skandalös noch nicht in die deutsche Öffentlichkeit getragen und auch noch nicht mehrheitlich so vehement abgelehnt worden. (In den Medien anderer Gesellschaften, der amerikanischen, französischen oder der englischen, wurde diese deutsche Diskussion mit Unverständnis kommentiert.) Und nur einem zweiten Deutschen, auch einem Politiker, wurde wegen seiner Bekleidung eine ähnliche Medienaufmerksamkeit zuteil: Joschka Fischer. Bei ihm wird bis heute immer wieder kommentiert, dass er es gewagt hatte, sich 1983 in Turnschuhen und mit grobem Jacket zum hessischen Umweltminister vereidigen zu lassen und er dann 1998 als Bundesaußenminister in einem dunkelgrauen Anzug mit Weste ins Kabinett von Gerhard Schröder eintrat. Für beide Debatten wurden und werden – wie in dieser Arbeit gezeigt wird – deutsche bürgerliche Ressentiments bedient, die sich teilweise schon vor dem 19. Jahrhundert verfestigten. Bei Gerhard Schröder sind das antimodische, antiluxuriöse und antisozialdemokratische Ressentiments, die vor allem über die Feuilletons deutscher Zeitungen und Zeitschriften verbreitet werden. Bei Joschka Fischer werden sie als proreaktionäre, prouniformierte und prokonservative Ressentiments formuliert.

Aber ihre Bekleidung wird nicht nur in den Feuilletons verhandelt, sondern auch in die wissenschaftlichen Debatten von Historikern und Historikerinnen sowie Soziologinnen und Soziologen hineingetragen. Diesen gilt Joschka Fischer als „Verkörperung dieses Sozialtypus eines zur Bürgerlichkeit, ja zur bürgerlichen Repräsentanz konvertierten Anti-Bürgers von 1968“, bei dem sich die „Verachtung und Ächtung des Bürgerlichen“ in „Achtsamkeit für die unwahrscheinlichen Bedingungen dieser Lebensform“ verwandelt habe (Bude/Fischer/Kauffmann 2010: 8 f.). Joschka Fischer, der 1968 einen entschieden antibürgerlichen[<<16||17>>] Habitus zur Schau getragen habe, sich dann aber „als Konvertit, gleichsam mit einem Sprung, in den Sehnsuchtsort des Bürgertums rettet – indem er sich das Rollenkleid des Bürgers anpasst und als Bundesaußenminister gleich auch noch in einer repräsentativen Rolle auszuspielen sucht.“ (Kauffmann 2010: 17).

Die Bedeutung der Kleidung ist enorm, sie verortet die Menschen in modernen Klassengesellschaften, zeigt deren Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie an. Und das gesellschaftlich anerkannteste Kleidungsstück ist immer noch der Männeranzug: Der Anzug gilt als Indiz für oder gegen den Aufstieg in eine bessere Gesellschaftsschicht. Er ist zentraler Bezugspunkt der über die Bekleidung ausgetragenen Kämpfe um Macht und Anerkennung und verbreitet sich bis zum 19. Jahrhundert von England aus in die ganze Welt. Nicht zuletzt daran, wer, wann, wo, welchen Anzug trug oder trägt, kann die Entwicklung moderner Klassengesellschaften abgelesen werden.

In diesem Buch rückt deshalb der Männeranzug in den Fokus. Er unterscheidet sich von den meisten anderen Bekleidungen dadurch, dass er sich scheinbar über Hunderte von Jahren nur in Details verändert hat. Dieser Mythos hält sich hartnäckig, im Alltag wie in der Wissenschaft. Während Kleidung sonst als modisch gilt, das heißt, dem ständigen Wandel unterworfen sein soll, scheint gerade der Männeranzug, das einflussreichste Kleidungsstück der bürgerlichen Gesellschaft, aus der Geschichte gefallen, faktisch gleich geblieben (Hollander 1997: 12).

Für den auch international gerne zitierten Soziologen René König trug die Bourgeoisie, als Nachfolger der Aristokratie, den bürgerlichen Anzug (König 1967: 101 f.) und die Arbeiter übernahmen langsam auch diese Bekleidung für sich; das wird dann als Verbürgerlichung der Lebensweise bezeichnet. Da dies das etablierte Wahrnehmungsmuster ist, werden noch bis weit ins 20. Jahrhundert vor allem die nicht im Anzug auftretenden Männer beachtet. Damit soll der Anzug zum Indiz für oder gegen die Verbürgerlichung werden und damit für oder gegen den Aufstieg in eine bessere Gesellschaftsschicht, für oder gegen die Anpassung an ein Lebensmodell einer homogenen Gruppe gleicher und freier Bürger.

Aber sowohl bei dem eingangs erwähnten französischen als auch beim deutschen Beispiel Fischer/Schröder wird deutlich, dass nicht jeder Mann denselben, nur im Detail verschiedenen Anzug trägt, sondern ganz bestimmte Hosen und Jacken, mit ihrer je eigenen Bedeutung. In diesem Buch wird daher nicht danach gesucht, wo die Gemeinsamkeiten zu finden sind, sondern die sehr viel spannendere Frage gestellt, wo sich die Differenzen finden lassen.

Wie am Beispiel der Diskussion um Schröders Maßanzüge gezeigt, mag sein Anzug sich zwar äußerlich nur geringfügig von anderen Anzügen unterscheiden, aber Skandalon ist die differente Produktionsweise. Der Produktion von [<<17||18>>] Bekleidung wird jenseits der Verurteilung von sweatshops4 meist wenig Beachtung geschenkt. Der Anzug bildet hier keine Ausnahme. Rein äußerlich betrachtet, mag er sich über die letzten Jahrhunderte kaum verändert haben. Aber eine Ware wie der Anzug lässt sich nicht allein durch ihre äußerliche Erscheinung begreifen, sie ist auch durch ihre Produktion bestimmt. Wie der Anzug produziert wird, ob individuell vom Schneider gefertigt oder in der Fabrik standardisiert zusammengenäht, bestimmt entscheidend mit, welche Bedeutung ihm und seinem Träger beigemessen wird. Die Geschichte des Männeranzugs ist deshalb nicht nur eine Geschichte der Klassengesellschaften, sondern auch eine Geschichte der kapitalistischen Produktion. Und vom Stand der Produktion hängt ab, wie weit sich der Anzug als Kleidungsstück verbreiten kann.

Nicht zufällig ist der Anzug zuerst im Land der industriellen Revolution, in England, gefertigt und getragen worden. Anders als die Bedeutung des Anzugs, die zumindest teilweise national kodiert sein mag, ist die Produktion aber von Beginn an ein grenzüberschreitendes Unternehmen. Die hier vorgelegte Studie zur Geschichte der Klassengesellschaften muss deshalb notwendig als transatlantische Geschichte geschrieben werden. Denn in England wurde der Anzug zwar entwickelt, aber erst in Amerika wurde seine Produktion radikal modernisiert. Dadurch hat der Anzug in den USA nicht nur eine gänzlich neue Bedeutung und Verbreitung erlangt, die amerikanische Entwicklung hatte auch entscheidende Rückwirkungen auf die Formierung europäischer Gesellschaften. Doch diese transnationalen Prozesse treffen auf historisch gewachsene Gesellschaften und werden in diesen unterschiedlich adaptiert. Um das zu verdeutlichen (und nicht zuletzt weil dieses Buch auf Deutsch erscheint und für ein deutschsprachiges Publikum geschrieben ist), beschränkt sich diese Studie nicht auf England und die USA, sondern zieht auch immer den Vergleich zur deutschen Entwicklung. Obwohl Deutschland, wie die USA, England in der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts überholte, fanden hier ganz andere Kämpfe um Macht und Anerkennung der verschiedenen Gesellschaftsgruppen statt. Eine Analyse von Genese, Transformation und Verbreitung des Anzugs kann so Strukturen länderspezifischer Macht- und Herrschaftsverhältnisse sichtbar machen.

Eine solche länderübergreifende Studie ist allerdings mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert. Denn nicht nur die Gesellschaften sind historisch unterschiedlich gewachsen. Auch die Begriffe, mit denen gesellschaftliche Phänomene wissenschaftlich gefasst werden, sind historisch in den verschiedenen [<<18||19>>] Gesellschaften unterschiedlich geprägt. Das gilt ganz besonders für diejenigen Begriffe, mit denen die Gesellschaftsstrukturen beschrieben, mit denen die Menschen gesellschaftlichen Gruppen zugeordnet werden sollen. Es handelt sich dabei um national geprägte Wahrnehmungsmuster. Begriffe wie Bürgertum, Gentlemen, upper class, industrial worker oder Arbeiter sind keineswegs bedeutungsgleich, sondern aufgeladen durch die unterschiedlichen geschichtlichen Entwicklungen der Klassengesellschaften. Deshalb können sie auch nicht einfach auf andere Gesellschaften übertragen werden, ohne ihre analytische Kraft zu verlieren.

Das Problem zeigte sich deutlich am großen internationalen Projekt zur Erforschung der bürgerlichen Gesellschaft und Kultur in Europa im 19. Jahrhundert. Dem Historiker Jürgen Kocka gelang es Mitte der 1980er-Jahre, Sozial- und Geisteswissenschaftler nicht nur aus Großbritannien und Frankreich, sondern auch aus Polen, Tschechien, Ungarn und sogar aus der DDR ans Zentrum für Interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld zu holen. Hier sollten sie sich der Frage widmen, wie das Bürgertum sich in den verschiedenen Ländern Europas entwickelt habe und wie diese Entwicklungen einander beeinflussten. In mehrtägigen Symposien präsentierten die Wissenschaftler ihre Resultate und Überlegungen. Aber schon bald stellte sich heraus, wie schwierig so eine vergleichende Forschung ist. Jürgen Kocka selbst beklagte im abschließenden Bericht, dass zwar in Deutschland ausführlich „das Bürgertum“ thematisiert werde (1988a: 16), es in anderen Ländern aber weniger üblich sei, darüber zu sprechen. Weder in Österreich, Ungarn, Italien, Frankreich, Polen noch in Nordeuropa werde viel darüber geschrieben,

im anglo-amerikanischen Bereich besitzt man zwar den Begriff middle class, aber er ist eher marginal und strukturiert die Forschung wenig. In England und Nordamerika sieht man wenig Anlaß, businessmen, professionals und civil servants gemeinsam zu behandeln, und wenn man überhaupt berufsgruppenübergreifend konzeptionalisiert, dann spricht man eher von den ‚Eliten‘, ‚den Reichen‘ oder ‚der Oberschicht‘, selten aber von der middle class. (Kocka 1988a: 15).5

Deshalb, so räumt er ein, hätte sich wohl ein ganz anderes Projekt ergeben, wenn die Diskussionen nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch geführt worden wären (Kocka 1988a: 16). Kocka übersetzt den Begriff des Bürgers sowohl mit dem des [<<19||20>>]Bourgeois als auch des Citoyen, wobei Bürgerlichkeit die partikularen Merkmale einer bürgerlichen Schicht oder Klasse bezeichnen soll, die „historische Idee der Bürgerlichkeit“, die im Rahmen einer bestimmten Klasse entstanden sei, aber darüber hinaus die Institutionen, den Habitus, das geistige Klima ganzer Gesellschaften geprägt habe (Kocka 1987: 16 f.). Das ist jedoch problematisch, weil diese Interpretation der Geschichte, auch wenn sie in einem internationalen Vergleich gemacht wird, die Bürger trotzdem noch zwischen Adel und Arbeitern in der gesellschaftlichen Mitte oder neuen Mitte vermutet (Bude/Fischer/Kauffmann 2010: 8).

Von den Historikern werden Idealtypen der Bürgerlichkeit bereichs- und epochenspezifisch bestimmt und begründet, die dann im Rückblick in ausgewählten Realitäten in unterschiedlichen Ländern dahingehend verglichen werden sollen, in welchem Maß sie dem Idealtypus entsprechen (Kocka 1987: 13, auch Wehler 1986: 27). Verantwortlich für die Entstehung von „so etwas wie ‚Bürgertum‘“ waren demnach eine

scharfe Ausprägung des Land-Stadt-Unterschieds, kräftige adelig-feudale Traditionen, deutliche Klassenspannungen, starke städtisch-stadtbürgerliche Traditionen, die Wirksamkeit der Aufklärung, ethnische und konfessionelle Homogenität, deutliche Grenzen der Verallgemeinerbarkeit bürgerlicher Kultur. (Kocka 1988a: 33).

Auch Soziologen wie Bude, Fischer und Kauffmann orientieren sich an den Definitionen von Kocka und Wehler und bestimmen Schlüsselmotive des Bürgerlichen (2010: 7), indem sie auf die Differenzmarkierung zu einem symbolischen Außen verweisen (Adel, Klerus, Landbevölkerung, Proletariat), eine städtische Lebensweise anführen oder auf eine bürgerliche Körperlichkeit und Verinnerlichung verweisen (Bude/Fischer/Kauffmann 2010: 14). Die methodische Lösung des Problems – etwa durch das Bilden von Idealtypen (Kocka) oder der Bestimmung von Merkmalen von Bürgerlichkeit (Bude et al.) – schwächt jedoch die Analysekraft. Wirklich vergleichen, würde laut Kritikern, wie dem englischen Historiker David Blackbourn (1980), bedeuten, die Gesellschaften nicht aus einer deutschen Perspektive zu betrachten.

In diesem Buch werden deshalb nicht nur länderübergreifende Prozesse analysiert, sondern auch die national geprägten Begriffe, die für die Erklärung von Gesellschaftsgeschichte unerlässlich sind, daraufhin untersucht, wie weit sie für eine vergleichende Analyse hilfreich sind.

[<<20||21>>] Im 19. Jahrhundert etablierte Wahrnehmungsmuster haben den Blick auf die Gegenwart verstellt; es ist Zeit, sie beiseitezuräumen. Aber das sollte nicht durch Ignoranz gegenüber dem Alten und Veralteten geschehen, sondern durch die historische Reflexion und veränderte Selbstwahrnehmung. (Claussen 2009).

Das heißt, es müssen auch immer der gesellschaftliche Kontext und die prägenden gesellschaftlichen Erfahrungen der Historiker und Historikerinnen oder Soziologinnen und Soziologen berücksichtigt werden und ihre Äußerungen jeweils zeitlich eingeordnet werden. Eine kritische Soziologie kann den Anspruch der wissenschaftlichen Selbstreflexion moderner Klassengesellschaften nur erfüllen, wenn das Moment der gesellschaftlichen Transformation, ihre jeweilige Geschichtlichkeit, im Vergleich mitgedacht wird (Truninger 2010: 183 ff.).

Was unterscheidet Anzug tragende Wirtschaftsbürger in Deutschland von der gentry in den Anfängen der Industrialisierung in Manchester? Wieso können deutsche Bildungsbürger des 18. Jahrhunderts nicht mit den französischen Sansculotten gleichgesetzt werden, die 1789 vor der Bastille nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gerufen haben? Wann tragen amerikanische white-collar workers6 des 19. Jahrhunderts Anzüge und welche Bekleidung tragen die Privatbeamten des deutschen Wilhelminischen Kaiserreichs? Wenn – wie in dieser Arbeit – untersucht wird, wannwelcher Anzug von wemwarum getragen wurde, dann kann darüber die Formierung von Klassengesellschaften an der Männerbekleidung analysiert werden.

In diesem Buch wird deshalb der von dem Historiker Sven Beckert geforderte Versuch unternommen, Geschichte neu zu denken und nationale historische Perspektiven durch die Sicht auf grenzüberschreitende Prozesse zu erweitern (2014: 17). Und doch ist dies keine Globalgeschichte, da sie nicht die Gemeinsamkeiten und weltweiten Zusammenhänge betont, sondern vor allem die internen gesellschaftlichen Differenzen sowie die Unterschiede zu den anderen in dieser Arbeit untersuchten Gesellschaften. Unterschiede, die [<<21||22>>] durch die spezifische historische Gewordenheit der in dieser Arbeit untersuchten Klassengesellschaften entstanden sind und bis in unsere Zeit nachwirken.

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Diese Untersuchung orientiert sich am Männeranzug und ist insofern selbstverständlich auch ein Beitrag zur Modegeschichte. Durch den Blick auf die Entwicklung des Anzugs vom 16. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, räumt sie mit hartnäckig sich haltenden Mythen der Wissenschaft auf. Dieses Buch liefert aber auch einen Beitrag zur Gendergeschichte, da hier die in der wissenschaftlichen Diskussion oft als vernachlässigbar behandelte Männerbekleidung thematisiert wird – obwohl die gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass die Männer eine Vorreiterrolle, etwa als Käufer von Kleidung, einnahmen. Darum ist dies auch ein Beitrag zur Konsumgeschichte. Während Frauen ihre Bekleidung noch selbst schneiderten, wurde für Männer schon Kleidung massengefertigt und in Geschäften zum Verkauf angeboten. Gerade die Produktion von Männerkleidung war ein wichtiger Motor der industriellen Revolution. Weil in diesem Buch der Weg von der Produktion von Textilien bis zur Fertigung von Kleidung berücksichtigt wird, ist dies auch ein Beitrag zur Industriegeschichte. Es ist aber auch eine Migrationsgeschichte, da die Veränderungen in Produktion, Distribution und Konsum von Männeranzügen entscheidend von Migranten beeinflusst wurden. Und, wie oben dargelegt, handelt es sich bei diesem Buch auch um einen Beitrag zur Begriffsgeschichte und zur Frage, wie Gesellschaften vergleichend analysiert werden können.

Vor allem aber liefert das vorliegende Buch einen Beitrag zur Geschichte der Klassengesellschaften, zu den gesellschaftlichen Kämpfen um Macht und Anerkennung. Hier wird die Reproduktion der herrschenden Klasse ebenso beachtet, wie die der beherrschten; was auf der einen Seite geschieht, lässt die andere nicht unberührt.

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Die vorliegende Arbeit ist in drei Teile gegliedert.

Im ersten Teil „Die Uniform der Bourgeoisie“ wird nach der Genese der Moderne geforscht (Bude et al. 2010: 15). Es geht darum zu zeigen, wie die individuelle handgearbeitete Produktion von Männerkleidung in eine standardisierte Produktionsweise übergeht. Dabei stellt sich die Frage, wieso die englische Bourgeoisie diese hervorbrachte und anerkannte, und wie auf diese Entwicklungen in Frankreich und den deutschen Staaten reagiert wurde.

Die bürgerliche Männerkleidung breitete sich erfolgreich in England aus, weil Merchants von Manchester (Kapitel 1.1) ein betriebsames, an den eigenen Profiten interessiertes Denken und Handeln entfalten konnten, woraus sich später [<<22||23>>] die kapitalistische Produktionsweise entwickelte.7 Weil diese merchants gesellschaftliche Anerkennung und Aufnahme in einer amalgamierten herrschenden Klasse fanden, wurde auch ihre Bekleidung anerkannt. Die Uniformierung im dress coat8 war im mit der beginnenden Industrialisierung aufstrebenden kosmopolitischen Manchester dem Bedürfnis einer einheitlichen Außendarstellung geschuldet, um kulturelle (oder religiöse und ethnische) Unterschiede innerhalb der bourgeoisen Klasse verschwinden zu lassen. Von England aus beeinflussten die veränderten Bekleidungsgewohnheiten die Männer weltweit.

Ausgehend davon wird im nächsten Kapitel Sansculotten – Bürger im seidenen Rock? (Kapitel 1.2) auf Frankreich eingegangen, weil mit der bürgerlichen Revolution von 1789 häufig der Beginn des bürgerlichen Zeitalters angesetzt wird, ab dem sich die moderne Bürgerlichkeit entfaltet habe. Dazu passen die gängigen Darstellungen zur historischen Entwicklung der Männerkleidung, die dem Kampf französischer revolutionärer Bürger gegen den Adel entscheidende Einflüsse zuschreiben (René König). Aber die Sansculotten hatten weniger Einfluss auf die Veränderung der Bekleidungsgewohnheiten in Frankreich, als ihnen in der Literatur zugewiesen wird. Sie waren nur eine von mehreren Fraktionen, die insgesamt lange und gewalttätig um die gesellschaftliche Vorherrschaft kämpften. Weil die kapitalistische Produktionsweise weniger radikal ältere Produktionsweisen ablöste, als es die Entwicklung nach der Französischen Revolution vermuten ließe, wurde auch der dress coat der Bourgeoisie [<<23||24>>] noch nicht zur gesellschaftlich anerkanntesten Männerkleidung in der französischen Gesellschaft.

Als die modernen Grundlagen der bürgerlichen Männerkleidung gelegt wurden, waren die deutschen Staaten zersplittert, ökonomisch rückständig, die kapitalistische Produktionsweise nicht einmal in Ansätzen ersichtlich. Im Kapitel Deutsche Bürger – Von Werther zu Jahn (Kapitel 1.3) wird darum gezeigt, dass die Anerkennung der Anzugträger ausblieb, weil sie entweder nicht zu den etablierten Pfahlbürgern, dem „alten Stadtbürgertum“ (Bude/Fischer/Kauffmann 2010: 11), gehörten oder im Nachhinein als Fremde und Außenseiter ausgegrenzt wurden. Die herrschenden aristokratischen Stände verweigerten den Bourgeois, anders als Englands Aristokraten, die Anerkennung. Als die langsame Modernisierung der Produktionsverhältnisse im Einklang mit der herrschenden Klasse einsetzte, kam es nicht zur Amalgamierung mit den Großhändlern und Kaufleuten. Die Uniformen der Herrschenden sollten keine kulturellen, religiösen oder ethnischen Unterschiede verdecken, sondern Teile der deutschen Gesellschaften je nach Bedarf ausschließen können. Es wird gezeigt, dass das Streben nach einer national einheitlichen deutschen Gesellschaft die Uniformierung der Männer in verschiedenen Uniformen förderte.

Während die Uniform der Bourgeoisie im 18. Jahrhundert in der französischen und deutschen Gesellschaft auf Widerstände der herrschenden Stände traf, setzte der dress coat sich in Amerika als Alltagskleidung durch. In der amerikanischen Gesellschaft entwickelt sich daraus der ready-to-wear-suit9: Die Uniform der Masse (Teil 2). Diese amerikanische Entwicklung darf nicht ausgespart werden, da durch sie wiederum die europäischen Verhältnisse im 19. Jahrhundert stärker beeinflusst wurden, als aus deutscher Perspektive oft beschrieben.10

[<<24||25>>] Obwohl sich auch in der amerikanischen Gesellschaft, wie in der deutschen, erst in den 1870er-Jahren die Industrialisierung vollends durchsetzte, war die Entwicklung bis dahin eine andere. In Amerika wurde schon unter englischer Kolonialherrschaft das betriebswirtschaftliche Denken und die kapitalistische Produktionsweise von Merchant Farmers (Kapitel 2.1) beeinflusst, weshalb früh die Kleidung der Bourgeoisie zur vorherrschenden Männerkleidung wurde. Dies war die freiwillige Uniformierung der Amerikaner in der Minderheitengesellschaft, das bourgeoise Merkmal der Uniform der Bourgeoisie blieb am Träger des Anzugs erhalten, kulturelle, ethnische oder religiöse Unterschiede der Einwanderer verschwanden. Auch nach der Unabhängigkeit von England blieb der dress coat anerkannt als bourgeoise Männerbekleidung.

New York’s Merchants (Kapitel 2.2) waren nicht nur in immer billigere und besser gemachte Anzüge gekleidet, sondern fanden darin allgemeine gesellschaftliche Anerkennung. Durch die differenten gesellschaftlichen Bedürfnisse entwickelte sich in den USA die Uniform der Bourgeoisie zum Massenprodukt und konnte schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts überall im Staatsgebiet gekauft werden.

Die Massenproduzenten (Kapitel 2.3) waren zum einen manufacturers11, die mehr Einfluss in der Gesellschaft gewannen, zum andern die industrial workers, deren Zahl zum Ende des Jahrhunderts mit der zunehmenden Industrialisierung zunahm. Da die Standards der ready-to-wear-suits schon von den merchant farmers festgelegt wurden und bei guter Qualität immer billiger geworden waren, gingen die Hersteller der fertigen Männerbekleidung hinter diese gesetzten Standards nicht zurück. Auch industrial workers trugen gute Anzüge, die Uniform der Masse.

[<<25||26>>] Die Uniform der Masse stieß auf gesellschaftliche Widerstände in Europa, aber die Vorteile der Massenproduktionsweise, nach dem Prinzip der Aufteilung in einzelne Arbeitsschritte, wurden auch in Europa gesehen. Im abschließenden Teil: Die Uniform der Herren (Teil 3) wird gezeigt, wie es nach der Ausweitung der industriellen Produktion nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zu neuen gesellschaftlichen Kämpfen kam. Jetzt wurden die alten Herrschaftsgefüge von den an Einfluss gewinnenden aufstrebenden manufacturers in Frage gestellt. Aber auch die Zahl an industrial workers nahm durch die Industrialisierung zu, so dass sich die gesellschaftlichen Kämpfe um Anerkennung veränderten, und damit auch die Bekleidungsgewohnheiten.

In England nahmen durch die von der amerikanischen Entwicklung beeinflusste Intensivierung der maschinellen Produktion die Klassenspannungen zu. Infolgedessen traten die ihre Privilegien verlierenden industrial workers kämpferischer auf. Als Reaktion darauf nahm die Bourgeoisie bedeutende manufacturers in die herrschende Klasse auf und formierte sich in England in der Uniform der Gentlemen (Kapitel 3.1). Mit der invention of fashion tradition12 wandten diese Männer sich äußerst luxuriösen handverarbeitenden, d.h. veralteten, Produktionsweisen zu. Diese Klasse uniformierte sich in maßgeschneiderten tailor-made-suits.

Auch in den USA gewannen die manufacturers durch die zunehmende Industrialisierung an Einfluss. Hier versuchten die an Einfluss verlierenden merchants, sich auch über die Bekleidung abzugrenzen und Lösungen in Europa bei den englischen Gentlemen zu finden. Diese Abgrenzung einer herrschenden Klasse über die Bekleidung im tailor-made-suit konnte in den USA aber nicht funktionieren, die Uniform der Masse entwickelte sich zur Uniform der Quasi-Gentlemen (Kapitel 3.2). Weil die Uniform der Bourgeoisie im 18. Jahrhundert in der amerikanischen Gesellschaft ohne Widerstände aufgenommen und Anfang des 19. Jahrhunderts zur Uniform der Masse weiterentwickelt worden war, blieb die Uniform der Gentlemen veraltet. Die Durchsetzung von luxuriöser handgefertigter Bekleidung nach veralteten Produktionsweisen für die herrschende Klasse gelang nicht, sondern in den USA wurde die moderne Massenproduktion für die Männerbekleidung zur noch moderneren flexiblenMassenproduktion weiterentwickelt. Dadurch wurde die Uniform der Masse abgelegt, Gleichheiten in der Gesellschaft verbaut und Ungleichheiten befördert. Das entsprach dem Bedürfnis nach Abgrenzung der in den USA Ende des 19. Jahrhunderts an Einfluss zunehmenden Gruppe der white-collar workers[<<26||27>>] (Angestellte). Und doch blieb das bourgeoise Element in der neuen Uniform bestehen, weil, obwohl vom Einzelnen Konsumhürden zu bewältigen waren, damit auch weiterhin Chancen der Amerikanisierung, d.h. der Anerkennung in der amerikanischen bürgerlichen Gesellschaft, bestanden.

Im 20. und 21. Jahrhundert geschriebene vergleichende Untersuchungen von deutschen Historikern und Soziologen zur Bürgerlichkeit setzen hier am Ende des 19. Jahrhunderts an, weil die Entwicklung im Kaiserreich nun mit derjenigen in anderen Industriegesellschaften vergleichbar erscheint. Dabei werden vor allem die Klassenkämpfe zwischen Industriellen und Arbeitern, unter Berücksichtigung der Bildungsbürger als von den Wirtschaftsbürgern unterschiedenen Bürgern, betrachtet. Anders als in den USA und England erschienen die Konfliktlinien in der herrschenden Klasse Deutschlands nicht als Konflikt zwischen Wirtschaftsbürgern (in England und den USA die manufacturers) und Großhändlern oder Kaufleuten (in England und den USA die merchants), sondern zwischen Wirtschaftsbürgern und dem Staat, verkörpert durch die Beamten und die Aristokratie. Durch die Herausforderungen der neuen Nation, dem Wilhelminischen Kaiserreich, entwickelte sich nun in einer invention of tradition (dt. Erfindung/Einführung von Traditionen) aus Militäruniformen die Uniform der Berufe (Kapitel 3.3) als anerkannteste Bekleidung in der deutschen Gesellschaft. Obwohl die Anzahl der Anzugträger im Kaiserreich stetig zunahm, war hier der Anzug immer noch nicht die anerkannteste Männerbekleidung.

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In diesem Buch werden die nationalen historischen Perspektiven durch die Sicht auf grenzüberschreitende Prozesse erweitert. Dafür werden auch verschiedene Disziplinen wie die Geschichte, die Soziologie, die Ökonomie oder die Genderforschung berücksichtigt. So geht es von England nach Frankreich, über deutsche Staaten in die USA. Dann von den Vereinigten Staaten nach England, wieder zurück über den Atlantik in die USA und nach Deutschland. Aber obwohl in diesem Buch die Entwicklung vom 16. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt steht, ist diese Geschichte von Männerkleidung noch lange keine vergangene Geschichte, sondern kann auch für aktuelle Debatten hilfreich sein. So werden an der Geschichte des Anzugs die spezifischen Reaktionen auf jeweilige grenzüberschreitende Prozesse in den untersuchten Gesellschaften betrachtet. Auf die Einführung von Anzügen aus England wurde in den USA anders reagiert als im Deutschen Reich, weil sie hier auf andere gesellschaftliche Strukturen mit eigenen Erfahrungen traf und je spezifische gesellschaftliche Bedürfnisse durch diese neue Bekleidung erfüllt werden sollten. Genauso sind in späterer Zeit die Reaktionen bei der Einführung von amerikanischen Jeans und T-Shirts in England oder Deutschland unterschiedlich gewesen. Und da [<<27||28>>] sich die Klassengesellschaften immer wieder neu formieren, kann dieses Buch – oder besser noch der Ansatz, der hier angelegt ist – auch zum Verständnis heutiger formal freier Gesellschaften beitragen. Über Bekleidung werden auch aktuell noch gesellschaftliche Kämpfe um Macht und Anerkennung ausgetragen, die über die Teilhabe an der herrschenden oder der beherrschten Klasse bestimmen und darüber, wer Herr im Anzug ist. [<<28||29>>]

1Diese Eindrücke aus der Versammlung der Generalstände stützen sich auf die Beschreibung des dort anwesenden deutschen Berichterstatter Friedrich Melchior Baron von Grimm (1723–1807) (zit. n. Bombeck 1994: 48 ff.)

2So hatte der Abgeordnete Delandine, ein Bibliothekar aus Lyon, in einem Gesuch vom April 1789 geschrieben: „weshalb sollen sich die Stände dann in der Kleidung unterscheiden? [...] In die Nationalversammlung aber kommt man nicht als Militär, als Beamter oder als Kaufmann, sondern man erscheint einzig und allein als Franzose.“ (Bombek 1994: 48).

3Die hier kursiv gestellten Begriffe von Gesellschaftsgruppen werden in dieser Arbeit im Sinne Michel Foucaults markiert, weil sie so auf die Unschärfe verweisen, die in einer auf rund 200 Seiten geschriebenen Übersicht über mehrere Jahrhunderte und vier sich transformierende Gesellschaften, wie die von mir hier geschriebene, nicht beseitigt werden kann. Foucault verwendet einfache Anführungsstriche in seinen Werken, das wird auf eine Diskussion zwischen ihm und dem französischen Philosophen Jacques Derrida zurückgeführt. Derrida hatte Foucault vorgeworfen, über Wahnsinn zu sprechen, obwohl es zweifelhaft sei, ob man wissen oder feststellen könne, was mit dem Begriff Wahnsinn überhaupt ausgesagt würde. Derrida soll Foucault dann vorgeschlagen haben, solche Begriffe etwa in Anführungsstriche zu setzen „als benutze er die Sprache anderer, jener, die in der von ihm untersuchten Periode sich deren als eines historischen Instruments bedient hätten“ (Derrida 1972: 68 f.).

4Mit dem Ausdruck sweatshop bezeichnet man einen Ausbeutungsbetrieb, mit oft ungesunden Arbeitplätzen, extrem langen Arbeitszeiten und sehr geringen Löhnen (Kidwell/Christman 1974: 99).

5Siehe zur Verwendung des Begriffs middle class in der englischen Gesellschaft den Beitrag von Eric Hobsbawm „Die englische middle class 1780-1920“ im 1. Band von Jürgen Kocka Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich (1988: 79 ff.).

6Die deutsche Übersetzung vom amerikanischen white-collar worker ist Angestellter/Angestellte, trifft aber nicht ganz die Bedeutung, denn die Geschichte der Angestellten in Deutschland ist eine, die sich aus dem Privatbeamtentum herleitet (siehe dazu beispielsweise Die Angestellten von Kracauer 1959 [1930]) und nicht aus der Gruppe der selbstständigen Kaufleute oder Ladenbesitzer (siehe dazu Kapitel 3.2, White-Collar Worker). Im Unterschied zum white-collar worker wird in den USA vom blue-collar worker gesprochen, der im Deutschen als Arbeiter übersetzt wird. Auch hier muss man vorsichtig sein und sollte den Begriff nicht einfach übersetzen, sondern in der historischen Gewordenheit der jeweiligen Gesellschaft anschauen (siehe dazu weiter oben in der Einleitung). Mit industrial workers werden in dieser Arbeit die (Fabrik)-Arbeiter bezeichnet.

7Die merchants sind diejenigen Kaufleute, die betriebsam denken, „weil die Produktionsverhältnisse, die den Feudalismus zu ersetzen begannen, nicht Luxus, sondern Fleiß verlangten – ‚Betriebsamkeit‘ in zweierlei Hinsicht: als Charaktereigenschaft und als objektive Gegebenheit von Industriebetrieben.“ (Löwenthal 1990: 23). Diese merchants sind nicht auf ein Land oder eine Region festzulegen, sie können überall leben. Warum sie sich früh in England durchsetzen konnten und darum in dieser Arbeit unter dem englischen Begriff merchants benannt sind, wird in diesem Kapitel beschrieben.

8Als dress coats verstanden werden in dieser Arbeit frock coats (dt. Gehröcke) und dress coats oder tail coats (dt. Fräcke). Das deutsche Wort Frack kam ursprünglich vom frock, dem Rock oder Kittel, im englischen Sprachraum wird mit dem frock aber der Gehrock bezeichnet (Loschek 2011: 197). Bei allen Unterschieden im Detail, geht es um die Gemeinsamkeiten, wenn vom dress coat geschrieben wird: Die Schnittform wurde bei diesen coats von militärischen Jackenformen übernommen. Es entwickelten sich verschiedene Variationen, aber diese waren alle grundsätzlich knielang, hatten lange Ärmel, Knöpfe am Revers und wenigstens einen Schlitz oder eine Öffnung im hinteren unteren Teil des Bekleidungsstücks (O’Hara Callan 2002: 105). Frock coats waren dabei im hinteren Teil gerade geschnitten und gingen meist wie ein Rock um den ganzen Körper herum. Bei Fräcken sind die stark zurückgeschnittenen Schöße charakteristisch (Loschek 2011: 197). Und was besonders wichtig ist: Die englischen coats zeichneten sich vor allem durch ihre Schlichtheit in Farben und Schnitt aus (siehe dazu Kapitel 1.1).

9Konfektion hatte in der deutschen Herrenbekleidungsfertigung sehr lange Zeit nicht die Bedeutung des ready-to-wear, also des Fertig-zum-Tragen und Gleich-Mitnehmen oder Sich-per-Katalog-zuschicken-lassen von Männeranzügen. In Deutschland eröffneten erst um die Wende zum 20. Jahrhundert in Berlin Firmen für Herrenkonfektionen (Westphal 1992: 29). Auch war es üblich, dass man im Laden anprobierte und seine Einkäufe nicht direkt mitnahm, sondern die Ware nach Hause geliefert bekam, wenn sie fertig genäht war. Eindrucksvoll nachzulesen im Roman Kleiner Mann was nun? von Hans Fallada aus dem Jahr 1932. Hier wird auch ein Bild vom kleinen Angestellten in Deutschland gezeigt, das die Differenz zum white-collar worker deutlicher machen kann (siehe dazu Fußnote 6).

10In der deutschen Diskussion wird unter dem Stichwort Amerikanisierung ein Kulturtransfer in verschiedenen Formen behandelt. Anselm Doering-Manteuffel setzt als Zeitraum, in dem von „Amerikanisierung“ zu sprechen sei, die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Außerdem habe nach 1918 ein neuer Transfer von Kulturmustern eingesetzt: weg von Amerika nach Europa. Vorher schon habe es ab Mitte des 18. Jahrhunderts einen europäisch-amerikanischen Ideentransfer gegeben (Doering-Manteuffel 2011). Doch es handelte sich dabei nicht allein um den als Amerikanisierung beschriebenen europäisch-amerikanischen Ideentransfer von Europa nach Amerika, sondern vor allem um einen Transfer von Stoffen aus England und Arbeitskräften aus der ganzen Welt. In dieser Arbeit stützen sich die Interpretationen zu den USA vor allem auf die vom Soziologen Stephan Truninger analysierte Genese des modernen Amerikas, wodurch sich wichtige Elemente des Begriffs von Amerikanisierung erschließen. Truninger zeigt in seinem Buch Die Amerikanisierung Amerikas (2010), dass erst die besondere, weltweit ausgreifende Dynamik der amerikanischen Gesellschaft es ermöglichte, Modernisierungsprozesse in Europa als Amerikanisierung zu erfahren.

11Im Deutschen werden mit dem Wort Manufakturen allgemein (vorindustrielle) gewerbliche Großbetriebe bezeichnet, in denen die Waren noch im Wesentlichen mit viel Handarbeit gefertigt werden, während in den Fabriken maschinell große Stückzahlen produziert werden. Die hier verwendeten englischen Ausdrücke gehen auf das Wort manufacture zurück: „making of articles, esp. in a factory etc.“ (Thompson 1998). Der manufacturer ist der Erzeuger oder Fabrikant (Messinger 1994).

12Am nächsten käme dem im Deutschen vielleicht die Erfindung/Einführung von Bekleidungstraditionen.

1. Die Uniform der Bourgeoisie