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Ein originelles Zeitbild mit viel Komik und schrulligen Figuren, wie wir sie alle kennen. Mit Sprachwitz und trockenem Humor porträtiert Bettina Gärtner den Mittvierziger Herrmann und sein Mittelschichtsleben zwischen Hauptstadt, Kleinstadt, Heimatgemeinde. In kaum einer Woche überschlagen sich Ereignisse beruflicher wie privater Art. In der Firma möchte der kränkelnde und eigentlich mit bescheidenen Ambitionen ausgestattete Herrmann gerne ein wenig die Karriereleiter hinaufsteigen, wogegen er die Weiterführung der Hundezucht seines unlängst verstorbenen Vaters als Last sieht. Damit aufhören? Aber was würde der Ort nur dazu sagen? Und dann drängen Menschen und Vorfälle aus der Vergangenheit als Unruhestifter in das Jetzt hinein. Allen voran Orban, ein Jugendfreund, der nach der »Friedhofssache« – aus der Gerüchteküche des Ortes nicht wegzudenken – für rund 30 Jahre nach England verschwunden war … Genauso eigenwillig wie diese Milieustudie ist, so schräg mutet auch die Entourage an der Seite des (Anti-)Helden an.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bettina Gärtner
HERRMANN
Roman
Literaturverlag Droschl
1
Treffen sich zwei Mittvierziger heimlich im Wald, das klang gedacht schon so albern, dass sich Herrmann auf den letzten Metern beinahe genierte.
Er rief die Hunde bei Fuß und machte sich zum Händedruck bereit, während Orban – wenn er’s denn war – die Arme öffnete und erst umschwenkte, als die Hunde knurrten.
Endlich waren die Hände geschüttelt, was Herrmann betraf, hatte sich darin auch Verlegenheit entladen. Er nahm den Herrn mit der schütteren Frisur in Augenschein, der aus Orban geworden war, nannte dreißig Jahre eine lange Zeit und fuhr sich nicht unzufrieden durchs eigene Haar.
Orban musterte einstweilen die Hunde: »Beißen die?«
»Bloß beruflich.«
»Zum Glück ist Feiertag.«
Jetzt strich Herrmann über die Köpfe der Tiere: »Außerdem seid ihr weisungsgebunden, nicht wahr?«
»Und wenn sie von sich aus angreifen?«
»Stoppe ich sie.«
»Wenn sie nicht gehorchen?« Hier verschränkte Orban die Arme, schaute in die Bäume, als Herrmann auf sein Gewehr deutete, und fand, der Wald habe sich in der langen Zeit doch besser entwickelt als der Ort, auch daraus wollte keine Unterhaltung werden.
2
»Machen wir ein paar Schritte?«
Nach rund drei Jahrzehnten gingen sie wieder zusammen los, von Knacken und Rascheln und allem begleitet, was sich für einen mitteleuropäischen Mischwald im Herbst sonst noch gehörte.
Von dem Revierunfall mit Todesfolge musste Orban erfahren haben, schließlich war es sein Revier, so gut wie jedenfalls, und Ausland hin oder her; so, wie er sich bald nach Herrmanns Mutter und Schwester erkundigte und den Vater aussparte, wusste er tatsächlich Bescheid. Er hatte sich Ungestörtheit gewünscht, warum nicht dort, wo sich schon ihr Abschied abgespielt hatte, im Büro am Schreibtisch hatte Herrmann die Vorstellung noch gefallen.
Der Hochstand als Treffpunkt war seine Idee gewesen, jetzt brachte er mit Mühe eine Antwort heraus: »Die kleine Lindi, wie du sie nennst, wird in ein paar Tagen vierzig, und meine Mutter kennst du ja. Für sie ist es am schwersten.« Worauf Orban so mitfühlend schaute, dass Herrmann der drohenden Berührung auswich, um dann lediglich gefragt zu werden: »Und, wie läuft es beruflich?«
Um die Wahrheit zu sagen, die Versuchung, einmal alles abzuladen, wurde so groß, dass Herrmann die Floskel kaum zurückhalten konnte. Zweiundzwanzig Jahre war er nun schon im Unternehmen, sein halbes Leben, hatte als Bereichsleiter eine Zeit lang sogar Personalverantwortung gehabt, vierte Managementebene, weiter kam ein Studienabbrecher nicht.
Dass er nicht klagen könne, er hörte sich antworten wie gewohnt, dann die Gegenfrage stellen: »Und was hast du hier beruflich vor?« An ein englisches Auslandsjahr hatte Orban sein Leben angehängt, in England die Schule und ein Studium beendet und eine Laufbahn im Bankwesen eingeschlagen. Seitdem galt er im Ort als Banker mit schillerndem Portfolio und keiner Zeit für nichts, nicht einmal für die eigene Mutter. Er hatte sie selten besucht und sich im Ort immer nur kurz blicken lassen, wenn überhaupt, dadurch war es Herrmann gelungen, ihm in all den Jahren nicht ein einziges Mal zu begegnen, und ihr den Müttern zuliebe begonnener Briefwechsel war spätestens mit der Digitalisierung versiegt, ohne dass einer die Mailadresse des anderen in Erfahrung hätte bringen wollen, bis zu Orbans erster Nachricht vor ein paar Wochen.
Regionale Kreditvergabe, glanzloser gehe es kaum, so viel hatte Orban schon im Zuge des Mailkontakts richtiggestellt, unter uns und im Vertrauen. Seit zwei Tagen war er wieder im Lande, laut Ort für immer, und obwohl er zweifellos so gern wie früher redete, kam jetzt nicht mehr als: »Du erfährst es als Erster.« Er wolle es langsam angehen, sagte er noch dazu, sein ausweichender Ton verriet, dass er wohl nur von der Arbeit angefangen hatte, damit nicht wieder geschwiegen wurde. Seit der jüngsten Bankenkrise gab es an einem Banker nichts mehr zu bewundern, die vielen halbfertigen Rohbauten in der Gegend erinnerten daran, das sagte Herrmann bloß zu sich. Er konnte ja nicht mitreden, wo immer er es versuchte, machte jemand ihm das klar, was weißt du schon, du Unkündbarer.
Als der Weg enger wurde, ging Herrmann voran, hätte sich, nur um die Hunde zu rufen, aber nicht unbedingt umdrehen müssen: Der Hochstand war noch nicht außer Sicht, ausgerechnet jetzt fiel ein Rest später Sonne auf die neue Leichtmetallleiter, die nicht brennen konnte und doch aufflammte. Sie konnte auch nicht morsch werden wie ihre Vorgängerin aus Holz, die er nun wieder knacken, splittern und brechen hörte, als herrsche im Wald Erinnerungszwang, um dann seinen Vater, den Revieraufseher und Hundezüchter und eine Zeit lang sogar Ortsvorsteher, vor sich auf den Waldboden fallen zu sehen.
Sobald der Weg es wieder zuließ, schloss Orban zu Herrmann auf und fing vom Heiraten an. Herrmann ging die Engländerinnen durch, denen er selbst schon begegnet war, und achtete darauf, Orban mit Zwischenfragen am Reden zu halten. Dem, als es Zeit wurde, sogar die alten Abschiedswörter wieder einfielen, runter von der Straße, Bruder, bis Gras über die Sache wächst. Der dann aber auf keinen Fall die Abkürzung nehmen wollte, er wisse noch, um wie viel länger die andere Strecke sei, danke, er wisse aber auch, dass alle wüssten, dass er wieder da sei, und wolle sich vorerst lieber nicht zeigen, weil halt immer noch alle von der Friedhofssache wüssten, die nun – da wohl genauso kein Geheimnis mehr sei, dass er bleiben wolle – munter ausgegraben werde, jedenfalls schaue die alte Haushälterin spöttischer als in den Vorjahren, und den Ort könne er schon von hier aus hören.
Orban deutete in Richtung Gemeindegebiet, Herrmann lachte. Der Ort war vor nunmehr bald dreißig Jahren zu dem Schluss gekommen, dass beim je nach Version Urinieren beziehungsweise Onanieren auf Marmor beziehungsweise Granit nicht einmal von Sachbeschädigung die Rede sein könne; Herrmanns Vater in seiner Eigenschaft als Ortsvorsteher hatte die Ansicht vertreten, er habe Wichtigeres zu tun, außerdem sei ein Fünfzehnjähriger für ihn nicht strafmündig, sondern ein Kind.
Orban lachte mit, blieb jedoch bei seiner Entscheidung, um sich dann – von Herrmann ermuntert – in einer weiteren Englandanekdote zu verlieren, während sie auf den richtigen von vielen vernachlässigten Waldpfaden abbogen und sich gegen die Übergriffe von Bäumen und Gestrüpp zur Wehr setzen mussten.
An der Abzweigung zu dem abgelegenen Anwesen, in das er nun doch und in der Absicht zurückgekehrt war, dort mit seiner Mutter und einer Engländerin zu leben, konnte der stets auch mit den Händen redende Orban Herrmann nur noch kurzatmig um Zurückhaltung in Sachen Engländerin bitten, seine Mutter müsse es von ihm erfahren.
3
Die Augenblicke, wenn die Vögel das Lärmen einstellten, hatten ihren eigenen Sound. Eben gingen unten im Ort die Lampen an, erst entlang der Hauptstraße, dann zum Feuerwehrhaus und zur Kirche hin, und auf der Bundesstraße leuchteten Scheinwerfer auf.
Das vom Nationalfeiertag verlängerte Wochenende näherte sich dem Ende. Herrmann betastete seine schmerzenden Nebenhöhlen und überlegte, ob er seinem Vorgesetzten nicht doch eine Nachricht mit Bitte um Rückruf, egal wann schicken sollte, als ihm sein Telefon eine meldete, sicher von seiner Schwester, die Mutter schrieb keine, vermutlich mit der Frage, wann er käme.
Die Geräusche der Hunde hatten sich im Wein verloren, bestimmt saßen sie längst vor der Haustür. Wenigstens ein Jahr ohne Wurf, für den Ort das Glück im Unglück, seitdem der Sohn den Zwinger des Vaters nebenher weiterführte, eine Aufgabe, die er mit Welpen nicht bewältigt hätte; notgedrungen und fürs Erste weiterführte, was er nie laut gesagt hätte, schon gar nicht vor seiner Mutter.
Fast, das kleine Wort, das der hiesige Gebrauchshund gern mit dem Kommando für Zugriff verwechselte, hatte Herrmann wie alle Hundezüchterkinder so früh zu vermeiden gelernt, dass er es nicht einmal mehr dachte. Selbst jetzt, wo Gedankenmassen in ihm abgingen wie eine – von Orbans Wiedereintritt in die Ortsatmosphäre ausgelöste – Lawine, waren ihm fürs Erste und notgedrungen daheim neulich umein Haar herausgerutscht.
Er spürte Zufriedenheit, Wiedereintritt in die Ortsatmosphäre, nicht übel eigentlich, das schöne Gefühl hielt nur nicht an. Gedankenlawine, das Wort passte nicht, höchstens das Sich-Überstürzen in seinem Kopf, dem es nun gefiel, Herrmann seine Frauenbekanntschaften der letzten zwei Jahre zu vergegenwärtigen. Die bei Zwinger so gut wie alle an Käfig dachten, wodurch er anfangs immer genug Gesprächsstoff hatte, weil Zwinger auch für Zuchtbetrieb stand und nahezu alle Frauen den Zwingernamen wahnsinnig poetisch fanden, vom Weinberg.
Lediglich seine neue Mitarbeiterin hatte ihn an einem ihrer langen Sommerabende im Büro nicht nur auf Anhieb verstanden, sondern etwas Fachkundiges zu sagen gewusst; im Stillen nannte er sie schon den ganzen Herbst das Fräulein anstatt beim Namen.
Es war an der Zeit für eine neue Partnerin, insgeheim gab er seiner Schwester ja recht. Er hätte bloß gern das Kennenlernen übersprungen und alles, was danach von ihm erwartet wurde, zartes Werben und kraftvolles Erobern, große Aufmerksamkeiten und kleine, stets erraten und erfühlen und ja nicht nachlassen. Er wurde müde, wenn er nur daran dachte, hätte sich am liebsten hingelegt, gleich hier, zwischen den Wein. Stattdessen knöpfte er die Jagdweste zu, schob den Daumen unter den Gewehrriemen und schaute über die von Weitem so putzigen Häuser, in denen jetzt die Lichter angingen, eins und noch eins, dann drei, vier, fünf und der Rest, wie Popcorn, das platzt.
Er wollte wie die Hunde abseits der Wege nach unten, beeilte sich besser, bevor er gar nichts mehr sah; die Abhänge waren steil und die Weinstöcke seines Cousins bildeten ein enges Spalier, er musste aufpassen, wo er hintrat.
4
Am Morgen verließ er sein Haus im Anzug und mit dem Gefühl, die Krawatte schnüre ihm die Luft ab, dabei saß der Knoten noch so halsfern wie immer um die Zeit.
Da er gegenüber seines Elternhauses wohnte, konnte er die Hunde auf die andere Seite schicken und seiner Mutter beim Einsteigen in sein Auto zurufen: »Ich bin heute früher dran, ja …Wie bitte? Die Arbeit, ja, was täten sie ohne mich, genau … Mutti, ich muss, die Schnellbahn wartet nicht … Bis heute Abend, ja.«
An der Ortsausfahrt begann er in seiner Vorstellung, die alte Repetierbüchse seines Vaters zu reinigen, und übte so lange Zerlegen und Zusammensetzen, bis er auf die vierspurige Bundesstraße abbog. Er näherte sich im Rahmen des Tempolimits der Bezirkshauptstadt, in Gedanken fuhr er, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen, in die Bundeshauptstadt, ging dort mit den in einer Sporttasche verborgenen Büchsenteilen in die Verwaltungszentrale, setzte die Waffe in der Abteilung wieder zusammen, lud durch, löschte das Licht und wartete auf das Fräulein, das es genauso nur in seiner Fantasie geben durfte.
Würde er seine Mitarbeiterin so ansprechen, würde sie ihn verwarnen und ihn im Wiederholungsfall der Genderbeauftragten melden. Während er ihr auflauerte, stellte er sein Auto in anhaltender Hochstimmung in der Park-and-Ride-Anlage am Bahnhof der Bezirkshauptstadt ab, drehte eine Zigarette und trat sie beim Einfahren der Schnellbahn halbgeraucht aus, hob sie auf und warf sie in den Abfallbehälter unter dem Umgebungsplan.
Die Zugtüren machten pffft, zugleich betrat jemand das dunkle Büro in seinem Kopf. Ob es seine Mitarbeiterin war, erfuhr er nicht mehr, als in seinem Kopf das Licht anging, brach die Fantasie ab und die Hochstimmung schlug ins Gegenteil um; beim Einsteigen spürte er im Brustraum einen heißen kleinen Stich und musste sich abstützen.
Er war froh, den unangenehm hellen Waggon für sich zu haben, wählte seinen Platz und verteilte Schal, Tasche und Kurzmantel auf die umliegenden Sitze. Beim Aufklappen des Laptops erschien das Gesicht von Rieke, von der er seit zwei Jahren getrennt war. Mit dem Vorsatz, endlich den Bildschirmhintergrund zu ändern, führte er den Mauszeiger über ihre Nase und ihren Mund. Als die Schnellbahn anfuhr, stemmte er die Beine in den Boden, betrachtete sich in den Scheiben und schüttelte den Kopf in der Absicht, die Haare zu ordnen. Dreizehn Stationen in vierzig Minuten, nach zweiundzwanzig Jahren hörte er keine Durchsagen mehr; an der Stadtgrenze füllte sich der Waggon, und er räumte Tasche, Schal und Kurzmantel von den Sitzen.
Myokarditis
Herzmuskelentzündung; bei Perimyokarditis ist auch der Herzbeutel von der Entzündung betroffen.
Unterscheidung:
– infektiöse Myokarditis, die bei einer Infektion mit Bakterien, Viren, Protozoen, Parasiten oder Pilzen (bei Abwehrschwäche) auftreten kann
– nichtinfektiöse Myokarditis, die im Rahmen einer Systemerkrankung (rheumatoide Arthritis, Kollagenosen, Vaskulitiden) oder nach Bestrahlung sowie durch Drogen- oder Medikamenteneinnahme auftreten kann
Für 50 Prozent aller Herzmuskelentzündungen sind Viren verantwortlich, die bei einer zunächst harmlosen Erkältungskrankheit den Herzmuskel schädigen können.
Symptome:
Schwäche, Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen und Kurzatmigkeit sind typische, jedoch sehr unspezifische Symptome, da sie auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Häufig kommt es auch zu Herzrasen, -stolpern, -klopfen oder -schmerzen. Einer Virusmyokarditis geht oft ein bis zwei Wochen vor den Herzbeschwerden ein Atemwegsinfekt voraus.
Verlauf:
– In Folge der Herzmuskelentzündung kann es zu unterschiedlich ausgeprägten Störungen der Pumpfunktion kommen.
– Meistens verläuft die Entzündung unbemerkt oder ruft grippeartige Erscheinungen hervor. In diesen Fällen äußert sich die Myokarditis oft nur in geringen Änderungen im EKG bzw. in Rhythmusstörungen sowie in Veränderungen verschiedener Laborparameter. In den meisten Fällen heilt sie folgenlos ab.
– Manchmal bleibt jedoch eine reduzierte Pumpfunktion bestehen.
– Selten kann eine Myokarditis akut (innerhalb von Tagen bis Wochen) zu tödlichem Herzversagen führen.
5
Seit der Umstrukturierung wieder auf dritter Managementebene hatte sich Herrmann in der Nacht auch wegen des Berichts gewälzt, den der Vorgesetzte Freitagmittag in Auftrag gegeben hatte, via iPad und ohne danach erreichbar zu sein.
Wegen des Berichts hatte er heute zeitiger anfangen wollen, nur um tatenlos durch den lang gestreckten Raum zu schauen, in dem die kleine Abteilung, die er nun leitete, ihren Aufgaben nachkam.
Die sechs Computerarbeitsplätze, der ovale Besprechungstisch und der halbhohe, halbtransparente Raumteiler zwischen Begegnungszone und Kitchenette entsprachen bis ins Kleinste der Ausstattung des Büros seiner frühmorgendlichen Fantasie, und er sorgte sich ernsthaft um seine Geistesgegenwart, seit er zuvor die Sporttasche vermisst und erst in der Kitchenette zu sich selbst gesagt hatte: »Du suchst hier nicht wirklich nach der Sporttasche«, um dann in einer Geschwindigkeit zu seinem Schreibtisch zurückzukehren, als könne der klare Herrmann den irren so noch abhängen.
Dass alles hier dem Tatort aus seinen Gedanken glich, ließ sich aber so wenig abschütteln wie der Umstand, dass seine Mitarbeiterin wirklich die Erste war. Er zog die Krawatte zurecht und schob die Taschentücher in die Schreibtischlade; offizieller Arbeitsbeginn war in einer halben Stunde, Celine erschrak entsprechend, als sie ihn bemerkte. Er konnte sehen, wie sie sich zusammennahm, parierte ihr »Wie geht’s?« knapp und, wie er fand, souverän, während sie seine Frage mit einem Gähnen beantwortete und betonte Müdigkeitslaute in Lachen übergehen ließ.
Die Genderbeauftragte, an die sie sich wenden würde, war zugleich die Mobbingbeauftragte, an die er sich wenden wollte, zumindest dachte er eben wieder daran. Manchmal, wenn er zu lange lächelte, vergaß er zu atmen. Dabei hätte er gar nicht mehr lächeln müssen, Celine hantierte bereits in der Kitchenette, um die Abteilung danach wieder zu verlassen, mit ihrer Handtasche unterm Arm.
Interne Kommunikation, Corporate Communications und Marketing teilten sich die WC-Anlagen auf dem Gang zwischen Getränkeautomat und Lift. Im Materialraum am Ende des Ganges war der Hausgrafiker untergebracht. Den Hausgrafiker teilten sich Interne Kommunikation, Corporate Communications und Marketing für Jobs, die sie nicht extern vergeben durften. Neben Herrmann galt der Hausgrafiker als Einziger, der noch mit denen von der Hausdruckerei konnte. In der Hausdruckerei im Keller der denkmalgeschützten Verwaltungszentrale des vor der Jahrtausendwende zur Aktiengesellschaft verjüngten Unternehmens arbeiteten vor allem Unkündbare; im Keller in der Überzahl, sank ihr Anteil mit jeder Etage. Der Hausgrafiker und Herrmann waren nur noch Angehörige einer Minderheit, zu der allerdings auch der Vorgesetzte zählte, der in der gesamten vierten Etage das Sagen hatte.
Die stets und allseits zuvorkommende Celine hatte den Hausgrafiker anfangs hin und wieder im Materialraum besucht. Nach einem Jahr in der Internen Kommunikation kamen ihre Freunde eher aus Corporate Communications und Marketing, sogar aus der Human Resources in der fünften, zudem ging seit September das Gerücht, sie habe im Sommer mit einem aus der obersten Beachvolleyball gespielt.
6
Die vier Kollegen kamen pünktlich um acht. Vier Coffee-to-go-Becher, vier gleich lautende Rufe, auf die Herrmann, ohne aufzusehen, ein Mal »Guten Morgen« sagte.
Auf dem Boden seines eigenen Bechers war noch etwas von der Zuckermasse, die er in unbeobachteten Momenten gern herauskratzte; er drückte den Becher zusammen und ließ ihn in den Papierkorb fallen. Als kurz darauf der Zusteller für die Hauspost zur Tür hereinkam, war Celine noch nicht wieder zurück. Wovon sich der Zusteller zunächst überzeugte, um dann seinen Handwagen an Herrmanns Schreibtisch heranzuschieben und auf den von Celine zu deuten, bevor er ihr ein Bündel interner Unterlagen hinlegte und leise auf Herrmann einzureden begann, der den Zusteller bald ebenso leise unterbrach: »Wieso will sie dich plötzlich keine internen Unterlagen mehr austeilen lassen? Fehlerquote, so ein Unsinn …« Um dann lächelnd die Kiefer zu spannen und nur noch in Gedanken weiterzureden − … außerdem, was das Fräulein für richtig hält, hat es nicht dir anzuweisen, sondern mit mir zu klären. Sollte ich für richtig halten, was das Fräulein für richtig hält, weise ich es ihm entweder an, oder ich weise es an, es in meinem Namen anzuweisen oder eben nichts von beidem, das ist immer noch meine Abteilung, ich bin der Leiter … − und dem Zusteller schließlich zu versichern, dass es sich um ein Missverständnis handeln müsse. »Hmmm«, machte der Zusteller, schaute zur Tür und auf die Kollegen, bevor er noch einen einzelnen Umschlag vom Handwagen nahm. Herrmann erkannte den Betriebsmedizinischen Dienst als Absender, bedankte sich und verbarg das von Hand mit seinem Vor- und Zunamen beschriftete Kuvert in der Lade, um danach mit Seitenblick auf Celines Schreibtisch zu sagen, dass sich alles klären werde. Der Zusteller machte wieder bloß »Hmmm« und schob den Wagen, den er ebenso gut auf dem Gang hätte stehen lassen können, in Richtung Tür.
Für Herrmann bestand die Kunst der Unkündbaren der unteren Ebenen darin, gründlich, aber nicht langsam zu arbeiten. Wer überflüssig wirkte, fand sich früher oder später im Bereitschaftszimmer neben der Portierloge wieder, wo viele ältere Unkündbare, darunter auch der Zusteller für die Hauspost, in der Regel bis Dienstschluss warteten, ob jemand im Gebäude sie brauchen würde.
Er begann Nachrichten zu sichten, so gut wie jede betraf die Aktion Gesundheitsplus für Beschäftigte 40plus. Eine nachhaltige Veränderung des Lebensstils brauche Verständnis, Unterstützung, Rückhalt, darin waren sich Unternehmen und Agentur einig gewesen. Die Agentur hatte zu kompromisslosem Branding geraten, online wie offline, dadurch hatte es der farbenfrohe Schriftzug bis auf die Umschläge aus der Betriebsmedizin geschafft.
Mit der ersten Vorsorgeaktion für Beschäftigte ab dem vollendeten vierzigsten Lebensjahr hatte das Unternehmen neue Maßstäbe setzen wollen und Herrmanns Team mit Celine verstärkt, auf Basis eines befristeten All-in-Vertrages mit Aussicht auf Verlängerung. Die Vorbereitungen hatten die Abteilung über Monate in Atem gehalten: Neben den fünf internen Berichtsebenen waren unterschiedlichste Interessensvertretungen und -gemeinschaften miteinzubeziehen gewesen, die staatliche Kommission für Arbeitsmedizin, die eigene Human Resources-Abteilung und natürlich der Vorstand.
Rieke war auch im Büro noch Herrmanns Hintergrund, wiewohl nur klein und von hinten in einer Landschaft über drei Monitore; heute konnte er sie mit der sechsunddreißig Einzeldateien umfassenden Vorauswahl maßgeblicher konzeptueller und gestalterischer Entwicklungsschritte unsichtbar machen. Freitagmittag, nach Einlangen des Mails des Vorgesetzten mit der Bitte um ein Reporting, mit dem er sich kommende Woche im Ministerium blicken lassen könne, hatte Herrmann die Agentur um die Zusammenstellung gebeten. Die nette Praktikantin hatte sie ihm am Wochenende in die Projekt-Cloud geladen, mit vielen lieben Grüßen, auch vom Junior Creative Director.
Neben den sechsunddreißig Einzeldateien hatte er zahlreiche Mails offen, darunter seine Antwort an den Vorgesetzten mit Ersuchen um Präzisierung in Sachen Handouts und Deadline, kommende Woche könne alles heißen. Der Vorgesetzte wünschte sich griffige Visualisierung und der Hausgrafiker würde auf Verdacht beginnen müssen, also trug Herrmann die Abteilungsbesprechung – das Meeting nach Tisch – auch noch in dessen Terminplaner ein und benutzte in seinem Begleitmail Ausdrücke wie in letzter Sekunde und zusammenschustern.
7
Er selber würde die Protokolle eines ganzen Jahres auswerten, alles hochrechnen und danach herunterbrechen müssen. Während er übertrug und vermerkte, zusammenkopierte und formatierte, überlegte er, wie lange der Vorgesetzte nicht mehr als ein entfernter Kollege und ewig künftiger Freund namens Bodo gewesen war, der unermüdlich private Treffen vereinbarte und zuverlässig wieder absagte.
Als eine Verabredung erstmals zustande kam, hatte er nicht geahnt, dass seine Zeit als Bereichsleiter vorbei war, fragte sich auch jetzt wieder, was Bodo, der seine Einladung bekräftigt hatte, statt sie zu verschieben, an ihrem gemeinsamen Bootsnachmittag bereits gewusst hatte.
Davor hatte ihn die Aussicht auf Unkündbarkeit zunächst durch die unsicheren ersten Jahre im Unternehmen getragen, in dem es zu der Zeit noch ein wenig so zugegangen war wie in den Arztserien, die seine Mutter beim Kochen schaute. Wenn der Zivildiener die Oberärztin oder die Oberärztin den Zivildiener küssend ins nächste leere Krankenzimmer drängte, war er nicht ungern in der Küche sitzen geblieben.
Er hätte selber gern Zivildienst gemacht, nur war das für den Sohn eines angesehenen Jagdhundezüchters und Revieraufsehers so undenkbar wie das Zurücklegen des Jagdscheins oder ein Austritt aus der Freiwilligen Feuerwehr. Nach dem Grundwehrdienst und zwei durchwachsenen Betriebswirtschaftsjahren, in denen es dafür mit der Bundeshauptstadt so gut lief, dass er zwar weiter zu Hause wohnte, jedoch nur selten daheim schlief, hatte sein Vater eines Tages einen Posten für ihn, auf Lebenszeit, davon träumen andere nur. Mitteilungen von Tragweite wurden stets sonntags gemacht, weshalb auch seine Schwester noch zu hören bekam, dass sich ein normaler junger Mensch jeden Finger einzeln ablecken würde. Sie musste erst nach dem Mittagessen los, mit ihrer Ach-und-Krach-Matura und jener Aufbruchsstimmung im Gepäck, die ihrem Bruder an diesem Sonntag abhandengekommen war. Er hatte sie zum Flughafen gebracht und schwer ertragen, weil sie sich benahm, als habe sie das freie Leben erfunden, während er sich lebendig begraben lasse. Ob sie bei ihm bleiben solle? Ein Wort von ihm genüge. So war sie nur, wenn sie etwas geraucht hatte.
Während seine Schwester reiste, trat Herrmann im Verteilerzentrum im nördlichsten Flächenbezirk der Bundeshauptstadt seine berufliche Laufbahn an. Er verlor seine Studienfreunde aus den Augen und lernte Bodo kennen, stellte den abgeleisteten Präsenzdienst und das abgebrochene Studium als Gemeinsamkeiten fest und ließ sich von Bodos Leidenschaft für Transferkontrollprotokolle und Programmiersprachen anstecken.
Er verlor auch Bodo aus den Augen und traf ihn als in der Absatzförderung beschäftigter Angestellter wieder. An unterschiedlichen Dienstorten und noch weit entfernt von jeglicher Leitungsfunktion wählten sie so oft dieselbe Fortbildungsmaßnahme – Teambuilding, Leadership und andere Soft Skills –, dass die Erneuerung der Feststellung, viel gemeinsam zu haben, unvermeidlich war. Den Studienabschluss nachholen zu wollen war die nächste Übereinstimmung, mit dem Unterschied, dass Herrmanns Eifer im Zuge der Vorbereitungen zum Erliegen kam.
Dafür wurde eines Tages die Verwaltungszentrale in der Inneren Stadt sein Dienstort, während der in der Logistik tätige Bodo weiter im Verteilerzentrum am Stadtrand festsaß und nach vier Jahren Abendstudium wieder jede Gelegenheit für einen Besuch in der Verwaltungszentrale nutzte, um über Staus auf der Stadtautobahn und Gerüche in der U-Bahn oder seine Ehe zu klagen.
Herrmann begann, ihm aus dem Weg zu gehen. Er wollte nicht mehr auf den Abschluss angesprochen werden, den der andere in der Tasche hatte, während er mit seinem Vater an den Abenden und Wochenenden weiter das kleine Gehöft gegenüber seines Elternhauses instand setzte oder sich im Ort um Rechner, Modems und Anschlüsse kümmerte; erst die Beförderung zum Bereichsleiter entspannte ihn wieder so weit, dass er darüber witzeln konnte. Etwa so vergingen die Jahre zwischen der Überzeugung, es gehöre einem die Welt, und der Frage, ob das schon alles gewesen sein konnte. Herrmann übersiedelte mit den Hunden seines Vaters auf die andere Straßenseite, kam mit Rieke zusammen und wartete ab, ob sie mit ihm würde leben wollen, mit der Unverbindlichkeit insgeheim nicht unzufrieden.
Nicht lange nach dem Bootsnachmittag setzte ihn das Vorstandsmitglied mit der Stirnfalte über die anstehenden Veränderungen in Kenntnis. Besonders in seinem, Herrmanns, Bereich könne kaum ein Stein auf dem anderen bleiben, die zugegeben beachtlichen Anstrengungen unter seiner Federführung hielten den Paradigmenwechsel nun einmal nicht auf, Sie kennen die Zahlen selbst am besten, Herrmann. Gegenwärtig wisse keiner, wohin der Weg des Unternehmens führe, natürlich in die Zukunft, die Frage sei nur, welche. Jedenfalls werde er, Herrmann, sowohl im Schulterschluss mit der Beraterriege als auch in der Interaktion mit seinen Mitarbeitern gefordert sein. Ihr, also der Riege, schwebe ein gemeinsames Ärmelhochkrempeln vor, ein Kick-off-Event sei ebenfalls angedacht, in Absprache mit den Personalvertretern und in aller Einfühlsamkeit, da es auf der Ebene klarerweise genauso zu Optimierungen kommen müsse. Zudem sei ein Programm für Führungskräfte vorgesehen, die sich aber ihrerseits warm anziehen müssten, was in Zeiten wie diesen allen zwanzigtausend Beschäftigten anzuraten sei, das Vorstandsmitglied zog die Schultern zusammen und machte brrr.
Unten im Bereitschaftszimmer hieß die Vorstandsetage Soziopathenstockwerk. Als Bereichsleiter hatte Herrmann bisher, wenn überhaupt, mit dem gesamten Vorstand zu tun gehabt, nun war er mit dessen unberechenbarstem, als Franjo bekannten Mitglied erstmals allein in einem Termin. Das laut Zusteller seine gesamte Schulzeit auf einem entlegenen Institut zugebracht hatte und in Wahrheit Franz hieß. Der Zusteller, der über alle etwas wusste und quer über die Etagen die ausgelesenen Fachmagazine einsammelte, kannte auch immer alle Management-, Finanz- und sonstigen Trends. Er hatte als einer der ersten aus einer Studie zitiert, die die überdurchschnittliche Häufung ausgeprägter narzisstischer beziehungsweise psychopathischer Störungen in Führungspositionen und Chefetagen belegte, um dem Vorstandsmitglied mit der Stirnfalte danach widerwillig eine schwierige Kindheit zuzugestehen.
Das Vorstandsmitglied machte noch mehrmals brrr, lotste Herrmann dabei hinaus und versicherte ihm, dass Verschwiegenheit bis auf Weiteres seine gefragteste Tugend sein werde. Der Rest sei Timing und werde sich finden, Change eben, einer wie er brauche sich ja ohnehin keinen Kopf zu machen.
Während Herrmann und sein Bereich ungewisse Wochen bei Baulärm, Stromausfällen und Wasserschäden überstanden, nahm eine Etage höher das neue Epizentrum informationstechnologiebasierter Corporate Culture Gestalt an, wurde strukturell und räumlich mit Vertrieb, Personalabteilung und Geschäftsfeldentwicklung verzahnt, ab sofort bitte nur noch Sales, Human Resources und Business Development.
Bodo war in der gesamten Bauzeit kein einziges Mal vorbeigekommen. Herrmann, der ihn seit dem Bootsnachmittag weder gesehen noch gesprochen hatte, war von seinem Antrittsbesuch als Leiter des neuen Superbereichs entsprechend verblüfft, hatte ihn zwischen Skepsis und Freude schwankend letztlich doch beglückwünschen können.
Umgebaut wurde von oben nach unten, Herrmanns Bereich kam als nächster an die Reihe, ohne dass es Klarheit gegeben hätte. Als sie sich einstellte und die Auflösung seines Bereichs zum Inhalt hatte, hätte er sich am liebsten auf den neuen Superbereichsleiter gestürzt. Doch er konnte Bodo nichts nachweisen, und Enttäuschung war ebenfalls kein Hard Fact.
Seine Mitarbeiter wurden auf andere Standorte verteilt, er selbst verbrachte ungewisse Wochen im Bereitschaftszimmer neben der Portierloge, zusammen mit dem Leiter der Kreativabteilung, heute der Hausgrafiker. Laut Personalabteilung – ab sofort wie gesagt bitte nur noch Human Resources – sei allen an einer angemessenen Lösung gelegen, mit Betonung auf angemessen. Der Hausgrafiker wurde in die erste von vielen Fortbildungen entsandt, während Herrmann weiter nur herumsaß. Bis Human Resources ihn zum Gespräch baten, ihm nahelegten, Resturlaub und Überstunden abzubauen und ihm einen schönen Sommer wünschten.
Zur Halbzeit dieses schönen Sommers rief Bodo an, ob er sich die Interne Kommunikation für sich vorstellen könne? Der Anruf erreichte Herrmann hinterm Steuer in England, wo er für seinen Vater einen Welpen abgeliefert und eine Rundreise mit Rieke angehängt hatte. Im Linksverkehr konnte er nicht so einfach Zigaretten drehen und über die Zukunft nachdenken, geschweige denn darüber reden. Die Interne Kommunikation wurde eher aus Höflichkeit Abteilung genannt, aber Bodo war taktvoll gewesen, und Herrmann stellte sich unangenehmere Chefs vor als ihn. Er hatte keine Wahl, dennoch bat er um Bedenkzeit.
Wann immer er sich den Verlauf seiner Degradierung vor Augen führte – die schon wieder vier Jahre zurücklag –, landete er am Rand jener englischen Klippe, wo aus Bodo sein Vorgesetzter geworden war und der Anfang vom Ende mit Rieke begonnen hatte, beides innerhalb einer stürmischen halben Stunde. Ihr zuliebe war er rechts rangefahren, eigentlich ja links, aber ihr war nicht nach Spitzfindigkeiten gewesen, und der starke Wind hatte ihm das Telefonieren genauso erschwert wie das Gespräch zwischen Mann und Frau. Am Rand jener Steilküste, deren Name ihm nicht mehr einfiel, hatten sie ihre Entscheidungen wie so oft auf später verschoben, danach hatte er Bodo zurückgerufen und zugesagt.
8
In seinem Posteingang fanden sich nun auch andere Nachrichten, etwa das Wochenmenü aus der Kantine mit herzlichem Dank für seine Essenswünsche bis zehn Uhr oder eine Termininfo der Betriebsärztin: Sein Befund sei in der Hauspost, Besprechung morgen, laut Kalender sei er ab sechzehn Uhr frei, bis dann, Andrea. Er las noch mehrmals ihren Namen, bevor er sich neu einloggte und Mittwoch von sechzehn bis siebzehn Uhr als privat markierte.
Celine war wieder zurück und unterhielt sich in der Begegnungszone mit den Kollegen; verlängerte Wochenenden zu besprechen dauerte. Der Geräuschpegel stieg, jeder konnte jeden sehen, nur die Bildschirme – drei pro Schreibtisch – boten einen gewissen Schutz. Das Einraumkonzept war sein Einfall gewesen, während er Celines Bewegungen durch die Lücken zwischen den Bildschirmen verfolgte, verfluchte er sich dafür. Eben verschwand sie noch einmal hinter dem Raumteiler, kam mit dem Abteilungstablett wieder hervor. Die Handtasche hing nun in ihrer Armbeuge, und die Gerüche von Kaffee und Zucker eilten ihr voraus. Er ließ sie herankommen, wollte ihr das Tablett abnehmen, worauf sie, ohne es loszulassen, die Augen auf sein Haar richtete, weswegen er, ohne nachzudenken, die Hände an den Kopf hob und zu ertasten versuchte, was da oben anscheinend nicht in Ordnung war, und ihr nur noch zusehen konnte, wie sie mit dem Tablett das Unterlagenbündel auf ihrem Schreibtisch in Richtung Kante drängte, bis es neben dem Papierkorb zu Boden fiel.
Er befürchtete längst, sie bediene ihn nur, um es später gegen ihn zu verwenden, aber sie ließ es sich nicht nehmen − buchstäblich, fast jeden Morgen kam es zum Tauziehen zwischen ihnen. Just als sie ihm Teller und Tasse hinstellte, ging eine Nachricht des Vorgesetzen ein, C gestern kontaktet, sie wird dich updaten, wieder via iPad; besagte C, Celine also, las unbekümmert mit und fing ebenso unbeschwert zu reden an, während er lächelte und zu atmen vergaß, endgültig überzeugt, dass sie gegen ihn intrigierte. Wieso fegte er in Gedanken jetzt aber schon wieder seinen Schreibtisch leer und zeigte ihr − zeigte ihr, wo der Bartl den Most herholt?
Wie der Hase läuft, hätte Rieke gesagt. Vor vierundzwanzig Monaten und siebzehn Tagen hatte sie gesagt: »Lass uns Freunde bleiben.« Nach neun Jahren war eine Fernbeziehung plötzlich nichts mehr für sie gewesen. Er hatte Funkstille vorgezogen, doch dann war sie im Mai zur Beerdigung seines Vaters gekommen. Seine Mutter war so erleichtert gewesen, sie zu sehen, dass er ihr schließlich wortlos half, sich in dem unangetastet gebliebenen psychedelisch-buddhistischen Mischmasch des Zimmers seiner Schwester zurechtzufinden, und sich nach ihrer Abreise schriftlich für ihr Kommen bedankte. Worauf sie wieder in seinem Zuchtblog zu posten begann, anscheinend waren sie also jetzt Freunde.
Als Celine zu reden aufhörte, kroch der Schoner bereits wieder über die Bildschirme. Er wusste nicht, was er sagen sollte, hatte nicht zugehört. Augenkontakt war auch schwierig, wie so oft berührten ihn seine Fantasien im Nachhinein unangenehm. Am besten biss er vom Kuchen ab und trank vom Espresso – zu hastig, in den italienischen Bars verschluckte sich doch nie einer, fehlte nur noch, dass sie ihm auf den Rücken klopfte. Sie bot aber lediglich an, ein Glas Wasser zu holen, schlug im selben Atemzug vor, die Ablaufplanung zu übernehmen; für das Meeting nach Tisch, Herrmann werde doch sicher gleich zum Hausgrafiker wollen. Er nickte hustend, war mit allem einverstanden, wenn sie nur hinter ihre Bildschirme verschwand. Dabei machte sie einen Bogen um das Unterlagenbündel, das der Zusteller für die Hauspost wieder so säuberlich über Kreuz verschnürt hatte; der dünne braune Bindfaden hatte auf einmal etwas so Armseliges, dass Herrmann wegschauen musste.
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Er hatte vergessen, auf Vibrieren zu schalten, und plötzlich war ihm sein Klingelton peinlich, aber Anrufe ins Leere laufen zu lassen, fand er besser als sie wegzudrücken. Um zu wissen, was seine Schwester von ihm wollte, brauchte er nur ihre dem Anruf vorausgegangene Textnachricht zu lesen: Wie er wisse, sei das Druckerpapier aus, soviel sie wisse, könne er in der Firma gelegentlich ein, zwei Packungen abzweigen.
Seine Schwester, für den Ort bis heute die kleine Lindi, hieß eigentlich Gerlinde, fand aber, Gerlinde klinge überhaupt nicht nach ihr. Sie studierte nun bald zwanzig Jahre Kulturanthropologie, erst unlängst war der alte Professor gestorben, der ihre Abschlussarbeit hätte betreuen sollen. Ihr mindestens so alter Freund war Kletterer und Tourengeher, die Sorte ohne Körperfett, die ihrem Bruder besonders zuwider war. Als wäre die Beziehung nicht schon genug, arbeitete sie außerdem im Reisebüro ihres Freundes, war Reiseleiterin und packte mit an, seit fünfzehn Jahren ein besserer Studentenjob. Gegen den anfangs auch niemand etwas gehabt hatte, selbst ihr Vater nicht, der nicht verstand, warum sie so weit weg sein wollte, daheim ist es doch schön, und noch weniger damit zurechtkam, dass der Dauerfreund und Arbeitgeber seiner Tochter in seinem Alter war. Am ersten Mai, als die Ansitzleiter unter ihm nachgegeben hatte, war Lindi in Bhutan gewesen und hatte so auch sein Begräbnis versäumt. Danach hatten sich Freund und Job als weiteres Glück im Unglück erwiesen, weil sie mit Internet und Telefon von überall Reisen vorbereiten und deswegen bei der Mutter bleiben konnte, in ihrem alten Zimmer schlief und dort auch den Großteil ihrer Arbeit für das Reisebüro erledigte. Sie war auf einen Monat eingestellt gewesen, nun war der sechste bald vorbei, da die Mutter aber nach wie vor krank vor Kummer war, überließ sie ihre Reiseleitungen weiter den Kollegen und ging zum Ausdrucken zu ihrem Bruder, musste dafür ja nur über die Straße.
Als er gestern aus dem Wald gekommen war, hatte sie ihn mit einem Stapel Ausdrucke in seinem Wohnzimmer erwartet und grußlos gefragt, ob er sich mit dem Orban getroffen habe? In dem Ton, in dem sie anderen gern Verfehlungen unterstellte. Um dann in Richtung Home Office zu schauen, anklagend, er kannte den Blick. »Wenn du es eh weißt«, hatte er geantwortet, um am Waffenschrank auf ihre Frage, ob der Orban englisch ausschaue, gesagt: »Wenn du mir sagst, wie englisch Ausschauen ausschaut?«, und das Gewehr, das wieder nur Tarnung gewesen war, an seinen Platz neben der alten Repetierbüchse des Vaters gestellt. Ob der Orban eine Frau oder so habe, auf die Frage hatte er sich eine Antwort überlegen müssen und getan, als mache der Schlüssel Probleme, um dann zu sagen: »Das wüssten wir doch längst.«
Nachdem sie in seinem Ohrensessel zu der Einsicht gelangt war, dass im Fall einer Frau der ganze Ort Bescheid wüsste, erkundigte sie sich, ob der Orban nach ihr gefragt habe, erinnerte sich, während ihr Bruder den Schlüssel zum Waffenschrank zweimal drehte und ihn zwischen die Fernbedienungen in der Schuhschachtel im Regal über dem Fernseher legte, bereits wieder laut, den Orban eigentlich schon immer herzig gefunden zu haben. Ob er glaube, dass sie ihn wieder herzig finden werde? Mit vierzig findet man niemanden mehr herzig, auch jetzt wünschte er wieder, er hätte eine andere Antwort gehabt. Seine Schwester hatte das Thema gewechselt, ausgerechnet mit ihm über die Friedhofssache plaudern wollen, obwohl sie den ganzen Ort zum Reden hätte haben können. Abgesehen von ihrer Mutter natürlich, die diejenige gewesen war, die Orban beim je nach Version Urinieren beziehungsweise Onanieren auf Marmor beziehungsweise Granit überrascht hatte, bald darauf hatte sich Orban für das Auslandsjahr entschieden.
Herrmann, von Lindis Ausdrucken an die neue Arbeitswoche erinnert, war ungehalten geworden: »Ich frage mich, wieso Orban dich so beschäftigt? Du bist eh bald wieder weg, sagst du immer. Eigentlich bist du schon gar nicht mehr da, sagst du immer. Wieso sagst du das eigentlich immer und bist immer noch da?«
Statt darauf einzugehen, hatte sie die Ärmel des orangefarbenen Kapuzensweaters gerichtet, den er von einer anderen, weiteren Reise im Dienste des Zwingers mitgebracht und seinem Vater überlassen hatte. Der ihn im Haus auch gern getragen und nach jedem Waschen aus dem Schrank für ausgemusterte Kleidung hervorgeholt hatte; nun hatte Lindi den Sweater entdeckt und durch Aufrollen der Ärmel für sich passend gemacht.
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»Herrmann?« Celine stand schon wieder hinter ihm. Die Ablaufplanung sei längst in seinem Posteingang, ob er inzwischen Zeit gefunden habe? Sie könne das Meeting sonst noch schnell verschieben, bevor sie zu Tisch gehe. Neben ihr wartete der Kollege, mit dem sie in letzter Zeit so oft zu Mittag aß, Herrmann glaubte aber nicht, dass sie etwas mit ihm hatte; er tippte auf den Vorgesetzten, den er wann eigentlich zuletzt lebend gesehen oder wenigstens gehört hatte? Celine konnte er schlecht auf ihn ansprechen, nahm sich vor, den Zusteller für die Hauspost zu fragen.
Die drei anderen Kollegen rotteten sich an der Tür zusammen, auf dreimal »Mahlzeit« sagte Herrmann einmal »Mahlzeit«. Endlich konnte er wieder durch den lang gestreckten Raum schauen, dabei fiel sein Blick auf das Unterlagenbündel; er zögerte, bückte sich schließlich doch, wovon ihm so schwindlig wurde, dass er sich an der Tischkante festhalten musste, auf Augenhöhe mit dem Papierkorb verursachte ihm der Geruch aus dem Kaffeebecher Brechreiz. Er konnte sich aufrichten, das Bündel auf Celines Schreibtisch legen und den Drang bekämpfen, ihre Laden zu durchsuchen, setzte sich wieder hin und drückte eine Kurzwahltaste.
»Ja, bitte?« Die unbekannte Stimme klang jung. Er nannte Namen und Abteilung und verlangte den Betriebsleiter. »Leider zur Kur.« »Dann den Stellvertreter.« »Leider erkrankt. Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen?« Immerhin proaktiv, dachte er, umriss sein Anliegen − fünfzig Handouts à hundert Seiten bis Donnerstag vierzehn Uhr, Produktionsdateien nicht vor Donnerstag elf Uhr, Gesamtanmutung auf Vorstandsniveau − und verlangte einen Termin, »am besten sofort.« »Ich trau es mich fast nicht sagen, aber die Herren sind alle bei Tisch. Kann ich etwas ausrichten?« Das klang glaubwürdig betrübt, dennoch legte er grußlos auf. Um die Taste Sekunden später erneut zu drücken: »Nochmal ich. Wer vertritt den Stellvertreter?« Er bekam den Namen und wurde gefragt, ob er einen Rückruf wünsche, sagte unwirscher als beabsichtigt: »Ich rufe wieder an.«
Er spürte einen Tropfen auf der Lippe und sah einen vor sich auf dem Schreibtisch landen, verstopfte beide Nasenlöcher mit eilig gezwirbelten Taschentuchfetzchen und verwarf das Vorhaben, den Stellvertreter des Stellvertreters schriftlich auf Stand zu bringen. Mails wurden in der Hausdruckerei zwar gelesen, jedoch oft erst nach Tagen oder gar nicht beantwortet.
Er betastete sein Gesicht, die Nebenhöhlen waren wie mit Beton gefüllt, der anscheinend jetzt aushärtete, da war nur noch Druck, der in Richtung Augen kroch. Am zielführendsten wäre ein Gang in die Kantine gewesen, sich zusammensetzen und es sich ausreden, wie früher. Doch das war für Herrmann, der sich dazu bekannt hatte, das Unternehmen in die Zukunft führen zu wollen, nicht mehr denkbar. Weswegen er die Taschentuchfetzchen aus der Nase zog und auf den Papierkorb zielte, zweimal traf und den Finger mit neuem Schwung auf eine andere Kurzwahltaste legte: »Hast du eine Minute?«
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Im Materialraum mischten sich die Gerüche von Staub, Papier und dem mitgebrachten Essen, das der Hausgrafiker verbotenerweise auf einer Kochplatte wärmte. Als Brandschutzbeauftragter hatte Herrmann die Einhaltung der Brandschutzbestimmungen zu verantworten, den Hausgrafiker bisher aber weder dazu bewegen können, zumindest den zwischen Wand und Materialstellage verkeilten Feuerlöscher zugänglicher zu machen, noch dazu, wenigstens den Hinweiskleber gut sichtbar anzubringen, der Hausgrafiker hasste Rot.
Entschlossen, die Brandschutzbelange heute auszusparen, holte Herrmann den Trittschemel heran und setzte sich neben den Hausgrafiker: »Mein Mail hast du gelesen?« Der Hausgrafiker, der sich sonst über Gesellschaft freute, schaute kaum auf: »Du meins?« Herrmann kannte sich gut genug aus, um zu erkennen, dass der Hausgrafiker den Mauszeiger nicht zum ersten Mal über die vergrößerte Stirnpartie des Vorstandsmitglieds mit der Stirnfalte führte, wohl auch nicht zum ersten Mal einen Arbeitsschritt rückgängig machte. Von leisen Flüchen begleitet verschwand ein raupenartiger, viel zu sehr ins Lachsfarbene gehender Strich von der großporigen Haut und gab die tiefe Querfalte frei, die mit demselben Feingefühl abgemildert werden wollte wie die sichtlich bereits verjüngte Augenpartie, Augenweiß und Zähne waren ebenfalls schon erledigt. Der Hausgrafiker hatte Erfahrung in digitaler Bildretusche, aber die Haut und ihre Frische waren unberechenbar.
Herrmann begann dennoch ungerührt auf ihn einzureden: Die Herstellung von fünfzig Handouts stünde an, Umfang Daumen mal Pi plus minus achtzig Seiten, mehr als hundert auf keinen Fall, Anteil an Bildern und Infografiken gefühlte fünfundsiebzig Prozent. Papiersorte und Grammatur, einseitig oder beidseitig bedruckt, Plastikspirale oder Metallspirale, steingrauer Rückenkarton oder doch wieder der schwarze, Gestaltungsfragen über Gestaltungsfragen und somit Grafikersache. Dem Vorgesetzten sei hochwertige Haptik wichtig, das stehe so alles auch in dem Mail, Deadline Donnerstag vierzehn Uhr, Anlieferung der fertigen Dateien bis … »bis wann bekommst du die hin?«
Der Hausgrafiker sah nun doch von seiner Arbeit auf, löffelte allerdings weiter sein Essen: »Hast du mein Mail also nicht gelesen.« Aus dem hervorgehe, dass die Lage auch seine Kapazitäten betreffend prekär sei, da ihm der Vorgesetzte Freitagmittag eine Präsentation mit Deadline Mittwoch elf Uhr aufgehalst habe, interaktiv, mit allem Drum und Dran, dafür nur zehn Handouts, ha, als ob die Stückzahl den Unterschied mache. Für einen Zukunftslunch im Verteilerzentrum, bezüglich weiterer Einzelheiten möge er sich mit dem Marketing kurzschließen, vielleicht auch abstimmen, jedenfalls habe das Mail mit Schönes Wochenende
