Wie der Tod das Lieben lernte - Bettina Gartner - E-Book

Wie der Tod das Lieben lernte E-Book

Bettina Gartner

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Beschreibung

Innsbruck, im Jahr 1690: Auf dem Köpfplatzl richtet der Henker von Hall den betrügerischen Münzwardein hin. Der Statthalter von Tirol genehmigt die Sektion der Leiche durch den fortschrittlichen Stadtarzt Bacchettoni. Das Volk, die Medici und vor allem der Bischof sind entsetzt - die gesellschaftliche Ordnung droht aus den Fugen zu geraten. Als Bacchettoni ohne Genehmigung die Leiche eines adeligen Mädchens seziert, überschlagen sich die Ereignisse. Muss der Doctor wegen dieses Frevels sein Leben lassen? Wird der Bischof, der das Mädchen in den Tod getrieben hat, zur Rechenschaft gezogen? Und kann der Henker, der dem Doctor bei der Sektion geholfen hat, seinen Kopf aus der Schlinge ziehen? Ein Arzt, der die Geschichte der Medizin voranbringen möchte. Ein Bischof, der die göttliche Ordnung erhalten will. Ein Henker, der das Schicksal in die eigene Hand nimmt. Aus einer Zeit, in der die Menschen das Neue wagten: ein glänzendes Debüt, grandios erzählt und ungemein eindringlich.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Geboren und aufgewachsen in Südtirol, im Studium zwischen Salzburg und Verona gependelt, von Berufs wegen Deutschland durchquert, ist Bettina Gartner mittlerweile wieder in ihrer Heimat gelandet und schreibt als freie Autorin vor allem für »bild der wissenschaft« über all das, was den Menschen bewegt. »Wie der Tod das Lieben lernte« ist ihr erster Roman.

Dieses Buch ist ein Roman. Die meisten Personen, Ereignisse und Orte sind historisch, stehen jedoch nicht zwingend im dargestellten Zusammenhang und in der dargestellten zeitlichen Abfolge. Obgleich an manchen Stellen zeitgenössische Zitate verwendet wurden, sind die Handlungen, Äußerungen und Charaktereigenschaften der Personen in der Regel frei erfunden.

»Jeder hier die Augen öffne,

thue dises wohl beschauen,

und betrachte, daß es übel,

auf sein eigne Kräfften bauen,

dann es kann nicht lange dauern,

was sich selbsten frech erhebt,

dem, der Böses nur gedencket,

schon die Straff zun Haubten schwebt.«

Spruch auf dem Sonnenburger Henkersschwert, 1680

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Prolog

Dies ist die Geschichte eines Henkers und die Geschichte einer Veränderung. Es ist der Vorabend der Aufklärung, und die Welt gerät ins Wanken. Die Medizin steht auf dem Prüfstand. Was man zu wissen glaubt, erweist sich als Illusion. Macht und Ansehen bröckeln, und wem sie entschwinden, der wehrt sich mit aller Kraft. Ein Mensch wird sich seiner selbst bewusst. In der Stille seines Daseins hört er seine innere Stimme. Doch was tun gegen die Angst vor der Freiheit? Gegen die Fesseln der Tradition? Gegen das Böse, das man zu tun meint, im Namen des Gerechten? Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Veränderung. Lieber leidet er, als neue Wege zu gehen. Dabei führen neue Wege in neue Dimensionen. Und während wir gehen, wachsen wir über uns selbst hinaus.

1

Kaum jemand kannte seinen Namen. Für die meisten war er der Henker. Ein Mensch, der da war, um zu töten. Ein Mensch, der sich anschickte, seine Pflicht zu tun. Den schwarzen Mantel auf die Schultern gelegt, kauerte er auf einem Baumstumpf am Ufer des Inn und schliff sein Schwert. Die Sonne stand tief und traf seinen Rücken. Der Schatten des Henkers fiel ins Wasser. Die Wellen rissen ihn hin und her, als versuchten sie, ihn zu verscheuchen.

In der Rechten hielt der Henker einen hellgrauen Sandstein, mit der Linken umklammerte er den hölzernen Griff seines Schwertes, das auf seiner Schulter lehnte. Die abgerundete Klinge steckte im Boden. Sie war nicht zum Stechen, sondern zum Hauen gemacht. Das Schwert kannte keine Gegner. Es kannte nur Opfer.

In gleitender Bewegung zog der Henker den Stein über den Stahl. Es zischte wie von einer scharfen Zunge. Das Zischen wurde höher, lauter, durchdringend wie ein Kreischen. Normalerweise kommt der Tod leise. Doch an diesem Tag im März 1690 gaben Stein und Stahl ihm eine Stimme.

Der Henker verstärkte den Druck, wenn das Zischen zu schwach wurde, und nahm die Kraft zurück, wenn der Stahl zu kreischen begann. Er kühlte den Stein im Wasser und wischte den Staub, der sich auf die Klinge gelegt hatte, mit der flachen Hand fort. Immer wieder tippte er mit der Daumenkuppe prü-fend gegen die Schneide. Als er endlich zufrieden war, glomm das Abendlicht dumpf durch die Luft. Der Henker hielt die Klinge auf Augenhöhe ins Licht und kippte sie leicht nach allen Seiten. Wenn er sie zu sich drehte, spiegelte sich die Narbe auf seiner linken Wange im Stahl. Wenn er sie wegdrehte, blitzte darin die untergehende Sonne auf.

Der Blick des Henkers tastete über die Klinge. Er achtete nicht auf die Blutrinne, die in der Mitte des Schwertes eingekerbt worden war, um es leichter zu machen, sondern nur auf die feinen Linien, die der Stein in den Stahl gerissen hatte. Als er sich überzeugt hatte, dass sie gleichmäßig verteilt waren, ließ er den Blick noch tiefer sinken, auf die Gravuren nahe am Griff.

Er sah den Verurteilten, der, auf einem Stuhl sitzend, den Tod erwartete, und den Henker dahinter. Er sah eine arme Seele am Galgen baumeln. Er sah die mahnenden Worte darunter und die Frauengestalt mit dem wallenden Haar, die er am liebsten betrachtete. Sie war nackt, die Scham nur mit einem Tuch bedeckt. Sie war schön. Doch die Schönheit war nur eine Seite von ihr. Die andere war gnadenlos. In der rechten Hand trug sie ein Schwert. Unter den linken Arm hatte sie den abgeschlagenen Kopf eines Mannes geklemmt.

»Judith hat ihre Stadt vom Tyrannen befreit«, hatte sein Vater ihm gesagt, als er als kleiner Junge fragend auf die Figur gezeigt hatte. Sein Vater hatte ihm erzählt, wie Judith sich zum Tyrannen ins Zelt legte, wie sie ihn mit Wein betörte und wie sie ihm den Kopf abhackte. Sie war eine Hure und eine Mörderin und wurde doch als Heilige verehrt. Im Namen Gottes hatte sie gehandelt. Den Henkern war sie ein Vorbild.

Irgendwo sang ein Kuckuck, früh für die Jahreszeit. Der Henker sah auf. Die Sonne war verschwunden. Die Grenze zwischen den Bäumen und dem Boden verschwamm. Der Henker griff in die Manteltasche und zog ein Stück Leder und ein Stück Holz heraus. Er musste sich beeilen, wollte er vor der Dunkelheit fertig sein.

Er wickelte das Leder ums Holz und zog es, wie vorher den Stein, über die Klinge, bis sie zu glänzen begann. Das Schwert war bereit, seine Pflicht zu tun. Der Henker war es auch.

Er verstaute den Lederlappen und den Sandstein in seinem Mantel, warf das Holz ins Wasser und steckte das Schwert in die Scheide. Dann stand er auf. Er wollte den Weg nehmen, der von der Lichtung hinaus auf die Straße führte, als sein Blick auf eine Fichte fiel.

Es war eine Fichte unter vielen, und doch war sie anders als die anderen. Um ihren Stamm lag ein Haufen Steine, fein säuberlich übereinandergetürmt. Der Henker hielt inne. Er straffte sich. Ohne es zu merken, krallten sich seine Finger in die Schwertscheide. Er fröstelte. Dann machte er einen Schritt nach vorn. Einen Moment lang sah es so aus, als ginge er auf die Fichte zu. Doch er drehte ab. Anstatt den Weg zu nehmen, der an der Fichte vorbeiführte, zwängte er sich durchs Unterholz.

***

Während der Henker auf der Lichtung sein Schwert schliff, bekam in Innsbruck ein Mörder Besuch. Wie Ameisen in ihren Bau strömten die Menschen in den Kräuterturm, der an der nordwestlichen Ecke der Stadtmauer lag und als das schrecklichste Gefängnis des Landes galt. Rebecca musterte die dicken Mauern, in denen der Frost wie ein Gefangener hockte. Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihr Blick folgte den übereinandergetürmten Quadern, bis die Sonne sie blendete. Ein paar Augenblicke lang sah sie nur noch tanzende Regenbögen vor ihren Augen und merkte nicht, wie die Menschen vor ihr weiterrückten, während die Nachfolgenden immer dichter standen.

»Geht’s weiter?«

Rebecca drehte sich um. Ein Männlein deutete mit wippendem Gehstock nach vorn. Als er bemerkte, wen er vor sich hatte, hellte sich sein Gesicht auf.

»Ah, das Fräulein Rebecca!«, grüßte er und deutete eine Verbeugung an. »Was macht der werte Herr Papa?«

Rebecca lächelte. Noch bevor sie antworten konnte, rasselte das Männlein weiter, als dürften sie sich selbst zum Sprechen nicht zu viel Zeit lassen.

»Grüßt ihn von mir und sagt ihm«, er tippte mit seinem Gehstock auf sein rechtes Bein, »dass es schon fast wieder heil ist.«

»Der Apotheker, nicht wahr?«, vergewisserte sich Rebecca. Das Männlein nickte und zwängte sich an Rebecca vorbei, die vor lauter Überraschung nicht anders konnte, als ihm Platz zu machen und mit ihrem Blick der kreisrunden Glatze auf seinem Hinterkopf zu folgen, die zwischen zahllosen anderen Köpfen verschwand.

Rebecca ging weiter. Je näher sie der Steintreppe kam, die außen am Kräuterturm hinaufführte, desto dichter drängten sich die Menschen, desto enger wurden das Murren und Surren und Lachen und Husten, das Kichern, Keuchen und Räuspern. Wenn es still war vor dem Kräuterturm, hörte man manchmal die Schreie der Gefangenen, die durch die dicken Mauern drangen. Rebecca hatte sie selbst schon gehört, beim Gottesdienst in der benachbarten Pfarrkirche. Der Pfarrer hatte sich bei der Gefängnisleitung beschwert. Doch die irdischen Qualen scherten sich nicht um himmlische Heilsuche. Und die Hoffnung konnten selbst noch so dicke Mauern nur schwer ersticken.

Rebecca stieg neben zwei Mädchen die Stufen zum Kräuterturm empor. Die Mädchen hielten sich an den Händen und kicherten einander ins Ohr. Immer höher schraubten sich ihre Stimmen. Rebecca tat gelassen. Doch tief in ihr drin begann es zu kribbeln. Mit jedem Schritt wurde es stärker, wärmer. Sie schluckte. Es war das erste Mal, dass sie einen Mörder sah.

Am Ende der Treppe stand die eisenbeschlagene Eingangstür offen. Rebecca zögerte. Die beiden Mädchen waren stehen geblieben. Von hinten drängte es, weiterzugehen. Rebecca stolperte über die Schwelle in die Düsternis. Sie bekam die kalte Mauer zu fassen und ein Stück Stoff. Wie ihre Augen sich an das fahle Licht gewöhnten, tat sich ein Gang auf. Kienspäne steckten in Metallringen. Die Flammen hatten ihr Abbild als Ruß an die Wand geworfen. Vor den schmalen Fensterschlitzen tanzte der Staub.

Ein dumpfes Gefühl lag in Rebeccas Ohren. Sie schluckte erneut. Die Mädchen hinter ihr waren verstummt. Der Trubel jenseits der Eingangstür war kaum noch zu hören. Im Kräuterturm war es still. Schuhe scharrten über den Steinboden. Ab und an ein Hüsteln. Rebecca reckte sich, doch alles, was sie sah, waren aufgesteckte Hauben, geflochtene Zöpfe, zum Dutt gedrehte Haare. Vor ihr holte ein altes Weib einen Rosenkranz aus der Rocktasche und betete sich Perle für Perle voran. Andere stimmten mit ein. Das Murmeln zog an Türen vorbei, die in das angrenzende Kräuterhaus führten, und an der Wendeltreppe zu den oberen Stockwerken des Kräuterturms, hinein in einen Raum am Ende des Ganges.

Je näher Rebecca ihm kam, desto flacher wurde ihr Atem. Eine grausige Vorahnung hüllte sie ein. Im Raum am Ende des Ganges wurde sie zur ekligen Gewissheit. Es roch stechend nach Pisse, stumpf nach Scheiße und süß nach Fäulnis. Rebecca riss ihr Taschentuch aus dem Ärmel, drückte es auf Mund und Nase und sog in kurzen, heftigen Zügen den beruhigenden Duft des Lavendels ein. Den Kopf wandte sie ab. Ihr Blick aber suchte die Luke im Steinboden, aus der der Gestank aufstieg wie giftige Gase aus einem Moor. »Eingang zur Hölle«, sagten die Leute, wenn sie später von dem Loch erzählten.

Das Loch war der Zugang zum Verlies, zu dem man den Sockel des Kräuterturms gemacht hatte. Früher hatte man Schwarzpulver darin gelagert, dann den im Kräuterhaus gebrannten Kräuterschnaps, am Ende die Gefangenen des Landes. Käfer und Spinnen krabbelten aus dem Loch hervor und flitzten nach allen Seiten davon. Fegende Schuhe schleuderten sie zurück ins Verlies.

Doch noch etwas anderes kam aus der Tiefe. Rebecca horchte. Ihre Augen weiteten sich. Sie erkannte Wimmern und Stöhnen, Seufzen und Husten. Die Töne zeichneten Szenen, die niemand sehen konnte: Gefangene kauerten angekettet in der Finsternis. Wer noch die Kraft hatte, lehnte mit dem Rücken an der Wand, an der dünne Rinnsale hinabtropften, unaufhaltsam wie die ablaufende Lebenszeit. Wer nicht mehr konnte, lag auf dem Boden, die Wangen im Dreck, wehrlos gegen die schnüffelnden Ratten. Alle warteten darauf, gefoltert, verhört und verurteilt zu werden. Sie würden gestehen, was immer es zu gestehen gab. Schlimmer als die Hölle im Kräuterturm konnte jene des Teufels nicht sein.

Rebeccas Blick blieb auf dem Loch haften, während die Menschenschlange sie mit sich zog. Als sie sich schließlich wieder nach vorn wandte, zuckte sie zurück. Vor ihr war der Mörder, den zu sehen sie gekommen war.

Der Mann kauerte auf einem Strohsack, von zwei Wachleuten flankiert. Er trug ein schmutzig graues Hemd und eine dunkle Hose. Einzig farbig war das rote Tuch um seinen Hals. Vor ihm stand ein kleiner geflochtener Korb, in den die Vorbeiziehenden Kreuzer warfen. Seine Füße steckten in eisernen Fesseln. Kot klebte auf der Haut, einige Strohhalme dazwischen.

Rebeccas Herz verkrampfte sich. Tagelang hatte sie sich ausgemalt, wie der Mörder aussah. Sie hatte gelesen, was der heilige Augustinus über das Böse gesagt hatte. Dass es aus dem freien Willen des Menschen in der Welt war. Sie hatte darüber nachgedacht, wie man aus freien Stücken einem anderen schaden konnte. Die Antwort war ausgeblieben. Jetzt brauchte sie keine Antwort mehr. Der Mensch, den sie vor sich sah, hatte sich selbst am meisten genommen. Seinen Frieden, seine Freiheit, sein Leben. Geblieben war ihm nur die Henkersmahlzeit in einem Holzteller, den er so krampfhaft festhielt, dass seine Fingerknöchel weiß hervorstachen.

Lange hatte der Mann überlegt, was er sich am Tag vor seinem Tod wünschen sollte, während sein Magen nichts anderes als Haferschleim, Wassersuppe und trockenes Brot bekam. An gebratenen Aal und gebackene Bleie hatte er gedacht, an gegrilltes Huhn und geschmorten Schweinebraten. Die Obrigkeit würde ihm alles gewähren, um seine Seele noch zu Lebzeiten gnädig zu stimmen. Nichts fürchtete man mehr als die Rache einer Seele, der man den Körper nahm.

In diesem Fall hing das Seelenheil der Obrigkeit an einem Berg gekochter Polenta, der Gipfelkrater gefüllt mit Butter, in dem gebratene Speckscheiben schwammen. Die Uhr der Pfarrkirche schlug zur vollen Stunde. Die Wärter gaben dem Mann ein Zeichen. Er durfte anfangen.

Gierig stieß er den Löffel in den Maisbrei und riss ein großes Stück heraus. Seine Nasenlöcher weiteten sich. Noch bevor der Mund richtig offen stand, zwängte die Hand den Löffel hinein. Das Fett rann die Mundwinkel hinab und verzweigte sich in den Bartstoppeln, die ebenso wild standen wie das schulterlange strähnige Haar. Der Mann verschluckte sich, hustete, spuckte aus. Das Erbrochene tropfte in den Teller. Die Hand zwang es zurück in den Mund.

Noch vor wenigen Monaten war der Mann erhobenen Hauptes durch die Gassen von Hall spaziert, als wäre die Welt nur für ihn gemacht. »Habe die Ehre, Herr Münzwardein«, hatten die Leute gesagt und sich andienernd verneigt, während er den Langen Graben hinabmarschiert war, durch das Niedere Tor, vorbei an der Burg Hasegg, die sich keilförmig dem Inn entgegenstreckte. Aus den Sudpfannen der Saline, die in der Burg untergebracht war, war ihm der Geruch des brodelnden Salzwassers entgegengekommen, in dem sich feine Kristalle bildeten, die mit langstieligen Holzrechen abgeschöpft wurden wie die Haut auf verkochter Milch. Er war über die hölzernen Rohre gesprungen, die das Salzwasser von den umliegenden Bergen nach Hall spülten, und im Münzerturm verschwunden, einem Bau mit zylindrischem Sockel und zwölfeckiger Spitze. Einst zum Schutz der Saline errichtet, diente der Turm mittlerweile als Münzstätte Tirols.

Das Schlagen der übermannshohen Walzen und das Rauschen des Wassers, das sie antrieb, hatten den Münzwardein eingehüllt. Er war durch die Reihen gegangen und hatte, um ihren Wert zu prüfen, in die kupfernen Kreuzer gebissen, in die Groschen, in die Sechser, in die silbernen Fünfzehner, in die Halbtaler und in die Taler, die so viel wie eine Goldmünze galten. Der Haller Taler regiere die Welt, hatte der Münzwardein gern gesagt, wenn er mit den Schwazer Bergleuten über den Preis für das Silber verhandelte, aus dem man die Taler machte.

Der Münzwardein hatte die Münzen gepresst und verprasst. Er hatte sein Vermögen verloren und dann sein Gewissen, und er hatte begonnen, sich das zu nehmen, was eigentlich dem Landesherrn gehörte. Statt die schadhaft geprägten Taler einzuschmelzen, hatte er sie abgeschrotet, nachgefeilt und in die eigene Tasche gesteckt. Fünf Jahre lang war alles gut gegangen. Dann war der Landesherr misstrauisch geworden. Er hatte Einsicht in die Rechnungsbücher verlangt und seine Finanzbeamten geschickt. In der Nacht vor ihrer Ankunft steckte der Münzwardein den Münzerturm in Brand.

»Feuer!«

»Feuer!«

Die Schreie des Nachtwächters, der vom östlichen Stadtturm aus sah, wie unter dem Dach der Münzstätte Flammen hervorschossen, drangen durch die Dunkelheit. Er riss die Laterne vom Tisch, stellte sie ins Fenster, das gen Süden zum Münzerturm zeigte, und zog am Seil der Sturmglocke. Als der Klöppel den Kelch traf, stockte der Stadt der Atem.

In den engen Gassen, in denen sich die Häuser aneinanderlehnten, als könnten sie nicht allein stehen, konnte eine Feuersbrunst allen zum Verhängnis werden. Kein Bäcker und kein Schmied durfte bei Wind arbeiten, kein Kamin länger als drei Monate ungewartet sein. Beim Abendläuten mussten die Herdfeuer mit Asche bedeckt werden und die beladenen Fuhrwerke in den Ballhäusern stehen. Die Angst vor dem Feuer begleitete die Menschen in den Schlaf.

Eins! Zwei! Drei!

Bei einem Zimmerbrand wäre die Sturmglocke nun verstummt.

Vier! Fünf! Sechs!

Ein Großbrand!

Fenster wurden aufgerissen, Köpfe herausgestreckt. Die Augen suchten die Stadttürme nach der Laterne ab. Es war unnötig. Am Himmel über dem Inn stand ein gelb-roter Widerschein.

»Der Münzerturm!«, schrien die Frauen ihren Männern zu, die in die Schuppen rannten, um Äxte und Leitern zu holen, und auf die Dachböden für die wassergefüllten Kessel. Sie stürmten aus den Häusern, den Langen Graben hinunter, Frauen und Kinder hinterher. Die Löschspritze, die erst vor wenigen Monaten aus Augsburg geliefert worden war, polterte an ihnen vorbei.

Aus den Ritzen des Münzerturms quoll dichter Rauch. Funken sprühten. Das Gebälk krachte. Es hagelte glühende Kohlen. Fensterscheiben barsten. Feuerzungen leckten in die Finsternis hinaus. Der Feuerhauptmann brüllte Befehle in die Nacht. Die Löschspritze funktionierte nicht. Die Menschen bildeten eine lebende Kette, durch deren Hände Eimer voller Wasser flogen. Die Flammen wurden niedergezwungen, bäumten sich wieder auf. Der Kampf dauerte bis in den Morgen.

Man suchte den Münzwardein. Weder seine Magd noch seine Schwester, die mit ihm wohnten und zu retten versucht hatten, was zu retten war, hatten ihn gesehen. Man fand ihn am Inn, als er versuchte, sich in die Fluten zu zwingen. Und noch jemanden fand man, nachdem sich der Rauch aus der Münzstätte verzogen hatte. Anna, die Tochter des Hausmeisters, erschlagen von einem herabgestürzten Balken. Als man das Mädchen im weißen Kleid und mit Blumenschmuck zu Grabe trug, sagten die Leute, der Himmel habe jetzt einen Engel mehr.

Der Münzwardein wurde in den Kräuterturm nach Innsbruck gebracht. Die Anklage lautete auf Betrug, Diebstahl, Veruntreuung, Geldfälschung und Brandlegung. Man holte den Henker. Er kam vor dem Frühmahl, um dem Mann ein Geständnis zu erpressen. Ohne Geständnis konnte es kein Urteil geben. Viel allerdings hatte er nicht zu tun. Schon als der Münzwardein den Daumenstock sah, löste sich seine Zunge.

»Dass er vom Scharfrichter durch das Schwert vom Leben zum Tode hingerichtet und alsdann desselben Körper zu Asche verbrannt wird«, lautete das Urteil des Gerichts. Die Leute fällten ihr eigenes Urteil. Für sie war der Mann ein Mörder. Heute, kurz vor der Hinrichtung, zog er sie an wie das Licht des Feuers die Motten, und wie seine Hitze stieß er sie ab.

Als Rebecca sich umsah, blickte sie in angewiderte Gesichter. Das Weib mit dem Rosenkranz spuckte aus. Die Mädchen hinter ihr waren leichenblass geworden. Rebecca schaute zurück zum Mörder. Sie hatte Angst, der Mann könne ihr allein mit seinem Blick etwas anhaben. Und doch suchte sie ihn. Der Münzwardein aber hatte nur Augen für seinen Brei.

Rebeccas Hand verschwand in ihrem Rock und holte einen Kreuzer hervor. Es war Brauch, für jeden Toten Messen zu bezahlen, damit Gott sich mit seiner Seele versöhne. An diesem Tag klang das Klimpern der Kreuzer, die sich im Korb vor dem Münzwardein sammelten, wie blanker Hohn. Ausgerechnet jener, den die Habgier ins Verderben gestürzt hatte, sollte im Geld auf Erlösung hoffen.

Rebeccas Münze verfehlte ihr Ziel. Sie sprang vom Korb ab und rollte auf ihrem dünnen, ausgefransten Rand zum Münzwardein. Ohne aufzusehen, griff er zu. Blitzschnell, den Löffel in der Hand. Dann aß er weiter. Und umklammerte beides, den Löffel und den Kreuzer, als hielte er ein Stück vom Himmel fest.

***

Das Bild des Münzwardeins verfolgte Rebecca in den Schlaf. Als sie am nächsten Morgen erwachte, meinte sie, das Murmeln der Besucher zu hören, die in den Kräuterturm strömten. Erst als sie die Augen öffnete, begriff sie, wo sie war. Die Müdigkeit in ihr wollte weiterschlafen, die Neugier in ihr wollte lauschen. Die Neugier gewann.

Die Worte, die sie geweckt hatten, hallten. Sie kamen aus der Eingangshalle. Aufregung lag in den Stimmen. Die Sprecher hatten Mühe, sie zu dämpfen. Rebecca richtete sich auf, die Ellenbogen ins weiße Laken gestemmt. Fahl sickerte das Morgenlicht hinter den schweren Vorhängen in ihr Zimmer. Draußen auf der Straße war es ruhig. Es war früh. Zu früh für einen Besuch.

Noch ehe Rebecca etwas verstehen konnte, waren die Stimmen verstummt. Johann kam die Treppe herauf. Rebecca erkannte ihn am Gang, wie sie jeden im Haus am Gang erkannte. Elsbeth, die Köchin, watschelte, was kein Wunder war angesichts ihrer Leibesfülle. Minna, die Magd, trippelte, getrieben von ihrem nervösen Gemüt. Lorenz, der Fuhrknecht, schlich, als wolle er selbst die wenige Zeit, die er im Haus war, nicht gehört werden. Ihr Vater hinkte, seit er vor Jahren vom Pferd gefallen war.

Diener Johann ging zurückhaltend, aber hastig, um bei aller Eile das notwendige Maß an Würde zu wahren. Wahrscheinlich bremste ihn das Zipperlein, über das er manchmal klagte, wenn er mit Elsbeth in der Küche saß und bei einem Glas gewässertem Wein über die Leiden des Alters sprach. Rebecca stellte sich lieber vor, ein Teufelchen säße in Johanns Genick und zügle ihn wie ein Kutscher das Gespann.

Rebecca hörte, wie Johann an die Schlafzimmertür ihres Vaters klopfte und eintrat. Gähnend sank sie zurück in die Kissen. Wahrscheinlich stand wieder so ein armer Tropf in der Eingangshalle, der gekommen war, um sich von ihrem Vater kostenlos verarzten zu lassen. Als Doctor der Stadt sei diese Aufgabe Pflicht, erklärte ihr Vater, wenn sich Rebecca einmal mehr über die seltsamen Gestalten beklagte, die im Haus ein- und ausgingen. Es sei seine Pflicht, wiederholte er immer, als müsse er sich selbst daran erinnern. Seine Leidenschaft aber, seine Leidenschaft gelte der Anatomie.

Rebecca hatte gerade ihren linken Fuß in die rechte Kniekehle gesteckt, in der Hoffnung, gewärmt wieder einzuschlafen, als die Schlafzimmertür ihres Vaters aufflog. Knallend stieß sie gegen die Wand. Rebecca hörte ihren Vater die Treppe hinunterstürmen, Johann hinterher.

Mit einem Satz war Rebecca aus dem Bett. Ihr knöchellanges Nachthemd verhedderte sich in den Leintüchern. Sie kippte nach vorn und stieß gegen den Toilettentisch, über dem ein silbergerahmter Spiegel hing. Ihre roten Locken sprangen wild durcheinander. Gerade noch rechtzeitig bekam sie die Holzstange zu fassen, die sich am Ende des Bettes zu einem Baldachin erhob. Sie raffte ihr Nachthemd hoch und eilte zur Tür. Mit angehaltenem Atem drückte sie die Klinke hinunter und spähte hinaus in den Gang.

Die Schlafzimmertür ihres Vaters stand sperrangelweit offen, der Gang war leer. Auf Zehenspitzen schlich Rebecca an der Mauer entlang bis zur Treppe und lugte hinunter in die Eingangshalle.

Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Aber sicher keinen Boten. Er stand am Fuß der Treppe und hielt ihrem Vater einen Brief entgegen. Der Mann musste einer hohen Person dienen. DieÄrmel seiner Jacke endeten in einem breiten, mit Brokatstickereien verzierten Aufschlag. Seine knielangen Hosen waren aus Samt. »Mein Herr lässt ausrichten, dass der Münzwardein Euch gute Dienste erweisen soll«, sagte er.

Hätte Rebecca ihren Vater genauer angeschaut, sie hätte gesehen, wie seine schwarzen Augenbrauen zuckten. Doch sie achtete nicht auf ihn. Das Bild des Münzwardeins schoss ihr in den Sinn. Die kauernde Gestalt mit dem Kreuzer in der Faust. Welchen Dienst sollte er ihrem Vater erweisen? Wo er doch heute hingerichtet wurde. Alle Welt würde auf dem Köpfplatzl sein. Alle, außer ihr. Ihr Vater hatte es verboten. Sie solle nicht mit ansehen, welche Grausamkeiten das Leben bereithielt, hatte er gesagt, als wäre sie noch ein kleines Kind und nicht schon längst eine junge Frau. Mit Schnurren und Betteln, mit Toben und Schweigen hatte sie ihn zu erweichen versucht. Doch alles, was er ihr erlaubt hatte, war der Besuch im Kräuterturm.

Ihr Vater griff nach dem Brief und fuhr mit dem Daumen über das rote Siegel, das für seine Echtheit bürgte. Der Bote verneigte sich und ging. Offensichtlich hatte er nicht die Anweisung, auf Antwort zu warten.

Knackend brach das Siegel. Rebecca kniff die Augen zusammen, als versuchte auch sie, die Zeilen zu lesen, die ihr Vater überflog.

»Incredibile«, murmelte er. Er sah auf, starrte ins Leere, fuhr sich mit den Fingern durch sein weißes Haar und begann, den Brief erneut zu lesen. Diesmal ließ er sich für jedes Wort Zeit. Rebecca wurde unruhig. Sie wollte schon hinter der Mauer hervorkommen, da sah ihr Vater plötzlich auf und strahlte.

»Gute Nachrichten, mein Freund!«, rief er, zu Johann gewandt. »Finalmente! Es ist so weit.«

Rebecca verstand nicht. Johann begriff. Über sein sonst so zugeknöpftes Gesicht huschte ein Lächeln.

»Hilf mir beim Ankleiden!«, befahl der Doctor. »Ich muss sofort zur Universität!«

Johann nickte.

»Und bring mir die Liste mit den Namen, die in der obersten Schublade meines Schreibtisches.«

»Sehr wohl, Herr Doctor!«

»Und vergiss meinen Gehstock nicht!«

Johann eilte davon. In der Eingangshalle wurde es wieder ruhig. Nur aus der Küche, die ebenerdig im hinteren Teil des Hauses lag, drang das Klappern der Köchin wie weit entferntes Donnergrollen. Rebecca getraute sich kaum zu atmen. Ihr Vater verharrte am Fuß der Treppe. Seine Finger schlossen sich um den Brief. So standen sie eine Weile still, während draußen die Welt erwachte.

2

Wäre der Tod nicht zu Gast gewesen, man hätte die Hinrichtung für ein Fest halten können. Noch bevor die Sonne aufging, machten sich die Leute aus den benachbarten Dörfern auf den Weg nach Innsbruck, in ihrer feinsten Tracht und im besten Tuch, als gelte es, das Leben zu feiern, jetzt, da es dem Münzwardein genommen wurde. Selbst Greise, die sich sonst kaum aus dem Haus wagten, nahmen ihre Krücken und all ihre Kraft zusammen und humpelten ins Freie. Sie winkten einander zu und grüßten lächelnd den guten Morgen. Aus allen Öffnungen und Ausgängen der Stadt quollen Menschen hervor, die Schmiede aus der Schmiedgasse, die Fleischer aus der Fleischergasse, die Schlosser, Goldschmiede, Plattner, Maler und Uhrmacher aus der Schlossergasse, alle getrieben von einem belebenden Schauder, der sie zum Köpfplatzl drängte.

Als Pater Vinzenz aus dem Kapuzinerkloster stürmte, hatte sich die Vorstadtstraße bereits geleert. Nicht einmal die Vögel waren geblieben. Im Lauf schlang sich der Pater ein Kreuz um den Hals und zurrte die weiße Kordel fest, die schief um seine Hüften hing. Um der Zeit eine Winzigkeit abzugewinnen, war er losgelaufen, ohne sie festzuziehen.

Wie zum »Mea culpa« schlug das Kreuz auf seine Brust, als er mit gesenktem Kopf am Regelhaus der Tertiarierinnen vorbeihastete, am Kloster der Servitinnen, an Gymnasium, Kirche und Kolleg der Jesuiten, an der Franziskanerkirche und an der Hofkirche, die sich in der Silbergasse in einer heiligen Allianz aneinanderreihten. Längst schon hätte er am Kräuterturm sein sollen, um dem Münzwardein in seiner letzten Stunde beizustehen. Er war ein ergebener Diener der himmlischen Ordnung, aber kein Freund der irdischen Pünktlichkeit. Der Herrgott vergebe, dass er in aller Herrgottsfrüh schon höllisch zu spät war.

Der Schatten des Wappenturms fiel auf seine Gestalt. Pater Vinzenz keuchte, doch er hatte heute schon viel zu lange geruht. Der Stadtplatz kam in Sicht. Die Läden unter den Lauben waren geschlossen. Die Rathaustür, wo die Bäcker ebenerdig ihre Ware verkauften, damit der Stadtrat Preis und Qualität kontrollieren konnte, war verriegelt. Die Stadt wirkte wie ausgestorben. Und doch lag die Unruhe der Menge noch immer in der Luft.

Pater Vinzenz schaute die Badgasse hinauf, um zu sehen, ob die Obrigkeit noch am Kräuterturm war. Doch die gähnende Leere auf dem Pflaster vernichtete auch diese letzte Hoffnung. Die Tauben am Goldenen Dachl, auf dem sich Kaiser Maximi lian mit seinen Frauen, Hofnarren, Rittern, Fahnen und Wappen verewigt hatte, schauten Pater Vinzenz nach, der, vom schlechten Gewissen getrieben, schneller auf den Unteren Stadtplatz zuzusteuern vermochte, als seine schmächtige Gestalt hätte vermuten lassen.

»Grüß Gott! Grüß Gott!«

Kurz vor dem Unteren Stadtplatz hatte Pater Vinzenz die Menschen eingeholt. Er nickte aufs Geratewohl zurück und umschiffte zwei Mädchen mit weißen Schleifen im Haar, die über das Kopfsteinpflaster hüpften – links, rechts, links –, peinlich darauf bedacht, die Ränder der Steine nicht zu berühren. Ein kleiner Junge stand daneben. Als er Pater Vinzenz sah, spuckte er sich in einem Anflug von Eitelkeit in die Hände und plättete seinen Scheitel.

Den ganzen Weg über hatte Pater Vinzenz auf eine Menschenseele gehofft, jetzt standen ihm Dutzende im Weg. Auf der Innbrücke gab es kein Weiterkommen. Dort, wo sich normalerweise Karren an Karren reihte, um den Inn zu queren und Zoll zu zahlen, stauten sich jetzt die Schaulustigen auf dem Weg zum Köpfplatzl. Pater Vinzenz versuchte, sich am Rand vorbeizudrängen. Seine Hände zogen sich am Brückengeländer vorwärts, seine Füße aber mussten sich gedulden. Er spürte den Wind auf seiner Stirn. Pater Vinzenz sah auf. Vor ihm stachen die schneebedeckten Gipfel der Nordkette in den strahlend blauen Himmel. Fön schoss die Berghänge herab. Pater Vinzenz schloss die Augen.

Auch hinter der Brücke ging es nur langsam voran. Irgendwo in dem dicht gedrängten Pulk vor ihm, der sich querfeldein über die Holzlände schob, musste der Schinderkarren stecken. Pater Vinzenz machte kehrt. Er würde einen Bogen um die Menge schlagen, an der Häuserfront des Anbruggen entlang.

Der Anbruggen war kein Ort, an den es einen drängte. Eingeklemmt zwischen Berg und Fluss, hatten die ersten Bewohner von Innsbruck hier gewohnt, bevor die Grafen von Andechs Land auf der anderen Seite des Inn gekauft hatten, um der Siedlung Platz zu geben. Das feine Leben hatte sich verlagert. Das harte Dasein war geblieben, und mit ihm der süßliche Gestank der toten Tiere, die in der Fleischbank oberhalb der Innbrücke zerstückelt wurden, das Poltern der Holzstämme, die man auf der Holzlände unterhalb der Innbrücke stapelte, und die kreischende Hartnäckigkeit der Brunnenbohrer, die sich durch das Holz fraßen, während aus der benachbarten Schmiede das immer gleiche Hämmern drang.

Heute ruhte die Geschäftigkeit. Der Wind konnte den modrigen Geruch von feuchtem Tierhaar und fauligem Fleisch vertreiben, der sonst über den Gerbereien hockte, und den Staub verwehen, der als dicker Mantel über der Herrschaft Stein- und Ziegelhütte lag, wo man aus den Schuttmassen der Nordkette Erkerreliefs und Portaleinfassungen machte. Heute spürte Pater Vinzenz eine andere Art von Aufregung, eine Mischung aus Gier und Furcht, wobei er nicht wusste, ob sie in der Luft lag oder aus seinem Inneren kam.

Durch den Umweg, den er genommen hatte, kam Pater Vinzenz an der Nikolauskirche vorbei, die an der Nordflanke des Köpfplatzls stand. Die Friedhofsmauer glich einer Hühnerstange, auf der sich die Schaulustigen aneinanderdrängten. Auf den umstehenden Bäumen hockten junge Burschen wie Aasgeier. Die Arbeiter der benachbarten Glockengießerei waren aufs Dach geklettert. Die beste Sicht auf das Köpfplatzl aber hatten die Kranken des Siechenhauses, die man in dieses gottlose Gebiet verbannt hatte, der Obhut jener Brüder überlassen, die dem heiligen Nikolaus von Tolentino verpflichtet waren.

Der erste Blick von Pater Vinzenz galt der Richtstätte, einer gemauerten viereckigen Plattform, die wie eine Insel aus dem Meer der Schaulustigen ragte. Sie war leer. Pater Vinzenz atmete auf. Er war rechtzeitig gekommen. Er heftete sich an die Fersen eines Händlers, der gerade vorbeikam und auf einem Tragegestell den Menschen seine Köstlichkeiten feilbot.

»Frische Limonade!«, brüllte der Mann, während er sich den Wegdurch die Menge bahnte.

»Brot! Das beste der Stadt!«

»Zigarren, meine Herren! Zigarren!«

»Armesünderbier!«

»Heiße Würstchen!«

Pater Vinzenz schnupperte. Außer einer Hostie in der Frühmesse, mit der sich selbst der frommste Magen nicht füllen ließ, hatte er noch nichts zu sich genommen. Das Frühmahl war ausgefallen, der Barmherzigkeit wegen.

Obwohl der Händler ihm den Weg bereitete, war das Weiterkommen schwierig. Bei jedem Schritt versank Pater Vinzenz in knöcheltiefem Schlamm. Aus den undichten Holzrohren im Untergrund, die von der Tuffbachquelle in die Stadt führten, sickerte das Wasser. Die Wegemacher hätten Steine in Schrittweite auslegen können und Holzstege bauen, wie sie es bei Tauwetter und Regen immer taten. Doch der warme Wind hatte sie überrascht.

Pater Vinzenz schlitterte. Fast hätte er geflucht. Er drehte sich um. Ein altes Weib mit grauem Kopftuch zog an seiner Kutte. Ob er ein Gedicht vom Mörder habe? Oder eine Zeichnung? Fünf Kreuzer dafür! Doch Pater Vinzenz schüttelte den Kopf. Mehr als den Segen hatte er dem Weiblein nicht zu geben.

Mit Gottes Hilfe hielt Pater Vinzenz sich den Rest des Weges aufrecht. Vor der Richtstätte hatten sich Wachleute mit Bajonetten postiert. Seit der aufgebrachte Mob das Podest vor einigen Jahren gestürmt hatte, um einen Mörder eigenhändig ins Jenseits zu befördern, war ihre Anwesenheit zur Pflicht geworden. Den Pater ließen sie durch.

Der freie Raum vor dem Podest war ihm eine Wohltat. Pater Vinzenz strich seine braune Kutte glatt, zog noch einmal die Kordel um seinen Hüften nach und streifte den Dreck auf seinen Schuhen an einer der Stufen ab, die hinauf auf das Podest führten. Er war so vertieft, dass er nicht merkte, wie die Unruhe auf dem Köpfplatzl stärker wurde. Erst ein gellender Schrei schreckte ihn auf.

»Da ist er!«

Pater Vinzenz sah auf.

Der Schinderkarren kam. Nur widerwillig machten die Menschen Platz für ihn und seine schäbige Fracht.

***

Zu dritt hatten die Gefängniswärter den Münzwardein bei Sonnenaufgang aus dem Verlies gezogen. Gebrochen hing der Mann in den Seilen. Die strähnigen Haare fielen ihm ins Gesicht. Nicht ein Mal sah er auf, als der Henker ihn die Steinstufen hinunter auf den Hof des Kräuterturms trieb.

Um den Schinderkarren hatten sich Trommler geschart und jede Menge illustrer Personen. Tobias schielte auf den Landeshauptmann und den Bürgermeister, während er die Zügel des Gauls so straff in der Hand hielt, als müsse er einen Hengst bändigen. Neben all den hohen Herren kam sogar ein Henkersknecht wie er sich wichtig vor. Nur den Stadtrichter getraute er sich nicht anzuschauen. Erst ein Jahr war der Mann im Amt, und schon hatte er die Leute das Fürchten gelehrt. Niemand regelte Eigentumsfragen, Erbstreitigkeiten, Grenzangelegenheiten und Verstöße gegen die Flur- und Waldordnung so unbarmherzig wie er. Wer sich prügelte, den warf er ins Gefängnis. Wer einen anderen beleidigte, den stellte er an den Pranger. Wer fremdes Gut beschädigte, den ließ er hohe Geldstrafen zahlen. Wegen Korruption und Kuppelei hatte er Leute schon aus dem Land verbannt.

Jeder wusste, dass es der Stadtrichter irgendwann zum Sonnenburger Landrichter bringen wollte. Dann würde sich sein Gerichtsbezirk über vierzehn Gemeinden erstrecken, von Tulfes bis Kematen und jenseits des Inn bis nach Hötting, mit mehr als zehntausend Menschen. Bei Verbrechen des Hochverrats und der Falschmünzerei würde er für das ganze Land zuständig sein. Die Tiroler Malefizordnung würde ihm zugestehen, Folter und Tod zu verhängen, Wilderern ihre Beine zu nehmen, mit denen sie in fremdes Gebiet eingedrungen waren, Dieben ihre Hand oder ihr begehrliches Auge. Wer mehr als fünfundzwanzig Taler gestohlen hatte, den würde er hängen. Wer gemordet und bösen Zauber getrieben hatte, den würde er aufs Rad flechten, wer geraubt, dem Land den Frieden oder anderen Menschen die Freiheit genommen hatte, den würde er enthaupten. Bigamie und Notzucht würde er mit Ertränken sühnen, Ketzerei und Sodomie auf dem Scheiterhaufen.

Noch allerdings musste sich der Stadtrichter damit begnügen, neben dem Sonnenburger Landrichter zu stehen und sich in seinem Schatten von den zwölf Geschworenen umringen zu lassen, die mit ihm zu Gericht saßen. Wer von den Geschworenen Mitglied im Geheimen Rat, im Regiment und in der Hofkammer war, wusste Tobias nicht. Mit ihren erhabenen Mienen sahen sie für ihn alle gleichermaßen wichtig aus.

Als der Henker mit dem Münzwardein die Treppe des Kräuterturms herunterkam, strafften sich selbst die von ihrem hohen Stand gestützten Herren. Trommelwirbel brauste auf.

Der Münzwardein musste auf dem Schinderkarren knien. Die Füße eines Menschen taugten nicht für seine letzte Reise. Entweder sie versuchten zu fliehen, obwohl die Ketten sie kaum laufen ließen, oder sie knickten ein. Das Wissen, bald nicht mehr zu sein, verwandelte manche Menschen in rasende Bestien, die sich mit aller Kraft gegen das Schicksal stemmten. Sie wüteten und tobten und schrien und flehten, und am Ende winselten sie wie ein kleines Kind. Manchen stahl die Ahnung um die Endlichkeit die Sinne. Andere wiederum waren wachsam wie selten zuvor. Sie sahen Dinge, die den anderen verborgen blieben. Sie hörten Töne, die die anderen nicht vernahmen. Sie gewahrten Gerüche, die die anderen nicht bemerkten. Man sah es an ihren Augen, die hastig hin und her huschten, als würden sie Eindrücke sammeln, an ihren Bewegungen, die auf jedes noch so nichtige Geräusch reagierten, an ihren tiefen Atemzügen, die im Frühjahr den Hauch von Heu, im Sommer den Duft von Blumen, im Herbst die Süße von Holunder und im Winter den Geruch von Schnee einsogen.

Der Münzwardein gehörte zur Gruppe der Stummen. Auf dem Weg zum Köpfplatzl hielt er den Kopf gesenkt und starrte auf die Planken des Schinderkarrens, auf denen sich die Fasern des Holzes wie Wellen kräuselten. Selbst als ihn ein fauler Apfel im Genick traf, blieb er regungslos.

»Mörder!«, schrien die Leute. »Hol dich der Teufel!«

Wieder ein Apfel.

»Schmor in der Hölle!«

Die Leute johlten. Die harte Hand des Gerichts hatte jemanden gepackt, den nicht Not und Elend, sondern Raffgier und Rausch getrieben hatten. Nur wenige verspürten Mitleid.

Pater Vinzenz war einer, bei dem das Mitleid überwog. Als der Schinderkarren vor der Richtstätte zu stehen kam, ging er auf den Münzwardein zu und zeichnete ein Kreuz in die Luft. Der Münzwardein sah ihn an. Sein Gesicht hellte sich auf. Der Pater hatte ihm die letzte Beichte abgenommen und versprach, ihm auch jetzt beizustehen.

Während der Landrichter und sein Gefolge auf der Tribüne neben der Richtstätte Platz nahmen, zerrte Tobias den Münzwardein vom Schinderkarren herab und trieb ihn vor sich her die Stufen der Richtstätte empor. Der Münzwardein strauchelte. Er kippte nach vorn. Seine Knie schlugen auf die spitzen Kanten der Stufen. Seine Finger krallten sich in den Dreck von Pater Vinzenz’ Schuhen. Die Leute auf dem Köpfplatzl reckten die Hälse. Tobias packte den Münzwardein am Hemd und riss ihn hoch. Erst in der Mitte der Richtstätte lockerte er den Griff. Beide sahen auf den Haufen aus Sand und Hobelspänen, der dort aufgetürmt war. Seit die Köpfe der Todgeweihten nicht mehr auf Holzpflöcke gelegt und mit einem Beil abgehackt wurden, mussten die Verurteilten sich auf solche Haufen knien. Ein Tritt in die Kniekehle, und der Münzwardein sackte darauf nieder.

Spitze Schreie fuhren auf, als Tobias ein kleines Messer zückte. Triumphierend sah er in die Runde, bevor er begann, mit dem Messer den Hals des Münzwardeins zu umspielen. Er schob die strähnigen Haare beiseite, fuhr am rechten Ohr entlang, zeichnete einen Halbkreis über den Hinterkopf und glitt zum roten Halstuch hinunter, das der Münzwardein trug. Mit der Messerspitze knöpfte er es ihm ab. Nichts sollte dem Schwert des Henkers im Wege sein. Und kein Stoff der Welt sollte einem Todgeweihten fremde Kräfte geben.

Jede Bewegung des Henkersknechtes hatten die Menschen mit Jubel quittiert. Als der Henker auf die Richtstätte sprang, wurde es mit einem Schlag still. Tausend Augen starrten auf die Gestalt im schwarzen Mantel, den der Wind tanzen ließ. Die Narbe auf seiner Wange wirkte im Morgenlicht wie ein tiefer Schnitt. Die Muskeln an seinem Hals erinnerten an eingemeißelte Stränge. Er schien mehr Kreatur als Mensch zu sein.

Ängstliche, hässliche, glasige Augen sahen den Henker an. Er ließ den Blick über die Menge gleiten. Er spürte ihre Kraft, sog sie ein. Sein Inneres blähte sich auf. Es war einer jener Momente, in denen sich der Henker allmächtig fühlte.