Herrscher der Eisenzeit - Ralph Hauptmann - E-Book

Herrscher der Eisenzeit E-Book

Ralph Hauptmann

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Beschreibung

Die faszinierende Welt der Handelsherren, Krieger und Druiden

Sie sind geheimnisumwittert wie kaum ein anderes europäisches Volk: die Kelten. Von ihren antiken Nachbarn wurden sie erst als geschäftstüchtige Händler und Kunsthandwerker geschätzt, später als Barbaren gefürchtet. Ihren Priestern und Druiden wurden Weisheit und magische Fähigkeiten zugesprochen. Bildhaft und in Szenen von filmischer Unmittelbarkeit erzählt Ralph Hauptmann die Geschichte der Kelten – historisch genau recherchiert, packend und anschaulich wie selten zuvor.

Vor mehr als 2000 Jahren waren keltische Stämme die bedeutendsten Bewohner des nordalpinen europäischen Kontinents. Von Irland bis in die Türkei haben sie ihre Spuren hinterlassen. Kostbare Fundstücke, kunstvoll verzierte Schwerter, Bronzestatuen und Goldschmuck aus Grabungsorten wie der Heuneburg, La Tène oder Hallstatt geben uns ein Bild vom Reichtum der keltischen Herrscher. Sie lebten in enger Verflechtung mit ihren Naturgöttern. Viele Mythen ranken sich um sie: Mystische Kultplätze mit magischen Steinformationen und keltische Sagenwelten wie die von König Artus beflügeln bis heute unsere Fantasie. Doch was davon ist wirklich keltisch? Und wie viel von dem, was uns noch heute täglich umgibt, ist keltischen Ursprungs, ohne dass wir es wissen? Ralph Hauptmann schildert fesselnd Aufstieg und Untergang der Kelten – Geschichte hautnah und spannend!

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Seitenzahl: 722

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ralph Hauptmann

Herrscherder Eisenzeit

Die Kelten – auf den Spureneiner geheimnisvollen Kultur

Für Nadja

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Redaktion: Sabine vom Bruch

Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

eISBN 978-3-641-10767-3V002

www.heyne.de

Inhalt

Am Anfang war ... Auf der Suche nach dem Ursprung der Kelten

Prolog

Begegnungen

Fragen über Fragen

Der Anfang

Das Bild fügt sich zusammen

Kelten oder Gallier? Oder was? – eine Theorie

Krieg der Welten anno 750 v. Chr.

Die Herren der Burgen und der HandelswegeDie »Hallstattkelten«

Der Reichtum des Berges

Ein Ort wird zum Gattungsbegriff

Hallstatt – Metropole der Frühkelten

Das letzte Element

Das Eisen kommt!

Der Luxus der Hallstattfürsten

CSI Hallstatt: Warum die ersten Kelten keine Krieger waren

Auffallen um wirklich jeden Preis

Kunst und Veränderungen

Die Spur der Rhomben und Kreise

Die ersten Zeichen

Machtkämpfe im Mittelmeer – Teil I

Der Konflikt bricht aus

Machtkämpfe im Mittelmeer – Teil II

Krieger, Erfinder, Heilige und GelehrteDie Kelten der La-Tène-Zeit

La Tène – Die »wahren Kelten«

Ein Leben für den Krieg

Vom Kind zum Krieger

Lanzen, Schwerter, Kettenhemden – kleine keltische Waffenkunde

Der große Tag: die erste Schlacht

Keltische Kriegführung – strukturiertes Chaos?

Primitive Gesellschaften am Rande der Zivilisation?

Von Riten und Symbolen

Stämme, Clans, Allianzen und Wechselspiele

Die Druiden: heilige Männer oder heimliche Herrscher?

Die Frauen der Kelten: schön, mutig, fruchtbar, promiskuitiv…

Das Feuer im Kopf – die Religion der Kelten

Ein religiöses Leben

Die stärkste Waffe der Kelten – die Unsterblichkeit

Seelenjäger – Seelenbeschützer

Leben mit den Göttern – geben und nehmen

Rituale: Dialog mit den Göttern

Land der Wilden, Land der Dunkelheit

Terra incognita

Kunsthandwerk und Handwerkskunst

Von Analphabeten und Geheimsprachen

Schamanen, Heilpraktiker und Chirurgen

Drei Nächte, siebzehn Winter und gute Zeiten – schlechte Zeiten

Blätter, Blüten, freie Formen – die Kunst der Kelten

Zeigen, wer man ist

Ein Stil offen für alles – aber unverwechselbar

Agrarwissenschaftler, Regenbogenschüsselchen und Handel im großen Stil

Die Früchte der Felder…

… und der Weiden und Wälder

Nur Bares ist Wahres? – von Münzen, die kein Geld sind

Handel im großen Stil – die Handelsstädte der Kelten

Zu verschieden? Oder zu identisch?

Celts International Inc. Das Weltreich der Kelten von Irland bis Anatolien

Gesandte, Flüchtlinge, Abenteurer – die große Unruhe beginnt

Des Menschen Wille…

… oder die Zeichen der Götter

Das Streben nach Ruhm, Ehre und Wohlstand

Der Auftakt – Kelten gegen Etrurien und Rom

»Kriegerland« jenseits und diesseits der Alpen

Auf verlorenem Posten zwischen zwei Fronten

Der Feind meines Feindes… ist mein Feind? – ein diplomatischer Lapsus mit Folgen

Von Rom bis Telamon – das Bild verändert sich

Panischer Schrecken und weiße Jungfrauen – Kelten gegen Griechenland

Im Land des Alexander

Wettlauf mit der Zeit – zum Tor in das »Wahre Griechenland«

Krieg der Götter

Im Reich des Attalos – Kelten gegen Pergamon

Die Geister, die ich rief …

Von unbequemen Nachbarn und Elefanten

Ein Raubstaat von des Königs Gnaden

Die Kunst der Geschlagenen

Ein neuer Mitspieler am kleinasiatischen Tisch

Der Dorn im Fleische Roms – die spanischen Kelten

In unheiliger Allianz – Kelten im Dienst Karthagos

Kelten, Iberer und fließende Grenzen

Neue Herren und Untertanen, die keine sind

Vergessene Vereinbarungen, gebrochene Verträge – Roms Kriegführung in Spanien

Schlachtfeld der Verlierer

Die Fäden der Macht in einer Hand

Die letzte Festung fällt

Gallischer Krieg oder Krieg der Gallier?

Hilferuf mit Folgen

Krieger aus dem Norden und Zeiten der Entscheidung

Ambitionen und Intrigen: die Helvetier

Der Preis der Freundschaft – Rom gegen Ariovist

Germanische Kelten – eine gefährliche Mischung

Ganz im Westen

Der Schwelbrand

Cenabum bis Alesia: der letzte Akt

Am Rande des Imperiums Die britannischen Kelten

Über die Grenzen hinaus

Unbekanntes Land jenseits des Wassers

Eingewandert oder eingeboren?

Ein Kelte namens Comm

Die Römer kommen

Wechselndes Kriegsglück – und wieder Comm

Kein Sieg und doch ein Sieg – und noch ein Opportunist

Siebenundneunzig Jahre Ruhe?

Der Fuß in der Tür…

Veränderungen

Von Muscheln und glücklosen Herrschern

Der Zorn einer Frau gegen Rom

Die ersten Vorstöße

Ein Mann auf der Flucht, eine Frau und ihre Nähe zur Macht

Ämter, Amtsmissbrauch und seine Folgen

Kurzschwerter gegen Bannsprüche

Boudicca heißt »Sieg«

Das Verschwinden der britannischen Kelten

Beruhigung

Mit der genagelten Sandale

Ein Volk verschwindet

Zusammenbruch

Die römische Provinz Britannia

Umbruch

Ein dunkles Zeitalter voller Licht, Schotten, die eigentlich Iren sind, und eine Insel voller Heiliger Die letzten Kämpfe der alten Kelten

Die Jahre nach Rom

Britannien – die neuen Königreiche

Die ewig Renitenten

Die neuen Herren

Machtspiele und Fehleinschätzungen

Arthur, Camelot und die Tafelrunde – Mythos, Spekulation, Wahrheit

Bis an die Grenzen

Die Jahre nach Arthur

Neue Verbündete und neue Grenzen

(Fast) am Ende der Welt

Zurückgedrängt und abgeschnitten

Land der »Seeräuber« und der »Bemalten«

Geheimnisvolle »Steinmenschen«

Die »Seeräuber«

Familienbetrieb

Das Ende des »wahren« Albas

Krieger, Legenden und Heilige

Der Anfang – eine Legende

Der Anfang – die historischen Realitäten

Plündern, Stehlen, Töten – die Gesellschaft der Helden

Die neue Macht – die Klöster im Lande der Kelten

Wettlauf im Namen Gottes

Und wieder Räuber und Plünderer

Frauenraub mit Folgen

Hibernicis ipsis Hiberniores – »Irischer als die Iren«

Ein Weltreich verschwindet

»Cymru am Byth«, »Eirinn Go Bra« und »Celtic Woman«Eine keltische Reise durch Zeit und Raum

März 2005 n. Chr.

Die Wiederentdeckung der Kelten

An den Rand gedrängt und fast vergessen

Der »Edle Wilde«

Die zu den Göttern sprechen

Wenn Sprachen sterben

Verbieten, Vergessen, Verdrängen und Verordnen: Sprachen, Politik und heimliche Helden

Die Feste Fremder

Die neuen Feinde?

Gefunden und verloren

Gekommen, um zu bleiben

Gegangen, um zu überleben

Leben wir in einer keltischen Welt?

Anhang

Literaturverzeichnis

Museen

Textquellennachweis

Bildquellennachweis

Orts-, Personen- und Sachregister

Am Anfang war ...

Auf der Suchenach dem Ursprungder Kelten

Prolog

Begegnungen

Die Schläge seines Herzens dröhnen wie Kriegstrommeln in seinen Ohren, so laut, dass sie jedes Geräusch seiner Umgebung übertönen. Seine Tunika ist trotz der Kühle des halbdunklen Eichenwalds schweißnass. Ein verstohlener Blick in die Runde sagt ihm, dass es den Kriegern, die ihn auf seiner Mission begleiten, nicht viel anders geht. Ihre Hände umklammern krampfhaft die Griffe der locker an den Schultergurten hängenden Schwerter, sodass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Die runden Schilde haben sie sich auf den Rücken geschnallt, wie bei jedem Marsch durch unsicheres Gebiet, wo man hinter jedem Baum oder Felsen einen Hinterhalt vermutet. Sie sind nervös und ängstlich, zucken bei jedem Geräusch zusammen. Ihre Köpfe drehen sich hin und her, während sie spähend Ausschau halten. Demetros atmet tief ein und spürt, wie die Angst ihm die Kehle zuschnürt. Ja, die Krieger, die seine Stadtherren zu seinem Schutz abgestellt haben, fürchten sich vor dem, was vor ihnen liegt, genauso wie er selbst. Kein wirklich beruhigender Anblick.

Doch er hat keine Wahl. Die Anweisungen, die er von seinen Herren, den Obersten der Stadt Massalia erhalten hat, sind eindeutig. Genauso eindeutig haben sie klargemacht, dass sie eine Ablehnung seinerseits nicht akzeptieren würden. Sie sähen keine andere Möglichkeit, hatten sie ihm erklärt. Sicher, Massalia sei eine Hafenstadt, doch seit die Karthager den Seeweg durch die Straße von Gibraltar nach Tartessos, dem bis dahin wichtigsten Umschlaghafen für das wertvolle Zinnerz, versperrten, wurde es nötig, die bislang unbeachtet gelassenen Landhandelswege zu erschließen. Die Stadtherren hatten vom griechischen Mutterland den Auftrag erhalten, Kontakt mit den Stämmen aufzunehmen, die im Norden an den wichtigsten Knotenpunkten der Zinnhandelslinien lebten, und sich mit diesen gut zu stellen. ›Was immer es kosten möge!‹ Dieser Satz klingt Demetros immer noch in den Ohren.

Er schüttelt den Kopf. ›Was immer es kosten möge!‹ Und wenn dieses ›was immer‹ nun sein Leben ist? Für die Massalioten, die sich jahrzehntelang ausschließlich auf den Seehandel konzentriert hatten, ist das Gebiet, durch das sie sich seit mehreren Tagen bewegen, völliges Neuland. Besiedelt, wenn man den Erzählungen einzelner Reisender glauben darf, von wilden Stämmen, die nackt kämpfen! Die ihren Feinden die Köpfe abschlagen und als Schmuck in ihren Häusern aufbewahren! Und die Unmengen Wein trinken. Unverdünnt! Was für Barbaren!

Letzteres ist zumindest ein Ansatzpunkt. Und so hat Demetros vor acht Tagen mit fünf von Ochsen gezogenen Wagen voller Weinamphoren die hellen, sauberen Straßen und vor allem die schützenden Mauern Massalias verlassen, um mit eben diesen Barbaren über die Teilnahme an dem über Land und die Flüsse stattfindenden Zinnhandel zu verhandeln. Schon nach zwei Tagen hörten die schönen, ausgefahrenen Wege auf. Von da an ging es weiter über etwas, was kaum den Namen Feldweg verdiente; wenig benutzte Pfade, die oft völlig im Gras verschwanden. Niemandsland! Nein, schlimmer noch, Barbarenland! Ganze zehn Krieger hatten ihm die Stadtherren bewilligt! Zehn Krieger gegen eine unbekannte Zahl von Kopfjägern! Unbewusst wendet Demetros sein Gesicht gen Himmel. Doch selbst die Götter scheinen ihm das Mitleid versagen zu wollen. Dicke Wolken ziehen bedrohlich tief über die Wipfel der riesigen Eichen hinweg. Seinem Schicksal ergeben senkt er den Blick und trottet weiter.

Ein Schrei reißt ihn aus seinem wohligen Selbstmitleid. Blitzschnell dreht Demetros sich um und sieht gerade noch, wie einer seiner Krieger mit einem Pfeil in der Brust zu Boden fällt. Ein weiterer stirbt mit einem Pfeil im Hals, noch ehe er das Schwert ziehen kann. Und dann sind sie da. Zwanzig, dreißig! Von allen Seiten kommen sie!

›Das ist das Ende!‹, durchzuckt es Demetros. Ohnmächtig sieht er, wie noch zwei seiner Kämpfer unter den Lanzenstichen der Angreifer fallen.

Er schließt die Augen.

Die Schreie um ihn herum werden lauter. Kommen näher. Er presst die Augen noch fester zusammen in Erwartung der Schmerzen, die ihn in die ewige Dunkelheit reißen werden. Demetros ist kein mutiger Mann. Er ist fast 50 Jahre alt, klein und etwas beleibt, ein wohlhabender Händler eben, dem man den Wohlstand ansieht, und für den schon die Reise als solche eine unsägliche Strapaze bedeutet. Selbst wenn er seinen Dolch zöge, er hätte keine Chance.

Plötzlich verstummen die Schreie. Demetros wartet, doch nichts passiert. Dann hört er Gemurmel. Ganz vorsichtig öffnet er die Augen.

Um die Wagen herum liegen etwa 15 tote Männer. Sechs davon sind seine eigenen, die anderen gehören zu den Angreifern. Aber wie …?

Dann sieht er sie. Sie stehen da, auf ihre fast mannshohen Schilde gestützt, unterhalten sich in kehligen Lauten oder sehen ihn einfach nur an. Einer kniet neben einem von Demetros’ Männern, der verletzt auf dem Boden liegt.

Demetros schreckt zusammen, als ein großer – wirklich großer! – Krieger der Fremden auf ihn zutritt. Der sieht die Angst in Demetros’ Augen und hebt schnell die Hand zu einer beruhigenden Geste. Demetros schaut ihn verständnislos an, dann begreift er: Die toten Angreifer sind in schmutzige, zum Teil zerrissene Hemden gekleidet. Ihre Waffen sind grobe, selbst gebaute Lanzen, Steinschleudern. Hier und da liegen vereinzelt Pfeilköcher und Bogen herum. Die Krieger, die hier vor ihm stehen, tragen dagegen wertvolle Schwerter und Dolche, Waffen für den Kampf Mann gegen Mann. Ihre Kleidung ist grellbunt, wirkt gepflegt und sauber. Den Kopf des Kriegers, der jetzt direkt vor Demetros steht, bedeckt ein metallener Helm mit seitlich angesetzten großen Hörnern. Und seine Augen sehen Demetros keineswegs unfreundlich an.

Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen. »Danke!«, sagt er, in dem er auf die am Boden liegenden Räuber zeigt. Dann legt er seine Hand auf die Brust. »Demetros«, sagt er.

Sein Gegenüber zeigt auch auf die toten Männer und sagt dabei ein Wort, das bei Demetros nur als Gurgeln ankommt, dessen Tonfall jedoch keinen Zweifel an der mangelnden Wertschätzung gegenüber den toten Gegnern lässt. Dann legt er ebenfalls die Hand auf die Brust. »Bolg.«

»Bolg«, wiederholt Demetros.

Der andere nickt. Dann hebt er den rechten Arm und deutet einen Kreis an, der sowohl Demetros als auch seine umstehenden Krieger einschließt. Dann deutet er in die Richtung, in die Demetros’ Reise weitergegangen wäre. Noch einmal zeigt er auf alle Männer, dieses Mal schließt er auch die Wagen mit den Weinamphoren ein. Jetzt hat Demetros verstanden. Die einsame Reise seiner kleinen Gruppe hat ein Ende gefunden. Die fremden Krieger werden sie leiten. Demetros macht erst die umfassende Bewegung des Anführers, zeigt dann auch in die Richtung, hebt fragend die Schultern und kehrt die Handflächen nach oben. »Wohin?«

Sein Gegenüber versteht. Er wiederholt die Bewegung und sagt dann ein Wort, das in Demetros Ohren so ähnlich klingt wie Kelti …

Fragen über Fragen

Ob die ersten Begegnungen griechischer Händler mit den Kelten tatsächlich so verlaufen sind, sei einmal dahingestellt. Belegt ist jedoch der Name des Volkes … Oder doch nicht …?

Historisch berichtet wird über die Kelten relativ spät. Um 700 v. Chr. spricht der griechische Dichter Hesiod von den »Hyperboreern«, dem »unbekannten Volk jenseits des Nordwinds« (womit er vermutlich die Alpen meint). Um 450 v. Chr., ca. 90 Jahre nach der fiktiven Begegnung von Demetros, dem Händler aus Massalia – dem heutigen Marseille – und Bolg, dem keltischen Krieger, berichtete der griechische Reisende und Geschichtsschreiber Herodot als Erster von den Kelten, die hinter den Säulen des Herkules (der Meeresenge von Gibraltar) leben. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kelten für den externen Beobachter (in diesem Fall Herodot) also bereits als Volk erkennbar, das sich offensichtlich auch selbst so bezeichnete. Und wenn es das tat, dann sicher nicht erst ab dem Tag, an dem Herodot bei ihnen auftauchte. Stellt sich die Frage: Ab wann nannten sie sich »Kelten«?

Die Kelten hatten keine Schrift und haben daher ihre Geschichte nicht schriftlich niedergelegt. Schriftliche Berichte über Begegnungen mit Kelten sind von den griechischen und römischen Autoren Herodot und Plinius dem Älteren überliefert. Allerdings fließen die Erkenntnisse anderer Wissenschaften, wie Archäologie, Linguistik und vergleichende Völkerkunde in unser Wissen über die Kelten ein. Daraus ergeben sich Theorien mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad – mit allen Defiziten.

Wissen wir denn, ob uns die Archäologie ziemlich viel oder eher relativ wenig über die Lebensweise dieses Volkes eröffnet hat? Wie viel wurde von Grabräubern und Schatzjägern zum Teil unwiederbringlich zerstört?

Und verursacht nicht der Drang, alles zu systematisieren, Zeitepochen und Kulturkreisen zuzuordnen, ebenfalls Verständnisprobleme und Irrtümer? Schulbücher sprechen von Stein-, Bronze- und Eisenzeit und geben dazu ungefähre Jahreszahlen an. Aber: Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation ist ein fließender Prozess. Es gibt kaum einen Teil dieses Prozesses, der nicht mit den anderen Elementen interagiert. Wenn ich am Knoten eines Netzes ziehe, bewegt sich nicht nur dieser Knoten, sondern alle angrenzenden ebenfalls. Je stärker der Zug, also je einschneidender das historische Ereignis, desto weitreichender die Folgen. Natürlich kann ich aus einem Zeitstrahl ein Stück herausschneiden und ihm einen Namen geben. Aber ist das – außerhalb von Gliederungsschemen für Museen und Kapitelunterteilungen von Lehr- und Sachbüchern – wirklich sinnvoll?

Also noch einmal: Ab wann nannten sich die Kelten ›Kelten‹?

Oder besser: Ab wann waren sie wirklich Kelten? Und: Was hat sie dazu gemacht? Also letzten Endes: Wie weit müssen wir wirklich zurückgehen, um den Ursprung der Kelten zu finden? 3000 Jahre? 5000? Oder noch weiter?

Beginnt ihre Geschichte schon, als um 4500 v. Chr. Kenntnisse über die Methoden der Landwirtschaft entlang der Donau nach Europa gelangen und die Lebensweise der Jäger und Sammler verdrängen? Die Donau verbindet wie eine »prähistorische Fernverkehrsstraße« über eine Strecke von 2850 Kilometern hinweg die ukrainische Schwarzmeerküste mit Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Ihr Name (zum Beispiel in der Form Danu) taucht dementsprechend als weiblicher Gottheitenname in vielen Agrarkulten des nordalpinen Europa auf.

Liegt der Ursprung der Kelten vielleicht bei den Erbauern von Stonehenge in Südengland oder an der Megalithenstraße von Carnac am Golf von Biscaya in Frankreich oder auch in den Grabanlagen von Newgrange in Irland in der Zeit zwischen 3500 und 2500 v. Chr.? Bei diesen jungsteinzeitlichen Bauern, die nicht nur Ackerbau und Viehzucht beherrschten, sondern auch über umfangreiche Kenntnisse der Astronomie verfügten?

Kann man vielleicht von Kelten sprechen, als um 1700 v. Chr. die Streitaxtkrieger aus dem Kaukasus nach einer mehrere Jahrhunderte währenden Reise in Europa anlangen und dort auf entwickelte landwirtschaftliche Gemeinschaften treffen und mit ihnen verschmelzen? Als Symbiose aus einer Nahrungsmittel produzierenden Basis und kriegerischem Überbau? Jene Krieger, deren hervorstechendes Merkmal die steinerne oder kupferne Streitaxt ist? Denselben, denen es gelingt, über ein riesiges Gebiet ein einheitliches Wirtschafts- und Wertesystem zu erschaffen, auf dessen Grundlage wiederum ein einheitliches Sprachsystem entsteht? Eine Art »Ursprache«, von der sich alle großen Kultursprachen ableiten: das Altindische (Sanskrit), das Persische, das Griechische, das Italische, das Slawische, das Germanische und nicht zuletzt auch das Keltische?

Oder verdankt das nordalpine Europa seine eigene (keltische?) Identität sogar gänzlich externen Einflüssen? Wie dem Zusammenbrechen der großen Bronzezeitkultur Mykenes Mitte des 12. vorchristlichen Jahrhunderts? Als die Gemeinschaften des Nordens aufhören, reine Rohstofflieferanten für den Mittelmeerraum zu sein und stattdessen gezwungen sind – in Ermangelung der Impulse von außen – mehr Energie auf die Entwicklung eigener Techniken, Methoden, Muster, Ornamente und Formen zu verwenden?

Ist es am Ende der Beginn der ersten großen Völkerwanderung in der ungarischen Tiefebene, die nur wenig später neue landwirtschaftliche »Spezialisten« in die Region um die obere Donau herum bringt, in die Gegend um die Schweizer Seen und in die Täler des oberen und mittleren Rheins? Die sich dort auf der Grundlage einer neuen, leistungsstarken Landwirtschaft niederlassen und die Entwicklung neuer komplexer Gesellschaftsstrukturen ermöglichen und Europa damit ein neues Gesicht geben?

Die Wahrheit ist: Keines dieser Ereignisse kann natürlich für sich allein in Anspruch nehmen, den Beginn eines »keltischen Zeitalters« zu markieren. Erst in der Summe führen sie dazu, dass im nordalpinen Europa bis zum Ende des 12. vorchristlichen Jahrhunderts weitverbreitete Gemeinschaften entstehen, die so viele Gemeinsamkeiten aufweisen, dass sie als miteinander verwandt und als Kerngebiet des keltischen Siedlungsraumes gelten können. Es ist wie ein Puzzle, das über etliche Jahrhunderte aus vielen kleinen und großen Teilen zusammengesetzt wird. Ende des 12. Jahrhunderts v. Chr. liegen schließlich die wichtigsten großen Teile als eine Art Grobmatrix vor: eine effektive Landwirtschaft, die Überschüsse erwirtschaftet und Spezialisten wie Handwerker, Priester und nicht zuletzt auch Krieger ernähren kann, einheitliche Handelskonventionen und eine durch das zeitweilige Wegbrechen der Mittelmeereinflüsse entstandene gemeinsame geistige Identität, die nicht zuletzt auch Ausdruck in einer gemeinsamen Sprache findet.

Der Zeitenfluss in der Geschichte. Verschiedene Sachverhalte erfordern verschiedene Zeitrechnungen bzw. Epocheneinteilungen. Diese Darstellung soll die im Buch verwendeten Begriffe in einen zeitlichen Zusammenhang bringen. Oben: Die Epochenbegriffe entsprechend der hauptsächlich für Werkzeuge und Waffen verwendeten Materialien. Mitte: Die Kulturepochen im Zusammenhang mit den Kelten, vor allem basierend auf Kunststilen. Unten: Die Zivilisationsstufen in der Betrachtung des gesamtgesellschaftlichen Bildes.

Der grobe Rahmen ist gesteckt. Jetzt gilt es kleine »Puzzleteile« zu suchen, die noch vorhandenen Lücken zu füllen und zu prüfen, ob dem Gebilde aus immer noch lose verbundenen Gemeinschaften ein unverwechselbarer Charakter verliehen werden kann. Das eine oder andere dieser »Puzzleteile« werden wir jedoch wahrscheinlich nie entdecken.

Noch ein Wort, bevor wir in die geheimnisvolle Welt der Kelten eintauchen. Kein einzelnes Buch kann es leisten, dieses Thema mit all seinen Facetten ausreichend zu beleuchten. Ich konnte hier nur Schwerpunkte setzen, dieses zwangsläufig zulasten der Tiefe an anderen Stellen. Hier kann ich nur auf die umfangreichen Literaturempfehlungen und Quellenangaben im Anhang verweisen. Für diejenigen, die noch tiefer eintauchen möchten, habe ich in einem weiteren Anhang eine Übersicht über Museen, Ausstellungen und archäologische Stätten beigefügt, die in jedem Fall einen Besuch wert sind.

Der Anfang

Das Bild fügt sich zusammen

Um 1200 v. Chr. bricht mit der mykenischen Palastkultur eines der mächtigsten Zentren der Bronzeverarbeitung im Mittelmeerraum, zusammen. Über die Gründe wurde viel spekuliert; im Endeffekt liegt die Wahrheit wohl in der Summe verschiedener Faktoren, angefangen bei Wirtschaftskrisen wegen des Wegbrechens bedeutender Handelspartner in einer sich ständig verändernden Welt, über interne Zwiste bei den mykenischen Dynastien bis hin zu Naturkatastrophen wie Erdbeben. Im Ergebnis kommt Mykenes Seehandelsnetz im Mittelmeer annähernd zum Erliegen, als die Straße von Gibraltar in den Machtbereich der Karthager fällt. Das ändert jedoch nichts am Rohstoffbedarf im Mittelmeerraum. Als Alternative zu den unterbrochenen Seehandelswegen entstehen neue Handelsstraßen, und zwar über Land. Schon bald gibt es eine »Zinnstraße« vom Mittelmeer zur Atlantikküste und von dort aus weiter nach Cornwall und eine »Bernsteinstraße« von der Adria bis zur Ostsee.

Das Entstehen dieser Handelswege hat drastische Folgen. Das Hinterland der ehemals lebendigen Hafenstädte gewinnt auch abseits der Rohstofflagerstätten an Bedeutung. Die gesellschaftlichen Strukturen festigen sich und werden komplexer, jetzt, da man nicht mehr nur auf die Rolle des reinen Rohstofflieferanten reduziert ist. Die neuen Handelsreisenden aus dem Süden müssen feststellen, dass die Bevölkerung entlang der Handelswege nicht mehr aus einfachen bäuerlichen Gemeinschaften ohne Ansprüche besteht. Die fortgeschrittenen landwirtschaftlichen Methoden ernähren inzwischen auch Künstler, Priester sowie professionelle Krieger und erlauben damit also eine Spezialisierung in andere Berufe als der selbstversorgenden Landwirtschaft. Dazu kommt, dass die Territorien nördlich der Alpen nicht wirklich das sind, was man als uneingeschränkt sicher für Händler bezeichnen möchte. Im Nordwesten, dem Gebiet der heutigen Benelux-Staaten, geht die Ausbreitung der neu entstehenden Kultur (die man aufgrund ihres Begräbnisrituals »Urnenfeldkultur« nennt) weiter. Das geschieht nicht immer friedlich und hält das Land in Bewegung. Und im Norden und Nordosten hausen unberechenbare wilde Völker, die später einmal Germanen genannt werden. Ob den Händlern nun wirklich eine akute Gefahr droht, ist aus heutiger Sicht kaum abzuschätzen. Zumindest jedoch muss sich ein Reisender aus dem Süden auf eine Vielzahl nur schwer kalkulierbarer Risiken einstellen.

Nun ist ein funktionierender Fernhandel über mehrere Tausend Kilometer aber auf geregelte Verhältnisse angewiesen. Man stelle sich Folgendes vor:

Ab 1100 v. Chr. gibt es bei den Urnenfeldgemeinschaften, die die Regionen entlang der alten und neuen Handelsrouten bevölkern, bereits Ansätze eines strukturierten Gemeinwesens: Bauern, die die Lebensgrundlage erwirtschaften, Händler, die Dinge beschaffen, die der Stamm nicht selbst herstellt, und Krieger, die dafür sorgen, dass all dies ungestört geschehen kann. Wahrscheinlich hat man frühzeitig erkannt, dass es ein recht einträgliches Geschäft ist, Händlern aus dem Süden den freien Durchzug durch das Stammesterritorium nicht einfach nur zu gestatten, sondern ihnen im Gegenteil sogar Schutz anzutragen. Das ganze natürlich gegen ein gewisses Entgelt in Form von Gütern, die es im nordalpinen Europa nicht gibt, wie Wein und Keramik. Vielleicht kann man ja – gegen Provision natürlich – sogar als Vermittler für Geschäfte mit Regionen auftreten (dem wilden Norden zum Beispiel), in die sich die Händler aus dem Süden ohnehin nur sehr ungern höchstselbst begeben möchten?

Dieses Geschäftsmodell erweist sich für die Stämme entlang der nordalpinen Handelsrouten als extrem lukrativ. In der Zeit zwischen 1100 und 800 v. Chr. entwickelt sich aus den Anfängen der spätbronzezeitlichen Urnenfeldkultur eine interessante gesellschaftliche Struktur: An der Spitze der lokalen Gemeinschaften stehen einzelne reiche Handelsherren, die die Handelswege kontrollieren, dieses mit Hilfe professioneller Kriegergruppen, deren Anführer sie am Luxus teilhaben lassen. Es entsteht ein Geflecht von Abhängigkeiten und neuen Verhaltens- sowie Verteilungsregeln. Völlig neue Gegenstände und Sachverhalte tauchen im täglichen Leben auf. Das hat zur Folge, dass sich die Sprache der Menschen in diesem neuen Wirtschaftsraum, die man bereits gegen Ende des 13. vorchristlichen Jahrhunderts als rudimentäre keltische »Ursprache« betrachten kann, noch deutlicher von der anderer Regionen abzugrenzen beginnt. Zwischen dem 11. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird diese lokale Weiterentwicklung der indogermanischen Ursprache zu etwas, was man in der modernen Linguistik als Handels- oder Verkehrssprache, als Lingua franca bezeichnet. Diese Handelssprache durchdringt allmählich alle Bereiche des Lebens und wird schließlich zur Alltags-, zur Umgangssprache.

Der Wohlstand, den die Handelsherren anhäufen, vielmehr jedoch der Teil davon, den sie verteilen, hebt ihren Status. Ab dem 9. vorchristlichen Jahrhundert entstehen neue Siedlungen, und in diesen erstmals Häuser, die von hoch angesehenen, wohlhabenden Führern bewohnt werden. Auffällig ist ebenfalls, dass genau diese Siedlungen nicht nur mit Gräben, Palisaden, Holz- und Steinmauern befestigt, sondern meist auch auf Hügeln gelegen sind. Die stadtbasierte Handelskultur der Frühkelten entsteht.

Die neue Gesellschaft wächst, gar nicht einmal so sehr territorial und zahlenmäßig, sondern vor allem in ihrer Geisteswelt und ihren Wertvorstellungen. Der Zufluss von Luxusgütern aus dem Süden und Südosten stabilisiert sich. Nach der Sperrung der Straße von Gibraltar durch die Karthager brauchen die Griechen die Landwege mehr denn je. Und nicht nur die Griechen. Das 8. vorchristliche Jahrhundert ist die Zeit des Erstarkens der Etrusker, die zu dankbaren Rohstoffabnehmern werden. Gleichzeitig entstehen bei den Frühkelten eigene spezialisierte Produktionszentren, die sich jeweils auf die Herstellung von Waffen, Dekorationen, Schmuck, Haushaltsgegenständen sowie Blattbronze zur Weiterverarbeitung oder für den Verkauf konzentrieren. Nach außen hin vermittelt diese Gemeinschaft durch ihre einheitlichen Handelskonventionen, und nicht zuletzt die einheitliche Sprache, den Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft.

In diesem Gemeinwesen nennen sich die Handelsherren selbst »die Hohen, die Erhabenen«, ein Wort, das in der gemeinsamen Sprache dieser Gemeinschaften lautmalerisch kelti heißt. Es soll sie abgrenzen, vor allem von denen, deren Dienste sie in Anspruch nehmen, um ihre Position zu sichern und ihren Wohlstand zu mehren: den Kriegern.

In ihrer Sprache: galli.

Kelten oder Gallier?Oder was? – eine Theorie

Etwas anders liegt die Sache mit den galli. Weder im Altgriechischen noch im Lateinischen taucht ein anderes, ähnlich klingendes Wort auf, außer dem Eigennamen, mit dem eben diese Völkerschaft bezeichnet wird (also galli bei den Römern und galatae bei den Griechen). Die Wurzel »gal-« scheint also eine rein »keltische« Wortschöpfung aus der Zeit nach dem Auseinanderfallen der »Ursprache« in die einzelnen Sprachfamilien zu sein. In den modernen keltischen Sprachen finden wir gal sowohl im Walisischen mit der Bedeutung »grimmig«, »wild«, als auch im irischen Gälisch, wo es direkt »kriegerisch« bedeutet.

Und warum nannten die Römer sie nun galli und die Griechen keltoi?

Die in diesem Kapitel beschriebene Entwicklung mag eine Erklärung bieten. Die Ansprechpartner der Griechen in der Phase der Kontaktaufnahme waren die keltoi, die Herren der Handelsrouten. Der Erstkontakt mit den Römern dagegen kam erst wesentlich später zustande. Hier waren es im 4. vorchristlichen Jahrhundert auch keine Händler, die über die Alpen gestürmt kamen, um Geschäfte zu machen, sondern die Kriegerhorden – galli – unter ihrem Fürsten Brenn, latinisiert Brennus, derselbe, der dem bekannten Alpenpass seinen Namen gegeben hat.

Auch die Griechen gingen im 3. Jahrhundert v. Chr. dazu über, verstärkt den martialischen Terminus galatae zu verwenden. Angesichts der keltischen Kriegerhorden, die plündernd und brandschatzend über Makedonien, Thrakien und Griechenland herfielen und später diese – den nachbarschaftlichen Gemeinschaftssinn nicht gerade fördernde – Lebensweise unter anderem als Söldnerheere im Dienste regionaler einheimischer Fürsten in Kleinasien fortsetzten, ist dieser Wandel nicht wirklich verwunderlich.

Krieg der Welten anno 750 v. Chr.

Die wohlhabende frühkeltische Handelsgesellschaft wächst und gedeiht über mehrere Jahrhunderte hinweg. Doch gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. geschehen seltsame Dinge. Es sind Ereignisse, die unauslöschbare Spuren hinterlassen, ohne dabei jedoch wirklich drastische Veränderungen zu bewirken. Über das, was da im 8. vorchristlichen Jahrhundert geschah, kann heute nur spekuliert werden. Fakt ist, dass es (was immer ›es‹ letzten Endes war) den Menschen solche Angst einjagte, dass viele ihre Siedlungen verließen und sich in entlegenere Gebiete zurückzogen. Bedingt mag hierfür ein Klimasturz verantwortlich sein, der mit viel Regen einherging. Gehöfte wurden oft an Gewässern errichtet, durch den Regen stiegen die Pegel und die Ufer wurden überschwemmt. Verstärkt wird jetzt auch um den Beistand der Götter gebeten. Die Tieropfer nehmen zu, doch nehmen die Götter sie anscheinend nicht wahr. Angesichts der Gefahr, die den Gemeinschaften droht, müssen die Opfer offenbar größer und wertvoller werden. Daher bieten die Menschen in ihrer Not das Wertvollste an, das sie besitzen: sich selbst. In Böhmen stießen Archäologen 1950 auf eine Höhle mit Tierknochen und den Überresten von 40 meist jungen enthaupteten Menschen. Dass es sich um den Schauplatz eines Rituals und nicht etwa das Entsorgen der Leichen von Ausgestoßenen handelt, beweist ein weiblicher Schädel, der zu einem Trinkgefäß umgearbeitet worden war.

Doch stellen das vereinzelte Verlassen angestammter Wohnsitze und das nachweisliche Ansteigen der Opferhandlungen nicht die einzigen Entwicklungen im 8. Jahrhundert v. Chr. dar. Mehr oder weniger unvermittelt halten einige neue Sitten bei den Frühkelten Einzug.

Eine der auffälligsten Veränderungen tritt bei der Fortbewegung ein: Die wohlhabenden Anführer der Kriegergruppen beginnen auf Pferden zu reiten, und zwar nicht nur von A nach B, sondern auch und vor allem im Kampf. In Gräbern aus dieser Periode findet man später vereinzelt neuartige Gebisstrensen, die ihren Ursprung definitiv außerhalb des keltischen Siedlungsgebietes haben.

Etwas später taucht eine lang vergessene Tradition im Zusammenhang mit Begräbnisritualen wieder auf: der Grabhügel, der mehr als 500 Jahre vorher der Urnenbestattung gewichen war. Allerdings gibt es eine kleine Veränderung. Wer etwas auf sich hält (und es sich leisten kann), der tritt seine Reise in die Andere Welt auf einem Wagen aufgebahrt an, dies in den Variationen »Wagen vollständig zusammengebaut«, »Wagen zerlegt« und »Wagen nur angedeutet«.

Es gibt keinen Zweifel. Hier waren fremde Einflüsse am Werk, denn speziell die Veränderungen im Begräbnisritual geschehen nicht von ungefähr, sondern stehen im Zusammenhang mit neuem religiösen Gedankengut.

Besonders das drastische Ansteigen der Opfertätigkeit in Verbindung mit dem Befestigen oder Verlassen von Siedlungen spricht für eine massive Bedrohung, der die Menschen sich ausgesetzt sehen. Doch wie ist in diesem Zusammenhang die Tatsache zu werten, dass man bis heute keinerlei Spuren ausgedehnter kriegerischer Auseinandersetzungen gefunden hat?

Ist es möglich, dass große Bevölkerungsgruppen aufgrund irgendwelcher böser Vorzeichen oder von Gerüchten in kollektive Panik verfallen?

1898 schrieb H.G. Wells den Roman Krieg der Welten, der erste Roman, der den Angriff außerirdischer, technologisch weit überlegener Wesen auf die Erde zum Thema hat. Vierzig Jahre später nahm Orson Welles diesen Roman zur Vorlage für ein Hörspiel, welches in den USA am Halloweenabend landesweit ausgestrahlt wurde. Die Reaktionen: Menschen flohen in Panik schreiend, weinend und betend aus den Städten, in der festen Überzeugung, dass das Ende der menschlichen Zivilisation unmittelbar bevorstünde. Dieses, wie gesagt, nicht im Mittelalter, sondern 1938; nicht bei einem Naturvolk in Südamerika, sondern in den USA. Und vor allem: nicht als Gag für eine Sendung mit versteckter Kamera, sondern explizit als Hörspiel angekündigt.

Nun stellen wir uns eine relativ friedliche Gesellschaft vor, in deren Gebiet eines Tages kleine Gruppen exotisch aussehender Reiter auftauchten. Diese berichten gar beunruhigende Dinge: Sie sind Angehörige der Kimmerer, einem mächtigen Kriegervolk, das lange Zeit in den Steppen nördlich und östlich des Schwarzen Meers gelebt hatte, die riesiger waren als alles, was die Kelten sich selbst je vorstellen konnten. Von dort seien sie von einem noch mächtigeren Volk, den Skythen, geschlagen und vertrieben worden. Die Skythen, ein Volk, das für seine Grausamkeit bekannt ist, würden sich aber nicht mit dem neu erstrittenen Territorium begnügen, sondern wären nun ebenfalls auf dem Weg nach Westen.

Der Reiseschriftsteller Herodot gibt uns ein farbenfrohes Bild der Skythen – und spart dabei auch nicht mit unappetitlichen Einzelheiten:

»Was den Krieg angeht, so sind ihre Sitten die Folgenden. Der skythische Krieger trinkt das Blut des ersten Mannes, den er im Kampf besiegt. Wie viele er auch erschlägt, er schneidet allen den Kopf ab und trägt sie zu seinem König, was ihm seinen Teil an der Kriegsbeute verdient, während er alle Ansprüche verlieren würde, käme er ohne Kopf … Die Schädel ihrer Feinde, bei Weitem nicht alle, sondern nur die, die sie am meisten verabscheuen, behandeln sie folgendermaßen: Nachdem sie den Teil unterhalb der Augenbrauen abgesägt und das Innere gereinigt haben, überziehen sie die Außenseite mit Leder. Wenn ein Mann arm ist, bleibt es dabei, doch wenn er reich ist, dann kleidet er das Innere mit Gold aus: In beiden Fällen wird der Schädel als Trinkgefäß verwendet. Sie tun das auch mit ihrer eigenen Verwandtschaft, wenn sie mit dieser eine Fehde ausgetragen und sie in Gegenwart des Königs besiegt haben. Wenn Fremde kommen, denen sie Hochachtung entgegenbringen, dann werden diese Schädel herumgereicht, und der Gastgeber erzählt, dass das seine Verwandten wären, die gegen ihm im Krieg gelegen hätten, und wie er sie besiegt habe. Das alles wird als Beweis der Tapferkeit angesehen.«

Nun sind die, die die Kunde von den herannahenden Skythen verbreiten und damit den »Krieg der Welten anno 750 v. Chr.« kreieren, nicht irgendwelche Händler, die sich interessant machen wollen. Es sind, wie gesagt, Angehörige eben jener Kimmerer, die von den Skythen vertrieben worden sind.

Der andere Grund, der für die tief greifenden Veränderungen bei den Stämmen im nordalpinen Europa genannt wird, ist der bereits erwähnte Klimasturz. Es regnet mehr, wird düsterer, kälter. Die Menschen in der späten Bronzezeit leben in einer tiefreligiösen Gesellschaft, unterhalten Priester, um mit den Göttern kommunizieren zu können. Für sie sind die Zeichen klar: Die Natur hat sich gegen sie verschworen und aus dem Osten nahen wilde, mordende und brandschatzende Horden. Das Ende ihrer Gesellschaft muss unmittelbar bevorstehen.

Ob und in welcher Zahlenstärke die Kimmerer wirklich nach Mitteleuropa gekommen sind, und welchen Einfluss sie tatsächlich ausgeübt haben, darüber streiten die Experten noch immer. Fakt ist: Sie waren ausgezeichnete Reiter, sie beerdigten ihre Obersten in Grabhügeln, und auch die Aufbahrung auf Leichenwagen ist für die Völker der Schwarzmeersteppen belegt.

Eher unwahrscheinlich ist, dass sich riesige Heeresverbände der Kimmerer in das Gebiet der spätbronzezeitlichen Frühkelten ergossen haben. Dazu wurden zum einen zu wenige Gebisstrensen kimmerischer Bauart gefunden, zum anderen wäre diese Einwanderung nicht ohne massive kriegerische Auseinandersetzung verlaufen. Diese hätten den Fernhandel mit dem Mittelmeerraum empfindlich gestört, was jedoch nicht der Fall ist.

Ein Szenario mit einem höheren Wahrscheinlichkeitsgrad ist dieses: Kleine Trupps von kimmerischen Reiterkriegern erreichen auf ihrer Flucht vor den Skythen Mitteleuropa und finden Zuflucht und später auch ihre letzte Ruhestätte bei den aufstrebenden Handelsherren, die – wie auch ihre Krieger – durchaus Gefallen an dem einen oder anderen Aspekt der kimmerischen Lebens- und Kampfesweise finden.

Es ist durchaus möglich, dass diese kimmerischen Krieger – nachdem sie den Frühkelten von der skythischen Bedrohung erzählt haben – von diesen nicht nur Asyl erhalten, sondern auch in die Dienste der Handelsherren eintreten, sozusagen als »militärische Berater«. Das würde auch die plötzliche Wiedereinführung des Grabhügels als Beerdigungsmethode für höhergestellte Krieger und wohlhabende Handelsherren und vor allem des Pferdes nicht nur als Lasttier, sondern vor allem als wirkungsvolle Angriffswaffe erklären. Dabei sind die Kimmerer noch nicht einmal Angehörige der Aristokratie ihres eigenen Volkes, da keines der Gräber, in denen man später die bewussten Gebisstrensen findet, die typischen Merkmale der letzten Ruhestätten von wohlhabenden oder hochgestellten kimmerischen Persönlichkeiten aufweist.

Noch einmal zurück zum »Krieg der Welten«. Die Skythen haben sich im 8. Jahrhundert v. Chr. tatsächlich in einer Westwärtsbewegung befunden und wurden 200 Jahre später sogar direkte Nachbarn der Kelten. Einen Versuch, diese ernsthaft anzugreifen, hat es jedoch nicht gegeben. Die Skythen selbst wurden später von den ebenfalls nach Westen drängenden Sarmatianern zerschlagen, einem rätselhaften Volk, das behauptete, von den Amazonen abzustammen.

Doch selbst, wenn die Bemühungen der kimmerischen Flüchtlinge ihren eigentlichen Zweck – die frühkeltischen mitteleuropäischen Gemeinschaften vor dem bevorstehenden Angriff der Skythen zu warnen – nicht erfüllen, haben sie unbewusst ein weiteres Element zu dem beigetragen, was wir die keltische Identität nennen.

Er spürt, wie der Weg unter seinen Füßen wieder ansteigt und bleibt stehen, legt den Kopf in den Nacken und atmet tief durch. Feiner Nieselregen fällt aus dem verhangenen Himmel auf sein Gesicht. Zu lange darf er sich nicht ausruhen, wenn er vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause sein will. Auch, wenn er den Berg kennt – immerhin ist er seit 15 Jahren Betriebsleiter des Bergwerks –, so merkt er doch gerade bei dieser Witterung immer öfter, dass er keine 20, sondern inzwischen ansehnliche 51 Jahre zählt.

Er blinzelt in das diffuse Licht, das die Septembersonne des Jahres 1846 durch die Nebelschleier wirft, und setzt sich wieder in Bewegung. Nach eineinhalb Stunden hat er sein Ziel erreicht. Prüfend lässt er seinen Blick über das vor ihm liegende Kiesfeld schweifen. Das sieht schon einmal vielversprechend aus, aber Genaueres kann natürlich nur eine nähere Untersuchung hinsichtlich der Ausdehnung und vor allem der Tiefe der Kiesschicht ergeben. Erst dann wird er entscheiden können, ob sich ein groß angelegter Abbau des von der Bauwirtschaft der Umgebung benötigten Materials lohnt.

Jetzt steht er am anderen Ende des Kiesfeldes, oder dem, was auf den ersten Blick wie das Ende aussieht. Beim näheren Hinschauen jedoch drängt sich ihm der Eindruck auf, dass der Kies hier nicht endet, sondern eher von dem vom Hang abgerutschten Erdreich bedeckt ist. Nun, das herauszufinden ist nicht sonderlich schwer. Er wird morgen mit Isidor, seinem Gehilfen, hier heraufsteigen und einige Meter hangaufwärts eine Probegrabung vornehmen. Oder sollte er vielleicht heute schon selbst einmal …?

Natürlich ist er neugierig. Man muss ja nicht so weit in den Hang steigen; einfach nur schauen, ob der Kies unter dem Erdreich weitergeht. Dazu setzt er den Rucksack ab, öffnet ihn und holt zunächst seine Metallflasche mit dem kalten, ungesüßten Tee heraus. Während er trinkt, suchen seine Augen nach einem geeigneten Platz zum Graben. Dort hinten, ja, das sieht gut aus. Er verstaut die Flasche wieder im Rucksack und löst den Riemen, mit dem er seinen kleinen Spaten außen aufgebunden hat. Seine dicke Bergjacke breitet er über den Rucksack aus. Die kühle, feuchte Septemberluft jagt ihm einen Kälteschauer über den jetzt schon schweißnassen Rücken. Dagegen hilft nur Bewegung. Energisch stößt er den Spaten in den Boden.

Das Graben bereitet Mühe. Das Erdreich ist nass und schwer und backt in Klumpen zusammen. Wieder und wieder muss er in die Knie gehen, um den Spaten wieder herauszubekommen. Er flucht, als das Spatenblatt sich erneut verfängt. Mit einem heftigen Schnaufer hebt er ihn an – und flucht erneut herzhaft, als der unförmige Erdklumpen von dem viel zu kleinen Blatt wieder in das Loch zurückplumpst. Wütend wirft er den Spaten zu Boden und kniet nieder, um den Klumpen mit den Händen herauszuheben. Er ist erstaunlich leicht. Aber was ist das? »Heilige Maria und Josef!«, entfährt es ihm. Ungläubig starrt er den Schädel an, den er in seinen Händen hält. Sein erster Gedanke: Ein Fall für die Gendarmerie. Doch dann siegt die Neugier. Er beugt sich in das Loch hinab und beginnt, mit den Händen vorsichtig das Erdreich zur Seite zu schieben. Fast gleichzeitig sieht er den Oberarmknochen und einen anderen festen Gegenstand, der offensichtlich nicht zum Skelett gehört. Es ist ein verkrusteter, fast gleichmäßig runder Ring mit einem Durchmesser von etwas mehr als einer Handlänge.

Johann Georg Ramsauer richtet sich auf. Was immer er hier gefunden hat, es ist genauso wenig ein Fall für die Gendarmerie wie die Mumie des Bergmannes, die man 1734, also vor mehr als einhundert Jahren, oben im Salz gefunden hat. Deshalb kann er auch nicht einfach so weiterbuddeln. Hier muss man mit System herangehen. Er steht auf und geht zurück zu seinem Rucksack. Diesmal greift er nicht zum Tee, sondern holt die kleine flache Metallflasche mit dem Obstler aus der Seitentasche. Und während die Wärme nach unten in den Magen wandert, ruht sein gedankenverlorener Blick auf der nebligen Oberfläche des unter ihm liegenden Sees …

Im Jahr 1846 findet der damals 51-jährige Bergmeister Johann Georg Ramsauer ungefähr 450 Meter oberhalb des steilen Westufers des Hallstätter Sees auf der Suche nach einem abbauwürdigen Kieslager zwei Skelette, ein bronzenes Schmuckband und eine Urne. Bereits im nächsten Jahr beginnt er – mit kaiserlicher Hilfe und der unermüdlichen Unterstützung von Isidor Franz Engl – das auszugraben, was sich als eine gigantische Nekropole aus der Zeit zwischen 800 und 450 v. Chr. entpuppt. Zwischen 1847 und 1863 findet Ramsauer 980 Gräber mit ungefähr 20000 Artefakten, die er minutiös protokolliert und grafisch festhält. Der Fund dieses Gräberfeldes, das, wie inzwischen bekannt ist, insgesamt zirka 2000 bis 2500 Grabstätten umfasst, wird von der Fachwelt als so bedeutend angesehen, dass der schwedische Forscher Hans Hildebrand im Jahr 1874, dem Todesjahr Ramsauers, erstmals den Namen des Fundortes zum Gattungsbegriff zur Beschreibung dessen erhebt, was damals noch als Abbild einer in sich geschlossenen Kultur gilt: Hallstatt.

Die Herren der Burgen und der Handelswege

Die »Hallstattkelten«

Der Reichtum des Berges

Ein Ort wird zum Gattungsbegriff

Er zuckt zurück, als nach seinem heftigen Schlag das lockere Gestein auf ihn herunterbricht. Beim Zurückfahren stößt er gegen eine der Holzstangen, die die Decke des Stollens abstützen sollen. Das knirschende Geräusch ist alles andere als vertrauenerweckend. Er wäre auch nicht der Erste, den der Berg erschlagen, zerquetschen oder ersticken würde.

Connog wartet einen Augenblick, doch da ist nichts außer dem metallischen Hämmern der anderen Arbeiter, die mit ihren bronzenen Pickeln den Berg bearbeiten. Er atmet tief die stickige, staubige Luft ein. Seine Augen brennen, und er spürt, wie die Salzkristalle unter seinen Achselhöhlen und in den Kniekehlen die Haut wund reiben. Das ist etwas, woran er sich nie gewöhnen wird. Doch die Zahl der hungrigen Mäuler zu Hause steigt, ganz im Gegensatz zum Ertrag der Felder unten im Flachland. Und so hat er keine andere Wahl, als jedes Jahr aufs Neue hierherzukommen. Hierher ins Salz. Nur so kann er seine Familie daheim entlasten und auch noch etwas mit nach Hause bringen, was man gegen zusätzliches Getreide oder Werkzeuge eintauschen kann. Aber die Zeit hier ist auch schon wieder fast vorüber. Bald wird es zu kalt und zu eisig sein, um noch in den Berg gehen zu können.

Stöhnend lässt er sich auf die Knie nieder, spürt, wie kleine scharfkantige Brocken schmerzhaft durch seine Hose dringen. Wenigstens einmal den Rücken durchdrücken! Er ist jetzt 30 Jahre alt, lange wird er diese Arbeit in halb gebückter Stellung nicht mehr machen können.

Und was dann?

Connog legt den Pickel zur Seite, zieht den ledernen Eimer näher zu sich heran und hebt mit rissigen Händen den größten der Steinsalzbrocken hinein. Diese Butte noch, und vielleicht noch die nächste, dann muss er erst einmal etwas essen. Oder vielleicht doch schon jetzt ein paar Happen …? Die Sonne draußen ist bestimmt schon über ihren höchsten Punkt hinweg. Verstohlen schielt er in Richtung seines kleinen Holzeimers, den er gleich neben seiner Fackel aus gerollter, in Harz getauchter Baumrinde in einer Felsnische abgestellt hat. Der Brei aus Buchweizen und Bohnen wird wie immer etwas salzig schmecken, von dem Staub, der selbst durch die kleinsten Ritzen dringt, aber wenigstens macht er satt bis zum Abend. Vielleicht gibt es ja dann wieder ein Stück Fleisch wie vor ein paar Tagen. Da hat der Herr, für den er und die fünf anderen das Salz schlagen, ihnen ein kleines Schaf gebracht …

Gewaltsam reißt er sich aus seinen Gedanken, nimmt noch einen Schluck Wasser aus dem Lederschlauch und beginnt, den schweren Ledereimer Richtung Stollenausgang zu zerren. Als er das erste Tageslicht sieht, zieht er in Erwartung der kalten Luft seine Kutte enger um sich, wischt sich den Schweiß von der Stirn und drückt sich seine Zipfelmütze über die Ohren. Am Stollenausgang muss er im ersten Moment seine Augen gegen das helle Licht des eigentlich trüben Tages schließen. Dann beginnt er den Abstieg zu der Stelle, an der das gebrochene Salz gesammelt wird. Über dem See unten im Tal bilden sich schon die ersten Nebel. Oder sind es noch die Schwaden vom Morgen? Aber wer von den Bergleuten hier im Salz hat schon Zeit, sich Gedanken um Nebel zu machen?

Connog ist einer von bis zu 500 Bergleuten, die jedes Jahr, solange es die Witterung zulässt, in den Berg steigen und das Steinsalz herausholen, dem die Region ihren Wohlstand verdankt. Salz ist über die letzten Jahre hinweg ein begehrtes Handelsgut geworden. Die Viehzucht hat im Vergleich zum Ackerbau an Bedeutung gewonnen; Fleisch ist nicht nur Grundnahrungsmittel, sondern auch Handelsgut. Und außer dem Räuchern ist Salz die einzige Möglichkeit, Fleisch zur Aufbewahrung und für den Transport auch über längere Strecken hinweg haltbar zu machen. Gepökelt wird bereits seit ungefähr 1300 v. Chr., für den Eigenbedarf. Für den Handel mit Fleisch sind jetzt jedoch ganz andere Salzmengen notwendig.

Diesen Schatz zu bergen ist in der ausgehenden Bronzezeit allerdings kein leichtes Unterfangen. Nur selten liegt das Salz an der Oberfläche, und so müssen Stollen in den Berg getrieben werden. Bis ca. 800 v. Chr. erfolgt der Abbau ausschließlich über vertikale Schächte. Ab da entsteht ein elaboriertes Schachtsystem, um den neuen Fördermengen gerecht zu werden. Der erste Teil des Stollens ist schräg angelegt, wegen der Be- und Entlüftung. Wo das Gefälle zu steil ist, wird die Neigung mit Baumstämmen überbrückt, in die Stufen eingeschlagen sind. Nach etlichen Metern geht der schräge Stollen dann in einen waagerechten über. Mit Bronzepickeln arbeiten sich die Männer in einem breiten Gang in den Berg vor, mit einer Geschwindigkeit von gerade einmal einem Meter pro Monat. Man arbeitet meist zu zweit; einer hält den Bronzepickel in Position, während der zweite mit einem schweren Hammer daraufschlägt. Das Salz wird dabei in großen Brocken mit einem Gewicht von bis zu 30 Kilo aus der Stollendecke geschlagen und in Butten aus Tierhäuten an die Oberfläche gebracht. Wobei spekuliert wird, dass aufgrund der Enge der Gänge vor allem Frauen und Kinder als Träger eingesetzt werden. Eine Weiterbearbeitung vor Ort gibt es nicht; die Steinsalzbrocken werden unbehandelt weiterverkauft.

Doch die Mühe lohnt sich, denn Salz macht reich. Speziell die Region um Hallstatt am gleichnamigen See in Oberösterreich blüht auf. Als einziger Salzanbieter im Umkreis von 300 Kilometern entwickelt sich Hallstatt nicht nur zu einem der Haupthandelszentren für Steinsalz, sondern auch zu einem Ort, an dem mit den Handelsstraßen auch technisches Know-how sowie verschiedenste kulturelle, soziale und religiöse Gedanken zusammentreffen. »Hall« ist übrigens nicht wie weithin angenommen (und vermarktet) das altkeltische Wort für »Salz« (dieses lautete saleino), sondern stammt aus dem Urgermanischen. Wenn es seinen Ursprung nicht sogar in der indogermanischen Ursprache hat, denn immerhin finden wir neben dem urgermanischen hallan »Salzkruste« das lateinische callum »harte, verkrustete Stelle«.

Hauptlieferant aller Informationen ist der zwischen 1847 und 1863 von Bergmeister Johann Georg Ramsauer planmäßig ausgegrabene Friedhof von Hallstatt. Ungeachtet aller Schwierigkeiten bei der Zuordnung und Interpretation der Funde, konnte inzwischen ein recht genaues Bild von den Arbeitsbedingungen derer gezeichnet werden, die den Wohlstand mit ihren Händen erschaffen haben.

Der erste nennenswerte Abbau beginnt schon um 1350 v. Chr.; aus dieser Zeit stammt auch die älteste erhaltene Holztreppe. Ab 800 v. Chr. ist er »im großen Stil« organisiert. Die bronzenen Pickel, mit denen das Salz geschlagen wird, sind da bereits durchdachte Weiterentwicklungen primitiver Urformen. Der Metallkopf sitzt auf einem Holzstiel, in den eine Verjüngung eingearbeitet ist. Das lässt das Werkzeug beim Aufschlag federn und vermindert somit den Gelenk schädigenden Rückschlag. Die Nahrung der Arbeiter ist eiweißreich, um der schweren körperlichen Arbeit Rechnung zu tragen. Hülsenfrüchte – speziell Bohnen – erfreuen sich dabei großer Beliebtheit. Aufgrund der Hochlage des Abbaugebietes müssen fast alle Lebensmittel aus dem Flachland auf den Berg gebracht werden. Eine einheitliche Kleidung für die Bergleute gibt es nicht, es wird alles verwendet, was in irgendeiner Weise praktikabel erscheint. Man trägt Leder, Felle und Wollstoffe, Letztere gelegentlich mit Rinder- oder Pferdehaar verstärkt. Eine Art Einheitskleidung stellen lediglich die ledernen Zipfelmützen dar, die man mit dem Fell nach innen trägt, sowie die Schuhe, die aus einem einzigen Stück Leder bestehen, an der Ferse zusammengenäht und vorn zu einem Zipfel gelegt und zusammengebunden sind.

Was wir über die Arbeiter wissen, haben uns in erster Linie die Unglücklichen überliefert, die im Berg vom Tod überrascht wurden und nie ein Grab gefunden haben. Die letzten Ruhestätten jedoch, die Ramsauer ausgegraben hat, sind die der Reichen, die, für die der weißgraue Schatz abgebaut wird. Sie berichten von einem anderen Leben, in Glamour und Wohlstand.

Hallstatt – Metropole der Frühkelten

Seit der Entdeckung des Friedhofs taucht immer wieder der Begriff »Hallstattkelten« auf. Er impliziert, dass sich anhand der Funde in Hallstatt die Lebensweise der Kelten ab dem 8. vorchristlichen Jahrhundert als geschlossenes Gesellschaftsbild zeichnen lässt.

Das kann aus verschiedenen Gründen nicht funktionieren.

Zunächst einmal sind die Salzbergwerke von Hallstatt Saisonbetriebe, die nach völlig eigenen Regeln funktionieren. Hier leben während der Abbauzeit nur die Arbeiter und die Handelsherren. Dazu kommen dann noch einige Kriegsherren, die den reibungslosen Ablauf des Handels in Hallstatt sichern. Die Familien bleiben zu Hause, das (und hier widerspricht der Friedhof der Annahme, dass als Träger vor allem Frauen und Kinder eingesetzt werden) verrät die unterdurchschnittlich geringe Anzahl an Frauengräbern. Die Gräber erzählen auch, dass viele der Händler zum Teil von weit her kommen, auch von deutlich außerhalb des hallstättischen Kulturkreises, denn in Hallstatt werden völlig verschiedene Begräbnisrituale parallel praktiziert.

Auch der Charakter Hallstatts selbst ist geeignet, das Bild zu verfälschen. Es ist Förderstätte eines international gefragten Rohstoffes und Drehscheibe des Handels zwischen Nord und Süd, Ost und West. Es ist ziemlich sicher genauso wenig typisch frühkeltisch wie heute London als typisch englisch und Berlin als typisch deutsch zu bezeichnen ist. Hallstatt ist ein Ort, an dem die Einflüsse der Kulturen zusammenfließen, ein spätbronzezeitliches bzw. früheisenzeitliches multikulturelles Wirtschaftszentrum. Dazu kommt, dass das unumstößliche Gesetz einer Wohlstandsgesellschaft auch schon in der Früheisenzeit funktioniert: Luxus kennt keine Grenzen. Das Handelsnetz ist weit entwickelt. So wie heute die besser Betuchten zum Shopping nach London oder New York fliegen, genauso werden in der Hallstattzeit Händler und Agenten von den Wohlhabenden beauftragt, bestimmte begehrte Dinge zu beschaffen. Will bedeuten: Bei Weitem nicht alles, was in Hallstatt gefunden wird, stammt auch von dort.

Wenn man alles zusammennimmt, ist das Bild, das die Funde von Hallstatt zeichnen, wohl eher eine Momentaufnahme des Wirtschaftslebens im Großraum Europa. Bei allen Verdiensten Ramsauers ist zu berücksichtigen, dass – wie man heute weiß – das von ihm entworfene Bild ungenau und unvollständig ist. Die Dokumentation Raumsauers ist unvollständig überliefert und hat außerdem Defizite. Zum einen hat der Bergmeister, der für seine Ausgrabungen ja sogar kaiserliche Hilfe in Anspruch nehmen durfte, das eine oder andere Artefakt an prominente Besucher verschenkt, um sich deren Gunst zu versichern. Zum anderen waren die Fundskizzen, die er, beziehungsweise Isidor Engl, angefertigt hatte, nicht alle eindeutig, sodass es in Museen immer wieder zu Verwechslungen kam. Ein besonders spektakulärer Fall wurde 1975 aufgedeckt. In einem Münchner Antiquariat tauchten originale Abschriften von einigen Grabungsprotokollen Ramsauers auf, die von den Inventarlisten einiger österreichischer Museen komplett abwichen.

Was die Abgrenzung darüber hinaus erschwert: Die »typischen« Artefakte, Muster und Ornamente sind nicht auf die »Hallstattkelten« begrenzt; auch sind nicht alle Bewohner der Hallstattregion automatisch Anhänger des Hallstattstils. Insofern ist »Hallstattzeit« eher ein Synonym für »europäische Früheisenzeit«, ohne an eine bestimmte Region gebunden zu sein. Die Archäologie unterscheidet zwischen einem östlichen und einem westlichen Hallstattkreis, wobei das Zentrum des östlichen Hallstattkreises Slowenien ist. Und bei allen Übereinstimmungen in Gesellschaftsstrukturen und Kulturmerkmalen sind die Osthallstätter nicht einmal annähernd Kelten, sondern Illyrer.

Ausbreitung der Hallstattkultur. Von ihrem Kerngebiet in Süddeutschland und der Alpenregion aus verbreitete sich ab dem späten 7. vorchristlichen Jahrhundert die Hallstattkultur, bis sie etwa 500 v. Chr. ihre größte Ausdehnung erreichte.

Hallstatt mag über viele Hundert Jahre eine Monopolstellung einnehmen; konkurrenzlos bleibt es nicht. Um 550 v. Chr. entsteht bei Dürrnberg ein weiteres Zentrum der Steinsalzförderung, das Hallstatt nach und nach den Rang abläuft. Kein Wunder: Durch den Fluss, der heute bezeichnenderweise Salzach heißt, verfügt Dürrnberg über die bessere Infrastruktur; die Bergleute verwenden bereits Eisenwerkzeuge und der Anteil an Kindern als Arbeitskräfte ist überdurchschnittlich hoch (Eisenwerkzeug s. im Farbbildteil Abb. 9). Die Konkurrenz findet nach 150 Jahren fast zeitgleich ein Ende, als in Hallstatt der Berg einbricht und in Dürrnberg ein Wassereinbruch die Stollen flutet.

Wie wenig eine Kultur an Menschen, sondern an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen hängt, zeigt eine Gemeinschaft südlich der Alpen, am Comer See in Norditalien. Größere Wanderungen über die Alpenpässe während der Hallstattzeit sind archäologisch nicht nachgewiesen, ganz im Gegensatz zu einer kontinuierlichen Besiedlung der Region bis zurück in 13. Jahrhundert v. Chr. Doch offenbar reichen auch kleine Gruppen, vielleicht auch nur Händler, die im 6. Jahrhundert v. Chr. hallstättische Einflüsse in die dort lebenden Gemeinschaften tragen dafür, dass sich am Fuß der Alpen, im Tessin, unmittelbar an den Zugängen zu den Pässen in die Schweiz, eine Gesellschaft entwickelt, die kulturell eindeutig keltische Züge trägt. Der vielleicht schlagendste Beweis sind in Stein gemeißelte Inschriften aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert in der Nähe des heutigen Como, die eine in etruskischen Buchstaben geschriebene keltische Sprachvariante dokumentieren: Lepontisch. Diese keltische Verkehrssprache für den Handel war durch die festen Handelskontakte im Tessin, in der Region nördlich der Alpen und in den Seengebieten südlich der Alpen bekannt. Die Gemeinschaften, die diese Sprache benutzten, werden in der Fachwelt »Golasecca-Kelten« genannt. Dass sie im Gegensatz zu allen anderen Kelten überhaupt eine Schriftsprache verwenden, verdanken sie aller Wahrscheinlichkeit nach dem engen Kontakt zu ihren etruskischen Nachbarn.

Das letzte Element

Das Eisen kommt!

Mit schnellen Schritten eilt er den steilen Weg zum Eingang der Hügelsiedlung hinauf. Ungeduldig trampelt er auf der Stelle, als ihm ein Ochsengespann den Weg durch das Tor versperrt. Nach einer schier endlos erscheinenden Zeit lassen die Torwachen das Gespann passieren, und kaum dass der Weg frei ist, hastet auch er weiter. Ist der Weg zur Schmiede schon immer so lang gewesen? Oder ist es nur die Neugier auf die angelieferte Ware, die jeden Augenblick so viel länger erscheinen lässt?

So lange hat er darauf gewartet, so viele Monate lang gebangt, ob sein Vorhaben wirklich gelingt. Vorhin ist nun endlich die Nachricht gekommen, an die er beinahe schon nicht mehr geglaubt hätte: Es ist da! Seine Lieferung ist angekommen! Endlich!

Tarog biegt um die letzte Ecke, kann gerade noch einem der zahllosen freilaufenden Schweine ausweichen – und sieht in die erstaunten Gesichter des Schmiedes und seines Gehilfen. So schnell hatten sie ihn nicht erwartet!

Doch er lässt ihnen keine Zeit, herumzustehen und ihm beim Keuchen zuzusehen. »Wo ist es?«, fragt er mit heiserer Stimme.

Der Schmied bedeutet ihm zu folgen und verschwindet im Halbdunkel des Hauses. Da liegt es, ein eher unauffälliges, aber stattliches Bündel, wertvoller als das ganze Haus mit all seiner Einrichtung. Mit fliegenden Fingern löst er die Verschnürung; seine vor Aufregung feuchten Hände zerren an den Lederbahnen, in die das kostbare Gut eingeschlagen ist, mehrfach, versteht sich, und natürlich mit Fett eingerieben, damit ja keine Feuchtigkeit eindringen kann. Endlich rutscht die letzte Bahn zur Seite, und seine Hände streichen ehrfurchtsvoll über die kühle raue Oberfläche der grob geschlagenen grauen Stäbe.

Eisen!

Genug für 20 Schwerter!

Er hat es damals nicht glauben wollen. Das Eisen aus dem Süden war immer so unglaublich teuer gewesen, dass selbst er immer nur kleine Mengen hatte kaufen können. Diese winzigen Mengen wurden dann viel bewunderte und beneidete Verzierungen für Bronzewaffen. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, daraus irgendeinen Gebrauchsgegenstand machen zu lassen! Doch das könnte sich heute ändern. Angeblich holen sie dort im Süden inzwischen so viel Eisen aus dem Berg, dass sie es nun in großen Mengen verkaufen können. Und das zu einem Preis, der zwar immer noch stolz, aber doch erschwinglich ist! Wenn … ja, wenn die Qualität wirklich hält, was ihm sein Handelspartner versprochen hat. Und der Schmied nichts von dem vergessen hat, was sie ihm im Süden über die Bearbeitung von Eisen beigebracht haben.

Tarog weiß, dass ihn sein Instinkt für ein gutes Geschäft noch nie getäuscht hat. Und so betrachtet er das Angebot seines Freundes aus dem Süden, als Zwischenhändler für Roheisen für die nördlichen Stämme zu fungieren und dabei guten Profit zu machen, nur als den Anfang. Er will mehr als Profit. Er will Macht. Und Macht kauft man nicht mit Roheisenstäben, sondern mit wertvollen Schwertern und Dolchen.

Tarog braucht nicht nur das Roheisen, sondern auch das Wissen, es zu bearbeiten. So gesehen war es eine Investition in die Zukunft, den Schmied über die Berge zur Quelle des Eisens reisen und ihn mehrere Monate lang das Handwerk der Eisenbearbeitung erlernen zu lassen.

Und heute wird sich zeigen, ob sich das alles gelohnt hat.

Der Schmied und sein Gehilfe haben inzwischen das Schmiedefeuer angefacht. Der große, kräftige Mann drückt seinem jungen Helfer ein Stück Leder in die Hand, das auf einem Holzrahmen befestigt ist. Sofort beginnt der Gehilfe, mit diesem eigenartigen Gestell Luft in das Feuer zu fächeln, sodass die Holzkohlestücke rot aufglühen und die Funken tanzen. Dann greift der Schmied nach unten und nimmt einen der Eisenstäbe in die Hand. Bevor er weitermacht, wirft er Tarog noch einen fragenden Blick zu. Soll er wirklich? Der andere nickt. Der Schmied nickt zurück, dann stößt er den Eisenstab tief in die Glut hinein.

Neugierig tritt Tarog näher. Gebannt starrt er das Eisen an, sieht, wie es allmählich selbst zu glühen anfängt. Er schrickt zusammen, als der Schmied plötzlich mit einer lederumwickelten Zange in der linken Hand neben ihn tritt. Mit dieser packt er das rot glühende Eisen und hebt es mit einer schnellen Bewegung auf die nur zwei Schritte entfernte steinerne Arbeitsbank. Mit der rechten Hand ergreift er den bereitliegenden Hammer. Auch wenn Tarog bei jedem Schlag zusammenzuckt, so hängen seine Augen doch fasziniert an dem Funken sprühenden Stab, der sich unter den Schlägen langsam zu verändern beginnt. Nach einigen Schlägen legt der Schmied den Hammer wieder zur Seite, hebt das Eisenstück von der Arbeitsplatte und taucht es in den Zuber, in dem das Wasser wild zu zischen und zu brodeln beginnt. Als er das Eisen wieder heraushebt, bedeutet ihm Tarog einen Moment zu warten. Erstaunt beäugt er das Eisen, auf dem die Spuren des Hammers zwar deutlich zu sehen sind, das aber weit davon entfernt ist, auch nur annähernd die Form eines Schwertes anzunehmen. Ein unglaubliches Material! Die Waffen daraus werden unbesiegbar sein! Cranntos, der Kriegsherr, wird ihn dafür lieben! Und wenn er erst einmal so weit ist, fertig geschmiedete Waffen zu verkaufen … Oh, ihr Götter! Dieser Reichtum! Diese unglaubliche Macht in seinen Händen …!

Es dauert letztlich den ganzen Nachmittag, und viele, viele Male des Aufglühens und des Schlagens mit dem schweren Hammer, bis aus dem rohen Eisenstab der Rohling für ein Schwert geworden ist. Es hat noch nicht viel gemein mit den kostbaren Waffen, die Tarog von seinen Reisen in den Süden kennt. Aber Tarog weiß auch, dass der Schmied die nächsten Tage damit zubringen wird, seine Technik zu verfeinern, dass er nicht eher ruhen wird, bis er ihm, Tarog, ein Schwert geschmiedet hat, das ihm zeigt, dass all die Mühen und das Warten nicht umsonst gewesen sind.

Müde, aber erleichtert und unendlich zufrieden mit sich selbst macht sich Tarog am Ende des Tages auf den Heimweg.

Der Anfang ist gemacht.

Ungefähr um 700 v. Chr. bricht das Eisenmonopol der anatolischen Hethiter zusammen. Knapp 100 Jahre später erreichen die Fähigkeiten, Eisen zu verhütten und zu bearbeiten, Südosteuropa. Die ersten Hochburgen der Eisenzeit südlich der Alpen entstehen dort, wo die notwendigen Rohstoffe vorhanden sind, in Slowenien und im nördlichen Kroatien. Es dauert weitere lange 100 Jahre, bis auch nördlich der Alpen die Rohstoffe und vor allem die Kenntnisse zu ihrer Bearbeitung so weit verbreitet sind, dass man wirklich von einer europäischen Eisenzeit sprechen kann.

Etwa zeitgleich wird der Mittelmeerraum von Veränderungen erfasst. Die Phönizier und die griechischen Phoker beginnen damit, entlang der Mittelmeerküste Koloniestädte zu errichten, Hafenstädte, die dem Mittelmeerhandel zu neuer Blüte verhelfen. Das Hinterland dieser Koloniestädte bleibt dabei über viele Jahrzehnte fast völlig unbeachtet. Eine der wichtigsten griechischen Stadtgründungen ist das um 600 v. Chr. entstandene Massalia – das heutige Marseille – an der Mündung der Rhône, einem der bedeutendsten Flüsse der Region.

Ein wenig weiter östlich, in Mittelitalien, entwickelt sich die aufstrebende Kultur der Etrusker zu ihrer Blüte und beginnt, die ersten zaghaften Handelskontakte in die nordalpine Region aufzubauen. Mittelmeerraum, Mittelitalien sowie der Balkan rücken zu einem kompakten, anfangs noch mehr oder weniger in sich geschlossenen Handelsnetz zusammen, das sich allmählich nach Norden hin öffnet.

Hauptlieferanten des begehrten – und teuren! – Rohmetalls bleiben über viele Jahre hinweg Slowenien, Kroatien und das erstarkende Etrurien. Langsam aber stetig werden die Routen, auf denen die Roheisenbarren zu ihren immer weiter entfernten Abnehmern reisen, jetzt zu Adern, durch die nicht nur ein neuer Werkstoff und das Wissen um seine Verarbeitung, sondern noch vieles mehr in das nordalpine Europa fließt.

Ohne dass es den Händlern bewusst ist, bringen sie den Gemeinschaften das Element, das ihnen letztlich zu ihrem Namen verhilft: »Herren der Eisenzeit«. Dies trifft umso mehr zu, als einige nordalpine Fürsten entdecken, dass sie selbst direkt auf bedeutenden Eisenerzvorkommen sitzen.

Der Luxus der Hallstattfürsten