Herz verloren, Glück gefunden - Christiane Laffert - E-Book

Herz verloren, Glück gefunden E-Book

Christiane Laffert

4,9
7,99 €

Beschreibung

Die Ehe der zweifachen Mutter Victoria steckt in der Krise. Um wenigstens für kurze Zeit einmal den ewigen Nörgeleien ihres Mannes zu entfliehen, lässt sich die schüchterne Victoria auf eine abenteuerliche Idee ihrer besten Freundin Emily ein: Sie soll die Society-Reporterin zu einem Kurztrip in ein angesagtes Ski-Resort begleiten und sich – damit sie unter den Reichen und Schönen nicht wie eine graue Maus wirkt – als ungebundene Jetsetterin ausgeben. Der Plan geht auf – bis Victoria im Fahrstuhl des Luxushotels über einen gut aussehenden Fremden stolpert und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Constantin könnte der Mann ihres Lebens sein – wenn da nicht ihre kleine Lüge wäre und sie nicht eigentlich vergeben ...

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Buch

Ein Haus in einem schönen Vorort Hamburgs, ein erfolgreicher Ehemann und zwei süße, aufgeweckte Kinder – auf den ersten Blick führt Victoria ein Leben wie aus dem Bilderbuch. Doch die schüchterne 39-Jährige ist unglücklich in ihrer Ehe. Denn während sie sich liebevoll um Familie und Haushalt kümmert, hat ihr Mann Hubertus nur noch seine Karriere im Kopf. Schlimmer noch: Trotz all ihrer Bemühungen, die Beziehung zu retten, lässt er kein gutes Haar an ihr. Um über alles nachzudenken und dem Alltagstrott für ein paar Tage zu entfliehen, willigt Victoria in einen abenteuerlichen Plan ihrer besten Freundin Emily ein: Sie begleitet Single Emily auf einen Kurztrip in ein angesagtes Ski-Resort am Arlberg – und gibt sich dort als ungebundene Jetsetterin aus. Mit dem Rollentausch nimmt Victorias geordnetes Leben eine ungeahnte Wendung. Denn im Fahrstuhl des Luxushotels stolpert sie über den charmanten Constantin und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Er könnte der Mann ihres Lebens sein – wenn da nicht ihre kleine Lüge wäre und sie nicht eigentlich vergeben …

Autorin

Christiane von Laffert wurde 1975 in einer niedersächsischen Kleinstadt geboren und schrieb bereits in ihrer Schulzeit leidenschaftlich gern Geschichten für ihre Familie und Freunde. Nach einer Banklehre und einem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete sie in einer PR-Agentur, bevor sie sich im familieneigenen Unternehmen um die Öffentlichkeitsarbeit kümmerte. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und Zwillingen in Hamburg. »Herz verloren, Glück gefunden« ist ihr erster Roman.

Weitere Informationen zur Autorin

finden Sie unter www.christianevonlaffert.de

CHRISTIANE VON LAFFERT

Herz verloren,

Glück gefunden

Roman

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1. Auflage

Originalausgabe Mai 2016

Copyright © 2016 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

KS · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-17932-8V001

www.goldmann-verlag.de

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Für meine Schwester Nina

  Kapitel 1

»Ähm … sexy.«

Hubertus kam, ohne anzuklopfen, ins Badezimmer und warf mir einen abschätzigen Blick zu, bevor er routiniert nach seiner Zahnbürste griff.

Ich stand mit offenem Bademantel vor dem Spiegel, betrachtete meinen nackten Körper und musste wieder einmal feststellen, dass es in den meisten Fällen nicht entscheidend war, was Hubertus sagte, sondern wie. Hätte er mich leidenschaftlich an sich gezogen und mir ins Ohr geflüstert, dass die Zahnpasta leer sei, hätte das durchaus etwas Erotisches gehabt. Mittlerweile – wir waren jetzt fast elf Jahre verheiratet – überkamen ihn jedoch keine erotischen Gelüste mehr, wenn er mich nackt sah.

Zugegeben, eine Modelfigur hatte ich definitiv nicht. Leichte Rundungen zeichneten sich an meinen Hüften und an meinem Bauch ab. Dafür hatte ich einen schönen vollen Busen, und angeblich stieg ja die Lebenserwartung, wenn man ein paar Kilos mehr auf den Rippen hatte. Das zumindest hatte mir meine Freundin Emily nach ihrem alljährlichen Gesundheitscheck verraten. Emily selbst war superschlank, sodass ich gute Chancen hatte, sie um ein paar Jährchen zu überleben. Ein schwacher Trost, der mir nicht wirklich über meine Speckröllchen hinweghalf.

Missmutig knotete ich meinen Bademantel zu und überließ das Badezimmer Hubertus.

In der Küche erwartete mich lautes Geschrei. Wie jeden Morgen zankten sich unsere Kinder.

Leonie war zehn und im vergangenen Herbst aufs Gymnasium gekommen, Vincent ging noch in den Kindergarten. Da auch er bald eingeschult wurde, hatte er keine Lust mehr, sich von seiner großen Schwester herumkommandieren zu lassen. Leonie hielt ihren kleinen Bruder jedoch nach wie vor für ein nerviges Kleinkind, das sie entweder störte oder sie vor ihren Freundinnen blamierte.

»Gib mir sofort meine Brotdose!«, schrie sie.

Vincent schüttelte heftig den Kopf und hielt seinen Rucksack fest an sich gepresst. »Man muss auch teilen und tauschen können, wenn man ein richtiges Schulkind sein möchte, sagt Frau Probst immer«, belehrte er seine Schwester.

Ich nickte. »Ja, da hat die Frau Probst recht. Komm, Leonie, jetzt lass Vincent doch das olle Ding und nimm stattdessen seine Brotdose. Ist doch völlig egal, welche du mitnimmst. Ihr müsst jetzt auch los.«

»Spinnst du? Ich geh doch nicht mit einer Capt’n-Sharky-Dose in die Schule! Da lachen mich ja alle aus!«, kreischte Leonie wutentbrannt.

Auch das leuchtete mir irgendwie ein. Trotz meines fortgeschrittenen Alters von neununddreißig Jahren konnte ich mich noch gut an meine eigene Schulzeit erinnern. Angesagte Klamotten, Rucksäcke oder Brotdosen waren sehr wichtig, wenn man zu den Coolen gehören wollte.

Also wandte ich mich an meinen Sohn, während ich die beiden sanft zur Tür schob: »Vinci, du magst doch Capt’n Sharky. Jetzt gib bitte Leonie ihre Brotdose zurück und dann ab ins Auto, okay?« Verlockend hielt ich ihm die blaue Capt’n-Sharky-Box vor die Nase.

»Ich will die Capt’n-Sharky-Dose auch nicht! Immer kriegt Leonie die schöneren Sachen! Das ist voll ungerecht, du bist so eine Doofkuh!«, brüllte mich Vincent an.

Jetzt lag es an mir, der beginnenden Schimpfwörtertirade Einhalt zu gebieten. Wer wusste, wie er mich ansonsten in fünf Jahren nennen würde? Doofkuh wäre da wahrscheinlich noch einer der netteren Ausdrücke.

Während wir drei im Flur lautstark weiterstritten, kam Hubertus – wie immer geschniegelt und gebügelt – seelenruhig die Treppe herunter, warf mir seinen Kannst-du-als-Mutter-nicht-einmal-selbst-für-Ordnung-sorgen-Blick zu und flüsterte Vincent etwas ins Ohr.

Daraufhin öffnete Vincent freudestrahlend seinen Rucksack, überreichte Leonie die umkämpfte Brotdose und schnappte sich seine.

Dann nahm Hubertus ihn auf den Arm, setzte ihn ins Auto und brauste mit ihm davon.

Unterdessen überprüfte Leonie die zurückerhaltene Brotdose auf etwaige Kratzspuren und stellte zu ihrer – und besonders zu meiner – großen Erleichterung fest, dass der Aufdruck unversehrt war.

Auf pinkfarbenem Hintergrund strahlte uns neben einem Disney-Logo ein hübsches Mädchen entgegen.

»Ist das Cinderella?«, fragte ich lächelnd.

»Cinderella??? Du hast echt keine Ahnung! Das ist Violetta!« Leonie starrte mich so entsetzt an, dass ich mich nicht traute nachzufragen, wer denn Violetta sei.

Schnaubend stopfte sie die Brotdose in ihren Rucksack, stieg auf ihr Rad und warf mir zum Abschied an den Kopf, dass ihr Papa sie viel besser verstünde als ich.

Entnervt schloss ich die Haustür.

Bestimmt hatte Hubertus Vincent im Tausch für die Brotdose Süßigkeiten versprochen. Jetzt konnte er sich wieder als Superpädagoge fühlen, der sofort jede schwierige Situation im Handumdrehen löste, und Vincent und Leonie sahen in ihm einmal mehr den Superpapa, der vollstes Verständnis für ihre Sorgen und Bedürfnisse hatte. Ich dagegen – die ich mich die meiste Zeit um die Kinder kümmerte, sie gesund zu ernähren versuchte, wusch und putzte – stand am Ende als Versagerin da.

In solchen Momenten fühlte ich mich unnütz, dumm und vor allem sehr unzufrieden. War das jetzt das Leben, das ich gewollt hatte?

Mit Mitte zwanzig war es mein größter Wunsch gewesen, mit einem netten, erfolgreichen Mann verheiratet zu sein und liebe Kinder zu haben. So hatte es sich auch erfüllt: Hubertus war Fondsmanager, gut aussehend und wirkte sympathisch, und zwei Kinder hatten wir auch. Ob sie lieb waren, kam auf die jeweilige Situation an – aber im Großen und Ganzen waren sie echt okay, vor allem wenn sie fernsahen. Ich müsste also wahnsinnig glücklich sein, da sich mein größter Wunsch erfüllt hatte. Doch warum war ich es nicht?

Auf den ersten Blick wirkte mein Leben perfekt. Ich gab mir auch alle Mühe, den Anschein zu erwecken, eine glückliche Ehefrau und Mutter zu sein, aber irgendwie fehlte mir etwas im Leben.

Seit wir vor fünf Jahren in Hamburgs Elbvororte gezogen waren, lebte Hubertus vor allem für seine Karriere. Das Familienleben fand vorwiegend ohne ihn statt, was ihn auch nicht allzu sehr zu bekümmern schien. Manchmal fragte ich mich, ob er mich eigentlich noch liebte oder eher als Mittel zum Zweck sah, da ich seine Erwartungen als vorzeigbare Bankiersgattin brav erfüllte.

Natürlich fand ich es auf der anderen Seite auch toll, einen BMW statt eines Fiat Panda zu fahren, trotzdem vermisste ich in unserer Ehe Lachen und Spontaneität.

Dabei hatte es bei uns mal tolle und verliebte Momente gegeben. Zum Beispiel als Hubertus den Kaufvertrag für das Haus unterschrieben hatte. Wir fuhren direkt vom Notar zur Tankstelle, kauften eine Flasche Sekt und tranken sie auf dem Rasen unseres neuen Gartens. Bis spät in die Nacht saßen wir dort, redeten, lachten und schauten in den Sternenhimmel.

Leider waren solche Momente zur Ausnahme geworden. Hubertus arbeitete rund um die Uhr, die Kinder spielten Hockey und Tennis, und ich engagierte mich mit anderen ehrgeizigen Müttern im Kindergarten und Gymnasium.

Hubertus schien zufrieden zu sein, ich hingegen träumte still davon, einen Partner an meiner Seite zu haben, der mich auf Händen trug und jederzeit alles andere für die Familie stehen und liegen ließ …

Leider verhielt es sich in der Realität genau umgekehrt. Sobald die Bank anrief, ließ Hubertus sofort mich stehen und liegen. »Mein Gott, wir sind doch keine Teenies mehr! Du weißt doch, wie viel ich gerade in der Bank zu tun habe«, pflegte er zu sagen.

In meine trüben Gedanken hinein klingelte das Telefon.

Es war Emily.

»Vicci, ich habe tolle Neuigkeiten«, quietschte sie aufgeregt in den Hörer. »Deine Schwiegermutter muss nächste Woche unbedingt auf die Kinder aufpassen. Wir beide machen nämlich einen Kurztrip!«

Ich ließ mich auf einen Stuhl am Küchentisch plumpsen und lächelte.

Emily war schon seit Schulzeiten meine beste Freundin, obwohl wir nicht gegensätzlicher hätten sein können. Sie wild, ich brav. Sie laut, ich leise. Sie kreativ, ich konservativ. Vielleicht waren es gerade diese Unterschiede, die uns verbanden. Ich brachte ein bisschen Beständigkeit in ihr Leben, sie ein bisschen Abenteuer in meins.

Früher hatten sich meine Eltern besorgt gezeigt über meine Freundschaft mit dem »frühreifen Früchtchen«, wie mein Vater Emily damals genannt hatte. Sie waren vollkommen entsetzt gewesen, als ich mir mit ihr meinen ersten knallroten Lippenstift gekauft hatte. Viel zu früh für eine Fünfzehnjährige, hatte mein Vater befunden.

Heute war es Hubertus, der sich missbilligend über Emily äußerte, ihr ausgefallener Lebensstil passte nicht zu seinen konservativen Wertvorstellungen.

Wenn es um Emily ging, war mir die Meinung meiner Familie aber ausnahmsweise egal. Ich war stolz, eine solche Freundin zu haben, denn hinter ihrer bisweilen frechen Art steckte ein warmherziger, sensibler Mensch. Sie war immer da, wenn ich sie brauchte.

Nachdem mich Patrick, meine erste große Liebe, nach vier Jahren für eine andere verlassen hatte, war sie es, die mich aufgefangen und davon überzeugt hatte, dass mein wahrer Traumprinz noch irgendwo da draußen auf mich wartete. Dank ihrer lustigen und unkomplizierten Art waren so manche Krisen in meinem Leben weit weniger tragisch verlaufen, als es ohne sie möglich gewesen wäre. Und obwohl sie die Schule nicht mit einem Einser-Abi abgeschlossen hatte, hatte sie es karrieremäßig weit gebracht. Sie hatte einen gut bezahlten Job bei einem angesagten Lifestylemagazin, besaß eine traumhafte Eigentumswohnung an der Alster und sah darüber hinaus großartig aus.

Selbst mein Vater hat inzwischen bewundernd zugegeben, dass er nicht mit so einer Entwicklung bei ihr gerechnet hatte.

»Einen Kurztrip?«, fragte ich Emily, während ich mir mit der freien Hand eine Scheibe Toastbrot nahm.

Kurztrips und aufregende Events brachte Emilys Job mit sich. Ob Filmpremieren, Bambi-Verleihung oder die Festspiele in Cannes – sie war stets unterwegs, um über angesagte Stars und Trends zu berichten.

Ja, so ein Leben wünschte ich mir in Momenten wie an diesem Morgen auch.

Früher hatte ich Emily stets angebettelt, auf große Events mitkommen zu dürfen. Ich hatte es mir ungemein glamourös vorgestellt, mit Cate Blanchett oder Daniel Craig zusammen auf einer Party zu sein. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. Ich fühlte mich dort jedes Mal wie der unwichtigste Mensch der ganzen Gesellschaft, der ich – gleich nach dem Tellerwäscher – wahrscheinlich auch war. Denn während Emily Prominente interviewte, wurde ich nur mit Sprüchen bedacht wie: »Hey, Sie da, raus aus dem Bild!«

Einmal hatte ich Emily gefragt, ob ich nicht auch mal für die Partyrubrik ihres Magazins abgelichtet werden könne. Das würde mein Ansehen im Freundes- und Bekanntenkreis enorm aufwerten.

»Das Ansehen der Zeitschrift würde dadurch aber enorm abgewertet«, hatte Emily trocken erwidert. »Oder glaubst du, die Leute kaufen Life & Trends, um eine gewöhnliche Hausfrau auf einer Party zu sehen?«

Von da an hatte ich es vermieden, sie zu solchen Events zu begleiten.

Jetzt war Emily regelrecht aus dem Häuschen. »Ich mache eine große Reportage über den Arlberg«, quiekte sie. »Hotels, Skigebiet, Nachtleben, Promis – einfach alles, was dazugehört. Und Tölle hat mir zugesagt, dass ich jemanden mitnehmen darf. Ist das nicht genial?!«

Dr. Thies Tölle war Emilys Chef. Vor einem Jahr hatten die beiden eine leidenschaftliche Affäre gehabt. Emily hatte sich mehr erhofft und Tölles Beteuerungen geglaubt, er würde ihretwegen seine Frau verlassen.

Wie ich befürchtete, entpuppten sich seine Liebesschwüre dann als abgedroschene Lügen. So sehr wie Tölle darauf geachtet hatte, nicht mit Emily in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, war es ziemlich offensichtlich gewesen, dass sie für ihn nur eine Affäre war und er keinerlei ernste Absichten hegte. Emily hatte jedoch meine Bedenken und Einwände nicht hören wollen, und so konnte ich nichts anderes tun, als sie zu trösten, nachdem Tölle sie verlassen hatte.

Das einzig Gute an dieser unleidlichen Geschichte war, dass Dr. Tölle seitdem ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber plagte und er fast all ihren Wünschen und Forderungen nachgab.

»Das hört sich wirklich gut an. Heißt das, wir können eine Woche lang all inclusive in einem Luxushotel wohnen und uns beim Fünfsternedinner verwöhnen lassen? Alles auf Kosten deiner Redaktion?«, fragte ich und biss in meinen Toast.

Das klang wirklich sehr vielversprechend. Vielleicht konnte ich bei der Gelegenheit auch ein bisschen was für meine Figur tun. Diese teuren Hotels hatten doch immer exzellente Spa- und Fitnessbereiche.

»Die Kosten übernimmt komplett das Magazin, das ist richtig. Allerdings werden wir nicht die ganze Zeit nur im Hotel abhängen. Ich kann schlecht vier Seiten unseres Magazins über das Hotel und die Speisekarte füllen. Das will ja kein Mensch lesen. Nein, der Schwerpunkt des Artikels liegt natürlich auf dem Nachtleben am Arlberg und dem Flirtverhalten der dortigen Gäste. Ist das nicht spannend?«, fragte Emily begeistert.

Klar, vor allem Emilys Reportage würde spannend werden …

Moment, versuchte sie gerade, mich als Versuchskaninchen zu ködern?

Vor meinem geistigen Auge sah ich schon ein Foto von mir mit der Bildunterschrift »Die zweifache Mutter Victoria Dansmann (39) beim Versuch, sich einen jungen Mann zu angeln«. Mein Amt im Elternbeirat am humanistischen Gymnasium unserer Tochter würde ich dann gleich niederlegen können, ganz zu schweigen davon, dass ein solcher Artikel wenig förderlich für das berufliche Ansehen meines Mannes wäre: »Die Frau des Bankmanagers Dr. Hubertus Dansmann ließ am Arlberg ordentlich die Champagnerkorken knallen.«

Nein, dann mochte ich lieber gar nicht in der Zeitschrift erwähnt werden.

»Wie stellst du dir das vor? Ich habe Familie und muss auch an ihren Ruf denken«, entgegnete ich also.

»Ich muss dich ja nicht namentlich erwähnen«, versuchte Emily, mich zu überzeugen.

»Auch wenn ich nicht in deinem Artikel erwähnt werde, so könnte es doch sein, dass mein Name in irgendeinem zwielichtigen Nachtclub registriert wird. Das will ich auf gar keinen Fall!«, protestierte ich.

Doch Emily gab nicht so schnell auf. »Mensch, Vicci, erstens gibt es keine zwielichtigen Läden am Arlberg, und zweitens hast du jetzt die einmalige Gelegenheit, einen richtig tollen Gratisurlaub zu machen. Und du fängst schon wieder mit solchen Kinkerlitzchen an. Wenn dein Name nirgendwo genannt werden soll, dann werden wir dich eben umbenennen. Denk dir einfach einen schicken Namen aus, und auf den werden wir dich überall einbuchen.«

Ich überlegte.

Mich mit meiner besten Freundin im Fünfsternehotel verwöhnen zu lassen und abends das Nachtleben zu erkunden hatte was. Ich könnte mich als eine adlige Prinzessin ausgeben.

Ach nein, das wäre doch zu peinlich. Wenn ich später im Freundeskreis erzählte, ich hatte mich Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein genannt und war mit Hoheit angesprochen worden, wäre ich unten durch.

Und was würde mein konservativer Mann dazu sagen? »Du, Hubi, ich werde nächste Woche unter falschem Namen mit meiner Singlefreundin Emily an den Arlberg fahren, um das Liebesleben dort zu testen. Es wäre schön, wenn du in der Zeit mit deiner Mutter auf die Kinder aufpassen könntest.« Er würde mich für komplett verrückt erklären.

»Emily, es geht beim besten Willen nicht. Vielleicht können wir ja nächstes Jahr an Silvester alle zusammen …«

»Entschuldige, Vicci«, unterbrach mich Emily, »unsere Redaktionssitzung beginnt in zwei Minuten. Überleg es dir noch mal und sag mir morgen Bescheid. Ciao!«

Leicht verärgert starrte ich auf das Telefon. Ich hasste es, mitten im Satz unterbrochen zu werden. Außerdem hatte ich ihr gerade eine klare Antwort gegeben.

Als ich meinen Kaffee trank, dachte ich noch einmal über unser Gespräch nach.

Mir fiel auf, dass sie sofort davon ausgegangen war, dass ich spontan nächste Woche Zeit haben würde. Wie die meisten berufstätigen Menschen war auch Emily der Meinung, dass Mütter und Hausfrauen nie weltbewegende Termine hatten.

Okay, klar hatte ich Zeit, dachte ich griesgrämig.

Ich leerte meine Tasse, warf einen Blick in die Zeitung und ging nach oben ins Bad, um zu duschen.

Als ich gerade meine Haare shampoonierte, klingelte erneut das Telefon.

Normalerweise war mir das ziemlich egal, wenn ich unter der Dusche stand.

Doch dann wurde ich nervös. Was, wenn es die Schule oder der Kindergarten war, um mir mitzuteilen, dass einem unserer Kinder etwas zugestoßen sei? Dass sich Vincent oder Leonie etwas gebrochen hätte oder aus einem anderen Grund dringend von mir abgeholt werden müsste?

Es konnte natürlich auch meine Schwiegermutter sein, die mich beleidigt fragen würde, ob unser Telefon kaputt sei und warum wir uns seit drei Tagen nicht bei ihr gemeldet hatten. Meine Schwiegermutter erfolgreich abzuwimmeln würde mich mindestens zehn Minuten Zeit kosten …

Das Telefonläuten hörte auf – nur um fünf Sekunden später wieder zu beginnen.

Also doch ein Notfall.

Nicht mal meine Schwiegermutter war so dreist, es ununterbrochen klingeln zu lassen, nur um mir von den neuesten Sonderangeboten bei Aldi zu berichten.

Ich sprang aus der Duschkabine, rutschte fast auf den Fliesen aus und japste ein »Ja???« in den Hörer.

»Ich bin’s«, ertönte seelenruhig die Stimme meines Mannes.

»Mein Gott! Und ich dachte schon, den Kindern ist was Schlimmes passiert!«

»Warum soll den Kindern was Schlimmes passiert sein? Also manchmal bist du wirklich hysterisch«, sagte Hubertus ungeduldig.

»Warum lässt du es dann tausendmal klingeln?«, meckerte ich und wischte mir mit dem Handrücken Schaum aus dem Gesicht.

»Damit du rangehst! Ich hatte eben ein Meeting mit Tobias Körner. Er hat uns für heute Abend zum Essen bei sich eingeladen. Kannst du bitte einen Blumenstrauß besorgen? Ich hole dich gegen sieben zu Hause ab.« Dann legte er grußlos auf.

Blumensträuße als Mitbringsel zu einer Abendeinladung waren ganz und gar unpraktisch, so empfand ich es zumindest immer.

Erstens hatte ich nie eine passende Vase, und wenn ich dann endlich irgendeine im Keller gefunden hatte, stresste mich die Frage, wo ich die verdammten Blumen samt Vase am besten platzierte, damit der Besuch auch ja sah, dass der Blumenstrauß entsprechend gewürdigt wurde.

Derweil standen die Gäste immer noch in ihren Mänteln im Flur herum, weil Hubertus vergessen hatte, sie hereinzubitten. Dann bot er schon Getränke an, um im nächsten Augenblick entweder hilfesuchend nach mir zu rufen oder – noch schlimmer – die falschen Gläser aus dem Schrank zu nehmen. Er hatte nämlich die Angewohnheit, unterschiedlich große Gläser an Besucher weiterzureichen, was mir immer schrecklich peinlich war. Unsere Gäste mussten ja denken, dass wir nicht mal sechs einheitliche Gläser im Haus hatten.

Nein, ich freute mich mehr über Bücher, davon hatte ich auch richtig lange was. Blumen waren meist nach vier Tagen verwelkt – jedenfalls bei mir.

Na ja, Tobias Körners Frau würde sich vielleicht über einen Blumenstrauß freuen. Tobias Körner war ein wichtiger Geschäftspartner von Hubertus, er besaß eine Reederei und legte große Geldbeträge bei der Bank an, in der mein Mann arbeitete. Eine kleine Aufmerksamkeit zum Dank für die Einladung wäre das Mindeste.

Ich notierte mir also gedanklich, heute Vormittag einen Blumenstrauß zu kaufen, dann tapste ich vorsichtig über unseren Schlafzimmerteppich zurück ins Bad und wusch mir endlich das Shampoo aus dem Haar.

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich mich über das Gespräch mit meinem Mann aufregen sollte oder nicht. Doch ein Blick aus dem Fenster überzeugte mich, dass der Tag einfach zu schön dafür war. Die Sonne strahlte vom Himmel, und die ungewöhnlich milde Februarluft kündigte bereits den Frühling an.

Ich zog mich an und machte mich auf den Weg ins Café Magnus, wo ich mit meiner zweitbesten Freundin Kathrin verabredet war.

Kathrin kannte ich schon genauso lange wie Emily. Sie gehörte zu den Menschen, die sich nie aufregten oder hektisch wurden, sondern alles ganz ruhig regelten – dies war der einzige Punkt, in dem wir uns unterschieden. Ansonsten führte Kathrin ein ebenso konservatives Hausfrauendasein wie ich.

Seit der Oberstufe war sie mit Tim Mörle zusammen. Beide hatten ein super Abitur gemacht und dann gemeinsam in Koblenz BWL studiert. Emily und ich hatten damals darauf gewettet, dass ihre Beziehung dem Studienstress nicht standhalten werde, täuschten uns aber. Nachdem beide ihr Diplom in der Tasche hatten, suchten sie sich eine Wohnung in Hamburg. Tim fing bei einer großen Unternehmensberatung an, Kathrin in einer renommierten Steuerkanzlei. Sie heirateten und bekamen vier (!) Söhne. Tim machte sich schließlich als Unternehmensberater selbstständig, und Kathrin gab ihren Job auf, um sich um die Erziehung der Kinder kümmern zu können.

Immer wenn ich die beiden zusammen sah, wirkten sie so harmonisch wie Hubertus und ich nur auf unserem alljährlichen Weihnachtsfoto.

Das Magnus lag im Stadtviertel Harvestehude direkt an der Außenalster. Nachdem ich mein Auto auf einem Sandparkplatz abgestellt hatte, stieg ich aus, holte tief Luft und genoss das vertraute Bild vor meinen Augen: durchtrainierte Jogger in angesagten Trikots, die alle zwei Minuten ihre Pulsuhr checkten, und topgestylte Frauen, die ihre Hunde ausführten, dabei aber aussahen, als seien sie gerade einem Modemagazin entstiegen. Ich liebte diesen Casual-Chic-Look. Selbst die Hunde – vorwiegend Labradore – trugen trendige Halsbänder mit witzigen Stickereien. Vielleicht etwas dekadent, aber nett anzuschauen.

Gut gelaunt schlenderte ich über die Wiese zur Alster und über einen Holzsteg zum Café.

Kathrin hatte an einem Tisch in einer kleinen Nische im hinteren Teil des Cafés Platz genommen. Ich winkte ihr fröhlich zu, doch sie saß wie versteinert da und erwiderte meinen Gruß nicht. Beim Näherkommen bemerkte ich ihre rot geweinten Augen. In den fünfundzwanzig Jahren, die ich sie nun schon kannte, hatte ich sie noch nie weinen sehen.

Ich ließ mich neben ihr auf die Sitzbank sinken. »Oh, Kathrin, was ist denn passiert?«, fragte ich besorgt.

»Tim betrügt mich«, schluchzte sie.

»Tim??? Mit wem denn? Mit seinem neuen Laptop?«

Aber Kathrin war nicht zum Scherzen aufgelegt. »Er hat es mir gestern Abend gesagt. Er hat gesagt, wir würden nur noch nebeneinanderher leben … in zwei verschiedenen Welten. Jetzt hat er eine Frau kennengelernt, die auf der gleichen Wellenlänge ist wie er.«

»Auf der gleichen Wellenlänge?« Ich war fassungslos.

Auf was für einer Welle schwamm dieser Typ eigentlich? Wie konnte er einer so sanften und liebenswerten Person wie Kathrin nur so wehtun? Kathrin hatte für ihn ihre Karriere aufgegeben, dafür gesorgt, dass er ein gemütliches Zuhause hatte, und für das gemeinsame Glück auf vieles verzichtet. Er hatte auf nichts verzichtet, sondern nur von ihr profitiert. Steckte er etwa in der Midlife-Crisis?

»Kathrin, vielleicht ist es ja nur ein kurzer Tiefpunkt, der vorübergeht«, versuchte ich, sie zu trösten.

»Nein, so ist Tim nicht. Wenn er einen Entschluss gefasst hat, dann zieht er ihn auch durch. Heute Nachmittag holt er seine Sachen.«

Meine Wut auf Tim stieg in Sekundenschnelle. Warum nur ließ er Kathrin nach all den Jahren plötzlich sitzen? Und vor allem: für wen?

»Wer ist sie?«, fragte ich grimmig.

»Sie heißt Melanie Koß und ist seit einem halben Jahr die Assistentin seines Partners.«

Jetzt wuchs meine Wut auch auf diese Melanie Koß. Sie musste ja wohl gewusst haben, dass ihr Chef verheiratet war und vier Kinder hatte. Wie abgebrüht musste man sein, um das Glück einer sechsköpfigen Familie zu zerstören?

In Gedanken schmiedete ich schon Rachepläne. Aber als ich die Verzweiflung in Kathrins Gesicht sah, wusste ich, dass sie noch lange nicht so weit war, sondern gerade erst in der Schockstarre angekommen. Erst wenn sie die überwunden hatte, konnte die Rachephase beginnen – doch das würde noch dauern.

Selbst ich konnte es kaum fassen. Wieso verließ Tim, der Kathrin in schweren Zeiten – erste Arbeitsjahre, Firmengründung, Schwangerschaften – abgöttisch geliebt hatte, sie nun in den guten Zeiten – erfolgreiche Firma, schönes Haus, süße Kinder?

Ich nahm Kathrins Hand. »Tim wird mit dieser Melanie nicht lange zusammen sein. Er wird sie wieder verlassen, sie werden niemals glücklich werden.« Ich versuchte, überzeugt zu klingen.

Kathrin nickte wie betäubt. Sie habe zwar, meinte sie, die ganze Nacht geweint, aber so richtig realisiere sie das Ganze immer noch nicht.

»Pass auf, du nimmst dir den Rest des Tages frei«, schlug ich vor, um sie aufzumuntern. »Deine Jungs hole ich von der Schule ab, sie können den Nachmittag bei uns bleiben. So hast du ein bisschen Zeit, um den Kopf freizubekommen. Und ruf Emily an, wenn du nicht allein sein möchtest. Sie kommt sicher sofort.«

Kathrin rang sich ein Lächeln ab. »Nein, ich wäre jetzt lieber allein. Ist es wirklich okay, wenn die Kinder bei euch sind? Ist dir das nicht zu viel?«

»Üüüberhaupt nicht«, beteuerte ich. »Ob zwei oder sechs, ist egal.«

Nachdem sie mir erklärt hatte, wann welches Kind wo abgeholt werden musste, und ich mir gewissenhaft die Nachmittagsaktivitäten der vier Jungs in meinen Terminkalender eingetragen hatte, wollte Kathrin gehen. Ich hätte gerne noch einen zweiten Cappuccino getrunken, aber allein machte mir das auch keinen Spaß.

Also zahlten wir, ich umarmte Kathrin noch einmal fest, dann schlenderte ich gedankenversunken in Richtung der kleinen Einkaufsstraße oberhalb des Alsterufers.

Warum scheiterten eigentlich immer die harmonischsten und glücklichsten Ehen? Wenn da wirklich etwas dran war, brauchte ich mir um meine eigene Ehe keine Sorgen zu machen – demnach würden Hubi und ich wohl eines Tages steinerne Hochzeit feiern. Wieso war das Glück kein Dauerzustand, sondern nur ein flüchtiger Augenblick in unserem Leben?

Ich sah zum strahlend blauen Himmel hinauf.

Mit dem Glück verhielt es sich wie mit dem Wetter. Nachdem es die letzten zwei Wochen regnerisch und kalt gewesen war, war dieser schöne Tag wie ein großes Geschenk. Wäre das Wetter in den letzten zwei Wochen genauso wunderbar wie heute gewesen, wäre dieser Tag wie alle anderen auch, und niemand würde auf den Sonnenschein achten. Vielleicht waren wir Menschen so gestrickt, dass wir ab und zu Tiefschläge im Leben brauchten, um die Höhepunkte würdigen zu können. Wenn dem so war, sollten wir dann nicht aus den kleinen schönen Dingen Höhepunkte machen und uns an diesen erfreuen?

Mit diesem Gedanken ging ich zum nächstgelegenen Floristen und kaufte einen wunderschönen bunten Frühlingsstrauß für die Körners. Vielleicht konnte ich ihnen damit einen kleinen Glücksmoment bescheren.

Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es Zeit war, nach Hause zu fahren und das Mittagessen vorzubereiten, denn heute mussten gleich sechs Kinder bekocht werden. Ich würde ein paar Stühle aus dem Wohnzimmer an den Küchentisch räumen müssen.

Da fiel mir ein, dass ich maximal vier Kinder in meinem Auto transportieren konnte. Leonie fuhr mit dem Rad von der Schule nach Hause. Blieben immer noch fünf Kinder, die von Kindergarten, Grundschule und Gymnasium nach Hause gebracht werden mussten. Ich beschloss, ein Großraumtaxi zu bestellen und so alle einzusammeln.

Als ich zu Hause angekommen war, blieben mir gerade noch fünfzehn Minuten, um etwas aufzuräumen, Stühle zu schleppen und den Tisch zu decken. Ich holte zwei Packungen Nudeln und ein großes Glas Tomatensoße aus unserem Vorratsraum. Das war jetzt ernährungstechnisch vielleicht nicht die erste Wahl, aber es ging schnell, und die Kinder mochten es. Ich könnte als Nachtisch ja noch ein paar Äpfel aufschneiden, dachte ich.

Da klingelte es auch schon an der Tür. Das Taxi war da.

Erhitzt und mit rotem Kopf stieg ich ein. »Wir fahren erst zum Kindergarten Kleiner Zwerg in der Montestraße, dann zur Grundschule Waldwiese, und zum Schluss holen wir noch drei Kinder vom Christianeum ab.«

»Alles Ihre?«, staunte der Taxifahrer.

»Nein, ich habe auch noch andere Hobbys«, lächelte ich.

Beim Kindergarten spielten die Kinder im Freien. Die Erzieherinnen, unter ihnen auch Frau Probst, die Vincent so gern zitierte, saßen auf einer Holzbank in der Sonne und unterhielten sich. Vincent baute mit zwei anderen Kindern im Sandkasten eine Burg.

»Och, Mami, warum kommst du denn so früh? Ich will noch nicht abgeholt werden!«, rief er enttäuscht, als er mich entdeckte.

»Vinci, Überraschung! Ich bin mit einem riesigen Taxi da, und gleich holen wir damit die vier Js ab. Die bleiben bis heute Abend bei uns.«

Kathrins Kinder fingen alle mit einem J an: Jonathan, Johannes, Joachim und Jost. Daher nannten wir sie einfach nur die vier Js.

Vincent riss die Arme hoch und jubelte. Blitzschnell entledigte er sich seiner übergezogenen Matschhose und rannte – natürlich ohne sich von Frau Probst zu verabschieden oder die Matschhose wegzuräumen – über die Wiese und an mir vorbei zum vor dem Eingangstor wartenden Taxi.

Da erhob sich Frau Probst, klaubte kopfschüttelnd Vincents Hose aus dem Sand und kam eilends auf mich zu. »Frau Dansmann, so geht das nicht! Ich muss dringend mit Ihnen über Vincents Ordnungssinn sprechen. So wie mit seiner Matschhose geht er mit allem um. Wir haben natürlich schon alles Mögliche versucht, aber Vincent hat einfach nicht die nötige Reife und Aufmerksamkeit, die ein Vorschulkind haben sollte. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten und überlegen, wie wir in Zukunft vorgehen. Oberste Priorität haben hier auf alle Fälle Ruhe und Beständigkeit.«

Gehetzt sah ich mich nach dem Taxi um, in dem mein Sohn bereits angeschnallt saß und »Losfahren, losfahren!« brüllte.

O Gott, nicht dass der Taxifahrer einfach mit ihm davonfuhr – nach dem Motto, bei fünf Kindern kommt es ja auf eins mehr oder weniger ohnehin nicht an!

»Frau Probst, Sie haben natürlich völlig recht. Ich muss mich jetzt nur ganz furchtbar beeilen, weil wir gleich noch die Kinder einer Freundin abholen müssen.« Ich ließ Frau Probst, sprachlos und mit der Matschhose in der Hand, stehen und rannte zum Taxi.

»Jetzt bitte zur Grundschule«, wies ich den Fahrer an.

Dort sammelten wir Jost ein, Kathrins Jüngsten und Vincents besten Freund.

Das Abholen der übrigen drei Jungs gestaltete sich schwieriger. Jonathan, der Älteste, weigerte sich, mit uns mitzukommen, bevor er nicht genauestens wusste, warum Kathrin nicht da war. Da meine Erklärungen nicht gerade präzise waren, bestand er darauf, mit seiner Mutter zu telefonieren. Eine gefühlte Ewigkeit hing er dann am Handy.

Nervös schielte ich aufs Taxameter, das lief und lief und lief.

Endlich gab Jonathan sich zufrieden: »Okay, Mama, dann weiß ich jetzt Bescheid. Nein, sie hat mir keine vernünftige Auskunft gegeben. Ich bin ja nicht blöd und steig mit einer Fremden in irgendein Taxi!«

Was dachte sich dieser Rotzlöffel eigentlich? Dass ich ihn kidnappen wolle, um dann von meiner zweitbesten Freundin ein dickes Lösegeld zu kassieren?

Auch der Nachmittag verlief nicht ganz so unproblematisch, wie ich es mir erhofft hatte.

Nach dem Mittagessen musste ich Joachim zum Geigenunterricht fahren. Da ich nicht schon wieder ein Vermögen für ein Großraumtaxi ausgeben wollte, bat ich Jonathan, so lange auf die anderen aufzupassen, und kochte noch schnell eine Thermoskanne heißen Kakao für die Bande. Auch erlaubte ich den Kindern, ein bisschen fernzusehen, und zeigte ihnen die Süßigkeitenschublade in der Küche.

Als ich nach etwa einer halben Stunde zurückkam, dröhnte mir schon auf der Straße laute Musik aus unserem Garten entgegen.

Die Kinder hatten die Außenlautsprecher eingeschaltet und spielten Fußball.

Ich lief ins Haus, drehte die Musik leiser und ging dann hinaus auf die Terrasse. »Jonathan, alles okay bei euch?«, rief ich.

»Jaja!«, brüllte er zurück.

Ich wollte schon beruhigt wieder ins Haus gehen, als Leonie sagte: »Der Schrader stand zweimal am Zaun und hat irgendwas gerufen. Wir haben aber nicht verstanden, was.«

Carl Schrader war unser Nachbar und ein pensionierter Beamter, der nichts anderes zu tun hatte, als sich ständig beim Rest der Straße über irgendwelche Kleinigkeiten zu beschweren. Ein waschechter Blockwart und Choleriker. Da Hubertus sehr viel Wert auf eine gute Nachbarschaft legte, verhielten wir uns immer vorbildlich und hatten bisher noch keinen Ärger mit ihm gehabt.

Beunruhigt ging ich ins Haus.

Just in diesem Moment klingelte das Telefon.

Ich griff nach dem Hörer und stieß dabei die Thermoskanne mit dem heißen Kakao um. Natürlich hatten die Kinder sie nicht wieder richtig zugeschraubt, sodass sich jetzt ein Großteil des Inhalts über die Tischplatte ergoss.

Instinktiv riss ich die Kanne hoch, wobei dicke braune Spritzer auf meinem Gesicht und Pullover landeten.

Ich schrie laut auf – leider direkt in den Hörer. Der Anrufer legte sofort wieder auf.

Verärgert wischte ich mit einem Taschentuch an meinem ruinierten champagnerfarbenen Kaschmirpullover herum.

Mist, der war richtig teuer gewesen.

Da klingelte das Telefon erneut.

»Victoria Dansmann hier, hallo?«, meldete ich mich geistesabwesend.

Hätte ich mich bloß umgezogen, als ich aus der Stadt zurückkam!

»Ich wollte gerade die Polizei rufen!«, schrie mir daraufhin ein Mann ins Ohr. »Sie können doch Minderjährige nicht einfach unbeaufsichtigt lassen. Das ist ja wirklich das Allerletzte. Wissen Sie, was da alles passieren kann? Und dann noch dieser unerträgliche Lärm!«

Nun hatte ich die Stimme erkannt: Es war Carl Schrader – und ich durfte endlich auch mal einen seiner legendären Tobsuchtsanfälle erleben, von denen ich schon so viel gehört hatte.

Fieberhaft überlegte ich, wie ich ihn wohl wieder besänftigen könnte, als er brüllte: »Dass Ihre Kinder so ungezogene Rüpel sind, hätte ich wirklich nicht gedacht!«

Jetzt ging er mir aber zu weit. Ob Nachbar oder nicht, Choleriker hin oder her: Wenn jemand meine Kinder ungestraft beleidigen durfte, dann war ich das. Was bildete sich dieser Oberspießer eigentlich ein?

»Ich möchte nicht, dass Sie meine Kinder oder die Kinder meiner Freundin noch einmal Rüpel nennen. Ich bezeichne Sie ja auch nicht als verbitterten alten Greis«, meckerte ich zurück.

»Wie bitte? Wie haben Sie mich gerade genannt? Das ist ja wirklich die Höhe!« Carl Schraders Stimme überschlug sich förmlich.

»Sie haben nicht richtig zugehört. Ich habe gesagt, dass ich Sie ja auch nicht als verbitterten alten Greis bezeichne. Schönen Tag noch!« Ich legte auf und atmete tief durch.

So, mit Carl Schrader hatte auch ich es mir nun auf Lebzeiten verscherzt.

Ich schielte zur offenen Süßigkeitenschublade hinüber. Ein Schokoriegel würde meinen blank liegenden Nerven jetzt wahrlich guttun. Doch dort herrschte nur noch gähnende Leere.

Enttäuscht schaute ich aus dem Fenster. Unser Rasen war mit Snickers-, Lolly- und Bounty-Papierchen bunt besprenkelt.

Das sind wirklich Rüpel, dachte ich grimmig und marschierte mit meinem von Kakao durchtränkten Pullover ins Bad.

Die vier Js waren von Kathrin abgeholt worden, und ich tauschte gerade mein bloß liegendes Nervenkostüm gegen mein sündhaft teures dunkelblaues Seidenkostüm ein, mit dem ich bei Essenseinladungen das Image meines erfolgreichen Gatten aufzupolieren pflegte, als Hubertus um Punkt 19 Uhr zu Hause eintraf.

»Na, was gibt’s Neues?«, fragte er und kam ins Schlafzimmer, um sich ebenfalls für das Essen bei den Körners umzuziehen.

»Unser Sohn ist für sein Alter zurückgeblieben, die Kinder sind totale Rüpel, und unser Nachbar ist ab sofort unser Erzfeind!«

  Kapitel 2

»So, wir sind da.«

Das waren Hubertus’ erste neutrale Worte nach einem halbstündigen Tobsuchtsanfall wegen meines Clinchs mit Carl Schrader.

Wie zu erwarten, war er deswegen ziemlich sauer auf mich. Aber so richtig aufgeregt hatte er sich über meine standhafte Weigerung, mich bei diesem kleinkarierten Spießer zu entschuldigen.

War mir doch egal, wenn dieser cholerische Vorgartenzwerg uns nun die nächsten zwanzig Jahre nicht mehr über den Zaun hinweg grüßen würde.

Mein Mann sah das aber ganz anders, und so versuchte er, mich während der gesamten Autofahrt davon zu überzeugen, dass ein kleiner Gang nach Canossa echt angesagt wäre.

Ich tat so, als höre ich zu, und war froh, als wir endlich vor dem großen weißen Tor der Körners hielten.

Das Haus – oder besser gesagt die Villa – von Tobias und Daniela Körner lag im Stadtteil Winterhude an der Bellevue und hatte einen fantastischen Blick über die Außenalster.

Wie schön es wäre, wenn wir jetzt einfach spazieren gehen könnten, dachte ich. Ohne Zeitdruck, ohne Zwang. Nur die Anwesenheit des anderen genießen.

»Wo ist der Blumenstrauß?«, holte Hubertus mich in die Realität zurück.

»Hinten«, seufzte ich und stieg aus.

Während Hubertus den Blumenstrauß aus dem Kofferraum holte, überprüfte ich schnell mein Kostüm. Der Seidenrock hatte nämlich die nervige Angewohnheit, beim Sitzen hochzurutschen und dann in dieser Position zu verweilen.

»Beeil dich«, zischte Hubertus mir zu, und ich stöckelte über den Kiesweg hinter ihm her.

Auf der Einfahrt vor der Garage parkte ein weißer Porsche mit dem Kennzeichen HH-DK-1.

Ich lachte. »Wie süß! DK 1 steht bestimmt für ›Dicker Kuss.‹ »DK steht für Daniela Körner, Tobias Körners Frau. Und jetzt hör mit diesen Kindergartenwitzen auf. Das ist peinlich«, knurrte Hubertus und ging die breitgeschwungene Treppe zur Eingangstür hinauf.

»Das Nummernschild ist peinlich. Wie kann man sich selbst als die Nummer eins bezeichnen«, murmelte ich beleidigt und verstummte sofort, als Hubertus mich böse anfunkelte und den Klingelknopf drückte.

Sobald die Klingel ertönte, legte er eine Wandlung hin, die Dr. Jekyll und Mr Hyde vor Neid hätte erblassen lassen: Aus dem gestressten, tobenden Ehemann wurde der entspannte, fröhliche Bankmanager – so wie Tobias Körner ihn kannte.

Insgeheim bewundere ich Menschen, die sich chamäleonartig innerhalb von einer Sekunde einer neuen Situation perfekt anpassen können. Ich schaffte das nie – leider. Vielleicht war deshalb meine Karriere in der Werbeagentur auch nicht richtig in Schwung gekommen, denn bis ich mich endlich mit einem Produkt vollkommen identifiziert hatte, hatte der Kunde unserer Agentur den nötigen Etat bereits wieder entzogen.

Eine sympathisch lächelnde Frau öffnete uns.

Hubertus und ich strahlten zurück, und ich ergriff ihre Hand: »Guten Abend, Frau Körner! Vielen Dank für die Einladung. Sie haben ein wunderschönes Haus.«

Die Frau sah mich irritiert an.

Plötzlich ertönte die schrille Stimme einer anderen Frau, die hinter ihr in die Eingangshalle schritt: »Also so was, Sie haben Franziska mit mir verwechselt! Na, das ist mir ja noch nie passiert!«

Frau Körner war sehr groß. Sie trug ein eng anliegendes edles Strickkleid mit Pelzbesatz, das ihre überaus schlanke Figur betonte, und ihre blonden Haare waren kunstvoll aufgetürmt.

Ich überlegte, wie groß wohl das Loch sein mochte, das sie mit tonnenweise Haarspray für diese Frisur in die Ozonschicht gerissen hatte. Wenn sie das jeden Tag machte, würde unsere gute alte Erde bald schmelzen.

Franziska, die nette Haushälterin, nahm uns die Mäntel und mir den Blumenstrauß ab, dem Frau Körner keinerlei Beachtung schenkte.

Daniela Körner geleitete Hubertus und mich in den Salon.

Dort erwartete uns ihr Gatte, ein dicklicher Mann, der von seiner Frau um einen Kopf überragt wurde. Er begrüßte mich herzlich mit Küsschen links, Küsschen rechts: »Frau Dansmann, ich freue mich sehr, Sie endlich kennenzulernen.«

Ich freute mich auch, vor allem weil er so viel freundlicher wirkte als seine Frau.

Dann sah ich mich im Salonzimmer um. Es war mit Möbeln aus dunklem poliertem Massivholz eingerichtet, und die zur Alster gerichteten Fenstertüren waren von cremefarbenen Seidengardinen eingerahmt. Mein Blick wanderte zu den großen Bildern an den Wänden, es waren Schwarz-Weiß-Porträts einer jungen Frau.

»Das ist Daniela, meine Frau«, sagte Herr Körner, der meinem Blick gefolgt war.

Nun betrachtete auch Hubertus aufmerksam die Fotografien. »Sehr schön«, schwärmte er.

Tobias Körner lächelte stolz. »Meine Frau war ein sehr gefragtes Model. Alle großen Designer rissen sich um sie.«

Geschmeichelt lächelte nun auch Daniela Körner. »Ja, aber jetzt arbeite ich lieber mit meinem Mann zusammen in der Firma. Ich fliege nur noch zu den großen Shows nach Mailand und Paris, um Karl und Giorgio zu unterstützen.«

Karl und Giorgio?

Ich tat ihr nicht den Gefallen, nachzufragen oder beeindruckt zu tun. Stattdessen nickte ich nur beiläufig und freute mich insgeheim auf das Essen an diesem Abend. Mir knurrte der Magen, weil ich den ganzen Tag vor lauter Hektik kaum etwas gegessen hatte, und ich hatte das Gefühl, ein halbes Wildschwein verzehren zu können.

Aber daraus würde wohl nichts werden.

»Wir kochen ausschließlich vegan. Franziska hat dafür extra eine dreimonatige Ausbildung bei einem Spitzenkoch absolviert«, sagte Daniela Körner zu mir, während unsere Männer sich in ein Gespräch über Geldanlagen vertieften.

Vegan? Was bedeutete denn noch mal vegan?

»Ernähren sich die Körners etwa ausschließlich von Körnern?«, rutschte es mir heraus.

Daniela Körner machte ein pikiertes Gesicht. »Unwissende denken, dass sich hinter veganer Küche nur Vogelfutter verbirgt. Vegane Ernährung hat jedoch viel mehr als nur Körner zu bieten. Und: Vegane Ernährung sorgt für einen gesunden schlanken Körper und straffes Bindegewebe.« Sie musterte mich von oben bis unten mit einem vielsagenden Blick.

Das war ja wohl die Höhe. Auch wenn sie die Frau eines wichtigen Bankkunden von Hubertus war, beleidigen ließ ich mich nun nicht.

»Also ich verbinde mit veganer Ernährung in erster Linie Unterernährung und Mangelerscheinungen«, erwiderte ich spitz und revanchierte mich mit einem ebenso unverschämten Scannerblick über ihre reizlosen Ecken und Kanten.

Zum Glück kam in diesem Moment Franziska ins Zimmer, um uns zu Tisch zu bitten.

Als Vorspeise servierte sie uns vietnamesische Frühlingsrollen, die mir erstaunlich gut schmeckten. Vielleicht lag das aber auch einfach an meinem tierischen Hunger.

»Und, wie schmeckt Ihnen die vegane Küche?«, erkundigte sich Tobias Körner.

»Also wirklich fantastisch! Ganz ausgezeichnet«, lobte Hubertus.

Mir war das zu viel Schleimerei, daher sagte ich nur: »Gut, aber schon etwas gewöhnungsbedürftig.«

Hubertus warf mir einen bösen Blick zu, doch Tobias Körner lachte nur. »Mir ging es am Anfang ganz ähnlich wie Ihnen, liebe Frau Dansmann. Aber glauben Sie mir: Je öfter man vegan isst, desto besser schmeckt es.«

Für kurze Zeit war es still am Tisch.

Dann wandte sich Daniela Körner an mich: »Was machen Sie eigentlich beruflich?«

Ich zögerte und ärgerte mich gleichzeitig über die Frage. Von allen am Tisch hatte ich vermutlich den anstrengendsten Tag hinter mir. Nichtsdestotrotz würde Daniela Körner herablassend auf meine Antwort reagieren, das wusste ich instinktiv.

»Ich bin hauptberuflich und leidenschaftlich gerne Mutter und Hausfrau«, sagte ich schließlich.

»Oh«, entfuhr es Frau Körner. Sie tat so, als sei ihr gerade ein schlimmer Fauxpas unterlaufen, und schaute gespielt betreten in die Runde.

Herr Körner lachte wieder. »Dani, nicht jede Frau ist so ein Workaholic wie du. Es gibt auch ganz normale Frauen, die ihr Leben einfach nur genießen.«

Schlagartig war meine Sympathie für Herrn Körner verschwunden. Er hatte ja keine Ahnung, was man alles als Hausfrau und Mutter vierundzwanzig Stunden am Tag leistete. Zumindest wenn man keine Franziska hatte, die einem die komplette Arbeit abnahm.

Und mein Mann – sichtlich um gute Stimmung bemüht – setzte noch eins drauf: »Ja, Vicci und ich haben ein Gemeinschaftskonto. Ich zahle ein, und sie hebt ab.«

Alle außer mir lachten.

Dann redeten Hubertus und Tobias Körner wieder über Geschäftliches.

Ich beschloss, mich für den Rest des Abends nicht mehr am Gespräch zu beteiligen, sondern konzentrierte mich, wie ich es mal in einem Yogakurs gelernt hatte, auf meinen Atem, um mich ein wenig zu entspannen.

Doch Daniela Körner plapperte dazwischen: »Jetzt hört doch auf, immer nur über Politik und Wirtschaft zu reden. Das ist für Frau Dansmann nicht sehr spannend. Die Arme langweilt sich schon richtig.«

In meinen Ohren klang das wie eine offizielle Kriegserklärung.

Fordernd sah ich Hubertus an. Wenn er diesem Hungerhaken neben mir jetzt nicht sofort sagte, dass er jeden Abend mit seiner intelligenten Frau über diese Themen sprach und ihre Meinung sehr schätzte, dann würde ich aufstehen und gehen.

Hubertus aber lächelte nur dümmlich, und Tobias Körner sagte: »Du hast vollkommen recht, Dani. Worüber würden Sie gerne reden, liebe Frau Dansmann?«

Alle schauten mich erwartungsvoll an.

»Also, was mich wirklich brennend interessieren würde …«, antwortete ich betont langsam, »… ist, warum Sie, liebe Frau Körner, nur Karl Lagerfeld und Giorgio Armani unterstützen. Ich finde, Donatella Versace würde viel besser zu Ihnen passen. Rein optisch könnten Sie doch fast als Zwillingsschwestern durchgehen.«

So, nun waren die Fronten geklärt. Daniela Körner fand mich dick und dumm, und ich fand sie dürr und hässlich.

Eineinhalb Stunden und zwei vegane Gänge später saßen Hubertus und ich schweigend im Auto. Ich hatte keine Lust zu reden, doch nachdem wir wortlos die dritte rote Ampel hinter uns gelassen hatten, wurde mir die dicke Luft zu viel.

»War ja wirklich ein reizender Abend«, giftete ich. »Das nächste Mal kannst du da allein hingehen.«

»Wäre auch besser«, knurrte Hubertus. »Du hast dich einfach unmöglich benommen. Die Körners verkehren in den besten Kreisen Hamburgs. Solche Kontakte sind wichtig für mich. Aber das kapierst du mit deinem kleinen Hausfrauenverstand ja nicht!«

»Hubertus, sag lieber nichts mehr, wofür du dich später entschuldigen musst. Du weißt ja, dich zu entschuldigen ist nicht gerade deine Stärke«, warnte ich ihn.

»Wofür soll ich mich denn entschuldigen?«, brüllte er. »Du lebst wie auf Wolke sieben in deiner kleinen Welt und bist nicht in der Lage, über den Tellerrand hinauszuschauen. Jeden Abend jammerst du mich mit dem ganzen belanglosen Kleinscheiß zu, den du tagsüber erlebst. Glaubst du wirklich, dass mich das interessiert? Es wäre echt besser, wenn du wieder arbeiten gehen würdest. Dann hätten wir auch mal wieder richtige Gesprächsthemen.«

»O ja, klar, so wie du sie bestimmt mit der tollen Karrieretussi Daniela Körner hättest. Da könntest du dann auch gleich erfahren, wie man mit veganer Ernährung zur dämlichen Bohnenstange mutiert.«

Hubertus schnaubte verächtlich. »Du bist ja nur neidisch. Aber ich sag dir was: Wenn du dich bei anderen Leuten und beim Essen etwas zurückhalten würdest, kämst du auch nicht wie eine Bauersfrau rüber.«

Wow, das hatte gesessen. Jeder einzelne Satz eine schallende Ohrfeige. Ich war zu verletzt, um darauf antworten zu können. Mein Mann hielt mich also für eine ungehobelte dicke Bauersfrau, die ihn langweilte.

Tief gekränkt sah ich aus dem Fenster. Ich spürte, dass dies einer der Momente war, die meinem Leben eine entscheidende Wendung geben würden.

Am nächsten Morgen saß ich müde am Küchentisch.

Ich hatte die ganze Nacht wachgelegen und gegrübelt. Bisher war ich mit meinem Leben die meiste Zeit zufrieden gewesen – ich war nicht überglücklich, aber doch zufrieden. Das hatte mir genügt. Nun musste ich wohl etwas ändern, wenn mein Mann mich als unattraktiv empfand.

Es hatte mal eine Zeit gegeben, da fand Hubertus mich sinnlich und eloquent statt dicklich und dreist. Doch seit einigen Jahren lief es zwischen uns nicht mehr. Im Restaurant warf er mir böse Blicke zu, wenn ich noch einen Nachtisch bestellte oder meinen Teller leer aß, anstatt wie andere Frauen die Hälfte wieder zurückgehen zu lassen. Mich wiederum ärgerte, dass Hubertus die Themen Kindergarten und Schule als Lächerlichkeiten ansah und komplett auf mich abwälzte.

Ich dachte an Kathrin, die gerade so schnöde von Tim abserviert worden war.

Wenn Hubertus mich und mein Leben langweilig und uninteressant fand, dann würde er ja vielleicht auch bald eine andere finden wollen, die mit ihm auf einer Welle schwamm, denn ich tat es ja anscheinend nicht.

Da ich jedoch noch keine Ahnung hatte, was ich anstellen konnte, damit wir beide uns wieder näherkamen, und ich auch keine Lust auf weitere Streitereien hatte, beschloss ich, mir eine Auszeit zu gönnen. Mit Emily zu verreisen war das Beste, was mir in dieser Situation passieren konnte.

Also rief ich sie in der Redaktion an.

»Style & Trends – guten Tag«, flötete Kim, Emilys Assistentin. Emily bezeichnete sie oft als blondes Dummchen, doch ich fand sie sehr nett.

»Hallo, Kim, hier ist Victoria Dansmann. Ich hätte gerne Emily gesprochen.«

Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann meldete sich Emily fröhlich: »Hey, Süße, es ist schon alles gebucht für uns. Du verreist übrigens unter dem Namen Kati König.«

Das überraschte mich jetzt aber. Woher wusste sie, dass ich mitkommen wollte? Gestern hatte ich ihr doch ziemlich deutlich abgesagt.

»Wieso Kati König?«, fragte ich. Wenn ich schon mal die Gelegenheit hatte, mir einen anderen Namen auszusuchen, wollte ich mir einen außergewöhnlicheren Namen als »König« zulegen.

»Na, weil du dich die vier Tage wie ein König fühlen wirst«, lachte Emily. »Pass auf: Wir fahren am 1. März los und kommen am 4. wieder. Du bist also rechtzeitig zum Ferienbeginn zurück, um mit deinem lieben Mann und deinen süßen Kindern Ostern zu verbringen.«

Das wäre jetzt das Stichwort gewesen, um Emily mein Leid zu klagen. Da sie in der Redaktion allerdings meist im Stress war, verschob ich die Schilderung meiner leidvollen Geschichte auf später.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, rief ich meine Schwiegermutter an, um sie zum Kinderhüten zu überreden.

Da Lotti – genau wie ich – Hausfrau war, würde sie nächste Woche schon keine weltbewegenden Termine haben, womit ich richtiglag.

Trotzdem tat sie erst so, als ob sie furchtbar beschäftigt wäre. »Oh, das ist ja schon nächste Woche. Na, du bist lustig. Mein Terminkalender ist rappelvoll. Ich muss sehen, ob ich da überhaupt etwas schieben kann.«

Dann hörte ich sie minutenlang mit Papier rascheln. Zwischendrin murmelte sie: »Mmh … das muss ich ja auch verschieben …«

Endlich – ich hatte derweil entspannt den Hamburg-Teil im Abendblatt gelesen – sagte sie: »Da habt ihr aber Glück. Meine Termine kann ich so weit verschieben. Du brauchst für die Woche auch nichts einzukaufen, das mache ich lieber selbst. Ich habe nämlich ein paar tolle neue Rezepte. Da werden sich die Kinder und Hubertus freuen.«

Allen voran freute sich meine Schwiegermutter. Aber das gönnte ich ihr von Herzen.

  Kapitel 3

Das gleichmäßige Brummen der Flugzeugmotoren machte mich schläfrig.

Ich sah auf meine Armbanduhr. In etwa einer Stunde würden wir landen – genug Zeit für ein Nickerchen.

Es war spät geworden gestern Abend. Ich hatte unbedingt noch alle Details der Reise mit Emily durchsprechen wollen. Da sie aber zur Store-Eröffnung irgendeines italienischen Schuhdesigners eingeladen war, hatte ich bis fast Mitternacht warten müssen, bis sie mich endlich zurückrief.

»Mach dir nicht so viele Gedanken! Die Reise wird dir guttun. Vicci, nach diesen vier Tagen wirst du ganz neue Erkenntnisse über deine Ehe haben«, hatte sie mir versichert.

Wie recht sie damit haben sollte, ahnten wir beide zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht. Zunächst einmal ging es darum, mir eine neue Identität zuzulegen.

»Sei in den vier Tagen einfach eine ganz andere Person«, hatte Emily mir zugeredet. »Dann weißt du auch, ob du das überhaupt willst.«

Also machten wir ab, dass ich als Kati König Single und eine erfolgreiche Geschäftsfrau sein sollte. Deshalb hatte ich mir auch am Hamburger Flughafen eine FAZ gekauft statt einer Frauenzeitschrift.

Ein besseres Schlafmittel hätte ich mir für die Dauer des Flugs gar nicht kaufen können, stellte ich mit Genugtuung fest, als ich erwachte und wir zur Landung ansetzten.

»Wieso steigen wir eigentlich in Lech ab? Ist das nicht so ein verschnarchtes Skifahrerdorf? Wäre Zürs oder St. Anton nicht viel besser geeignet für deine Recherchen?«, fragte ich dann Emily im Taxi zum Hotel.

»Wir sind von Lech aus ganz schnell in den coolen Clubs in Zürs oder St. Anton. Keine Angst, dir entgeht schon kein Mann«, sagte sie trocken.

Im Rückspiegel sah ich, wie der Taxifahrer grinste.

In Lech waren die Dächer von einer dicken glitzernden Schneedecke überzogen. Die Dämmerung war angebrochen, und die ersten Skifahrer waren bereits in den Ort zurückgekehrt und versammelten sich zum Après-Ski an den Stehtischen vor den Cafés. Hier und da hörte man laute Musik.

Unser Taxi fuhr langsam die Durchgangsstraße entlang und eine kleine Straße bergauf, bevor es vor dem Hotel hielt.

Sofort eilte ein Page herbei, um uns das Gepäck abzunehmen. »Willkommen im Hotel Berghaus«, begrüßte er uns höflich.

Wir betraten die imposante Eingangshalle, die mit einem dicken roten Teppich ausgelegt und mehreren mit buntem Blumenmuster bezogenen Sitzgruppen ausgestattet war. Gemütlich und stilvoll zugleich.

An der holzgetäfelten Rezeption nahmen wir unsere Zimmerschlüssel in Empfang und folgten dann dem Pagen zum Fahrstuhl, der uns in die zweite Etage brachte.

Dort wies im Flur eine Tafel auf das abendliche Fünf-Gänge-Menü hin, bei dem mir augenblicklich das Wasser im Mund zusammenlief.

»Können wir heute Abend hier im Restaurant essen?«, fragte ich Emily erwartungsvoll.

Sie schüttelte den Kopf. »Sorry, wir haben heute Abend ein volles Programm. Aber keine Sorge, du wirst schon nicht verhungern. Ich habe uns für 21 Uhr einen Tisch im Edelweiss in Zürs reserviert. Und danach gehen wir ins Zürserl – du weißt schon, den Club am Arlberg schlechthin.«

War mir auch recht.

Als wir mein Zimmer betraten, schrie ich vor Freude auf.

In der Mitte des Raumes standen ein großes Bett, daneben ein kleiner Tisch mit zwei bunt bezogenen Sesseln und ein handbemalter, rustikal anmutender Schrank, in dem ein Fernseher und die Minibar untergebracht waren. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch das Panoramafenster, das den Blick auf die Berge freigab. Ich war sofort verliebt in dieses herrlich gemütliche Zimmer.

Entzückt warf ich mich auf das Bett und versank in den dicken weichen Federkissen.

»Wollen wir nicht den Zimmerservice kommen lassen und fernsehen?«, fragte ich halb im Spaß.

Emily lachte nur.

Als sie mich zwei Stunden später frisch geschminkt und frisiert abholte, musterte sie mich kritisch. »Vicci, wir gehen nicht zum Kaffeekränzchen, sondern in einen angesagten Club. Du siehst voll muttimäßig aus.«

Ich sah an meinem dunkelbraunen, eng anliegenden Strickkleid hinunter. Es sah ein bisschen aus wie das Kleid, das Daniela Körner getragen hatte.

»Was ist daran falsch? Das Kleid ist doch sexy und körperbetont«, erwiderte ich beleidigt.

»Ja, es betont deine Problemzonen. Ob das sexy ist, wage ich zu bezweifeln.«

Manchmal war mir Emily einfach eine Spur zu direkt und zu ehrlich.

»Emily, du bist meine beste Freundin. Dein Job ist es, mein Selbstbewusstsein zu stärken, und nicht, mich niederzumachen«, maulte ich eingeschnappt.

Doch Emily meinte nur: »Eine echte Freundin sagt die Wahrheit. Aber wenn es dich besser stimmt: Ich hätte liebend gerne so einen großen Busen wie du.«

Wir einigten uns schließlich auf eine schwarze Hose und ein schwarzes Top. Dazu zog ich Emilys trendige Wildlederjacke an.

Dann fuhren wir mit dem Taxi nach Zürs.

Die Musik dröhnte in meinen Ohren, und ich fühlte mich ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt.

Nach einem fantastischen Essen im Edelweiss waren wir ins Zürserl gegangen, wo Emily schon nach kurzer Zeit an der Bar von einem Typen angesprochen und zu einem Drink eingeladen worden war.

Ich saß auf einem rot gepolsterten Barhocker und schaute den anderen Leuten dabei zu, wie sie sich amüsierten, denn Emily hatte mir aufgetragen zu beobachten, wie sich Singles und auch Pärchen verhielten.

Ein Typ mit kinnlangen, nach hinten gegelten Haaren setzte sich auf den Barhocker neben mir.

Bestimmt ein Autohändler, dachte ich und sah auf die langen Koteletten, die sein breites Gesicht einrahmten.

Der Autohändler grinste mich mit gelben Zähnen an: »Na, noch auf der Suche?«

Ich bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ja, nach gut aussehenden Männern. Bisher habe ich aber noch keinen entdeckt.«

Daraufhin wandte er sich dem Barkeeper zu und ließ mich in Frieden.

Gegen halb eins wurde ich richtig müde. Außer auf dem Barhocker zu sitzen und ab und zu an meiner Cola zu nippen, hatte ich nichts zu tun.

Emily lachte, tanzte und flirtete immer noch mit dem Typen, den sie mir kurz als Thorsten vorgestellt hatte. Ich war mir nicht sicher, ob das zu ihrer Recherche gehörte oder ob sie tatsächlich Gefallen an ihm gefunden hatte.

Jedenfalls war ich ziemlich erleichtert, als wir gegen zwei endlich zum Hotel aufbrachen.

Zurück in meinem Zimmer kroch ich hundemüde ins Bett und unter die kuschelige Daunenfederdecke und sank augenblicklich in einen komatösen Schlaf.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wusste ich zunächst nicht, wo ich war. Ich hatte so tief und gut wie schon lange nicht mehr geschlafen. Ob es an der Bergluft oder den dicken Daunenfedern lag, konnte ich nicht sagen.

Es klopfte.

Schlaftrunken tapste ich barfuß zur Tür. Emily – bereits topgestylt – drückte sich an mir vorbei, in der rechten Hand ein kleines Tablett mit Gebäck und Kaffee.

»Guten Morgen, du Schlafmütze! Frühstück ist fertig!«

»Woher hast du das denn?«

»Ich habe den Zimmerservice kommen lassen. Ich wollte keine unnötige Zeit im Restaurant verplempern, sondern lieber meine Mails checken.«

»Hast du etwa schon gearbeitet?«, gähnte ich.

»Na klar, ich bin schließlich nicht nur zum Spaß hier. Gleich treffe ich mich mit Thorsten in Oberlech. Ich dachte, wir teilen uns heute mal auf. Da du ja nicht die größte Skiläuferin bist, kannst du dir vielleicht die Boutiquen und die Cafés anschauen. Was wird dort geboten, was für Leute kaufen da ein und so weiter. Okay?«

Ich nickte und nahm Emily das Tablett ab. Dann goss ich Kaffee in eine der beiden Tassen.

»Und mach dir bitte Notizen, damit du nichts vergisst. Wir treffen uns dann heute Abend um sieben wieder hier im Hotel.« Damit marschierte sie gut gelaunt aus dem Zimmer.

Ich nahm ein Croissant aus dem Brotkorb und setzte mich zurück aufs Bett. Herrlich!

Als ich meinen Kaffee auf dem Nachttisch abstellte, fiel mein Blick auf die Hotelunterlagen. Ich griff nach der Mappe und blätterte darin, während ich genüsslich das Croissant verzehrte.