Herzensjunge - Carmen Korn - E-Book
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Beschreibung

Eine große Liebesgeschichte – oder: Schmökerstoff für kalte TageToni ist verliebt – nicht verknallt. Sie liebt Jan und Jan liebt sie. Aber Jan, der Junge mit den dunklen Locken, der so gut Klavier spielen kann, hat ein Geheimnis. Je näher Toni Jan kennenlernt, desto mehr Rätsel gibt er ihr auf. Was hat es mit der Narbe auf sich, die er unter seiner Mütze versteckt und über die er partout nichts sagen will? Und was ist mit den Gerüchten über den mysteriösen Tod von Jans Mutter? Da verschwindet Jan eines Tages und alle spielen verrückt.Gefühlvoll, romantisch und unglaublich authentisch.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:272


Inhaltsverzeichnis
 
DIE AUTORIN
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
 
Copyright
DIE AUTORIN
Carmen Korn arbeitete als Redakteurin beim STERN, bevor 1989 ihr erster Roman erschien, der für das ZDF verfilmt wurde. Es folgten weitere Romane und Erzählungen, von denen viele preisgekrönt wurden. Carmen Korn lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Hamburg. »Herzensjunge« ist ihr erster Roman bei cbt.
 
»Carmen Korn versteht es, einen wunderbar schwebenden Ton anzuschlagen, der die Spannung unterschwellig zu schüren weiß.« Hamburger Abendblatt
1
Ich bin gerade dabei, ein neues Leben anzufangen. Der letzte Versuch ist ziemlich versickert. In Ahornsirup versickert. Kaum hatte ich vor, eine Elfe zu werden und nur noch Äpfel und Quark und Vollkornbrot zu essen, kam Oma daher und hat sich in unsere Küche gestellt und Pfannkuchen gemacht. Pfannkuchen mit Ahornsirup. »Kleine Verwöhne«, hat sie gesagt. Kleine Verwöhne, viele Kalorien.
Neue Leben haben einfach was mit Ernährung zu tun. Das stand auch in der Zeitschrift, für die Mama ihre Kitschgeschichten schreibt. Da war ein großer Artikel, wie man seinem Leben eine wirkliche Wende gibt. »Schönheit kann man essen«, stand da. Vitamine ohne Ende. Vollkorn. Ab und zu ein Löffel Kieselerde. Und wenn man sich erst einmal schön gegessen hätte, würde alles ganz von selbst gehen, und dann winkte nicht nur eine Karriere, sondern auch der Traumprinz.
Ich habe noch nie einen Freund gehabt.
Nein. Das stimmt so nicht. Natürlich habe ich Freunde gehabt. Im Kindergarten. Olli und Tobi. Mit den beiden bin ich auch eingeschult worden. Das hat sich dann aber auseinandergelebt. In der siebten Klasse kam ein Junge dazu, der aus Leipzig hergezogen war. Der hat mir gefallen. Doch er blieb nur ein halbes Jahr, denn sein Vater hatte anderswo einen noch besseren Job gefunden. Nicht dass es mir an Männern in meinem Leben fehlt. Da ist Papa und da sind mein großer Bruder Andreas und mein kleiner Bruder Adrian. Die habe ich ja auch alle doll lieb. Doch mir fehlt so was ganz Besonderes fürs Herz. Eine große Liebe.
Höre ich da Oma im Flur? Hoffentlich bringt sie keinen Kuchen mit. Ich will durchhalten. Im kommenden Januar werde ich vierzehn. Noch drei Monate. Bis dahin will ich schön sein. Eine schöne Elfe. Kann man eine Elfe sein, wenn man mit dreizehn schon eins sechsundsiebzig groß ist? Die Jungen in meiner Klasse sind alle kleiner als ich. Doch von ihnen eignet sich auch keiner, meine große Liebe zu werden. Die haben ja nur ihre Computerspiele im Kopf. Einfach noch zu kindisch, diese Jungs. Ist auch nichts anderes als Cowboy-und-Indianer-Geheul, was die da auf dem Schirm haben. Immer geht’s nur ums Kämpfen.
Andreas hat das auch alles gespielt. Das hörte erst vor einem halben Jahr auf, als er auf einmal eine Freundin hatte. Da war er schon fast sechzehn. Jungen sind eben Spätzünder. Ganz anders als wir Frauen.
Na ja. An Hannas Reifezustand habe ich allerdings auch berechtigte Zweifel. Hanna, die beste aller Freundinnen. Ruht gerade ein bisschen, diese Freundschaft. Seit sie sich verknallt hat. In den bescheuertsten Typen auf dem Erdball. Immer eine große Lippe. Ein totaler Angeber.
»Toni. Oma hat Torte mitgebracht.«
Das darf doch nicht wahr sein. Wollen die mich mästen? Ich steuere ja auf ein glattes Large zu. Kleidergröße Large. Gott o Gott. Mama ist auch schon dicker geworden. Nur Oma bleibt eine Bohnenstange. Die Länge habe ich von ihr. Hätte nichts dagegen, auch so dünn zu sein wie sie. Dünn mit Brüsten. Jetzt muss ich nur sagen, dass Adrian mein Stück haben kann. Dann ist die Versuchung an mir vorübergegangen.
»Adrian kann mein Stück haben.«
Mein kleiner Bruder wird im Februar sechs. Da muss man noch futtern und wachsen.
»Ist genug für alle da, Toni. Du magst doch so gern Haselnusstorte.«
Die Stimme meiner Großmutter. Oma gibt nicht so leicht auf. Liebes neues Leben. Morgen fange ich dich ganz bestimmt an.
2
»Sieben Sekunden im Mund. Sieben Stunden im Magen. Sieben Jahre auf den Hüften.« Das hat Papa gesagt, als er gestern in die Küche kam und uns Torte essen sah. Papa ist ein Asket. Das sind Leute, die sich ziemlich viel verkneifen. Ich kann gar nicht verstehen, wie Papa Omas Sohn sein kann. Die ist das genaue Gegenteil. Gönnt sich gerne was. Nicht nur Süßes. Auch mal einen Schnaps. Und schicke Klamotten.
In Omas Wohnung gibt es einen alten Schrank aus Kirschbaumholz. Ein großer Kasten. Früher habe ich beim Versteckspiel dadrin gesessen und vor mir hat es Andreas getan und heute tut es Adrian. Kann gut sein, dass Papa als Kind sich auch darin versteckt hat. Wir würden alle vier in den Schrank passen. Dabei sind haufenweise Kleider drin. Die hat Oma getragen, als sie jung war. In den Sechzigerjahren. Oma tut immer, als sei das eine ganz wilde Zeit gewesen. Doch die Klamotten sind wirklich schräg. Westen, auf denen kleine Spiegel genäht sind. Flatterröcke, so durchsichtig, dass Mama mir verbieten würde, damit auf die Straße zu gehen. Eigentlich könnte ich mal einen davon anziehen. Mit Leggings drunter. Oma hat gesagt, ich dürfe mir was aussuchen.
Heute in der großen Pause ist Hanna auf mich zugekommen, gerade als ich in ein Stück Kohlrabi beißen wollte. Sie sah ziemlich kaputt aus und sagte, sie müsse dringend mit mir reden. Wir haben uns im Balzac verabredet. In einer halben Stunde treffen wir uns da auf eine Karamellmilch. Halt. Ich sollte besser den Ingwertee mit Zitronengras nehmen. Passiert viel zu leicht, dass man in alte Gewohnheiten fällt.
Endlich mal wieder mit Hanna reden, ohne ihren Herzallerliebsten um uns herumstreichen zu haben! Kalli habe ich schon länger nicht mehr auf dem Schulhof gesehen. Vielleicht ist er krank. Hat Hanna darum mal wieder Zeit für mich? Irgendwas bedrückt sie. Ich kenne sie schließlich schon länger als mein halbes Leben. Da kann sie mir nichts vormachen. Ob Kalli mit ihr Schluss gemacht hat? Das wäre ein Segen. Ich vermisse Hanna. Klar, ich sitze jeden Tag mit ihr im Klassenzimmer. Doch sonst findet kaum noch was statt bei uns. Wenn ich vorschlage, ins Kino zu gehen, dann hat sie den Film schon mit Kalli gesehen. Vorige Woche habe ich einfach mal bei ihr vor der Tür gestanden und geklingelt. Ihre Mutter machte auf und hat sich echt gefreut über meinen Besuch. »Hanna ist in ihrem Zimmer«, hat sie gesagt, »geh nur hinein.« Dass Kalli auch in dem Zimmer war, hatte Hannas Mutter wohl verdrängt. Ich öffne die Tür und sehe die beiden eng aneinandergedrückt auf dem rosa Sofa sitzen, auf dem Hanna und ich immer saßen, wenn wir GZSZ guckten. Na ja. Geknutscht hatten Hanna und Kalli nicht, als ich kam, doch es war trotzdem ein peinlicher Moment.
»Du schminkst dich, Toni? Hast du was Besonderes vor?«
Mama tigert durch die Wohnung, weil ihr kein Anfang für eine neue Kitschgeschichte einfällt. Das kenne ich. Dann geht die Kühlschranktür auf und zu, als hätte der Kühlschrank eine Drehtür. Mama kriegt immer Hunger, wenn sie schreiben muss. Und ehe ich mich versehe, steht sie kauend hinter mir und guckt kritisch. Alles um sich abzulenken und nicht am Schreibtisch zu sitzen.
»Ich treffe mich mit Hanna.«
Mama wird nicht verstehen, dass das ein Grund ist, sich zu schminken. Doch gerade wenn die Situation angespannt ist, muss man darauf achten, gut auszusehen. Ich denke, ich werde die kleinen silbernen Hufeisen in die Ohren stecken. Die kennt Hanna noch nicht.
»Hanna ist doch deine beste Freundin«, sagt Mama.
Was ist das denn für ein Argument. Sie sieht ja auch nicht aus, als ob sie gerade aus dem Bett käme, wenn sie sich mit ihren Freundinnen trifft.
»Ich fühle mich einfach besser, wenn ich geschminkt bin«, sage ich. Geschminkt. Ein zu großes Wort dafür. Wimperntusche. Ein paar Tupfer Abdeckcreme. Ein apricotfarbenes Cremerouge oben auf den Wangen. Abgestimmt auf meine blonden Haare, die einen Tick rötlich sind.
Mama schüttelt den Kopf. Sie meint, dass Mädchen aussehen müssten, als lebten sie auf einer Alm und hießen Heidi. Ungeschminkt. Rotbackig. Nach Milch und Heu duftend. Mit einem Freund, der Geißenpeter heißt.
Aber leider habe ich nicht mal einen Freund, der Ziegen hütet. Es stinkt mir schon, dass Hanna einen hat und ich nicht. Auch wenn es der bescheuerte Kalli ist.
3
Um vier waren wir verabredet. Ich gucke auf meine Uhr. Hab noch immer keine Fossil, sondern die Flik Flak mit dem bunten Stoffband, die ich zur Einschulung ins Gymnasium bekommen habe. Gleich ist es zwanzig nach. Keine Hanna.
Das passt nicht zu ihr, unzuverlässig zu sein, nicht mal in den Zeiten von Kalli. Auf Hanna konnte ich mich immer verlassen. Ich fange gleich an zu heulen. Der Ingwertee scheint mir aufs Gemüt zu gehen. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Quatsch.Was soll ihr passiert sein.
In der sechsten war es. In unserer Parallelklasse. Da waren zwei aus der 6c im Schwimmbad verabredet und die eine ist nicht gekommen.Am anderen Morgen stand dann die Direktorin vor der Klasse und sagte: »Kinder, ich muss euch was Trauriges sagen.« Da war sie tot.Vor ein Auto gelaufen. Die ganze Stufe hat geheult. Die A. Die B. Nicht nur die C.
Ich lasse die Tür kaum aus den Augen und überlege, ob ich nicht doch eine Karamellmilch trinke. Zucker ist Nervennahrung, sagt Oma.
Vor dem großen Fenster sehe ich meinen großen Bruder stehen. Er wartet wohl auch auf jemanden.Vermutlich auf Lena, mit der er seit einem halben Jahr zusammen ist. Fast schon ein altes Ehepaar. Papa ist nicht begeistert von Lena, weil sie die Schule abgebrochen hat und Schauspielerin werden will. Doch er braucht sich keine Sorgen zu machen, dass das auf Andreas abfärbt. Der ist ein Musterschüler. Papa war auch einer, sagt Oma. Darum ist er wohl Lehrer geworden.
Andreas dreht sich um und sieht durch die Fensterscheibe und mir genau ins Gesicht. Ich gebe ihm ein Zeichen, dass er hineinkommen und sich zu mir setzen soll. Nur nicht länger allein hier hocken. Ich sehe aus wie bestellt und nicht abgeholt. Bin ich ja auch.
»Wer hat dich versetzt, Schwesterlein?«, fragt Andreas, als er vor mir steht.
»Bloß Hanna«, sage ich und staune meiner blöden Antwort hinterher.
Doch mein großer Bruder schaut schon wieder auf die Straße hinaus. Die Bushaltestelle ist nur ein paar Meter weiter und der Sechser fährt gerade vor und spuckt eine Menge Leute aus.
»Und auf wen wartest du?«, frage ich.
Da läuft er schon wieder aus der Tür, und ich sehe ihn auf jemanden zugehen, den ich nicht kenne. Ein Junge. Klare Oberstufe. Groß. Er hat eine Mütze auf. Aus der Mütze quellen dunkle Locken. Mein Bruder und er gehen davon.Was war das nun wieder?
Ich stehe auf und verlasse das Balzac. Hab mich noch nie so verloren gefühlt in meinem liebsten Coffeeshop. Hanna kommt sicher nicht mehr. Hinten in der Gertigstraße laufen Andreas und der Junge mit der Mütze. Irgendwie ist mir auf einmal komisch zumute.
4
Hanna ist nicht in der Schule. In der ersten Stunde fragt Herr Hagen nach ihr. Sie hätte ein Referat in Deutsch halten sollen. Alle schauen mich an, als sei ich Hannas Hüterin. In der Reihe vor mir kichern sie.
Ich kann mir keinen Reim drauf machen.Weder auf Hannas Abwesenheit noch auf das Gekicher. Ich habe Hanna gestern Abend anrufen und fragen wollen, wo zum Kuckuck sie gewesen ist, was sie Besseres zu tun hatte, als mit mir im Balzac zu sitzen und Karamellmilch zu trinken, doch dann beschloss ich, beleidigt zu sein und gar nichts zu tun.
Kurz vor Ende der Stunde kommt die Direktorin in die Klasse, und mir stockt der Atem, und ich habe schreckliche Angst vor dem, was sie zu sagen hat. Lieber Gott, lass nichts mit Hanna sein. Ist das vorstellbar?
Hätte ich das nicht längst erfahren? Doch es geht nur um das Handyverbot, und die Direktorin lässt Zettel da, die wir von den Eltern unterschreiben lassen sollen. Ist wieder eines geklaut worden oder was soll der Zirkus? Ich werde nach der Schule auf jeden Fall zu Hanna nach Hause gehen. Sie wird wohl nicht einfach nur schwänzen und mit Kalli auf dem Sofa sitzen.
»Du lebst ja echt im Tal der Ahnungslosen«, sagt Franziska auf dem Weg in die Pause, als ich sie nach Hanna frage.
»Dann kläre mich doch bitte mal auf«, sage ich. Doch das hat nur wieder ein allgemeines Gekicher zur Folge. »Hattest du nicht auch mal ein Handy?«, fragt Franziska. Hatte ich. Ein olles Ding, das bei Oma übrig geblieben war und sich leider verabschiedet hat. Papa ist gegen Handys. Manchmal lebt er hinter dem Mond.
»Brauche ich ein Handy, um mir euer Gekicher zu erklären?«, frage ich.
Franziska zeigt mir kurz ihr neues Nokia und lässt es gleich wieder in ihre Jeanstasche verschwinden. »Nachher«, sagt sie, »viel zu heiß hier.«
Ich hasse das, nicht eingeweiht zu sein. Komme mir immer gleich ungeliebt vor. Ausgestoßen. Doch aus Franziska ist nichts mehr rauszukriegen. Sechs Stunden noch, bis wir hier freigelassen werden.Wie soll ich das aushalten im Tal der Ahnungslosen?
Nach Ende der Achten trödele ich und schaffe es, neben Franziska aus der Tür zu kommen, die immer ewig braucht, bis sie ihren Kram gepackt hat. Sie grinst und legt einen Schritt zu. Erst auf der Straße holt sie ihr Handy hervor und drückt darauf herum. Dass sie das derart schnell kann mit den schweren Silberringen, die sie an den Fingern hat. Und dann kriege ich ein Filmchen auf dem Display zu sehen. Ein Junge, der an einem Mädchen herumknutscht. Er hängt an ihrem Hals, als sei er Dracula. Ich erkenne erst in der nächsten Sekunde, dass es Hanna und Kalli sind. Haben die das zugelassen, dabei gefilmt zu werden? Wo ist das überhaupt? Kommt mir irgendwie bekannt vor, diese Sitzlandschaft.
»Das hat einer von den Zehntklässlern auf einer Party aufgenommen«, sagt Franziska. »Die waren so beschäftigt miteinander, die haben nicht mal gemerkt, dass sie gefilmt worden sind.«
Wie finde ich denn das? Fies finde ich das. Was ist denn überhaupt mit Persönlichkeitsrechten? Da klagt die Caroline von Monaco doch auch immer und kriegt dann Schmerzensgeld von diesen Käseblättern. Franziska scheint das anders zu sehen. Die kichert schon wieder.
»Und das ist jetzt in der ganzen Klasse rum?«, frage ich.
»In der ganzen Schule«, sagt Franziska, »warum, glaubst du denn, hat die König heute die Zettel wegen der Handys verteilt?«
»Und weißt du, warum Hanna nicht in der Schule war?«, frage ich.
»Weil es ihr megapeinlich ist«, sagt Franziska, allwissend, wie sie ist. »Kalli ist seit vorgestern nicht da. Hab gehört, seine Eltern wollen ihn auf eine andere Schule schicken.«
Ich sinke in mich zusammen. Dass ich von alldem nichts gewusst habe.
»Scheint nicht mehr weit her zu sein mit bester Freundin, wenn dir Hanna nichts erzählt hat«, sagt da auch schon Franziska und stößt mir damit einen silbernen Dolch in die offene Wunde.
Warum ist Hanna gestern bloß nicht ins Balzac gekommen? Hat sie Fußfesseln? Nein. So sind Hannas Eltern nicht. Sauer werden die schon sein, doch Stubenarrest halte ich für wenig wahrscheinlich. Ich atme auf, als Franziska in Richtung Bushaltestelle geht. Ich könnte auch eine Station fahren, doch ich laufe lieber. Dann habe ich mich ein bisschen abgeregt, bevor ich bei Hanna ankomme, und falle nicht gleich über sie her in meiner Enttäuschung. Erst einmal den Kopf kühlen, sagt Papa immer. Ich wette, Hanna hat mir längst alles erzählen wollen.
5
Ich liege auf dem Bett und drücke meinen Bären an mich und denke, dass das Leben leichter war, als wir zwölf waren. Scheint mir schon endlos lang her zu sein. Tja. Der Besuch bei Hanna.Wie war der?
Sie hat mir die Tür aufgemacht und gleich angefangen zu heulen. Ihre Mutter war nicht zu Hause und wir sind in die Küche gegangen und haben uns an den Tisch gesetzt. Da stand noch ein Teller mit einer trockenen Scheibe Toast. Die hat Hanna dann auseinandergezupft.
Erst einmal hab ich mich geärgert. Als ich den Grund erfuhr, warum sie mich gestern im Balzac versetzt hatte. Weil Kalli ganz überraschend vorbeigekommen war, gerade als sie aufbrechen wollte. Dass Hannas Eltern ihn überhaupt noch in die Wohnung lassen! Ich saß da am Küchentisch und stellte mir vor, wie Kalli stattdessen davongejagt worden wäre. Draußen herrscht tiefe Dunkelheit, der Sturm tobt und es schüttet vom Himmel und er wird davongejagt. Ich gestehe, die Vorstellung gefiel mir. Dabei war es natürlich um vier Uhr nachmittags noch hell und gestürmt und geregnet hat es auch nicht.
Er hat Hanna doch alles eingebrockt. Heftig, so an ihr herumzumachen, und das auf einer Party! Gut. Da gehören zwei zu. Jungen sind bei so was aber aggressiver. Oder? Hanna stellte sich taub, als ich mit ihr darüber sprechen wollte, und dann hat sie tatsächlich gesagt, ich hätte ja keine Ahnung. Das hat wehgetan.
Hanna tat ganz schön überlegen, wenn ich es mir so überlege.Trotz der Heulerei, die sie zwischendurch immer wieder überkam.Als sei sie eine erfahrene Frau und ich ein Kleinkind. Dabei wird sie erst im März vierzehn und ich schon im Januar. Ich bin auch längst kein BMW mehr. Das hat Max im Sommer zu mir gesagt, als ich mein Trägertop anhatte.
»Da kommt ja unser BMW.«
Hanna hat mich dann darüber aufgeklärt, was das bedeutet. Brett mit Warzen. Ist mir jetzt noch peinlich, wenn ich nur daran denke.
Aber Hannas Filmchen ist peinlicher. Kein Zweifel. Ihre Eltern wollen auch noch mit dem Hagen sprechen, unserem Klassenlehrer. Um Hannas Ruf wiederherzustellen und weil sie Angst haben, dass jetzt ein Mobbing losgehen könnte. Bei der Truppe, die sich um Franziska schart, kann ich mir das gut vorstellen. Ich habe ihr dann gesagt, dass sie sich auf mich hundertpro verlassen kann. »Das ist lieb von dir,Toni«, hat sie gesagt. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass ihr das gar nicht wichtig ist. Ich bin nicht mehr der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Ich fürchte, Kalli ist es.Trotz allem.
Nun liege ich hier angezogen auf meinem Bett und gucke auf das Kinoplakat, das ich vor Kurzem an die Wand gepinnt habe. »Wie ein einziger Tag« heißt der Film. Handelt von einer großen Liebe, die nicht standesgemäß ist. Die Heldin ganz wohlhabend und der Junge arm. Noah heißt er und wird von Ryan Gosling gespielt. Der ist so süß.
Ich gucke auf das Poster, und da durchzuckt es mich plötzlich, und ich denke an den Jungen, mit dem mein großer Bruder sich getroffen hat. Obwohl Ryan Gosling keine dunklen Locken hat und eine Schirmkappe trägt statt einer Mütze, springt mir die Ähnlichkeit nur so entgegen. Das lange, schmale Gesicht. Dieser Ausdruck darin.
Ich kriege Herzklopfen. Das kann doch nicht wahr sein - ich hab diesen Jungen nur mal kurz gesehen. Hab ich ihm überhaupt ins Gesicht geguckt? Es war doch nur ein Augenblick durch das Fensterglas. Bin ich denn so bedürftig?
All meine Gedanken laufen immer wieder in dieselbe Richtung. Ich brauche eine Liebe. Eine größere als die von Hanna und Kalli. Eine, die noch was anderes bedeutet als Geknutsche. Schick mir jemanden, lieber Gott. Schnell.
6
Mama und Papa legen großen Wert darauf, dass wir alle einmal am Tag zusammen am Tisch sitzen und essen. Alle fünf. »Eine Mahlzeit teilen«, sagt Papa.
Das ist gar nicht einfach, weil wir zu den unterschiedlichsten Zeiten nach Hause kommen.Adrian ist in der Vorschule und ist schon kurz nach eins da. Ich komme oft erst gegen vier. Bei Andreas ist ohnehin alles ganz anders, seit er in der Oberstufe ist und obendrein noch mit Lena geht.
Papa ist Lehrer an der Grundschule, in die Andreas und ich gingen, ehe wir aufs Gymnasium kamen. Er hat oft schon am späten Mittag aus und dann bringt er Adrian mit. Mama ist manchmal in der Redaktion, doch meistens arbeitet sie zu Hause an ihrem Schreibtisch. Eigentlich klappt das mit der gemeinsamen Mahlzeit nur am Abend ganz gut.
Heute Abend sind alle da. Auch Andreas. Ich hab ihn seit gestern Nachmittag kaum mehr gesprochen. Seit er aus dem Balzac gegangen ist und den Jungen mit der Mütze getroffen hat. Soll ich ihn so über Kartoffeln mit Quark weg fragen, wer das war? Vielleicht mit Schnittlauch zwischen den Zähnen?
Ich versinke in Gedanken. So sehr, dass ich zu der Tube Mayonnaise greife, die neben dem Teller meines kleinen Bruders liegt. Anders kriegt er seine Kartoffeln nicht gegessen. Ich eigentlich auch nicht.
»Wer war denn der Junge, mit dem ich dich gestern Nachmittag in der Gertigstraße gesehen habe?«, fragt Mama. »Der mit der Mütze. So kalt ist es doch noch gar nicht.«
Träume ich? Oder spreche ich schon durch Mama? Als sei ich besessen.
»Das ist Jan«, sagt mein großer Bruder.
»Und wer ist Jan?«, fragt Mama.
Ich liebe es, dass sie so beharrlich ist. In diesem Moment liebe ich es.
»Kennst du ihn aus der Schule?«, schaltet Papa sich ein.
Keine Zwischenfragen, bitte. Ich weiß, dass Andreas diesen Jan nicht aus der Schule kennt. Dann hätte ich ihn schon auf dem Schulhof gesehen.
»Er ist neu in Hamburg«, sagt mein großer Bruder, »gerade erst mit seinem Vater hergezogen.«
»Und woher kennst du ihn?«, beharrt Mama.
»Aus Lenas Küche«, sagt Andreas.
Das hört sich gar nicht gut an. Das ist mir zu intim. Lenas Küche. Die soll bloß ihre Finger von Jan lassen.
»Ist er ein Freund von Lena?«, fragt Papa und klingt hoffnungsvoll.
»Was sollen diese inquisitorischen Fragen?«, sagt mein großer Bruder. Ich verstehe ihn, doch ich hoffe auf Antworten.
»Ihr sollt Andreas in Ruhe lassen«, sagt Adrian, der die Gelegenheit genutzt hat, die halbe Tube Mayonnaise auf eine Kartoffel zu drücken. Zurück in die Tube kriegt er sie nicht mehr, egal wie Mama guckt.
»Jans Vater und der von Lena sind Studienfreunde«, sagt Andreas. Er lenkt doch immer ein. Kommt ganz nach Mama. »Der Vater von Lena hat wohl angeregt, dass sie nach Hamburg ziehen.«
»Und Jans Mutter?«, fragt Mama.
»Die ist tot«, sagt Andreas.
Wir zucken alle zusammen.Von Schicksalsschlägen ist unsere Familie ziemlich verschont geblieben. Das Schlimmste, was geschehen ist, war Omas Scheidung von Opa, und die ist schon endlos lange her, und Opa lebt vergnügt in Italien und erntet Oliven und fühlt sich längst, als sei er in der Toskana geboren, und Oma geht es auch bestens.
»Der arme Junge«, sagt Mama, »ist das schon lange her?«
Mein großer Bruder hebt die Schultern und widmet sich ganz dem Pellen einer Kartoffel. »Weiß nicht«, sagt er schließlich, »ich habe ihn gerade erst kennengelernt, und nicht alle in dieser Familie haben die schlechte Angewohnheit, Leuten Löcher in den Bauch zu fragen.«
»Warum geht er nicht auf unsere Schule?«, frage ich.
Andreas guckt mich nachdenklich an. Als ob er ahne, dass seiner lieben Schwester ein kurzer Blick auf Jan genügt hat, um sich zu verknallen. Das ist es doch wohl. Ich habe mich verknallt. Oder warum sitze ich hier und fühle mich, als hätte ich gerade eine Grippe überstanden, und bohre und will das komplette Leben von Jan kennen?
»Ist ihm nicht musisch genug. Er geht aufs Albert-Schweitzer.«
»Spielt er da im Schulorchester?«, fragt Papa.
»Wird er wohl demnächst tun. Er will Pianist werden.«
Ich werde verrückt. Ein Junge, der Klavier spielen kann. Nicht nur so aus dem Album für Anfänger. Ich träume von Klavier spielenden Männern.
»Bring ihn doch mal mit«, sagt Mama.
O ja. Bitte. Bring ihn mit. Ich versuche, ganz gelassen zu wirken, und starre auf meinen Teller, als gäbe es da was anderes zu sehen als eine Gabel, die in einer zerdrückten Kartoffel liegt.
Will ich nur ganz dringend eine Liebe oder hat mir Jan wirklich das Herz verdreht? In dem Augenblick, als er aus dem Bus stieg, um dann mit meinem Bruder davonzugehen. Liebe auf den ersten Blick. Und das mir. Wenn ich ihn doch noch mal ganz aus der Nähe betrachten dürfte. Um meine Gefühle zu prüfen und zu wissen, ob es ernst ist.
»Ich hab dich gar nicht gesehen«, sagt Andreas zu Mama, »wo warst du denn da in der Gertig?«
»Da gibt es doch genügend zu erledigen«, sagt Mama.
Bilde ich mir das ein oder wird Mama verlegen? Dabei ist doch gar nichts dabei, ein bisschen shoppen zu gehen.
7
Es ist stockdunkle Nacht, als ich aufwache. Längst noch kein Morgen. Ich schlafe eigentlich wie ein Murmeltier. Das sagt Papa immer, wenn es ihm dann doch noch gelungen ist, mich zu wecken. Keine Ahnung, wie gut Papa sich mit Murmeltieren auskennt, doch als Grundschullehrer muss er eigentlich über alles Bescheid wissen.
Irgendein Gedanke hat sich in meinen Schlaf geschlichen. Einer, der mir nicht angenehm war und mich geweckt hat. Ich liege da und lausche in mich hinein und da kommt es mir in den Sinn. Was ist denn, wenn ich meine Gefühle geprüft habe und weiß, dass ich Jan liebe, und er liebt mich nicht? »Halte mir bloß deine kleine Schwester vom Hals«, könnte er zu Andreas sagen und sich ausschütten vor Lachen. Das wäre schrecklich. Einfach mein Tod.
Da gibt es doch ein Lied, das Oma manchmal singt. »Daneben geschossen, tödlich getroffen«, heißt eine Zeile darin. Geht auch um eine Liebe, die nicht erwidert wird. Gott o Gott.
Im Schlafzimmer klingelt der Wecker. Kann nicht später als halb sechs sein.Wer will denn jetzt schon aufstehen? Papa wird doch keinen Wandertag in der Schule haben. Nicht im Oktober.
Durch die geriffelten Glasscheiben meiner Zimmertür fällt schwaches Licht. Kann nur vom Badezimmer kommen, das genau gegenüberliegt. Die Neugier siegt. Ich schlage die Decke zurück und stehe auf. Tapse hinüber und öffne die Tür. Mama steht vor dem Spiegel und schaut ihrem Gähnen zu.
»Toni«, sagt sie, »du bist schon auf?« Das Gleiche könnte ich sie fragen.
»Ist was nicht in Ordnung?«, frage ich stattdessen.
»Ich muss nach Lübeck«, sagt Mama.
»Zu Fuß?«
»Wie kommst du darauf?«, fragt Mama. Sie hält ihr Haar hinten im Nacken zusammen und schiebt es hoch und klemmt eine Klammer rein. Sieht jünger aus. Das braucht sie am Morgen. Hebt ihre Stimmung. Auch wenn sie die Haare dann wieder fallen lässt und glatt bürstet.
Von Hamburg sind es sechzig Kilometer nach Lübeck. Dafür muss man nicht mit den Hühnern aufstehen. »Weil es so früh ist«, sage ich.
»Ach so«, sagt Mama. »Ich treffe mich mit einer Frau, die heute noch nach London fliegt, um nach ihrem verschollenen Mann zu suchen.«
»In London verschollen?«
»Auf dem Ärmelkanal«, sagt Mama, »in einem Kanu.«
Wer kommt auf die Idee, in einem Kanu nach England zu paddeln? Doch das sind die Geschichten, die Mama schreibt. Menschliche Dramen, die einen Kern Wahrheit haben, den sie dann möglichst dramatisch ausschmückt.
»Davon hast du gestern Abend gar nichts erzählt«, sage ich.
»Hab ich das nicht?«, sagt Mama.
Das ist typisch für Mama. Immer tut sie, als habe sie alles erzählt und wir hätten es nur vergessen oder gar nicht erst zugehört. Gestern Abend ist sie auch nicht damit rausgerückt, wohin sie unterwegs war, als sie Andreas und Jan gesehen hat. Sie hätte doch sagen können, sie habe sich bei Magic Ohrringe angeguckt. Oder bei Herz und Krone die neuen Gürtel. Das hätte ich jedenfalls getan. Gibt viele schicke Sachen in der Gertig. Lebensmittel kauft Mama ganz woanders. Nein. Statt einfache Antworten auf einfache Fragen zu geben, hüllt meine Mutter sich lieber in Schweigen. Manchmal glaube ich, Mama wäre gerne eine Frau mit Geheimnissen.
»Du liegst doch sonst um diese Zeit noch im Bett wie ein Sandsack«, sagt Mama. Sandsack. Da ziehe ich das Murmeltier doch vor.
»Hab schlecht geschlafen«, sage ich.
»Dieser Jan ist mir nicht aus dem Kopf gegangen«, sagt Mama leicht gurgelnd. Sie hält gerade ihr Gesicht unter das fließende Wasser.
Mir auch nicht, denke ich. Mama fängt an, mir unheimlich zu werden. Ist sie ein Medium? Liest sie meine Gedanken?
»Ganz ohne Mutter aufzuwachsen«, sagt Mama, »stell dir das vor.«
Lieber nicht. Ich gebe ihr einen Kuss und beschließe, noch mal ins Bett zu gehen. Eine kleine Mütze Schlaf. Bis Viertel vor sieben. Dann hat Papa seinen Auftritt in meinem Zimmer.
»Bist du heute Mittag wieder da?«, frage ich.
»Ich hoffe«, sagt Mama, »Oma wollte noch vorbeikommen.«
»Sie soll bloß keinen Kuchen mitbringen«, sage ich.
»Du undankbares Gör«, sagt Mama. Doch es klingt verständnisvoll.
Ich lebe mitten in einem Idyll. Ich weiß das durchaus zu schätzen. Ich werde nur ein wenig zu gut gefüttert in dem Idyll. Oder ist es das Muster meines Schlafanzuges, das dick macht?
Ich drehe mich um und überlasse den Spiegel ganz meiner Mutter.
8
Hanna ist wieder da. Sie kommt in die Klasse und ich traue meinen Augen nicht. Ich hatte erwartet, dass sie auf braves Kind macht. Ihre langen dunklen Haare, die sie sonst offen trägt, zu einem Zopf bindet. Zopf und Samtschleife.Vielleicht noch ein karierter Rock.
»Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert«, würde meine liebe Großmutter sagen beim Anblick von Hanna.
Sie hat ihre Haare lose hochgesteckt. Sehr lose. Ist alles irgendwie zerzaust. Dafür hat sie sich gründlich geschminkt. Kajal um die Augen. Die Lippen mit einem Konturenstift ummalt und mit lila Gloss ausgefüllt. Das klebt wohl so, dass sie den Mund lieber leicht offen stehen lässt.Was soll denn dieser Auftritt?
»Arbeitest du jetzt im Puff?«, fragt einer der Jungs.
Das musste ja kommen.Warum provoziert sie das? Ich dachte, ihre Eltern hatten mit unserem Klassenlehrer reden und Hannas Ruf retten wollen. Der ist bald wirklich zum Teufel. Ich suche ihren Blick, doch sie scheint von mir wegzugucken. Liebe Hanna, lauf schnell auf die
cbt - C. Bertelsmann Taschenbuch Der Taschenbuchverlag für Jugendliche Verlagsgruppe Random House
 
1. Auflage Originalausgabe Dezember 2009 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
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in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Alle Rechte vorbehalten Umschlagabbildung: Corbis/Shutterstock Umschlagkonzeption: Zeichenpool, München st · Herstellung: ReD
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