Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Zeiten des Aufbruchs E-Book

Carmen Korn

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E-Book-Beschreibung Zeiten des Aufbruchs - Carmen Korn

Bewegte Zeiten. Bewegend erzählt. 1949: Die vier Freundinnen Henny, Käthe, Ida und Lina stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Dabei sind sie im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst nicht weit voneinander entfernt aufgewachsen. Seit Jahrzehnten schon teilen sie Glück und Unglück miteinander, die kleinen Freuden genauso wie die dunkelsten Momente. Hinter ihnen liegen zwei Weltkriege. Hamburg ist zerstört. Doch mit den Fünfzigern beginnt das deutsche Wirtschaftswunder. Endlich geht es aufwärts: Hennys Tochter Marike wird Ärztin, Sohn Klaus bekommt eine Stelle beim Rundfunk. Ganz neue Klänge sind es, die da aus den Radios der jungen Republik schallen. Lina gründet eine Buchhandlung, und auch Ida findet endlich ihre Berufung. Aufbruch überall. Nur wohin der Krieg Käthe verschlagen hat, wissen die Freundinnen noch immer nicht. Im zweiten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie erzählt Carmen Korn mitreißend von der deutschen Nachkriegszeit, den pastellfarbenen Fünfzigern und der Aufbruchsstimmung der Sechzigerjahre. Vier Frauen. Hundert Jahre Deutschland.

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E-Book-Leseprobe Zeiten des Aufbruchs - Carmen Korn

Carmen Korn

Zeiten des Aufbruchs

Roman

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Bewegte Zeiten.

Bewegend erzählt.

 

1949: Die vier Freundinnen Henny, Käthe, Ida und Lina stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Dabei sind sie im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst nicht weit voneinander entfernt aufgewachsen. Seit Jahrzehnten schon teilen sie Glück und Unglück miteinander, die kleinen Freuden genauso wie die dunkelsten Momente.

 

Hinter ihnen liegen zwei Weltkriege. Hamburg ist zerstört. Doch mit den Fünfzigern beginnt das deutsche Wirtschaftswunder. Endlich geht es aufwärts: Hennys Tochter Marike wird Ärztin, Sohn Klaus bekommt eine Stelle beim Rundfunk. Ganz neue Klänge sind es, die da aus den Radios der jungen Republik schallen. Lina gründet eine Buchhandlung, und auch Ida findet endlich ihre Berufung. Aufbruch überall. Nur wohin der Krieg Käthe verschlagen hat, wissen die Freundinnen noch immer nicht.

 

Im zweiten Teil ihrer Jahrhundert-Trilogie erzählt Carmen Korn mitreißend von der deutschen Nachkriegszeit, den pastellfarbenen Fünfzigern und der Aufbruchsstimmung der Sechzigerjahre. Vier Frauen. Hundert Jahre Deutschland.

Über Carmen Korn

Carmen Korn wurde 1952 geboren. Nach ihrer Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule arbeitete sie als Redakteurin für den «Stern». Carmen Korn lebt seit vierzig Jahren auf der Uhlenhorst, dem Hamburger Stadtteil, in dem auch ihre Romane spielen. Sie ist in dem Viertel tief verwurzelt und beschäftigt sich schon seit langem mit dessen Geschichte. Carmen Korn ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Für unsere Mütter und Väter

 

Anneliese und Heinz Korn

Ursula und Paul Hubschmid

Personenverzeichnis

Henny und ihre Angehörigen

Henny Lühr, geborene Godhusen

Jahrgang 1900. Mit achtundvierzig Jahren hat Henny schon einige Lebenswendungen hinter sich. Ihr erster Mann Lud Peters starb bereits 1926 bei einem Verkehrsunfall. Von ihrem zweiten Mann, dem Volksschullehrer Ernst Lühr, ist Henny mittlerweile geschieden. Ihren Beruf als Hebamme an der Frauenklinik Finkenau dagegen liebt sie noch immer.

Else Godhusen

Hennys Mutter, Kriegerwitwe, seit ihr Mann Heinrich im Ersten Weltkrieg starb.

Marike Utesch, geborene Peters

Jahrgang 1922. Hennys Tochter aus der Ehe mit Lud. Die junge Ärztin ist mit ihrer Kinderliebe Thies verheiratet. Nach seiner Rückkehr aus Russland hat Thies sich beim neugegründeten Nordwestdeutschen Rundfunk beworben, dort ist er mittlerweile für die Unterhaltungsmusik zuständig.

Klaus Lühr

Jahrgang 1931. Hennys Sohn aus zweiter Ehe. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, seit Klaus an seinem sechzehnten Geburtstag gestanden hat, dass er Jungen liebt. Um der Klappliege bei seiner Großmutter Else zu entgehen, lebt Klaus seit einiger Zeit bei dem Arzt Theo Unger, der ihm zum väterlichen Freund geworden ist.

Theo Unger

Auch in Hennys Leben spielt der Arzt eine immer wichtigere Rolle. Theo stammt aus einer Arztfamilie in Duvenstedt, während der Kriegsjahre hielt der Nutzgarten seiner Mutter Lotte die Freunde aus der Finkenau am Leben. Die Ehe mit Elisabeth ist geschieden, bereits 1945 ging sie mit dem englischen Captain David Bernard nach Bristol.

Lina und ihre Angehörigen

Lina Peters

Jahrgang 1899. Hennys Schwägerin bleibt sie, auch wenn ihr Bruder Lud längst tot ist. Als Lehrerin arbeitet die Anhängerin der Reformpädagogik nicht mehr. Mittlerweile betreibt sie zusammen mit Freunden die florierende Buchhandlung Landmann, benannt in Erinnerung an den Freund Kurt Landmann, Arzt an der Finkenau, der sich 1938 das Leben nahm, nachdem die Nazis dem jüdischen Arzt die Approbation entzogen.

Louise Stein

Linas langjährige, Cocktails liebende Lebensgefährtin. Früher arbeitete sie als Dramaturgin am Thalia Theater, jetzt ist sie eine der Inhaberinnen der Buchhandlung Landmann. Ihr Vater Joachim Stein ist mittlerweile ebenfalls aus Köln an die Alster gezogen.

Momme Siemsen

Sein Handwerk hat der Buchhändler aus Dagebüll in der Hamburger Buchhandlung Heymann gelernt. Inzwischen betreibt er eine eigene zusammen mit Lina und Louise. Privat fällt es ihm schwerer, sich zu binden, immer noch lebt er mit wechselnden Freundinnen in Gustes Pension an der Johnsallee.

Ida und ihre Angehörigen

Ida Yan, geborene Bunge

Jahrgang 1901. Seit ihrer Scheidung von dem Bankier Friedrich Campmann lebt auch Ida in Gustes Pension, zusammen mit ihrer großen Liebe, dem Chinesen Tian Yan, der ein Hamburger Kaffeekontor leitet, und Tochter Florentine (Jahrgang 1941), die sich bereits als Kind für Mode begeistert und von einer Laufbahn als Fotomodell träumt.

Guste Kimrath

Die Lebensgefährtin von Idas verstorbenem Vater Carl Christian Bunge. Die Pensionswirtin mit dem großen Herzen ist noch immer bereit, fremde Küken in ihrer geerbten Villa an der Johnsallee aufzunehmen.

Käthe und ihre Angehörigen

Käthe Odefey, geborene Laboe

Seitdem Käthe und ihre Mutter Anna im Januar 1945 von der Gestapo abgeholt wurden, wissen die Freunde nicht, ob Käthe noch am Leben ist. Zwar ist Henny sich sicher, Käthe am Silvestertag des Jahres 1948 in einer Straßenbahn gesehen zu haben. Aber Theo Unger stellt die Diagnose «Halluzination, aus der Hoffnung geboren», und auch Henny kommen langsam Zweifel. Wenn die Freundin noch lebt, warum meldet sie sich dann nicht bei ihr?

Rudi Odefey

Käthes Ehemann, den sie einst in der Sozialistischen Arbeiterjugend kennenlernte. Ebenfalls ein Verschollener des Krieges. Die Freunde wähnten den Liebhaber von Gedichten tot, bis sie ein Lebenszeichen aus einem Gefangenenlager im Ural erreichte. Doch zahlreiche Suchanfragen ans Rote Kreuz blieben ohne Ergebnis.

Alessandro Garuti

Rudis spät gefundener Vater. Der einstige Kulturattaché der italienischen Botschaft in Berlin macht sich immer wieder auf die lange Reise von San Remo nach Hamburg, um nach seinem Sohn zu forschen.

März 1949

Das Bellen des Hundes klang so nah, dass Theo ans Fenster trat und in seinen Garten schaute. Kaum eine Ahnung von Frühling darin, ein eiskalter Winter lag hinter ihnen, aus dem die ersten Märztage noch nicht herausgefunden hatten. Nur die Spatzen im kahlen Ahorn tschilpten, ließen sich auch nicht von der tiefen Hundestimme stören.

Störte sie ihn? Die Dogge gehörte zu den Nachbarn, die Anfang des Jahres in das Haus nebenan eingezogen waren. Nette Leute, Verwandte der verstorbenen Vorbesitzer. Ein großes Glück in diesen Zeiten, ein nahezu heiles Dach über dem Kopf zu haben. Für ihn. Für Hennys Sohn Klaus, der bei ihm lebte. Für die Familie nebenan.

Nein. Das Bellen störte Theo Unger nicht, auch wenn es bisher keine Hunde gegeben hatte in seinem Leben, weder im ländlichen Duvenstedt, wo er aufgewachsen war, noch in den Jahren mit Elisabeth hier in der Körnerstraße nahe der Alster. Dabei hätte ein eleganter Hund gut zu der Frau gepasst, mit der er vierundzwanzig Jahre verheiratet gewesen war.

Er hegte und pflegte den Gedanken, dass es längst nicht zu spät war für Neuanfänge, warum nicht ein wenig Lärm und Gebell ins Haus holen? Stille war es, die Theo störte. Dann drangen die Schatten ein und erzählten von denen, die verloren gegangen waren.

Doch nun geriet noch ein anderes auffälliges Geräusch in diesen Nachmittag. Eine hohe Autohupe, fast eine Fanfare. Theo stellte das Glas auf dem kleinen Tisch neben dem Ledersessel ab. In der Diele traf er auf Klaus, der aus seinem Zimmer im oberen Stock gekommen war, um die Haustür zu öffnen. «Tolle Kutsche», sagte Klaus. «Guck die dir an. Ist gerade bei uns vorgefahren.»

Theo traute seinen Augen kaum, als er Garuti aus dem Auto steigen sah. Alessandro Garuti, älter geworden wie sie alle und doch noch immer die vertraute exzellente Erscheinung.

«La brava», sagte Garuti und tätschelte die Haube des alten Alfa Romeo, der ihn von San Remo über Nizza, Lyon und das Elsass nach Hamburg gebracht hatte.

«Una sorpresa.» Lachend ging er auf Theo zu und umarmte ihn. Auch der Italiener fand, dass sein alter Freund sich kaum verändert hatte, ihr erstes Wiedersehen seit dem Krieg. Und es war ungewohnt, Elisabeth nicht neben Theo stehen zu sehen. Wenn Garuti auch längst aus Telefonaten wusste, dass sie Theo schon im Sommer 1945 verlassen hatte, um mit einem englischen Captain nach Bristol zu gehen.

Nun stand neben Theo der junge Mann, der das Leben des Freundes weniger einsam machte. Klaus. Kurz und bündig, dieser Name. Alessandro Garuti liebte die deutsche Sprache, doch gelegentlich erschien sie ihm ein wenig einsilbig. Rodolfo klang da wie gesungen. Rudi. Sein Sohn und Erbe.

Garuti trat in die einstöckige Stadtvilla mit den Gaubenfenstern im Dach und dem Rosenspalier. Wie gut es war, das alles wiederzusehen. Er hatte im vergangenen Jahr das siebte Jahrzehnt erreicht und hoffte, noch lange zu leben, um den Frieden zu genießen. Erst 1940 hatte er erfahren, Vater eines längst erwachsenen Sohnes zu sein. Rudi hatte den Krieg überlebt, doch noch war er ein prigioniero di guerra und saß in russischer Gefangenschaft in einem Lager im Ural. Würde er doch nur endlich zurückkehren.

«Es ist wahrlich eine Überraschung, Alessandro. Wir hatten dich erst im Mai erwartet, nicht jetzt im kalten Vorfrühling», sagte Theo, als sie zu dritt im Salon standen.

«Ich habe es nicht länger ausgehalten. Vielleicht gelingt es mir von Deutschland aus, Kontakt zu Rudi aufzunehmen.»

Theo Unger dachte, dass der pensionierte Diplomat und einstige Kulturattaché der italienischen Botschaft in Berlin zu hoffnungsvoll war, doch er schwieg und schenkte stattdessen einen gut temperierten, leichten Rotwein von der Ahr zur Begrüßung ein.

Zu den traurigen Wahrheiten würden sie bald genug kommen. Auch Käthe, Rudis Frau, und ihre Mutter Anna wurden seit Ende des Krieges vermisst. Es gab Tage, an denen Theo fürchtete, dass Henny sich getäuscht hatte, als sie am Silvestertag des vergangenen Jahres ihre Freundin hinter einem Fenster in der Straßenbahn der Linie 18 zu sehen glaubte. Käthe blieb unauffindbar.

«Ihr habt ja einen Hund», sagte Alessandro Garuti, der zum Fenster gegangen war und in den hinteren Garten sah.

Theo und Klaus kamen hinzu und staunten. Die Dogge stand in einem der Beete und wedelte. War sie über die hohe Hecke gesprungen?

«Goliath.» Eine Stimme aus dem Nachbargarten, die da rief.

Der Hund blickte noch einmal zu ihnen und begab sich dann auf den Rückweg durch die Buchsbaumhecke. Die frei geschlagene Bresche schien von Goliath auf Dauer angelegt zu sein.

«Il cane ha sorriso», sagte Garuti. Der Hund hatte gelächelt.

 

Henny hatte Dienst im Kreißsaal an diesem Märzsonntag. Lauter Jungen, die heute geboren wurden, eines der Wunder der Natur nach einem Krieg. Das männliche Geschlecht setzte alles daran, die großen Verluste aufzuholen, die es auf den Schlachtfeldern aller Länder erlitten hatte.

Henny Lühr legte den Kleinen in die Arme seiner Mutter. Ein erstes Kennenlernen, bevor das Neugeborene in das Säuglingszimmer kam. Oft waren die Frauen zu erschöpft in diesen Momenten, doch manche mochten die Menschlein, die sie gerade zur Welt gebracht hatten, gar nicht mehr hergeben. Eine Hausgeburt schuf da viel schneller Vertrauen auf beiden Seiten, doch sie barg auch die größeren Risiken.

Ihre Mutter Else hatte sie noch zu Hause geboren, in der Küche war Hennys Vater vor lauter Nervosität der Zuckertopf aus der Hand gefallen. «Dann wird es eine Deern», hatte die Hebamme gesagt und den Kessel mit heißem Wasser vom Herd genommen. Hennys Tochter Marike war dagegen 1922 bereits in der Finkenau zur Welt gekommen, die Entbindungsklinik hatte schon damals einen ausgezeichneten Ruf genossen. Und auch Klaus war neun Jahre später hier geboren worden. Und nun kam eine neue Nachkriegsgeneration zur Welt, der hoffentlich der Aufbruch in anhaltend friedliche Zeiten vergönnt war.

Henny warf einen Blick zu der großen Uhr an der Wand des Kreißsaals. Gleich ging ihre Schicht zu Ende, dann konnte sie den Kartoffelsalat aus dem Kühlschrank in der Küche des Schwesternzimmers nehmen und zu Klaus und Theo fahren. Kein Umweg über die Schubertstraße, wo sie wieder bei ihrer Mutter lebte, seit die eigene Wohnung in den Bombennächten des Juli 1943 zerstört worden war. Ließe sie sich jetzt blicken, Else würde nur schmollen, dass sie den Abend nicht mit ihr verbrachte.

Der siebzehnjährige Klaus hatte ein eigenes Zimmer in Theos Haus. Theo hätte es gerne gesehen, wenn Henny gleich mit eingezogen wäre, doch ein einziges Mal wollte sie nichts übereilen in ihrem Leben. Alles war zu schnell gegangen. Vor allem die Liebe.

Sie sah, dass Gisela den neugeborenen Jungen nahm, um ihn ins Säuglingszimmer zu tragen. Die Nachgeburt hatte sich schon nach zehn Minuten vollzogen, Komplikationen waren kaum zu erwarten, doch um ganz sicher zu sein, würde Gisela noch anderthalb Stunden auf die Mutter achtgeben.

Etwas an der jungen Hebamme erinnerte Henny an Käthe, obwohl Gisela Suhr rotblondes Haar hatte und Sommersprossen. Wahrscheinlich, weil sie ein solcher Querkopf war. «Das wandelnde Widerwort», hatte der junge Dr. Unger damals vor vielen Jahren Käthe genannt, als diese gemeinsam mit Henny ihre Ausbildung zur Hebamme an der Finkenau begann.

Gestern hatte sie gesehen, wie Gisela ein Stück Sunlicht Seife in ihren Einkaufsbeutel gleiten ließ. Klinikeigentum, die Seife. Gisela schien nicht bemerkt zu haben, dass sie beobachtet worden war.

Käthe hatte früher oben in der Küche der Privatstation Schokoladenflocken geklaut und die kleinen Portionspäckchen Butter. Henny hatte es all die Jahre gewusst und dennoch geschwiegen.

Nein. Sie hatte sich am Silvestertag nicht geirrt. Auch wenn Theo das zu glauben begann. Käthe war in der Straßenbahn gewesen, sie hatten Blickkontakt gehabt. Doch Henny hatte verpasst, in den Waggon zu steigen, zu überraschend war der Augenblick, das Zeichen zur Abfahrt längst gegeben, das Klingeln hing ihr heute noch in den Ohren. Ein hilfloses Hinterherlaufen über nasses Kopfsteinpflaster, aber die Straßenbahn der Linie 18 hatte die Mundsburger Brücke bereits verlassen.

«Eine Halluzination», hatte Theo gesagt. «Eine Halluzination, aus der Hoffnung geboren.» Doch Henny sah noch das Erschrecken in Käthes Augen. Das war keine Sinnestäuschung gewesen. Warum erschrak ihre Freundin, als sie einander endlich wiedersahen? Seit dem siebten Lebensjahr hatten sie das Leben der anderen begleitet. Warum kam Käthe nach dieser unverhofften Begegnung nicht zu ihr? Warum hielt sie sich verborgen? In ganz Hamburg keine Spur von Käthe.

Ein Januar und ein Februar waren seitdem vergangen und dreizehn Tage des März. Der Gedanke, dass Käthe nicht nur Neuengamme überlebt hatte, sondern nach der Evakuierung des Konzentrationslagers auch die Todesmärsche, hatte am Anfang ein hinreißendes Glück in Henny ausgelöst. Doch nun war da nur noch Verwirrung und eine Ahnung, die sie nicht zulassen wollte.

Die Tür ging auf, Gisela kehrte mit Dr. Geerts in den Kreißsaal zurück.

«Kann ich Sie mitnehmen, Henny? Ich fahre nach Winterhude und könnte Sie an der Ecke Körnerstraße absetzen.» Geerts war schon lange dabei, beinah so lange wie Theo, der seit Jahren zu den leitenden Ärzten gehörte, wenn er auch kaum noch Klinikchef werden würde. Vielleicht weil er nicht an Hierarchien glaubte.

«Woher wissen Sie, dass ich da hinwill?», fragte Henny.

«Nur eine Vermutung», sagte Geerts. Er lächelte dabei.

 

Hennys Gesicht hatte sich im kalten Wind gerötet trotz des nur kurzen Fußwegs zu Theos Haus. Wäre sie nicht den größten Teil des Weges in Geerts neuem Ford mitgefahren, dieser Vorfrühling hätte Raureif in ihren Wimpern hinterlassen. Klaus empfing sie an der Tür und nahm ihr die Schüssel ab. «Wir haben einen Gast, Mama», sagte er. «Alessandro Garuti ist aus Italien gekommen.» Da trat schon Theo in die Diele, nahm ihr den Mantel ab, griff nach ihrer Hand und führte Henny in den Salon. Garuti war aufgestanden und kam auf sie zu.

Ein verlegener Augenblick, wenn man ganz überraschend einem großen Verehrer der ersten Frau vorgestellt wurde, Elisabeth hatte ihr viel an Glanz und Eleganz voraus. Doch der distinguierte Signor Garuti, der da vor Henny stand, war Rudis Vater und der Schwiegervater ihrer Käthe. Das nahm ihr von der Verlegenheit.

Elisabeths Hand hätte er wohl geküsst, Henny war froh, dass er ihre nur fest schüttelte. Ein herzliches und warmes Willkommen. Sie fühlte sich gleich hingezogen zu Alessandro Garuti, der sie so sehr an Rudi erinnerte. Wenn doch wenigstens er wieder bei ihnen wäre.

Als sie dann am Tisch Platz genommen hatten und aßen, kam das Gespräch rasch auf Rudi, Käthe und Anna. Garuti wusste von der flüchtigen Begegnung am frühen Abend des Silvestertages.

«Ich vermute, ihr habt keine offizielle Stelle dieser Stadt ausgelassen», sagte er und dachte an den Tag, als er im Standesamt der Hamburger Neustadt vorgesprochen hatte, um das Geburtenregister des Jahrgangs 1900 zu sichten, und so von der Geburt seines Sohnes erfuhr – und auch vom Tod Thereses, Rudis Mutter.

«Wir haben alle Ortsämter abgeklappert», sagte Klaus.

«Sie ist nirgends gemeldet. Auch im Hamburger Umland nicht», ergänzte Theo.

«Und kann daher auch keine Lebensmittelkarten bezogen haben», sagte Henny. Wie hatte Käthe da überleben können?

Sie guckten schweigend auf ihre Teller.

«Käthe war in der Straßenbahn.» Hennys Stimme beschwor es.

«Ist Henry Vaughan Berry eigentlich der augenblickliche Stadtkommandant in Hamburg?», fragte Garuti.

«Kennst du ihn?» Theo sah Garuti erstaunt an.

«Ein alter Freund von mir hat mit ihm in Cambridge studiert. Das war vor dem ersten Krieg, doch sie blieben noch lange in Verbindung.»

«Was soll Berry denn wissen?», fragte Klaus.

«Paglie», sagte Garuti seufzend. «Nichts als Strohhalme.»

 

Else Godhusen hatte den Tipp in der Klugen Hausfrau gelesen, dem Blättchen, das ihr der Kaufmann über den Ladentresen schob. Kostete nichts, und lauter gute Dinge standen drin. Auch der Rat, wie sich die Einsamkeit überwinden ließe, wenn man abends allein zu Hause saß.

Einfach so tun, als ob der Kaiser von China zu Gast käme. Sich fein machen. Eine Tischdecke über das Wachstuch legen. Dann eines der geschliffenen Gläser zum guten Geschirr. Man hob das Glas mit dem Rheinwein für vier Mark fünfundneunzig und aß ein russisches Ei mit dem Klecks Kaviar aus Seehasenrogen.

Und saß allein, dachte Else und ärgerte sich über die Mayonnaise auf ihrer Seidenbluse. Da half auch nicht das Radio, das man einschalten sollte, nicht einmal der bunte Abend im NWDR. Auch wenn vielleicht Thies die Sendung gestaltet hatte, der Mann ihrer Enkelin Marike.

Einundsiebzig Jahre war sie nun alt und seit vierunddreißig Jahren Witwe. Kriegerwitwe. Die gab es nun wieder reichlich und diesmal dazu noch Kriegsbräute. Was für ein dummes Wort. Als wollten die den Krieg heiraten und nicht einen Engländer oder Amerikaner.

Else stand auf und holte die Gallseife aus dem Spülschrank. Die Bluse am besten ausziehen und dann doch den Kittel an. Die anderen Tipps aus der Klugen Hausfrau waren da nützlicher. Eichenrinde gegen Frostbeulen. Oder die Arbeitsanleitung zur Lumberjacke für Knaben. Doch für die angegebenen Maße war Klaus schon zu groß.

Längst zehn Uhr vorbei und Henny immer noch nicht da. Ein feiner Herr, der Dr. Unger, doch das Verhältnis, das die beiden hatten, war nicht anständig zu nennen. Früher wurde immer gleich geheiratet. Auch von Henny. Dass Klaus beim Doktor wohnte, statt bei ihr auf der Klappliege im Wohnzimmer zu schlafen, war ja gut und schön und Klaus ein viel besserer Schüler, seit er ein eigenes Zimmer hatte. Aber die Familie gehörte doch zusammen, und andere hausten in zugigen Kellerlöchern und hielten das aus.

Else Godhusen rieb an dem Fettfleck und wurde noch unwirscher dabei. Vielleicht half ein Weinbrand. Nicht der Bluse, die hing bald nass auf dem Bügel. Doch sie brauchte größeren Trost, als ihr ein Gläschen Wein geben würde. Else ging ins Wohnzimmer und nahm einen der Kognakschwenker aus dem Schrank, die Feinheit des Abends sollte nicht ganz verlorengehen. Sie goss gut ein und kehrte an den Küchentisch zurück.

Wo Käthe nur war, Henny hatte sie doch gesehen. In der Wohnung der Laboes lebte jetzt eine ausgebombte Familie, die Flüchtlingsfrauen waren weitergezogen. Else schüttelte den Kopf. Nun kam ihr auch noch Ernst in den Sinn, der Mann, von dem Henny geschieden war. Auch so was Neues. Scheidung.

Warum meldete sich Käthe denn nicht? Sie wusste doch, wo Henny zu finden war. Else schenkte noch einen Weinbrand ein.

Und da kam ihr das Bild aus dem Januar 1945 vor Augen, wie Ernst am Fenster gestanden und immer zu den Laboes hinübergeguckt hatte. Aber was sollte das mit Käthes Wegbleiben zu tun haben?

 

Die Symphonie des Grauens in den ersten Tagen der Evakuierung aus dem Lager. Die kalten Stimmen der SS. Beeilt euch, verdammtes Pack. Pistolenschüsse. Das Schurren der Schuhe derer, die noch Schuhe hatten, Holzstücke oft, die mit Schnur an den Fußsohlen festgebunden waren. Das allmähliche Verstummen der Elenden auf diesem Marsch.

In endlosen Nächten sah Käthe die Landstraße vor sich, ein langes graues Band der Hoffnungslosigkeit. Die letzte Kraft war dortgeblieben, ihre Seele danach kaum mehr vorhanden.

Und trotzdem war ihr gelungen, sich von diesem Gespenstertross zu entfernen. Sie war in den Straßengraben gekrochen, hatte sich im Gebüsch versteckt, um dann, als der Zug der Häftlinge weit genug entfernt war auf seinem Weg zum Auffanglager Sandbostel, in der Dunkelheit zu dem Schuppen zu schleichen, der allein in der leeren Landschaft stand.

Das Überleben versucht. Irgendwo zwischen Hamburg und Bremen.

Käthe lachte das kleine heisere Lachen, das sie sich angewöhnt hatte. Warum kam der ganze Spuk heute Abend wieder hoch? Weil sie ihre Arbeit verloren hatte, der Arzt aufgeflogen und verhaftet worden war? Der Arzt, der Frauen half, die ungewollten Kinder loszuwerden. Er hatte den Namen seiner Assistentin nicht verraten. Noch nicht.

Von der Hebamme zur Helferin eines Engelmachers. Rudi. Wenn du das wüsstest, du würdest dich im Grabe umdrehen. Nur wo lag er begraben? Irgendwo in Russland? Vor den Toren Berlins? Hoffnungen, dass er am Leben war, machte sie sich keine. Im Frühling 1948 hatte sie sich noch einmal an den Suchdienst gewandt. Doch sie besaßen keine Informationen über ihn. Sie hatten nur erstaunt geguckt, als Käthe weder ihren Namen noch ihre Adresse dalassen wollte. Keine Illusionen. Illusionen ließen einen krank werden. Noch kränker.

Nein. Rudi lebte nicht mehr.

Obwohl sie allein in der Schreberhütte saß, holte sie zu einer Geste aus, um das zu unterstreichen. Die Tasse mit dem Rest Muckefuck wischte Käthe dabei vom Tisch. Die Scherben schob sie nur mit dem Fuß zusammen. Keine Scherben aufsammeln. Es gab nichts zu kleben und nichts zu heilen.

Hennys Gesicht vor dem Fenster der Straßenbahn. Was tat sie am Silvestertag auf der Brücke? Luds gedenken, der da überfahren worden war? Sie hatte doch Ernst, mit dem saß sie sicher irgendwo trocken. Ernst, der Denunziant. Henny hatte davon gewusst. Seit dem Januar 1945 sagte Käthe das vor sich hin, als seien diese Wörter wie Perlen einer Gebetsschnur.

«Ich bin durch mit dir, Henny.» Laut sagte sie es in ihrer Hütte. Laut und allein. Nur keine Sehnsucht aufkommen lassen. Nicht nach Rudi und Anna – und schon gar nicht nach Henny.

Käthe stand auf und zog eine zweite Strickjacke an. Wie kalt der März war. Doch auch den würde sie überstehen. Frieren konnte sie gut.

In der ersten Zeit hatte sie auf einem Flusskahn gewohnt, der an der Dove Elbe ankerte. Eher ein Wrack als ein sicheres Gehäuse. Der Kahn schien keinem zu gehören, vielleicht war er von seinem Besitzer aufgegeben worden, oder dieser war längst tot. Ein Hohn des Lebens, dass Neuengamme so nah war. Da konnte sie fast rübergreifen.

«Ich hab deine Wäscheleine gesehen», hatte die Frau gesagt, die am Anfang von Käthes erstem Hamburger Winter auf der sumpfigen Wiese am Ufer stand. «Hätte was Besseres für dich. Zum Wohnen, meine ich.»

«Warum ich?», hatte Käthe gefragt, als sie zur Schreberhütte geführt wurde. Unweit vom Kahn. In Moorfleet.

«Weil ich nun zu Helmut zieh», hatte die Frau gesagt. «Aber halt die Hütte mal für mich besetzt, falls das schiefgeht. Du siehst nicht so aus, als ob du einen betuppst.» Danach hatte Käthe nichts mehr von der Frau, die sich Kitty nannte, gehört.

Und nun war der Doktor hopsgegangen. Das bedeutete Knast und den Entzug der Zulassung als Arzt. Und mit den Tütchen, in denen Geldscheine für sie steckten, war es auch vorbei.

Käthe hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Vielleicht doch einfach Schluss machen mit dem Leben.

 

Zuletzt hatte er Anfang Januar mit Elisabeth gesprochen, ihr ein gutes neues Jahr gewünscht, von Hennys Erlebnis auf der Brücke berichtet. Warum klopfte ihm noch immer das Herz in dem Moment, wenn das Gespräch nach Bristol zustande kam? Ihre Beziehung war längst in eine lose Freundschaft übergegangen.

«Nichts Neues von Käthe und Rudi?», fragte Elisabeth.

«Nein», sagte Theo. «Und wie geht es bei euch?»

«Sehr gut. Wir genießen es, Jack zu haben.»

Jack? «Wer ist Jack?», fragte er.

«Oh sorry, Theo. Ich habe versäumt, das zu erwähnen. Jack ist im Februar zu uns gekommen. Er ist ein Foxterrier.»

Was wollten ihm all diese Hunde sagen? Gar nicht nötig, sich einen eigenen anzuschaffen. Goliath, die Dogge, hatte seinem Garten am Morgen wieder einen Besuch abgestattet.

«Ein Foxterrier», sagte Theo. Er hätte gedacht, dass ein Windspiel eher zu Elisabeth passe. Dünn und langgliedrig. «Warum hast du während unserer Ehe nie gesagt, dass du gerne einen Hund hättest?»

«In England ist das viel normaler. Und außerdem haben du und ich nicht in Zeiten gelebt, in denen man die Familie vergrößert hätte.»

Ja, da hatte sie recht. Dass Elisabeth davon abhängig gewesen war, Theos schützende arische Hand über sich zu wissen, hatte ihrer Ehe geschadet.

«Alessandro ist in Hamburg», sagte Theo. «Er hofft darauf, von hier aus leichter Kontakt zu Rudi aufnehmen zu können.»

«Er deutete es bei unserem letzten Gespräch an.»

Sie standen also in Verbindung, das hatte Garuti nicht erwähnt. Vielleicht war es für ihn eine Selbstverständlichkeit.

«Grüße ihn herzlich von mir», sagte Elisabeth. «Poor Alessandro. I hope so much that both of them will return.»

Selten, dass sie einen solchen Satz einfließen ließ. Doch Elisabeth Bernard, geschiedene Unger, fing an, eine Engländerin zu sein.

 

«Bereust du es, Papa?»

«Nicht die Bohne», sagte Joachim Stein und blickte seine Tochter liebevoll an.

Er war einundachtzig Jahre alt, und trotzdem hatte er es gewagt, das Haus in der Kölner Rautenstrauchstraße war in andere Hände gegangen. Der Verkauf hatte ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht, jetzt, da die D-Mark für eine stabile Währung sorgte.

«Und du willst wirklich dein Geld in unsere Buchhandlung stecken?»

«Was ist los mit dir, Louise? Du bist doch sonst eine große Gönnerin. Im Geben wie im Nehmen.» Er lachte.

Louise betrachtete das Profil ihres Vaters, die imposante Nase, deren Größe er ihr vererbt hatte. Er sah aus wie ein alter Römer, Kölner seit vielen Generationen. Kaum noch Haare hatte er auf dem Kopf, was den nur prägnanter erscheinen ließ. Kerzengerade stand Stein an der Balustrade der Lombardsbrücke und sah hinüber zum Jungfernstieg. Einen Augenblick lang hatte er traurig ausgesehen.

Dabei dachte Joachim Stein gar nicht an das Haus in Lindenthal, in dem er lange mit seiner Frau Grete gelebt hatte. Nicht einmal daran, dass Grete bei einem Bombenangriff auf Köln umgekommen war. Er sah nur, dass noch viel zu viel von der Welt in Trümmern lag. Umso besser, wenn er beim Aufbauen half.

«Ich sorge mich, dass du nicht genügend an dich denkst.»

«Was ich hier tue, ist purer Egoismus», sagte Stein.

Er mochte Lina, Louises Lebensgefährtin seit vielen Jahren, von Herzen gern. Momme, deren Geschäftspartner, gefiel ihm auch. Alles sprach dafür, als Mäzen einzusteigen in die Buchhandlung Landmann, damit die größer und moderner auferstand in dem kriegsgeschädigten Haus am Gänsemarkt. Hatte Grete ihrem Mann, dem Professor der Philosophie, nicht oft vorgeworfen, in einem Elfenbeinturm zu sitzen? Nun war Joachim Stein mittendrin im Leben.

Die kleine Wohnung in der Hartungstraße, zwischen Grindelviertel und Rothenbaumchaussee gelegen, war ihm schon vertraut, das zerstörte Hamburg kaum fremder als seine zerstörte Heimatstadt.

«Viel zu spät für Neuanfänge, Jo», hatte sein alter Freund und Hausarzt gesagt. Ach was.

«Lesetische», sagte Louises Vater, «an die sich die Kundschaft zu einer ersten Lektüre zurückziehen kann wie in einer Bibliothek.»

«Dafür fehlt der Platz», sagte Louise.

«Dann Stehpulte. Wie im Hörsaal.»

Keine schlechte Idee. Mal hören, was Lina und Momme meinten. Vielleicht war irgendwo Inventar übrig in den Kellern der Schulen, die längst nicht alle wiederaufgebaut wurden.

Doch Louise ahnte, was Lina sagen würde. Nur nichts Altes. Vielleicht gar noch angekokelt. Lina lechzte nach dem Aufbruch ins Neue. Sie fand es in Ordnung, die leeren Fassaden abzureißen und dafür langweilige Klinkerhäuser hinzusetzen.

Von den Fassaden in der Straße Immenhof ließ sich ein eiliger Passant leicht täuschen. Gleich hier um die Ecke hatte früher Linas Schwägerin Henny gewohnt. Auf den Balkonen standen noch Besen. Eisenspaliere hingen, vertrocknete Klematis daran, Efeu. Dahinter alles leer. Waren sie wirklich nicht zu retten gewesen, diese Häuser? Neues hinter alten Fassaden?

Louise staunte über sich selbst. Dass gerade sie dem Bewahren den Vorzug gab. Sie hatte sich nie an Vergangenes geklammert.

«Und jetzt gehen wir einen Cocktail trinken», sagte Joachim Stein und nahm die Hände von der Balustrade der Lombardsbrücke. «Oder hast du dir die abgewöhnt?»

«Nicht die Bohne», sagte Louise.

«Und wohin?»

«Wenn es dir nicht zu weit ist, in die Dammtorstraße ins L’Arronge.»

«Ich habe gerade die weiten Wege wiederentdeckt», sagte ihr Vater, «da lassen sich so viele Schritte machen.»

 

Momme öffnete den Karton und begann, die Bücher auszupacken, vierundzwanzig weitere Exemplare von Bastian Müllers Hinter Gottes Rücken. Viel Autobiographisches darin. Der Schriftsteller war Mommes Jahrgang. 1912. Ein noch junger Mann. Das Buch verkaufte sich gut, das war die dritte Auflage, eine vierte bald zu erwarten, doch es polarisierte. Rezensenten nannten es das Antikriegsbuch, in seiner Aussage noch konsequenter als Remarques Im Westen nichts Neues. Grund genug für ein Geheul der Gestrigen, die Verrat witterten. Doch Verrat an wem?

Der Verkauf in der Buchhandlung Landmann am Rathausmarkt lief weiter, der Umzug an den Gänsemarkt verzögerte sich. Die Schäden an dem fünfstöckigen Haus aus der Gründerzeit waren doch schwerer als gedacht, auch wenn es geradezu intakt aussah in dieser Umgebung von Ruinen.

Der Laden hier am Rathausmarkt war eigentlich eine Baracke, die erste Etage nur so weit noch vorhanden, dass es bei ihnen nicht durch die Decke regnete.

Die Trümmer waren verschwunden, Hamburg eine Stadt der leeren Flächen, Bretterbuden standen auf großzügigen Grundstücken in bester Lage. Die Ferdinandstraße war als Erste geräumt worden, um den Straßenbahnlinien 16, 18 und 22 den Weg zum Rathausmarkt zu ermöglichen. Und nun verschwanden auch die Provisorien nach und nach, Läden wie ihrer, die nur aus dem Erdgeschoss bestanden. Dabei hatten die Markisen sie nahezu elegant erscheinen lassen.

Was hatte Hamburgs Bürgermeister Max Brauer gesagt? Dass der Wiederaufbau auch eine geistige Wiederaufrichtung im Sinne Lichtwarks sei. Alfred Lichtwark, der Reformpädagoge, erster Direktor der Kunsthalle und Linas Held in Geschichte und Gegenwart.

Lina. Die blühte auf. Hatte vor, im größeren Laden am Gänsemarkt eine eigene Abteilung für Kunstbände aufzubauen. Schule war kein Thema mehr für die einstige Studienrätin.

Momme grinste. Wäre Lina an Männern interessiert, er hätte glatt sein Glück versucht, damals schon, als er sie bei Guste kennenlernte. Enorm anziehend hatte er Lina gefunden, trotz der dreizehn Jahre, die sie älter war. Doch Lina war da bereits seit vier Jahren an Louise vergeben gewesen.

Er kannte den Mann nicht, der da den Laden betrat. Ein Herr, ohne Zweifel. Er wandte sich dem kleinen Tisch zu, auf dem die Gedichte lagen. Ein Gedichtband von Heinrich Heine aus dem Vier Falken Verlag, den er in die Hände nahm, um darin zu blättern.

«Sieht aus, als käme es aus der Aschentonne, das Papier», sagte Friedrich Campmann.

Die erste Nachkriegszeit war ganz offensichtlich vorbei, dachte Momme. Keine Zufriedenheit mehr mit dem Gebotenen.

Er war erstaunt, dass der Herr das Buch von Bastian Müller kaufte.

 

«Du bist ein Spiegeläffchen», sagte Ida und trat hinter ihre Tochter, deren Augen jetzt zornig funkelten. Florentine hasste es, der Eitelkeit bezichtigt zu werden. Sie hatte Idas blaue Augen, deren Schnitt kaum das chinesische Erbe des Vaters erkennen ließ. Das taten eigentlich nur die lackschwarzen Haare, doch da lag ein fremder Zauber in der Schönheit des Kindes, und die Achtjährige war sich ihrer Wirkung bewusst. Kein Wunder, wo Tian es ihr täglich bestätigte.

Wäre Ida nicht schon im vierzigsten Jahr gewesen, als Florentine zur Welt kam, dann hätten ihre Tochter und sie sich in einer eifersüchtigen Konkurrenz befunden, doch so glaubte Ida, die noch Jahre nach der Geburt des Kindes auf dem Papier Friedrich Campmanns Ehefrau gewesen war, das Leben hätte sie geläutert.

Eigentlich konnte sie Campmann dankbar sein, dass er weder zur Scheidung gedrängt noch die Vaterschaft bestritten hatte. Tian wäre des Landes verwiesen oder ins Konzentrationslager verschleppt worden, hätten die Nazis die familiären Zusammenhänge erkannt.

«Lass dich umarmen», sagte Ida. «Ich will dir doch nichts Böses.» Florentine entwand sich ihr und lief die Treppe hinunter. Ida trat ans Fenster und sah in den großen Garten der zweistöckigen Villa an der Johnsallee. Die Johannisbeersträucher waren noch kahl, kein Geißblatt kletterte am Schuppen hoch, nur die Schaukel schien schon bereit. Gleich würde Florentine da unten erscheinen und wild schaukeln, bis sich ihr Zorn abgekühlt hatte. Bei den Temperaturen würde das nicht lange dauern.

Da war sie auch schon, doch sie wurde abgelenkt und wandte sich freudig jemandem zu. Wahrscheinlich stand Guste am Fenster ihres Gartenzimmers, nach Tian war sie diejenige, die von Florentine am meisten mit Zuneigung verwöhnt wurde.

Was lockte das Kind wieder zurück ins Haus? Ein Kuchen, den Guste gebacken hatte? Ein Kleiderstoff, den sie aus der Schublade zog, um sich an die Nähmaschine zu setzen?

Guste nähte Kleider mit Glockenröcken und Kostümjacken mit engen Taillen und Schößchen für Ida. Nähte die weißen Hemden ohne Kragen, die Tian schätzte. Für Momme Hemden mit Kragen. Momme, der in den zwei Zimmern unterm Dach wohnte, mit wechselnden Damen.

Doch die schönsten Stoffe verwendete Guste für Florentines Ausstattung, damit sich das Lackpüppchen noch länger vor dem Spiegel drehte. Der Tisch im großen Salon, an dem einst die Gäste von Gustes Pension Platz nahmen, war zur Schneiderwerkstatt geworden. Gegessen wurde schon lange in der Küche im Souterrain.

Ida seufzte. War sie doch eifersüchtig? Ab und zu blitzten Erinnerungen auf an das perlmuttschimmernde Geschöpf, das sie einst gewesen war. Alles rosa an ihr und neu, damals. Und dann hatte ihr Vater sie an Campmann verschachert, und Ida hatte sich siebzehn Jahre lang nach Tian gesehnt. Vielleicht war das Sehnen die beste Zeit ihres Lebens gewesen.

Guste fluchte gerade, als Ida ins Zimmer kam. Unter der Nadel der Nähmaschine lag Organdy, der ließ sich schlecht verarbeiten. Zweimal hatte sie schon neu einfädeln müssen.

«Langweilst du dich?», fragte Guste.

Ida blickte zu ihrer Tochter, die ja sicherlich gemeint war, doch Florentine saß auf dem Teppich und blätterte in einer Constanze. Hatte Ida sich in Florentines Alter schon für Mode interessiert?

«Ich spreche mit dir, Ida. Seit Tian wieder sechs Tage in der Woche im Kontor verbringt, weißt du nichts mit dir anzufangen.»

«Das Kind ist ja nur hier unten, sobald es aus der Schule kommt.» Ida konnte den Vorwurf in der eigenen Stimme hören.

«In das Zimmer neben der Küche wird übrigens jemand einziehen», sagte Guste. «Da stehen noch Möbel von deinem Vater drin. Musst mal gucken, was du davon haben willst.»

«Und wer zieht da ein?»

Guste hob die Schultern. «Einweisung vom Wohnungsamt.»

«Du hast keine Ahnung, wer kommt?»

«Wohl ein Kriegsheimkehrer», sagte Guste.

«Aus Hamburg? Hat er keine Familie?»

«Er wird es uns erzählen, wenn er da ist», sagte Guste und biss ein Stück Faden ab.

«Hoffentlich ist er nett», sagte Florentine. Sie sprang vom Teppich auf und hielt Guste die Zeitschrift hin. «So will ich das Kleid haben.»

Guste schenkte dem Bild einen kurzen Blick. «Dann arbeite mal darauf hin, das Dekolleté zu füllen», knurrte sie.

 

Campmann kehrte aus der Mittagspause zurück, die er meistens korrekt einhielt, wie es alle Angestellten der Dresdner Bank taten. Er setzte sich an den Schreibtisch und legte das Buch von Bastian Müller darauf. Warum hatte er es gekauft? Es war nicht seine Literatur.

Wollte er einen Wandel demonstrieren? Das hatte er doch gar nicht nötig, er war erfolgreich entnazifiziert worden.

Gelegentlich wanderten seine Gedanken zu Ida. Dann nahm er sich vor, die neue Sekretärin in seinem Vorzimmer zu einem Cocktail ins L’Arronge einzuladen. Zu schade, dass die Briten das Vier Jahreszeiten noch nicht wieder für die Eingeborenen freigegeben hatten.

Die Neue im Vorzimmer gefiel ihm. Hatte Klasse, dieses Geschöpf. Irgendeine Gutstochter aus Ostpreußen. Hochgewachsen. Blondes Haar, das sie überraschend kurz geschnitten trug. Ganz gegen die Mode, bei der weiche Wellen die Köpfe umspülten.

Was wohl aus Joan geworden war? Er hatte auch nach dem Krieg nichts mehr von seiner amerikanischen Geliebten gehört. Die hatte auch diese Herbheit und dabei doch Leidenschaft besessen, die Friedrich Campmann in Fräulein von Mach vermutete.

Eigentlich lag er erotisch seit Jahren brach, da und dort kleine Kostproben, doch nichts Ernstes. Er hätte große Lust, noch mal eine Ehefrau an seiner Seite zu haben, es täte sicher auch seinem Ansehen in der Bank gut. Zum Direktor würde er nicht mehr aufsteigen, dafür waren seine Kontakte zu Goebbels zu gut gewesen, das wusste man intern, aber für Glanz und Gloria reichte auch sein jetziger Posten.

Er blickte auf, als Fräulein von Mach ins Zimmer trat, um ihm die Unterschriftenmappe vorzulegen.

«Hätten Sie Lust auf einen kleinen Feierabendcocktail?», fragte Campmann. Ein Erröten hätte er erwartet. Vielleicht auch ein Vertiefen der vornehmen Blässe. Dieses Lächeln allerdings irritierte ihn. Anette von Mach wirkte ganz und gar nicht überrascht, ihr Lächeln schien gar zu verkünden, dass sie schon mehr wusste als er.

 

Alex Kortenbach war ein Kriegsheimkehrer, doch er kam aus keiner Gefangenschaft, es sei denn der seines Exils. Er wirkte jünger, als er war, das hatte ihn in seinen ersten Erwachsenenjahren gestört, jetzt fühlte er Dankbarkeit, dass man ihm die Jahre, die hinter ihm lagen, nicht ansah.

Er hatte schon 1933 als Junge von sechzehn Jahren gewusst, dass er es nicht lange ertragen konnte, in der Heimat zu bleiben und Teil eines großen Unrechts zu werden. Kein anderer in seiner Familie war so hellsichtig gewesen. Hatte er sie im Stich gelassen, sich aus dem Staub gemacht? Wäre ihm gelungen, sie in jener unseligen Nacht aus dem Keller zu führen?

Als Kortenbach Deutschland verließ, hatte er geglaubt, seine Familie eines Tages wieder in die Arme zu schließen. Dass sie alle in einem Keller verbrennen könnten, war nicht vorstellbar gewesen. Seine große Schwester hatte am 24. Juli Geburtstag. An ihrem dreißigsten saß die ganze Familie bei seinen Eltern in Hoheluft versammelt, um die Tochter zu feiern, sogar ihr Mann, der auf Heimaturlaub war. Vermutlich hatten sie mit viel Kümmel angestoßen, wie es bei ihnen üblich war, und dazu die Schnittchen seiner Mutter.

Von den Bombenangriffen im Juli 1943, dem Hamburger Feuersturm, hatte Alex Kortenbach erst Monate später erfahren. Da war ein schwedischer Matrose in die Bar in Bahia Blanca gekommen, in der er Klavier spielte. Der Schwede hatte die Geschehnisse der jüngeren Zeit vorgetragen, als sei er ein Bänkelsänger.

Nach dem Krieg die Bestätigung, dass sie alle tot waren. Sinnlos, nach Hause zurückzukehren. Doch nun hatte er sich auf den Weg von Argentinien nach Hamburg gemacht, um hier sein Leben zu beenden.

Im Ledigenheim hatte er einen Schlafplatz gefunden und in den ersten Wochen den Kiez am Hafen nur selten verlassen. Er erkannte die Stadt kaum mehr, in der er geboren und aufgewachsen war.

Heute hatte er zum ersten Mal einen Gang durch die Straßen von Hoheluft und Eimsbüttel gewagt. War über den zerstörten Grindelberg zurück zur Rothenbaumchaussee gegangen, stand schließlich vor dem Haus in der Johnsallee, dessen Adresse auf dem Zettel stand, der seit Tagen in seiner Hosentasche steckte.

Alex Kortenbach war einunddreißig Jahre alt, als er Gustes Haus betrat. Auch sie hielt ihn für viel jünger und war von ganzem Herzen bereit, ein neues Küken in ihr Nest zu lassen.

 

Was nutzten die besten Beziehungen, wenn man dann doch nur die Kartei der hiesigen Behörden empfohlen bekam, den Suchdienst des Roten Kreuzes oder bestenfalls den Rat, sich in Sachen Rudi an die Sowjetische Militäradministration in Ostberlin zu wenden? Geschätzte zweihunderttausend kriegsgefangene Soldaten wurden noch in Russland vermutet.

«Angeblich sollen sie im Laufe dieses Jahres zurückkommen», hatte Hamburgs Stadtkommandant gesagt und den Namen des Beraters der Sowjets in Berlin genannt.

Von jenem Wladimir Semjonow wusste Garuti nur, dass er wenig unversucht ließ, um auch Westberlin zu kontrollieren. Semjonow galt als einer der geistigen Väter der Blockade, die Berlin seit Juni 1948 in Hungersnöte trieb. Die Versorgung war nur noch über eine Luftbrücke möglich, die Flugzeuge der westlichen Alliierten flogen die Stadt täglich an, dennoch litten ihre Bewohner.

Garuti pirschte unruhig umher in Theos Salon. Vor Emil Maetzels Stillleben mit Negerfigur blieb er stehen.

«Die Russen werden lachen wie ein Rudel Löwen, wenn ich nach Rudi frage und um seine Freilassung bitte», sagte er.

Theo Unger hatte noch nie etwas von lachenden Löwenrudeln gehört, vielleicht eine italienische Redewendung oder eine Inspiration durch das afrikanisch anmutende Bild von Maetzel, doch er teilte Garutis Meinung, dass sie damit der Rückkehr Rudis keinen Schritt näher kommen würden.

«Was ist aus dem Doppelporträt geworden, das früher hier hing?», fragte Garuti. «Ist es bei Elisabeth?»

«Da gehört es hin. Ihre Mutter und Tante sind die Porträtierten.»

Garuti nickte. «Und dieses Bild?»

«Gehörte meinem Kollegen und Freund Dr. Kurt Landmann.»

«Der sich das Leben genommen hat?»

«Ja», sagte Unger. «Im Herbst 1938. Nachdem die Nazis ihm die Approbation entzogen hatten, weil er Jude war.»

Garuti seufzte tief. «Hast du die Karte noch?», fragte er.

Unger wusste, wovon Garuti sprach. Die Karte, die ihn im Juni des vergangenen Jahres erreicht hatte. Via Campmann, Idas erstem Mann, für den Rudis Schwiegermutter Anna gekocht hatte.

Ich bin beauftragt von Herrn Rudi Odefey, Sie in Kenntnis zu setzen, dass Obengenannter russischer Kriegsgefangener ist und sich in einem Lager im Ural aufhält und harte Arbeit in einem Bergwerk verrichtet. Ich habe mich bis April selbst dort aufgehalten. Gez.

Mit einem Allerweltsnamen war die Karte gezeichnet. Keine Adresse. Der Stempel verwischt.

«Ihr schient gute Gründe zu haben, nicht gleich den Suchdienst zu verständigen», sagte Garuti.

«Ja, die Sorge, dass Rudi alle Lebenskraft verliert, wenn er hört, dass Käthe vermisst wird.»

Alessandro Garuti nickte, doch er hatte diese Entscheidung schon damals angezweifelt. «Una confessione», sagte er. «Ich habe trotz eures Einwandes sofort das Rote Kreuz kontaktiert, als ich von der Karte erfuhr. Leider ohne Ergebnis. Zu viele Lager.»

Unger nahm dieses Geständnis nahezu mit Erleichterung auf. Es war ein Fehler gewesen, nicht gleich eine Kontaktaufnahme zu versuchen. Er ging zu seinem Schreibtisch, zog die oberste Schublade auf und entnahm ihr die Karte.

Garuti drehte sie in den Händen, wie Henny und Theo sie schon so oft gedreht hatten. Das dünne Papier war nur noch abgegriffener geworden dabei.

«Ist es ein schlechtes Zeichen, dass Rudi nicht schreibt?», fragte Unger.

Alessandro Garuti wischte diesen untröstlichen Gedanken beiseite. «Es gibt kaum Postkontakt», sagte er. «Ich hörte von Schweigelagern. Da kommt keine Nachricht raus und keine rein.»

Unger dachte, dass Rudis Kamerad vor nahezu einem Jahr das Lager im Ural verlassen hatte. An jedem Tag dieser elf Monate konnte Rudi gestorben sein. Erfroren. Verhungert. Von einer Krankheit dahingerafft. Er schwieg.

Sie wandten sich beide um, als die Tür zum Salon geöffnet wurde und Klaus eintrat.

«Gibt es Neues von Rudi?», fragte er, als er die Karte bemerkte. «Oder von Käthe?»

Unger und Garuti schüttelten die Köpfe.

«Warum setzt ihr eigentlich keine Anzeige in die Zeitung?»

Die beiden Männer sahen Klaus fragend an.

«Ein paar Wörter nur. Käthe. Rudi lebt. Melde dich bei Theo Unger.»

«Warum nicht bei Henny?», fragte Theo.

Doch Klaus hatte da eine Ahnung.

 

Las Käthe Zeitung? Ab und zu fand sie eine zerlesene in der S-Bahn, die nahm sie dann mit. Einmal kaufte sie das Hamburger Echo in Erinnerung an Rudi, der dort den Beruf des Setzers erlernt hatte. An jenem Dienstag fand sie auf einer Bank an den Landungsbrücken ein Hamburger Abendblatt und steckte es in ihren Beutel. Beine hochlegen, sobald sie im Hüttchen war, dann ein Blick in die Zeitung.

Den ganzen Tag war sie in Altona und Eimsbüttel unterwegs gewesen, in der Hoffnung, irgendwo eine Arbeit zu finden. Die Stadtteile auf der anderen Seite der Alster mied sie. Dass sie Henny am Silvestertag jäh ins Bild geraten war, hing ihr noch nach.

Das Hüttchen war ihr Trost. Zwei winzige Räume am Rande der Schrebergartensiedlung, die benachbarten Lauben abgebrannt während der Bombennächte. Keiner, der sie hier vermutete.

Der kostbarste Gegenstand war der Spirituskocher. Auch wenn es kaum etwas gab, um es auf der Platte zu kochen. Die Dosenwurst, die ihr jemand heute aus Mitleid in die Hand gedrückt hatte, weil es keine Arbeit für Käthe gab, musste auch nicht erhitzt werden.

Es gelang ihr, die verbeulte Dose zu öffnen. Den Büchsenöffner hatte sie hier vorgefunden. Dazu eine große Suppenkelle, als gäbe es Suppe zu löffeln. Ein wenig Geschirr. Zwei Gabeln. Ein Messer. Eine Matratze auf dem Boden. Kissen und Decke hatte sie gekauft, als es noch Tütchen mit Geld gab.

Jagdwurst aus Wehrmachtsbeständen in der Büchse. Die Wurst roch fettig. Käthe nahm einen vorsichtigen Bissen.

Worum durfte man Gott bitten? Sicher nicht, satt zu werden. Doch vielleicht darum, dass Rudi keinen allzu schweren Tod gehabt hatte.

Ein zweiter Bissen. Käthe griff zur Zeitung. 22. März. Eine von heute. In vier Tagen hatte Henny Geburtstag. Warum fiel ihr das jetzt ein? Das hatte sie doch alles längst vergessen wollen.

Vielleicht sollte sie ein Stück Brot dazu essen, dann ließ sich die Wurst leichter verdauen. Das Fett konnte nicht schaden. Kalorien, die sich in Wärme umwandelten, wenn man doch noch mal aufs Überleben setzte. Käthe stand auf, um an die Brotdose zu gehen, und zuckte zusammen, als sie ein lautes Scheppern hörte.

Sie lugte aus dem Fensterchen und sah ein dreibeiniges Eisenteil vor der Schreberhütte liegen. Das war eben noch nicht da gewesen.

Käthe schreckte zurück, als das Gesicht vor dem Fenster erschien. Groß, weiß und sehr blond. Blonder, als sie es in Erinnerung hatte.

Eine schrille Stimme. «Bist du dadrin?»

Ja. Sie war dadrin. Und voller Angst. Oder eher Sorge. Was wollte Kitty hier? Das Hüttchen zurückhaben?

Half nichts. Rausgehen. Fragen, was Sache war.

«Das Ding hat drüben im Gras gelegen», sagte Kitty und schwenkte eine rostige Schüssel. «Kochen kann man nicht mehr drin. Zu rostig. Vielleicht Kohle reinlegen. Feuerchen machen.» Hatte Kitty Kohlen?

«Komm mit rein», sagte Käthe. «Ich hab eine Büchse Jagdwurst.»

«Die kannst du selber freten», sagte Kitty. Sie nahm Käthe die Zeitung aus der Hand.

«Und warum bist du hier?»

«Kann sein, dass es ’ne große Pause gibt bei mir und Helmut. Vor Ostern rückt da eine Trulla an, von der ich keinen blassen Schimmer hatte. Dann brauch ich die Hütte hier.»

«Trulla?»

«Ist er verheiratet mit.»

War Käthe, die alte Kommunistin, je für bürgerliche Konventionen gewesen? Jetzt spürte sie in ihrem Herzen ein großes Verständnis für die Trulla.

«Und ich?», fragte sie.

«War doch eh eine Übergangslösung», sagte Kitty, «aber jetzt machen wir mal ein Feuerchen. Kalt heute.» Sie hängte die rostige Schüssel an den Haken des Dreibeins und zerrte es auf den Grasrest vor der Laube.

Lose Äste in die Schüssel. Altes Laub. Das Abendblatt. Streichhölzer in Kittys Hand. Rasche Flammen.

«Macht Spaß, so ein Feuer», sagte Kitty.

«Erinnere ich anders», sagte Käthe. «Ich nehme an, du hast 1943 in keinem Keller und keinem Bunker gehockt.»

«Nee. Ich komm vom Land.»

«Und wem gehört die Hütte?»

Kitty hatte schon die Schultern gehoben. «Meiner Cousine», sagte sie dann schnell. «Willste mich ausfragen? Dann fang ich mal bei dir an.»

«Soll ich Kaffee kochen? Vielleicht lässt sich noch drüber reden.»

«Echte Bohnen?»

«Muckefuck», sagte Käthe. «Die Zeitung hatte ich übrigens lesen wollen.»

«Dafür hast du ein Feuer.»

Es war bereits am Ausgehen, das Feuerchen.

«Karfreitag musst du weg sein», sagte Kitty.

Käthe sah ihr nach. Noch zweiundzwanzig Tage. Sie sollte den alten Kahn inspizieren. Ließ sich sicher noch mal eine kleine Weile drauf leben. Wo nun der Frühling kam. Vielleicht war Kittys Rückkehr nur eine vorübergehende.

 

Theo lud Henny, Marike, Thies und Klaus zu den Hillesheims ein, deren Mühlenkamper Fährhaus war nur wenige Schritte von der Körnerstraße entfernt. Da saß man auch nach dem Krieg gemütlich in der Delfter Stube, aß Vierländer Ente oder Holsteiner Aal und freute sich, dass die blauen Kacheln noch heil an den Wänden klebten.

Der Abend vor Hennys Geburtstag. Eine vorgezogene Feier, Theo hatte am Sonnabend Dienst im Kreißsaal. Sie wollten alle fünf Ente essen, der Wein, den der Wirt empfahl, kam aus der Pfalz, die neue Köchin aus Schwerin. «Die Kochkunst meiner Köchin Käthe kann ich nur empfehlen», sagte er. Henny zuckte zusammen. Marike legte ihre Hand auf die ihrer Mutter, Theo und Klaus tauschten Blicke.

Sie saßen vor den gefüllten Gläsern, das Licht des Kronleuchters ließ den eher hellen Rotwein aus Ingelheim rubinrot leuchten, doch Hennys Hände hielten sich an der Kante des Tischtuches fest. «Ich muss euch was erzählen», sagte sie. «Etwas, das auf meinem Gewissen lastet, obwohl ich keine endgültige Bestätigung für den Verdacht habe.»

«Bist du sicher, dass du heute Abend darüber sprechen solltest? Lass uns erst einmal anstoßen. Auf dich. Das kommende Lebensjahr.» Versuchte Theo, die Anspannung aufzulösen?

«Es geht um Käthe», sagte Klaus. Keine Frage. Eine Feststellung.

Henny nickte. «Ich fürchte, Ernst ist damals im Januar 1945 zur Gestapo gegangen und hat Käthe und Anna denunziert.»

Klaus atmete tief aus. «Ich fürchte es auch», sagte er und klang bitter. «Schon länger.»

«Else hat mir die ganze Wahrheit erst gesagt, als Ernst gegangen ist. Dass er Käthes und Annas Wohnung ins Visier genommen hatte. Mit dem Fernglas aus dem Buffet. Du konntest in die Fenster von Laboes gucken, wenn du dir Mühe gegeben hast. Er wird diesen unseligen Fritz dort entdeckt haben.»

«Warum hast du es mir nicht längst gesagt?», fragte Theo.

«Weil sie es nicht wahrhaben wollte», erklärte Klaus.

«Und warum sollte Käthe nicht zu uns in die Klinik kommen?»

«Käthe kann nicht wissen, dass Ernst und ich getrennt sind.»

«Sie wird denken, dass wir von dem Verrat gewusst haben und meinen Vater decken.»

«Doch das erklärt noch nicht, woher Käthe weiß, dass Ernst der Verräter war», sagte Theo. «Von der Gestapo?»

«Das passt doch zu der ganzen Perversion», sagte Thies.

«Krosse Vierländer Ente», sagte der Ober, der sich mit den Tellern genähert hatte. «Rotkohl und Klöße.»

«Du musst Ernst zur Rede stellen, Henny», sagte Theo, als sie wieder allein am Tisch waren. «Vielleicht kann er Klarheit schaffen. Das ist er Käthe und uns schuldig.»

«Die Ente sieht köstlich aus», sagte Marike.

Doch die Stimmung war kaum mehr zu heben.

Nur noch wenige Stunden, dann würde Henny neunundvierzig Jahre alt werden. Käthe war es schon seit Januar.

 

Sie saßen auf einer Bank am Jungfernstieg, blickten auf die Alster, eine dünne Sonne schien, doch der März war auch in seinen letzten Tagen noch zu kühl. Lina sah ihre Schwägerin an. Vertrautes Profil. Seit achtundzwanzig Jahren. Henny hatte nicht aufgehört, ihre Schwägerin zu sein, auch wenn Lud schon lange tot war.

Lina hatte zugehört, als Henny vom gestrigen Abend erzählte, doch sie verstand nicht, warum Henny ausgerechnet im Mühlenkamper Fährhaus von ihrem Verdacht gesprochen und sich und ihrer Familie die kleine Feier verdorben hatte. Die guten Augenblicke des Lebens sollten gepflückt werden.

Klarschiff machen. Am Vorabend eines neuen Lebensjahres. Lina kannte das. Ihre Genugtuung, die Trümmer verschwinden und Neues entstehen zu sehen, ließ sich auch mit Klarschiffmachen erklären.

Das Glück, mit Louise überlebt zu haben, gab ihr neue Kräfte. Dabei hatten sie beide noch am ehesten auf der sicheren Seite gestanden, die Nächte, in denen ihr Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt worden war, hinterm Deich in Dagebüll verbracht, während über Henny und Linas Nichte Marike das brennende Haus einstürzte. Klaus war damals am Tegernsee in der Kinderlandverschickung gewesen, Ernst mit seiner Schulklasse ins Mecklenburgische evakuiert.

Dennoch. Warum kam gerade jetzt dieses Eingeständnis, dass Henny Ernst verdächtigte?

«Ich verdamme den Tag, an dem ich Ernst geheiratet habe.»

«Ohne ihn hättest du Klaus nicht.»

«Ja», sagte Henny und sah hinaus auf die Alster, die das bisschen Frühlingshimmel noch nicht blau färbte. «Das ist wahr.»

«Lass dich von mir zu Michelsen in die Frühstücksstuben einladen. Anlässlich deines Geburtstages.»

«Du hast mir schon die Strümpfe geschenkt und das Schreibpapier.»

Perlons. Dafür war man auch mit neunundvierzig noch jung genug. Und Papier, das nicht vergilbt aussah. Sie verkauften es in der Buchhandlung in Kartons, auf denen Teerosen abgebildet waren.

«Denkst du manchmal noch an Lud?», fragte Lina.

«Oft. Er war ein liebevoller Pfirsich.»

Lina lachte laut auf am Ufer der Alster. «Ich weiß, was du meinst», sagte sie. «Rosig und gut.»

«Und nun musst du zurück in die Buchhandlung. Louise ist allein dort. Das mit Michelsen machen wir ein anderes Mal.»

«Sie verkauft sicher ein Dutzend Bücher mehr als ich.»

«Lina, ich bin froh, dass wir unser Leben miteinander leben.»

«Ich auch», sagte Lina.

 

Käthe stand erschüttert am sumpfigen Ufer der Dove Elbe. Der Kahn war nur noch halb zu sehen, der größere Teil lag unter Wasser. Kein Denken daran, ihn wieder zu bewohnen.

«Da is man nüscht mehr zu machen, min Deern», sagte eine Stimme hinter ihr. «Dat Ding is nu fast schon bei Neptun.»

Was war das für ein Gefühl von Heimat, das sich über Käthe stülpte und sie an ihren Vater denken ließ? Sie drehte sich um. Der Mann war klein und schmal, wie es Karl Laboe gewesen war. Doch die Haare standen ihm rot und borstig zu Berge.

Karl hätte die Finger in Abwehr gekreuzt, wäre er in Verdacht geraten, rothaarig zu sein. Rote Haare hatte es nur in der Familie ihrer Mutter gegeben. Karl hatte schwarze gehabt, wie Käthe selbst, wenn da auch schon einzelne weiße wuchsen.

«Is der Kahn von Herbert. Den gibt es nich mehr. Der hat mit seiner Familie in Hammerbrook gewohnt. Die ganze Straße wech.»

Käthe schwieg. Was sollte dazu auch gesagt werden? Wer diese Bombennächte am eigenen Leib erlitten hatte, neigte nicht mehr zu großen Beileidsbekundungen.

«Auch nur noch Trümmer to Hus? Hätt nich gedacht, mal so Füür un Flamm zu sein für die olle Laube. War eigentlich immer eher dat Ding von Minchen, der Schrebergarten.»

«Minchen ist Ihre Frau?»

«Jawoll. Wilhelm und Wilhelmine.» Er grinste. «Aber ich heiß Willi, nich Helmchen. Willi Stüve.»

Wenn sie doch bleiben könnte in der Siedlung. Sie hatte sich geirrt, als sie glaubte, die Sehnsucht nach Heimat sei kaputtgegangen in ihr. «Ich bin Käthe», sagte sie, «Käthe Odefey.» Sie seufzte.

«Und warum seufzt die Käthe?»

«Weil ich hier wegmuss. Bis Karfreitag. Hab keinen Anspruch auf die Laube.»

«Die Kitty aber auch nich.»

Er wusste also, in welchem der Hüttchen sie wohnte. Und wohl auch einiges über Kitty.

«Die Laube gehört den Kloses. Leben noch. Waren nach dem Krieg kurz mal hier, um Sachen zu holen. Sind wohl ins Hannoversche. Da lebt eine Tochter. Kitty kennt die.»

«Das ist doch schon ein Anspruch», sagte Käthe.

«Seh ich anders», sagte Willi Stüve. Er verzog das Gesicht und sah aus, als hielte er nicht viel von Kitty. «Is ja noch ein paar Tage hin bis Karfreitag. Vielleicht finden wir ’ne Lösung.»

Wo kam auf einmal die Hoffnung her? Dass es doch noch ein Leben geben könnte, das der Mühe wert war.

 

Momme schleppte den Schreibtisch von Idas Vater gemeinsam mit der jungen Frau, die bei ihm unterm Dach lebte. Er mochte Ulla von allen am liebsten, vielleicht sollte er zur Sache schreiten und eine Familie mit ihr gründen, immerhin wurde er siebenunddreißig im April.

Wer die kräftige Ulla sah, dachte, dass sie Klaviere transportierte und nicht auf ihnen spielte, doch sie unterrichtete an der Schule für Musik und Theater, die durch die Stadt vagabundierte und keinen festen Standort hatte. Aber die Gründung einer Staatlichen Hochschule stand bevor. Dem Senat fehlte noch das Gebäude. Die waren rar geworden in Hamburg.

Dass er so viel über Sesshaftigkeit nachdachte, während er das schwere Eichenmöbel vom Souterrain in den ersten Stock in die Zimmer von Ida und Tian trug. Momme fluchte, als es eng wurde auf der Holztreppe. Er spürte seine Knochen, gestern erst hatte er den ganzen Tag Regale in der neuen Buchhandlung am Gänsemarkt aufgebaut.

«Du wirst alt.» Ulla grinste. Sie war zehn Jahre jünger als er.

«Würdest du einen so alten Kerl heiraten?»

Ulla ächzte auf ihrer Seite der Eiche. «Ist das ein Antrag?»

«Könnte man so sagen.»

«Du bist ein echter Romantiker.»

«Endlich kommt mal einer von euch rasch zu Potte», sagte Guste. Sie stand unten an der Treppe und zählte zwei Risse in der Tapete, die der Schreibtisch auf dem Weg nach oben geschrammt hatte. Doch Guste schwieg. Was waren kaputte Tapeten gegen das Liebesglück?

«Ich würde annehmen, Ulla», sagte sie stattdessen. «Momme ist genau die richtige Mischung von verlässlich und verwegen.»

Ida hörte von alldem nichts. Sie stand in Gedanken versunken in dem größeren der Zimmer und sah sich um. Die Frisierkommode begleitete sie nun schon seit drei Jahrzehnten, auch die gelben Sesselchen waren schon lange dabei. Die Kommode hatten ihr die Eltern zum siebzehnten Geburtstag geschenkt, die Sessel kamen aus dem Hofweg, wo sie mit Campmann gelebt hatte. Und nun Paps’ Schreibtisch. Es würde eng werden in der ersten Etage der Johnsallee.

«Unser neuer Mitbewohner wird schon nicht mit Tinte klecksen und auch kaum ins Holz beißen», hatte Guste gesagt. Doch Ida bestand darauf, dass nur Bett, Schrank und der alte Teppich von ihrem Vater unten im Souterrain blieben, im Zimmer neben der Küche, in das in den nächsten Tagen Alex Kortenbach ziehen würde, Sie hatte ja sonst nichts geerbt, das einstige Vermögen der Bunges längst perdu, nur die Taschenuhr ihres Vaters von A. Lange & Söhne noch in ihrem Besitz.

«Die Müßiggänger schiebt beiseite», sagte Momme, als sie das Zimmer im ersten Stock erreichten. Ida stand in der Tür und störte.

Momme und Ulla stellten das Möbel laut ab. «Was ist los mit dir, Ida?», fragte Momme. «Du pennst im Stehen.»

«Entschuldigt», sagte Ida und gab die Tür frei.

«Wo soll er denn nun hin?»

«Schräg vors Fenster.»

«Dann könnt ihr kein großes Ringelreihen mehr tanzen, ist ja kaum noch Platz», sagte Ulla.

«Am besten wäre er unten stehen geblieben. Der Mann schleicht sich schon nicht mit dem Schreibtisch aus dem Haus», sagte Momme.

«Ich kenn ihn doch gar nicht», sagte Ida.

«Noch kennt ihn nur Guste. Aber das wird sich ja morgen ändern.» Momme verließ sich da ganz auf Guste. Die war eine Menschenkennerin. Hatte sie nicht damals das Potenzial in ihm erkannt und ihn Luftschlangen und Girlanden für eine Karnevalsfeier aufhängen lassen, kaum dass er seinen Koffer in die Pension getragen hatte? Momme grinste.

«Am meisten liebe ich dich, wenn du dieses Wölfische im Gesicht hast», sagte Ulla.

Er hatte die richtige Frau gefunden, da war sich Momme sicher.

 

Das Kaffeekontor, dessen Hamburger Stammhaus Tian seit vielen Jahren leitete, hatte zu kämpfen in diesen Nachkriegszeiten, obwohl es kaum Kriegsschäden erlitten hatte in der ansonsten schwer getroffenen Altstadt.

Zwar lechzten die Leute nach echtem Bohnenkaffee, und Tians Kontor war eine von dreißig Hamburger Firmen, denen eine Einfuhrerlaubnis erteilt worden war, doch kaum ein Kunde konnte sich die Bohnen leisten. Die pro Kilo Kaffee erhobene Steuer, die deutlich über zehn Mark lag, trieb die Preise in steile Höhen, den Nachkriegsdeutschen blieb nichts anderes übrig, als Kaffee aus Getreide zu trinken. Muckefuck.

Wäre das Wohnen in Gustes ehemaliger Pension nicht so günstig gewesen, der Tisch bei ihr immer für alle gedeckt, er hätte große Mühe gehabt, Ida und Florentinchen zu ernähren. Nahm ihm Ida das übel?

Tian hatte das Kontor in der Großen Reichenstraße, das Hinnerk Kollmorgen einst gegründet hatte, für einen Spaziergang verlassen. Vielleicht taten ihm die ersten Anzeichen von Frühling gut, wenn auch die Sonne noch versteckt blieb im wolkigen Himmel.

Er ging über den Hopfenmarkt und blickte auf das Gerippe von St. Nikolai, nur der Turm war einigermaßen unversehrt geblieben. Kaum mehr vorstellbar, dass hier auf dem Platz vor der Kirche einmal die Vierländer Bauern ihr Obst und Gemüse angeboten hatten und die Finkenwerderinnen ihre Fische. Die Trümmer waren geräumt, doch alles schien ihm für immer zerborsten und leere Fläche zu sein.

Seine Ehe dümpelte. Hatte ihre Liebe die Gefahr gebraucht, von den Nazis verfolgt zu werden? Die Ablehnung von Idas und seinen Eltern? Die jahrelange Trennung durch einen Ozean, als er in der Dependance der Firma in Costa Rica arbeitete? Lange hatte Ida gezögert, die Ehe mit Campmann zu lösen, der ihr ein Leben in Luxus bot, das Tian auch in den guten Tagen des Kontors so nicht hätte möglich machen können.

Tian wanderte weiter über die Holzbrücke zur Katharinenkirche. Das Kirchenschiff war weitgehend zerstört, der Turm oberhalb der Uhr nicht mehr vorhanden. Er erinnerte sich, wie er neben dem Kapitän der Teutonia auf der Kommandobrücke gestanden, den Anblick der vertrauten Türme in sich aufgenommen hatte, die Silhouette der Stadt, damals im Frühling 1926, als er nach Hamburg zurückgekehrt war. Gerade den Turm von St. Katharinen hatte er geliebt.

Dieser Spazierweg vorbei an den kaputten Kirchen der Altstadt half wenig, ihn aus der Tristesse zu führen. St. Petri war heil geblieben, vielleicht sollte er zur Mönckebergstraße weitergehen, sich an der Kirche dort erfreuen, am Rathausmarkt in die Buchhandlung Landmann einkehren und Momme besuchen, der so viel leichtherziger in die Zukunft blickte.

Dabei gab Florentinchen ihm doch gute Gründe, heiteren Herzens zu sein, dieses herrliche Geschöpf. Tian lächelte. Florentine neigte nicht zu der Zauderei ihrer Eltern, sie war eine, die Löwen bändigte. Sie würde sich womöglich schützend vor ihren Vater stellen.