Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Töchter einer neuen Zeit E-Book

Carmen Korn  

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E-Book-Beschreibung Töchter einer neuen Zeit - Carmen Korn

Jahrgang 1900. Einer der geburtenstärksten Jahrgänge. Und eine Generation Frauen, die gleich zwei Weltkriege durchleben musste. Eine von ihnen ist Henny Godhusen. Voller Lebensfreude stürzt sie sich im April 1919 in die Ausbildung zur Hebamme. Endlich ist der Erste Weltkrieg vorbei, und Henny ist sich sicher: Die dunklen Jahre liegen hinter ihr. Die Frauenklinik Finkenau an der Grenze zwischen den Hamburger Stadtteilen Barmbek und Uhlenhorst ist eine der modernsten Entbindungsanstalten des Landes. Henny liebt die Klinik und das lebhafte Viertel an der Alster. Hier kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, Bürger und Arbeiter, Arm und Reich. Doch vor allem sind es drei Frauen, die Henny auf ihrem Lebensweg begleiten werden: Ida wohnt in einem der herrschaftlichen Häuser am Hofweg und weiß nicht viel vom Leben jenseits der Beletage. Hennys Kollegin Käthe dagegen stammt aus einfachen Verhältnissen und unterstützt die Kommunisten. Und Lina führt als alleinstehende Lehrerin ein unkonventionelles Leben. Die vier Frauen teilen Höhen und Tiefen miteinander. Persönliche Schicksalsschläge und die Verwerfungen der Weltpolitik, vor allem der Aufstieg der Nationalsozialisten und der drohende Zweite Weltkrieg, erschüttern immer wieder die Suche nach dem kleinen Glück. «Töchter einer neuen Zeit» ist der Auftakt einer Trilogie, die diese vier Frauen, ihre Kinder und Enkelkinder durch das 20. Jahrhundert begleitet.

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E-Book-Leseprobe Töchter einer neuen Zeit - Carmen Korn

Carmen Korn

Töchter einer neuen Zeit

Roman

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Jahrgang 1900. Einer der geburtenstärksten Jahrgänge. Und eine Generation Frauen, die gleich zwei Weltkriege durchleben musste. Eine von ihnen ist Henny Godhusen. Voller Lebensfreude stürzt sie sich im April 1919 in die Ausbildung zur Hebamme. Endlich ist der Erste Weltkrieg vorbei, und Henny ist sich sicher: Die dunklen Jahre liegen hinter ihr. Die Frauenklinik Finkenau an der Grenze zwischen den Hamburger Stadtteilen Barmbek und Uhlenhorst ist eine der modernsten Entbindungsanstalten des Landes. Henny liebt die Klinik und das lebhafte Viertel an der Alster. Hier kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, Bürger und Arbeiter, Arm und Reich. Doch vor allem sind es drei Frauen, die Henny auf ihrem Lebensweg begleiten werden: Ida wohnt in einem der herrschaftlichen Häuser am Hofweg und weiß nicht viel vom Leben jenseits der Beletage. Hennys Kollegin Käthe dagegen stammt aus einfachen Verhältnissen und unterstützt die Kommunisten. Und Lina führt als alleinstehende Lehrerin ein unkonventionelles Leben. Die vier Frauen teilen Höhen und Tiefen miteinander. Persönliche Schicksalsschläge und die Verwerfungen der Weltpolitik, vor allem der Aufstieg der Nationalsozialisten und der drohende Zweite Weltkrieg, erschüttern immer wieder die Suche nach dem kleinen Glück.

 

«Töchter einer neuen Zeit» ist der Auftakt einer Trilogie, die diese vier Frauen, ihre Kinder und Enkelkinder durch das 20. Jahrhundert begleitet.

Über Carmen Korn

Carmen Korn, Jahrgang 1952, ist die Tochter des Komponisten Heinz Korn. Nach ihrer Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule arbeitete sie als Redakteurin für den «Stern». Carmen Korn lebt seit vierzig Jahren auf der Uhlenhorst. Sie ist in dem Viertel tief verwurzelt und beschäftigt sich schon seit langem mit dessen Geschichte. Carmen Korn ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

März 1919

Henny hob den Kopf und lauschte. Ein Sehnsuchtsgeräusch, das aus dem Hof zu ihr hoch in den zweiten Stock fand, Sehnsuchtsgeräusch wie Glockenklang und der Gesang einer Amsel. Die Sonnabende ihrer Kindheit kamen ihr in den Sinn. Sommersonnabende. Das Glitzern im Wasser der Regentonne. Die weißen Johannisbeeren, die sie von den Sträuchern an der hinteren Mauer des Hofes pflücken durfte. Der Duft des Kuchens, den ihre Mutter für den Sonntag im Ofen hatte. Ihr Vater, der aus dem Kontor gekommen war und leise pfiff, während er die Krawatte löste, den Kragen des Hemdes abknöpfte.

Henny ging zum Fenster, öffnete es und lauschte dem Geräusch, das ihr all diese Bilder herbeiholte. Das Quietschen der alten Schaukel.

Es war noch längst nicht Sommer. Der kleine Junge auf der Schaukel unten trug Gamaschen aus grobem Strick und einen kurzen Mantel, der Himmel über ihm war grau, die Sträucher waren noch kahl. Doch an der Weide sprossen erste Kätzchen, Märzenbecher standen am Rand der Wiese, und auch das Licht schien hoffnungsvoller zu sein als noch vor Tagen. Die dunklen Monate des Winters waren vorbei und mit ihnen die dunklen Jahre des Krieges.

«Du bist ja noch immer im Hemd, Kind, und stehst in der kalten Luft.» Henny drehte sich zu ihrer Mutter um, die in die Küche gekommen war und nun zu ihr ans Fenster trat. «Keine acht Uhr, und die Lüdersche lässt schon den Kleinen in den Hof.» Else Godhusen schüttelte den Kopf. «Und du komm mal in die Gänge. Ich hab noch Heißwasser im Kessel, das geb ich dir in die Schüssel.»

Der Kleine glitt von der Schaukel und verschwand aus Hennys Blick. Vermutlich war er durch den Keller ins Haus gegangen. Eine Weile schwang die Schaukel noch. Henny wandte sich vom Fenster ab und dem Spülbecken zu, ließ kaltes Wasser zum heißen aus dem Kessel in die Emailleschüssel laufen und zog an dem Vorhang aus fester weißer Baumwolle, dessen Lochstickerei sich einen Finger breit über dem Linoleum des Fußbodens verschwendete. Die Vorhangringe glitten an der Eisenstange entlang, die weiße Baumwolle schloss sich mitten in der Küche zu einem kleinen Séparée.

Die Eisenstange hatte ihr Vater angebracht, kurz nach Hennys zwölftem Geburtstag. «Die Deern entwickelt sich», hatte Heinrich Godhusen gesagt. «Das geht nicht länger, dass sie am Handstein steht und wir ihr beim Waschen zugucken.» Gestern war Henny neunzehn geworden und ihr Vater schon Jahre tot. Gefallen im Großen Krieg.

Henny zog das Hemd aus und griff nach der Veilchenseife, die in der Schale lag. Keine kratzige Kriegsseife, die kaum Fett enthielt und in der bis hin zur Ziegelerde ziemlich alles vermahlen worden war, was sich fand. Sie tauchte die kostbare Seife kurz in das Wasser und ließ sie andächtig von einer Hand in die andere gleiten, bis ein kleiner Schaum entstand. Dann fing Henny an, sich von Kopf bis Fuß zu waschen.

«Das duftet ja in der ganzen Küche», sagte ihre Mutter mit dem Stolz der Schenkenden. Die Veilchenseife hatte auf dem Gabentisch gelegen. Daneben ein Hebammenkoffer, gebraucht gekauft, doch noch gut erhalten. Else Godhusen hatte von der Margarine geopfert, um das dunkle Leder zum Glänzen zu bringen. «Der zukünftigen Hebamme», hatte sie gesagt. «Das ist noch schöner als Krankenschwester. Wie stolz dein Vater wäre.»

Mutter und Tochter hatten ihn abhalten wollen, voreilig und freiwillig in den Krieg zu ziehen mit seinen achtunddreißig Jahren. «Spiel mir nicht den Helden», hatte Else gesagt. Doch da war Heinrich Godhusen schon fortgerissen worden vom vaterländischen Taumel des August 1914. Hatte den Hut geschwenkt. Nicht den steifen. Den leichten Strohhut, der sich so heiter schwenken ließ. Hoch lebe Deutschland. Hoch lebe der Kaiser. Die Blaskapelle spielte, in den Gewehrläufen steckten Blumen.

Ausgezogen in den Krieg, gestorben, in masurischer Erde begraben. Das zweite Bataillon des Landwehrregiments hatte schon im September an der Ostfront gestanden. «Der Krieg ist die Hölle», hatte Heinrich an Else geschrieben. Doch davon wusste Henny nichts.

«Bisschen neidisch auf deinen Koffer schien mir Käthe schon gewesen zu sein», sagte Else Godhusen. «Bin gespannt, mit welchem Büdel sie in der Finkenau erscheint. Dass die Käthe überhaupt genommen haben, sie ist doch oft nachlässig mit sich. Ist mir gleich aufgefallen, dass ihre Nägel nicht ganz sauber waren.»

«Mama, hör auf», sagte Henny hinter ihrem Vorhang. Ihre liebste Kindheitsfreundin hatte gezögert, sich ebenfalls um eine Lehrstelle zu bewerben. Hebamme an der Finkenau, die seit fünf Jahren als eine der besten Entbindungsanstalten im ganzen Lande galt, das schien der Wohlfahrtshelferin Käthe viel zu ambitioniert.

«Du kennst Käthe, seit sie sechs war, doch manchmal denke ich, du kannst sie gar nicht leiden.» Sie griff nach dem Hemd, das sie über die Stange gelegt hatte.

«Du kannst ruhig nackig herauskommen. Vor deiner Mutter wirst du dich ja wohl nicht genieren, und die Küche ist gut warm.»

Henny schob den Vorhang zur Seite und stand im Hemde. «Hast du gehört, was ich gesagt habe?»

«Hab ich nicht Vaters letzte Flasche Rheinwein aus dem Keller geholt, um ihn mit dir und Käthe zu trinken?»

«Kannst du sie nun leiden?»

Hennys Mutter ließ sich Zeit mit der Antwort. «Ich kann Käthe leiden», sagte sie schließlich, «doch du bist einfach das feinere Kind.»

 

«Deine Mutter hat einen höheren Fimmel», hatte Käthe gestern Abend gesagt, als sie sich an der Haustür von Henny verabschiedete. «Zu ihrer politischen Verbohrtheit sag ich gar nicht erst was.»

Am Anfang war es ein heiterer Geburtstagsabend gewesen. Sie hatten den Oppenheimer Krötenbrunnen von 1912 geleert und Sekt getrunken, der schon zu alt und dunkel vom Firn gewesen war. Die Gläser hatten sie auf Henny gehoben und ihren Vater, dass er in Frieden ruhe, dann wurde auf die Zukunft angestoßen und die Hebammerei. Dazu hatten sie Brote mit gehackten Zwiebeln gegessen und eingelegte Essiggurken, das Glas hatte Else zwischen leeren Einmachgläsern gefunden.

«Einmal haben Heinrich und ich Kraftbrühe mit echten Goldblättchen bestellt», hatte sie geschwelgt. «In Cölln’s Austernstuben. Austern mochte dein Vater nicht, die waren ihm zu fischig.»

«Gold in der Suppe.» Käthe hatte den Kopf geschüttelt. «Im Hotel Reichshof gibt es kleine französische Kuchen mit rosa Glasur und gezuckerten Mandeln. Die glitzern auch. Geht aber nur ohne Marken.»

«Du warst ja schon immer gierig auf Kuchen.» Hennys Mutter hatte beleidigt geklungen, sie hätte gerne länger im Glanz der Vorkriegszeit verweilt. «Dass es schon wieder Petits Fours geben darf, wo wir gerade noch mit den Franzosen im Krieg gestanden haben. Wie kommst du überhaupt in den Reichshof, Käthe?»

«Nachher gibt es Marmorkuchen», hatte Henny schnell gesagt, um das Gespräch aus der Gefahrenzone zu holen.

«Nur ein kleiner Kuchen. Die Zutaten reichten nicht für die große Form. Das ist bei Käthe für den hohlen Zahn.»

«Dann rühren wir den lieber nicht an», hatte Käthe gesagt. «Der kann einem ja sonst leidtun, der Kleine.»

Vielleicht hatte Else Godhusen den Sekt nicht vertragen. Henny war willens, es darauf zu schieben, dass ihre Mutter dieses Lied anstimmte.

Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein.

Ob sie wie gier’ge Raben sich heiser danach schrein.

«Der Krieg war ein Verbrechen», hatte Käthe in die zweite Zeile hineingesprochen. «Zum Schaden aller Völker. Und der Kaiser ist ein Lump.»

«Vieles war doch auch von hohem Mute. In meiner Küche hältst du keine kommunistischen Reden, Käthe.»

Das war der Moment, in dem der Abend kippte.

Als Käthe dann die paar Schritte zur Wohnung in der Humboldtstraße ging, in der sie allein mit ihren Eltern lebte, seit die kleinen Brüder gestorben waren, hatte Henny sich einen Augenblick lang den Traum erlaubt, ein eigenes Zimmer zu haben. Ein Zimmer ohne die Allgegenwärtigkeit ihrer Mutter.

 

Das Haus der anderen im Blick, so waren sie und Käthe aufgewachsen. Hennys Eltern waren kurz vor Hennys Einschulung in das vierstöckige Eckhaus im östlichen Uhlenhorst nahe Barmbeck gezogen. Sie hatte das Kind mit den schwarzen Zöpfen und der schiefen Schürze schon auf dem ersten Weg zur Schule gesehen. Käthe hatte eine Zuckertüte in der Hand gehalten wie Henny. Aus ihren Tornistern hatten Lappen gehangen, mit denen die Schiefertafeln gewischt wurden. Lappen wehten. Zöpfe wehten. Schwarze Zöpfe. Blonde Zöpfe. Ein stürmischer Tag.

«Guck dir an, wie schlampig die Schürze gebunden ist», hatte Else Godhusen gesagt. Der scharfe Blick, damals schon, und diese Ungnädigkeit mit den anderen.

Vor dem Zubettgehen gestern hatte ihre Mutter noch drei laute lange Strophen des vermaledeiten Liedes gesungen, Henny zum Trotze, die von der letzten Zeile noch im Schlaf verfolgt worden war.

Bis eine Flut begraben des letzten Manns Gebein.

Gnadenlos hatte sie in ihr nachgehallt und war erst vom Quietschen der Schaukel endgültig verdrängt worden.

Henny zog das hellgraue Kostüm aus Kammgarn an, das Else ihr aus einem Anzug des Vaters geschneidert hatte, die weiße Bluse mit den Biesen, stieg in die Knopfstiefel und schnürte sie.

«Machst dich stadtfein», sagte Else. «Dann genieß noch mal die Freiheit. Zu Mittag bist du aber wieder da.»

Henny drückte einen kleinen Kuss auf Elses Wange und zog die Tür hinter sich zu. Unten auf der Straße blieb sie stehen und guckte zum zweiten Stock hoch, winkte Else zu, die wie immer am Fenster stand. Dann bückte sie sich und schnürte einen ihrer schwarzen Stiefel neu.

Im Schaufenster von Salamander hatte sie Pumps gesehen. Weiches Wildleder. Vielleicht gönnte sie sich die, um ihre Lehre in der Finkenau zu beginnen. Leichtfüßig in ein neues Leben laufen. Weg von Else.

«Alles auf Anfang», hatte Käthe gestern Abend gesagt und die geballte Faust gehoben, während Henny in der Haustür stand und ihr nachblickte. Sechs bis acht große Sprünge hatten sie als Kinder gebraucht, um von Hennys Haus an der Ecke Schubertstraße zu Käthes in der Humboldt zu kommen, das genau gegenüberlag. Käthe hatte die wilderen Sprünge gewagt.

Ein eigenes Zimmer. Eine Tür, die sich abschließen ließe. Von ihrem Lohn als Krankenschwester hätte sie das finanzieren können. Doch Else hatte sie nicht ziehen lassen wollen, und schon der Auszug aus dem elterlichen Schlafzimmer, wo sie seit Kriegsbeginn auf Vaters Bettseite schlief statt im Klappbett ihrer Kindheit, war zu einer Kraftprobe geworden.

Henny hatte das kleine Wohnzimmer okkupiert, das blank geputzt auf höhere Anlässe wartete, und ihr Lager auf der Chaiselongue bereitet, bis ihre Mutter endlich erlaubte, das Klappbett vom Dachboden ins Wohnzimmer zu tragen. Im vergangenen Winter war das gewesen, und seitdem war der Schlüssel zur Tür des Zimmers unauffindbar.

Am Morgen, als sie der Schaukel gelauscht hatte, war ihr noch eine andere Erinnerung gekommen. An die tote Hummel, die sie einmal im Hof gefunden hatte. Die kleine Henny war erstaunt gewesen, dass Hummeln im Sommer sterben können. Ihr Vater hatte die Hummel aufgehoben, in seine große Hand gelegt, dann war sie von ihm zur Weide getragen und dort begraben worden.

Der sanfte Vater, der in den Wahnsinn dieses Krieges gezogen war. Eine feste Burg ist unser Gott, hatte er vor dem Rasierspiegel gesungen an seinem letzten Tag zu Hause. Wie sehr Heinrich Godhusen seiner Tochter fehlte.

 

«Da wirst du dir die Pfoten ordentlich bürsten müssen, wenn du erst mal auf Hebamme lernst», sagte Karl Laboe und guckte den Rücken seiner Tochter an.

«Das krieg ich hin», sagte Käthe, «saubere Pfoten.» Sie schöpfte mit den Händen Wasser und warf es sich ins Gesicht. Alles andere würde sie auf später verschieben, wenn der Alte um die Ecken ging.

«Sieht mir aber nach Katzenwäsche aus.»

«Ich gehe lieber in die Badeanstalt, als deine lüsternen Blicke auf dem Körper kleben zu haben.»

«Werd nich kiebich, Käthe. Noch stellst du deine Füße unter meinen Tisch, und das wird ja wohl auch noch ne Weile so bleiben, wo du dir die Hebammenlehre antust.» Karl Laboe legte die Hände auf den Küchentisch und stemmte sich vom Kanapee hoch. Sein Bein war steif, seit dem Arbeitsunfall auf der Werft, doch das steife Bein hatte ihn vor dem Kriegsdienst bewahrt. Obwohl das Leben hier an der Heimatfront auch kein Zuckerschlecken gewesen war. Nüscht zu freten und die beiden Weiber an der Backe.

«Deine Mutter kommt spät. Hat ne neue Putzstelle. Feine Pinkel in der Fährstraße. Bei denen macht sie die Mudder Wisch.»

«Ist bekannt. Geh du mal los.»

«Alter Mann is kein D-Zug», sagte Karl Laboe und nahm den Stock, der an der Tischkante lehnte.

Käthe atmete tief durch, als sie die Wohnungstür endlich ins Schloss fallen hörte. Wenn sie in die Fabrik ginge, könnte sie sich schneller was Eigenes leisten. Nun würde die Lehre endlose zwei Jahre dauern. Egal. Henny hatte recht. Wann wollte sie was wagen, wenn nicht jetzt mit neunzehn? Warum ihr Vater nur so dagegen war, dass aus seinem einzig verbliebenen Kind was wurde?

Sie zog den Unterrock aus und fing noch mal mit dem Waschen an. Das Wasser in der Schüssel war längst kalt, die Seife rau, als bewegte Käthe einen Bimsstein in den Händen.

«Gut, dass du was aus dir machen willst», hatte Rudi gesagt, der Junge, den sie im Januar in der Arbeiterjugend kennengelernt hatte. Rudi mit den dunklen Locken, der beim Hamburger Echo eine Setzerlehre machte. Ein halbes Jahr jünger als sie. Dauernd las er ihr Gedichte vor. Na, nicht dauernd. Doch in den zwei Monaten seit Januar waren es wenigstens vier gewesen. Könnte gut sein, dass er ihr heute ein fünftes vorlesen würde, während sie einen der kleinen viereckigen Kuchen aß im Café des Reichshofs. Sie hatte noch nicht gefragt, woher Rudi das Geld für diese Extravaganz nahm.

 

Lina holte das große Leintuch aus dem Schrank, in das die Initialen ihrer Mutter eingestickt waren. Eines der wenigen guten Stücke, die nicht zum Schwarzmarkt getragen worden waren, und doch hatte es nicht gereicht, um sie alle vier zu retten im elenden Steckrübenwinter. Vater war zwei Tage vor Weihnachten 1916 gestorben, Mutter dann im Januar. Auf die Totenscheine hatte der alte Hausarzt Herzschwäche geschrieben, und das war ein großer Euphemismus. Die Verzweiflung von Lud, der damals gerade fünfzehn Jahre alt gewesen war, die erst verdrängte Erkenntnis, dass die Eltern verhungert waren, um ihren Kindern das Überleben zu sichern.

Die Peters’ hatten viele Jahre auf Kinder gewartet, sie waren schon über vierzig gewesen, als Lina 1899 geboren worden war, dann kam Lud zwei Jahre später. Vater und Mutter hatten Karoline und Ludwig über alles geliebt und sich für sie geopfert. Ein Gedanke, der kaum zu ertragen war. Lud litt daran noch viel mehr als sie.

Lina schüttelte sich, als ob das von den Gedanken befreien könnte, und öffnete die Tür zu der kleinen Kammer neben der Küche, in die ihr Bruder eine Brause eingebaut hatte. Er war geschickt. Vielleicht hätte er besser etwas mit seinen Händen tun sollen, statt eine Kaufmannslehre anzufangen. Lud hatte Kaufmann werden wollen, weil der Vater einer gewesen war. All das Bemühen, etwas zu bewahren. Wozu? Das waren doch nur Zitate aus einer vergangenen Zeit.

Sie zog sich aus, legte die Kleider auf den Schemel und stellte sich unter den Brausekopf. Am Anfang tröpfelte es immer nur. Lud hatte die Wasserleitung der Küche angezapft, Wand an Wand mit der einstigen Speisekammer. Keine ideale Lösung, doch viel besser als nur obenrum und untenrum am Spülbecken, und Speisen gab es für die Kammer längst keine mehr. Das bisschen Essen, das sie vorrätig hatten, fand im Küchenschrank Platz und auf der Fensterbank.

Die Seife kratzte, dafür floss das Wasser jetzt. Lina wusch ihre Gänsehaut und rieb sich trocken, bis die Haut gerötet war. Ihr Blick fiel auf die Kleider. Albern, ein Korsett zu besitzen, wenn man jede einzelne Rippe am Körper zählen konnte. Es genügte völlig, das lose Kleid mit dem Gürtel zu schnüren.

Im zweiten Kriegssommer hatte ihr Zeichenlehrer seine Schülerinnen aufgefordert, sich nicht mehr länger in die engen Kleider zwängen zu lassen, die jeden Schritt behinderten. Fischbeinstäbchen sprach er aus wie ein unsittliches Wort. Verehrer von Alfred Lichtwark und Anhänger der Reformpädagogik war er und die sechzehnjährige Lina endlos verliebt in den jungen Zeichenlehrer. Später hörte sie dann, dass er in Frankreich gefallen war, dem Land, in dem er hatte leben wollen.

Geblieben war ihr diese Ahnung von Liebe zu einem Mann und der Plan, das Seminar für die Höhere Lehrerinnenprüfung zu absolvieren, um später einmal etwas zu verändern an den Schulen dieses Landes. War es denn vermessen zu denken, dass auch die alte Pädagogik Schuld trug an dem schrecklichen Krieg? Ein Heer von Untertanen war herangezogen worden.

Noch in den letzten Tagen des Krieges hatte sie gebangt, dass Lud zu den Soldaten geholt werden würde. Doch der kaufmännische Lehrling von Nagel und Kaemp, Hersteller von Schiffs- und Hafenkränen, war verschont geblieben und nicht mehr in die Schlacht geworfen worden. Lina hatte ihrer Mutter versprochen, auf den Jungen aufzupassen. Wenigstens das war gelungen.

Sie zog ihre Kleider an und trug das Korsett in die Küche. Wenn das scharfe Messer auch lange nichts zu schneiden gehabt hatte, durch das Korsett glitt es wie durch Butter. Nahezu Lust, die Lina dabei empfand. In Erinnerung an einen Zeichenlehrer.

 

Ida rief. Sie konnte selbst die Gereiztheit in ihrer Stimme hören, setzte noch mal an und rief kreidiger. Ob Mia sich endlich bequemen würde? Dieses neue Mädchen war ein bockiges Schaf. Nun kam schon das Wasser heiß aus der Leitung, und keiner von den Dienstboten wurde in den Keller geschickt, um Kohlen hochzutragen und Öfen anzuheizen, und dennoch ließ man sie hier stehen und elend lang auf ihr Badewasser warten.

Sie betrachtete ihre rosa Zehen, die aus dem bodenlangen weichen Frottémantel hervorlugten und deren Nägel schimmerten. Alles war rosa an ihr und siebzehn Jahre alt.

Der Krieg war schlimm gewesen. Es gab nicht alles zu essen, und die herrlichen Kleiderstoffe aus Paris und London hatte es bald auch nicht mehr gegeben. Sie kannte Leute, deren Söhne gefallen waren. Doch ansonsten hatten sie kaum gelitten, nicht einmal an Hunger. Die Bunges verfügten über beste Verbindungen.

Dieser Friedrich Campmann, der bei Berenberg zum Bankier ausgebildet worden war, hatte den Krieg heil überstanden. Ihr Vater sähe es gerne, wenn sie wohlwollend mit Campmanns Avancen umginge. Bedeutete er ihr was?

Ida schob das mit einer knappen Kopfbewegung beiseite, auch wenn es keiner sah. Doch. Da kam das bockige Schaf und blickte sie an.

«Ich warte auf das Badewasser», sagte Ida. «Gut warm. Gib reichlich von dem Fichtenöl hinein.»

«Können Sie das nicht selber? Ich hab reichlich zu tun.»

Ida Bunge schnappte nach Luft. Seit diesen Revolutionstagen waren sie alle unverschämt. Die ganze Bagage. Ein Fingerschnippen von ihr, und Maman würde diese Mia entlassen. Dieser Gedanke schien dem Schaf nun auch zu kommen, es knickste kurz, hantierte dann eifrig mit den Wasserhähnen und beugte sich über das Wasser, das dampfend in die Wanne floss.

«Lass das», sagte Ida. «Tu deine andere Arbeit. Du hast ja schon jetzt einen knallroten Kopf. Wieso bist du überhaupt so kräftig? Habt ihr so viel zu essen?»

Mia sah sehr verlegen aus. Sie knickste noch einmal und zog ab. Wie alt war sie wohl? Sicher nicht älter als Ida selbst.

Ida drehte den Hahn für das heiße Wasser zurück und gab mehr von dem kalten dazu. Heißes Wasser ließ die Haut schneller altern, hatte Maman gesagt. Ida griff nach dem Flakon mit dem Fichtenöl und tat einen Schwall davon in die Wanne. Sie schloss die Tür, bevor sie den Bademantel abwarf und sich einen langen Blick in den Spiegel gönnte. Was sie sah, war viel zu schade für den steifen Stock Campmann, wenn ihm Vater auch eine große Zukunft verhieß. Das Fräulein Bunge löste sich aus seiner Betrachtung und stieg in das tiefgrüne Wasser, das duftete wie zwei Hektar Fichtenwälder.

Eine Weile lag sie nur da und dachte darüber nach, wie es wäre, vieles selbst in die Hand zu nehmen. Es würde wahrscheinlich sogar Freude bereiten und diese grässliche Langeweile vertreiben.

 

Henny stand lange unter der Markise von Salamander am Jungfernstieg und blickte in das Schaufenster. Die Schuhe, an denen sie schon seit Wochen herumträumte, waren nicht mehr in der Auslage, alle anderen noch teurer. Sie zögerte, in das Geschäft hineinzugehen und nach den weinroten Pumps aus weichem Wildleder zu fragen. Sie sollte das Geld lieber zusammenhalten für kleine Freiheiten.

Der Frühling war kaum da, und sie freute sich schon auf den Sommer. Viel Vergnügen fürs Geld gab es da, wenn man der Alster so nah war. Ein Kanu mieten mit Käthe. Schwimmen im Freibad am Schwanenwik. Den letzten frohen Sommer hatte sie mit dreizehn Jahren erlebt. Der folgende trug schon die Angst um den Frieden in sich.

Ihre Lehre im Lohmühlenkrankenhaus hatte sie kaum abgeschlossen gehabt, da war ihr die Arbeit im Lazarett zugewiesen worden, das im Haus der Blindenschule in der Finkenau 42 untergebracht war.

Henny erinnerte sich an den Tag, an dem die Krankenschwestern die gehfähigen der verwundeten Soldaten nach draußen begleiteten, um sie für ein Gruppenfoto aufzustellen. Ganz wenige von ihnen hatten Uniform angelegt, die meisten trugen die weißen Lazarettkittel und dazu ihre Krätzchen, die Feldmützen der einfachen Soldaten.

Henny hatte hinter dem Fotografen gestanden und über die Gruppe hinweggeblickt zur Entbindungsanstalt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, eine Frau war gerade aus dem Portal der Finkenau gekommen und hatte ein kleines Bündel Mensch im Arm gehalten.

In dem Augenblick war Henny klar gewesen, da drüben gehörte sie hin. Keine Krankenschwester, eine Hebamme wollte sie sein. Sie trug eine große Sehnsucht nach neuem Leben in sich, zu viel Elend und Leid, das sie im Lazarett täglich vor Augen gehabt hatte.

Dann war im vergangenen November endlich der Krieg zu Ende gegangen, und sie hatte sich in der Finkenau um eine Lehrstelle beworben. Else unterstützte ihr Vorhaben, auch wenn Hennys Lohn der Haushaltskasse nun fehlte.

Henny wartete Kutschen und Kraftdroschken ab und zwei Karren, bevor es ihr gelang, den Jungfernstieg zu überqueren und zur Alster zu gehen. Die kleinen Bäume, die auf dieser Seite die Straße säumten, zeigten erstes Grün, der graue Himmel war aufgerissen und gab Blau dazu, in den Bäumen krakeelten die Spatzen.

Einen Spaziergang machen. Elses Eintopf essen. Dann zu Käthe hinübergehen und gucken, wie die einen der letzten freien Tage verbrachte. Doch hatte Käthe nicht gesagt, dass sie sich in Rudis Mittagspause mit ihm träfe?

Henny brannte darauf, ihn kennenzulernen. Käthe schien er sehr zu gefallen, dieser Junge, den sie seit Januar kannte. Sie ließ sich viel Zeit damit, ihren Prinzen vorzustellen. Sich verlieben. Das stand auch noch auf Hennys Wunschliste.

 

Silberne Perlen verzierten das weiße Petit Four, das Käthe aussuchte, sie hätte zu gern noch eines von den lindgrünen genommen, auf denen kleine Veilchen aus Zucker waren. Doch Rudi schien ganz zappelig zu werden, vielleicht hatte er nicht genügend Geld in der Tasche.

Sie setzten sich unter einen der großen Lüster, die das Café des Reichshofs in Glanz lullten. Wie gut tat es, auf der hellen Seite des Lebens zu sein, mit einer Kuchengabel in der Hand, doch Käthe legte sie noch einmal zur Seite, pflückte ein Silberperlchen vom Zuckerguss und legte es auf ihre Zunge. Den Genuss verlängern.

Rudi trank einen Schluck Tee und griff in die Tasche seines Sakkos. Das Gedicht zum Kuchen. Käthe versuchte, interessiert zu gucken, doch die Zeilen des Gedichtes liefen an ihr vorbei, die Gedanken drifteten ab zu ihrer Mutter, die heute eine hochherrschaftliche Putzstelle angetreten hatte. War Anna nicht die Ernährerin der Familie und würde es nun noch mehr sein, wo Käthes Geld fehlte? Ihr Vater war vierunddreißig Jahre alt gewesen, als der Unfall auf der Werft geschehen war, die Invalidenrente klein.

Und sie saß hier mit Rudi unter Lüstern. Zwei junge Leute, deren Herzen links schlugen und die dennoch den Glanz liebten. Widersprach sich das?

Obwohl Rudi Gedichte noch höher schätzte als Glanz. Wie er sich über das Blatt beugte, ihm eine Locke ins Gesicht fiel, die Geste, mit der er sie aus der Stirn strich. Schmale lange Hände hatte er. Rudi war der hübscheste Junge, der ihr je begegnet war. Sie hätte ihn jetzt gerne geküsst mit der ganzen Süße des Perlchens auf der Zunge.

Käthe vergaß bei all diesen Gedanken völlig, mit ihrem Küchlein in großer Langsamkeit umzugehen. Aus und vorbei. Auch das Gedicht.

Rudi faltete das Blatt Papier und steckte es ein. Er blickte auf Käthes leeren Teller und bedauerte, ihr kein zweites Küchlein kaufen zu können.

Er nahm Käthes Hand, legte eine letzte kleine Zuckerperle hinein, die vom Teller gefallen war, und küsste Hand und Perle.

 

Idas Vater saß im Dämmer seines Arbeitszimmers, sorgte sich um die Geschäfte und ganz besonders um den Kautschuk vom Amazonas.

Kein Gummi auf dem Markt. Sogar Fahrradreifen waren während des Krieges beschlagnahmt worden, um den Bedarf des Heeres zu decken, weil das synthetische Zeugs doch nur bedingt taugte. Fahrradreifen gab es nun auch keine mehr, und er kam noch immer nicht an seinen guten brasilianischen Kautschuk heran.

Die Seeblockade deutscher Häfen war noch nicht aufgehoben, die Globalisierung, die die Hamburger Kaufleute reich gemacht hatte, perdu. Was war nur aus Deutschland geworden. Allein der Verlust von Ballin. Der Kaiser sucht das Weite, und Albert Ballin nimmt am selben Tag Gift, weil er sein Lebenswerk zerstört sieht. Dabei waren sie für den Kaiser doch alle nur Krämer gewesen. Keiner annähernd auf Augenhöhe mit Majestät, wohl nicht mal Ballin. Was hatte er gleich zu Anfang gesagt, der große Reeder, der seine Hapag zur größten Schifffahrtslinie der Welt gemacht und sie alle in ferne Lande geschippert hatte?

Krieg ist Dummheit, die explodiert.

Das durfte er Netty nicht anvertrauen, dass er so dachte. Sie trauerte dem Kaiser nach. Er nicht. Er trauerte nur um die guten alten Zeiten. Wie leicht das Geld in der Welt zu verdienen gewesen war.

Nun hatte Netty noch ein zweites Dienstmädchen angestellt und eine Zugehfrau, weil die beiden Hühnchen mit der Pflege all des Krimskrams angeblich viel zu ausgelastet waren, um Eimer mit Wischwasser zu schleppen. Carl Christian Bunge schüttelte den Kopf. Eine Köchin. Zwei Mädchen. Eine Zugehfrau. Und der Gärtner. Der Chauffeur zählte nicht. Der war unverzichtbar. Sollte er den Adler etwa selber steuern?

Ida musste sich mit Campmann verloben. Der roch nach Erfolg und Geld, dafür hatte Bunge eine Nase. Dann wäre sein anspruchsvolles Fräulein Tochter versorgt, und er hätte nur noch Netty auf Rosen zu betten. Netty war eine entzückende Gemahlin, doch sie hatte so viel Verstand wie ein Eichhörnchen. Die waren auch putzig.

Seine Tochter war ein anderer Fall. Die hatte Verstand, einen sehr hellen. Doch seit sie die Bildungsanstalt von Fräulein Steenbock abgeschlossen hatte, tat Ida gar nichts mehr. Völlig unterfordert war sie und verwöhnt. Viel zu verwöhnt. Doch daran hatte auch er seinen Anteil.

Vielleicht sollte er sich ein weiteres Standbein schaffen. Kiep machte nun in Spirituosen. Darüber ließe sich nachdenken. Die Franzosen würden über kurz oder lang auch wieder dabei sein.

Sie sollten demnächst mal wieder dinieren, Kiep und er. Das letzte Mal lag schon eine Weile zurück, da hatten sie im Hotel Atlantic gegessen und eine Flasche Feist Feldgrau getrunken, obwohl er Sekt eigentlich gar nicht schätzte. Jüdische Patrioten, diese Feists aus dem Rheingau. Wie der Hamburger Ballin einer gewesen war. Schade drum.

 

Das Eichhörnchen, das auf den Namen Antoinette getauft war, trieb gerade die neue Putzfrau vor sich her. Ob das was werden würde, mit dieser Laboe? Zum zweiten Mal hatte sie Flecken auf den Böden übersehen, diesmal war es der Terrazzo im Wintergarten.

Netty Bunge zeigte in eine der Ecken, in denen vielfarbige Ornamente den schwarz-weißen Terrazzo zierten. Neben einem Topf mit Palme war ein Fleck zu erkennen, der aussah, als habe ein Glas Kirschmarmelade dort gestanden und klebrige Spuren hinterlassen.

«Ich erwarte mehr Sorgfalt. Mit Schludern kommen Sie bei mir nicht durch», sagte sie, ihre Stimme vorwurfsvoll wie ihr Zeigefinger.

Anna Laboe hätte schwören können, dass kein Fleck dort gewesen war, als sie sich vor einer Viertelstunde aus dem Wintergarten geputzt hatte. Doch zum Widersprechen war sie nicht in den Dienst genommen worden. Sie erlaubte sich den Seufzer erst, nachdem die Gnädige gegangen war. Man musste nur einen Tag im Hause Bunge arbeiten, um Käthes Ansichten zu teilen, auch wenn das Kind selbst Karl zu links geworden war. Der glaubte noch immer an seine Sozialdemokraten, obwohl die ganz schnell eingeknickt waren vor Kaiser und Vaterland.

Wie die wohl abschneiden würden bei den Wahlen? Ihre Tochter ärgerte sich mächtig, dass sie noch kein Kreuzchen machen durfte, wo doch zum ersten Mal die Frauen dabei waren. Anna Laboe würde es sich jedenfalls nicht nehmen lassen, mit Karl ins Wahllokal zu gehen und zu wählen. Mit seiner Angetrauten am Arm fand er nachher auch besser nach Hause.

Sie kniete auf dem Terrazzo, wischte den roten Fleck weg und hatte keine Erklärung für diesen Klebkram, der ihr bestimmt aufgefallen wäre. Kirschmarmelade war das keine.

 

Stunden später saß sie am Küchentisch und hatte weder ihren Mantel ausgezogen noch den kleinen flachen Hut abgelegt. Vor ihr lagen zwei Papiertüten, aus denen kümmerliche Kartoffeln und Zwiebeln kullerten, die Anna Laboe müde anguckte, als habe sie keine Ahnung, was damit zu tun sei. Dabei wurde es Zeit fürs Abendbrot.

«Das Arbeitszimmer vom gnädigen Herrn ist so unheimlich grün, dass du denkst, gleich ersäufst du in einem tiefen Waldsee», sagte sie, ohne sich Käthe zuzuwenden, die in die Küche gekommen war und das Licht der Gaslampe heller drehte.

«Dunkelgrüner Rupfen an den Wänden, sieht wie Modder aus. Dazu lauter Pötte mit Farnen, die auf Säulen stehen. Mia sagt, das sei sehr vornehm. Sie ist eines der Dienstmädchen und auch noch neu. Staubt ab und poliert die Möbel. Da lassen sie mich nicht dran. Ich war nur im Arbeitszimmer, weil die Vase umgekippt ist. Alles nass. Dafür bin ich da, für die Böden und die Klos und die Badewanne, in der das gnädige Fräulein Stunden liegt.»

Käthe guckte auf die Küchenuhr. Sechs Uhr. Von ihrem Vater noch keine Spur. Er brachte es auch am helllichten Tage fertig, in Kneipen zu versacken. «Warst du zehn Stunden bei denen?», fragte sie.

«Ich bin noch zu Heilbuth gegangen und hab mir einen neuen Kittel gekauft. Kam mir so schäbig vor. Und dann zum Grünhöker, Kartoffeln kaufen.»

«Waldsee», sagte Käthe. Doch ihre Gedanken hielten sich an der Wanne fest, in der das gnädige Fräulein aufweichte. «Sehen die Zimmer alle so aus? Modder und Farne?»

«Nur das Zimmer vom gnädigen Herrn. Die Köchin sagt, vor dem Krieg hat er sein Geld mit Kautschuk in Südamerika gemacht. Vielleicht ist ihm das Grünzeug da ans Herz gewachsen. Wo ist denn Vater?»

«Den hab ich seit Vormittag nicht mehr gesehen. Ich war aber auch kaum hier.»

«Wenn er nur nicht wieder getrunken hat. Er kommt bis heute nicht drüber weg, dass ihm die Kleinen gestorben sind. Dann noch das Bein.»

«Und wie kommst du drüber weg?»

Anna Laboe machte eine schlaffe Handbewegung. «Ich bin froh über deine Lehre in der Entbindungsanstalt. Das musst du wissen, Käthe. Auch wenn es für dich bedeutet, die Enge hier noch länger zu ertragen.»

«Hast du das Fräulein im Bade gesehen?»

«Einen kurzen Blick habe ich geworfen. Aber da war sie vom Kragen bis zu den Knöcheln in weißem Batist. Ida heißt sie.»

«Und was macht man sonst so als gnädiges Fräulein?»

Ihre Mutter hob die Schultern. «Wo warst du denn den ganzen Tag? Hast dich mit dem Jungen getroffen? Ist der nicht zu jung für dich?»

«Wir sind im selben Jahr geboren. Ich im Januar und er im Juli.»

«Hauptsache, er ist ein guter Junge», sagte Anna Laboe.

Käthe setzte sich auf einen Stuhl und fing an, die Hände ihrer Mutter zu streicheln. Sie vergaß völlig, ihren eigenen Mantel auszuziehen.

 

«Was ist denn hier los?», fragte Karl Laboe. «Sitzt in euren Plünnen und blast Trübsal, und Essen is auch noch nich auf dem Tisch.»

«Du riechst nach Schnaps», sagte Käthe.

«Geht dich gar nichts an.»

«Zankt euch nicht», sagte ihre Mutter und stand auf, um zwei Messer aus der Schublade zu holen. Eines legte sie vor Käthe hin.

«Zieht doch endlich mal die Mäntel aus», sagte Karl Laboe und ließ sich auf einem der Küchenstühle nieder. «Oder gehst du noch mit der Kanne los und holst Bier, Käthe? Zur Feier des Tages, weil deine Mutter nu so feine Herrschaften hat.»

«Darauf hast du heute doch schon reichlich getrunken», sagte Käthe und nahm ihrer Mutter den Mantel ab, um damit in den Flur zu gehen.

«Wie war’s denn bei den feinen Pinkeln, Annsche?», hörte sie ihren Vater fragen. Annsche. Das hatte sie lange nicht von ihm gehört. Das zweite Wunder erwartete sie, als sie zurück in die Küche trat. Karl Laboe hatte sich eines der Messer gegriffen und angefangen, die Kartoffeln zu schälen. «Damit dat noch wat wird mit die Bratkartoffel», sagte er.

 

Die Nachlässigkeit, die Hennys Mutter an Käthe tadelte, nannte Rudi Odefey lasziv, und ihm gefiel das enorm. Wenn ihn überhaupt was an Käthe störte, dann, dass sie seine Liebe zu den Wörtern nicht teilte.

Er hatte ihr ein Gedicht von Anna Achmatowa vorgelesen.

Wir alle sind um hundert Jahre älter. Nur eine Stunde hat’s dazu gebraucht. Der Sommer überlässt dem Herbst die Felder. Das Land, von Pflügen aufgebrochen, raucht.

Bei keinem einzigen Wort hatte Käthe Ergriffenheit gezeigt, sich nur an dem Küchlein mit den silbernen Zuckerperlen gütlich getan, das ihn wieder ein Vermögen gekostet hatte.

«Das Gedicht trägt den Titel 1. August 1914», hatte er gesagt. «Doch geschrieben wurde es erst 1916. Die Dichterin ist aus St. Petersburg.»

Käthe hatte genickt und sich die Lippen geleckt in der Hoffnung auf einen weiteren Happen Süßes. Dennoch liebte er Käthe wie keinen anderen Menschen außer vielleicht seiner Mutter, die die Liebe zum gedichteten Wort leider auch nicht teilte.

Rudi schüttelte die dunklen Locken, die viel zu lang waren, um dem alten Hansen zu gefallen, von dem er das Handwerk des Setzers lernte. Doch meistens lachte Hansen dröhnend über die Dinge hinweg, die sein Missfallen erregten. Viel Gelächter in der Druckerei.

Das Hamburger Echo war eines der ersten Organe der hiesigen Arbeiterschaft gewesen, auch wenn es sich zu Beginn des Krieges heftig verbogen hatte und geliebedienert vor Kaiser und Vaterland. Doch einen besseren Platz hätte Rudi nicht finden können, um zu lernen. Dort war er den Wörtern ganz nah.

Von wem er diese Leidenschaft wohl hatte? Von seiner Mutter sicher nicht. Vielleicht von dem Mann, dessen vergoldete Krawattennadel er gerade zum Leihhaus trug, um flüssiger zu sein. Die Uhrkette war schon verpfändet. Hoffentlich konnte er diese Erbstücke, die ihm seine Mutter zur Konfirmation übergeben hatte, eines Tages auslösen.

Sein Vater war ihm schon vor der Geburt abhandengekommen. Ein einziges Foto zeigte einen passablen jungen Mann mit Hut und Gehrock vor einem aufgemalten Alpenpanorama im Fotoatelier.

Als Kind schon hatte er herausgefunden, unehelich geboren worden zu sein, denn er kramte oft in der Schublade, in der seine Mutter alles Schriftliche aufbewahrte, und las, was ihm in die Hände kam. Viel mehr zu lesen gab es nicht. Als einziges Buch bot der Haushalt Rudolf Herzogs Lebenslied, das er als Zehnjähriger schon auswendig kannte.

«Die Hochzeit fand dann nicht mehr statt», hatte seine Mutter gesagt, ihm die Zigarrenkiste mit Uhrkette, Krawattennadel und Fotografie in die Hände gedrückt und offen gelassen, ob der Bräutigam gestorben war. Sie war ihm so verlegen erschienen, dass es grausam gewesen wäre, die Wahrheit aus ihr zu pressen. Dabei war es geblieben. Sie hatten das Thema nicht mehr angesprochen.

Rudi stieg die ausgetretenen Stufen der Holztreppe hoch, blieb im ersten Stock vor einer Tür mit geätzten Glasscheiben stehen und nahm das Filzsäckchen aus der Tasche seines Sakkos. Nicht viel Gold dran an der Krawattennadel. Er setzte seine Hoffnung auf die große Perle, doch wahrscheinlich war sie nur aus Wachs.

Er vertraute dem alten Pfandleiher. Für die Uhrkette hatte er mehr bekommen als erhofft. Damit finanzierte er nicht nur Käthes Kuchen, sondern hatte für seine Mutter ein Tuch aus echter Baumwolle gekauft und einen Band mit Gedichten von Heinrich Heine für sich selbst.

Der Alte hinter dem Tresen setzte die Lupe ins Auge und prüfte das Erbstück des unbekannten Vaters. «Eine Nadel aus Doublé mit einer Orientperle. Erstaunlich, diese Materialien zu verhochzeiten. Woher haben Sie das Teil?»

«Ein Erbstück», sagte Rudi, «wie die Uhrkette, die ich Ihnen gebracht habe.» Vielleicht tat er gut daran zu erinnern, dass sie längst in einer erfolgreichen Geschäftsbeziehung standen.

«Vor dem Krieg hat es in Hamburg einige Hehler gegeben, die gerne die gestohlenen Stücke umgestalteten.»

Rudi schoss das Blut in den Kopf. Sein Vater ein Hehler?

«Der Schmuck ist vor neunzehn Jahren in den Besitz meiner Mutter gekommen», sagte er und klang steif.

Der Alte sah ihn an. «Ich verdächtige Sie nicht, junger Mann. Was einer in meiner Profession dringend nötig hat, ist genaue Kenntnis von den Preziosen und den Menschen.»

Rudi blickte auf den Schein mit dem Aufdruck Zwanzig Reichsmark, den der Alte auf den Tresen gelegt hatte. Auch diesmal mehr als erhofft. Vielleicht gelänge es ihm, Käthe vom Reichshof fernzuhalten und in die Bäckerei Mordhorst zu locken. Die bot unter dem Tisch und ohne Marken Franzbrötchen an. Was Käthe da an Franzbrötchen futtern könnte statt eines einzigen französischen Küchleins.

Und dabei war sie so dünn. Seine Gedanken verloren sich einen Augenblick lang in der Erinnerung an Käthes kleine Brüste, die sie ihn hatte berühren lassen. Zimperlich war sie nicht.

«Wollen Sie nun die zwanzig Mark?

Zum zweiten Mal wurde Rudi rot im Gesicht. Er nickte und streckte die Hand nach dem Schein aus. Nun waren die Schätze des Hauses Odefey dahingegangen.

 

Da war diese Erinnerung, wie Mutter ihm den Lebertran einlöffelte. Es hatte scheußlich geschmeckt, und dennoch glaubte er, sich an ein Wohlgefühl zu erinnern, und der Löffel voll des öligen Trans war für ihn längst ein Symbol von Liebe und Geborgenheit.

Lud Peters sehnte sich danach, wieder eine Familie zu haben. Vater, Mutter, Kinder. So wie es gewesen war, kaum länger als zwei Jahre her. Seine Schwester Lina würde keine eigene Familie gründen, wenn sie das Lehrerinnenseminar absolvierte. Das war ihr verschlossen, als ginge sie ins Kloster. Lehrerinnen war es nicht gestattet zu heiraten, und widersetzten sie sich dem, verloren sie den Anspruch auf Stellung und Pension. Lud schüttelte den Kopf, wenn er nur daran dachte.

An ihm blieb es also hängen, die Peters’ als Familie erstarken zu lassen. Die einzige noch lebende nahe Verwandte war eine schon sehr betagte Schwester seines Vaters, die ihren Lebensabend in einem Stift in Lübeck verbrachte. Doch wo eine Frau finden, die er liebte und die bereit war, eine Familie mit ihm zu gründen? Lina hatte ihn nicht ernst genommen, als er dieses Kümmernis vortrug, und auf seine siebzehn Jahre verwiesen. Hatten seine Eltern nicht viel zu spät angefangen und waren dann früh am Ende ihrer Kraft gewesen?

Lud blickte auf den Osterbeckkanal, in dessen Wasser sich die letzten Strahlen der Abendsonne fingen. Frühling in der Luft. Endlich. Auf der anderen Seite des Kanals stand die Fabrik von Nagel und Kaemp, in der er heute wieder einen Tag seines Lebens verschwendet hatte. Vielleicht stimmte, was Lina sagte, und das Kaufmännische lag ihm nicht. Doch wenn er Frau und Kinder haben wollte, musste er durchhalten und ein festes Fundament legen.

Er ging an der Gasanstalt vorbei und tiefer nach Barmbeck hinein, wollte noch nicht zu Hause ankommen, auch wenn Lina vielleicht mit dem Abendbrot wartete. Sie ging ihm auf die Nerven, lachte seine Sehnsüchte weg und wollte ihm ausreden, dass er Schuld trug.

Doch wie konnte es nur sein, dass er gegessen hatte, was Mutter und Vater ihm täglich auf den Teller taten, ohne sich klarzuwerden, dass sie nichts aßen, sondern verhungerten für ihn und Lina?

Bis in den alten Schützenhof ging er und dachte an den Abend, als er hier an dieser Ecke an Vaters Hand gegangen war und gesehen hatte, wie ein Schutzmann aus der Kneipe geprügelt wurde. Eine seiner ersten Erinnerungen: sicher an Vaters Hand zu sein und der Schutzmann ein lächerlicher Mann.

Auf dem Winterhuder Weg kam ihm ein junges Paar entgegen. Das Mädchen biss in ein Gebäck, und ihr gelang dennoch, den Jungen zu küssen, der sich dann mit der Zunge über die eigenen Lippen fuhr. Ob er dem Kuss nachschmeckte oder doch nur der klebrigen Süße des Franzbrötchens? Ein Franzbrötchen. Wo gab es die denn? Lina aß sie gern, hatte sie gerne gegessen vor dem Krieg. Beinah hätte er sich überwunden und das Pärchen gefragt nach dem Ursprungsort des Franzbrötchens. Doch ihm wurde auf einmal kühl, und er fing an, große Schritte zu machen, um der Kühle und der Einsamkeit davonzulaufen, und Lud lief, bis er vor der elterlichen Wohnung in der Canalstraße stand, wo er mit Lina lebte.

 

Der Hebammenkoffer, den ihr die Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte, war leer gewesen bis auf einen Spiritusflakon, ein Einlaufgefäß und die Waschschalen aus Emaille, die in den Lederschlaufen auf dem Boden des Koffers befestigt waren. Es hätte sie auch verlegen gemacht, ihre Ausbildung mit kompletter Ausrüstung, doch ohne nennenswerte Kenntnisse anzufangen. Morgen war der 1. April, dann begann ein neues Leben. Käthe wurde täglich aufgeregter, dabei kriegte sie in letzter Zeit genügend Zucker für ihre Nerven.

Henny mochte Rudi. Gestern hatte sie ihn endlich kennengelernt. Er hatte Käthe und sie in das Kaffeehaus Vaterland eingeladen auf einen Kakao, der keiner gewesen war, nur ein heißes süßes braunes Getränk, doch die Gedichte von Heine, die Rudi vorgelesen hatte, waren von ganzer Güte. Die letzten Zeilen von Leise zieht durch mein Gemüt hatte sie mitgesprochen, was ihn lächeln ließ und Käthe die Stirn runzeln.

Wenn du eine Rose schaust,

Sag, ich lass sie grüßen.

Vor dem Krieg war sie mit dem Vater in das Café am Alsterdamm gegangen, da hatte es noch Belvedere geheißen. Zu Kriegsbeginn konnte der Wirt die Entwelschung nicht schnell genug umsetzen, an allen Ecken vaterlandete es. Doch alles hatten sich die Hamburger nicht nehmen lassen, selbst Else sagte noch Trottoir statt Gehsteig.

Ehrensache, sich nicht in Rudi zu vergucken. Bisher hatte Henny kein anderer gefallen, nur ein Mal kurz ein Junge im Lazarett, der nach der Genesung wieder zurück in den Krieg geschickt worden war und von dessen Schicksal sie nichts wusste.

Ein Mann, der Gedichte las. Nicht einmal ihr Vater hatte das getan. Henny fürchtete, schon entschieden zu lange über Käthes Freund nachgedacht zu haben, während sie durch die Finkenau ging, als ob sie den Weg abstecken müsste.

 

«Den Büdel willst du morgen mitnehmen?», fragte Karl Laboe. «Haben wir nix Besseres als dat olle Ding?»

Käthe hob die alte Stofftasche ihrer Mutter hoch und betrachtete sie.

«Die ist doch ganz ausgebeult von all den Rüben und Kohlköppen, die deine Mutter darin angeschleppt hat.»

Käthe staunte. Sorgte er sich um das Bild, das seine Tochter abgab am ersten Tag in der Finkenau? «Die hat wenigstens einen Klemmverschluss», sagte sie.

«Mal gucken, ob ich nix Besseres find.» Karl Laboe stand auf und hinkte aus der Küche. Käthe hörte ihn im Schlafzimmer Schubladen aufziehen. Als er zurückkam, hielt er seine alte Aktentasche vor die Brust, als sei sie ein Schutzschild.

«Mit der bin ich jeden Tag in aller Frühe auf die Werft gegangen.»

Karl Laboe hörte sich heiser an.

«Ich weiß, Papa.» Käthe betrachtete ihren Vater nahezu liebevoll. Viel mehr als Butterbrote hatte er nicht transportiert in der Tasche aus genarbtem braunen Leder. Dennoch rührte sie gerade etwas sehr.

«Bisschen abgeschabt is sie. Aber da mach ich was dran. Muss nur mal in den Krümel Schuhwichse spucken, den ich noch hab.»

Hatte ihre Mutter mit ihm gesprochen? Gesagt, er solle sie ermutigen? Dass ihr als einzigem Kind, das die Diphtherie überlebt hatte, nun die ganze elterliche Fürsorge gehörte?

Ihr Vater fing an, in seiner Schusterkiste zu kramen. War ihm wohl schon wieder zu viel Gefühl in der Luft.

Sie war als erstes der Kinder erkrankt. Zehn Jahre alt und ihre Brüder sechs und vier. Die beiden waren nicht die Einzigen im Viertel, die an der Diphterie starben, doch Käthe hatte nie das Gefühl verlassen, schuldig am Tod der Kleinen gewesen zu sein, weil sie die Krankheit in die Familie eingeschleppt hatte. War ihr das vom Vater vermittelt worden? Nahm er ihr übel, dass sie die Robustere gewesen war? Karl Laboe trauerte noch immer um die Söhne, auf die er lange gewartet hatte, und er war oft barsch in seiner Trauer.

«Guck mal, Käthe, wat dat Leder für nen schönen Schimmer kriegt.»

Karl Laboe hauchte die Tasche an und wischte weiter mit dem Lappen aus seiner Kiste, an dem noch Fett aus früheren Tagen war.

Die Aktentasche war schon bei ihrer Anschaffung vor vielen Jahren kein Prachtstück gewesen, doch Käthe gelang es, sie wie einen Schatz entgegenzunehmen. Eine Liebeserklärung ihres Vaters.

 

Else Godhusen war schlechter Laune. Gestern am heiligen Sonntag hatte sie den ganzen Tag in der Waschküche gestanden und die Kochwäsche gemacht, weil ihr zu spät eingefallen war, dass Henny die Tracht tragen sollte an ihrem ersten Tag.

Die Lauge hatte wieder wie Hölle gespritzt, als das Wasser im Kessel heiß wurde und die Wäsche den Deckel hochdrückte. Da war sie gar nicht gegen angekommen mit dem Holzlöffel, rote Flecken auf den Händen, wo die Lauge sie verbrüht hatte, und nun wollte das Kind die frisch geplättete Schwesterntracht nicht mal anziehen morgen.

«Wenigstens die weiße Schürze», sagte Else, «und die Bluse. Musst die Haube ja nicht aufstecken.»

«Ich geh da in Zivil hin», sagte Henny. «Die anderen Frauen werden auch keine Tracht tragen. Ich kann ja die Schürze in den Koffer tun.»

Ihre Mutter war anderer Meinung. Es war doch immer gut, sich gleich am Anfang hervorzuheben. Der Professor und die Herren Ärzte sollten ruhig aufmerksam werden auf ihre Tochter und erkennen, dass sie vom Fach war. Henny hob die Brauen, als sie dieses Argument vortrug. «Nun siehst du aus wie dein Vater», sagte Else vorwurfsvoll.

Henny lächelte. Sie sah ihren Vater vor sich, die Augenbrauen hebend, genervt auf einen Dünkel seiner Frau reagierend, doch stets liebevoll.

Verklärte sie ihren Vater? Vielleicht hatte derjenige, der nicht mehr anwesend war, eine größere Chance, vorbehaltlos geliebt zu werden. Vielleicht war sie auch immer schon eine Vatertochter gewesen.

«Holst du Käthe morgen früh ab, oder kommt sie her?»

«Ich hol sie ab.»

«Hätt ja gern einen Blick auf sie geworfen. Na, sie wird wohl auch anständig zurechtgemacht sein», sagte Else Godhusen und hatte nach der Enttäuschung doch das Gefühl, das letzte Wort gehabt zu haben.

 

Ida hielt es für einen verfrühten Aprilscherz, dass ihr Vater nicht nur dauernd von Campmann sprach, sondern auch das Wort Verlobung einflocht. Im August wurde sie erst achtzehn, was drängte er so? Sicher würde es bald wieder Bälle geben, auf denen sie sich zeigen konnte. Campmann würde nicht der Einzige bleiben, der um ihre Hand anhielt. Vater tat ja, als sei sie dringend an den Mann zu bringen.

Diese Sorgen hatte das Schaf Mia sicher nicht. Ida stand still und leise oben an der großen Treppe und beobachtete das Dienstmädchen, das unten in der Halle gerade dabei war, Tulpen in Vasen zu füllen. Sah aus wie eine Schlachterstochter. Immer gut durchblutet.

Ida beugte sich über das Geländer. Da unten ging es gerade um was anderes als Tulpen und Vasen. Mia hatte nun eine Flasche in der Hand, woher auch immer. Sie setzte den Flaschenhals an die Lippen.

Ein erster Impuls zu rufen. Als habe sie Mia vor etwas zu warnen. Doch Ida schwieg. Mia trank unten, und sie sah es von oben. Was sagte Maman immer? Wer weiß, wozu es gut ist. Ida sah der Szene zu und zog dann ihr Taschentuch aus dem Seidenärmel. Auch das Tuch von bester Qualität und mit ihren Initialen versehen. I.B.

Sie ließ es fallen, und das Taschentuch fiel ganz sachte in die Halle hinunter und dem Dienstmädchen vor die Füße. Als das Schaf Mia den Kopf hob, war nichts mehr zu sehen vom gnädigen Fräulein. Doch Mia wusste ja, wem das Tuch gehörte, das sie da aufhob, und verstand dessen Botschaft ganz richtig als Drohung.

 

Das war das Glück, dachte Rudi, dieser Augenblick. Hand in Hand mit Käthe, das vorsichtige Grün der Bäume, der Himmel blau. Festhalten, dachte Rudi, Ewigkeit. Warum hatten seine Eltern nicht geheiratet? War die Liebe zu klein gewesen?

«Willst du mich heiraten, Käthe?»

Käthe ließ seine Hand los und blieb stehen. «Was für’n Quatsch, Rudi, geht doch gerade erst mit der Lehre los. Quatsch. Quatsch. Überhaupt. Ich dachte, du bist ein Revolutionär. Das brauchen wir doch nicht.»

«Das Wort Quatsch scheint dir zu gefallen.»

«Du gefällst mir. Das mit dem Heiraten vergiss erst mal.»

Ihm lag auf der Zunge zu fragen, warum. Doch er schwieg. War wohl die eigene Familiengeschichte, die ihn drängen ließ.

«Nicht, dass du Henny noch mal so süß anlächelst, nur weil sie ein Gedicht auswendig kann.»

«Du bist eifersüchtig, Käthe. Was ist das denn für ein revolutionäres Gefühl?» Rudi grinste. Dankbar, dass der hehre Anspruch aus diesem Augenblick raus war. Vielleicht war es wirklich zu früh.

«Lass uns da auf die Bank setzen», sagte Käthe. Am Morgen der Vater mit seiner Tasche. Am Abend ein Heiratsantrag. Und nun pflückte Rudi auch noch eine kleine Blume, die im Büschel Gras neben der Bank wuchs, und gab sie ihr. Keine Ahnung, was das für eine war.

August 1919

Die Weißkittel fielen in den Saal ein wie eine Schar Heuschrecken, hektisch hüpften sie von Bett zu Bett, wenn sie es auch ein wenig langsamer taten als an den anderen Tagen. Es war heiß in Hamburg. Henny stand neben einem Bett am Fenster, ausreichend weit entfernt von Professor und Ärzten, der Oberschwester, der leitenden Hebamme, um einen guten Blick auf das zu haben, was sich im Saal tat.

Die kleine Frau Klünder in einem der vorderen Betten hob vergeblich die Hand, ihr gelang nicht, auf sich aufmerksam zu machen. Seit einer Woche kamen bei ihr die Wehen und brachen jäh wieder ab, sie sorgte sich, das Kind zu übertragen.

Die weiße Schar war schon vorbei. Wenige Worte zu den Frauen, die in ihren Betten lagen und angespannt warteten, ob etwas zu ihrem Fall gesagt werden würde. Die Oberschwester gab den Ton an, sie trug den Ärzten vor. Nur einer der Ärzte traute sich ab und zu, den Ablauf zu ändern und Patientinnen in das Gespräch einzubeziehen. Der junge Dr. Unger. Doch heute schwieg er und eilte mit.

Eine der Hebammen hatte ihr erzählt, wie anders es in den Zimmern der Privatstation zuging. Da wurde sich Zeit genommen. Der Professor drückte auch mal höchstpersönlich auf einem Bauch herum, horchte mit dem Stethoskop nach den Herztönen des Kindes, setzte sich auf den Rand eines Bettes, streichelte Hände und sprach väterliche Worte. Käthe sah rot, wenn sie das Wort Privatstation hörte.

Henny hatte den leichteren Start gehabt. Vielleicht, weil sie in Langmut geübt war durch das tagtägliche Leben mit ihrer Mutter. Käthe konnte kaum etwas hinnehmen. «Das wandelnde Widerwort», nannte Dr. Unger sie. Doch er kam gut aus mit ihr, und auch die Hebammen erkannten an, dass Käthe beherzt war, sich vor nichts scheute, kein Schwindel oder Ekel sie packte, wenn Blut floss und noch ganz andere Flüssigkeiten aufgewischt werden mussten.

Das Katheterisieren oder Darmeinläufe waren Käthe allemal lieber als Unterricht in Allgemeiner Krankheitslehre oder Bau und Berichtungen des menschlichen Körpers, insbesondere des weiblichen. Henny mochte die Theorie, auch wenn die Krankheitslehre sie eher unterforderte, doch trotz ihres Diploms war ihr nicht gestattet, fernzubleiben und sich anderen Aufgaben zu widmen.

«Is nich recht, dass die Dokters nur fix durchlöpen», sagte eine der Frauen. Zustimmendes Gemurmel. Einige blickten zu Henny hin, die als Einzige vom medizinischen Personal noch im Saal verblieben war. Doch Henny traute sich nicht, die Meinung der Frauen öffentlich zu teilen. Das tat sie nur in den Gesprächen mit Käthe.

So strich sie verlegen über die Matratze des Bettes, auf der nur eine Gummimatte lag. Die Wäsche hatte sie selbst vorgestern abgezogen, noch war das Bett nicht neu belegt.

Es wurde still im Saal, vielleicht weil sie an diesem Bett stand, obwohl Bertha Abicht nicht darin gestorben war, sondern unten im Kreißsaal. Vor Ausstoß der Nachgeburt war sie verblutet, Folge einer Wehenschwäche. Henny hatte es von den beiden Hebammen gehört, die gemeinsam mit dem Arzt die Mutter des gerade geborenen Kindes zu retten versuchten. Doch ihnen gelang nicht, die lebenswichtige Wehe zu erzeugen, weder durch Massage noch durch das Entleeren der Blase. Der Lehrstoff zum Thema Blutungen in der Nachgeburtsphase hatte eine dramatische Anschauung erfahren.

Das Neugeborene war noch in Obhut der Kinderschwestern, doch bald würde Bertha Abichts Mann mit der ältesten Tochter kommen, um das jüngste Kind nach Hause zu holen. Das achte.

«Zu viele zu kurz hintereinander», hatte Dr. Landmann gesagt, «völlig verantwortungslos von dem Mann.» Er hatte vor dem Einsetzen der Geburt an Bertha Abichts Bett gesessen und ihr zugehört. Ihn betrübte jeder Tod, doch dieser machte ihn obendrein zornig.

Henny versuchte, beim Verlassen des Saals allen elf Frauen zuzulächeln. Bei der kleinen Frau Klünder blieb sie kurz stehen. «Ich werde Dr. Unger bitten, noch mal zu Ihnen zu kommen», sagte sie. Zu ihm hatte Henny großes Vertrauen, doch sie ahnte, was er sagen würde. Die junge Frau, die ihr erstes Kind erwartete, war völlig unterernährt und viel zu zart. Der eigene Körper schien ihr die Geburt noch ersparen zu wollen. Doch wenn der Hausarzt richtig gerechnet hatte, näherte sie sich der zweiundvierzigsten Woche der Schwangerschaft.

 

Als Käthe und Henny am Abend aus der Klinik kamen, stand Rudi vor der Tür und strahlte sie beide an. «Uhlenhorster Fährhaus», sagte er. «Diesen Sommerabend werden wir drei uns nicht entgehen lassen.»

War Käthe begeistert? Vermutlich hielt sie das Fährhaus für einen konspirativen Ort des Hamburger Bürgertums. Wahrscheinlich wäre sie viel lieber allein mit Rudi losgezogen, doch er schien es nicht zu merken, wollte nur den Augenblick pflücken. Rudi Odefey hatte einen großen Hunger auf das Leben.

«Unger ist hingerissen von dir», sagte Käthe, als sie zur Alster gingen. Am besten gleich das Terrain abstecken.

«Wer ist Unger?», fragte Rudi und zog die beiden mit sich in Richtung Uferbogen zum Fährhaus hin.

«Ein Arzt, der dabei ist, sich in Henny zu vergucken.»

Henny betrachtete verlegen ihre Schuhe, die noch immer nicht die weichen aus Wildleder waren, doch wenigstens auch keine Knopfstiefel bei dem heißen Wetter, sondern halbhohe weiße Sandalen aus Stoff, die ihre Mutter in friedlichen Sommern am Timmendorfer Strand getragen hatte. «Quatsch», sagte sie. Doch sie wurde rot dabei.

«Ich liebe dieses Wort aus deinem und Käthes Mund», sagte Rudi. Ein Einhalt gebietender Blick von Käthe, ein fragender von Henny. Keiner klärte Henny auf.

Rudi, der Unbefangene. Ging in ihrer Mitte, hakte die Mädchen unter und machte einen ausgelassenen Tanzschritt, kaum dass die drei Türme des Fährhauses in Sicht waren. Am Himmel schon die Ahnung von Röte des nahen Sonnenuntergangs, Musik scholl aus der Konzertmuschel, in der Bucht vor der Halbinsel lagen Dutzende Kanus und Paddelboote. Das kühle Hamburg geriet bei warmer Witterung in einen großen Jubel zum Lob des Sommers.

«Ich hätte zu Hause Bescheid sagen sollen», sagte Henny.

«Quatsch», sagte Rudi und lachte.

«Mach dich mal endlich von deiner Mutter los», sagte Käthe.

Sie fanden Plätze im Garten des Fährhauses gleich am Geländer zum Wasser hin und zu den Booten, voll besetzt von heiteren Menschen, die ihre Getränke mitgebracht hatten und der Musik lauschten, ohne dafür bezahlen zu müssen. Ein weiter Blick über die Alster, an deren anderem Ende die Lombardsbrücke und der Jungfernstieg lagen. Rudi bestellte Wein. Irgendein Geld war noch in seinen Taschen.

«Der Wirt vom Fährhaus soll Wilhelm mal das Fleisch klein geschnitten haben. War ja unbeholfen mit seinem lahmen Arm», sagte Käthe. «Das haben wir heute im Unterricht gehabt. Armplexus-Lähmung nach einer Steißgeburt.»

«Wem das Fleisch geschnitten?», fragte Henny.

«Dem Kaiser», sagte Rudi, «der war doch hier. Nicht hier unten beim Volk. Oben im ersten Stock, wo sie die Diners Dansants geben. Das ist aber lange her, dass Wilhelm hier war.»

«Was ist denn das fürn Dings, das sie geben?», fragte Käthe.

«Da kannst du fein futtern und nebenbei tanzen», sagte Rudi.

Was er alles wusste. Käthe labte sich an ihrem Rudi.

«Du sprichst französisch?», fragte Henny.

Rudi lachte und schüttelte den Kopf. «Du glaubst gar nicht, was du alles nebenbei lernst, wenn du eine Zeitung setzt.»

Er hob das Glas mit dem Rheinwein. Ein Rest Sonne funkelte im braunen Fuß des Römers.

Da war auf einmal ein Glück in Henny. Sie lachte. Lachte Rudi an. Er lachte zurück. Unbefangener Rudi.

«Nu ist Schluss», sagte Käthe. «Mach meinem Jungen keine schönen Augen.» Sie funkelte wie das Glas.

«Natürlich nicht», sagte Henny nach einer kleinen Weile. «Was denkst du denn von mir?»

«Käthe, lass uns einfach Freude haben. Du weißt doch, dass du das Glück meines Lebens bist.»

«Kann sich alles schnell umkehren mit dem Glück», sagte Käthe.

«Quatsch», sagte Rudi zum zweiten Mal an diesem Abend. Er strich Käthe eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Zärtlich.

Die Abendröte plumpste in die Alster, es fing an, dunkel zu werden.

 

Campmann hörte nicht auf, von dicken Poularden, Sahnesoßen und Brüsseler Weintrauben zu schwatzen, während diese armen Scheibchen Fleisch auf ihren Tellern lagen. Die Flasche Bernkasteler Doctor stand im silbernen Kühler, Friedrich Campmann schenkte eifrig nach, als hoffe er auf Idas Trunkenheit, die Kellner waren überfordert bei diesem Andrang auf den Terrassen und Veranden und dem Garten des Fährhauses.

Er sah gut aus, hochgewachsen, blondes welliges Haar, ein dichter Schnurrbart, er war von Haus aus vermögend, und die Dresdner Bank hatte vor, ihn zu einem ihrer jüngsten Direktoren zu machen. Dies ließ sich also zu seinen Gunsten sagen. Ihrem Vater schien das alles viel zu bedeuten, einem anderen hätte er kaum erlaubt, sein achtzehnjähriges Töchterlein auszuführen, ohne Ida einen Anstandswauwau an die Seite zu stellen. Einen Augenblick lang ging ihr durch den Kopf, ob Vater vielleicht in geschäftlichen Kalamitäten war.

Ida langweilte sich, was nicht daran lag, dass Campmann zehn Jahre älter war als sie. Das einzig Charmante an ihm war, dass er ganz und gar hingerissen zu sein schien von ihr. Seine Elogen waren wesentlich unterhaltsamer als seine Erinnerungen an die Antwerpener Privatbank, bei der er vor dem Krieg begonnen hatte. Dennoch ließ Ida den Blick über die Menge schweifen, statt an seinen Lippen zu hängen.

Der Junge dort drüben mit den dunklen Locken, der gefiel ihr, gleich zwei Frauen schmachteten ihn an. Wer wohl zu ihm gehörte? Die Blonde in der braven weißen Bluse oder die Schwarzhaarige? Beide trugen keine Hüte und hatten ihre Haare hochgesteckt, doch bei der mit dem schwarzen Haar lösten sich einzelne Strähnen.

Sie schienen sich köstlich zu amüsieren mit diesem Jungen. Ida sah zu Campmann, achtundzwanzig Jahre alt, auch noch kein Greis, doch im Vergleich zu dem Dunkelgelockten wirkte er wie hundert in seiner steifen Wichtigkeit.

Die Schwarzhaarige gehörte zu ihm. Ida sah, wie der Junge ihr eine der losen Strähnen hinter das Ohr strich. Ein Gefühl von Neid in Ida.

«Ida. Hören Sie mir noch zu?», fragte Campmann.