4,99 €
Hoffnung ist schön und gut, aber was, wenn sie der Auslöser fürs Desaster werden könnte? Die Lage spitzt sich zu und Jamie weiß nicht mehr, wie sie Jay beschützen soll. Christian hat alle Fäden in der Hand und sie und Mikael können nichts dagegen tun, denn die Wahrheit würde Jay genauso brechen, wie die Lügen, in denen er gefangen ist. Doch grade, als die Lage ausweglos scheint, trifft Hilfe ein. Nathanael ist nicht nur fähig, Jay zu unterrichten. Der Diamant ist auch der Stern seines Zirkels und mutig genug Christian die Stirn zu bieten. Doch seine Ankunft verwandelt den Rubin in eine tickende Zeitbombe. Jamie gibt ihr Bestes, Nathanael zu unterstützen. Doch sie will Christian auch noch nicht aufgeben, denn sie hat Hoffnung ihn auf den richtigen Weg zu ziehen. Die Zeit wird knapp. Was, wenn Christians Zugzwang zu groß wird?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Creativity Square
Erin D. Tempel & Ria Reese
Hexenjagd Band III - Beyond Betrayal
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe Juli 2024
©Creativity Square GbR / Erin D. Tempel & Ria Reese
Umschlaggestaltung: Erin D. Tempel
Satz: Ria Reese
Korrektorat: Merle Föhr
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Impressum
Creativity Square GbR
Erin D. Tempel & Ria Reese
Stuttgarter Straße 106
70736 Fellbach
Independently Published
E-Mail: [email protected]
Web: creativitysquarenovels.com
Für all die, die verdammt noch mal mehr Wasser trinken sollten.
Content Note
Bitte beachten!
Hallo, du hübscher Mensch! :)
In diesem Buch kommen einige Themen auf, die für den ein oder anderen unangenehm oder sogar triggernd sein könnten. Wenn es dir so ergehen könnte, dann ist das kein Makel. Uns ist nur wichtig, dass du auf dich aufpasst. Deswegen bieten wir gern einen Überblick über potenziell triggernde Themen, die in diesem Buch behandelt oder erwähnt werden:
Kindesmisshandlung & Waisen (Vergangenheit)Manipulative CharaktereEmotionale und physische GewaltDruck durch höhere MachtstrukturenMilde HorrorelementeBedrohung und ErpressungVerlust eines Familienmitgliedes (Vergangenheit)MobbingSollte eines dieser Themen triggernd für dich sein, dann solltest du das Buch mit Vorsicht lesen. Es ist wichtig, seine Grenzen zu kennen und auf sich aufzupassen.
Zudem beinhaltet das Buch folgende Thematiken:
Queere Charaktere & BeziehungenNeurodiverse HauptcharaktereAnxiety Hexenkunst und Auszüge aus deren PraktikenSollten diese Themen bei dir auf Missfallen stoßen, dann ist das Buch leider nichts für dich.
Einen weiteren Hinweis wollen wir darauf geben, dass die Story character driven ist. Das bedeutet, dass der Plot etwas langsamer vorangeht und die Charaktere und ihre Innenwelt im Mittelpunkt stehen.
Nachdem wir das alles hinter uns haben, fehlt nur noch, dir viel Spaß zu wünschen. Vielen Dank für’s Lesen! Lass uns gern wissen, wie es dir gefallen hat! Kontaktinfo und Social Media findest du am Ende des Buches.
Bleib gesund und ganz viel Liebe,
Erin und Ria
Mikael
Die Sonne brannte gnadenlos. Wüsste Jay, dass ich kein Cappy aufhatte, obwohl mich der Sonnenbrand schon wieder plagte, er würde mich an unsere Mum verpetzen, in der Hoffnung, dass ich wenigstens auf sie hörte.
Ich ging mir durch die Haare und schulterte meinen Rucksack. In der Ferne konnte ich sehen, dass der Bus endlich heranrollte, der mich in das Stadtzentrum von Perth bringen würde – zurück in die Zivilisation mochte man meinen.
Als ich sagte, dass ich nach der Schule erst einmal eine Weltreise machen wollte, hatte ich nie erwartet, dass meine Eltern mir das durchgehen lassen würden. Eher, dass sie darauf bestünden, dass ich studierte. Doch zu meiner Überraschung erlaubten sie mir, dass ich mir ein Jahr freinahm, um meinen Horizont zu erweitern.
Ich hatte Jay mitnehmen wollen, doch Jay war Jay – weder begeistert von Reisen, die er nicht vorhersehen konnte, noch fähig, seinen Drang, alles so perfekt und gleichzeitig so normal wie möglich zu machen, abzulegen.
Dabei hätte er die Zeit gehabt. Mit dem Arztstudium an der UCL hatte es nicht auf Anhieb geklappt. Er musste auf einen Platz warten, und anstatt diese Zeit für „Dummheiten“ zu nutzen, hatte er eine Ausbildung beim Rettungsdienst angefangen. Er wollte vorbereitet sein, wenn er endlich zur UCL konnte. Einen Vorsprung haben.
Folglich war ich nun allein unterwegs und vermisste ihn. Vor allem, wenn ich mal wieder etwas mit meiner Planlosigkeit verkackte, und er nicht da war, um es mit einem Plan zu richten.
Ich fuhr gerade durch einen Vorort von Perth, als mir ein Schild ins Auge stach: „Mystik Festival 16.08.19–18.08.2019“ Es hing an einer Art Zaun, hinter dem sich eine Freifläche befand, die vollgestellt war mit mehreren Buden, Zelten und einem Fahrgeschäft – vermutlich eine Geisterbahn oder so was.
Das sah aus, als könnte es mir gefallen, also dachte ich nicht lange nach und drückte den Stoppknopf. Nur zwei Straßen weiter war die nächste Haltestelle und ich stieg aus. Dann ging ich den Weg zurück und nach ein paar Minuten kam das Festivalgelände in Sicht.
Es war nicht besonders groß, doch dafür umso bunter. Für Erlebnisse wie diese machte ich diese Reise. Schnell hatte ich mich auf dem Gelände zurechtgefunden und war versorgt mit Süßigkeiten in Form von Fröschen und Blättern.
An einem Stand konnte man Spelljars kaufen – kleine Phiolen, die mit Steinen und Kräutern gefüllt und mit Wachs versiegelt waren. Ich kaufte eins für meine Eltern, das ‚das böse Auge‘ fernhalten sollte, einfach, weil es echt cool aussah. Zwei Stände weiter kaufte ich eine Pfirsichlimonade, die scherzhaft als Liebestrank bezeichnet wurde.
Mit dieser in der Hand schlenderte ich an der nächsten Attraktion vorbei. Diesmal kein Stand, sondern ein Zelt. Es war verschlossen, sodass man nicht sehen konnte, was sich darin befand. Vor dem Eingang stand ein Schild. „Fortune Telling 5 $“.
Hatte ich 5 $? Mit einem kurzen Blick in meine Börse versicherte ich mich, dass ich noch Bargeld hatte, dann schlug ich die Laken, die den Eingang versperrten, zurück.
„Willkommen“, begrüßte mich eine kratzige Stimme. Sie gehörte zu einer Frau, schätzungsweise um die fünfzig, die genau die Klamotten anhatte, die man erwartete, wenn man in ein Wahrsagerzelt stolperte. Viele Tücher in Weiß und Lila, mit goldenem Klimbim, ein Kopftuch in denselben Farben, aus dem die schwarzen Locken hervorschauten und mehrere Armreifen. Außerdem war ihr Eyeliner echt stark.
„Wow, das ist auch nur ein bisschen Klischee, oder?“, fragte ich. Ich meinte es eher belustigt, als dass ich sie angreifen wollte.
Sie machte hier auch nur ihren Job und das war vermutlich der, Touristen zu unterhalten. Sie legte nur den Kopf einen Deut schief und musterte mich.
„Du bist einer von der Sorte, was?“
„Einer von welcher Sorte?“ Ich ließ eine 5 $-Note in einen durchsichtigen Kasten neben der Tür fallen und ging dann zu ihr. Ich setzte mich an den Tisch, stellte meinen Becher mit dem Liebestrank ab und sah sie erwartungsvoll an. „Einer von der Sorte, der diese Aufmachung nicht bräuchte.“ Sie deutete unbestimmt durch den Raum. „Ich könnte hier in meinem Lieblingshoodie sitzen und du würdest mir Fragen stellen, denn du brauchst Antworten.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. Das war ja mal eine Masche. War das, wie sie den Kram hier aufzog?
Eine Show für die, die sich leicht beeindrucken ließen und eine Anti-Show für skeptisch eingestellte Kunden wie mich?
„Was du nicht sagst“, meinte ich locker und nippte von meiner Limonade. „Schauen wir jetzt in diese fette Kugel hier auf dem Tisch?“
„Nein, Junge, die ist für die, die enttäuscht sind, wenn er nicht wackelt.“
„Kannst du den Tisch denn nicht wackeln lassen?“
Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Nicht ohne den Knopf bei meinem rechten Fuß.“ Sie räumte die Kugel, die den meisten Platz auf dem Tisch einnahm, beiseite. „Du brauchst keine Leuchtmurmel, du brauchst die Karten.“
Hört, hört. Na, dann sollte sie eben ihre Karten rausholen und so tun, als wäre ich was ganz Besonderes. Ich fragte mich, bei wie vielen Kunden am Tag sie diese Show abzog. Nein, du brauchst keine Aufführung, du brauchst echte Magie. Uhhhh.
„Woran machst du das fest?“, fragte ich, während sie ein Deck Karten aus einem in Samt eingeschlagenes Kästchen nahm.
„Hast du schon mal was von einer Aura gehört?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Kann sein.“
Sie nickte zufrieden. „Normalerweise reicht eine Aura nicht besonders weit. Aber deine ist ungewöhnlich groß. Teilweise, weil du eine gewisse Stärke in dir hast, aber ich fürchte, das meiste davon ist dem geschuldet, dass du energetisch an jemandem hängst, der das Energielevel eines normalen Menschen bei weitem übersteigt. Hast du Hexen in der Familie, Junge?“
„Nur einen Mutanten“, meinte ich trocken. Ich war der Meinung, dass ich es sarkastisch genug klingen ließ, doch sie sah förmlich durch jede Mauer hindurch. Ich erschauderte unwillkürlich. Sie nickte einen Moment und wandte sich den Karten zu.
„Wann bist du geboren worden?“
Für einen Moment zögerte ich, doch dann gab ich mit einem Seufzen nach.
„16.04.2001.“
Sie schien einen Moment nachzudenken.
„Eine Fünf. Wie schön. Kein Wunder, dich als Briten in Australien zu treffen.“
Ich zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Numerologie.“
Ach so. Was auch sonst? „Ja, natüüüürlich. Die gute Numerologie, das studiere ich ja.“
Sie schnaubte leise. „Du solltest es googeln. Es ist interessant. Aber grundsätzlich ist die Lebenszahl 5 mit Leuten verbunden, die viel rumkommen. Reisende.“ Sie lächelte schmal. „Und dein Mutant?“
„War ein Spaß.“
„Natürlich.“
Sie mischte die Karten. „Nichtsdestotrotz hast du jemanden an deiner Seite, richtig? Wen?“
„Meinen Bruder. 21.12.2000.“
„Ziemlich nah dran für einen Bruder.“
Sie schien amüsiert.
„Adoptivbruder, okay? Es ist nicht so wichtig. Komm mir nicht mit diesem Blut-ist-dicker-als-Wasser-Scheiß.“
Sie lachte.
„Nein, das ist eine Erfindung toxischer Eltern, damit ihre Kinder sie nicht sitzen lassen, sagte meine Tante immer. Irgendwo in der Mitte liegt wohl die Wahrheit. Wusstest du, dass der Spruch ohnehin das Gegenteil aussagt, wenn man ihn richtig übersetzt?“
„Was sagt er denn dann aus?“
„Das Blut der Bruderschaft ist dicker als das Wasser des Mutterleibes.“
Ich legte den Kopf schief. Das war interessant.
Sie breitete das Deck zwischen uns beiden in einer Linie aus. Es war hübsch. Die Ränder waren vergoldet und auf der Rückseite waren die Mondphasen zu sehen – ebenfalls in Gold geprägt auf violettem Untergrund.
„Zieh eine Karte. Mit links. Nicht viel nachdenken.“
„Nicht viel nachdenken kann ich“, murmelte ich amüsiert und griff nach der erstbesten Karte, an die ich bequem rankam. Sie nahm sie mir ab und warf einen Blick drauf.
„Der Narr. Hätte ich mir denken können.“
„Heißt das, ich bin blöd?“
„Nein, der Narr steht nicht für Dummheit. Er steht für Leichtigkeit, Hoffnung und mitunter Neuanfang. Der Narr macht sich nicht viele Sorgen. Er handelt, wenn andere grübeln. Das ist seine Stärke, aber auch seine Schwäche.“
Ich lehnte mich zurück und ließ mir das einen Moment durch den Kopf gehen.
„Ja, dann bin ich vielleicht der Narr.“
Sie schmunzelte. „Keine Sorge, diese Karte ist nicht du. Man ist nie nur eine Karte. Brennt dir eine Frage besonders unter den Nägeln, Nummer Fünf?“
„Nope, gib mir einfach den Fünf-Jahresplan.“
„Okay, lass mich schauen.“
Sie legte den Narren vor sich in die Mitte und fing an, Karten zu ziehen, die sie um ihn herum anordnete und je mehr Karten sie dazulegte, desto ernster wurde ihr Gesicht. „Das sieht aber nicht rosig aus“, sagte sie schließlich.
„Woran machst du das fest?“
„Ich sehe hier eine Menge Schwerter.“
„Und das ist schlecht?“
Sie ließ ihren Blick über die Karten schweifen und musterte sie ein paar Sekunden mit gerunzelter Stirn.
„Ja, hier liegen viele Karten, die auf Probleme hindeuten. Vor allem die Zehn der Schwerter. Die steht für Verlust oder Depressionen … sie liegt nicht direkt auf dir, ich habe hier an deiner Seite den Pagen der Kelche liegen und der kann für eine Person stehen. Muss aber nicht. Doch in diesem Fall denke ich, es ist dein Bruder. Ich kann die Verbindung sehen.“ Sie löste sich von den Karten und sah mich an.
„Hör zu, Kleiner. Euch stehen turbulente Zeiten bevor. Ich werde nicht hundertprozentig schlau draus. Sie kommen nicht sofort. Das kann noch Jahre dauern, aber wenn sie kommen, dann wirst du es bemerken. Und wenn es so weit ist, wird es zu … einer Art Scheideweg kommen, ich habe hier die Drei der Stäbe, die auf eine Reise ins Unbekannte hindeutet.“
Sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Karte und plötzlich wurde ihr Blick leer. Sie driftete regelrecht ab. Ich räusperte mich, aber das holte sie nicht zurück. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Wollte sie mich verarschen? Gehört das zu einer Art Show? Ich wollte daran glauben, denn ein Bauchgefühl sagte mir, dass ich vielleicht nicht wissen wollte, was sie zu sagen hatte. Doch zu Hause hatte ich einen Bruder, der Dinge schweben lassen konnte, und das war auch keine Show.
Sie kam zurück. Nicht wie in den Filmen, wo irgendwelche Wahrsager ihre Augen nach innen rollten und dann mit Schnappatmung wieder zu sich kamen und gar nicht mitbekommen hatten, dass sie was empfangen hatten. Nein, ihr starrer Blick bekam einfach wieder Leben und sie setzte sich auf und lockerte sich die Schultern.
Ich hielt den Atem einen Moment an, während eine Stimme in meinem Hinterkopf schrie, ich sollte es lassen. Ich hatte selten was gelassen.
„Was hast du gesehen?“
Ihr Blick floh zu mir und sie mustert mich ein paar Sekunden. „Willst du das wirklich wissen?“
Ich nickte kaum merklich.
„Nun gut. Gleich mal vorneweg, damit dir bewusst wird, wie real das hier jetzt wird und dir die Chance zu geben, verängstigt zu deiner Mama zu rennen: Dein Name ist Mikael. Dein Bruder Jay und du, ihr habt beide außergewöhnliche Energien verinnerlicht, was es leicht macht, einen Blick auf euch zu werfen – und das, was ihr vielleicht sein werdet.“
Ein Schauer rieselte meinen Rücken runter. Ein Teil von mir wollte nach einer vernünftigen Erklärung suchen, doch ich warf ihn mental aus dem Fenster. Ich wusste doch schon, seit ich elf war, dass es mehr gab, als die Wissenschaft erklären konnte.
„Mach weiter“, forderte ich leise. Sie lehnte sich näher in meine Richtung und ich folgte der Bewegung.
„Er versteckt sich in deinem Schatten und du dich in seinem Licht. Das wird nicht für immer funktionieren. Er muss lernen, nach vorn zu treten und zu nutzen, was ihm gegeben ist. Für sich. Und für andere. Er wird deine Hilfe dafür brauchen. Ihr habt ein besonderes Band, das um ein Haar alle Probleme lösen könnte, würde dir nur nicht der eine Funke fehlen.“
„Welcher Funke?“
„Ich bin mir nicht sicher. Aber du musst den finden, der dich ersetzt. Sonst …“
„Sonst was?“
Sie atmete tief durch und haderte mit sich, doch schließlich schüttelte sie den Kopf.
„Der Scheideweg. Er entscheidet darüber, ob ihr alle die Zukunft bekommt, die ihr euch erträumt oder ihr gar keine Zukunft mehr habt. Nicht nur für dich. Oder deinen Bruder. Sondern für alle, die du liebst.“
Ich schnaubte. „Jetzt gehst du doch ein bisschen über Bord. Bis grade wollte ich dir glauben, aber das ist zu überzogen.“ Das konnte nicht stimmen. Ich wollte nicht, dass es stimmte.
„Du wolltest es hören.“ Sie griff nach dem Narren und legte ihn mir rüber. „Nimm ihn mit, Mikael. Soll er dich daran erinnern, dass die Kunst des Überlebens manchmal darin besteht, die Balance zwischen Unbedarftheit und Verantwortung zu finden. Es wird nicht immer alles glattgehen, mein Junge. Du kannst nicht jeden beschützen und du darfst nicht zerbrechen, wenn es so weit ist.“
„Das ist doch verrückt.“
Ich wollte aufstehen, aber sie war schneller und ihre langen, dünnen Finger schlossen sich um mein Handgelenk.
„Ich spüre, dass du einen Zauber in deiner Tasche hast. Ein Spelljar. Auf diesem Festival gibt es eine Menge Krimskrams. Die Spelljars gehören nicht dazu. Für wen ist der Zauber gedacht?“
Ich schluckte. Ihr Griff war unangenehm und doch riss ich mich nicht gewaltsam los.
„Meine Eltern?“
Sie nickte. „Nimm den Zauber ernst und er wird seinen Job tun. Vertraue darauf und du hast eine Sorge weniger, wenn es so weit ist. Der Zauber ist stark.“ Sie ließ meine Hand los. „Vergiss deinen Narren nicht.“
Ich stolperte von dem Tisch weg, sobald sie mich losließ. Das war alles zu viel. Ich wollte damit nichts mehr zu tun haben. Ich war überfordert. Also machte ich auf dem Absatz kehrt, bereit, die Kurve zu kratzen und die Karte achtlos zurückzulassen.
Doch schon am Eingang des Zeltes bekam ich den ausgelösten Fluchtinstinkt wieder in den Griff und blieb stehen. Ich zögerte.
Dann riss ich mich zusammen, stampfte zu dem Tisch zurück und schnappte mir den Narren.
„Danke. Schätze ich.“
Sie lächelte einen kleinen Moment. „Ich wünsche dir nur das Beste. Das Universum ist auf deiner Seite, Nummer Fünf. Lass zu, dass es dir hilft.“
Was auch immer sie mir damit sagen wollte, ich sah zu, dass ich Fersengeld gab. Dass sie recht hatte, sollte sich erst Jahre später zeigen.
Jay
In meinem Traum war die Welt seltsam verzerrt. Alles war verschwommen und grinsende Fratzen zogen an mir vorbei, ohne dass ich erfassen konnte, um wen es sich handelte. Ich wusste nur, die Gestalten waren siegessicher.
Wir kriegen sie, egal wohin sie geht.
Richtig. Niemand ist sicher. Ganz egal, was wir tun, oder wie sehr wir uns bemühen…
Ich wurde von einem Grinsen verschlungen und landete in einem schwarzen Raum, der nur von einem Kristall beleuchtet wurde, der sanft vor sich hin strahlte. Ich wollte nach diesem greifen, doch er wurde zu einer Schlange. Schnell zog ich meine Hand zurück.
Hast du nichts Besseres zu tun?
Auch die Schlange grinste, als sie mich das fragte. Hatte ich? Sicher. Das alles hier war Blödsinn.
Ich nickte nur – und wachte auf. Mein Herz raste, als ich die Augen aufschlug. Ich musste mich einen Moment orientieren. War ich wieder im Bett? War ich wirklich wach? Zögerlich streckte ich die Hand nach der Wand aus.
Das raue Gefühl der Tapete unter meinen Fingerspitzen half mir, im Hier und Jetzt anzukommen. Ein Seufzen entfloh meinen Lippen. Was für ein schräger Traum.
Ich hätte ihn gern abgeschüttelt, aber er saß mir tiefer in den Knochen, als er sollte, denn in ihm steckte mehr als nur ein Funke Realität. Immerhin konnte ich mich diesmal an meinen Traum erinnern.
Ich setzte mich auf und rieb mir mit den Händen über das Gesicht. Das Zimmer war dunkel und kalt. Ich hatte offensichtlich vergessen, das Fenster zu schließen.
Also konzentrierte ich mich auf das Licht in meinem Inneren, um es eine Runde anzuzapfen. Ich ließ es aus den Finger fließen und eine Blase formte sich. Wie eine Seifenblase, nur aus Licht.
Sie erhellte das Zimmer und ließ es damit gleich viel freundlicher wirken. Ich zauberte noch zwei davon und stand auf. Mein erster Gang führte mich ans Fenster.
Es war einen Spalt geöffnet, also brauchte ich mich nicht wundern, dass mein Zimmer ausgekühlt war. Ich schob die Scheibe nach unten und schaltete die Heizung auf eine höhere Stufe. Es war inzwischen Winter, ich sollte besser aufpassen, wie ich lüftete.
Meine Lichter tanzten um mich herum, was dem Zimmer nur noch mehr seltsame Schatten verlieh.
„Könnt ihr ein bisschen ruhiger machen?“, fragte ich und schon reihten sie sich brav hinter mir ein. Ich zog die Augenbrauen hoch. Sie hatten ein Eigenleben.
Je öfter ich sie beschwor, desto sicherer wurde ich mir da. Ich setzte mich für einen Moment an meinen Schreibtisch. Der Traum wollte mich noch immer nicht ganz loslassen.
Wir kriegen sie, egal wohin sie geht.
Es war kein Wunder, dass ich so was träumte, denn die Wirkung von Jamies Tränken ließ nach. Ich machte mir Sorgen um sie. Sie hatte den Ältesten offen widerstanden, also war es sicher nur eine Frage der Zeit, bis sie versuchen würden, ihren Grant darüber an Jamie auszulassen. Es war viel zu ruhig und mit jedem Tag, an dem nichts passierte, wurde ich etwas mürber. Worauf warteten die Ältesten?
Ich wusste, es war albern. Aber ich konnte den Gedanken, dass es vielleicht jetzt so weit war, nicht abschütteln. Warum sollten sie genau in dem Moment angreifen, wenn ich darüber nachdachte? Rein rational war mir das klar. Rein emotional war ich bereits aus der Tür raus, bevor ich es richtig mitbekam. Ich musste nach Jamie sehen. Einfach sichergehen, dass bei ihr alles okay war.
Eilig bewegte ich mich durch den Flur und stoppte an Jamies Tür.
„Ihr bleibt hier“, beschwor ich meine Licht-Blobbies, „und wenn jemand kommt, geht ihr aus. Ich bin gleich wieder da.“
Ich klinkte an der Tür und tatsächlich ging sie auf. Wie oft musste ich ihr noch sagen, dass sie das Zimmer nachts abschließen sollte? Auf leisen Sohlen bewegte ich mich in den Raum und warf einen Blick zum Bett. Doch zu meinem Erschrecken war es leer.
Wo war Jamie?
Ganz ruhig. Sie könnte bei Mika sein. Und den hatte ich ohnehin auch abchecken wollen, also zwei Fliegen mit einer Klappe? Mit einem flauen Gefühl im Magen sammelte ich meine Lichter ein und schlich den Flur zurück, an meinem Zimmer vorbei und weiter zu Mika. Wieder ließ ich die Blobbies draußen, bevor ich in den Raum schlüpfte. Zu meiner Erleichterung wurde ich diesmal fündig.
Sie lagen beide zusammengekuschelt in Mikas Bett. Ich seufzte. Nerven, ihr dürft euch wieder beruhigen, danke. Ich wollte gerade zurück zur Tür, als ich hörte, wie Jamie ein kleines Knurren von sich gab.
„Jay?“
„Ja. Ich wollte nur kurz nach euch sehen. Schlaf weiter.“
„Warte.“
Ich konnte hören, wie Jamie nach dem Licht tastete, also öffnete ich die Tür und pfiff leise die Licht-Blobbies rein. Sie gingen ihr ‚Hallo‘ sagen. Ich wüsste nicht, wie ich das sonst nennen sollte. Sie huschten zu ihr und stupsten sie ins Gesicht. Sie kicherte.
„Ihr weckt Mika!“, herrschte ich die Blobbies leise an, aber sie waren längst damit beschäftigt, Jamie zu herzen und um sie herum zu fliegen.
„Mika weckt gar nichts“, behauptete Jamie mit einem gedämpften Lachen. „Lass sie. Deine Magie ist nun mal sehr freundlich, wenn sie sich manifestiert, Jay.“
Nicht, dass ich eine Ahnung hätte, was das bedeuten sollte. Ich lernte noch immer. Mit einem kleinen Ächzen setzte ich mich auf die Couch, die Mika in seinem Zimmer stehen hatte und musterte Jamie. Sie hatte sich aufgesetzt, aber Mikas Arm lag locker auf ihr.
„Mika wird merken, dass es kalt geworden ist und davon aufwachen“, stellte ich in den Raum, woraufhin Jamie sich wieder hinlegte, Mikas Arm noch mal positionierte und einen Daumen nach oben zeigte.
„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.“
Ich lachte leise.
„Ihr seid so bescheuert, ich bin doch kein Stein“, grummelte Mika in Jamies Nacken und zog sie enger an sich.
Ich gönnte mir eine stumme ‚Siehst-du‘-Geste auf meinen Bruder und Jamie tätschelte mit leicht roten Wangen seinen Arm.
„Wieso wolltest du aber nach uns sehen?“, fragte sie. „Schlecht geschlafen?“
Ich nickte nur und zuckte mit den Schultern. „Ich hatte einen unangenehmen Traum. Irgendwas mit Schlangen.“ Ich schüttelte unwirsch den Kopf. „Und irgendwas mit deiner Sekte … ich musste einfach nach dir sehen. Irgendwie hatte ich dabei ein Déjà-vu. Es ist alles ein bisschen seltsam heute.“
„Willst du auf der Couch schlafen?“ Mika hatte sich aufgestützt, damit er über Jamie hinwegsehen konnte. „Oder sollen wir mit in dein Bett kommen? Dann werden wir eben ein Sandwich.“
Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte die beiden nicht weiter stören. War schon nervig genug, dass ich sie geweckt hatte. „Es ist okay. Nicht so schlimm. Zu sehen, dass ihr in Ordnung seid, reicht mir.“ Ich stand auf und streckte mich. „Ich gehe wieder schlafen.“ Aber was die beiden da machten, sah wirklich cozy aus. Vielleicht sollte ich einfach in Erwägung ziehen, bei meinem eigenen Freund ins Bett zu krabbeln.
„Entschuldigt, dass ich euch geweckt habe. Gute Nacht.“
Jamie schenkte mir ein fröhliches „Nachti!“, doch Mika musterte mich nur einen Augenblick unzufrieden, als hätte er meine Gedanken gehört. Er mochte Tian nach wie vor nicht.
„Schlaf gut, Jay“, meinte er und ich nickte ihm zu.
Ich verließ das Zimmer wieder, gefolgt von meinen Licht-Blobbies. Ich warf einen Blick zu Tians Tür. Schließlich schlich ich mich zu ihr und klopfte. Ich wusste, dass ich klopfen musste, denn im Gegensatz zu den anderen beiden war Tian schlau genug, seine Tür nachts abzuschließen.
Ich lauschte, doch im Zimmer herrschte absolute Stille. Offensichtlich weckte ihn das Geräusch nicht. Was tat ich hier überhaupt? Ich konnte nicht einfach erwarten, dass ich ihn nachts aufweckte und er das in Ordnung fand. Auf der anderen Seite hatte er schon gesagt, ich dürfe zu ihm kommen, wenn ich Albträume hätte. Ich klopfte noch mal. Doch es war so zaghaft, dass ich es selbst kaum hörte. Ich schalt mich einen Narren und huschte zurück in mein eigenes Zimmer.
Ich war kein Kind mehr. Ich konnte alleine schlafen. Die Idee war albern. Für einen Moment verdrehte ich die Augen über mich selbst, dann steckte ich den Schlüssel ins Schloss, um meine Tür wieder abzusichern. Doch genau da klopfte es nun bei mir. Ich blinzelte. Vorsichtig öffnete ich die Tür noch mal einen Spalt und konnte Tians Gestalt ausmachen.
„Hattest du bei mir geklopft?“
Ich bemerkte, wie meine Wangen warm wurden.
Jetzt, wo er vor mir stand, kam ich mir noch alberner vor. „Ähm, ja, ich … hatte schlecht geträumt und … ich weiß auch nicht. Das war–“
„Sag nicht, dass es dumm war.“
Ich verstummte ertappt. Tian grinste liebevoll.
„Das war genau richtig, Jay. Soll ich rüberkommen?“
Ich nickte vorsichtig, doch sein Grinsen wurde nur noch breiter. „Eine Nacht in deinem geilen Bett, rangekuschelt an die Person, die ich liebe? Wie soll ich da nein sagen?“
Er kam ins Zimmer und schloss die Tür. Dann wandte er sich mir zu und umrahmte mein Gesicht.
„Mach dir nicht immer so viele Gedanken.“ Er drückte mir einen kurzen, aber gefühlvollen Kuss auf die Lippen, der meinen Magen zum Flattern brachte. Dann ließ er mich los, ging zum Bett und schlug die Bettdecke zurück. Ich zögerte, die Blobbies jedoch nicht. Die kreiselten nun fröhlich um Tian. Sie waren nicht so große Fans von ihm wie von Jamie und Mika, aber immer noch Fans. Ich rief sie zur Ruhe und folgte ihm dann ins Bett. Er rutschte ran und legte den Arm um mich, bevor er die Decke über uns warf. Sofort wurde es mollig warm. Zumindest im Winter war seine erhöhte Körpertemperatur ein Segen. Ich seufzte leise. Tian kuschelte sich an mich und drückte mir einen Kuss in den Nacken.
„Gute Nacht“, sagte er leise.
„Gute Nacht“, presste ich hervor. Ich war ganz elektrisiert von der Geste.
Wie sollte ich so schlafen? Ich war mir seiner Nähe viel zu bewusst. Es fühlte sich gut an. Ich verschränkte meine Finger mit seinen und hauchte ihm einen Kuss auf den Handrücken, worauf er leise kicherte.
„Schlaf jetzt.“
Ich nickte nur. Auch wenn ich seltsam aufgeregt war, war es doch angenehm, in seinen Armen zu liegen und sich von seiner Wärme einlullen zu lassen. Schon bald glitt ich in einen traumlosen Schlaf.
Jamie
Ich war verzweifelt. Da passte man einmal nicht auf ihn auf, schon hatte er ein Date und sie waren wieder zusammen. Es war nicht mal so, als würde ich es nicht verstehen. Er fand langsam zu seiner Stärke.
Er fand Hoffnung.
Bei jedem anderen als Tian hätte ich die Fahnen geschwungen und das unterstützt. Das Leben war zu kurz, um sich selbst von denen fernzuhalten, die man liebte. Das hatte ich gelernt. Mit einem Seufzen fuhr ich mir durch die Haare und lockerte sie ein wenig auf.
Heute konnte ich mich gar nicht konzentrieren. Die Sorge um Jay fraß mich auf. Als sei das nicht schon Ablenkung genug, klopfte es an meiner Tür. Ich ging und öffnete sie. Mika strahlte mich an. Ich schloss sie wieder. Dann machte ich sie erneut auf.
„Sorry“, sagte ich atemlos, „war ein Reflex.“
Er lachte. Bei den Göttern, ich konnte froh sein, dass er mir meine sozial überforderten Aussetzer nicht übelnahm. Statt mit mir zu schimpfen, beugte er sich runter und drückte mir einen Kuss auf die Lippen.
Er war zu flüchtig, als dass ich hätte reagieren können. Vor allem, weil mein Gehirn bei der sanften Berührung einfach abrauchte. Bei ihm im Bett schlafen war leicht, denn an Nickerchen war ich inzwischen gewöhnt. Das war bekanntes Territorium für mich. Doch alles andere war neu.
Er ging an mir vorbei in mein Zimmer und ich blieb an der offenen Tür stehen. Nach ein paar peinlichen Sekunden schaffte ich es immerhin, diese zuzumachen. Ich lehnte mich mit dem Rücken dagegen und legte meine Hände an meine erhitzten Wangen.
„W–wofür war der denn?“
Mikael lachte auf. Er setzte sich auf mein Bett und grinste mich an. „Zum Hallo sagen.“
Wirklich? Machte man das so? Ich hatte zwar keine Ahnung, aber daran könnte ich mich gewöhnen. Ich vergaß sowieso ständig, Hallo zu sagen. Mein Herz stolperte. Ob er bald genervt davon sein würde, dass ich so tollpatschig und unwissend war?
Fürs Erste glücklicherweise nicht, denn er klopfte einladend neben sich. Ich atmete durch und setze mich zu ihm. Wie von selbst lehnte ich den Kopf an seine Schulter und er nahm meine Hand.
„Du auch, hm?“
Ich nickte.
Seine Hand zitterte leicht.
Mir fiel beim besten Willen nur ein Grund dafür ein und das war Jay. Wenn ich mir schon Sorgen machte, dann Mika erst recht. Ich kuschelte mich an seinen Hals und er legte seinen freien Arm um mich. Das entspannte mich.
„Was tun wir jetzt?“, fragte ich ratlos.
„Du hörst erst einmal auf zu zappeln“, antwortete er gutmütig und ich hielt mein Bein an.
Ich hatte nicht mal bemerkt, dass ich es bewegt hatte. „Entschuldige. Es ist eine nervöse Angewohnheit, schätze ich mal. Wenn mein Geist rastlos ist, ist es auch mein Körper.“ Ich sah ihn an.
Ein paar Sekunden sagte er nichts. Dann legte er den Kopf schief. „So hab ich das noch nie gesehen.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Weißt du was? Mir tut es leid. Wenn es dich beruhigt, mach weiter damit. Wahrscheinlich ist es zu irgendwas gut. Als Kind hab ich das auch gemacht und habe es mir im Laufe der Zeit abgewöhnt.“
Bei mir hat wohl einfach niemand drauf geachtet. Sonst hätte es bestimmt jemand unterbunden. Ich strich Mikael ein paar Haare aus der Stirn und suchte nach Worten, um das auszudrücken, was mich beschäftigte.
„Ich bin … aufgebracht.“
Er nickte. Ihm ging es ähnlich. Wenn ich mir nochmal eine von Jays Schwärmereien über Tian anhören müsste, würde ich wahrscheinlich durchdrehen. Das Schlimmste: Jay war sich sicher, dass Tian die Wahrheit sagte. Ich hatte ihn zwar einmal gewarnt, dass es möglich war, seine Intuition auszutricksen, doch das wollte er nicht hören.
Wie hieß es so schön in ‚Stolz und Vorurteil‘?
In Liebesdingen sind wir alle Närrinnen.
Oder um es mit Prinzessin Anakondas Worten auszudrücken: Du machst mich echt verdammt dumm.
„Das Grausamste für mich ist, dass er so glücklich ist. Ich würde es ihm so gern sagen. Ich würde ihn so gern vernünftig warnen. Es fühlt sich absolut furchtbar an, dabei zuzusehen, wie er in sein Verderben rennt. Ich will ihn um alles in der Welt beschützen. Doch ich kann nicht.“
Ich lehnte mich wieder bei Mika an und er seufzte.
„Treffender hätte ich es nicht formulieren können.“ Er lachte leise und freudlos auf. „Aber hey, Jamie. Du wirst langsam echt gut mit Worten, weißt du das?“ Da klang er ein wenig enthusiastischer. Ich verdrehte gutmütig die Augen und ironischerweise wusste ich auch nicht, was ich dazu jetzt sagen sollte.
Ich biss mir auf die Lippe und versuchte, einen Ausweg zu finden. Jay und Tian klebten noch mehr aneinander als vorher. Einmal hat Jay sogar vor ihm in meinem Almanach gelesen. Das hatte ich dadurch erfahren, dass Christian danach direkt zu mir gekommen war und mit mir geschimpft hatte.
Etikette, Etischmette, bla, bla, bla.
Ich darf das nicht, lululu. Ich war einfach in die Schatten abgetaucht, denn darauf, dass mir gerade Christian etwas über korrektes Verhalten beibringen wollte, hatte ich so gar keinen Bock.
Sorry, not sorry, Tiannie.
(Jetzt klang ich sogar in meinem Kopf nach Hamish.)
Seitdem schmollte er ein wenig mit mir. Nicht genug, um mich nicht dauernd als Taxi benutzen zu wollen, aber er schmollte.
Ansonsten war er ausgeglichen, denn er bildete sich ein, dass er schon gewonnen hätte.
„Ich verstehe ihn nicht“, äußerte ich meinen Gedanken laut. „Wenn er ach so böse sein will ... warum ist er dann so?“
„Wie?“
„Zum Starterkit eines Scheißmenschen gehört es doch, noch unerträglicher zu werden, wenn er denkt, dass er gewonnen hat. Aber er ist regelrecht … sanftmütig.“
Mika lachte auf. „Was redest du da, James? Also zu mir ist er noch beschissener als so schon. Die Seite lässt er an mir aus. Er ist ein Scheißmensch. Ob du nun denkst, dass mehr in ihm steckt, sei mal dahin gestellt. Ändert nichts dran, dass, wenn man im Lexikon ‚Arschloch‘ nachschlägt, man ein Bild von Christian zu sehen bekommt.“
„Hast ja recht.“
Ich stand auf und tigerte auf und ab. Die Bewegung half mir, mich zu fokussieren.
„Was, wenn wir zu dritt abhauen?“, warf Mika in den Raum.
„Abgesehen davon, dass Christian uns folgen würde, würde Jay auch nicht weggehen.“
„Was ist mit dem Snob-Zirkel?“
Ich befeuchtete meine Lippen und stemmte die Hände in meine Hüfte. Dann sah ich Mikael verzweifelt an. Die Vorstellung, dass sie Jay einsacken und uns von ihm trennen würden, passte mir überhaupt nicht. Doch sie waren weiße Hexen und damit das, was Jay brauchte. Außerdem waren sie mächtig genug, mit Christian umzugehen. Sie würden wahrscheinlich mit hässlicheren Mitteln dafür sorgen, dass Jay sich von Tian entfremdete.
„Sie sind vielleicht die letzte Chance.“
Das führte mich wieder zum Anfang meiner Überlegungen. Denn auch das machte mich unglücklich und aufgebracht. Alle Alternativen waren scheiße.
„Wann haben wir die Mail geschickt?“
Mika lehnte sich nachdenklich etwas zurück. „Anderthalb, zwei Wochen?“
Ich sah aus dem Fenster. Fast hatte ich das Gefühl, dass da gleich eine weiße Hexe erscheint, um mich zu erschrecken.
„Dann kann es nicht mehr lange dauern, bis wir eine Antwort erhalten. Wenn sich dieser Zirkel eine Sache nicht entgehen lassen wird, ist es ein Einhorn.“
Jay
Die Luft war klar und kalt, als ich über die Wiese zwischen den Unigebäuden eilte. Der Rasen war inzwischen braun, doch eine feine Schicht Reif verlieh den Halmen ein hübsches Glitzern. Ich wünschte, ich könnte mich daran erfreuen, doch ich war spät dran und der Professor für Anatomie war streng, wenn es um Pünktlichkeit ging.
Nicht, dass er nicht gerne seine akademische Viertelstunde in Anspruch nahm, aber die war jetzt auch schon fast rum.
So schnell es der leicht vereiste Boden zuließ, bewegte ich mich zum Eingang des B-Gebäudes. Ich sah zu, dass ich durch die Tür, die Treppe runter und dann rechts zu meinem Vorlesungssaal kam. Doch grade, als ich um die Ecke schoss, kam auch Professor Bingster von der anderen Seite angelaufen.
„Sie sind zu spät, O’Ceallaigh.“
„Ich weiß, Sir, es tut mir leid, ich …“
„Sie wissen, wie ich dazu stehe. Wenn Sie nicht pünktlich sind, brauchen sie auch gar nicht kommen“, setzte er an, doch er wurde unterbrochen.
„Aber, Sir, das war meine Schuld.“
Warte, was?
Neben mir stand mit einem Mal ein Riese von einem Kerl. Ein Mann, scheinbar afroamerikanischer Herkunft mit einem vollen Rucksack auf der Schulter und einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen.
„Ich bin neu hier. Er hatte sich bereit erklärt, mich abzuholen und mitzunehmen, aber ich hatte mich auf dem Weg zum Sekretariat verlaufen und alles verzögert. Bitte drücken Sie heute ein Auge zu. Ich schwöre, in Zukunft sind wir pünktlich.“
Alter, was zum Geier?!
Du warst vor einer Sekunde noch nicht hier.
Professor Bingsters Irritation zeigte mir, dass ich nicht der Einzige war, für den der Kerl aus dem absoluten Nichts gekommen war, doch als er seinen Blick zu mir wandern ließ, bemühte ich mich um einen neutralen Gesichtsausdruck und nickte nur.
Das schien zu reichen, damit der Professor genug an seinem Verstand zweifelte, um es durchgehen zu lassen und zu nicken. „Nicht noch mal, die Herren. Auf Ihre Plätze, und zwar schnell.“
„Danke, Sir“, murmelte ich und hielt ihm und dem unbekannten Mitstudenten die Tür auf. Dann suchte ich mir einen Platz. Der Kerl setzte sich neben mich und grinste mir zu.
„Wer bist du?“, zischte ich.
„Nathanael. Zu deinen Diensten. Du hattest unser Kontaktformular ausgefüllt.“ Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er damit meinte, denn dass ich den Zirkel der blauen Winde angeschrieben hatte, war schon gute zehn Tage her.
„Du kommst aus Frankreich“, stellte ich also fest und er bestätigte es mit einem Nicken.
„Du hast meinen besten Freund Jona in Lille getroffen. Er war sehr angetan von dir, daher war ich nur umso mehr gespannt darauf, dich kennenzulernen.“
„Geht es ihm gut?“
„Ja, sicher. Keine Sorge. Er lässt sich entschuldigen. Zum einen, weil er so plötzlich wegmusste, zum anderen, weil er jetzt verhindert ist. Aber er richtet liebe Grüße aus.“ Ich stieß die Luft aus meinen Lungen aus. Dass es Jona gut ging, erleichterte mich doch ungemein.
„Aber ich dachte, es wäre zu gefährlich einen von euch nach England zu schicken?“
„Nun, es ist nicht unbedenklich, aber ich bin ein großer Junge.“ Nathanael grinste wieder und es war ansteckend. Ich grinste verhalten zurück, doch bevor ich noch was sagen konnte, fing ich den eisigen Blick meines Professors auf. Ich sah zurück zu Nathanael und deutete mit dem Kopf nach vorne. Dann packte ich mein Notebook aus. Es wurde Zeit, der Vorlesung zu folgen.
„Okay. Wie soll es jetzt laut deinem Zirkel weitergehen?“ Die Vorlesung hatte sich gefühlt ins Unendliche gezogen und ließ mich auch gleich merken, dass Nathanael nicht hier war, um zu studieren und nebenbei mit mir zu verhandeln. Er hatte die ganze Stunde in einem Buch geblättert und dem Geschehen keinerlei Beachtung geschenkt.
Ich wusste nicht, wie ich mich damit fühlen sollte. Offensichtlich war er nur meinetwegen hier. Wollte er mich einsacken und verschleppen oder wollte er mir den ganzen Tag bis aufs Klo folgen? Ich war mir noch nicht sicher.
Nach der Vorlesung verließen wir das Gebäude und besorgten uns einen Kaffee to go. Dann setzten wir uns auf eine der Bänke vor der Uni und ich ließ mir die Sonne aufs Gesicht scheinen. Ich hatte sie vorhin nur viel zu flüchtig begrüßen können. Nathanael saß neben mir und trank einen Schluck aus seinem Pappbecher. Er zuckte mit den Schultern.
„Das kommt ganz auf dich an, Jacob.“
„Jay“, verbesserte ich, schneller als ich darüber nachdenken konnte.
„Nate“, erwiderte er darauf nur fröhlich und ich nickte. „Also ja, Jona meinte schon, dass du jetzt nicht besonders begeistert von der Idee warst, zu uns zukommen. Nicht, dass ich das verstehen könnte. Wir haben da unten tolles Wetter, geiles Essen und ein Meer, das nicht ständig grau ist, aber jeder wie er mag, was?“ Er lachte.
„Es liegt nicht an der Côte d’Azur. Es liegt daran, dass ich mich sicher nicht in ein Exil begebe, während alle meine Lieben hierbleiben und der Zirkel seinen Grant an ihnen auslässt.“
Nate nickte. „Ja. Ich weiß. Auch das hat Jona schon angedeutet. Das macht die Lage eben ein bisschen schwierig.“
Ich fragte mich, was daran so schwierig sein sollte. Wenn sie mir nur bestätigen würden, dass ich Jamie, Mika und Tian mitnehmen könnte, dann wären wir schon unterwegs. Doch stattdessen hielt auch Nate sich verdächtig bedeckt.
„Warum können die anderen nicht mit mir kommen?“
„Weil unser Zirkel sehr … exklusiv ist?“
„Also sind sie nicht gut genug?“ Der Griff um meinen Becher wurde fester. Was sollte dieser Schwachsinn? Meinetwegen war Jamie nicht die größte Hexe und Mika und Tian nur Menschen, aber sollte das nicht egal sein, wenn es darum ging, anderen zu helfen?
„Nein, nein. So meinte ich das nicht, ich– Entschuldige, das war vielleicht dumm formuliert. Was ich sagen will, ist: Der Standort des Zirkels ist streng vertraulich. Im Grunde dürfen nur Mitglieder wissen, wo er ist. Oder die, die ein Mitglied werden. Nun, dein Bruder und dein Freund sind Menschen, sie können also keine Zirkelrune tragen. Und deine kleine Hexenfreundin? Sie hat schon einen Zirkel, sie kann nicht einem weiteren beitreten. Ohne Zirkelrune gelangt man aber nicht an den geheimen Standort.“
Ich trank noch einen Schluck vom Kaffee. Das alles klang logisch, aber ich war nicht wirklich überzeugt. Es war nicht so, als würde meine Intention total ausfreaken, aber am Rande meines Bewusstseins spürte ich doch ein leichtes Kribbeln. Wie, wenn man ein Jucken hatte, das sich mit ein bisschen Kratzen schon in den Griff bekommen lassen würde. Ich hatte das Gefühl, dass es Möglichkeiten gäbe, dieses Problem zu umgehen, aber Nate wollte mir das nicht sagen.
„Ich kann sie nicht zurücklassen. Das geht einfach nicht“, sagte ich nur, schon allein um zu sehen, wohin er ruderte, wenn ich mich verweigerte.
„Das hatten wir befürchtet.“
Ich spannte mich an. Nur falls ich Natanael leider meinen Kaffee ins Gesicht werfen und ganz schnell wegrennen musste. Bei Hexen wusste man nie.
Jamie konnte mich durch die halbe Stadt bringen, sie brauchte nur einen Schatten. Doch er lachte nur und lehnte sich zurück.
„Du kannst dich wieder entspannen, Jay. Ich hab nicht vor dich wegzuklauen, auch wenn es – um mal ganz ehrlich zu sein – die einfachste und sicherste Variante wäre.“ Er drehte sich zu mir und legte die Hände aneinander, bevor er damit nachdenklich für einen Moment sein Kinn berührte.
„Für jetzt ist der Plan vielmehr, dass ich auf dich aufpasse. Ich bleib in deiner Nähe, verhaue böse Hexen, die dich wirklich verschleppen wollen und bringe dir ein paar Sachen bei, die eine weiße Hexe so können sollte. Klingt das besser?“
„Wie ein Bodyguard?“
„Der beste Bodyguard überhaupt.“
Ich seufzte leise. Ganz recht war es mir nicht. Ich brauchte Zeit für mich und die Vorstellung, dass immer jemand in der Nähe war, leerte meine soziale Batterie allein bei dem Gedanken. Aber das hier war keine normale Situation und ich konnte froh sein, dass ich überhaupt eine Wahl hatte.
„Na schön“, stimmte ich leise zu. Ich trank meinen Kaffee aus und schmiss den Becher in die Tonne neben der Bank. „Dann lass mich dich den anderen vorstellen. Ich bin mir sicher, wir werden uns alle gut verstehen.“
Nathanael grinste wieder und nickte. „Toll, dann sind wir uns einig. Du wirst es nicht bereuen. Ich denke, das wird super. Bei wem fangen wir an?“
Ich warf einen Blick auf mein Handy und stellte fest, dass ich eine Nachricht von Tian hatte. Er hatte gleich eine Vorlesung im Gebäude B, also sollte er hier vorbeikommen.
„Bei meinem Freund. Der sollte eigentlich jeden Moment hier hochkommen.“ Ich drückte den Knopf für eine Sprachnachricht. „Ich bin grade an der Bank bei der Linde. Du kommst da ohnehin vorbei. Magst du kurz zu mir kommen? Ich muss dir jemanden vorstellen.“
Ich bekam blaue Häkchen sowie ein blaues Mikro, aber keine Antwort. Ich sah mich um. War er schon so nah, dass sich antworten nicht lohnte?
„JAAAAAY!“
Ah, sieh an.
Ich drehte mich um und konnte sehen, wie Tian sich quer über die mit Raureif überzogene Wiese schlug, sichtbar flott unterwegs. Zumindest bis ihm seine Geschwindigkeit zum Verhängnis wurde und er mit einem „Woohaa!“ ausrutschte.
„Oh, mein Gott. Tian!“ Ich eilte – genau darauf bedacht, mich nicht auch noch hinzupacken – zu ihm rüber. „Hast du dir wehgetan?“
Ich hielt ihm meine Hand hin und er griff zu, um sich von mir hochhelfen zu lassen. Er putzte sich einmal die Hose ab und richtete sich den Mantel.
„Ich war wohl ein wenig zu aufgeregt“, meinte er mit einem nervösen Lachen. Typisch Tian. Manchmal hatte er einfach ein bisschen zu viel Energie. Ich legte ihm die Hände auf die Schultern, bevor ich ihn einer Musterung unterzog. Aber es schien alles okay zu sein. Also lächelte ich, schlang die Arme einen Moment um seinen Nacken und stahl ihm einen unschuldigen Kuss.
„Erschreck mich nicht so“, tadelte ich ihn gutmütig.
„Sorry. Du wolltest mir jemanden zeigen?“
Ach ja, richtig. Zu meiner Schande hatte ich Nate einen Augenblick vergessen. Dieser schien mir das zum Glück nicht krummzunehmen, sondern wartete geduldig, bis ich mit Tian fertig war. Ich nahm ihn an der Hand und zog ihn rüber zu Nathanael.
„Tian, das ist Nathanael. Er ist hier, um mir ein bisschen auszuhelfen, was mein magisches Problem betrifft. Nathanael, das ist mein Freund Tian.“
Tian ließ mich los, um die paar Schritte zu Nate hinüberzugehen und seine Hand mit beiden Händen zu greifen und begeistert zu schütteln.
„Oh, ich freu mich so, dich kennenzulernen. Wie schön, dass du Jay helfen möchtest!“ Ich schloss zu ihm auf und hakte mich bei ihm ein.
Zu meiner Überraschung wirkte Nate plötzlich ziemlich verschlossen. Dafür, dass er mir gegenüber so offen gewesen war, war er jetzt regelrecht kühl. Er nickte nur knapp. „Freut mich auch.“
Hätte ich vielleicht nicht erwähnen sollen, dass er wegen der Hexensache hier war? Aber das war nur Tian. Er würde es sowieso früher oder später erfahren, denn er war nun mal mein fester Freund und Vertrauter.
„Keine Sorge, er ist cool mit Hexen und dem ganzen Kram. Er gehört zum Team.“
„Ja, ich finde das sehr faszinierend und behalte alles für mich, also kein Grund nervös zu werden.“
Nate nickte erneut und diesmal schaffte es ein Lächeln auf sein Gesicht. Hoffentlich wurde er wenigstens mit den anderen beiden ähnlich schnell warm wie mit mir. Nicht, dass ich mir allzu viele Sorgen machte. Das würde sicher alles werden, wenn man nur Gelegenheit hatte, sich zu beschnuppern.
„Hey, ich hab eine Idee! Wie wäre es, wenn wir heute Abend die Küche im Wohnheim kapern, zusammen was essen und uns alle ein bisschen besser kennenlernen? Dann kann Nathanael sich in aller Ruhe vorstellen.“ Ich sah zu Nate. „Und wir können besprechen, wie es weitergeht.“
Das war eine gute Idee. So bekam ich alle an einen Tisch, denn ich bezweifelte, dass ich Jamie und Mika vor Ende der Vorlesungen zu Gesicht bekäme. Ich hatte heute einen langen Vorlesungstag und das Mittagessen hatte ich bereits verpasst. Manche Tage waren einfach viel zu vollgepackt. Vor allem, wenn Bodyguard-Hexen obendrauf kamen.
„Das ist eine super Idee!“, stimmte Tian mir zu. „Ich freu mich. Ich hab voll viele Fragen, wenn es okay ist. Das ist so aufregend.“
Ich sah zu Nate und er nickte nur. „Gut, dann schreib ich den anderen beiden und kläre ab, ob das von ihrer Seite aus passt, und koche uns was Schönes. Aber nicht jetzt sofort. Wir sind schon wieder spät dran für die nächste Vorlesung.“
„Ich auch! Aber eine Sache noch, Jay.“ Er zog mich ein Stück näher zu sich. „Ich hab einen neuen Laden entdeckt, in dem sie Macarons verkaufen. Den wollte ich dir heute zeigen, aber wir haben ja was vor. Soll ich dir den morgen zeigen?“
Mein Magen kribbelte. Er war so verdammt süß! Ich nickte nur begeistert.
„Gut, ich muss dann weiter. Wir sehen uns später.“ Er gab mir einen kurzen Kuss, winkte Nate nochmal zu und schon war er wieder unterwegs.
„Das ist also dein Freund?“
„Ja, ist er nicht süß?“
„Ganz toll.“
Ich wandte mich Nate zu und musterte ihn einen Augenblick. Seine Miene war undurchdringlich, doch zu meinem Missfallen konnte ich den Stich einer Lüge deutlich im Inneren spüren.
Christian
Scheiße noch eins, warum immer Nate?
Ich war selbst schuld, denn ich hatte Jona ja ‚ausgeholfen‘. Dennoch. Wieso schickten die immer gleich die schweren Geschütze?
Eigentlich sollte es mich nicht wundern, denn ich war das schwere Geschütz unseres Zirkels und mich beauftragten sie ebenfalls für jeden Scheiß – sei es, um ein Einhorn zu brechen, oder Jamie und ihre Erziehertante wieder einzusammeln. Einmal hatten sie mich losgeschickt, um eine Packung Bananenmilch zu kaufen, die sie dann einem anderen Zirkelmitglied an den Kopf geworfen hatten. Das war schräg gewesen.
Ich hatte schon alles erlebt. Viele Aufträge lagen hinter mir und bei den wichtigen kreuzte mein Weg immer wieder den von „Mr. Muskelpaket, ich bin riesig und eine Zwölf“ Nathanael Johnson.
Fucking Nate. Mit seinen absurd geraden Zähnen, die ich ihm jedes Mal so gern ausschlagen würde, wenn er sein Lächeln aufsetzte, das irgendwann den Weltfrieden bringen würde. Ja, das war die reine Wahrheit. Aber ein Bastard war er dennoch.
Wenn er einen Fehler hatte, dann dass er richtig schön verkorkst worden war von seinem Zirkelmeister. Da hatten wir ja über ein paar Ecken was gemeinsam. In mehrerlei Hinsicht. Pierre Roux hatte Nate wundervoll verzogen. Ich hingegen hatte wohl meine Psychopathen-Gene von ihm. Er war so bedacht darauf, auch ja nicht mit Schwarzer Magie in Berührung zu kommen, dass er seine eigene Tochter verstoßen hatte. Meine Mutter.
Sie hatte zwar immer behauptet, sie sei abgehauen, doch sie war eine notorische Lügnerin gewesen und Pierre war ein verdammter Arschkopf. Ich kannte die Wahrheit, auch ohne, dass sie mir diese sagte.
Ich hatte ihn in meinem Leben vielleicht drei oder viermal gesehen. Nur zweimal war es kein Zufall gewesen. Ich erinnerte mich noch heute daran, wie sie mit mir nach Frankreich gefahren war, um mich ihrem Vater zu zeigen. Schon mit zwei Jahren hatte ich angefangen, Magie zu wirken und sie war sich sicher gewesen, dass ich ein Genie sei. Das wollte sie ihrem grenzdebilen Papa unter die Nase reiben. Naiv. Wäre ich eine weiße Hexe, hätte er mich bestimmt eingesackt und sie wieder weggeschickt.
Sie war zwar nie gern eine Mutter gewesen, doch kampflos hätte sie mich auch nicht aufgegeben. Umso schräger, dass sie mich dahin gebracht hatte. Aber was sollte ich sagen? Sie war schwer zu begreifen gewesen. Die meiste Zeit hatte sie sich wie eine große Schwester verhalten und falls sie Bock gehabt hatte, dann hatte sie auf mich aufgepasst und wenn nicht, hatte ich allein zurechtkommen müssen.
Als sie mich ihrem Dad vorführte, war ich fünf und hatte angefangen, Dinge zu vergrößern und zu verkleinern. Außerdem hatte ich meine ersten kleinen Wirbelstürme beschworen und gezündelt, wie es sich gehörte, wenn man das Kind meiner chaotischen Mutter war. Kein Vorhang war vor mir sicher gewesen.
Pierre hatte gesehen, was ich war. Schwarz. Nichts, was ihn beeindruckte – egal wie jung und talentiert. Mehr noch, er war ausgerastet und hatte mich eine Missgeburt, die es nicht geben sollte, genannt. Ich fragte mich heute, was er damit wohl gemeint hat. Meine Mutter hatte daraufhin nur gekichert.
Sie kicherte auch, als wir den Zirkel verließen, bevor meinem lieben Opi noch die Herzkranzader oder wahlweise die auf seiner Stirn platzte und er vor Wut das Zeitliche segnete.
Die anderen Male hatte ich ihn nur zufällig getroffen und jedes Mal hatte er mich strafend angesehen und nur „Christian“ gezischt.
Wenigstens hatte er sich meinen Namen gemerkt.
Doch zurück zu seinem Wahlenkel Nate.
Nate war die Art Mensch, die so gut war, dass sie nicht echt sein konnte. Er zeigte sein wahres Gesicht immer dann, wenn er auf mich traf. Ich wusste genau, welche Knöpfe ich drücken musste, um das Biest aus ihm herauszuholen. Ich konnte nicht mal an zwei Händen abzählen, wie oft ich mich in der Schule mit ihm geprügelt hatte.
