Hexenjagd: Beyond Shadows - Creativity Square - E-Book

Hexenjagd: Beyond Shadows E-Book

Creativity Square

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie weit würdest du gehen, um die zu beschützen, die du liebst? Diese Frage stellt sich auch der Medizinstudent Jay. Seit seiner Kindheit stellen unerklärliche Kräfte seine Welt auf den Kopf, aber mit seinem Bruder Mikael hat er das Beste daraus gemacht. Seine Ziele sind ein guter Abschluss und ein halbwegs normales Leben. Das änderte sich als die Hexe Jamie in sein Leben trat und er wider Erwarten ein festes Band mit ihr knüpfte. Durch sie erfährt Jay endlich, dass er sogar unter besonderen Menschen eine Kuriosität ist. Das birgt nicht nur Gutes für ihn. Mächtige Hexen versuchen, ihn in ihre Klauen zu bekommen, um ihn für ihre unheiligen Zwecke zu missbrauchen. Das verheißt nicht nur für ihn immense Gefahr, sondern auch für seine Familie und seine erste große Liebe Tian. Jay muss sich entscheiden - Fliehen oder Kämpfen? Und was, wenn Verrat gerade bei einem der Menschen lauert, für die er bereit ist, alles zu opfern? Der zweite Band der Hexenjagd-Serie! Ein Muss für jeden, der Magie, Slowburn und Found Family liebt! Hexenjagd ist eine humorvolle Geschichte, die sehr viel Wert auf die Entwicklung ihrer Charaktere legt. Außerdem ist sie queer und hat einen neurodiversen Hauptcharakter - Eine etwas andere Romantasy. Lass dich entführen in ein magisches London!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Creativity Square

Erin D. Tempel & Ria Reese

Hexenjagd Band II - Beyond Shadows

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Februar 2024

©Creativity Square GbR / Erin D. Tempel & Ria Reese

Umschlaggestaltung: Erin D. Tempel

Satz: Ria Reese

Korrektorat: Merle Föhr

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Impressum

Creativity Square GbR

Erin D. Tempel & Ria Reese

Stuttgarter Straße 106

70736 Fellbach

Independently Published

E-Mail: [email protected]

Web: creativitysquarenovels.com

Für all die, die den ersten Schritt wagen.

Content Note

Bitte beachten!

Hallo, du hübscher Mensch! :)

In diesem Buch kommen einige Themen auf, die für den ein oder anderen unangenehm oder sogar triggernd sein könnten. Wenn es dir so ergehen könnte, dann ist das kein Makel. Uns ist nur wichtig, dass du auf dich aufpasst. Deswegen bieten wir gern einen Überblick über potenziell triggernde Themen, die in diesem Buch behandelt oder erwähnt werden:

> Kindesmisshandlung & Waisen (Vergangenheit)

> Manipulative Charaktere

> Emotionale und physische Gewalt

> Druck durch höhere Machtstrukturen

> Milde Horrorelemente

> Bedrohung und Erpressung

> Verlust eines Familienmitgliedes (Vergangenheit)

> Mobbing

Sollte eines dieser Themen triggernd für dich sein, dann solltest du das Buch mit Vorsicht lesen. Es ist wichtig, seine Grenzen zu kennen und auf sich aufzupassen.

Zudem beinhaltet das Buch folgende Thematiken:

> Queere Charaktere & Beziehungen

> Neurodiverse Hauptcharaktere

> Anxiety

> Hexenkunst und Auszüge aus deren Praktiken

Sollten diese Themen bei dir auf Missfallen stoßen, dann ist das Buch leider nichts für dich.

Einen weiteren Hinweis wollen wir darauf geben, dass die Story character driven ist. Das bedeutet, dass der Plot etwas langsamer vorangeht und die Charaktere und ihre Innenwelt im Mittelpunkt stehen.

Nachdem wir das alles hinter uns haben, fehlt nur noch, dir viel Spaß zu wünschen. Vielen Dank für’s Lesen! Lass uns gern wissen, wie es dir gefallen hat! Kontaktinfo und Social Media findest du am Ende des Buches. Über eine Rezension würden wir uns sehr freuen.

Bleib gesund und ganz viel Liebe,

Erin und Ria

Jamie

Ich saß auf einer Wiese in der Nähe des Khin Rivers. Das sanfte Rauschen der Wellen und der Geruch nach Wasser schafften es immer, mich in friedliches Staunen zu versetzen.

Es gab keinen bezaubernderen Ort, an dem man die Zeit herumkriegen konnte. Die Promenade war stets gut besucht. Café-Stände luden dazu ein, sich mit einem Coffee-to-go auf den Rasen zu setzen, der sich auf beiden Seiten an den Fluss schmiegte und dann in einen schmalen Strand überging. Dort konnte man spazieren und auf das glitzernde Wasser schauen.

Ganz Theban liebte den Khin River.

Ich hatte nie erlebt, dass jemand hier Stress angezettelt hätte. Die meisten, die sich auf den Rasenflächen rumtrieben, hatten einfach nur Lust, in der ganzjährigen Sonne zu liegen, mit Freunden zu entspannen oder sich durch das Streetfood zu futtern. Der perfekte Ort zum Lesen. Dadurch, dass ich den Schlafsaal mit anderen Mädchen teilte – inzwischen war ich eine der Ältesten – hatte ich zuhause nie die Ruhe dazu.

Die Kleinen waren oft laut und rannten umher. Auch wenn ich an und für sich nichts gegen sie hatte, manchmal brauchte ich wohlige Stille. Das war der Grund, warum ich einen Großteil meiner Freizeit in der Saffargh oder am Khin verbrachte.

Auf meinen Knien ruhte ein dicker Wälzer über die Geschichte und Entstehung Thebans. Einen Teil davon wusste ich bereits. Die Stadt der Hexen war versteckt und man konnte sie alleinig durch Portale erreichen. Die Dimension, die sie beherbergte, war verbunden mit der Erde. Soweit ich das verstand, war sie die Ursprungsdimension, der eigentliche Ort, wo Menschen lebten. Doch nachdem Hexen in Ungnade gefallen waren, brauchten sie einen sicheren Platz zum Leben. Um der Jagd zu entgehen, schufen sie Theban.

Ein Jahr in Theban war so lang wie eins auf der Erde. Die Tage waren ebenfalls gleich. Sonne und Mond gingen zu denselben Zeiten auf und unter, wie an dem Ort, wo Theban erschaffen wurde. Soweit ich wusste, war das auf dem Nullmeridian, aber was das bedeutete, hatte ich noch nicht herausgefunden. Es gab nicht allzu viele Bücher über die Erde. Doch das, was ich gelernt hatte, war, dass alles, was mir so real vorkam, nur zum Schein existierte. Es spiegelte die ursprüngliche Welt.

Unsere Sonne war nicht echt. Unser Mond auch nicht. Das Wetter war das, was der Rat für richtig hielt. Im Normalfall Sonnenschein und leichter Regen an ein oder zwei Wochentagen, damit die Felder Früchte tragen konnten. Auch der Wind war ein Fake. Es war alles nur eine Kopie von dieser … Erde.

Ich fragte mich, ob ich Theban irgendwann verlassen und mir diese Erde ansehen würde. Würde ich einen Unterschied bemerken?

Theban war schließlich massiv. In der Hauptstadt, durch die sich der Khin schlängelte, lebten fünfzehn Millionen mehr oder weniger magiebegabte Menschen. Hexen verschiedenen Alters, Geschlechts, Ethnizität und Kultur.

Mein Blick wanderte zu einem der Wolkenkratzer auf der anderen Seite des Khins. Ob es auf der Erde ebenso hohe Häuser gab? Ich vermutete es. Gehört hatte ich davon.

Ich hatte ebenfalls aufgeschnappt, dass die Erde dreckig sei. Verglichen mit Theban war die Luft verschmutzt und das Wasser erst recht. Hexen jedoch waren griesgrämig. Ich würde das erst glauben, wenn ich es selbst gesehen hatte.

In den Dörfern um Theban Stadt herum lebten noch mal vierzig Millionen Menschen. Ich fragte mich, ob es ein Ende unserer Dimension gab und wie es wohl aussah. Doch ich wusste auch, dass ich da nicht in näherer Zukunft hinkommen würde. Genauso wenig, wie auf diese ominöse Erde. Mein Zirkel würde mich nirgendwo hingehen lassen.

Ich blätterte in dem Buch und fühlte plötzlich einen Blick auf mir. Schnell sah ich mich in der Umgebung um und konnte eine vertraute Gestalt entdecken. Eilig sprang ich auf und lief zu ihr hinüber.

„Norma?“, rief ich. Schnurstracks kam sie auf mich zu. Ich ging ihr mit einem Lächeln entgegen, doch sie erwiderte es nicht wie sonst. Stattdessen beschleunigte sie ihre Schritte. Sobald sie bei mir war, nahm sie meine Hand und zog mich mit sich. Verdutzt musterte ich ihr Gesicht. Ihre Lippen waren aufeinandergepresst. Ihre Augen huschten umher.

„Norma?“, fragte ich erneut und stolperte ihr hinterher. Doch sie antwortete mir nicht, bis wir in die Schatten der Hochhäuser abtauchten. Sie warf einen Blick über die Schulter, ehe wir in einer Gasse verschwanden.

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Ich war es gewohnt, dass ein Lächeln ihre grünen Augen zum Strahlen brachte und die Sommersprossen auf ihrer Nase tanzten, wenn sie sie beim Lachen kräuselte. So wie jetzt kannte ich sie nicht.

Endlich ließ sie meine Hand los. Dann wandte sie sich mir zu und legte ihre auf meine Schultern. Ihr Blick wanderte einen Moment über mich. Sie seufzte angestrengt.

„Ich könnte sagen, wir machen einen Ausflug, doch das glaubst du mir eh nicht“, sagte sie schließlich. Mein Herz fing an schneller zu schlagen. Irgendwas stimmte absolut nicht. Wenn sie mit mir durchbrennen wollte, dann war etwas passiert. Ich drückte das Buch an meine Brust und sah zu ihr auf.

„Okay. Wo gehen wir hin?“

Sie lächelte. Dann gab sie mir einen Kuss auf den Haaransatz. „Ich weiß es noch nicht. Aber wir müssen untertauchen.“

Ich war ihr ohne Diskussion gefolgt, während wir uns den Weg durch die Stadt gebahnt hatten. Unterwegs hatten wir Sachen eingekauft, dann war sie mit mir zum Bahnhof gegangen. Ich stellte sie nicht infrage, auch nicht, als sie hinter die Absperrung ging und sich ihren Weg in einen nicht öffentlichen Teil des Bahnhofes suchte. Dort gab es nichts als Schienen. Die Bahngleise hatten wir hinter uns gelassen.

Lange Güterzüge warteten hier darauf, dass sie weiterfahren konnten. Einen Moment blieb ich stehen. Ich hatte sowas noch nie gesehen und war fasziniert, wie viele Güterwagen an einer einzigen Lok hingen.

„Komm, Jamie“, wies Norma mich an und zog mich sanft weiter. Sie hielt auf einen der Güterzüge zu und eine Weile liefen wir an den Waggons entlang. Sie legte die Hand auf das raue Metall, bis sie an einem stehenblieb.

„Den kriegen wir auf“, sagte sie. Dann wirkte sie einen Zauber. Das Klicken der Metallstifte verriet, dass sie sich zurückzogen und im nächsten Moment hing Norma an der schweren Tür des Waggons und zog diese mit aller Kraft auf.

Ich fackelte nicht lange und legte die Einkäufe in den Güterzug. Dann trat ich zurück und nahm Anlauf, um in den Wagen zu springen. So wie auf einen Kasten im Sportunterricht. Doch wie auch da, bekam ich im letzten Moment Angst und verkackte. Ich fing mich ab, bevor ich volle Kanne in den Waggon rannte.

Norma kletterte umständlich rein und lachte. „Komm, ich zieh dich hoch“, sagte sie.

Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte es ein weiteres Mal versuchen. Also nahm ich nochmal Anlauf. Na los, Jamie. Die Hände flach aufsetzen, dann hochdrücken. Es klappte. Ich ließ mich nach vorn kippen und gelangte so, zwar unelegant, aber aus eigener Kraft, in den Waggon.

Zur Hölle, ich war so bereit, mich mit Norma zu verdünnisieren. Wenn ich ehrlich war, dann war es aufregend. Mich verband nicht viel mit meinem Zirkel. Die meisten dort waren unausstehlich zu mir. Je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es, denn so langsam merkten sie, dass ich kein Talent hatte.

Das war für alle ein Problem. Alle außer Norma. Sie war der einzige Mensch, zu dem ich mich verbunden fühlte. Natürlich würde ich überall mit ihr hingehen. Ihr war es egal, dass ich keinen Hang zur schwarzen Magie hatte.

Ich zog die Tür zu. Zunächst hing ich an dieser wie ein Schluck Wasser, doch wenn man sie erst mal in Bewegung gebracht hatte, dann flutschte es. Heeey! Ich sah mich um. Es roch ein wenig muffig, aber immerhin war es sauber.

Norma entspannte sich, als der Zug losfuhr, und ließ sich an der Rückwand des Zugwaggons nieder. Wir reisten zusammen mit Kisten. Ich war zwar neugierig, was sich in diesen befand, doch ich setzte mich zunächst zu Norma. Ich zog die Beine an und legte das Buch auf meinem Schoß ab. Es war keine Zeit gewesen, es zur Saffargh zurückzubringen. Also hatte ich es bei mir. Sorgsam strich ich über den Einband. Der Titel war in goldenen Lettern eingeprägt. Es lenkte mich für ein paar Sekunden ab, aber ich wusste, dass es Zeit war, nachzuhaken. Ich sah Norma an und zog eine Augenbraue hoch. Das reichte für sie, um meine stumme Frage zu verstehen.

„Okay, okay.“ Sie legte den Arm um meine Schultern und schaute auf die Kisten, als würden da die Worte erscheinen, nach denen sie suchte. „Jamie … Sie denken, du seist fünfzehn. Weißt du, was das heißt?“

Ich nickte. „Ich bekomme meine Edelsteinrune?“

Sie summte zustimmend. Ihr Griff wurde fester. „Ja. Diese Rune ist sehr kraftvoll. Deswegen bekommt man sie auch erst mit fünfzehn. Doch was ist, wenn du jünger bist? Ich bin mir wirklich nicht sicher. Als ich mit deiner Erziehung beauftragt wurde, konnte mir keiner sagen, wie lange genau du schon im Zirkel bist. Sie haben es geschätzt. Vielleicht bist du gar nicht klein und dünn. Vielleicht bist du einfach jünger, als sie sagen. Der Punkt ist: Diese Rune kann dich umbringen, wenn du noch nicht so weit bist und das lass ich nicht zu. Eher brenn ich mit dir durch. Wenn es sein muss, nehmen wir ein Portal nach draußen.“

„Draußen?“

„Die Erde.“

Ich schluckte. Die Erde also. Für mich klang das nach einem besseren Leben, ohne den Druck des Zirkels. Weit weg von den Konflikten der Hauptstadt, wo die fünf großen Zirkel regelmäßig versuchten, die Vorherrschaft zu erringen. Wo man nicht wusste, wer der Nächste sein würde, der sauer auf einen wurde, weil man genau meinem schwarzen Zirkel angehörte.

„Ich hoffe, wir schaffen es. Unsere Zirkeltattoos verraten unseren Standort. Doch wenn sie noch nicht gemerkt haben, dass wir die Kurve kratzen, dann suchen sie uns vielleicht erst, wenn es zu spät ist. Sobald wir draußen sind, kann ich unbemerkt ein paar Schutzmauern aufbauen, damit sie uns nicht mehr orten können.“ Sie atmete durch. „Wir fahren nach Saldadesh. Eines der Dörfer ganz weit draußen. Morgen früh versuchen wir, da jemanden zu finden, der Portalkreide aktivieren kann. Dann verlassen wir Theban und sehen weiter.“

Das klang nach einem Plan. „Wieso fahren wir so weit nach draußen dafür?“, fragte ich.

Normas Miene wurde nachdenklich. „Ich will nicht, dass der Zirkel aufmerksam wird. Wenn ich Portalkreide in Theban kaufe, erfahren sie es. Außerdem werden sie uns nie bis nach Saldadesh folgen. So wichtig sind wir nicht.“

Das vermutete ich auch. Sicherlich hatten die Zirkelmeister etwas anderes zu tun, als uns wieder einzusammeln, nur damit ich die Edelsteinrune bekam. Ich vertraute Norma. Also lehnte ich mich an ihre Schulter und machte die Augen ein bisschen zu.

Ein metallisches Geräusch riss mich aus meinem Schlaf. Es dauerte einen Augenblick, bis ich verstand, dass die Tür des Waggons geöffnet worden war. Blinzelnd sah ich auf. Die Morgensonne warf sanftes Licht in den Güterwagen, welches von einer Silhouette unterbrochen wurde. Ich murrte leise und versteckte mich an Normas Schulter. Sie schien ebenfalls aufzuwachen.

Sie schreckte so plötzlich hoch, dass auch ich mit einem Schlag komplett aufwachte. Ich erinnerte mich wieder, wo ich war und was wir vorhatten. Dass uns jemand erwischt hatte, war sicher ein schlechtes Zeichen.

Norma war aufgesprungen und stellte sich vor mich. Ihr schwerer Atem verriet mir, dass es eine Katastrophe war, dass wer auch immer das war, den Waggon aufgezogen hatte. Ich stand auf.

„Guten Morgen.“ In der Stimme schwang ein Lächeln mit. Amüsement geradezu.

Ich lugte hinter Norma hervor und da sich meine Augen langsam an das Gegenlicht gewöhnten, konnte ich nun erkennen, wer uns da einen guten Morgen wünschte.

Der Morgen war absolut nicht gut. Es war der Rubin.

Vor ihm hatte unser Zirkel seit Ewigkeiten keinen echten Edelstein mehr gehabt. Ich wunderte mich fast, dass sie uns gerade ihn hinterherschickten. Er war wichtig für den Coven. Wenn man es so nennen wollte, war er der Prinz unseres Zirkels. Er war ein Überflieger. Warum schickten sie uns den Rubin hinterher und nicht irgendeinen Laufburschen? Norma schien nicht überrascht zu sein. Sie wich einen Schritt zurück und schob mich weiter hinter sich.

„Sie ist nicht, was die denken. Das wissen sie auch. Lass uns einfach gehen.“ Ihre Stimme klang fest. „Sie hatten von Anfang an das falsche Kind.“

Was meinte sie damit? Das falsche Kind?

Er lachte nur leise. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ist mir egal. Ich habe einen Auftrag.“

Sein Lächeln war unheimlich. Es erreichte seine roten Augen nicht. Diese waren wie tot. Ich bekam eine Gänsehaut und drückte mich enger an Norma.

„Bitte.“

Erneut lachte er. „Du weißt, was man über mich erzählt? Wer seine eigene Mutter killt, der hat auch kein Problem damit, eine pummelige Möchtegern-Mommy und ihren debilen Fake-Nachwuchs wieder einzusammeln. Wenn es sein muss, dann räume ich dich aus dem Weg, aber es ist Montag und ich habe zu einer so unchristlichen Zeit keine Lust auf Blutvergießen, also …“ Er verdrehte die Augen. Dann lehnte er sich in unsere Richtung. Mit einem Lächeln legte er den Kopf schief. „Wollt ihr nicht einfach mitkommen?“

Mit einem Mal hielt ich das für eine gute Idee. Der junge Mann war beim zweiten Hinsehen gar nicht so gruselig. Er war eigentlich voll nett. Auch Norma schien das zu erkennen. Sie entspannte sich und nahm meine Hand.

„Ja, du hast recht“, sagte sie. Eine sanfte Röte zauberte sich auf ihre Wangen. Sie legte den Arm um mich. Ich kuschelte mich an sie.

„Sehr gut. Geht doch. Wenn ihr mir folgen wollt, Ladys?“

Klar wollte ich das. Ich war ganz verlegen, weil er uns irgendwo mit hinnehmen wollte. Das war super. So viel Glück hatte bestimmt nicht jeder!

Er sprang aus dem Waggon und Norma folgte ihm. Ich versuchte, hinterher zu klettern, doch er hob mich einfach raus und griff nach meiner Hand. Wärme kroch in meine Wangen. Ich nahm die zweite dazu und hielt mich an seiner fest.

„Hier lang“, sagte er fröhlich. Unweit von uns sah ich ein geöffnetes Portal. Kein Wunder, dass er uns eingeholt hatte. Er war ja so schlau! Der Rubin war wirklich toll. Ich grinste Norma zu und sie tätschelte meinen Kopf. Wir schritten durch das Portal und waren wieder in der Mansion, die unseren Coven beherbergte.

„Du kommst mit mir“, wies der Rubin mich an und ich nickte begeistert. „Du bleibst hier.“

Wir waren in der Eingangshalle gelandet. Das Portal schloss sich hinter uns. Wie fast immer hielten zwei Mitglieder des Zirkels an der riesigen Eingangstür Wache. Diese stellten sich links und rechts neben Norma. Die aufgehende Sonne schien durch die Buntglasfenster. Das ließ den sonst so tristen grauen Marmorboden um Längen freundlicher wirken. Normalerweise hatte ich nicht viel übrig für die pompöse Einrichtung der Mansion, doch im richtigen Licht konnte alles gemütlich aussehen.

Plötzlich fing Norma an zu weinen.„Nein!“, rief sie. „Jamie! Jamie, komm wieder her zu mir!“

Ich neigte nur den Kopf. Warum war sie urplötzlich traurig? Ich wollte den Rubin loslassen, um zurück zu ihr zu gehen, doch er hielt mich fest. Nochmals versuchte ich, mich loszumachen.

„Es ist alles in Ordnung“, beschwor er mich, „du kommst mit mir.“

„Aber Norma …“

„Norma ist nicht wichtig.“

Ja … Norma war nicht wichtig. Er war wichtig. Ich sollte mit ihm mitgehen. Am Rande nahm ich wahr, dass Norma kämpfte. Dass sie nach mir rief und versuchte, zu mir zu kommen. Aber das war nicht wichtig.

Der Rubin sah über die Schulter. „Haltet sie in Schach, ich kümmere mich gleich um sie.“ Damit gingen wir in den nächsten Raum. Ich erinnerte mich an das Zimmer. In der Ecke stand dieses furchtbare Tattoogerät. Grelle Lampen deuteten in die Ecke, weil das schmale Fenster zu wenig natürliches Licht hereinließ, um hier vernünftig arbeiten zu können. Der Rest es Raumes war karg und bis auf eine Kommode leer. Dort bewahrte Karen Desinfektionsmittel und Tücher auf. Ich wurde unruhig.

„Nicht doch“, schnurrte mein Begleiter, „du wirst hier auf Karen warten. Keine Sorge, die Edelsteinrune ist toll. Sieh mich an. Ich habe umwerfende rubinrote Augen. Vielleicht werden deine ja blau wie ein Saphir oder smaragdgrün? Vielleicht Topas? Wenn man Topasaugen bekommt, ist das immer eine spektakuläre Mischung.“

Ich starrte ihn an. Ja. Vielleicht passierte das ja. Er löste meine Hand von seiner und deutete auf den Hocker bei der Maschine. Ich setzte mich. Die Tür ging auf und Karen kam rein.

„Da habt ihr sie“, sagte der Rubin und klang dabei wieder unfreundlich. Ich blinzelte stark. Mein Herz fing an zu rasen. Was war passiert? Wieso war ich ihm wie ein Lamm gefolgt? Panik erfasste mich. Ich sprang auf. Wo war Norma?!

„Kannst du sie auch noch ruhigstellen, bis ich fertig bin?“, fragte Karen abfällig. Die Antwort des Rubins war nur ein Lachen, welches ebenso herablassend klang.

„Sehe ich aus, als hätte ich dazu Zeit?“

„Hey!“ Ich sah ihn an und er erwiderte meinen Blick nur milde interessiert.

„Was hast du mit mir gemacht? Was war das?“ Wieder zuckte er mit den Schultern.

„Viel Glück mit der Rune, Kleine.“

Dann verließ er den Raum. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Diese Rune wollte ich auf keinen Fall haben. Ich war nicht stark genug dafür. Einem Impuls folgend rannte ich zur Tür, durch die der Rubin gerade verschwunden war.

Doch als ich sie aufreißen wollte, musste ich feststellen, dass sie verschlossen war.

Ich drehte mich um und presste mich mit dem Rücken an die Tür. Ich konnte gar nicht so schnell verarbeiten, was passiert war. Ich war erschüttert. Einfach mitgelaufen wie ein verblödeter Lemming. Ich hatte Norma zurückgelassen. Wieder versuchte ich, die Tür zu öffnen. Dann schlug ich gegen das kalte Holz und rief nach ihr.

Karen ließ mich. Sie war anteilnahmslos wie immer. Tränen verschleierten meinen Blick. Ich hasste den Rubin dafür, dass er uns so skrupellos verhext hatte. Noch mehr aber hasste ich mich, weil es ein Kinderspiel für ihn gewesen war. Ich rutschte mit dem Rücken an der Tür hinunter und vergrub mein Gesicht an den Knien.

„Komm jetzt her. Bringen wir es hinter uns.“

Ich hatte sie fast vergessen. Meine Gedankenspirale drehte sich um den Rubin und um Norma. Ich spürte, dass ich sie verloren hatte. Es zerriss mein Herz. Da war kein Platz für Karen. Doch ihre Worte holten mich zurück und entfachten eine neue Art der Panik. Zitternd atmete ich aus.

„Karen, bitte. Ich will nicht sterben!“

Die Frau seufzte. Ihre erschöpften Augen wirkten mit einem Mal noch müder und ihre Falten schienen sich zu vertiefen.

„Wir haben alle keine Wahl, Kind. Du bist fünfzehn, also bekommst du deine Rune. Es ist, wie es ist. Du wirst schon nicht sterben.“

Aber war ich denn wirklich so alt? Ich schüttelte den Kopf.

„Ich bin zu klein!“, sagte ich mit erstickter Stimme.

„Bei der Rune kommt es nicht auf das Alter deines Körpers an“, murmelte Karen, „es geht um den Geist. Du bist okay. Setz dich. Bringen wir es hinter uns.“

Sie hatte wieder Oswald rufen müssen, damit der mich festhielt. Doch ein paar Stunden später hatte ich diese verdammte Rune auf der Innenseite meines linken Oberarms und keine Ahnung, wo Norma war.

Die nächsten Tage verbrachte ich in einem schwindeligen Rausch, denn die Rune war eine große körperliche Belastung. Doch Karen hatte recht.

Statt Wochen, wie bei der Zirkelrune, dauerte es dieses Mal nur Tage, bis ich wieder halbwegs funktionierte. Erneut überlebte ich. Aber Norma war nicht da und egal, wen ich fragte, niemand sagte mir, wo sie war.

Es dauerte neun Tage, erst dann konnte ich mich aufraffen, nachzusehen, welchen Edelstein ich erwischt hatte. Den Blick in den Spiegel hatte ich vermieden.

Dass ich kein echter Edelstein war, war mir bereits klar. Wenn ich einer der großen Fünf gewesen wäre, hätte es sicher Aufruhr gegeben. Ich musste etwas erwartet Niedriges sein. Ich schleppte mich auf die Toilette und als ich dieses Mal die Hände wusch, nahm ich mich zusammen. Ich hob den Blick.

Violette Augen. Ich war also ein … Amethyst? Ich würde das erst nachschlagen müssen. Doch ich vermutete, dass ich damit richtig lag. Ich seufzte. Nicht nur war die Farbe superauffällig, der Amethyst galt in unserem Zirkel auch als nutzlos. Das stimmte.

Ich konnte Menschen beruhigen? Mich konzentrieren? Yeay. Resigniert ließ ich meine Stirn auf dem Waschbeckenrand ruhen.

Wenn wenigstens Norma hier wäre. Sie hatte mich beschützen wollen. Es war alles meine Schuld. Ich sank auf die Knie und hielt mich am Waschbecken fest, um nicht nach vorn zu kippen. Warum war ich nur so nutzlos? Das hatte sie nicht verdient. Ich vermisste sie schmerzlich. Ich versuchte, mir einzureden, dass es ihr gut ging, doch in meinem Inneren wusste ich, dass sie wahrscheinlich tot war.

Sie hatten sie bestraft.

Hätte ich vorher gewusst, wozu Rubine fähig waren, hätte ich seinen Pheromonen dann widerstehen und kämpfen können? Die Schuld lag schwer auf mir. Ich wollte gern stärker werden. Aber wie sollte ich das tun, wenn ich kaum Magie beherrschte?

Was war mit Norma geschehen? Die Frage quälte mich. Alles, was mir übrigblieb, war zu hoffen, dass sie sie nicht umgebracht hatten. Vielleicht war sie nur verbannt? Vielleicht war sie okay! Ich konnte wirklich nur beten. Das tat ich auch.

Ich betete noch Jahre später jeden Tag für Norma, doch eine Antwort auf meine Fragen bekam ich nie.

Christian

Erbärmlich. Dieses Einhorn war so erbärmlich.

Damit, dass er so leichte Beute sein würde, hatte ich trotz intensiver Vorbereitung nicht gerechnet. Aber was sollte ich sagen? Gut gekaut ist halb verdaut, Bruder. Wochenlang hatte ich auf der Lauer gelegen, um seinen Typ herauszukriegen, um zu erfassen, was ich kreieren musste, um maximal anziehend auf ihn zu wirken.

Dass es ausgerechnet süß und lieblich sein musste, nervte zwar immens, war aber immerhin eine leichte Aufgabe. Fast schon zu einfach.

Ganz helle schien er nicht.

Ich hatte Tian so kreiert, dass er gar keine andere Wahl hatte, als sich zu verlieben, weil ich ihm alles bot, was er sich immer gewünscht hatte.

Tian war perfekt. Ein Treffer ins Schwarze.

Ich hätte ihm theoretisch eine Ladung Rubin-Pheromone in die Fresse schleudern und Feierabend machen können, doch da wurde die Sache kompliziert.

Wer dich nicht aufrichtig liebt, den kannst du nicht brechen. Deswegen musste ich ihn dazu bringen, mich von Herzen zu lieben und mir bedingungslos zu vertrauen. Nur dann würde er so brechen, wie wir es brauchten.

So war es einmal nicht von Vorteil, ein Rubin zu sein. Im Gegenteil. Wenn ich eine Sache gut konnte, dann war das lügen. Wenn er eine Sache gut konnte, dann war es, Lügen zu erkennen.

Ich war mir zu 78 Prozent sicher, dass in ihm ein Smaragd schlummerte und, meine Fresse, wenn er eine Edelsteinrune hätte, würde ich einpacken können. Meine Schilde und Täuschungszauber wären komplett nutzlos. Glücklicherweise hatte er keine und er würde sie auch nicht erhalten. Dementsprechend konnte ich ihn anlügen, so viel ich wollte.

Es war interessant. Normalerweise bekam man seine Perks durch die Rune. Er war ein Einhorn und scheinbar versorgte er seinen inneren Edelstein mit genug Energie, damit dieser teilweise durchbrach. Das war, zugegebenermaßen, erstaunlich.

Das war der Grund, warum der Zwerg derart gescheitert war. Niemand hatte von ihr erwartet, dass sie weit kommen würde. Ich war vor ihr auf die Sache angesetzt worden. Wir brauchten das Einhorn schließlich. Dringend. Da konnte man das nicht in die Hände des kleinen Amethysten legen. So naiv. So niedlich.

Was ein Opfer.

Gegen Jays Schutzmechanismen kam man nicht ohne Weiteres an. Jede feindliche Intention ihm gegenüber sorgte dafür, dass seine Intuition durchdrehte und ihn wissen ließ, dass etwas nicht stimmte. Es brauchte höhere Magie, um das zu umgehen. Im Gegensatz zu Jennie, oder wie sie hieß, war ich ein Profi.

Ich schenkte Jay ein perfekt sitzendes Lächeln und legte die Hand auf die Klinke meiner Zimmertür. Sanft strich ich über seine Wange. Das Date an der Themse war gut gelaufen. Laternen würden jeden rumkriegen. Wir waren jetzt wohl Boyfriends. Uhh.

„Wir sehen uns dann später, Jay“, wisperte ich gespielt verlegen und senkte den Blick. Ich ging nicht davon aus, dass die nächsten Tage viel mehr als der Kuss passieren würde. Wir redeten hier von dem Einhorn und er war, na ja, ein kleiner Assi. Der würde sich voraussichtlich die nächsten drei Tage in seine Bücher stürzen. Zu viele Menschen heute.

Er war mir zuweilen ein Rätsel. Wie zur Hölle konnte sein Beuteschema klein, niedlich und hilflos sein, wenn er selbst Bottomenergy versprühte? Wusste er, was er in der Hinsicht sein wollte? Scheinbar nicht.

Nicht, dass ich Beziehungen führen würde. Der Stress mit dem Einhorn zeigte mir, wieso. Nett sein war anstrengend. Der Kerl raubte mir den letzten Nerv.

„Schlaf gut, Tian.“ Uuuuund da wurde er rot. War das nicht meine Aufgabe? Ich checkte es nicht.

„Du auch.“ Ich grinste gespielt verlegen. Vielleicht sendete ich ihm wieder einen Albtraum. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf seine Lippen. Immerhin war er hübsch. Das musste man ihm lassen. Er war ein objektiv gesehen schöner Mann. Er lächelte mir zu und strahlte dabei wie eine Uran-Ader. Ich schlüpfte in mein Zimmer.

Es wurde Zeit, mich auseinanderzufalten. Warum konnte er nicht auf den Typus ‚fieser, 186 cm großer Badboy‘ stehen? Dann müsste ich rein gar nichts ändern. Doch so bedurfte alles einer Korrektur: Kleidung, Haarlänge, Körpergröße. Ich streckte meinen Rücken durch und wuchs in das oversized Outfit hinein, welches mich ja so zuckersüß aussehen ließ. Den rosa Pullover zog ich mir gleich über den Kopf. Die Farbe war nicht zum Aushalten. Aber hey, schwarzes Haar und pinke Klamotten gingen gut zusammen, wenn man arglos erscheinen wollte.

Mein Blick glitt zum Rauchmelder. Mit einem einfachen Zauber schaltete ich ihn aus und schnappte mir eine Zigarette von meinem Tisch. Die offen rumliegen zu lassen war riskant, aber Jay war noch nie in mein Zimmer reingeplatzt und er würde es auch nicht tun.

Ich öffnete das Fenster und zündete die Kippe an, dann nahm ich einen tiefen Zug. Sollte ich in meine Wohnung fahren? Ich hatte keinen Bock auf den Weg. Es wurde langsam Zeit, mich dem Zwerg zu offenbaren. Zum einen wollte ich gern sehen, wie ihr ihre lila Äuglein aus dem Kopf fielen, wenn sie kapierte, dass sie bereits verloren gehabt hatte, als sie losgezogen war. Zum anderen wusste ich, dass sie Portalkreide aktivieren konnte. Ich hatte es gespürt, als sie in die Saffargh gejettet war.

Das hatte sie seit einer Weile nicht mehr gemacht und ich fragte mich, ob sie aufgegeben hatte, irgendwas in den alten verstaubten Büchern zu suchen, oder ob sie einen anderen Weg gefunden hatte.

Das spielte jetzt keine Rolle. Das, was zählte, war, dass sie zu etwas fähig war, dass mein Leben bequemer machen würde. Deshalb brauchte ich sie vorübergehend. Dieses Zimmer hier kotzte mich an, es war viel zu klein und schäbig.

Noch ein tiefer Zug und ich konnte die beruhigende Wirkung des Nikotins spüren. Dann klemmte ich mir die Kippe zwischen die Lippen und zog meinen Almanach aus der Tasche. Ich ließ den Daumen an den Seiten entlangwandern wie bei einem Daumenkino, und während ich das tat, wurde er immer größer. Das Zimmer durfte nicht nach Rauch riechen, falls Jay anklopfte. Er dachte schließlich, ich wäre sein kleiner, perfekter Tian. Qualmen war da nicht drin.

Ich schnippte die Zigarette aus dem Fenster und wirkte den Zauber, der die Luft wieder frisch machte und das Zimmer aufräumte. Zu ordentlich. Hier musste alles aussehen, als sei es von einem ganz normalen Studenten bewohnt.

Ich übertrieb es ein wenig, weil ich in Wahrheit viel ordentlicher war als Tian. Aber er brauchte ja irgendeinen harmlosen Fehler, nicht wahr? Mit einem unzufriedenen Geräusch schmiss ich ein paar Klamotten auf den Boden und betrachtete sie mit hochgezogener Braue. Hm. Ungeil.

Dann verteilte ich ein paar Schreibutensilien auf dem Tisch, als hätte ich da gearbeitet und öffnete eines der Bücher auf irgendeiner Seite. Ich legte es auf die Schrift, wodurch sich eine leichte Leserille im Rücken bildete. Ich verzog den Mund. Noch ungeiler. Wenn das die Saffargh sehen würde.

Ich hatte heute nichts mehr vor, also verließ ich das Wohnheim und fuhr mit dem Auto nach Hause. In meiner Stadtwohnung ein paar Blocks entfernt köchelten Tränke vor sich hin, die vor morgen nicht fertig sein würden. Nur ein paar Minuten später kam ich im Penthouse an.

Ich fischte in Sekundenschnelle die Kontaktlinsen raus und warf sie weg. Tageslinsen waren mir lieber. Blinzelnd gewöhnte ich meine Augen wieder an die Freiheit.

Dieser Auftrag war lästig.

Jennie war lästig, aber auch erheiternd. Der Glimmer, mit dem ich sie getäuscht hatte, war kinderleicht zu durchbrechen und doch hatte sie mich nicht erkannt.

Jay war irgendwie lästig. Viel zu gut für diese Welt. Nervtötend. Hätte er den Hauch einer Ahnung, wer ich war, wäre er sicher nicht mehr so nett zu mir.

Mikael war besonders lästig. Ich konnte spüren, dass er mich nicht ausstehen konnte. Seine Intuition war für einen Menschen überraschend ausgeprägt. Ich hatte, was ihn anging, zwei Möglichkeiten.

Mich bei ihm einschleimen oder Spaß mit ihm haben.

Mikael

Wir hatten ein Scheißproblem. Ich tigerte durch meinen Raum und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch das war gar nicht so einfach, wenn einem eröffnet wurde, dass der Loverboi des eigenen Bruders offensichtlich ein Psychopath war.

Ich hatte immer gewusst, dass mit Tian etwas nicht stimmte! Doch zu meinem Entsetzen war es schlimmer, als ich erwartet hatte.

Was sollte ich nur tun?

Auch nach gut vier Tagen hatte ich auf diese Frage keine Antwort.

Jamie hatte sich nicht weiter dazu geäußert, doch ihr Schweigen sagte mehr als tausend Worte. Wer auch immer dieser Tian war, sie fürchtete ihn. Ich hatte mir echt etwas Besseres als Jays erste Liebe vorgestellt.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und seufzte. Dabei fiel mein Blick auf das Regal, dass ich links neben dem Tisch aufgehängt hatte. Ich hatte darauf Kleinkram liegen – das meiste Erinnerungen an Reisen und schöne Zeiten, außerdem ein paar Bilder von meiner Familie.

Sacht strich ich mit dem Finger über den Rahmen eines Bildes, das Jay und mich bei einer Wasserschlacht zeigte. Wir waren dreizehn gewesen, da findet man es noch lustig, sich gegenseitig mit Wasserbomben zu bewerfen. (Also für mich galt das immer noch, aber glaubte man Jay, dann war ich nicht grade die Ausgeburt des Erwachsenendaseins. Glaubte man mir, dann war Jay ein Spielverderber. Es kann nicht jeder schon mit vierzehn erwachsen sein, Rapunzel.)

Ich musste wohl zu energisch über den Rahmen gestrichen haben, denn er kippte um. Ich seufzte genervt, doch dann stutzte ich. Hinter dem Bild kam etwas zum Vorschein, das ich fast vergessen hatte. Wann hatte ich es überhaupt aufgestellt? Ich konnte mich nicht erinnern. Mit einem kleinen Kopfschütteln griff ich über das Bild hinweg und nahm die Karte an mich, die sich dahinter versteckt hatte.

Es war eine Tarotkarte. Der Narr.

Ich hatte sie auf einem Festival erhalten. Damals, gleich nach der Schule, hatte ich mich mit nicht mehr als einem Rucksack auf in die Welt gemacht. Work & Travel. Irgendwann war ich wie jeder, der sich das gönnte, auch in Australien gelandet. Dort hatte es mich auf ein Festival der Mystik verschlagen.

Ich ließ mich auf mein Bett fallen und nahm die Karte genauer unter die Lupe. Sie zeigte einen Menschen, der an einem Abgrund stehend unbedarft einen Schritt nach vorn zu wagen schien.

Ich hatte die Karte selbst gezogen und die Dame hinter den Karten hatte mir versichert, dass der Narr nicht für Dummheit stand.

Er symbolisierte einen Neuanfang und stand für Unschuld und für Leichtigkeit. Im Tarot belegte er die Position „0“ und kennzeichnete damit den Beginn eines neuen Zyklus.

Ich hatte das alles für Unsinn gehalten. Schließlich war es ein Festival für Mystik und ich hatte fünf Dollar für den Mist bezahlt.

Doch dann bekam sie eine Vision, wusste meinen Namen und sagte mir, dass ich auf Jay aufpassen sollte und wir an einen Scheideweg kommen würden, der darüber entschied, ob wir überhaupt noch eine Zukunft hätten.

Sehr rosig.

Ich brummte unzufrieden und drehte die Karte. Sie sah nicht wirklich danach aus, als hätte ich sie schon fast vier Jahre in meinem Besitz. Sie wirkte nigelnagelneu. Jetzt, wo ich die Karte in der Hand hatte, sah ich das ernste Gesicht der Frau wieder vor mir, als wäre es gestern gewesen.

‚Er versteckt sich in deinem Schatten und du dich in seinem Licht. Das wird nicht für immer funktionieren. Er muss lernen, nach vorne zu treten und zu nutzen, was ihm gegeben ist. Für sich. Und für andere. Er wird deine Hilfe dafür brauchen. Ihr habt ein besonderes Band, das um ein Haar alle Probleme lösen könnte, würde dir nur nicht der eine Funke fehlen.‘

Welcher verdammte Funke? Ich hatte sie damals gefragt, doch darauf hatte auch sie keine Antwort gehabt. Sie meinte nur, ich würde wissen, wenn es so weit wäre. Sie hatte recht. Ich wusste es.

‚Aber du musst den finden, der dich ersetzt.‘

Ich raufte mir die Haare. Vielleicht sollte ich Jamie davon erzählen. Wenn jemand was damit anzufangen wusste, dann sie. Doch es war fraglich, ob sie mir etwas sagen konnte, ohne zusammenzuklappen wie ein überlasteter Wäscheständer. Sie war noch immer verflucht und ich hatte keine Ahnung, wie ich das beheben sollte.

Ich warf einen letzten Blick auf den Narren. Ich hatte seit Ewigkeiten nicht an das Ding gedacht. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass nicht ich es gewesen war, der ihn mit hierhergeschleppt hatte. Sich selbst bewegende Karten? Easy, mein Bruder ließ Sachen durch die Luft fliegen.

Sie hatte mir den Narren damals geschenkt – als Erinnerung daran, dass die Kunst des Überlebens manchmal darin besteht, die Balance zwischen Unbedarftheit und Verantwortung zu finden. Besten Dank auch.

Ich stand auf und schnippte ihn auf das Regal zurück. Dann stellte ich das Bild von Jay und mir wieder auf. Eigentlich sollte ich mich ans Lernen setzen, doch in dem Zustand konnte ich das vergessen. Die Vorstellung, ein bisschen feiern zu gehen, um für ein paar Momente zu verdrängen, was gerade schiefging, war verlockend.

Doch es klopfte.

„Ja?“

Die Tür ging auf und Jay betrat mein Zimmer. „Hey“, begrüßte ich ihn, „alles gut bei dir?“ Also außer, dass du einen Psycho-sehr-wahrscheinlich-Mutanten-BF hast?

„Ich bin mir nicht sicher.“ Er ließ sich auf mein Bett fallen und verzog das Gesicht. „Ich schlafe wieder furchtbar in den letzten Wochen und ich habe das Gefühl, dass es immer schlimmer wird.“

„Wieder diese Albträume, an die du dich nicht erinnerst?“

Er nickte leicht. Ich setzte mich zu ihm und tätschelte sein Knie. Was sollte ich nur mit ihm machen? War das Tians Schuld? Konnten Leute wie er, Jamie und Jay sowas bewirken? Was wollte der Kerl überhaupt von Jay?

Ich konnte mir denken, dass Jamie es wusste, aber ihr war es nicht möglich, es mir zu sagen. Der Kerl sah für mich anders aus als für Jamie und das war im Moment alles, was ich mit Sicherheit über ihn sagen konnte. Er hatte dafür gesorgt, dass Jamie ihn nicht erkennen würde.

Eigentlich hatte ich Jay gleich sagen wollen, dass sie verflucht war und dass sie zumindest dachte, keine Wahl zu haben. Doch als er heimgekommen war, hing er noch an seinem Fake-Lover, also hatte ich mich zurückgehalten. Später wurde mir klar, dass das fürs Erste auch besser so war. Ich musste mir überlegen, wie ich es am besten anstellte.

„Ja, genau diese.“ Jay seufzte und zog mich damit aus meinen Gedanken. „Erst heute hatte ich wieder einen davon. Immer wenn ich aufwache, fühle ich mich, als hätte ich nicht geschlafen.“

Ich seufzte ebenfalls. Das Ganze gefiel mir gar nicht. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass diese Albträume nicht normal waren. Jay hatte schon früher welche gehabt, aber nie in diesem Ausmaß.

„Vielleicht liegt es an Jamie …“

Ich blinzelte überrascht. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“

Jay presste die Lippen zusammen. Für ein paar Momente sagte er gar nichts. Doch dann zog er sich trotzig eines meiner Kissen an die Brust. „Ich vermisse sie. Ist das zu fassen? Sie verrät mich und ich hab nichts Besseres zu tun, als sie zu vermissen.“

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Gerne würde ich ihm sagen, dass Jamie von Krämpfen geschüttelt wurde, als würde eine unsichtbare Hand sie zerquetschen, sobald sie auch nur daran dachte, irgendwelche Infos rauszugeben. Aber ich hatte Angst, dass der Fluch sie bestrafte, selbst wenn ich das spärliche Wissen weitergeben würde, dass ich hatte.

„Sie vermisst dich auch.“

„Das ändert nichts daran, dass sie aufgegeben hat! Ich hab ihr angeboten, mit ihr zur Polizei zu gehen. Wir würden zu ihr stehen! Ist ihr das nicht klar? Und wenn wir sie erst einmal für eine Weile in Irland verstecken. Wir könnten auch alle ein Semester aussetzen. Dann hat die Polizei sicher genug Zeit, diese Vereinigung hochzunehmen.“

Seine Pläne waren so herrlich weltlich. Hätte ich nicht gesehen, was dieser Fluch mit ihr anstellte, dann wäre ich von den Ideen begeistert. Doch so war mir klar, dass Jamie tatsächlich nicht davonlaufen konnte. Ich hatte noch keine Lösung, aber ich würde nach einer suchen.

„Das ist leider nicht so einfach.“

„Ach, echt?“ Jay musterte mich streng. Dann stutzte er. „Hattest du nicht mit ihr sprechen wollen?“

Ich nickte nur. „Vertraust du mir, Jay?“

„Ja, schon.“ Er runzelte die Stirn.

„Dann nimm fürs Erste hin, dass ich dir unsere Unterhaltung nicht haargenau wiedergeben kann.“

Jamie hatte den Fluch ausgetrickst. Nur deswegen wusste ich überhaupt, was mit ihr los war. Doch ich war mir nicht sicher, ob der Fluch lernte und das nochmal durchgehen lassen würde. Mein lieber Schwan, ich hatte generell keinen Plan. Ich war nur ein Mensch. Wenn ich etwas reißen wollte, dann brauchte ich einen Twist an Jamies Versuch, oder?

„Wieso nicht?“, fragte Jay.

Ich brummte unzufrieden. Doch dann kam mir eine Idee, wie ich den Fluch umgehen konnte.

„Du solltest ‚Das wandelnde Schloss‘ schauen!“

„Warum? Weil ich zu lange nicht mehr für Hauro geschwärmt habe?“

„Ganz genau. Das wird dir guttun.“

„Ich hab jetzt aber einen Freund.“

Um Himmels willen! Was für ein Graus.

„Herzlichen Glückwunsch?“

„Solltest du dich nicht ernsthaft freuen, dass ich doch endlich jemanden gefunden habe?“ Eine Falte hatte sich zwischen seinen Brauen gebildet. Ich schluckte einen gemeinen Spruch gegen Tian runter und atmete tief durch. Ich wollte mich jetzt auf keinen Fall mit ihm darüber streiten. Also drückte ich nur seine Schulter und sah ihn bedeutsam an.

„Schau einfach ‚Das wandelnde Schloss‘, wenn ich es dir sage.“

Jay starrte mich an. Doch dann verdrehte er die Augen.

„Na schön. Warum auch immer.“

„Du wirst es verstehen.“

Jays Miene wurde wachsam. Ich nickte nur.

„Du wirst. Es. Verstehen.“

„Na. Schön.“

Ich grinste. Das war gar nicht so schlecht gelaufen. Jay musste nur diesen dummen Film schauen und wäre einen großen Schritt weiter, zu verstehen, was hier abging, ohne dass der Fluch Jamie spontan entzündete.

In Anbetracht der Situation war also alles gar nicht so übel.

Christian

Ih. Niedlichkeit.

Wie sollte ich vernünftig gemein zu ihm sein, wenn er mich mit seinen großen grünbraunen Augen so ansah? Manchmal war Jay herzallerliebst süß. Doof für ihn, dass ich keine Süßigkeiten mochte. Deswegen empfand ich ihn als nervtötend.

Er verwandelte sich dann und wann in einen Zweifel auf zwei Beinen. Mimimi. Was ist, wenn das Licht flackert? Was, wenn ein Buch umherfliegt? Buhuhuuu.

Was ein Trottel. Spoiler: Das war passiert, er hatte es nur nicht mitbekommen.

Vom Hörensagen wusste ich, dass der Zirkel vor Jahren auf seinen Fersen gewesen war, doch damals war etwas schiefgelaufen. Wer auch immer ihn weggeschafft hatte, ausgebildet hatte er Jay offensichtlich nicht.

Jay war ein Rätsel. Er war zeitgleich die kompetenteste und inkompetenteste Person, die ich je getroffen hatte. Jedoch machte seine Unsicherheit es kinderleicht, ihn zu manipulieren. Er war nahezu verzweifelt, wenn es darum ging, meine Gunst zu behalten.

Idiot.

Ich befeuchtete meine Lippen unwillkürlich, doch als ich bemerkte, wie sein Blick deswegen an ihnen hängen blieb, grinste ich verschmitzt. Er bekam mit, dass er gestarrt hatte, und suchte sich blitzschnell einen anderen Punkt, um den eingehend zu betrachten. Diese Unschuld. Er war Einhorn durch und durch, zumindest, wenn man den Geschichten glaubte.

„Jaaaay.“ Ich rutschte näher an ihn heran. „Was hast du gerade gedacht??“

Ich mimte den Unbedarften mit einem sanften Lächeln auf den Lippen und einem betont besorgten Blick. Tian war genauso unschuldig wie Jay. Tralalalala.

Niemand hatte gesagt, dass ich nicht ein bisschen mit ihm spielen durfte. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter, was unsere Gesichter zentimeternah zusammenbrachte. Abwartend sah ich ihn an, während er immer noch nicht antwortete, weil er damit beschäftigt war, die plötzliche Nähe zu verarbeiten.

„Nicht so wichtig“, nuschelte er. Ein leichter Rotschimmer zog sich über seine Nase.

Ih. Niedlichkeit.

Ein Jammer, dass ich das nicht imitieren konnte. Alles, was mir blieb, war, den Blick zu senken und zu tun, als ob ich rot werden würde. Ich denke, Mikael hatte das ganz am Anfang bemerkt. Seine Abneigung kam nicht von ungefähr. Seine Beobachtungsgabe war schärfer, als er selbst merkte, und er ging mir damit ziemlich auf den Sack.

Jessie war ein unfreiwillig guter Lockvogel, um ihn abzulenken. Wenn er sich auf sie konzentrierte, hatte ich meine Ruhe vor ihm und konnte mich um Jay kümmern.

Die Jungs, vor allem Mika, mauserten sich von allein zu ihrem Druckpunkt. Druck ausüben konnte ich. Ich liebte es, wenn sich Leute verhielten, wie ich das verlangte, ohne dafür arbeiten zu müssen. Druckpunkte waren super. Ich hatte sie in der Hand, sollte ich sie brauchen.

Ja, sie konnte nützlich sein. Ich vergaß nur jedes Mal, sie anzusprechen.

Ich schlang die Arme um Jays Mitte und kuschelte mich an ihn. Wir saßen im Park auf einer Bank, weil das Wetter ja soooo wunderschön war. Da konnte man nicht drinnen bleiben!

Mein Blick glitt in den Himmel und ich konzentrierte mich auf die Beschwörung. Sonst würde es pissen wie aus Kübeln. Das Wetter in London war nicht mein Freund.

In der Nacht, als ich mich von Jay hatte aufgabeln lassen, hatte ich tatsächlich dafür sorgen müssen, dass es regnete. In England. Das darf man keinem erzählen. Welche Verschwendung meiner Energie. Unfassbar. Immer noch empörend.

Die Sonne versank langsam hinter den Häuserreihen und der Himmel veränderte sich zu einem Farbspiel aus Rot und Violett. Eines stellte ich immer wieder fest: Viel Liebe war in den Tageswechsel Thebans nicht geflossen. Verglichen mit dem echten Spektakel war die Dämmerung in Theban kurz und farblos.

Dass die Sonne unterging, bedeutete aber, dass es – hier bitte ein tiefes Seufzen einfügen, danke – romantisch wurde. Jay genoss das. Einfach nur hier zu sitzen und zuzusehen, wie der Himmel sich allmählich in ein zartes Rosa verfärbte und sich die ersten Sterne zeigten, schien ihn in Hochstimmung zu versetzen. Seine Ruhe steckte ein wenig an. Das passierte unweigerlich, wenn man direkt in seiner Aura saß.

Ich gönnte ihm den Augenblick. Warum auch nicht? Es war nicht per se meine Aufgabe, ihn unglücklich zu machen. Zumindest nicht sofort. Entsprechend ließ ich zu, dass er seinen Arm locker um meine Schulter legte und seine Gedanken ihn wieder mal in Gefilde trugen, in die ihm niemand folgen konnte.

Stille herrschte zwischen uns. Doch sie war nicht unangenehm. Es war keiner dieser Augenblicke, wo man nicht wusste, was man sagen sollte. Es war Ruhe. Ich schob es meinem schauspielerischen Talent zu, dass sich Jay mit Tian wohl genug fühlte, um nicht komisch zu werden.

Ich zog die Beine an, um noch niedlicher und winziger zu wirken. Außerdem wurde mir allmählich langweilig. Also bibberte ich ein bisschen. Kleine Körper kühlen schneller aus und so‘n Scheiß.

Einhörnchen bemerkte es natürlich und schloss den Arm fester um mich.

„Frierst du, Tian?“

Ich schaute ihn mit Rehaugen an. „Es geht schon … Wir können ruhig noch ein bisschen sitzen bleiben.“ Ich imitierte dabei aber ein dezentes Zittern.

Die Wahrheit war: Ich fror nie. Im Gegenteil, ich strahlte ja die ganze Zeit Magie ab und das hielt mich warm. Ich wusste gar nicht mehr, wie es sich anfühlte, zu frieren.

Natürlich sprang er auf. „Nein, komm, lass uns zurückgehen“, ‚bestimmte‘ er. Haha. Das, was er sagte. Er hatte immer die besten Ideen.

Er nahm meine Hand und ich verschränkte mit einem schüchternen Blick meine Finger mit seinen. Wer hatte sich Händchenhalten eigentlich ausgedacht? Auf jeden Fall irgendwer, der darauf stand, dass Süßigkeiten zwei Mal verpackt waren, oder andere unpraktische, unlogische Dinge.

Aber man gewöhnte sich daran, ständig einen ca. 65 kg schweren Mann hinter sich her zuschleifen. Man gewöhnte sich schließlich an alles.

Meine Gedanken schweiften ab, denn ich fragte mich, ob sich mein Gewicht wohl veränderte, wenn ich den Zauber anwandte, der mich so klein und dünn aussehen ließ. Wenn ich immer noch 85 kg wiegen würde, obwohl ich aussah wie eine halbe Portion, die vielleicht 60 kg auf die Waage brachte, dann wäre das … verdächtig. Musste ich daran was ändern?

Jay schloss die Tür zum Wohnheim auf und dass wir stehen blieben, holte mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich wandte mich ihm mit einem strahlenden Lächeln zu.

„Wollen wir noch einen Film gucken?“, fragte ich. Seine Augen wanderten zum Himmel und eine Furche trat zwischen seine Augenbrauen. Dann wurde er wieder leicht rot. Darüber vergaß er ganz, mir zu antworten.

Hatte er Hintergedanken, oder unterstellte er mir welche? Er war doch wohl ein niedlicher, kleiner Fratz, huh. Entspann dich, Schnucki, ich darf dir gar nicht ans Höschen.

„Ich habe gestern einen Film entdeckt. Ich glaube, er gefällt dir auch“, plapperte ich weiter und textete ihn dann mit dem Plot eines schnarchlangweiligen Indie-Films zu, den Tian als Meisterwerk deklarierte. Jay musste den unbedingt sehen! Ich gab mich hingerissen und natürlich stimmte er zu. Dass es diesen Film gab und man einen Stream finden konnte, war mir ein Rätsel. Eine Verschwendung von Ressourcen. Aber so hatte ich etwas in der Hand, dass ihn garantiert genug langweilen würde, dass er einschlief.

„Stört es dich, wenn ich mich kurz umziehe?“, fragte ich, als wir in meinem Zimmer angekommen waren. Bevor er antworten konnte, hatte ich mir den Pulli schon über den Kopf gezogen, denn das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Es war putzig, wenn er nicht mehr wusste, wo er hinschauen sollte. Ich ging zu meinem Schrank und zog mich entspannt um, so als würde ich nicht darüber nachdenken. Das war leicht. Man durfte nur nicht hektisch sein, aber auch nicht zu lange halbnackt rumstehen.

„Willst du auch Klamotten?“, fragte ich und schlug die Schranktür beschwingt wieder zu.

„Also … ich denke, ich gehe mich schnell umziehen. Ich habe auch noch Chips. Mit Gewürz.“ Er schüttelte kurz selbst den Kopf darüber. „Die kann ich ja mitbringen. Ich meine … Ich … Bis gleich.“ Damit verschwand er aus meinem Zimmer. Herzallerliebst. Mein eigener kleiner Verehrer.

Dann wollten wir unserer Arbeit nachgehen, was? Ich spielte kurz mit dem Gedanken, eine rauchen zu gehen, entschied mich aber dagegen. Er durfte keinen Verdacht schöpfen.

Stattdessen suchte ich den Film raus und machte alles startklar.

Christian

Jay musste im Inneren eine Frau sein. Eine richtige Prinzessin sogar. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum er derart lange brauchte, um ans Ende des Ganges zu gehen, sich umzuziehen und eine Tüte Chips zu holen. Man sollte meinen, dass das eine Aufgabe wäre, der er gewachsen ist, aber nach 20 Minuten war ich mir da nicht mehr so sicher.

Ich war leicht angepisst, denn in der Zeit hätte ich dreimal eine rauchen können. Gegen Nikotinsucht war auch eine Hexe nicht immun. Es führte dazu, dass ich kreativ wurde.

Die beste Idee meines einsamen Brainstormings war bisher, nackt zu rauchen, damit der Geruch nicht in den Klamotten bliebe. Danach könnte ich eine ganze Zehe Knoblauch fressen, um den Smog zu überdecken. Haha.

Ein zaghaftes Klopfen unterbrach meinen Schmacht. Ich öffnete Jay elegant die Tür und ließ ihn würdevoll mit einer Verbeugung rein. Das brachte ihn zum Lachen und entspannte ihn. So brauchte ich ihn auch. Betont fröhlich hechtete ich auf das Bett und klopfte dann neben mich.

Zögernd, mit dem Blick auf den Teppich geheftet, setzte er sich in Bewegung. Vermutete er immer noch Hintergedanken meinerseits? Die hatte ich auch, nur nicht die, die ihm vorschwebten.

Zunächst begnügte ich mich damit, den Film zu starten und ein paar begeisterte Worte über die Bildführung und so was loszuwerden, als hätte ich Ahnung davon. Er fraß mir aus der Hand, egal was ich für einen Bullshit laberte. Simpel als Fakten verkaufen, er wird es nie erfahren.

Er versuchte, dem Film zu folgen, und ich tat, als würde ich merken, dass ich zu viel redete. Guter Grund, die Klappe zu halten.

Ich beobachtete von der Seite sein hübsches Gesicht und was ich sah, ließ mich die Augenbraue hochziehen. Er gab sich echt Mühe. War das unehrlich? Eigentlich nicht. Es war nichts falsch daran, Aufwand zu betreiben. Es würde erst trügerisch werden, wenn er mir zustimmte, obwohl ich in seinem Gesicht deutlich sehen konnte, wie da ein WTF nach dem anderen kam. Der Streifen war wirklich sinnlos. Wie nett, dass er es immerhin versuchte, schätzte ich mal. So viel Mühe hatte sich noch nie jemand für mich gegeben.

Aber ich brauchte ihn schlafend.

Ein kleines Schnauben entkam meinen Lippen. Er hatte es gehört und wandte sich zu mir um, um mich anzusehen.

„Alles okay, Tian?“

Ich nickte eifrig und lächelte. „Mir kam nur jemand in den Sinn, der meinen Filmgeschmack nicht so zu schätzen wusste wie du.“

Er schenkte mir ein sanftes Lächeln und wandte sich dem Streifen zu. Jedoch beantwortete er das nicht weiter. Er brachte es einfach nicht über sich, mich anzulügen, und zu behaupten, dass dieser Kackfilm ihm gefiele.

Ich zog wieder die Beine an und lehnte mich zurück an seine Schulter wie schon im Park.

Nebenbei öffnete ich die Tüte Gummibärchen, die ich zu unserem Netflix-and-indeedly-Chill-Date beigesteuert hatte, und bot ihm zuerst davon an, denn ich war ein unfassbar sympathisches Kerlchen.

Dann fischte ich mir ein rotes heraus und biss ihm den Kopf ab. Es waren die Großen, ich konnte bei denen nicht anders. In meinem Gedächtnis ging ich meine Spells durch.

Hatte ich irgendwas, dass ihn einschläferte? Etwas, das ihn möglichst nicht skeptisch werden ließ?

Ich hatte die Wahl zwischen einem Schlag mit der flachen Hand vor die Stirn und einem Kuss. Was war da wohl suspekter?

Ein verhaltenes Grinsen schlich sich auf meine Lippen. Dann eben so. Stumm lud ich einen Zauber.

Es dauerte ein wenig, denn es war ein schwieriger, aber wirkungsvoller Spruch. Ich war Augenmagier, doch ich hatte gelernt, mit den Händen ebenfalls Magie zu leiten.

Es war, wie wenn ein Linkshänder lernte, auch die rechte zu benutzen. Es lohnte sich, denn je nach Situation war eine Art einfacher als die andere. Dabei war keine besser. Worauf es in Wahrheit ankam, war die Reichweite.

Eine Hexe mit kaum Kraft hatte eine spärliche Reichweite. Wenn diese Magie wirken wollten, dann mussten sie ihr Opfer anfassen oder ihm von Nahem ganz tief in die Augen starren. Beides seltsam.

Massive Energie bedeutete, dass man entweder nur den Blick auf etwas richtete oder ein subtiles Fingerzucken benutzte.

Ich hatte viel Kraft. Meine Reichweite mit den Augen konnte Wolken erreichen, wenn ich meinem Freund einen Sonnenuntergang gönnen wollte.

Der Zauber, den ich mir ausgesucht hatte, wirkte nur über einen Kuss.

Handmagie war mir zusätzlich hineingeprügelt worden und nun zeigte sich der Nutzen. Ich hatte gerade keinen Spiegel, um meine Lippen anzusehen, also tippte ich sie an.

Mit einem entspannten Lächeln wandte ich mich wieder meinem Opfer zu. Jay schien sich langsam echt zu fragen, was mit mir nicht stimmte, dass ich von diesem Film so hin und weg war.

Es war amüsierend zuzusehen, wie seine Augenbrauen immer höher wanderten. Er war so konzentriert, dass er nicht mal bemerkte, dass ich ihn anstarrte.

Irgendwann glitt sein Blick endlich zu mir rüber und er sah schnell wieder auf den Laptop.

Ich schmunzelte und rutschte ihm etwas mehr auf die Pelle. Ich fragte mich, ob ich ihn dazu bringen konnte, mich zu küssen. Dann würde er erst recht nicht darauf kommen, dass seine plötzliche Schläfrigkeit mein Werk war. Schließlich war der Kuss dann seine Idee gewesen.

„Wolltest du nicht den Film sehen?“, murmelte er und strich sich über den Nacken.

Ich nickte und ließ ein Kichern hören.

„Warum guckst du ihn dann nicht?“

Auch er grinste nun verhalten.

„Ich kenne ihn doch schon.“ Ich legte meine verschränkten Hände auf seiner Schulter ab. Dann stütze ich mein Kinn darauf. Mit Sicherheit konnte er meinen Atem an seinem Hals fühlen. Er drehte seinen Kopf zu mir und unsere Nasenspitzen berührten sich fast, so nah waren wir.

„Mich kennst du auch“, sagte er gutmütig.

Ich lächelte und sah ihm in die Augen. Pheromone? Naaah. Besser nicht.

„Aber ich kann dich nicht oft genug anschauen“, antwortete ich leise und schaute verlegen nach unten, ehe ich den Blick scheinbar vorsichtig wieder hob.

Als er eine Hand an meine Wange legte, wusste ich, dass er angebissen hatte. Er versuchte, sich mit einem Blick zu vergewissern, dass es okay für mich war. Mein Lächeln nahm er als Einladung. Ich ließ von seiner Schulter ab, damit er sich mir zudrehen konnte, und lehnte mich leicht nach vorn.

Er küsste mich vorsichtig und ich erwiderte den Kuss. Er gab sich Mühe, gefühlvoll zu sein. So was war ich nicht gewöhnt.

Fakt war, dass dieser doch vergleichsweise unschuldige Kuss reichte, um den Spell auf ihn zu übertragen. Er dauerte ein paar Sekunden, bis er sich von mir löste und seinen Kopf an meiner Schulter ablegte. Tief und gleichmäßig atmete er ein und aus.

„Hab dich.“ Das süffisante Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen.

---ENDE DER LESEPROBE---