Hexenmeister oder Zauberlehrling? - Alexander Schatten - E-Book

Hexenmeister oder Zauberlehrling? E-Book

Alexander Schatten

0,0

Beschreibung

Was treibt uns Menschen an? Neugier, Spiel und Gestaltungsdrang begleiten uns durch unsere Geschichte. Sie beginnt vor 250.000 Jahren mit Jägern und Sammlern, führt über die Landwirtschaft vor 10.000 Jahren bis zur modernen Wissenschaft, die seit dem 17. Jahrhundert unser Verständnis der Welt auf den Kopf stellt. Von der Dampfmaschine zum Internet – in dem Maße, in dem Wissen zu Macht wird und eine immer komplexere Lebenswelt formt, wächst die Verantwortung und neue Fragen tauchen auf. Sind wir weise Lenker, die Hexenmeister der Geschichte oder vielmehr Zauberlehrlinge, überfordert von den Geistern, die wir riefen? Steckt die Wissensgesellschaft gar in einer tiefen Krise? Alexander Schatten zeigt in diesem Buch, dass Fortschritt aus Widersprüchen und Fehlern entsteht und dass auch die moderne Wissenschaft anfällig für Moden und Ideologien ist. "Es gibt kein Genie, das den Weg fehlerfrei findet, keinen Computer und keine 'künstliche Intelligenz'", sagt er. Kritisches Denken, Redefreiheit und Widerspruch mögen im Einzelfall schwer zu handhaben sein, sie sind aber Voraussetzung für wissenschaftlichen Erfolg und eine offene Gesellschaft.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



HEXENMEISTER ODER ZAUBERLEHRLING?

DIE WISSENSGESELLSCHAFT IN DER KRISE

ALEXANDER SCHATTEN

INHALT

1. Einleitung

Wir beginnen mit Neugier und transformieren die Welt

Verwirrt, verworren und komplex

Die Geister, die ich rief!

Über das Buch

2. Neugier und Erkenntnis

Mündliche Überlieferungen

Die ersten Hochkulturen

Vom Speziellen zum Allgemeinen: Das antike Griechenland

Der Übergang: Hellenismus, Rom, Islam

Unterdrückung, Aberglaube und Inkubation: Das europäische Mittelalter

Dialog mit der Natur: Die Neuzeit

Reduktionismus und Materialismus

Höhepunkt und Krise: Das 19. und beginnende 20. Jahrhundert

3. Was ist Wissenschaft?

Am Anfang steht eine Norm

Die Philosophen zerbrechen sich die Köpfe

Ein schwarzer Schwan ändert alles

Beobachtung und Modell – ein Dialog mit der Natur

Menschliches, Allzumenschliches

Auf den Schultern von Riesen

Wo findet Wissenschaft statt?

Immer weiter?

Was wissen wir nun wirklich?

4. Wissenschaft auf Abwegen

Verbesserung des Menschen und andere intellektuelle Irrläufer

Frühe Warnungen

Replikations- und Qualitätskrise in der Wissenschaft

Ideologische Verwirrungen

Beschleunigter Stillstand

Falsche Anreize – Gut gemeint statt gut gemacht

Die Wissenschaft?

5. Meister oder Lehrling? Wissen, Expertise und Fortschritt

Wissen in der Gesellschaft

Der Kampf um die Macht

Daten und Fakten

Wer repräsentiert Wissenschaft und Erkenntnis?

Wissen und Expertise

Wie erkennt man Experten oder Gelehrte?

Epilog: Zukunft Denken

Abbildungsnachweis

Weiterführende Literatur

Danksagung

Fußnoten

unveränderte eBook-Ausgabe

© 2025 Seifert Verlag

1. Auflage (Hardcover): 2025

ISBN: 978-3-903583-20-7

ISBN Print: 978-3-903583-10-8

Umschlaggestaltung: Davor Kujundzic, unter Verwendung einer Zeichnung von Ferdinand Barth (wikicommons)

Sie haben Fragen, Anregungen oder Korrekturen? Wir freuen uns, von Ihnen zu hören! Schreiben Sie uns einfach unter [email protected]

www.seifertverlag.at

EINS

EINLEITUNG

Wir beginnen mit Neugier und transformieren die Welt

Was ist der Mensch? Homo sapiens – der Weise, wie uns Carl von Linné 1758 bezeichnet hat, um uns vom Rest der Natur zu unterscheiden? Homo faber – der schaffende Mensch, der seine Umwelt aktiv verändert, wie es Max Scheler und Hannah Arendt im 20. Jahrhundert vorgeschlagen haben; sind wir nach Johan Huizinga Homo ludens – der Spielende, der Neugierige? Oder sind wir eher, wie Karl Popper etwas zynisch bemerkt, der Mensch, das ideologische Tier?⁠1⁠,2

Das Faszinierende am Menschen ist: Wir sind wohl all das.

Die Geschichte der modernen Menschen beginnt vor ca. 250.000 Jahren als Jäger und Sammler. Erst vor rund 10.000 Jahren hat der Mensch begonnen, Landwirtschaft zu betreiben und Tiere zu domestizieren. Von nun an erleben wir eine Beschleunigung der menschlichen Kulturentwicklung. Wie diese frühen Menschen gelebt haben, was sie gedacht, gefühlt, gefürchtet haben, kann heute nur spekuliert werden. Aber eines scheint klar: Spiel und Neugier müssen schon sehr früh treibende Eigenschaften des Menschen gewesen sein. Wir wollen mehr über unsere Umwelt erfahren, über uns selbst, die Welt, den Kosmos. Wir schaffen Werkzeuge, Religion und Philosophie, gehen mit Feuer um und halten Tiere. Stetig lernen wir dazu, entwickeln Schrift, Mathematik, Spiele, Musik und schaffen damit die Grundlagen für Hochkulturen und moderne politische Strukturen, die Städte und Großreiche ermöglichen.

Mit der Neuzeit haben wir uns dann in der Rolle der weisen Spezies gefallen und uns so von anderen Hominiden und Tieren abgegrenzt. Denken und Handeln aber stehen in einem engen Zusammenhang, ecce Homo faber! Und doch, am Anfang steht meist die Neugier. Beim kleinen Kind, bei vielen Tieren und auch beim erwachsenen Menschen. Aus Neugier, Spiel und dann harter Arbeit und Scheitern entsteht Erkenntnis – vom Homo ludens werden wir in vielen Schritten zum Homo sapiens.

So entscheidet sich Charles Darwin im Jahr 1831, an einer Vermessungsfahrt rund um die Welt teilzunehmen. Darwin stammte aus wohlhabender Familie und hatte es nicht nötig, eine solche Reise zu unternehmen. Auch sein Vater war dagegen und wollte vielmehr, dass Charles Medizin studiere. Aber getrieben von seinem Interesse für die Natur, verbrachte er stattdessen fünf Jahre seines Lebens auf dieser Expedition; und dies, obwohl er an Bord der HMS Beagle, einem 27 m langen Segelschiff, unter schwerer Seekrankheit litt. Nach der Reise um die Welt kehrte er mit einem 770-seitigen Journal zurück, aus dem nach vielen weiteren Jahren der Arbeit im Jahr 1859 sein Hauptwerk, On the Origin of Species, wurde. Eines der bis heute bestimmenden Werke moderner Wissenschaft.

Charles Darwin ist einer der Vertreter moderner Wissenschaft, die etwa im 17. Jahrhundert begonnen hat, unsere Welt umzustürzen. Was ist seit dem 17. Jahrhundert geschehen? Die Menschen beginnen in strukturierter Weise, Erkenntnisse über die Welt zu sammeln, lösen sich von etablierten Mythen und religiösen Vorstellungen. Wissenschaft ist geboren, und aus dem zarten Pflänzchen des 17. und 18. Jahrhunderts ist heute ein Wald an Disziplinen, Spezialisten und Fakten geworden. Aber mit dem Verstehen kommt der Wunsch der Veränderung, der Wunsch, die Welt nach unseren Vorstellungen anzupassen. Der britische Philosoph Roger Scruton hat das so ausgedrückt:

„The Enlightenment had replaced mystery with mastery. – Mit der Aufklärung wird aus dem Rätselhaften das Beherrschbare.“⁠3

ROGER SCRUTON

Mastery bedeutet Beherrschen, Können, Expertise. Man kann aber erst etwas beherrschen, wenn man in der Realität wirksam wird; wenn Gedanken, Theorie, Pläne zur Expertise werden und zu einer Umsetzung finden. Und Umsetzung haben sie seit der Aufklärung gefunden. Die Transformation von Homo ludens zu Homo sapiens und Homo faber ist im Gange. Die Ereignisse beginnen sich zu überstürzen und die Welt verändert sich in atemberaubendem Tempo. Fast alles, was wir heute wissen, und fast die gesamte Technik, die unsere Moderne ausmacht, wurde nach dem 17. Jahrhundert geschaffen. Das 18. und 19. Jahrhundert waren dabei eine Zeit wissenschaftlicher Durchbrüche. Sie haben unser Verständnis der Welt, aber noch nicht unsere Lebenswelt auf den Kopf gestellt.

So ermöglicht beispielsweise das bessere Verständnis von Thermodynamik eine Effizienzsteigerung der Dampfmaschinen von rund 2 Prozent auf 17 Prozent. Eisenbahn, Pumpen in Minen und erste Transatlantik-Linienschifffahrt kommen aus den Startlöchern, die Entwicklung von Motoren aller Art beginnt. Damit werden Auto und Flugzeug ab 1900 Realität. Thermodynamik, die Faraday- und Maxwell-Gesetze sind das Fundament der Elektrifizierung der Welt, die ebenfalls um 1900 in den USA und dann in Europa um sich greift. Es kommt zu einer ungeheuren Beschleunigung in allen technikgetriebenen Prozessen: Mobilität, Kommunikation, Konstruktion von Großprojekten wie dem Panamakanal, Brücken und Wolkenkratzern. Foto und Film werden noch im 19. Jahrhundert erfunden und erleben ihren Durchbruch im 20. Jahrhundert. Der Wechsel von tierischer Arbeitskraft und Biomasse zu Kohle, später Öl und Gas, ermöglicht die industriellen Prozesse, von denen unsere Gesellschaft heute abhängig ist.

Das Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts erkennen wir als die Zeit, in der die Umsetzung der wissenschaftlichen Entdeckungen und der Vielzahl an Erfindungen in industrielle Produkte um sich greift. Nun geht es vom Prototyp in die Veränderung der Lebenswelt der Menschen. So sind in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Bausteine der Welt gelegt, der wir unseren heutigen Lebensstandard verdanken.

„Die Intellektuellen scheinen sich geradezu verschworen zu haben, uns immer wieder zu erzählen, wie schlecht die Welt ist, in der wir leben. Ich halte das für einen fürchterlichen Unsinn, eine wirkliche Lüge, die aber fast allgemein geglaubt wird. In der Zeit meiner Jugend, gab es in Deutschland, Österreich, Frankreich, England noch Sklaverei. Vor allem Frauen waren damals versklavt – als Haushaltsgehilfinnen, Köchinnen, Wäscherinnen usw. [. . .] Daneben hat es fürchterliches Elend gegeben.“⁠4

KARL POPPER

Fast alles, was für uns heute in Industrienationen selbstverständlich ist, nehmen wir gar nicht mehr als Besonderheit wahr. Wir leben in Wohnungen mit Fließwasser, Warmwasser, Dusche, Heizung, Toilette, Waschmaschine und Kühlschrank (sowie immer häufiger auch Klimaanlagen). All das wird erst nach dem Zweiten Weltkrieg langsam zur Normalität. In welcher magischen Welt würde sich ein Mensch des Mittelalters wähnen, würde man ihn in eine einfache Wohnung im Deutschland des 20. Jahrhunderts teleportieren?

Jeder Mensch, der heute in einer Industrienation lebt, hat ständig die Arbeitskraft von 100 Menschen zur Verfügung. Natürlich nicht mehr in Form von menschlichen Arbeitern, sondern in Form von Maschinen. Dies spielt uns von immer mehr stumpfsinniger, gefährlicher und manueller Arbeit frei. Stattdessen können wir immer abstraktere Tätigkeiten leisten, die einen größeren Hebel für die Zukunft haben – etwa Wissenschaft –, und dazu ein bequemeres und sichereres Leben führen.

All dies haben wir der systematischen Entdeckung von neuem Wissen und neuen Fähigkeiten zu verdanken. Wie ist uns das gelungen?

Verwirrt, verworren und komplex

„Denn was ist das Herz, wenn nicht eine Feder; und die Nerven, wenn nicht so viele Saiten; und die Gelenke, wenn nicht so viele Räder, die dem ganzen Körper Bewegung verleihen, wie es der Schöpfer beabsichtigt hat?“⁠5

THOMAS HOBBES (1651)

Die Welt funktioniert jedoch nicht nach den Vorstellungen des 17. Jahrhunderts wie ein Uhrwerk oder wie die Maschinen des 19. Jahrhunderts. Unser Verständnis komplexer Vorgänge ist auf bemerkenswerte Weise begrenzt. Daher beschreibt das Zitat von Tom Peters diese gesellschaftliche Realität so treffend wie kaum ein anderes:

„Wenn Sie nicht verwirrt sind, haben Sie nicht aufgepasst.“

Diese fundamentale Erkenntnis spiegelt sich allerdings nicht in vielen Büchern und Vorträgen wider. Im Gegenteil: Erfolgreiche Sachbücher oder TED-Talks erzählen oftmals eine Geschichte, die einer Heldenreise gleicht. Es gibt ein großes Problem, das die meisten Menschen nicht richtig verstehen oder vielleicht sogar übersehen. Es ist ein Kampf gegen die Ignoranz. Die vom sich wie ein Guru inszenierenden Experten erzählte Geschichte, gelangt dann an einen Höhepunkt und damit zu so etwas wie einer Erweckung und Erlösung.

Auf dieser Reise werden unterhaltsame Beispiele erzählt; natürlich nur solche, die die Idee des Autors unterstreichen. Somit ist die Sache am Ende klar: Der Autor und andere genannte Experten haben etwas verstanden, was Sie noch nicht verstanden haben. Und es gibt eine klare Erkenntnis, einen Lösungsweg. Wir müssen ihn nur gehen! – diesen klaren Weg nach vorne. Hört auf die Experten – follow the science! –, und die Probleme der Welt sind gelöst.

Wir hören runde Geschichten, geschrieben oder erzählt von erfolgreichen Menschen (oder solchen, die sich selbst so darstellen). Alles ist klar, nur wir sind ignorant und noch nicht erleuchtet oder zu schwach, dem richtigen Weg zu folgen. Wenn Sie eine solche einfache Geschichte erwarten, legen Sie das Buch wieder ins Regal zurück. So funktioniert unsere Welt nicht und daher auch nicht dieses Buch. Weder gibt es den Experten, der die Welt versteht und weiß, wie die Probleme zu lösen sind, noch helfen uns einfache Ideen oder Prozesse. Sören Kierkegaard schreibt:

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“

Und Milan Kundera ergänzt einen wichtigen Aspekt in diesem Bild:

„Der Mensch schreitet im Nebel voran. Aber wenn er zurückblickt, um die Menschen der Vergangenheit zu beurteilen, sieht er keinen Nebel auf ihrem Weg. Von seiner Gegenwart aus, die ihre ferne Zukunft war, sieht ihr Weg für ihn völlig klar aus, gute Sicht auf dem ganzen Weg. Wenn er zurückblickt, sieht erden Weg, er sieht die Menschen, die voranschreiten, er sieht ihre Fehler, aber nicht den Nebel.“⁠6

In der Rückschau wirken die Dinge oftmals klar und einfach oder werden so dargestellt. Der richtige Pfad und die Irrtümer sind doch so offensichtlich! Die vielen, die andere Wege probiert haben und gescheitert sind, von denen wir die meisten gar nicht mehr kennen, verblassen vor den „Genies“, die dem Anschein nach schlafwandlerisch den richtigen Weg erkannt haben. Fortschritt ist aber der Weg, den wir, nach hinten blickend, erkennen. Die Wahrheit ist: In die Zukunft gedacht, ist der richtige Weg unklar. Es gibt kein Genie, das den Weg fehlerfrei findet, keinen Computer und keine „künstliche Intelligenz“. Im Nachhinein erklären uns „Experten“, Kommentatoren und Ökonomen, warum es offensichtlich war, dass die Google-Aktie so gestiegen ist und warum der Finanz-Crash 2008 unvermeidbar war. Nur: Warum sind eben diese „Experten“ nicht Milliardäre, sondern reden im Fernsehen oder in einem YouTube-Kanal in der Rückschau?

Karl Popper erinnert uns daran, dass wir auch ideologische Wesen sind, die die Welt verändern und aus unserer Perspektive beurteilen wollen. Ideologie ist eine Form, die Welt einfacher zu machen (wenigstens in der Anschauung) und Gruppenzugehörigkeit zu schaffen. Als Menschen dürsten wir nach Anerkennung und Zugehörigkeit, denn aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, war in weit vergangener Zeit ein Todesurteil. So kann uns Gruppendenken resilienter machen, aber auch anfälliger für schlechte Ideen. Es wird sich zeigen, dass auch die moderne Wissenschaft anfällig für Moden und Ideologien ist. Mangelnde intellektuelle Vielfalt und degenerierte Strukturen führen in zu vielen Fällen zu schwerwiegenden Qualitätsproblemen in der Wissenschaft, die wir als Gesellschaft nicht erwarten würden.

Kritisches Denken, Redefreiheit und Widerspruch sowie Freiheit mögen im Einzelfall lästig oder schwer zu handhaben sein, sind aber Voraussetzung für wissenschaftlichen Erfolg und eine offene Gesellschaft. Demokratie benötigt viele verschiedene Meinungen und Zeit für Deliberation.

Die Geister, die ich rief!

Sind wir nun Homo sapiens, der weise Mensch, der in der Lage ist, die Welt mit Geschick zu lenken, oder sind wir wie Goethes Zauberlehrling? Er beobachtet und lernt vom Meister – so wie wir im Dialog mit der Natur stehen und so vom Meister gelernt haben:

Und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben. Seine Wort und Werke merkt ich und den Brauch, und mit Geistesstärketu ich Wunder auch.

Wie ist es uns gelungen, Wunder zu tun, vom Meister, der Natur, zu lernen? Wie funktioniert moderne Wissenschaft, und was sollten wir als Bürger verstehen, um Erkenntnisse einordnen zu können? Was wissen wir, und warum wissen wir, was wir wissen, und was wissen wir nicht? Diese Fragen werden wir zunächst stellen.

Wissen ist aber auch Macht – im Sinne politischer Macht, aber noch viel mehr im Sinne von Wirkmacht. Wirkmacht, etwas in der Welt zu bewegen. Wir haben das Programm Francis Bacons aus dem 17. Jahrhundert umgesetzt. Macht aber hat immer auch den Gegenspieler der Ohnmacht. Wir vermögen das eine und öffnen damit neues Unwissen.

O du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen?

Wir wollten nur den Boden waschen, und plötzlich ist uns die Technik in vielen Bereichen über den Kopf gewachsen. So kommt mit dem Wissen auch neue Verantwortung. Wir erkennen, dass wir Dinge angerichtet haben, für die nun wir und niemand anderer verantwortlich ist.

Was also folgt aus Wissen, aus Expertise, aus Erkenntnis? Wer soll über die Geschicke der Welt entscheiden?

Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß!

Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.

In Goethes Gedicht kommt der Meister am Ende rechtzeitig zurück und löst die Probleme, die der ungeschickte Lehrling angerichtet hat. In unserer Welt aber kommt niemand zu Hilfe. Niemand außer uns selbst wird uns aus der Bredouille helfen. Wir sind Lehrlinge, wissen in der Regel viel weniger, als wir glauben, und müssen dennoch mit der Situation selbst zurechtkommen. Oder mit den Worten von Ray Bradbury:

„Wir springen von einer Klippe und erst auf dem Weg nach unten bauen wir unsere Flügel.“

Wird es uns gelingen, diese Flügel rechtzeitig zu bauen? Was ist dafür notwendig? Wie gehen wir mit Experten und Expertise um? So wie es keinen Meister gibt, der uns in der Realität die „Probleme“ löst, so wird sich dieses Buch auch in Widersprüchen verfangen. Es wird an manchen Stellen verstören und wird keine einfache take home message haben.

Sie werden das Buch gerade deshalb zu Ende lesen, weil es die Geschichte unserer Zeit ist, die Geschichte der Welt, in der wir leben. Sie ist eine Geschichte der Widersprüche und Unklarheiten, aber gerade deshalb eine hoffnungsfrohe. Niemand ist perfekt, wir alle machen ständig Fehler, verstehen die Welt nur in Bruchstücken, und trotzdem: Es geht voran.

Wie kann das möglich sein?

„Die Zukunft hängt an uns. Wir tragen die Verantwortung. Aus diesem Grund gilt ein wichtiger Grundsatz: Es ist unsere Pflicht, Optimisten zu bleiben.“⁠7

KARL POPPER

Über das Buch

Das Buch ist so strukturiert, dass Sie es natürlich „konventionell“ von vorne nach hinten lesen können. Jedes Kapitel ist aber für sich abgeschlossen und verständlich. Wenn Sie einzelne Kapitel oder Abschnitte nicht interessieren, können Sie diese überspringen.

Kästen im Buch sind ergänzende Informationen, Geschichten und Beispiele, die auch unabhängig vom Rest des Buches gelesen werden können.

Alle Aussagen sind mit Referenzen belegt. Am Ende findet sich auch noch eine kürzere Liste mit ausgewählten Büchern zur weiteren Vertiefung.

Dieses Buch ist in klassischer Handarbeit erstellt. „Künstliche Intelligenz“ wurde nur fallweise in der Recherche oder Inspiration oder in der Übersetzung von fremdsprachlichen Zitaten verwendet, sowie um Grammatik- und Tippfehler zu korrigieren. Kein Teil dieses Buches ist mit KI erstellt oder geschrieben worden.

ZWEI

NEUGIER UND ERKENNTNIS

Die Menschheit lernt. Seit 3000 Jahren.

„Zeitgenossen sollten doch eine Vorstellung davon haben, wie diese Wissenschaften funktionieren. Was ist ein Naturgesetz, was ist ein naturwissenschaftliches Experiment, was heißt es, statistisch signifikante Ergebnisse produziert zu haben? [. . .] Man muss nicht alle Details kennen, aber einschätzen können, welchen Stellenwert, welche Bedeutung, auch welche Signifikanz diese Ergebnisse haben. Das Zweite, was absolut notwendig ist: Wir brauchen ein Verständnis für das, was Gewordensein bedeutet. Was wir jetzt erleben, ist Resultat einer Geschichte. Ich werde mich in dieser Welt nicht orientieren können, wenn ich ihre Geschichte weder kenne noch verstehe.“⁠1

KONRAD PAUL LIESSMANN

Für uns heute selbstverständliche wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien sind das Ergebnis eines langen Prozesses von Neugier, Spieltrieb, Unverständnis, neuen Beobachtungen, die man sich nicht erklären konnte, Experimenten, Irrtümern und harter Arbeit der klügsten Köpfe der jeweiligen Epoche. Charles Darwin wacht nicht eines Morgens auf und schreibt sein bahnbrechendes Werk Über die Entstehung der Arten. Eine etwa fünfjährige Forschungsreise mit vielfältigen Beobachtungen geht diesem Werk voraus, wie wir im zweiten Teil des Buches noch sehen werden. Dazu kommen die Ergebnisse von Jahrhunderten der Beobachtungen anderer Naturforscher, mit denen sich Darwin ebenfalls auseinandersetzt. Viele Theorien werden vorgeschlagen und wieder verworfen oder modifiziert, weil sie nicht mit den Beobachtungen in Einklang zu bringen sind. Auch Darwins Theorie selbst ist heftiger Kritik unterworfen, kristallisiert sich aber nach Jahrzehnten der wissenschaftlichen, kritischen Auseinandersetzung und Verbesserung als aktuell gültiges Fundament moderner Biologie heraus.

Aber nicht nur die Theorien selbst sind über die Zeit gereift, auch die Art und Weise, mit der wir zu neuer Erkenntnis kommen, die Vorgehensweise, die wir heute Wissenschaft nennen, ist das Ergebnis langer philosophischer und praktischer Auseinandersetzungen. Wissenschaft im modernen Verständnis ist nicht etwa eine Methodik, die sich eine Person oder eine Organisation ausgedacht hat, oder gar eine Vorgehensweise, die dogmatisch von Autoritäten verordnet wird. Wissenschaft ist auch nicht beliebig, unser Wissen nicht nur eine von vielen möglichen Geschichten, wie fallweise behauptet wird. Wissenschaft selbst ist das Ergebnis eines Lernprozesses, eines Lernprozesses, der vor etwa 3000 Jahren begonnen hat und bis heute andauert.

Im Laufe dieser langen Geschichte wird vieles ausprobiert. Vieles ist fehlgeschlagen, aber wir lernen aus diesen Fehlern. Generationen von Forschern sammeln daher nicht nur Wissen über die Welt, sondern beginnen auch zu verstehen, zu welchen (methodischen) Irrtümern uns menschliche Psychologie verleiten kann. Das Naheliegende, Überlieferte und scheinbar Offensichtliche ist eben nicht immer das Richtige. Kritisches Denken und wissenschaftliche Methodik sind daher auch eine Fähigkeit, die erlernt werden muss. Viele der wichtigsten Ideen und Prinzipien moderner Wissenschaft drängen sich aber geradezu auf, wenn man die Irrtümer und Meilensteine der Wissenschaftsgeschichte betrachtet, davon lernt.

Eine kurze Betrachtung der Geschichte wirft auch ein Licht auf den komplexen Zusammenhang zwischen Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft hat sich erst langsam in der heute vorhandenen deutlichen Form herausgebildet. Gerade diese immer stärkere Abhängigkeit wirft auch völlig neue Fragen und Probleme auf, deren Grundlagen wir in diesem Kapitel begegnen, die wir aber später im Buch wieder aufgreifen werden.

Auch wenn wir Geschichte aus naheliegenden Gründen gerne anhand von Personen erzählen, muss doch vor einem Missverständnis gewarnt werden. Gerne wird über historische oder auch lebende Personen geschrieben, sie wären „die Ersten“ gewesen, die eine bestimmte Erkenntnis hatten, ein bestimmtes Experiment durchgeführt oder eine Erfindung gemacht hätten; sie wären die Begründer einer Wissenschaft oder einer Technologie. Die Geschichte der Menschheit hätte sich ohne diese Personen in eine gänzlich andere Richtung entwickelt: Einstein hat nach dieser Vorstellung die moderne Physik begründet, Kant ist der wichtigste Philosoph aller Zeiten, und ohne Thomas Savery, dem Erfinder der Dampfmaschine, gäbe es keine industrielle Revolution. Solche Geschichten lesen sich spannend, haben aber mit der Realität in der Wissenschafts- und Technikgeschichte wenig zu tun (siehe nächster Abschnitt).

* * *

Die erste Dampfmaschine

Am Beispiel der Dampfmaschine kann man leicht erkennen, dass die Entwicklungsgeschichte neuer technischer Apparate in der Regel eine langwierige ist. Es ist ein Prozess, der nicht nur auf anderen Erkenntnissen aufbaut, oftmals über Generationen geht, sondern der auch in die Zeit passen muss.

Eine der ersten bekannten Dampfmaschinen wird bereits im ersten Jahrhundert v. Chr. von Heron von Alexandria gebaut und Heronsball oder Aeolipile genannt. Vermutlich gibt es aber schon ähnliche Maschinen zuvor in Ägypten. Es handelt sich um eine sehr einfache Idee, bei der in einer Kugel Wasser erhitzt wird und diese durch den an den beiden Düsen ausströmenden Dampf zu rotieren beginnt. Das Erstaunliche an dieser Erfindung ist, dass Heron sie sozusagen als Party-Trick baut. Mit der Dampfmaschine wird eine Tempeltür automatisch geöffnet. Trotz der Tatsache, dass es nun eine Maschine gibt, die mechanische Arbeitskraft leisten kann, ist die Zeit noch nicht reif, um zu erkennen, dass diese Erfindung auf andere Bereiche des täglichen Lebens angewandt werden könnte.

Abbildung 1: Heronsball. Dampfmaschine, entwickelt von Heron von Alexandria im ersten Jahrhundert v. Chr.

Dieses Zusammenspiel von Erkenntnis, technischer Notwendigkeit und der Sicht auf mögliche Anwendungsfälle, etwa in der Nutzung von Pumpen oder als Antrieb für Schiffe, ist dann tatsächlich erst im 18. und 19. Jahrhundert gegeben. Dieses Beispiel ist kein Einzelfall der Technikgeschichte.

* * *

Einstein, Kant, die Curies sind großartige Wissenschaftler, ihre Leistungen sind ohne Frage bedeutend. Dennoch sind sie Kinder ihrer Zeit. Kant arbeitet sich an den Ideen Humes und vieler anderer ungenannter Gelehrter ab. Einstein steht im Diskurs mit vielen Wissenschaftlern seiner Zeit – berühmten Persönlichkeiten sowie vergessenen. James Watt baut unter anderem auf der Arbeit von Thomas Savery und Thomas Newcomen auf und kann seine Maschine nur konstruieren, weil es Thermometer, Stahl und Fertigungsmöglichkeiten gibt, die früheren Erfindern nicht zur Verfügung stehen.

In den letzten Jahrhunderten hat sich die Entdeckung neuer Ideen oder Technologien sozusagen „verdichtet“. An den allermeisten Problemen arbeiten viele Menschen oder Gruppen zur gleichen Zeit. Die Geschichte vergisst dann aber gerne diejenigen, die ihre Entdeckung wenig später präsentiert haben. Das Telefon wird am selben Tag, dem 14. Februar 1876, von Alexander Bell und Elisha Gray zum Patent angemeldet. Bell kennt heute fast jeder als Erfinder des Telefons, Gray hingegen ist vergessen, weil er ein paar Stunden nach Bell eingereicht hat. Bereits vor Edison sind mehr als 20 Erfinder ähnlicher Glühbirnen bekannt, oder besser, für die Nachwelt unbekannt. Für Thomas Alva Edison werden Denkmäler gebaut und eine Stadt nach ihm benannt.⁠2

„Die Zahl der doppelten Erfindungen ist über die Zeit gewachsen – gleichzeitige Erfindungen kommen immer häufiger vor.“⁠3

KEVIN KELLY

Auf erstaunliche Weise trifft das auch für die Natur als „Erfinder“ zu. So ist das kameraartige Auge sechsmal unabhängig voneinander entstanden und acht andere Arten von Augen sind ebenfalls mehrfach (unabhängig voneinander) in der Geschichte der Evolution zu finden.⁠4 Der nächste Schritt einer Entwicklung scheint oft durch den aktuellen Stand recht nahezuliegen. In der Natur ebenso wie bei menschlichen Erfindern. Systemtheoretiker nennen das auch das angrenzend Mögliche (adjacent possible). Nachdem bestimmte Schritte in der Entwicklung gemacht wurden, kommen neue, dann naheliegende Optionen ins Blickfeld.

Dennoch gibt es immer wieder Personen, die nachfolgende Generationen in besonderer Weise inspiriert haben und die sich gut eignen – manchmal auch als Vertreter ihrer Zeit –, um an ihnen Durchbrüche im Denken und in der Erkenntnis festzumachen. Die hier vorgestellten Personen und historischen Ereignisse sind daher als Beispiele, als Ankerpunkte zu verstehen, die unser modernes Verständnis der Welt besser begreifbar machen.

Auch ist es nicht ganz einfach, einen Anfang für die Geschichte der Wissenschaft innerhalb der Geschichte der Menschheit zu finden. Man muss sich zunächst die noch grundlegendere Frage stellen, was unter dem Begriff Wissenschaft überhaupt zu verstehen ist. Es handelt sich also gewissermaßen um ein Henne-/Ei-Problem. Wir kommen darauf noch zurück, aber wenigstens so viel dürfte unbestritten sein: Auch Vorstufen wissenschaftlichen Denkens bedürfen einiger fundamentaler kultureller Voraussetzungen. Um diese Voraussetzungen deutlich zu machen, beginnen wir unseren geschichtlichen Streifzug knapp vor den ersten Hochkulturen. Das Verständnis des Wissenschaftsbegriffs wird sich dann Schritt für Schritt – dem Lernprozess der Wissenschaftsgeschichte folgend – entwickeln.

Von Wissenschaft im heutigen Sinne kann man guten Gewissens erst ab dem vielleicht 18. oder 19. Jahrhundert sprechen. So wird der englische Begriff „scientist“ erst im 19. Jahrhundert dokumentiert und Anfang des 20. Jahrhunderts üblich.⁠5 Der einfacheren Verständlichkeit halber werden die Begriffe „Wissenschaft“ und „Wissenschaftler“, aber auch in der Beschreibung der Antike und des Mittelalters, sinngemäß für Gelehrte und Erfinder der Zeit verwendet.

Mündliche Überlieferungen

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“⁠6

LUDWIG WITTGENSTEIN

Menschen sind schon sehr früh gefordert, sich in einer für sie gefährlichen Umgebung zu behaupten. In prähistorischer Zeit lernen sie, Feuer zu machen sowie einfache Werkzeuge anzufertigen, zu jagen und genießbare Nahrungsmittel von ungenießbaren zu unterscheiden und zu sammeln. Ab etwa 7000 v. Chr. haben wir Belege für Gemeinschaften, die sesshaft geworden sind und beginnen, Landwirtschaft zu betreiben. Das dafür notwendige Wissen über Tierhaltung, Landwirtschaft und Handwerk darf nicht unterschätzt werden. Das Wissen ist an konkreten praktischen Problemen orientiert und daher eher als Expertise zu bezeichnen, aber wir werden diesen Unterschied an späterer Stelle noch diskutieren. Die Fähigkeit, ein praktisches Problem zu lösen, und das Verständnis fundamentalerer Konzepte gehen aber nicht notwendigerweise Hand in Hand, wenngleich sie einander auf eine gewisse Weise bedingen. Anders gesagt, man kann bestimmte Probleme lösen, ohne sie in einem tieferen Sinne zu verstehen. So werden Vorläufer des Aspirins (die Salicylsäure) bereits seit der Antike gegen Fieber und Schmerzen angewandt. 1853 synthetisiert dann Charles Frédéric Gerhardt Acetylsalicylsäure, den Wirkstoff des heutigen Aspirins. Der Wirkmechanismus im Körper wird aber erst

1971 von John R. Vane entdeckt, wofür er 1982 den Nobelpreis für Medizin erhält.⁠7 Auch ist ein Elektriker in der heutigen Zeit ohne abgeschlossenes Physikstudium in der Lage, eine Wohnung zu verkabeln. Selbst der durchschnittliche Arzt ist eher Praktiker und „Handwerker“ als wissenschaftlich fundiert gebildet.

Das wertet diese operativen Kenntnisse keinesfalls ab, ist aber konzeptionell wichtig zu verstehen. Neue physikalische oder medizinische Ideen müssen sich an der Praxis bewähren, und neue Forschungsideen stammen oft aus Problemen, die sich aus der Praxis ergeben, denken wir an eine Pandemie, die neue medizinische Mittel zur Bekämpfung benötigt.

Aber zurück zu den frühen Kulturen: Sie unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den späteren Hochkulturen. So erscheint uns eine lineare Zeit, also eine Vergangenheit mit geschichtlichen Aufzeichnungen einerseits, sowie eine offene Zukunft als selbstverständlich. „Offen“ bedeutet dabei, dass wir davon überzeugt sind, die Zukunft beeinflussen zu können, und danach handeln. Dieser Zeitbegriff ist aber ebenfalls ein Ergebnis mehrerer Entwicklungsschritte in der Geschichte der Menschheit. Erst mit der Neuzeit, etwa ab dem 17. Jahrhundert, beginnen die Menschen, ihre Rolle als Gestalter der Zukunft aktiv wahrzunehmen. Dies ist möglicherweise einer der Gründe für die wissenschaftlichen, politischen und technischen Durchbrüche, die ab der Neuzeit auf uns zukommen.⁠8

Die Menschen der Frühgeschichte aber leben in einer Zeitvorstellung, die man vielleicht am ehesten als mythisch und geschichtslos, auch als zyklisch bezeichnen kann. Man erkennt wiederkehrende Naturphänomene wie Jahreszeiten, aber es gibt noch keinen Grund, eine längere Chronologie seines Stammes aufzuzeichnen.⁠9 Selbst im 19. und 20. Jahrhundert beobachtet man noch indigene Völker, die nur einen Zeithorizont von etwa zwei Generationen in die Vergangenheit kennen und deren räumliches Verständnis stark an unmittelbaren natürlichen Gegebenheiten wie Flüssen orientiert ist.

So fehlen in der Frühgeschichte noch ein abstrakteres Verständnis von Zeit und Raum sowie konkrete Kulturtechniken wie Schrift, um größere Mengen an Wissen für längere Zeiträume zuverlässig festhalten zu können. Die frühen Kulturen tradieren ihr Wissen mündlich sowie durch die praktische Ausbildung Jüngerer durch die ältere Generation.

Damit kommen wir zu einer ersten groben Definition unseres Wissenschaftsbegriffes: Wissenschaft stellt weniger die Frage nach der Lösung konkreter praktischer Probleme, sondern eher nach den zugrunde liegenden, von konkreten Einzelfällen und Problemen abstrahierten Mechanismen. Die Schaffung einer wissenschaftlichen Kultur setzt die Möglichkeit voraus, Erkenntnisse zuverlässig über räumliche und zeitliche Distanz weitergeben zu können. Auch umfangreicheres Wissen geht dadurch nicht verloren und kann von anderen Menschen, auch zu anderen Zeiten, rezipiert und kritisiert werden. Daher können erste zaghafte wissenschaftliche Gehversuche erst in den späteren Hochkulturen gefunden werden.⁠10

Die ersten Hochkulturen

„Der Übergang von den Tieren zum Menschen ist kein gewaltsamer; die wahren Philosophen werden sich darüber einig sein. Was war der Mensch vor der Erfindung der Wörter und der Kenntnis der Sprachen?“.

JULIEN OFFRAY DE LA METTRIE

Von der Frühgeschichte dauert es noch mehrere Tausend Jahre bis ca. 3200 v. Chr., bis die ersten Hochkulturen entstehen, die über Schrift verfügen. Diese Schriften sind noch Zeichenschriften, in denen zunächst einzelne Worte als Zeichen repräsentiert werden. Erst später entwickeln sich Schriften, die auf Silben basieren, und erst aus der griechischen Antike kennen wir die ersten vollständig alphabetisierten Schriften ab ca. 800 v. Chr.⁠11 In vorgriechischer Zeit sind es Ägypter, Babylonier sowie Inder, von denen Erkenntnisse überliefert sind. Aber auch diese orientieren sich zumeist an konkreten, praktischen Problemen. Philosophie und abstraktere Betrachtungen (wie sie später im antiken Griechenland zu finden sind) werden erst mit der vollständigen Alphabetisierung möglich oder durch Überlieferung bekannt. Auch wenn den Ägyptern noch die Abstraktion, die spätere Schriften auszeichnet, fehlt, so schreiben sie bereits mit Tinte auf Papyrus. Dies erlaubt vergleichsweise effiziente und schnelle Kommunikation. Allerdings beschränkt sich die Fähigkeit zu schreiben auf einen eigenen Berufsstand. In der allgemeinen Bevölkerung ist diese Kulturtechnik nicht verbreitet.

Zu den ersten wichtigen technischen Errungenschaften der Hochkulturen vor der Antike (etwa der Ägypter) gehören das Schmelzen und Verarbeiten von Metallen. Auch ist den Ägyptern eine größere Zahl an chemischen Stoffen bekannt, die für verschiedene Zwecke verwendet werden. Allein die Medizin wendet mehrere hundert Stoffe als Heilmittel an. Allerdings gibt es noch kein systematisches Wissen über diese Substanzen, das erst langsam ab der Neuzeit als Chemie aufgebaut wird. Die Pyramiden legen nahe, dass die Ägypter auch über nennenswertes geometrisches, mathematisches, aber auch astronomisches und nicht zu vergessen mechanisches Wissen verfügen. Auch ein Zahlensystem ist in Verwendung (siehe nächster Abschnitt). Heute verwenden wir ein Zahlensystem auf der Basis von 10 (sowie auf der Basis von 2 für Computer), in Babylonien allerdings wird ein Zahlensystem auf der Basis von 60 verwendet. Die Folgen dieses Systems finden wir bis in die heutige Zeit. Man denke an die 60 Minuten einer Stunde oder das Winkelsystem mit 360.

Die Astronomie der damaligen Zeit ist noch eine Mischung aus einerseits astronomischen Entdeckungen und Erkenntnissen im heutigen Sinne, andererseits verschiedensten mythischen und astrologischen Ideen. Man hat die Vorstellung, die Gestirne würden einen direkten Einfluss auf das Leben der Menschen ausüben. Eine Trennung in astronomisches Wissen und astrologischen Aberglauben findet schrittweise in der Neuzeit statt. Die Inder verfügen bereits über einen gut ausgearbeiteten Kalender sowie ebenfalls bemerkenswerte astronomische Erkenntnisse. So gibt es indische Astronomen, die die Kugelgestalt der Erde sowie deren Drehung um die eigene Achse verfechten. Die indische Mathematik entwickelt sich relativ unabhängig von den Erkenntnissen anderer Kulturen, beispielsweise der Griechen. Auch China hat über einen langen Zeitraum eine relativ eigenständige Entwicklung durchgemacht. Der Kompass ist in China vermutlich schon 1000 v. Chr. bekannt. Schießpulver, Porzellan, Seide, Papier und Buchdruck sind wesentlich früher als in Europa Stand der Technik.

An diesen Beispielen lässt sich erkennen, wie wesentlich das Zusammenspiel von kulturellen, technologischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Verbreitung und den Fortschritt von Erkenntnis ist. Im Gegensatz zur heutigen Zeit ist Information wertvoll, die Verbreitung schwierig, teuer und langsam. Heute hingegen ist die Idee, dass einzelne Nationen über längere Zeit unabhängig von anderen Nationen Wissenschaft, Technik und Wirtschaft betreiben, von seltenen Ausnahmen abgesehen, geradezu unvorstellbar.

* * *

Zahlensysteme und Syntax

Zahlensysteme sind ein anschauliches Beispiel dafür, wie wichtig die Syntax, also die Schreibweise, sein kann, oder in diesem Fall: wie sehr sie die weitere Entwicklung behindern kann. Die Ägypter haben, ähnlich dem späteren römischen System, einzelne Zeichen für „1“, „10“, „100“, „1000“. Die heutige Schreibweise der Zahlen, z. B. „3412“, ist eigentlich eine Kurzform für: dreimal Tausend plus viermal Hundert plus einmal Zehn plus zweimal Eins. Jede Stelle hat in jeder angeschriebenen Zahl mathematisch dieselbe Bedeutung, die 4. Zahl von rechts beispielsweise steht immer für „Tausend“. In der römischen Schreibweise würde diese Zahl MMMCDXII geschrieben werden. „MMM“ steht für dreimal Tausend, „CD“ für vierhundert, XII für zwölf.

Diese verschiedenen Zahlensysteme und Schreibweisen sind gleichwertig, was das Ausdrücken und Festhalten von Zahlen betrifft. Die Schreibweise und auch das Zahlensystem selbst haben aber einen großen Einfluss auf elementare mathematische Operationen. Ein System, wie es Ägypter oder Römer nutzten, macht schon einfache Rechenoperationen, wie Addition und Subtraktion, zu einem aufwendigen Unterfangen.

Auch eine mathematische Idee – die uns heute selbstverständlich, ja geradezu trivial erscheint –, die Null, wird erstmals von den Indern, wenn auch erst deutlich später, nämlich etwa 300 v. Chr., eingeführt. Dies erlaubt einen wesentlichen Fortschritt in der Entwicklung der Mathematik und Naturwissenschaft. Man könnte sagen, erst die moderne Zahlen-Notation ermöglicht den rasanten Fortschritt in der Mathematik und den Naturwissenschaften.

* * *

Vom Speziellen zum Allgemeinen: Das antike Griechenland

„Das Allgemeine im Besonderen und das Dauerhafte im Vergänglichen zu sehen, das ist das Ziel allen wissenschaftlichen Denkens.“.

ALFRED NORTH-WHITEHEAD

Die erste Hochkultur, die in einigen Bereichen den Prinzipien unserer vorläufigen Definition von Wissenschaft entspricht, ist das antike Griechenland. Aber auch die Griechen beginnen nicht auf der „grünen Wiese“, sondern übernehmen Wissen der Ägypter, Babylonier, aber auch der Assyrer und Chaldäer. Kennzeichnend für die griechische Kultur ist aber, dass nicht die spezielle Fragestellung und Anwendbarkeit, das angewandte Problem, der Einzelfall im Vordergrund steht, sondern die allgemeingültige Idee. Die Suche nach der Wahrheit, nicht nach einer bestimmten Problemlösung, bestimmt häufig das Denken, wenngleich oft die gute Geschichte, man könnte etwas salopp formulieren, die Fantasie über systematische Untersuchung der Natur siegen.

Auch vor der griechischen Antike ist es offensichtlich, dass Dinge in der Natur wiederkehren. Aber in der täglichen Beobachtung findet man doch ein erhebliches Maß an Variation. Dinge wiederholen sich eben häufig nicht in der gleichen Weise, sondern nur in ähnlicher Form. Der Wind weht immer etwas anders, die Jahreszeiten unterscheiden sich von Jahr zu Jahr. Für die Griechen aber unterliegen diese Regelmäßigkeiten stabilen, andauernden Naturgesetzen. Sie versuchen, aus dem Speziellen das Allgemeine abzuleiten. Diese Erkenntnis wird vielleicht von den Griechen zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit formuliert und dient als Grundlage vieler naturphilosophischer Betrachtungen.

Es werden aber nicht nur neue Fragen gestellt, sondern man versucht auch, diese auf eine andere Art als bisher üblich zu beantworten: Die Natur wird nicht mehr personifiziert, und auch die Götter verschwinden als Erklärungsmodell, wenngleich gewisse Formen des Mystizismus noch beliebt sind. Manche Autoren nennen dies auch den Beginn des Wandels vom Mythos zum Logos (von den Mythen zur Vernunft). In diesem Sinne kann man auch die Schule der Pythagoreer lesen, die die Zahl (und damit die Mathematik) ins Zentrum stellen. Es gibt kaum erhaltene direkte Aufzeichnungen, aber nach Aristoteles gilt für die Pythagoreer: Die Dinge sind Zahl oder jedenfalls durch solche ausdrückbar. Dinge gelten also als messbar. Zahlen rücken ins Zentrum der Betrachtung. Am vielleicht eindrucksvollsten zeigt sich dies in der mathematischen Analyse von Musik. Tonintervalle werden durch mathematische Verhältnisse ausgedrückt, und daraus wird eine Theorie der musikalischen Harmonie auf der Basis der Zahl formuliert. Auch gibt es Philosophen wie Aristarchos (geb. 310 v. Chr), der bereits ein einigermaßen konsistentes heliozentrisches Weltbild vorschlägt, oder Demokrit und Leukipp, die eine Form des Atomismus beschreiben.⁠12

Allerdings ist aus diesen Prinzipien nicht abzuleiten, dass alle Erklärungsversuche nach heutigen Maßstäben besonders gut wären oder jede Art des Mystizismus fehlen würde. Die Pythagoreer beispielsweise sind keine wissenschaftliche Schule, wie man sich das heute vorstellen würde. Salopp formuliert, könnte man sie eher als eine Art von elitärer Sekte mit Pythagoras als Guru sehen. Trotz aller mathematischen Erfolge mangelt es auch nicht an merkwürdigen Vorschriften. Es heißt, Pythagoreer müssen weiße Kleidung tragen, dürfen keine Bohnen essen, ja nicht einmal anfassen. Zahlenmystik ist ebenso noch an der Tagesordnung.

Auch bei anderen Philosophen findet man genügend Theorien, die aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinen: Heraklit etwa nimmt an, dass die Himmelskörper Schalen wären, die mit „Feuer gefüllt“ sind. Eine Sonnenfinsternis würde nach seiner Theorie entstehen, wenn sich diese Schalen von der Erde wegdrehten. Bereits einige Jahrzehnte später vermutet Anaxagoras zu Recht, dass eine Sonnenfinsternis im Prinzip ein Schattenwurf von Himmelskörpern wäre. Dennoch, zurück zu Heraklit. Auch wenn seine Theorie kaum überzeugt, ja nicht einmal als Theorie im modernen Sinne gelten kann, so beruft sie sich immerhin nicht auf Götter oder andere übernatürliche Prinzipien und ist prinzipiell überprüfbar.⁠13

Den Verzicht auf übernatürliche Erklärungsversuche können wir somit als nächstes Prinzip wissenschaftlichen Denkens notieren.

Es gibt im griechischen Denken auch eine gewisse Differenzierung in Themenbereiche, wie Mathematik oder Medizin. So arbeitet Aristoteles an Ideen, die man als klassische Philosophie bezeichnen kann, aber auch an Meteorologie, Biologie und Geologie und ist zu bemerkenswerten Erkenntnissen gelangt. Trotzdem spricht man im Wesentlichen noch von Philosophie und unterscheidet nicht so deutlich in Fachbereiche, wie es im heutigen Verständnis üblich ist. Dabei darf man nicht übersehen, dass sich der Begriff Philosophie entscheidend vom heutigen Gebrauch unterscheidet. Die Philosophie bezieht in dieser Zeit die Beschäftigung mit Naturphänomenen (also die heutige Naturwissenschaft) mit ein. Eine deutlichere Trennung erfolgt dann ca. im 19. Jahrhundert, wo der Begriff der Naturphilosophie aufkommt.⁠14

Dieser Mangel an Differenzierung in Fachbereiche könnte geradezu als Motto der griechischen Philosophie betrachtet werden, denn es dominiert das Interesse an den großen Zusammenhängen. Dies erfordert einen Blick, der weite Bereiche des Wissens zusammenführt, und widerspricht letztlich der Beschäftigung mit immer kleiner werdenden Disziplinen, die immer weniger über die Welt im Ganzen zu sagen haben. Zumindest könnte man diese Gefahr sehen, und wir werden später auf diese Problematik zurückkommen.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Klassifikation, die Aristoteles für die Wissenschaften vornimmt. So unterscheidet er zwischen theoretischen, praktischen und herstellenden Wissenschaften. Diese Unterscheidung spiegelt sich in der Antike auch in unterschiedlichen Begriffen wider: Episteme (griech.) oder Scientia (lat.) für Wissen um seiner selbst willen sowie Techne (griech.) oder Ars (lat.) für angewandtes Wissen. Letzteres vielleicht vergleichbar damit, was man Expertise nennen könnte – wir kommen darauf später noch zurück. Für uns von Bedeutung ist auch die Tatsache, dass er die Mathematik und das, was wir heute als Naturwissenschaft bezeichnen, in die theoretischen Wissenschaften einordnet. Sie werden, nach Aristoteles, allein um der Erkenntnis willen betrieben, nicht um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Mit anderen Worten, sie sind getrieben von menschlicher Neugier und Wissensdurst, haben aber nicht notwendigerweise praktische Bedeutung. Dieser Gedanke wird sich auf unserer Reise bis in die heutige Zeit verändern.

Bei allem Fortschritt, den das griechische Denken gebracht hat, ist es noch ein weiter Weg zu gehen. „Die schöne Idee“, die „ästhetisch ansprechende Theorie“, die „kultivierte Diskussion“ scheint den Griechen wichtiger zu sein als das kritische Überprüfen dieser Ideen durch Beobachtung und Experiment. Dieser, wie man heute vielleicht sagen würde, sehr „kopflastige“ Zugang steht möglicherweise auch in einem engen Verhältnis zum damaligen Gesellschaftssystem. Die Motivation für wissenschaftliche Tätigkeit hat seit der Neuzeit – und ganz besonders seit dem 19. Jahrhundert – auch verstärkt das Ziel, das Leben der Menschen zu erleichtern und die Lebensumstände zu verbessern. Natürlich wird auch heute noch aus Neugier und Wissensdurst geforscht, aber praktische Anwendbarkeit oder konkrete Probleme sind doch häufig ein Motiv. Dies zeigt sich auch am Einfluss der Naturwissenschaften auf die Veränderungen der menschlichen Lebensumstände und gesellschaftlichen Bedingungen in den letzten Jahrhunderten. Immer öfter wird im Angesicht von Bedrohungen, wie Epidemien, Krisen der Energieversorgung, Klimawandel oder Armut und Hunger, nach Wissenschaft verlangt. Auch die Richtlinien von Forschungsförderung werden oftmals nach solchen Gesichtspunkten gestaltet. Daraus folgt auch eine immer engere Verknüpfung zwischen (Natur-)Wissenschaft und Technologie (z. B. im Bereich der Landwirtschaft, Lebensmitteltechnologie, Mobilität, Energieversorgung), mit der wir uns später noch genauer auseinandersetzen werden.

Gerade dieser Aspekt der Verbesserung der Lebensumstände ist bei den Griechen kaum gegeben (wir erinnern uns an die Dampfmaschine von Heron von Alexandria). Der mögliche gesellschaftliche Hintergrund könnte sein, dass die griechische Gesellschaft (wie die meisten vormodernen Gesellschaften) eine Sklavengesellschaft ist. Auf diesem Auge sind die großen Denker noch blind.

„Allein in den Minen von Laurion, dem Silberbergwerk der Athener, sollen bis zu 20.000 Sklaven geschuftet haben.“⁠15

RICHARD DAVID PRECHT

Auch wenn diese Zahlen nicht ganz verlässlich sind, so steht doch fest, dass selbst arme griechische Bürger in der Regel noch einzelne Sklaven, reiche Bürger Dutzende, wenn nicht Hunderte Sklaven ihr Eigen nennen. Daraus folgt, dass nahezu alle schwere und gefährliche Arbeit nicht von den freien Bürgern, sondern eben von den zahlreich vorhandenen Sklaven erledigt wird. Dem Bürger bleibt damit einerseits Zeit für Muße, Bildung und andererseits Beschäftigung mit Wissenschaft und Philosophie. Auch die Bedeutung des öffentlichen Diskurses neuer Ideen unter den freien Bürgern ist eine gesellschaftliche Folge. Die Lebensumstände der Bürger sind, gemessen an den damaligen Verhältnissen, als angenehm zu bezeichnen. Daher hat eine Verbesserung der Lebensumstände (z. B. die Erleichterung manueller Arbeit durch neue Technologien) möglicherweise keine sehr hohe Priorität. Davon ausgenommen ist allerdings die Medizin und der Beruf des Arztes, die sicherlich das Ziel haben, die Lebensqualität zu verbessern.

Man erkennt diesen Gedanken auch in der Philosophie Platos, seiner Ideenlehre. Die Ideen sind, in seinem Verständnis, reine und unvergängliche Urbilder, von denen wir nur Schatten und abgeleitete Formen in unserer Realität sehen können. Nicht die Dinge, die wir beobachten und denen wir in der Realität begegnen, sind daher das Entscheidende, sondern die dahinter befindliche reine Idee. Eine Beobachtung der Dinge, Experimente, trübt im Grunde unsere reine Anschauung und hat in dieser Sichtweise wenig Wert. Es gibt vereinzelt Gelehrte, die Experimente in etwa im heutigen Verständnis durchführen, z. B. im Bereich der Akustik.

Auch Aristoteles arbeitet fallweise empirisch. Er beschäftigt sich mit Botanik, betreibt vergleichende und systematische Tierkunde und hat fundamentale Einsichten zur Embryologie. Viele seiner Erkenntnisse sind aus heutiger Sicht inhaltlich falsch, aber sie sind ein Anfang systematischer Naturbeobachtung. Hans Joachim Störig schreibt dazu:⁠16

„Zusammengenommen bilden sie das Fundament aller späteren Arbeiten in dieser Wissenschaft – eine Leistung, die allein ausgereicht hätte, um einem Forscher dauernden Nachruhm zu sichern. Im Werk des Aristoteles bilden sie nur einen kleinen Ausschnitt.“

Und an Nachruhm hat es ihm nicht gemangelt. Ja, dieser ist womöglich sogar Fluch: Die Person des Aristoteles gilt für eine lange Zeit als intellektueller und wenig kritisierter Übervater. Insofern kann seine historische Bedeutung kaum überbewertet werden. Allerdings ist gerade ein Mangel an Kritik und das Berufen auf Autoritäten das Gegenteil erfolgreicher Wissenschaft – und damit haben wir einen weiteren Puzzlestein, was Wissenschaft ausmacht!

Systematische empirische Forschung und Experimente werden aber noch lange kein allgemein etabliertes Mittel der Erkenntnis sein oder gar als Voraussetzung betrachtet, um Ideen systematisch zu überprüfen.

Zuletzt sollte noch Herodot genannt werden, der oft als Begründer der Geschichtsschreibung bezeichnet wird. Er beschreibt als Zeitgenosse die Kriege zwischen Griechen und Persern und bezieht die Vorgeschichte (Vorderer Orient, Ägypten) mit ein. Daher kann man von einer Art der ersten Weltgeschichte sprechen. Herodot beschreibt nicht nur Krieg und Politik, sondern auch Kulturgeschichte, Religion und Zivilisation. Aber auch Herodot ist noch keinesfalls als Wissenschaftler moderner Prägung zu sehen: Einerseits versucht er, Schlachten und politische Auseinandersetzungen objektiv zu beleuchten, und schreibt auch den persischen Feinden Ehrenhaftigkeit und Mut zu. Auf der anderen Seite ist er recht unkritisch, was die Quellenlage seiner Informationen betrifft. So werden Informationen verwendet, die aus fragwürdigen Berichten oder von Orakeln stammen.⁠17

Das saubere Arbeiten, das heißt die kritische Auseinandersetzung, das Zitieren und Aufbauen der eigenen Arbeit auf Quellen, früheren Werken, aber ist eines der weiteren bestimmenden Prinzipien der modernen Wissenschaft, das erst, wie wir sehen werden, viel später gängige Wissenschaftspraxis wird (und bis heute Studenten und Politikern in ihren Dissertationen oft große Schwierigkeiten bereitet).

Der Übergang: Hellenismus, Rom, Islam

Mit dem wachsenden Einfluss des römischen Reichs werden auch die Griechen politisch unterworfen. Viele griechische Gelehrte ziehen in dieser Zeit nach Rom und nehmen ihre religiösen, kulturellen und wissenschaftlichen Ideen mit. Griechisch gilt auch als die Sprache der Gebildeten (ähnlich wie später bis zur Neuzeit Latein). Hans Joachim Störig schreibt:⁠18

„Wenn Griechenland politisch eine römische Kolonie wurde, so wurde Rom kulturell zur griechischen Kolonie.“

Die Römer zeigen allerdings weniger Interesse an reiner Wissenschaft, an Scientia. Rom ist eher an praktischen Anwendungen interessiert und weist eindrucksvolle Leistungen in der Ingenieurskunst auf. Sprachlich ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass sowohl die Griechen als auch die Römer zwei Arten des Wissens unterscheiden, Scientia und Ars. Letzteres wird, wie erwähnt, für angewandtes Wissen verwendet, das sich gerade auch im römischen Reich durch zahlreiche herausragende architektonische und technische Leistungen manifestiert. Auf die Bedeutung dieses Unterschieds werden wir in späteren Teilen des Buches noch zurückkommen.

Bemerkenswert, neben den technischen Leistungen als zivilisatorische Errungenschaften der Römer, sind natürlich auch deren rechtliche und politische Praktiken, die für die Verwaltung des Großreiches notwendig sind. Im römischen Recht zeigen diese bis heute ihre Wirkung.

Aus wissenschaftlicher Sicht scheinen zwei Dinge besonders erwähnenswert zu sein: die erste einflussreiche wissenschaftliche Enzyklopädie, verfasst von Plinius dem Älteren (siehe nächster Abschnitt), sowie die Gründung der Bibliothek von Alexandria ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. Dies ist nicht nur die erste große Bibliothek der Geschichte, sondern gemeinsam mit der Bibliothek in Pergamon ein Anziehungspunkt für die Wissenschaftler der Zeit. Die Schätzungen über die Anzahl der Bücher schwanken zwischen etwa 500.000 und 700.000. Um die Zerstörung der Bibliothek ranken sich zahlreiche historische Mythen, und sie ist bis heute nicht in allen Details geklärt. Die Bibliothek dürfte allerdings zur Zeit der Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert nicht mehr existiert haben.⁠19

Abbildung 2: Titelseite der Encyclopédie von D’Alembert und Diderot

Die Weitergabe und kritische Diskussion von Wissen wurde schon als wesentlicher Eckpunkt von Wissenschaft genannt. In dieser Epoche zeigt sich, wie schwierig sich dies unter den damaligen Gegebenheiten gestaltet. Es bedarf zweier großer Übersetzungsbewegungen und mehrerer Jahrhunderte, um Teile des griechischen Wissens über die arabische und persische Wissenschaft nach Mitteleuropa zu bringen.

* * *

Speicher des Wissens – Enzyklopädien

Das ambitionierte Ziel einer Enzyklopädie, egal ob es sich in der heutigen Zeit um die Encyclopedia Britannica oder um die Wikipedia handelt, liegt darin, das etablierte Wissen der Zeit zu erfassen und in kurzer Form darzustellen. In der Wissenschaftsgeschichte gibt es zahlreiche Versuche, das Wissen der Zeit zusammenzufassen. Plinius der Ältere kann stellvertretend für die frühen Versuche genannt werden. In unermüdlicher Arbeit schreibt er die Historia Naturalis (Naturgeschichte), die 77 v. Chr. mit 37 Bänden als eines der ersten großen Gesamtwerke des naturwissenschaftlichen Wissens der Zeit fertiggestellt ist. Sie beschäftigt sich mit Themen von Astronomie über Geografie bis zu Zoologie und Botanik. Allerdings ist Plinius’ Werk, wie Karl-Heinz Göttert schreibt, eher ein Sammelsurium, und übernommene Ideen werden kaum geprüft.⁠20⁠,21

In der Neuzeit muss man die Encyclopédie