Hey Ella, bin gleich wieder da - Julian Schraven - E-Book

Hey Ella, bin gleich wieder da E-Book

Julian Schraven

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Beschreibung

Leon ist zufrieden. Er ist Anfang 30, stolpert durch sein Leben, liebt seine Plattensammlung und hat viele große Ideen. Als er sich gerade auf die nächste Party eingrooven will, fällt ihm plötzlich ein, dass er seiner WG-Mitbewohnerin Ella die Miete nicht überwiesen hat. Sein Konto ist seit seinem Studium notorisch leer. Statt reinen Tisch zu machen, verdrückt er sich in das Nachtleben von Ehrenfeld. Es folgen die turbulentesten 26 Stunden seines Lebens: Als Leon erfährt, dass das Karlmanns am nächsten Tag dichtmacht, will er die einmalige Chance nutzen, es zu übernehmen. Denn die Gentrifizierung verändert Kölns gefragten Szenestadtteil und bezahlbarer Raum wird knapp. Während er völlig übermüdet versucht, Geld aufzutreiben, eskaliert auch noch ein Streit mit seinem Vermieter. Auf einmal steht alles auf der Kippe. Eine Geschichte über Zugehörigkeit, Kapitalismus, Selbstfindung und die Frage, was in einer sich wandelnden Welt wirklich wichtig ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Julian Schraven ist als Musiker, DJ und Autor tief in der kreativen Szene Kölns verwurzelt. Geboren im Jahr 1988, wuchs er im reichsten Jahrzehnt der Menschheitsgeschichte auf und konnte den Abstieg des Kapitalismus in Echtzeit beobachten.

Als Künstler steht er für die Verschmelzung unterschiedlicher Genres und Ausdrucksformen. Sowohl musikalisch als auch literarisch bringt er seine Erfahrungen ein, um den Zeitgeist zu reflektieren und die Komplexität der modernen Welt begreifbar zu machen. Die Kunst als Instrument zu nutzen, um den Status quo zu hinterfragen und neue Perspektiven zu öffnen, ist eine der Hauptmotivationen des Kölners. Nach seinem Debüt „In den Kronen“ (2022) ist „Hey Ella, bin gleich wieder da“ seine zweite literarische Veröffentlichung.

julian-schraven.de

Julian Schraven

Hey Ella,

bin gleich

wieder da

Von Freunden, Geld, Musik und Ehrenfeld

edition.subkultur.de

JULIAN SCHRAVEN:„Hey Ella, bin gleich wieder da – von Freunden, Geld, Musik und Ehrenfeld“

1. Auflage, November 2024, Edition Subkultur Berlin

© 2024 Periplaneta - Verlag und Medien / Edition Subkultur

Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin

subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Lektorat: Marion A. Müller Cover: Anniki Lee

Satz & Layout: Thomas Manegold

Buch ISBN: 978-3-948949-44-0

eBook ISBN: 978-3-948949-45-7

Backstage

Der Weg vom Boiler durch die Wände aus der Küche muss erst überwunden werden, bis das kalte Wasser aus den Rohren ausgespült ist und schließlich das erhitzte Wasser an meine Haut kommen kann. In der Zeit stehe ich neben dem Strahl, der aus dem Duschkopf in unsere Badewanne schießt. Dieser Freitag ist fast vorbei, wie der Monat und das Jahr. Meine Garderobe liegt frisch gefaltet auf dem Waschbecken und bevor ich sie anlege, will ich mir den Schweiß des Tages abduschen. Ich bin kurz davor, die Wohnung zu verlassen. Abends aufzubrechen, ist eine der schönsten Dinge, die ich kenne. Ein Geburtstag ist ein guter Anlass und ich will mich überraschen lassen, was alles passiert. Immerhin weiß ich Marten an meiner Seite, mit dem ich gleich verabredet bin, um gemeinsam in die Geburtstags-WG zu spazieren. Ich zelebriere jeden einzelnen Duschvorgang bis zur letzten Sekunde. So ist es dazu gekommen, dass ich irgendwann angefangen habe, mir unter der Dusche die Zähne zu putzen oder die Texte auf den Rückseiten von Duschgel und Shampoo zu lesen. So lange es geht, nutze ich dabei den warmen Wasserstrahl aus, um die Winterkälte auszublenden, die uns auf der Straße erwarten wird. Ich nehme das Duschgel und seife mich ein, dann lass ich es langsam vom Wasser wieder abspülen und beschließe, mir auch noch die Haare zu waschen, auch wenn sie es überhaupt nicht nötig haben. Schließlich stelle ich fest, dass ich die Zahnbürste auf dem Regal über dem Waschbecken habe liegenlassen. Mist. Das passiert mir etwa drei oder viermal in der Woche und so wische ich wie immer den Duschvorhang zur Seite, um zu testen, ob mein Arm auch heute bis zum Regal reicht, während der Großteil meines restlichen Körpers unter dem Wasserstrahl verweilen kann. Ich strecke mich weit nach vorne und als ich die Zahnbürste schließlich in der Hand halte, höre ich, wie die Wohnungstür zufällt. Ella ist zu Hause.

„Hallo!“, ruft sie.

„Hallo!“, rufe ich zurück, ziehe den Duschvorhang wieder zu und suche nach der Zahnpasta. Cool, Leon. Die Wissenschaft hat widerlegt, dass Goldfische nur ein Sekundengedächtnis haben. Schafft sie es auch bei dir? Genervt reiße ich den Duschvorhang erneut auf.

„Leon?“, ruft Ella. Wie ich hören kann, steht sie direkt vor der Badezimmertür.

„Ja?“

„Können wir gleich mal reden?“ Ihr Tonfall klingt ernst. Das kenne ich schon, kann alleine daran aber nicht feststellen, wie schwer der Grad der Misere ist, die ich anscheinend verursacht habe.

„Ich bin gleich fertig“, rufe ich und schmiere die Zahnpaste auf die Bürste. Jeder Quadrant hat seine eigenen 30 Sekunden, zumindest in der Theorie. Hatte Ella mir aufgetragen, etwas für das Essen morgen Abend einzukaufen? Ich glaube nicht. Das wollten wir morgen früh noch besprechen. Da bin ich mir sicher. WG-Frühstück. Check. Das habe ich auf dem Schirm. Ich habe außerdem die Spülmaschine eingeräumt. Die Küche sieht nicht aus wie ein Schlachtfeld. Die Waschmaschine ist leer. Sie kann sie benutzen. Meine Sachen sind nicht im Weg. Sowieso liegt nichts von mir in der Wohnung sinnlos herum. In meinem Zimmer ist ein wenig Chaos, aber das darf sein. Ich wollte die Platten im Wohnzimmer sortieren, aber das will ich schon so lange, dass das jetzt nicht der Stein des Anstoßes sein kann. Und der Schimmel da oben in der Ecke der Dusche ist auch schon länger Thema, aber einen Termin zur Beseitigung haben wir nicht ausgemacht. Fazit: Ich habe keine Ahnung, was sie von mir möchte. Ein besseres Gefühl macht mir das trotzdem nicht.

Am Ende der Zahnpflege muss ich einsehen, dass auch diese Duschsession ein Ende hat. Also zähle ich in meinem Kopf ganz langsam von zehn bis null, bis ich den Hahn schließlich zudrehe. Während ich mich abtrockne, freue ich mich schon auf die nächste Dusche morgen früh.

Ich trockne mich ab, ziehe mich an, hänge mein Handtuch auf, werfe noch einen Blick durch das Bad, um sicherzustellen, dass Ella auch hier nichts zu meckern hätte und fasse schließlich an den Schlüssel im Türschloss, um die Badezimmertür zu öffnen.

In dem Moment schießen mir zwei Worte durch den Kopf. Die Miete. Im Anschluss eine Frage: Habe ich sie überwiesen? Wenn nicht, dann ist das ganz schlecht, denn: Konto leer. Das Projekt Jobsuche war bisher auch nicht erfolgreich. Der Winterschlaf lässt auch hier grüßen. Klar, Ollo hat mir den Job auf dem Weihnachtsmarkt angeboten, aber da wusste ich ja noch nicht, dass es so lange dauern wird, bis ich etwas Neues finde.

Noch immer ist die Tür geschlossen. Das finde ich gerade auch ganz gut, denn ich werde mir immer sicherer, dass die Dezember-Miete das Thema ist, über das Ella reden will. Der Dauerauftrag ist eingerichtet, aber wo kein Geld, da keine Überweisung. Fuck! Ich atme auf einmal ganz leise, um zu hören, ob sie sich noch vor der Tür, im Flur oder in einem anderen Raum befindet.

Theoretisch habe ich alles bei mir. Mein Handy, mein Portemonnaie, nur die Schlüssel liegen noch auf der Anrichte im Flur. Ich könnte einfach daran vorbeigehen, die Schlüssel und meine Schuhe in die Hand nehmen, im Hausflur verschwinden, die Wohnungstür schließen und flüchten. Die feine Art wäre das nicht. Aber der Fluchtgedanke wächst und wächst. Nicht, weil ich Angst vor Ella habe – ich mag sie sehr – aber gerade sehe ich lieber einer freudigen Freitagnacht entgegen als einem stressigen, ersten Gespräch mit meiner Mitbewohnerin. Fuck! Wir wohnen schon so lange zusammen. Sie weiß, dass sie das Geld von mir bekommt. Es ist auch nicht das erste Mal, dass sie darauf warten muss und Ella hat es mir jedes Mal nachgesehen.

Während ich diesen Gedanken denke, fällt mir auf, dass er als Argument nicht für mich, sondern gegen mich spricht. Die Schlinge zieht sich zu. Ich drehe den Schlüssel ganz leise herum. Die Bassline des The Undisputed Truth’s-Songs Papa Was a Rolling Stone schleicht durch meinen Kopf.

Langsam öffne ich die Tür und blicke in den Flur. Niemand da. Ich höre, wie Ella irgendwelche Dinge in ihrem Zimmer umräumt. Der Schlüssel liegt genau da, wo ich ihn mir vorgestellt habe. Meine Schuhe neben der Anrichte. Vielleicht habe ich sogar noch Zeit, sie im Flur anzuziehen. Also schleiche ich in Richtung Wohnungstür und stecke erst den einen und dann den anderen Fuß in die Schuhe, beuge mich herunter, schnüre sie zu, so schnell ich kann, greife erst nach dem Schlüssel, dann nach der Klinke der Wohnungstür, drücke diese hinunter und sehe, wie das Licht im Hausflur schon angeht, als ich Ellas Stimme ziemlich direkt hinter mir hören kann.

„Na? Wo geht es hin?“

Wir schauen uns an. Erwischt. Ist das noch lustig oder peinlich? Ich denke nach. Peinlich. Mist. Egal. Nicht ablenken lassen, bevor es noch unangenehmer wird. Schnell die Situation unterbinden, bevor sie sich entwickeln kann und zu einer weiteren Situation führt. Augenkontakt. Ein paar Sekunden vergehen. Eins, zwei, drei.

„Hey Ella, bin gleich wieder da.“ Ich zwinge mich durch die halb geöffnete Tür und ziehe sie schnell hinter mir zu. Dabei sehe ich noch, wie Ella mich verdutzt anschaut und berechtigterweise nicht verstehen kann, warum ich ihr aus dem Weg gehe. Shame on me. Ich gebe es ja zu. Aber können wir das bitte morgen klären? Erst denke ich diesen Satz und dann darüber nach, warum ich ihn gerade nicht aussprechen konnte, anstatt Ella so ratlos in der Wohnung zurückzulassen. Aber dann stehe ich auch schon auf dem Bürgersteig, auf dem Marten mich bereits erwartet.

Die zweite Strophe

Die zweite Strophe von Wie schön, dass du geboren bist mag niemand. Keiner will die hören. Und doch gibt es immer mindestens eine Person, die sie anstimmt. Und es gibt immer mindestens vier Personen, die einstimmen, immer drei, die laut stöhnen und ein Geburtstagskind, das sich schämt. Die zweite Strophe von Wie schön, dass du geboren bist ist das Wonderwall der Geburtstagspartys. Wer verbietet Menschen eigentlich endlich, irgendwann mit Akustikgitarre zu einem Geburtstag zu erscheinen?

Marten und ich stehen besoffen hinter der Bar, die durch Mate-Kisten auf der einen, Kölsch-Kisten auf der anderen Seite und einem Brett oben drauf inmitten des Wohnzimmers dieser WG gebaut ist. Die WG ist uns vertraut, hier sind wir oft. Es hat sich so ergeben, dass wir die Getränke rausgeben, was nicht schwer ist. Es gibt nämlich nur Mate und Kölsch. Wir beiden hatten einen Platz zum Rumstehen gesucht und genau hier gefunden.

Marten ist heute erst zurückgekommen von einer kleinen Tour mit einer der Bands, für die er die Touren managed. Er ist nämlich Tourmanager – oder zumindest kann er davon alle seine Rechnungen bezahlen. Außerdem sorgt er immer dafür, dass im Backstage genug getrunken und im Hotel am nächsten Morgen genug vom Lachs gegessen wird. Und schon vollgesoffen von dem letzten Konzert und vielleicht auch vollgefressen mit Lachs, wer weiß das schon, kam er vorhin erst zurück nach Köln, holte mich ab, gratulierte zum Geburtstag und steht seitdem mit mir an diesem Brett in der WG von Fine und Steff.

Fine ist die beste Freundin von Steff. Mit Steff habe ich studiert. Um uns herum ein Teil unserer Bubble und Menschen, die daran angrenzen. Ich blicke in den Raum und beobachte die Menge bei der zweiten Strophe des Geburtstagsliedes. Ich selbst singe nicht mit. Dann schaue ich nach links. Marten hat sich einen Hut aufgesetzt, der gerade noch an der Wand hinter ihm hing, direkt unter ein paar tibetischen Gebetsflaggen. Ich kenne den Hut, weiß aber nicht, woher er kommt und warum er dort hing.

„Magst du Hüte?“, fragt Marten.

„Ja.“

„Prima. Kann ich deine Hose haben?“

„Nein.“

„Okay.“

Die zweite Strophe ist fast geschafft. Der Kreis um Fine lichtet sich langsam und die Menschen verteilen sich wieder im Raum. Steff, die bis jetzt mit dem Rücken zu uns steht, dreht sich um. Marten scheint so betrunken zu sein, dass es gut sein kann, dass er sich inzwischen in so einer Art Automodus befindet. Soll heißen: Er kann sich selbst dabei zuschauen, wie betrunken er ist. Er kann sich dann durch seine Handlungen so dermaßen selber überraschen, dass er mit freudestrahlender Amüsanz oder zum Himmel schreiendem Entsetzen reagiert. Das ist meistens ein Spektakel, das alle um ihn herum mitreißt. Das mit dem Hut war schon mal lustig. Aber sein Verhalten fordert mich auch immer wieder heraus, meine Schlagfertigkeit präsent zu halten. Viele Leute behaupten, in solch einem Zustand, in dem Marten sich gerade befindet, auf die besten Ideen ihres Lebens zu kommen. Ist mir schon passiert. Ich hatte viele gute Ideen. Bei ihm warte ich ehrlich gesagt noch darauf. Er selbst sicher auch. Eine bahnbrechende Idee, um unser Leben ins Positive zu verändern, traue ich ihm aber dennoch jederzeit zu. Warum nicht genau jetzt? Würde ich ihn jetzt fragen, ob ich seine Hose haben kann, wäre ich mir nicht sicher, ob er ablehnen würde. Ein durchaus logischer Satz in diesem Zustand. Ich bin gespannt, was noch so aus ihm rauskommen wird.

„Habt ihr noch mehr Hüte?“, fragt er Steff. Sie reagiert mit einem lauten Lachen. „Nein. Es gibt nur den einen. Der hängt hier seit unserem Einzug. Du bist der Erste, der ihn aufhat.“

„Oh. Bin ich da in ein Fettnäpfchen getreten?“, fragt Marten.

„Nein, gar nicht. Er steht dir.“

„Danke“, sagt er, fasst sich an den Hut und grüßt, wie ein Cowboy das so tut. Edel. Obwohl es schon seit längerer Zeit politisch unkorrekt geworden ist, sich als Cowboy zu verkleiden, genauso als Chinese, amerikanischer Ureinwohner oder sich mit einer anderen Hautfarbe zu bemalen. Ohne zu zucken, tolerieren Steff und die anderen – selbst jene, an deren Oberlippe ein hipper Schnurrbart hängt –, dass Marten gerade einen solchen Cowboy darzustellen versucht.

Null Uhr ist gerade durch und der förmlichste Teil des Abends geschafft. Es ist eine astreine Reinfeierei. Der Abgesang der Geburtstagshymne ist erledigt, so auch Marten und ich. Marten wohl auch mehr als ich, was aber keinesfalls bedeuten soll, dass der Abend hier für einen von uns bald ein Ende finden muss. Im Gegenteil. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass die Grenze, über die wir gehen können, durchaus weit entfernt sein kann. Wie weit, das hängt von der Phase ab, in der wir sind und vom jeweiligen Abend. Heute haben wir Ausdauer, da ist noch Luft nach oben. Es gibt Phasen, da geht es weniger. Im Takt einer Sinuswelle wechselt sie sich ab. Gerade ist Hochphase und wir können gut. Das wissen wir schon jetzt und setzen deshalb besonders selbstbewusst das Glas an den Mund und auf die Erwartung an die Nacht.

Die Party ist allerdings nicht so stark frequentiert, als dass davon auszugehen ist, dass es eine lange Nacht wird. Ungefähr 20 Leute sind da. Von einigen guten Freunden über Wackelkontakte, also Menschen, die ich ab und an mal sehe, über Fremde, Studenten im dritten Semester für Spoho oder Soziale Arbeit, einem Malermeister bis hin zu einem KFZ-Azubi ist so ziemlich alles heute hier vertreten und wir stehen in der Mitte.

„Gibst du mir ein Kölsch?“, fragt Steff und Marten bestätigt ein weiteres Mal durch einen Griff an seinen Hut.

„Geile Party ist das. Wann kommen deine Eltern zurück?“, will er wissen und reicht ihr die Flasche. Sowohl Blick und Stimme sind dabei aber so ernst, dass es für Außenstehende nicht erkennbar wäre, ob er es ironisch meint. Zum Glück kennen wir ihn.

Ich frage mich, ob mein Leben wie eine Sitcom ist, oder diese Sitcoms, die ich immer sehe, so sind wie mein Leben. Das Spannende an Sitcoms ist ja, dass die Konflikte ausgetragen werden, um die man im echten Leben einen Bogen macht. Ob das in meinem Leben der Fall ist? Das vorhin mit Ella hätte auf jeden Fall die erste Pointe samt Cliffhanger für eine neue Folge sein können. Ich überlege, welchen Titel ich für die Musik im Vorspann auswählen würde.

„Schön, dass ihr gekommen seid“, sagt Steff. „Wir waren ja eben noch essen. Das war der Wahnsinn. Wir waren bei einem Krimi-Dinner. Zehn Tische. Drei Gänge. Alle essen das Gleiche. Und parallel dazu spielen dir vier Schauspieler einen Mordfall im Restaurant vor. Irgendwann kommen sie zu einem an den Tisch und fragen: ‚Wo waren Sie gestern Abend zwischen 19 und 23 Uhr?’ Und bevor du antworten kannst, grätscht schon wieder ein anderer Schauspieler rein und fällt dir ins Wort. Fine hat sich fast bepisst vor Lachen, hat sie gesagt.“

„Geiles Geschenk!“, antworte ich und stelle mir vor, wie es wohl gewesen wäre, wenn Marten und ich auch daran teilgenommen hätten, und zwar in dem Zustand, in dem wir uns in diesem Moment befinden. Marten wäre auf die Nachfrage zu seinem Alibi ziemlich sicher entschlossen aufgestanden und hätte einen minutenlangen Monolog darüber gehalten, wo er sich zur Tatzeit befunden hätte, was er gemacht habe und weshalb er es gar nicht gewesen sein kann, dass er die verstorbene Person überhaupt nicht kenne und kein Motiv habe. Ihn zu beschuldigen, wäre wahnwitzig und was für eine Frechheit es wäre, ihn hier vor allen Menschen in einem Lokal bei so einem leckeren Essen zu beschuldigen, aber viel interessanter noch: Was für ein Alibi hätten die Schauspieler überhaupt, das würde ihn jetzt mal interessieren! Am Ende würde seine Vorstellung so überzeugend sein, dass unser aller Essen aufs Haus ginge und wir unter dem Applaus aller Anwesenden das Lokal verlassen würden. Nach diesem Kopfkino bin ich mir sicher: Mein Leben ist eine Sitcom. Voraufgezeichnete Lacher hallen durch meinen Schädel.

„Das Gehirn ist ein Muskel“, erwidert Marten, ohne dass er von meinem Kopfkino etwas mitbekommen haben kann. „Man kann es trainieren. Sorry Leute. Ich habe gerade gemerkt, ich bin so betrunken, dass es ab jetzt verbal gefährlich wird. Daher halte ich nun für etwa zwei Stunden die Schnauze, okay?“

Steff und ich sehen uns genauso überrascht wie amüsiert in die Augen. Dann stoßen wir an. Stumpf ist eben Trumpf. In Momenten wie diesem denke ich, Marten ist der Einzige, der diese Weisheit verstanden hat.

Inzwischen ist die Stereoanlage sehr laut aufgedreht und die Unterhaltungen müssen sich an ihre Lautstärke anpassen. Dashboard Confessional – Hands down. Ist das nicht episch? Habe ich auf Platte. Ein USA-Import, der mich, genau wie die Bizarre Love Triangle Single von New Order mehr Versand gekostet hat als die Platte selbst. Aber gut. Man muss Prioritäten setzen. Wir leben in einer epischen Welt und jetzt wird getanzt. Tanzen ist auch nur eine Form, sich auf der immergleichen Stelle zu bewegen. Ich tanze nicht.

Epik. Woran merkt man da, dass es zu viel ist? Jeder macht aus seinen Talenten eben, was er kann – aber nicht alle, denke ich. Widerspruch. Egal. Ich trinke einen Schluck. Die Jungen schunkeln wie die Alten, denke ich weiter, als ich die Dance Moves neben der kleinen improvisierten Theke beobachte. Ob Schlager oder Chart-Hit ist am Ende des Tages auch egal. Gib den Menschen eine Zeile und drei Akkorde. Der Rest entsteht von selbst. Wir bewegen uns hier schon lange nicht mehr auf stilsicherem Terrain. Da muss man sich drauf einlassen. Das darf man mental nicht mit nach Hause nehmen.

Ich sehe aus dem Fenster. Straßenlaternen auf Beton. Leuchtreklamen vor schwarzblauem Himmel. Geschäfte. Läden und Lokale. Mein Kopfkino geht weiter zu einer Polizeistreife und dann zur Venloer Straßen-Mafia, welche ihre Geschäfte macht in diesem wunderschönen Licht. Ich überlege, welche weiteren Dinge Geburtstagspartys und die Arbeit im Kriminaldauerdienst gemeinsam haben. Schließlich bin ich mit den Gedanken und Sinnen wieder in der WG, in der wir stehen, angekommen.

„Dieses beschissene Ehrenfeld“, kommt es aus meinem Mund, ohne, dass ich weiter darüber nachgedacht habe.

„Was hast du denn jetzt gegen Ehrenfeld?“, fragt Steff.

„An sich gar nicht so viel. Ich mag es ja. Aber es verändert sich und ich mich nicht. Und ich frage mich, ob ich mich nun auch verändern muss, weil Ehrenfeld sich verändert oder, ob ich so bleiben kann, wie ich bin, weil ich mag, wie ich bin. Aber Ehrenfeld soll dann bitte auch mal bleiben, wie es ist. Ohne diese ständigen Baustellen an jeder Straßenecke. Ohne Neubauten. Warum bauen die neu? Jedes dritte Gebäude auf der Venloer steht leer. Da sind überall Baustellen im Stillstand. Warum bauen die das nicht erstmal fertig, anstatt den halben Stadtteil abzureißen? Findet ihr nicht, dass das so ist? Das kann doch nicht sein?! Was macht die Stadt denn da bitte?!“

„Was bedeutet die Frage denn unverklausuliert?“, fragt Marten.

„Dass es keinen Ort mehr gibt, an dem man sich treffen kann, ohne einen Milchkaffee für 5 Euro zu bestellen. Ständig musst du dich irgendwo anstellen und für irgendwas bezahlen, um da bleiben zu dürfen, wo du bist. Und gerade bei schlechtem Wetter kann man nirgendwo mehr hin, ohne Geld in der Tasche zu haben. Und wenn es mal eine kostenlose Sitzbank gibt, dann sind die Kölner so stolz darauf, dass sie direkt ein Schild darauf schrauben, auf dem steht, wer die Bank gesponsert hat. Ist kostenloses Sitzen jetzt Aufgabe von Stiftungen und Ehrenamtlern, weil sich die Stadt nicht mehr darum kümmert? Sag mir mal einen Ort, wo man keinen Eintritt bezahlen oder kein Getränk bestellen muss, um sich eine Daseinsberechtigung zu erkaufen.“

„Der Supermarkt“, antwortet Marten.

„Super, dann treffen wir uns also bald alle nur noch im Supermarkt, um uns zu sehen?“, fragt Steff. „Oder in Kirchen? Vielleicht können wir denen auch mal wieder einen neuen Sinn geben? Die stehen doch eh leer, oder?“

„Es scheint so“, sage ich. „Oder wir treffen uns einfach immer bei euch oder uns in der WG.“

„So weit kommt es noch. Wie kommst du überhaupt darauf?“, fragt Steff.

„Reines Kopfkino. Keine Ahnung. Ich biege manchmal falsch ab.“

„Leon biegt manchmal falsch ab, weißt du?“, sagt Marten zu Steff, so als würden wir alle uns nicht schon ewig kennen. „Und dann hat er meistens eine Idee und aus der Idee wird ein Plan und dann will er etwas machen und das hält so zwei Tage und dann kommt ihm eine neue Idee.“

„Ach was, Marten“, steigt Steff mit großen Augen auf das ironische Gespräch ein. „Erzähl mir mehr von diesem Leon. Das scheint interessant.“

„Eben ist er schon wieder falsch abgebogen. Hat Ella im Türrahmen stehenlassen, weil er Angst vor einem Anschiss hatte“, macht Marten weiter.

„Das habe ich dir im Vertrauen erzählt.“

„Das solltest du mal angehen“, fährt Marten fort, „das Thema Konflikt und Aussprache und Klärung von Dingen. In unserer netten Runde ist die Geschichte perfekt platziert.“

„Egal“, unterbreche ich ihn lautstark und trommle mit den Händen auf die Theke. „Bist du morgen Abend dabei?“ Ich wende mich Steff zu.

„Bei euch?“, fragt sie.

„Ja. Ich würde es dir empfehlen. Es könnte die letzte Party sein, bevor die auch bei uns alles abreißen, bevor die Bauzäune hochgezogen und die Sandberge errichtet werden, die die Bauherren davon abhalten sollen, den Boden zu untersuchen, um ihn etwa doch noch von Altlasten befreien zu müssen. Das volle Programm eben.“

„Moment. Bei euch wird abgerissen?“, fragt Marten.

„Nein. Das war nur Werbung, um es für Steff interessanter zu machen, zu uns zu kommen. Aber bei dem, was in Ehrenfeld schon alles abgerissen wurde, könnte ich mir wirklich vorstellen, dass unsere WG bald der letzte Ort sein wird, an dem man in Ehrenfeld noch feiern kann. Danach nur noch in Bickendorf, in Vogelsang, woanders als hier einfach.“

Steff nickt traurig und sagt: „Tschüss Subkultur, 2-Euro-Bier, Heimweg bei Sonnenaufgang. Ey, wenn bei euch jetzt abgerissen würde, dann gute Nacht. Schecki sucht seit über einem Jahr nach einer neuen Wohnung. Der leidet richtig.“

Wie Schecki sind wir alle hier gerade auf der Suche. Nach neuen Orten. Nach Freiräumen. Nach Kellern, Häusern, Zimmern, Plätzen, die wir gestalten können, die wir frei von Kommerz und Kapitalismus auf- und ausbauen können. Ohne, dass eine ominöse Real Estate GmbH jeden Monat eine horrende Miete abbucht, nur um das ganze Ding nach kurzer Zeit infrage zu stellen, weil zu teuer, weil zu unmodern, weil nicht rentabel, weil … Wir suchen nach Treffpunkten, die sich jeder leisten kann, Orten der Begegnung, frei von Eintritt. Möglichkeitsräume für Kunst, Kultur und Gemeinschaft. Zwischen Oskar-Jäger-Straße und Maarweg und im Portugiesenviertel gibt es zwar noch vereinzelt Platz für so etwas. Ist das dann auch verschandelt, ist Ehrenfeld aber auch fertig. Ausgeschlachtet. Da geht nichts mehr. Und sobald das neue Ehrenveedel und wie sie alle heißen fertiggestellt sein werden, können wir uns schon ausmalen, wie die Kräne, Bagger und LKW umziehen, um nur ein paar Hundert Meter weiter wieder aufgebaut zu werden und ein weiteres Mal zu buddeln, zu bauen und zu begleichen. Ehrenfeld zu einem weiteren Neubaugebiet dieses Jahrtausends zu machen, die Gleichheit und Verwechselbarkeit des urbanen Raums voranzutreiben, das ist der Motor der Gentrifizierung, die wir alle aus unseren Fenstern heraus beobachten können.

Wo soll er sein, der neue Raum? Und wie soll er aussehen? Es lohnt nicht, alte Büroetagen anzumieten, um doch nur mit der neureichen Nachbarschaft in Konflikt zu geraten. Wo Leute sich treffen, entsteht Lärm. Wo Lärm, da Beschwerden. Was wollen die Menschen eigentlich? Wozu ziehst du denn nach Ehrenfeld, wenn du dich dann beschwerst, dass es zu laut ist?

Diese Suche nach Freiräumen gibt es schon immer und es fühlt sich so an, als würde sie immer bleiben. Als wäre sie ein Bestandteil des Lebens in der Großstadt. Wir durchforsten Kleinanzeigen und ImmoScout nach alten Fabrikgebäuden, nach Leerständen, nach Möglichkeiten. Aber entweder ist es zu teuer oder zu groß. Und gibt es dann etwas, findet sich doch keine Gruppe von Menschen, die es wirklich durchziehen, das Risiko eingehen und etwas aufbauen wollen. Nicht mal bei uns, obwohl meinem Gefühl nach unsere Bubble sehr viel Potential dazu hätte. Aber da sind wir dann eben doch nicht unisono genug. Eine Theke und ein Kühlschrank reichen meistens eben nicht, um so einen Ort zu betreiben. Konzerte sind gut. Flohmärkte, Lesungen, Disco. Alles, was Menschen zieht, alles, was auch nur ein bisschen Geld einbringt.

Aber wie machen? In den letzten Monaten, als sich so langsam abzeichnete, dass mein letzter Job zu Ende geht, schwante mir schon des Öfteren, dass ich es vielleicht alleine probieren müsste. Wozu lebe ich hier, wenn es den Ort nicht gibt, an dem ich mich verwirklichen und mein Umfeld Tag für Tag generieren kann?

In Gedanken versunken blicke ich auf und finde Marten auf der Tanzfläche, die sich im Wohnzimmer gebildet hat, wieder. Der Hut sitzt fest auf seinem Kopf und er wippt mit den Fingern in der Luft zu einem weiteren beliebigen Indie Rock Song aus den frühen 2000ern. Wenn er tanzt, ist das gut. Er tanzt sich den Pegel runter.

„Hast du dich auf Fusion-Tickets beworben?“, fragt mich Steff.

„Nein. Kann ich gerade gar nicht drüber nachdenken.“

„Also ich hatte Spaß dieses Jahr. Es waren so viele Leute da.“

„Spaß hatte ich auch. Aber es strengt ganz schön an. Außerdem ist bei mir gerade Ebbe. Ich habe keine Kohle. Und ich brauche einen neuen Job.“

„Was ist denn mit deinem alten Job?“

„Der ist ausgelaufen. Aber irgendwie ist das auch gut. Ich habe das Gefühl, ich brauche etwas Neues. Etwas, was mir Spaß macht. Und gerne auch etwas, das ein bisschen mehr einbringt. Geld ist gerade so die Sache bei mir. Deswegen bin ich auch vor Ella weg. Ich will nicht, dass wir uns um Geld streiten. Wir mögen uns zu sehr, als dass uns das in unserem WG-Leben stören darf.“

„Also läufst du einfach weg.“

„Ich schiebe auf.“

„Du vermeidest.“

„Bitte, dann vermeide ich eben.“

Steff schaut mir in die Augen, ähnlich wie Ella es eben getan hat. Aber was soll ich machen? Die Situation habe ich ja schon versaut. Ich kann nur noch hoffen, dass Ella ein weiteres Mal nachsichtig mit mir ist.

„Was hast du zuletzt noch mal gemacht?“, fragt Steff berechtigterweise. Die Jobs meiner letzten fünf Jahre sind nämlich nicht nur schwer in eine logische Reihenfolge zu bringen, sondern haben auch alle nichts mit dem zu tun, was ich mal studiert habe. Medienkulturwissenschaft. Bravo. Ein Studiengang, der quasi zwangsläufig mit einer Studentenbeschäftigung als Kinokartenverkäufer einhergeht, mich danach aber aus meiner Zeit als studentischer Jobber leider keinen Schritt weiter als bis dorthin gebracht hat. Es folgte ein Intermezzo als Lagerist, eine kurze Karriere als Fahrradkurier für warme Bestellmahlzeiten, dann zu einer Tätigkeit in einer völlig lebensfremden Umgebung, der Stadtbibliothek. Und dann …

„Fundraising“, sage ich zu Steff und vernehme, wie R.E.M.‘s It´s the end of the world as we know it (and I feel fine) durch den Raum hallt. Ich fühle mich irgendwie gut. Und so lange die Welt untergeht, schaue ich ihr gutfühlend dabei zu – auch wenn die Welt zu verlassen mir manchmal wie der letzte noch funktionierende Ausweg erscheint. Alleine am Geld für den Bau einer geeigneten Rakete scheitert es bei mir. Also schaue ich zu.

„Fundraising“, wiederholt sie.

„Ja. Es darf jetzt gerne etwas anderes sein. Aber hey. Du. Zukunft“, sage ich – und zwar so, als wäre Zukunft der Titel eines neuen fantastischen Films, der bald in die Kinos kommt. „Denk dran.“

„Ja schon. Aber an was denn?“

„Ich glaube, wir machen einfach was. Wir halten die Augen offen. Comfort Zone ist halt nicht die Antwort. Man muss mal was probieren. Man muss sich mal was trauen.“

Steff nickt. „Ich wäre einfach froh, wenn es in Zukunft einen Ort gäbe, an dem Frauen nicht nur deshalb mit Frauen tanzen, damit sie von den Männern in Ruhe gelassen werden.“

„Ja. Kann ich voll verstehen. Müssen wir finden. Andere Frage: Soll ich mir mal was von Green Day wünschen?“, rede ich so vor mich hin.

Was würde ich in Wirklichkeit für irgendeine Nummer von Moby geben? Gerne einen Titel vom Play Album, den niemand kennt. Die Musik, die hier heute Abend läuft, mag ich nicht. Klar habe ich das früher auch gehört. Im Radio, im Fernsehen, bei Freunden. Aber wenn ich alleine war, mochte ich es eine Spur derber. NOFX, Bad Religion, Dead Kennedys. Ist heute auch nur noch Nostalgie für mich, selbst wenn ich sehe, wie genial Fat Mike im roten Kleid singend seine Punkrockgruppe mit einem Orchester verstärkt und damit selbst dem letzten Menschen klar macht, dass er besser komponiert als so manch musikalische Legende, wie Bach oder Beethoven. Auch Hip Hop habe ich mal gehört, aber nie so, als dass mir ein Artist besonders in Erinnerung geblieben wäre. Schon gar kein Deutscher. Deutschsprachige Musik höre ich grundsätzlich nicht. Das ist mir zu nah.

Mein heutiger Musikgeschmack in einem Wort? Gut! Es ist alles dabei, aber nichts, was nicht wohl kuratiert ist. Indie. Rock. Klassiker. Klassik. Jazz. Fusion. Experimental. Trip Hop. Electronica. Einmal im Jahr verfalle ich in ein Drum’n’Bass Rabbit Hole, welches sich in meinen frühen Zwanzigern zum ersten Mal aufgetan hat. High Contrast, Lenzman, Fabio & Grooverider. Was haben wir uns die Nächte um die Ohren geschlagen. Die Harmoniefolgen sind nicht anspruchsvoll, es ist leicht, sich in diesen Vibe fallenzulassen. Melancholie und Härte. Das Subgenre, das wir feiern, heißt Liquid Funk und ist heute zu einem Graus aus Plastikmusik mutiert. Worum es damals ging, findet man heute nur noch unter den Liquid Funk Classics. Aber ich habe keine Ahnung, die Drum’n’Bass Freaks werden mich dafür verachten, dass ich diese Namen in eine Reihe stelle.

Die langen Autofahrten mit meinen Eltern waren der Segen meines Lebens. Bei denen lief im Radio, was heute Musik für die ganz alten Leute ist. Das Radio war verantwortlich für das große Interesse an Rockmusik in meiner Pubertät und die Entdeckung der Elektronik in meinen 20ern. Denn mit etwa 30 ist der musikalische Geschmack eines jeden ausgebildet und entwickelt sich nicht weiter. Mit der Zeit stumpft man ab, hat man weniger Liebeskummer, hört weniger Liebeslieder, da verkommt der musikalische Geschmack. Das ist meine Theorie. Was du bis dahin nicht magst, wirst du nie mögen. Was du bis dahin liebst, wirst du immer lieben. Seitdem ich das weiß, will ich dieser Entwicklung proaktiv entgegenwirken.

Steff reißt mich aus meiner Gedankenschleife. „Puh, in echt? Weißt du, ich bin 32. Und bei so einer Musik fühle ich mich, als wäre ich das zweite Mal 16.“

„Ist das gut? Also heißt das, dass du dich jung fühlst oder, dass du dich jünger fühlst, als du willst?“, frage ich.

Steff lehnt sich auf die Theke und unsere Gesichter berühren sich beinahe. Das ist gut, denn sonst könnte ich sie kaum mehr verstehen: „Wir sind morgen auf jeden Fall zuerst bei der Vernissage in Nippes, später pünktlich auf dem Neptunplatz und kommen dann mit zu euch, okay?“

„Okay. Ich habe noch nicht mit Ella gesprochen, wie wir es machen. Ob Nippes oder nicht. Morgen frühstücken wir und da klären wir das. Aber auf jeden Fall später bei uns“, sage ich.

„Na ja. Ella und du, ihr habt von außen betrachtet immer irgendwie Stress, oder?“, sagt Steff.

„Keine Ahnung. Irgendwie ja. Irgendwie nein. Wir kennen uns unser halbes Leben. Eigentlich mögen wir uns. Sonst hätten wir es wohl nie so lange miteinander ausgehalten. Es ist nur unangenehm, weil ich sie morgen noch fragen muss, ob sie mir die Miete vorstrecken kann. Alles, was ich derzeit habe, ist in meinem Portemonnaie.“

„Wow“, sagt Steff. „Das könnte ich nicht.“

„Man lernt, wie das geht“, erwidere ich. „Anderes Thema: Geht es hier jetzt immer so weiter oder ziehen wir gleich noch los?“

„Ich hoffe, wir ziehen noch los. Ich will die Nachbarn nicht zu sehr ärgern.“

Es dauert noch zwei Songs von Green Day, einen von Linkin Park und einen von Limp Bizkit, etwa das halbe Best of von Blink 182, sowie eine weitere Ballade von R.E.M. und natürlich The Bitter End von Placebo, fünf weitere Kölsch, eine Ansprache von Fine und Steff – während der ich darüber nachdenke, welche der eben gehörten Songs endlich mal verboten werden sollten und welche in meine persönliche Hall of Fame einziehen dürften – und etliche Toilettengänge, bis sich alle Gäste nach und nach bereitmachen, die Wohnung gemeinsam zu verlassen. Wohin wir wollen, wissen wir noch nicht, aber erstmal raus, um unterwegs zu sein.

Unter den Schienen

Es gibt keine Alternative zu dem, was jetzt passiert. Es scheint ein Naturgesetz zu sein oder eine Willkür des menschlichen Miteinanders. Spontanität, Unüberlegtheit, Unehrlichkeit, es kann viele Gründe geben. Aber nur wenige Minuten, nachdem in der WG noch Einigkeit darüber geherrscht hatte, dass alle gemeinsam irgendwohin gehen, bleiben die ersten direkt vor Bernis Kiosk stehen und kündigen an, den Heimweg anzutreten.

„Wenn ich mit der Bahn nach Hause fahre und absichtlich einen Umstieg in einer andere Bahn einbaue, habe ich die Chance, kontrolliert zu werden dann verdoppelt oder halbiert?“, fragt Mascha, während sie auf ihrem Handy nach Verbindungen zur anderen Rheinseite googelt. Sie und ihre Freundin Olga sind Ur-Kalkerinnen und hart im Nehmen. Ich habe noch nie gehört, dass sie sich darüber beschwert hätten, immer die weiten Wege nach drüben nehmen zu müssen. Lässt sich für mich nur dadurch erklären, dass sie dort eben eine Wohnung gefunden haben, von der man hier zu dem Preis nur träumen kann. Neunzig Quadratmeter, große Terrasse, 900 warm. Köln-Kalk hat Vorzüge, wenn man über den Dächern wohnt.

„Es kommt darauf an, was dir lieber wäre. Es ist eine Glaubenssache“, erklärt Olga.

„In jedem Fall machen wir uns jetzt auf den Weg“, sagt Mascha, umarmt erst Fine, dann Steff und wirft im Anschluss ein Winken in die Runde, die gesammelt vor dem Kiosk wartet.

„Tschüss, ihr!“, ruft Olga und die beiden drehen ab. Keine fünf Meter weiter beginnt der Abstieg in die U-Bahn Haltestelle Leyendeckerstraße.

Jetzt sind wir noch zu elft. Fine, Steff, Marten, ich. Karsten mit K. Drei Menschen, die ich nicht kenne, drei Menschen, die ich kenne, aber ihren Namen nicht weiß.