Hide*Out - Andreas Eschbach - E-Book + Hörbuch

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Andreas Eschbach

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Beschreibung

Hunderttausende Menschen, die im Gleichtakt denken, handeln, fühlen: Das ist die Kohärenz, die größte Bedrohung der Menschheit. Nur der 17-jährige Christopher, einst der berühmteste Hacker der Welt, wagt es, den Kampf mit dieser gigantischen Macht aufzunehmen. Als die Gruppe um den Visionär Jeremiah Jones auffliegt, bei der Christopher Zuflucht gesucht hat, können er und Jones' Tochter Serenity in letzter Sekunde fliehen. Doch dann stellt Christopher zu seinem Entsetzen fest, dass er es mit einem ganz besonderen Gegner zu tun hat - einem Feind in seinem eigenen Kopf … 

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Seitenzahl: 458

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Titel

Andreas Eschbach

HIDE*OUT

Impressum

Erste Veröffentlichung als E-Book 2012 © 2011 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Einbandgestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80148-3www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.dewww.eschbach-lesen.de

Warnsignale

1

Das Haus mit den gelben Fensterläden stand einsam am Ende einer staubigen Straße. Einst war es eine kleine Farm gewesen, doch irgendwann war der nahe gelegene Bach versiegt und das Land ringsum ausgetrocknet. Nun erhoben sich abgestorbene Bäume und verdorrte Büsche auf dem Gelände und das Gras auf den Wiesen war fahlbraun statt grün.

Doch das Haus war noch bewohnt. Auf einem Stück Rasen vor der Tür lag buntes Kinderspielzeug aus Plastik, über einem sandgefüllten Erdloch stand eine Rutsche. Hinter den Fensterscheiben leuchtete abends Licht.

So war es auch an dem Abend, an dem ein cremeweißer Lincoln von der Hauptstraße auf die Schotterpiste zu diesem Haus abbog. Zwei ältere Damen saßen darin, schweigend. Hätte sie jemand beobachtet, er hätte unweigerlich den Eindruck gewonnen, dass sie genau wussten, wohin sie wollten.

Aber es war niemand da, der sie hätte beobachten können. Die Frau und das Kind, die in dem Haus mit den gelben Fensterläden wohnten, lebten dort alleine. Besuch hatten sie so gut wie nie.

Der Wagen folgte der Piste, die hügelan führte, dann wieder hinab und um ein Stück Wald herum. Erst hier kam das Haus in Sicht. Der Lincoln fuhr zielstrebig weiter und hielt direkt davor, neben einem Honda, dessen zahlreiche Rostbeulen die Dunkelheit gnädig verbarg.

Die beiden Frauen stiegen aus. Die eine hatte die Statur einer Ringerin, die andere war schlank und trug eine Brille, die fünfzig Jahre zuvor modern gewesen wäre. Beide waren weiß gekleidet.

Die Brillenträgerin nahm einen schmalen Koffer aus dem Kofferraum, dann gingen beide auf das Haus zu. Doch noch ehe sie es erreicht hatten, öffnete sich die Haustür. Eine dünne, dunkelhaarige Frau trat heraus. Sie hielt ein Mobiltelefon in der Hand und musterte die beiden Ankömmlinge äußerst misstrauisch.

»Guten Abend«, sagte sie scharf und in einem Ton, der ihre Worte unmissverständlich wie Keinen Schritt weiter! klingen ließ. »Was führt Sie her, wenn ich fragen darf?«

Die beiden Frauen waren stehen geblieben. Die mit der Brille sagte: »Guten Abend. Wir suchen Miss Patricia Batt.«

»Steht vor Ihnen«, sagte die Frau in der Tür. Sie hielt das Telefon immer noch wie eine Waffe.

»Mein Name ist Dr. Edith Wells, ich bin Kinderärztin«, fuhr die Frau mit der Brille fort. Sie deutete auf ihre Begleiterin. »Das ist Lara Brown, meine Assistentin. Wir kommen wegen Ihres Sohnes Eric.«

Die skeptischen Furchen auf der Stirn der Frau in der Haustür vertieften sich. »Wegen Eric? Was ist mit ihm?«

»Forrester Foundation«, sagte die Frau, die behauptet hatte, Kinderärztin zu sein. »Sie müssten vor Kurzem einen Brief bekommen haben, der unseren Besuch angekündigt hat.«

»Ich habe keinen Brief bekommen.«

»Oh.« Die beiden Frauen wechselten einen Blick. Dann sagte die Kinderärztin: »Das ist jetzt unangenehm. So etwas sollte eigentlich nicht vorkommen. Wir können ein andermal wiederkommen, wenn Ihnen das lieber ist…«

»Worum geht es denn? Was ist mit meinem Sohn?«

»Nun, Eric leidet an Diabetes, nicht wahr? Und wir… Von der Forrester Foundation haben Sie doch sicher schon gehört?«

»Tut mir leid. Nein.« In der Stimme der Frau, der das Haus gehörte, schwang Sorge mit.

»Die Stiftung wurde vor etwa sechzig Jahren von dem Industriellen Maximilian Forrester gegründet, nachdem er einen Sohn durch Diabetes verloren hatte. Unser Schwerpunkt ist die Entwicklung wirksamerer Therapien. Meine Kollegin und ich haben heute den Weg zu Ihnen unternommen, weil wir Ihnen eine neue, bessere Behandlungsmethode für Eric vorstellen wollen.« Sie hob den Koffer in ihrer Hand an. »Ich habe Informationsmaterial dabei, aber erfahrungsgemäß ist es ratsam, dass ich Ihnen alles erkläre und eventuelle Fragen beantworte.«

»Was ist das für eine Therapie?«

»Ich muss dazu gleich sagen, dass die eigentliche Behandlung Ihr Arzt durchführen würde – Sie sind bei Dr. Kaufman hier im Ort, nicht wahr?«

Die Frau in der Tür kaute zweifelnd auf ihrer Unterlippe. Sie nickte nur.

»Nun, es würde darauf hinauslaufen, dass Eric keine Spritzen mehr bekommen müsste.« Die Frau mit der altmodischen Brille hob die Schultern. »Wenn es Ihnen heute ungelegen kommt, können wir gern einen Termin für einen Besuch an einem anderen Abend ausmachen. Allerdings wohl erst…« Sie zückte einen altmodischen Taschenkalender und blätterte darin herum. »Hmm… also, diesen Monat geht es nicht mehr. Das wäre dann im Juli.«

»Nein, warten Sie«, sagte die Frau am oberen Ende der kleinen Treppe. Sie hob das Telefon ans Ohr. »Cathy? Hast du das mitgekriegt? Ich glaube, das ist in Ordnung, oder? Ja. Danke. Gute Nacht.« Dann sagte sie: »Kommen Sie rein.«

»Gerne«, sagte die Frau mit dem Koffer und ging voran. Ihre Begleiterin folgte ihr.

»Eric schläft aber schon«, sagte Patricia Batt, während sie die Tür schloss.

»Das ist gut so«, erwiderte die Frau, die behauptet hatte, Kinderärztin zu sein. »Sie sind es ja, zu der wir wollen.« Sie ging in die Küche, legte ihren Koffer auf den Tisch und öffnete ihn.

Es war nichts darin, das auch nur annähernd wie ein Prospekt ausgesehen hätte. Vielmehr enthielt der Koffer allerlei seltsame Gerätschaften, stoßsicher eingebettet in elastischen Formschaum.

Die Frau mit der Brille nahm, ohne zu zögern, ein Gestell heraus, das einer Schraubzwinge ähnelte, und reichte es ihrer stämmigen Kollegin. Die machte sich sofort daran, es ungefähr in Kopfhöhe am Rahmen der Küchentür festzuschrauben. Ein breiter Lederriemen baumelte von dem Gestell herab.

»Heh«, rief Patricia Batt. »Was machen Sie denn da?«

»Erschrecken Sie jetzt nicht und schreien Sie nicht«, sagten beide Frauen im Chor, mit einer Gleichstimmigkeit, die einem unwillkürlich Schauer über den Rücken jagte. »In Wirklichkeit sind wir gekommen, um Sie einem kleinen chirurgischen Eingriff zu unterziehen. Er ist zu Ihrem Besten, wie Sie feststellen werden, und es tut nicht weh, wenn Sie sich nicht wehren.«

»Was für einen –?«

Doch da hatte die Frau mit der Ringerfigur sie schon von hinten gepackt. Noch ehe Patricia schreien konnte, war die angebliche Kinderärztin mit einer Injektionspistole bei ihr und jagte ihr ein Medikament in die Halsschlagader. Im nächsten Augenblick sackte Patricia schlaff und stumm in sich zusammen und wäre wie ein Lumpenbündel auf den Boden geschlagen, wenn die stämmige Frau sie nicht festgehalten hätte. Sie wuchtete sie herum und stellte sie so gegen den Türrahmen, dass ihr Kopf in dem Gestell zu liegen kam. Dann zurrte sie ihr den Lederriemen so über die Stirn, dass dieser sie in ihrer Position festhielt.

Das Letzte, was Patricia Batt sah, ehe sie ohnmächtig wurde, war ein Instrument, das einer Pistole glich; einer Pistole mit einem ganz, ganz langen, bleistiftdünnen Lauf, der schimmerte wie Gold.

Der cremeweiße Lincoln blieb vier Tage lang vor dem Haus stehen. Vier Tage lang rührte sich nichts darin. Keine Tür wurde geöffnet. Nur abends brannte Licht in einigen der Fenster.

Dann, am fünften Tag, ging die Haustür wieder auf. Die beiden Frauen in ihren hellen Kleidern, in denen sie wie medizinisches Personal aussahen, traten heraus. Schweigend und ohne sich noch einmal umzudrehen, gingen sie zu ihrem Wagen, verstauten den Koffer, stiegen ein und fuhren davon. Patricia Batt stand währenddessen in der Küche und räumte, ohne das Geschehen draußen weiter zu beachten, Geschirr in die Spülmaschine.

Ihr Sohn Eric saß stumm auf einem Stuhl und stierte ins Leere.

2

»Warte.« Die Frau hinter dem Steuer hob die Hände. »Halt. Jeremiah – hast du überhaupt eine Vorstellung, wie das alles klingt?«

»Ziemlich verrückt, nehme ich an«, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz. Er sah erschöpft aus.

»Völlig verrückt.«

»Okay, dann eben völlig verrückt.« Er seufzte. »Aber was soll ich machen, Lilian? Es ist die Wahrheit.«

Sie saßen in einem blauen Ford, der auf dem Parkplatz eines Supermarktes der GIANT-STORE-Kette zwischen Live Oaks und Santa Cruz stand. Neben dem Ford stand ein dreckiger Geländewagen; das einzige andere Fahrzeug in weitem Umkreis.

Die Frau hinter dem Steuer kniff die Augen zusammen. Sie hatte dichtes schwarzes Lockenhaar, das nur mit viel Mühe und starken Gummibändern im Zaum zu halten war. »Wieso erzählst du mir das alles überhaupt? Ich habe darauf gewartet, dass du unsere Tochter zurück nach Hause schickst. Stattdessen tauchst du selber auf und erzählst mir eine derart monströse Geschichte. Hunderttausend Menschen, die dich, die euch verfolgen. Die alles unterwandert haben, den Staat, die Polizei, die Wirtschaft. Von denen jeder einen Chip im Kopf trägt, über den sie miteinander verbunden sind, sodass jeder die Gedanken der anderen lesen kann.« Sie schloss die Augen, presste die Fäuste gegen die Stirn und seufzte. »Geht es nicht eine Nummer kleiner?«

Der Mann betrachtete sie ernst. Er war knapp fünfzig Jahre alt, wirkte durchtrainiert und so, als würde er viel Zeit im Freien verbringen. Sein Kopf war so gut wie kahl geschoren, was ihm eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Darsteller des Captain Picard aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise verlieh.

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass es anders wäre. Aber die Kohärenz ist nicht nur real, sie ist auch unser Feind –«

Der Kopf der Frau ruckte hoch. »Die Kohärenz!« Sie spuckte das Wort förmlich aus. »Wer hat sich diesen blöden Namen eigentlich ausgedacht?«

»Das weiß ich nicht mehr«, sagte der Mann. »Der Name ist aufgekommen, weil jemand den Gleichtakt ihrer Gehirne mit dem Gleichtakt der Lichtwellen in einem Laserstrahl verglichen hat. Von einem Laser sagt man, es sei kohärentes Licht. Und weil sie sozusagen im gleichen Takt denken, nennen wir sie –«

»Jaja, das hab ich verstanden«, unterbrach die Frau ihn ungehalten. »Aber wie soll das funktionieren? Okay, manche können das: fünf Sachen gleichzeitig erledigen. Aber ich bin ehrlich gesagt schon überfordert, wenn jemand auf mich einredet, während ich was aufschreibe. Wenn ich mir vorzustellen versuche, mit hunderttausend Leuten gleichzeitig in Verbindung zu stehen… Ich würde kollabieren. Jeder würde das. Das geht einfach nicht.«

Jeremiah Jones nickte. »Ja, aber so funktioniert das auch nicht. Die Upgrader – das sind nicht hunderttausend Leute, die alle miteinander kommunizieren.«

»Aber gerade hast du doch gesagt –«

»Es sind hunderttausend Gehirne, die miteinander in Verbindung stehen. Das ist etwas völlig anderes.«

Lilian Jones, die Mutter seiner Kinder und trotz ihrer Trennung, die nun schon Jahre dauerte, rechtlich immer noch seine Ehefrau, furchte die Stirn. »Ich sehe nicht, wo da der Unterschied sein soll.«

»Es hat etwas damit zu tun, wie unsere Gedanken entstehen. Die Hirnforscher sagen, dass jedem unserer Gedanken, jedem unserer Entschlüsse die Bildung eines mehr oder weniger großen Musters von miteinander verbundenen, im gleichen Takt arbeitenden Neuronen vorausgeht. Dieses Muster entsteht, ehe uns der betreffende Gedanke bewusst wird – wie immer das mit dem Bewusstsein funktionieren mag«, fügte er mit einer Handbewegung zur Seite hinzu. »Was bei den Upgradern passiert, ist, dass sich solche Muster über mehrere Gehirne hinweg bilden. Sie sind auf der geistigen Ebene zu einer Gesamtheit verschmolzen, die zu Gedanken imstande ist, die wir uns gar nicht vorstellen können. Das meine ich, wenn ich von Kohärenz spreche: Im Grunde sind das nicht mehr hunderttausend Menschen wie du und ich, sondern es ist ein einziger, gigantischer Geist, der hunderttausend menschliche Körper bewohnt.«

Lilian starrte ihn an, blinzelte ungläubig. »Das ist doch Unsinn. Wie soll dieser Geist das denn machen? Wie soll er mit so vielen Augen, Händen und so weiter zurechtkommen?«

»Warum sollte er nicht damit zurechtkommen? Wenn du Auto fährst, dann bewegst du auch die Hände am Lenkrad, du schaltest nebenher, gibst mit dem einen Fuß Gas und kuppelst mit dem anderen… und nebenher kannst du dich unterhalten oder über irgendwas nachdenken. Das geht alles gleichzeitig. So ähnlich wird es die Kohärenz auch machen, schätze ich.«

Das musste sie erst einmal sacken lassen, er sah es ihr an. Er sagte nichts, ließ ihr alle Zeit, die sie brauchte.

»Also gut«, seufzte sie schließlich. »Meinetwegen. Ich hab dir schon so vieles geglaubt, dann werd ich dir das halt auch noch glauben müssen…« Sie griff nach einer Locke, die sich aus dem Gummi gelöst hatte, versuchte zerstreut, sie wieder festzumachen. »Und diese Kohärenz verfolgt dich also. Euch.«

»Ja.«

»Warum? Was hast du denen getan?«

»Nichts. Mein einziger Fehler – wenn man das so bezeichnen will – war, dass ich, als eines Tages ein gewisser Bob Moore bei uns auf der Farm aufgetaucht ist und gefragt hat, ob er mitarbeiten kann, Ja gesagt habe.« Jones erinnerte sich noch gut an diesen Tag. Bob hatte einen sympathischen Eindruck gemacht – jemand, der sich lieber im Hintergrund hielt. Jemand, mit dem es wenig Probleme geben würde.

Selten hatte er sich so sehr getäuscht.

»Bob Moore, so hat sich vor Kurzem herausgestellt«, fuhr er fort, als Lilian ihn fragend ansah, »heißt in Wirklichkeit Dr. Stephen Connery. Er ist ein bedeutender britischer Neurologe, der vor ein paar Jahren erfolgreich Neuronen mit elektronischen Schaltkreisen gekoppelt hat. Damit hat er die technischen Grundlagen für die Entwicklung der Kohärenz geschaffen. Er ist es eigentlich, den sie sucht.«

Lilian gab es auf, die vorwitzige Locke in Form bringen zu wollen. »Und was hat das mit diesen Bombenanschlägen auf die Rechenzentren zu tun, wegen denen man euch sucht?«

»Vermutlich sollten damit irgendwelche Daten vernichtet werden, die der Kohärenz hätten gefährlich werden können. Und man hat uns die Anschläge angehängt, um einen Grund zu schaffen, uns von der Polizei jagen zu lassen. Zwei Fliegen mit einer Klappe, sozusagen.«

»Das leuchtet mir nicht ein«, erwiderte sie sofort. »Wenn diese Leute – diese Kohärenz – hinter diesem Neurologen her sind, hätten sie doch nur kommen und ihn holen müssen. Wo du gelebt hast, war ja kein Geheimnis; das stand in deinen Büchern, im Internet… notfalls im Telefonbuch!«

Jeremiah Jones nickte. Das hatte er sich in der Tat auch schon gefragt und er hatte keine befriedigende Antwort darauf gefunden. »Ich weiß es nicht. Schlicht und einfach. Ich weiß nicht, warum die Kohärenz tut, was sie tut. Ich weiß nur, dass sie hinter uns her ist. Hinter uns allen.«

»Das ist doch schräg, oder? Findest du nicht? Für mich klingt das, als hätte diese Kohärenz nicht alle Tassen im Schrank.«

»Das mag uns so vorkommen, aber ganz zweifellos ist die Kohärenz unendlich viel intelligenter als wir und –«

»Jemand kann hochintelligent und trotzdem total neurotisch sein«, unterbrach ihn Lilian. »Erlebe ich in der Bücherei jeden Tag. Wenn ich’s mir recht überlege, könnte das fast der Normalfall sein. Je intelligenter, desto schräger drauf.«

»Mag sein«, räumte Jeremiah ein. »Das ändert nichts daran, dass wir verfolgt werden. Aus welchen Gründen auch immer.«

»Von der Kohärenz.«

»Sagte ich. Ja.«

»Nein. Sagt dieser Junge, von dem du erzählt hast. Dieser Christopher.«

»Ja.«

»Der auch ziemlich intelligent ist.«

»Das ist er zweifellos; immerhin gilt er als –«

»Als bester Hacker der Welt. Schon verstanden. Mit anderen Worten, er ist auch ziemlich schräg drauf.« Lilian musterte ihn skeptisch. »Ich weiß immer noch nicht, wozu du mir das alles erzählst.«

»Damit du verstehst, was los ist«, sagte Jones. Und weil er es früher oder später ohnehin sagen musste, fügte er hinzu: »Und weil ich möchte, dass du mit mir kommst.«

Sie riss die Augen auf. »Mit dir kommen? Wohin?«

»In unser Camp. Dort wärst du sicher.«

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Ich bin nicht gekommen, um Witze zu machen, falls du das meinst.«

Lilian lachte hilflos. So, wie man lacht, wenn man sich mit einem total hirnrissigen Vorschlag konfrontiert sieht. »Jeremiah! Die Polizei sucht euch! Das FBI hat ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt! Wie kannst du da irgendjemandem Sicherheit anbieten?«

Jeremiah Jones holte tief Luft. Er musste einen Anflug von Panik niederkämpfen, der jäh in ihm aufgewallt war. Panik, jawohl. Auch ihn befiel sie in letzter Zeit und es kostete ihn Anstrengung, sich das nicht anmerken zu lassen.

»Lilian – mit alldem will ich dir eigentlich Folgendes sagen: Es ist nicht die Polizei, vor der du Angst haben musst.«

3

»Er ist… wo?« Christopher traute seinen Ohren nicht.

»Weggefahren, um mit Serenitys Mutter zu reden«, wiederholte Melanie Williams ungeduldig.

»Und wieso weiß ich das nicht?«

Das war ihm so rausgerutscht. Und es kam nicht gut an, das sah er sofort. Die weißhaarige Fotografin aus New York, die derzeitige Freundin von Jeremiah Jones, funkelte Christopher entrüstet an. »Wie bitte? Muss Jeremiah sich neuerdings bei Mr Superhacker Computer Kid abmelden, ehe er irgendwas unternimmt? Was bildest du dir eigentlich ein?«

Ja, was bildete er sich eigentlich ein? Christopher wusste es nicht mehr. Er hatte sich einmal eingebildet, sich vor der Kohärenz in Sicherheit bringen zu können, indem er bei Jeremiah Jones und seinen Leuten Unterschlupf suchte. Er hatte sich einmal eingebildet, seinen Chip im Hirn loswerden zu können, wenn er Dr. Connery wiederfand. Er hatte sich eine Menge eingebildet, ja. Aber irgendwie war alles ganz anders gekommen.

Er hob beschwichtigend die Hände. »Ich bilde mir gar nichts ein. Ich will nur wissen…« Er unterbrach sich. »Mit ihr reden? Wie denn? Doch nicht etwa per Telefon?« Der amerikanische Geheimdienst hörte alle Telefonate mit, und da die Kohärenz den Geheimdienst weitgehend unter Kontrolle hatte, damit auch sie.

»Natürlich nicht«, erwiderte die Frau ungehalten. »So schlau ist Jeremiah selber, vielen Dank. Dass man nichts Vertrauliches übers Telefon erzählen sollte, hat er uns übrigens schon gepredigt, als du wahrscheinlich noch nicht mal gewusst hast, was ein Computer ist.«

Christopher hob die Augenbrauen. Er konnte sich nicht erinnern, das jemals nicht gewusst zu haben. Sein Vater war Programmierer; Christopher hatte vor einem Computer gesessen, seit er denken konnte. »Und wie will er es dann machen?«

»Na, wie wohl? Er wird nach Santa Cruz gefahren sein.«

Das hatte Christopher befürchtet. Sie glaubten ihm nicht. Seit sie von dem selbstmörderischen Unternehmen zurückgekehrt waren, bei dem es ihnen geglückt war, seinen Vater aus der Kohärenz zu befreien, hatte Christopher gepredigt: Die Upgrader werden zurückschlagen! Die Kohärenz ist fuchsteufelswild! Was wir bisher erlebt haben, war noch gar nichts; der Krieg hat gerade erst begonnen!

Und da fuhr Jeremiah Jones einfach nach Santa Cruz, das nur einen Katzensprung vom Silicon Valley entfernt lag, dem Ort, der so etwas wie die Hauptstadt der Upgrader in den USA war.

Christopher fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, sah hinauf zu den Bäumen, unter denen sie standen. »Ihr Freund hat nicht zufällig vergessen, dass er von der gesamten Polizei der Vereinigten Staaten gesucht wird? Dass er Nummer eins auf der Liste der gefährlichsten Terroristen ist?«

»Bestimmt nicht.«

»Und? Denkt er, in Santa Cruz gibt es keine Polizisten?«

»Er wird aufpassen. Er ist schon groß, weißt du? Erwachsen, wie man so sagt.«

Machte sie sich keine Sorgen? Sie redete, als lege sie es darauf an, ihn zu provozieren.

»Ich hätte wenigstens mitkommen können«, stieß Christopher hervor. »Für alle Fälle.«

Sie strich ihre langen weißblonden Haare zurück. »Tja. Er wird wohl geglaubt haben, er schafft es auch ohne dich.«

Christopher starrte sie an, hatte auf einmal das Gefühl von Atemnot. Was garantiert nicht an der Umgebung lag, denn so viel sauerstoffhaltige, saubere und klare Luft wie hier mitten in den tiefen Wäldern entlang der Grenze zu Kanada gab es selten in den von Menschen besiedelten Teilen der Welt.

Nein, es lag daran, dass er auf einmal jäh begriff, was es mit dem Stillschweigen von Serenitys Vater auf sich hatte. Warum ihm Jeremiah Jones nichts von seinen Plänen gesagt hatte. Warum sich niemand darum gekümmert hatte, dass er, Christopher, Bescheid wusste.

Der Grund war verdammt einfach: Man traute ihm nicht mehr! Seit der Sache im Silicon Valley, seit seinem riskanten Alleingang, trauten sie ihm nicht mehr über den Weg. Ja, wahrscheinlich waren sie sogar ziemlich sauer auf ihn; hatten das Gefühl, von ihm hintergangen und reingelegt worden zu sein.

Das Blöde war, dass er es ihnen nicht mal verdenken konnte. Er hatte eben geglaubt, dass es anders nicht ging. Er war es so gewöhnt, alles alleine machen zu müssen.

Er merkte, wie seine Schultern herabfielen. »Okay«, sagte er und hatte auf einmal so die Nase voll von allem. Von diesem Camp. Von den primitiven Lebensbedingungen hier. Von der Kälte nachts und den feuchten Klamotten und dem eisigen Wasser, das alles war, was man zum Waschen zur Verfügung hatte; von dem ewigen Fleisch jeden Tag, von den Bäumen und Büschen, die einem ständig im Weg waren, von dem unebenen Waldboden voller Löcher, in denen man sich den Fuß brechen konnte, und vor allem… vor allem!… hatte er die Nase voll von diesen verdammten Insekten. Unablässig umschwirrte einen dieses impertinente Viehzeug, krabbelte und summte und stach und biss und juckte und flog in Augen und Mund und Nase und Ohren, verfing sich in den Haaren, in den Klamotten… Wirklich, er hatte genug. Restlos genug.

»Okay«, sagte er noch einmal. »Verstehe.« Er nickte, um zu zeigen, dass er es wirklich verstand. »Dann ist ja gut. Wenn Sie sich keine Sorgen machen… wieso soll ich mir dann welche machen?«

Damit drehte er sich um und ging. Oder stolperte, wie immer, wenn er sich auf diesem blöden Waldboden fortbewegen musste. Egal. Nur weg.

War doch bestens, wenn sie ohne ihn zurechtkamen. Sollten sie doch. Er hatte ihnen ein faires Geschäft angeboten: Er hatte ihnen erklärt, wer ihr wirklicher Gegner war, und außerdem hatte er die Computer der Satellitenüberwachung so manipuliert, dass sie das Camp nicht aufspüren konnten. Im Gegenzug hatte er nur darum gebeten, dass ihn Dr. Connery von dem Chip befreite. Das war alles gewesen.

Und dann? Dann war es ausgerechnet Jeremiah Jones gewesen, der versucht hatte, ihm einzureden, dass sie eine Chance gegen die Kohärenz hätten und dass er, Christopher Kidd, diese Chance sei, und zwar gerade weil er den Chip trug und damit als einziger Mensch imstande war, sich nach Belieben in die Kohärenz ein- und auszuklinken.

Okay und jetzt hatte er seine Meinung eben geändert. So what?

Man konnte genauso gut sagen: Jones hatte endlich eingesehen, dass er, Christopher, von Anfang an recht gehabt hatte.

4

Auf einmal wusste Jeremiah Jones, dass er es nicht schaffen würde, Lilian zu überzeugen. Schwer zu sagen, woher – es war etwas in der Art, wie sie schwieg und dabei hinaus auf den Parkplatz starrte. Wie sie den Leuten zusah, die hoch bepackte Einkaufswagen zu ihren Autos schoben, unter der nachmittäglichen Sonne des anbrechenden kalifornischen Sommers. Lilian und er waren so lange zusammen gewesen, dass es manchmal war, als könne einer die Gedanken des anderen lesen. Immer noch.

»Das ist doch alles Unsinn, Jeremiah«, sagte sie schließlich leise. »Was soll ich bei euch? Im Wald sitzen und mich verstecken? Für wie lange? Für den Rest meines Lebens? Werd vernünftig.«

»Lilian«, erwiderte er und wusste schon, dass nichts, was er sagen konnte, sie umstimmen würde, aber er musste es zumindest versuchen. »Ich hab’s dir erklärt. Sie werden dich verfolgen. Sie werden –«

»Wenn mich jemand verfolgt, rufe ich die Polizei.«

»Sie haben auch die Polizei unter Kontrolle.«

»Na klar. Wie konnte ich das vergessen.« Sie atmete auf einmal heftig.« Ehrlich, Jerry – ich könnte schreien bei der bloßen Vorstellung, mit dir irgendwohin ins Niemandsland zu gehen, um darauf zu warten, dass der Himmel einstürzt.«

»Lilian –«

»Ich hab hier ein Leben, Jeremiah. Ich leite eine Stadtbibliothek. Ich stecke bis zum Hals in Arbeit. Ich kann nicht einfach die Koffer packen und ohne ein Wort verschwinden, wie stellst du dir das vor? Ich habe Verantwortung übernommen.«

»Ich hab nicht gesagt, dass du ohne ein Wort –«

»Ah, toll. Nächste Woche ist die Sitzung des Haushaltsausschusses. Wenn ich da fehle, kürzen sie uns den Etat, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Was soll ich denen sagen? ›Tut mir leid, ich kann nicht kommen, ich werde von Männern mit Computerchips im Hirn verfolgt?‹ Da könnte ich auch gleich behaupten, kleine grüne Männchen hätten mich entführt, damit ich Elvis treffe.« Sie krallte die Hände um das Lenkrad. »Und jetzt hast du auch noch unsere Tochter da mit reingezogen. Nicht genug, dass Serenity die ganzen Ferien über keine Zeile gelernt hat, inzwischen hat sie schon fast zwei Wochen Unterricht verpasst, in acht Wochen sind die Abschlussprüfungen und mir fallen bald kein Ausreden mehr ein, mit denen ich sie entschuldigen könnte!«

»Sie wird nicht zurückkommen«, erklärte Jeremiah knapp. »Nicht, wenn ich es verhindern kann.«

»Das hast du nicht zu bestimmen, Jeremiah Jones.« Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. »Ich habe das Sorgerecht für unsere Kinder, bis sie volljährig sind, das weißt du ganz genau. Und Serenity ist erst siebzehn. Du wirst sie, sobald du zurück bist, bitte schön in einen Bus nach Hause setzen, verstanden? Ich will, dass Serenity spätestens am Wochenende wieder da ist, sonst schrei ich Zeter und Mordio, und das wird dir nicht gefallen.«

»Lilian, sei vernünftig. Du kannst nicht den Kopf in den Sand stecken und so tun, als sei nichts.«

Sie war nicht mehr zu bremsen. »Den Kopf in den Sand stecken? Das ist eine Beschreibung, die ja wohl eher auf dich zutrifft. Dein Kopf steckt schon seit Jahren im Sand; du merkst es schon gar nicht mehr. Erst hast du dich in deinen Gemüsegärten vergraben und geglaubt, du rettest die Welt, und jetzt versteckst du dich im Wald und glaubst, du rettest die Welt. Immer rettest du die Welt! Weil die ja zu blöd ist, selber zu wissen, wie sie sich drehen muss.« Sie ballte die Faust, schlug damit gegen das Lenkrad. »Ich hab so genug davon, Jerry, so genug. Dauernd gibst du die Zukunft verloren, dauernd…« Ihr Atem ging nur noch stoßweise; sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Jeremiah Jones hob die Hand, um sie zu berühren, ließ es dann aber wohlweislich. Das war nicht der Zeitpunkt.

»Wir können uns gern weiterstreiten und alles ausdiskutieren«, sagte er leise, »aber wir sollten das bei uns im Camp machen. Bitte hör auf mich, nur dieses eine Mal. Dir droht Gefahr, davon bin ich überzeugt.«

Lilian schloss die Augen, holte einmal tief Luft, öffnete sie wieder. »Ganz bestimmt«, sagte sie dann leise, jedes Wort betonend, »werde ich nirgendwohin gehen, wo ich eine deiner Freundinnen treffe. Ganz bestimmt nicht.« Sie griff nach dem Zündschlüssel, ließ den Motor an. »Ende der Diskussion. Und jetzt lass mich bitte wieder in Frieden. Geh und schick Serenity nach Hause. Das ist alles, was ich von dir will.«

Jeremiah wollte noch etwas sagen, aber der Blick, den sie ihm zuwarf, nahm ihm jeden Mut, wirklich jeden. Also verabschiedete er sich nur und stieg aus. Dann blieb er stehen und sah ihr nach, wie sie davonfuhr.

5

Serenity fuhr sich mit den nassen, gespreizten Fingern durch die Haare. Das hieß, sie versuchte es, aber sie kam nicht weit. Sie war mit einer Löwenmähne gesegnet, die selbst mit den speziellen Kräutershampoos, die sie nach langem Experimentieren entdeckt hatte, und viel heißem Wasser kaum zu bändigen war. Hier im Camp, wo sie sich und ihre Haare nur in kaltem Flusswasser waschen konnte, verwandelte sich das alles allmählich in einen Wischmopp. Irgendwann würde ihr nichts anderes mehr übrig bleiben, als sich den Kopf zu rasieren, von vorne anzufangen und das Beste zu hoffen.

Im nächsten Moment fiel ihr wieder ein, warum sie überhaupt hier war, und sie ließ die Hand seufzend wieder sinken. Ach ja, richtig. Das Ende der Menschheit stand bevor. Und sie machte sich Sorgen um ihre Haare!

Missmutig wandte sie sich wieder dem T-Shirt zu, das sie gerade wusch. Auch so was machte man hier mit kaltem Wasser. Man hockte am Ufer, die Knie in den Kieselsteinen, und schrubbte stundenlang – mit enttäuschenden Resultaten, wie Serenity fand. Aber Waschmaschinen waren ein ferner Traum, wenn man vor den Polizeibehörden in die unzugänglichen Wälder Montanas flüchtete. Oder wo immer sie sich gerade befanden; sie hatte es aufgegeben, das so genau zu verfolgen.

Wie unwirklich das alles inzwischen schien! Klar, sie erinnerte sich daran, wie Christopher aufgetaucht war, wie sie mit ihm und ihrem Bruder Kyle hergekommen war, daran, wie sie verfolgt worden waren. Dann die Aktion mit Christophers Vater…

Ja, klar. War alles passiert. Aber trotzdem – wenn man nach alldem ein paar Wochen hier in den Wäldern lebte, nur damit beschäftigt, zu schlafen, sich morgens zu waschen und anzuziehen und ansonsten die Zeit mit Essen und Reden zu verbringen, Reden über alles Mögliche, während ringsum die Bäume rauschten und der Fluss freundlich plätscherte und silbern-kühl dahinströmte, wie er es bestimmt schon getan hatte, als hier die Urindianer unterwegs gewesen waren, und wenn man abends am Lagerfeuer saß, satt von einem Wildbraten und dann, eine Tasse Tee in der Hand, zuhörte, wie ein paar von Dads Leuten Musik machten… da wurde die ganze Sache mit dieser Kohärenz schon verdammt irreal. Da kam einem das nur noch vor wie ein ziemlich bescheuerter Albtraum, den man am besten einfach vergaß.

Sie tauchte das T-Shirt ein letztes Mal ins Wasser, wrang es dann aus, so gut sie konnte, und legte es zu der restlichen nassen Wäsche.

Beladen mit dem Korb stapfte sie durch das trockene, hüfthohe Gras zurück zu den Zelten, dorthin, wo Wäscheleinen zwischen die Bäume gespannt waren. Hier hing eigentlich immer etwas, aber sie fand noch eine freie Stelle, wo ihre Sachen Platz hatten.

Sie war noch nicht ganz fertig mit dem Aufhängen, als sie Christopher bemerkte, wie er auf das Zelt zuging, in dem sein Vater lag.

Wie immer wirkte er in dieser Umgebung wie ein Fremder. Man sah ihm an, dass er in seinem Leben nicht viel Zeit in der Natur verbracht hatte. All die Insekten und die Pflanzen überall, der unebene Boden schienen ihn völlig zu irritieren. Wie er sich den Weg bahnte, mit tapsenden Schritten über das Unterholz, fortwährend Mücken verscheuchend, immer kurz vor dem Stolpern – er war es eindeutig nur gewöhnt, sich durch Zimmer zu bewegen, ein Dach über dem Kopf zu haben, feste Wände um sich herum, mit Fenstern darin, die ihm Insekten vom Leib hielten.

Computer Kid eben. Man wurde nicht der beste Hacker der Welt, ohne viel, viel Zeit an einem Schreibtisch vor einem Computer zu verbringen.

Und nun musste er hier leben, mitten in der Wildnis, ohne Internet und elektrischen Strom. Nicht mal Handys funktionierten im Camp; sie befanden sich weitab vom nächsten Funkmast, in einer der vielen »weißen Zonen«, die es trotz allem noch gab.

Wenn Christopher erzählte, wie es war, sich durch die großen, geheimen Computer und Netze dieser Welt zu hacken, dann klang das immer kinderleicht; so, als ob es jeder könnte. Doch wenn man ihm einmal dabei zugesehen hatte – mit welcher Geschwindigkeit seine Finger über die Tasten rasten, wie sein Blick starr auf den Monitor gerichtet blieb und förmlich damit zu verschmelzen schien, wenn einem irgendwann auffiel, dass Christopher nie irgendetwas aufschreiben, nie irgendetwas nachschlagen musste –, dann dämmerte einem ziemlich rasch, dass das alles wohl doch nicht so leicht war und dass es einen Grund hatte, warum dieser siebzehnjährige Junge von Fachleuten als der beste Hacker der Welt betrachtet wurde. Auch wenn Christopher außer seinen Fingern, seinen Augen und seinen Gedanken nichts bewegte, hatte das, was er tat, doch am ehesten Ähnlichkeit mit Leistungssport.

Tja, und außerdem hatte er diesen Chip im Kopf. Denselben Chip, den die Upgrader im Kopf trugen, wie er die Leute in der Kohärenz nannte.

Nur dass Christopher diesem Chip nicht ausgeliefert war, sondern ihn unter Kontrolle hatte und sich nach Belieben darüber ins Internet, in lokale Netze oder eben auch in die Kohärenz einklinken konnte. Das kostete ihn endgültig keine körperliche Aktivität mehr.

Er musste einfach nur denken – und alles, was dann passierte, geschah in rasender Geschwindigkeit. Serenity hatte einmal erlebt, wie Christopher kaum eine Minute lang die Augen zugemacht und in der Zeit Dutzende von Systemen geknackt hatte, um…

Aber daran erinnerte sie sich nur sehr ungern. Sie war immer noch überzeugt, dass sie in dieser Minute hätte sterben können, wäre Christopher nicht gewesen.

Allerdings wäre sie ohne Christopher auch nie in diese gefährliche Situation geraten.

Serenitys Vater war der Überzeugung, dass Christopher als einziger Mensch eine Chance hatte, die Kohärenz zu besiegen. Christopher, das wusste sie, teilte diese Überzeugung nicht, aber er versuchte zumindest, etwas zu tun.

Serenity war sich immer noch unschlüssig, was sie von ihm halten sollte. Irgendwie faszinierte Christopher sie – sie konnte nicht anders, als ihn zu beobachten und darüber nachzudenken, was wohl in ihm vorgehen mochte – und irgendwie fand sie ihn auch ziemlich schräg. Entschieden nicht das Material, aus dem man Boyfriends machte, jedenfalls.

Andererseits waren die Jungs, mit denen sie bisher gegangen war, einfach nur langweilig gewesen.

Ach, sie wusste auch nicht!

Sie zupfte die feuchten Kleidungsstücke noch einmal zurecht, blieb noch einen Moment unschlüssig stehen. Nicht, dass sie nichts zu tun gehabt hätte; zu tun gab es im Camp ständig etwas. Nein, sie war unruhig. Und seltsamerweise hatte das damit zu tun, dass die Schule schon seit fast zwei Wochen wieder angefangen hatte und sie immer noch hier war. Nie im Leben hätte sie erwartet, sich je nach der Schule zu sehnen; gesehnt hatte sie sich immer nur nach dem Tag, an dem sie endlich ihren Abschluss hatte und davonrauschen konnte.

Und nun musste sie jeden Morgen, wenn sie aufwachte, als Erstes denken: Die Schule hat angefangen. Ich verpasse den Unterricht. Ich verpasse die Abschlussprüfungen.

Sie zerrte unglücklich an ihren Haaren, versuchte vergeblich, sie in Form zu bringen.

Natürlich, sie konnte nicht einfach zurückgehen und so tun, als sei alles nicht passiert, das mit der Kohärenz, mit Christopher, mit Dad. Das verstand sie schon. Dad war der Überzeugung, dass die Kohärenz sie verfolgen würde, und das leuchtete ihr ein.

Aber tatsächlich nicht in die Schule zurückzukehren nach dem Spring Break – das machte die ganze Sache so schrecklich real!

6

Als Christopher in ihr Zelt zurückkam, schlief sein Vater immer noch. Er schlief auch seelenruhig weiter, als Christopher die Plane über dem Eingang mit einem klatschenden Geräusch zurückfallen ließ und sich in den quietschenden, knarrenden Klappstuhl warf, der neben dem Bett stand.

Es war kein normaler Schlaf, den Dad schlief. Es war kein Schlaf, auf den man Rücksicht nehmen musste. Ob sein Vater aufwachte, hatte nichts damit zu tun, ob um ihn herum Lärm herrschte oder Stille.

Wobei er allmählich ruhig mal wieder hätte aufwachen können. Dr. Lundkvist hatte vor ein paar Tagen den Verband über der Nase abgenommen. Nun lag der vernarbte Schnitt offen, durch den er und Dr. Connery den Chip entfernt hatten, der seinen Vater an die Kohärenz gefesselt hatte.

Die Wunde war kein schöner Anblick. Selbst wenn die Schwellung zurückging und der Schorf abfiel, würde sein Dad für immer gezeichnet sein.

»Die Operation könnte man beim nächsten Mal anders machen«, hatte ihm Dr. Lundkvist erklärt. »So, dass keine sichtbaren Narben bleiben. Jetzt, wo wir wissen, worauf wir achten müssen, wird das nächste Mal einfacher.«

Beim nächsten Mal! Das sagte sich leicht. Im Moment stand in den Sternen, ob es je ein nächstes Mal geben würde. Niemand hatte auch nur den Ansatz einer brauchbaren Idee, wie sie es anstellen sollten, der Kohärenz noch einmal jemanden zu entreißen. Auch Christopher nicht, von dem sie es alle erwartet hatten.

Aber das war ja nun vorbei. Sie erwarteten nichts mehr von ihm. Er war nutzlos geworden. Wurde nur noch geduldet.

Das zu denken, war, als lege sich ein schweres Gewicht auf ihn. Christopher hatte darunter gelitten, dass sie von ihm Wunder erwartet hatten; dass sie davon ausgegangen waren, er würde die Kohärenz schon irgendwie besiegen, weil er ja schließlich Computer Kid war, der berühmteste Hacker der Welt. Christopher hatte sich allein gefühlt.

Aber das jetzt war noch viel schlimmer: nutzlos zu sein. Abhängig von der Gnade anderer. Was würde er machen, wenn diese Gnade aufgebraucht war? Wenn sie zu dem Schluss kamen, dass sie keine unnützen Esser mehr durchfüttern wollten? Er war nur ein siebzehnjähriger Junge, der keinen Platz hatte, wohin er gehen konnte.

Christopher machte die Augen zu, versuchte, tief durchzuatmen. Ein leiser Wind ging, blähte die Zeltplane, ließ Zweige daran kratzen. Blätterrascheln lag in der Luft. Er hörte die anderen draußen, hörte die Geräusche des Lagers, das Rauschen des nahen Flusses, alles gedämpft durch den schweren Zeltstoff, wodurch es so weit entfernt klang, als habe es nichts mit ihm zu tun, als belausche er nur einen fremden, unbekannten Ort. Wenn er hier drinnen saß, kam es ihm manchmal vor, als sei er gar nicht wirklich da.

Endlich – Dad rührte sich. Seinem Erwachen ging jedes Mal ein Zucken irgendeines Körperteils voraus, eines Armes, eines Beines… Heute war es der Kopf selber, der zuckte. Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle, die Kiefer mahlten ein paar Sekunden lang. Dann schlug sein Vater die Augen auf. Er sah sich um und brauchte eine beträchtliche Weile, ehe er wieder wusste, wo er sich befand und was geschehen war.

»Ah, Chris«, stieß er mit rauer Stimme hervor. »Ich schlafe ziemlich viel, was?«

»Das sind die Medikamente«, sagte Christopher, obwohl er wusste, dass das streng genommen nicht stimmte.

»Die Medikamente. Hoffen wir, dass es daran liegt.«

Das war ein gutes Zeichen. Wenn er etwas hoffte, hieß das, dass er sich an etwas erinnerte. Denn nur wenn er sich erinnerte, würde er auch ohne die Kohärenz leben können.

Dad hob den rechten Arm, mühsam, rieb sich die Stirn. »Weißt du, am schlimmsten ist dieses ständige Gefühl, dement geworden zu sein. Mir kommt es vor, als bestünde mein Gehirn nur noch aus Schweizer Käse, mit riesigen Löchern darin.«

»Das ist nur ein Gefühl, das heißt nichts«, sagte Christopher geduldig. »Es wäre unmöglich, dass du dich an alles erinnerst, was du gewusst hast, als du noch Teil der Kohärenz warst. Dazu ist ein einzelnes menschliches Gehirn einfach nicht groß genug. Speicherplatz, verstehst du?« Dad war Programmierer, das würde ihm einleuchten.

»Jaja«, erwiderte sein Vater unzufrieden. »Ich weiß. Das haben wir jetzt schon hundertmal durchgekaut. Klar. Es ist bloß…« Er ächzte. »Da ist etwas. Dicht unter der Oberfläche. Wäre es ein Wort, man würde sagen, es liegt mir auf der Zunge.« Den letzten Teil des Satzes hatte er auf Deutsch gesagt, in jenem unsicheren, stark akzentbehafteten Deutsch, das er in seiner Zeit in Frankfurt gelernt hatte. Er und Christopher hatten von jeher immer nur Englisch miteinander gesprochen. Wenn Mom und Dad sich unterhalten hatten, hatte jeder seine eigene Sprache verwendet. Das hatte die Unterhaltungen der beiden klingen lassen wie die Gespräche in der Weltraumbar im allerersten Star-Wars-Film.

»Also ist es kein Wort?«, hakte Christopher nach.

»Nein. Aber es ist etwas Wichtiges.« Dad hielt inne, starrte ins Leere. Man spürte deutlich, wie er suchte, wie er umhertastete im fragmentierten Feld seiner Erinnerungen. Christopher rührte sich nicht, sagte nichts, ließ ihn.

Man musste ihm Zeit geben. Das schärfte ihm Dr. Connery ungefähr ein Dutzend Mal am Tag ein. Das menschliche Gehirn verfügt über eine ungeheure Plastizität, sagte er immer wieder. Neuronen bilden ständig neue Synapsen oder neue Nervenbahnen, mit jedem Lernprozess. In der Zeit, in der dein Vater Teil der Kohärenz war, hat sich sein Gehirn so umstrukturiert, dass er als ein solcher Teil funktioniert hat. Nun muss es sich wieder so strukturieren, dass er erneut als Individuum funktionieren kann.

»Ich komm noch drauf«, sagte Dad schließlich resigniert. »Ganz bestimmt.«

7

Sie war so wütend, einfach so wütend auf Jeremiah! Die ganze Fahrt nach Hause über konnte sich Lilian Jones nicht beruhigen. Entsprechend schlecht fuhr sie, übersah rote Ampeln, bremste an Stoppschildern viel zu abrupt.

Jeremiah war schuld. Jeremiah mit seinen maßlos übertriebenen Geschichten. Wahrscheinlich glaubte er sogar alles, was er ihr erzählt hatte – bestimmt; er war nicht der Typ, der einen bewusst belog. Aber so was wie diese Upgrader… Also, bitte: Leute, die anderen Leuten Chips ins Hirn pflanzten – das war ja wohl reine Science-Fiction, oder?

Dass er ihre Tochter mit dieser hanebüchenen Begründung bei sich behielt, das würde sie ihm nicht so schnell verzeihen. Es musste ihm doch klar sein, dass ihr Schulabschluss auf dem Spiel stand! Lilian Jones machte sich heftige Vorwürfe, Serenity die Fahrt zu ihrem Vater erlaubt zu haben, so, wie es um ihre Noten gestanden hatte.

Es besserte ihre Laune nicht, ein leeres stilles Haus vorzufinden. Beim Abendessen fehlte ihr Serenity am meisten.

Wie so oft in den letzten Wochen warf sie also den Backofen an und kramte im Tiefkühlfach nach etwas, das sie einfach nur hineinzuwerfen brauchte. Ah, eine Pizza. Großartig. Nach dem heutigen Gespräch mit Jeremiah, dem Naturapostel, war das genau das richtige Abendessen: eine Fertigpizza, dazu einen Fertigsalat. Davon hatte sie noch einen Beutel im Kühlschrank. Fertig gewaschen und gezupft, einfach nur in eine Schüssel schütten und Salatsoße aus der Flasche darübergießen. So würde sie es machen!

Während der Ofen warm wurde, zog sie sich rasch etwas Bequemeres an, dann schob sie die Pizza hinein und stellte den Küchenwecker auf fünfzehn Minuten.

Was Jeremiah ihr immer zumutete! Das war schon früher so gewesen. Sie hatten ein so wunderbares Leben gehabt – ein Haus in der unberührten Natur, jede Menge Freunde, sie hatten mit den Kindern gezeltet, waren durch den Wald gewandert und hatten, nun ja, einfach gelebt…

Sie musste Tränen aus den Augenwinkeln wischen, wenn sie an diese Zeit dachte. Es hätte ihr persönliches Paradies sein können, wenn sich Jeremiah nicht in diese verdammte Idee reingesteigert hätte, er müsse die Welt retten, alle zur richtigen Lebensweise bekehren. Himmel noch mal, wenn die Leute in Städten und in Wolkenkratzern leben wollten, dann war das doch deren eigene Angelegenheit! Und wenn sie Handys und Computer und tausend Fernsehkanäle haben wollten, wieso maßte er sich das Recht an, ihnen das ausreden zu wollen?

Sie hatte den Tisch im Esszimmer gerade fertig gedeckt, als es an der Haustür klingelte.

Wer mochte das sein? Doch nicht am Ende noch mal Jeremiah? Sie spähte aus dem schmalen Fenster im Wohnzimmer. Nein, zwei Frauen und ein Mann in förmlicher Kleidung, die sie noch nie im Leben gesehen hatte. Zeugen Jehovas? Aber die kamen eigentlich schon lange nicht mehr.

Sie ging zur Tür, streckte erst mal nur den Kopf hinaus. »Ja, bitte?«

»Mrs Jones?«, sagte eine der Frauen streng. »Wir kommen vom Beirat der Santa Cruz Highschool. Es geht um Ihre Tochter Serenity.«

Oh nein. Also waren sie dahintergekommen, dass Lilian der Schule seit zwei Wochen etwas vorlog. Ihr sank der Mut. »Wieso?«, fragte sie zurück und versuchte, ihre Stimme so klingen zu lassen, als hätte sie nicht die leiseste Idee, was es nötig machen könnte, dass irgendwelche Amtsträger bei ihr vorstellig wurden. »Was soll mit Serenity sein?«

Die Frau, die ein graues Kostüm trug und deren Gesichtszüge Lilian irgendwie an ein Pferd denken ließen – an ein ziemlich humorloses Pferd –, sagte: »Ich könnte mir vorstellen, dass Sie das lieber nicht auf der Straße diskutieren möchten.«

Ihre beiden Begleiter nickten dazu bekräftigend, beide im selben Rhythmus. Es sah aus wie einstudiert. So, als machten sie solche Besuche öfters.

Lilian seufzte und öffnete die Tür. »Also gut. Kommen Sie herein.« Was blieb ihr anderes übrig? In Anbetracht von Serenitys Noten war es klüger, keinen Streit mit der Schule anzufangen.

Was für ein Beirat überhaupt? Sie hatte noch nie von einer solchen Institution gehört. Was die wohl für Befugnisse hatten?

Die beiden Frauen traten ohne weitere Umstände ins Haus, der Mann kam hinterher. Er trug einen schmalen Koffer in der Hand und schloss die Haustür sorgsam hinter sich.

»Hier entlang, bitte«, sagte Lilian und komplimentierte sie ins Wohnzimmer. »Nehmen Sie Platz. Wollen Sie etwas trinken?«

»Danke, nein«, sagte die Frau mit dem Pferdegesicht und das galt offenbar für alle.

In der Küche rasselte der Küchenwecker. Ihre Pizza! Auch das noch.

»Bitte entschuldigen Sie«, sagte Lilian nervös. »Ich muss nur rasch in die Küche, den Ofen ausmachen. Nehmen Sie einfach schon mal Platz, ja?«

»Kein Problem«, sagte die Frau. »Wir haben Zeit.«

Sie hatten Zeit. Auch das noch, dachte Lilian, während sie die Pizza aus dem Ofen holte. Wie gut das roch! Sie musste zusehen, dass sie diese Leute so schnell wie möglich wieder loswurde.

Was hatte sie noch gegenüber der Schule behauptet? Zuerst natürlich, dass Serenity krank sei. Das war ja erst mal unverdächtig. Dann, dass es ihr zwar besser gehe, der Arzt aber gesagt habe, sie müsse zu Hause bleiben, weil sie noch ansteckend sei. Zum Glück hatte niemand nachgefragt, um was für eine Krankheit es sich dabei handeln sollte; Lilian hatte sich zwar jeden Tag vorgenommen, in den medizinischen Fachbüchern der Bücherei nach einer geeigneten Krankheit zu suchen, aber sie war nie dazu gekommen. Vielleicht auch, weil sie es nicht einsah, sich für die Launen ihrer Tochter und deren Vater auch noch besonders kunstvoll zu entschuldigen. Also wirklich, die beiden würden was zu hören kriegen…

Eins nach dem anderen. Sie stellte das Blech mit der Pizza auf die heruntergeklappte Ofentür, wo sie warm bleiben würde, atmete noch einmal durch und verließ dann die Küche. Auf in den Kampf.

»So, ich stehe Ihnen zur Verfü. . .«

Sie blieb stehen, als wäre sie auf der Schwelle zu ihrem Wohnzimmer gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Einer der Männer hatte den Koffer auf dem Wohnzimmertisch geöffnet. Er hielt ein chromglänzendes Gerät in der Hand, das aussah wie eine Pistole mit einem langen, nicht einmal fingerdicken Lauf. Jeremiah hatte ihr von diesem Instrument erzählt. Es war dazu gedacht, durch das Nasenloch eingeführt zu werden, die dünne Knochenwand an der Rückseite der Nasenhöhle zu durchbohren und einen Chip direkt auf den Riechnerv zu setzen, der mit diesem verwachsen und ihre Nervenimpulse über das Mobilfunknetz mit denen von hunderttausend anderen Menschen verbinden würde.

Jeremiah hatte die Wahrheit gesagt.

Lilian hörte Schritte hinter sich. Die Frau mit dem Pferdegesicht war hinter sie getreten, zweifellos, um sie an der Flucht zu hindern.

»Es stimmt also«, hauchte sie fassungslos. »Damit pflanzen Sie Leuten einen Chip ins Gehirn.«

»Es tut nicht weh, wenn Sie sich nicht wehren«, sagten die drei im Chor, so, als spräche dieselbe Stimme aus allen drei Mündern. »Und Sie werden sehen, dass es zu Ihrem Besten ist.«

Abwehrmanöver

8

An diesem Abend beschloss Christophers Vater zum ersten Mal, mit hinauszukommen. »Ich kann ja nicht die ganze Zeit nur schlafen«, meinte er mit eigentümlicher Heiterkeit.

Wie schwerfällig er geworden ist!, durchzuckte es Christopher, als er beobachtete, wie sich sein Vater mühevoll aufsetzte. Das Feldbett knirschte bedenklich unter seinen Bewegungen. Es sah ohnehin aus, als sei es schon in irgendeinem Krieg zum Einsatz gekommen – einem sehr lange zurückliegenden Krieg. Das Gestell war zerkratzt und angerostet, der Stoff der Bespannung zu einem undefinierbaren Farbton ausgebleicht. Von der Decke, mit der Dad zugedeckt war, ließ sich im Grunde das Gleiche sagen.

Draußen wurde es schon dunkel. Am Himmel prangte ein dicker, nahezu voller Mond, umrahmt von ein paar zarten Wölkchen, und das Lagerfeuer schimmerte durch die Bäume, aber das Licht reichte nicht, um zu erkennen, wohin man trat. Christopher nahm die Hand seines Vaters, um ihn zu führen, sicherheitshalber. Obwohl er sich selber im Wald ja auch nicht gerade sicher bewegte.

Der Feuerplatz lag auf einer Kiesbank, die ein Stück in den Fluss ragte. Von einem dreibeinigen Gestell hing ein Topf in die Flammen herab, in dem der Eintopf vor sich hin köchelte. Alle freuten sich, Dad zu sehen. Man bot ihm einen bequemen Platz auf einem der dicken Holzstämme an, die um das Feuer herum lagen. Man reichte ihm in einem Teller Eintopf mit Fleisch und Bohnen und fragte ihn, ob er eine Decke wolle für den Rücken; von hinten ziehe es bisweilen kühl, wenn man an einem Lagerfeuer sitze. »Danke, vielen Dank, geht schon.« Christophers Dad lächelte in die Runde. »Wunderbar, das alles.«

Christopher nahm man nur mit Seitenblicken zur Kenntnis. Es kam ihm vor, als hofften alle, er würde sich einfach in Luft auflösen. Aber den Gefallen tat er ihnen nicht. Stattdessen schöpfte er sich einen Teller voll Eintopf und suchte sich einen freien Platz auf den Steinen, was natürlich bei Weitem nicht bequem war.

»Hi.« Das war Serenity, die sich neben ihn setzte. Er rückte ein Stück beiseite, obwohl genug Platz war, und nickte ihr kauend zu.

»Und?«, fragte sie. »Wie geht’s deinem Vater?«

Christopher hob die Schultern. »Na ja. Ganz gut.«

»Er erholt sich tatsächlich wieder, wie’s aussieht, oder?«

»Sieht so aus.« Wenigstens sie tat nicht so, als sei er Luft. Redete mit ihm. Er hätte auch gern mehr mit ihr geredet; ihm fiel nur nichts ein. Um überhaupt etwas zu sagen, deutete er auf seinen Blechteller und meinte: »Schmeckt gut.«

»Ja«, sagte Serenity. »Super.« Aber es klang enttäuscht.

Irgendwie war es nicht mehr so wie am Anfang. Am Anfang war sie einfach nur die Tochter von Jeremiah Jones gewesen. Er hatte von ihr lediglich eins gewollt: dass sie ihn mit ihrem Vater in Kontakt brachte. Inzwischen war sie… nun ja, Serenity eben. Und es war ihm nicht mehr egal, was aus ihr wurde. Auch nicht, was sie von ihm hielt. Das war früher sein bester Schutz gewesen: dass es ihm gleichgültig gewesen war, was andere von ihm dachten.

Irgendwie, irgendwann im Lauf der letzten Wochen war ihm dieser Schutz abhanden gekommen. Er wollte nichts Dummes zu ihr sagen oder gar etwas, das sie verletzte. Und das machte alles irgendwie… schwierig.

Drüben setzte sich Dr. Connery neben Dad. In London hatten sie den Neurochirurgen noch unter seinem Vornamen Stephen kennengelernt, aber seit er hier im Camp untergetaucht war, ließ er sich nach seinem zweiten Vornamen Robert »Bob« nennen.

»James, ich bin so froh, dass es Ihnen wieder besser geht. Dr. Lundkvist und ich hatten erhebliche Sorge, dass Sie es womöglich nicht verkraften würden, von der Kohärenz getrennt zu werden.« Er lachte auf, ohne fröhlich zu klingen. »Und nun sitzen Sie hier am Feuer mit uns, als sei nichts gewesen!«

Dad lachte mit. Bei ihm klang es unbekümmert. »Ja, toll, nicht wahr? Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal an einem Lagerfeuer gesessen habe. Muss als Kind gewesen sein.«

Dr. Connery betrachtete die Flammen, als habe er sie bis jetzt gar nicht bemerkt. »Das hätten wir uns damals in London auch nicht träumen lassen, was? Dass wir uns unter solchen Umständen wieder begegnen?« Er seufzte. »Und was alles passieren würde.«

Christopher wusste, was er meinte: Dr. Connery hatte damals erforscht, wie man Nervenzellen und Computer miteinander koppeln konnte, und es damit überhaupt erst ermöglicht, dass die Kohärenz entstehen konnte.

»Sie sind das ja gewöhnt, das Leben in der Natur«, meinte Dad kauend. »Ich weiß noch, wie Sie damals jedes Wochenende irgendwo gewandert sind, bei Sonne wie bei Regen. Aber mein Fall war das nie.« Er machte mit dem Löffel in seiner Hand eine ausgreifende Bewegung. »Deswegen ist das hier eine ziemliche Umstellung für mich. Wie Abenteuerurlaub.«

Christopher runzelte die Stirn. Zwar war Dad früher auch oft lustig gewesen, gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt – aber nie so… oberflächlich. Wenn man ihn in diesem Moment sah, konnte man glauben, es mache ihm nicht das Geringste aus, dass Christophers Mutter noch immer der Kohärenz angehörte.

Noch sträubte er sich dagegen zuzugeben, dass sein Dad sich durch die Zeit in der Kohärenz verändert hatte. Aber irgendwann würde er mit den Ärzten darüber reden müssen.

Er warf Serenity einen Seitenblick zu. Ob er ihr davon erzählen sollte? Aber dann würde sie sich vielleicht Sorgen machen, die sich später – hoffentlich! – als unnötig herausstellen würden. Vielleicht war es besser, sie nicht damit zu belasten.

Jemand schob mehr Holz in die Flammen. Im Hintergrund klimperte es; ein paar Gitarren wurden gestimmt. Am Lagerfeuer zu singen, war mehr oder weniger das einzige Freizeitvergnügen, das den Leuten um Jeremiah Jones geblieben war.

»Manchmal, wenn ich so am Feuer sitze, muss ich an früher denken«, sagte Serenity plötzlich. »Als meine Eltern noch zusammen waren. Damals dachte ich, unsere Familie wäre etwas Besonderes. Dass wir zusammenhalten. Wir gegen den Rest der Welt.«

»Ja«, sagte Christopher. Er wusste, was sie meinte. Er hatte dieses Gefühl auch einmal gehabt, damals in Frankfurt, als seine Großeltern noch gelebt hatten. Bevor seine Mutter ihre Stelle verloren und die ganze Geschichte angefangen hatte. Er spürte den Impuls, Serenity davon zu erzählen, aber alle Sätze, die ihm einfielen, klangen einfach nur banal. Besser, er hielt den Mund.

»Sie haben ja richtig Appetit, Mr Kidd«, sagte eine Frau mit rauchiger Stimme zu seinem Vater. Das war Irene, die das Kommando über die Küche hatte; ihren Nachnamen kannte Christopher nicht.

Dad grinste breit. »Frische Luft macht eben hungrig.«

Irene deutete auf Dads Teller. »Möchten Sie noch was?«

»Na, wenn noch was da ist, gern.«

Sie nahm seinen Teller, häufte eine weitere ordentliche Portion darauf und reichte ihn zurück. »Bitte sehr. Damit Sie zu Kräften kommen. Wir hoffen ja alle, dass Sie sich bald an etwas Hilfreiches erinnern. Uns einen Tipp geben können. Klar, das ist im Moment viel verlangt, Sie müssen ja erst mal gesund werden…«

»Erinnern?« Dad blinzelte begriffsstutzig, den Teller in der Hand. »Woran soll ich mich erinnern? Und was für einen Tipp meinen Sie?«

»Na ja«, meinte Irene. »Irgendeinen Hinweis, der uns hilft, die Kohärenz zu besiegen, natürlich.«

Dad lachte auf, als hätte sie einen guten Witz gemacht. »Das können wir nicht. Wie soll das gehen?« Er steckte seinen Löffel in das dickflüssige Gemisch aus Fleisch und Bohnen. »Die Kohärenz ist unbesiegbar.«

9

Christopher konnte spüren, wie Serenity bei diesen Worten zusammenzuckte. Er sah sie an. Lag das am Widerschein des Feuers oder war sie tatsächlich plötzlich so bleich? Jedenfalls hätte er gerade ihre Sommersprossen zählen können.

Auf der anderen Seite des Lagerfeuers begannen die Musiker, die von alldem nichts mitbekommen hatten, zu spielen.

»Wie kann er das sagen?«, wisperte Serenity aufgebracht. »Wie kann dein Vater so etwas sagen, wo sich alle derart um ihn bemühen?«

Christopher sah hinüber zu Dad. Dr. Connery und Irene schauten bedröppelt drein. Der Neurologe hob die Schultern, was vielleicht andeuten sollte, dass Dad seiner Meinung nach noch nicht richtig wusste, was er sagte.

»Na ja«, meinte er. »Vielleicht sagt er es einfach, weil es stimmt.«

»Denkst du das etwa auch?«

Christopher seufzte. Hörte ihm eigentlich niemand jemals richtig zu? »Was soll die Frage? Das sage ich schon die ganze Zeit«, entgegnete er. »Ich hab nie was anderes behauptet.«

Ihre Hände umklammerten den Rand ihres metallenen Tellers, als habe sie vor, ihn zu zerreißen. »Aber wenn das alles hier zu nichts führt, was soll es dann? Wofür rackern wir uns ab? Wenn es sowieso keinen Unterschied macht, wieso bin ich dann nicht zu Hause bei meiner Mutter, gehe auf die Schule und…« Sie hielt inne, sah ihn mit wütendem Funkeln in den Augen an. »Und wozu Schule, wenn ohnehin die Kohärenz auf einen wartet? Was kann man denn überhaupt noch machen, wenn man das alles weiß?«

Christopher hob die Schultern. »Keine Ahnung.«

»Mann!«, stieß Serenity hervor, stand auf und stapfte ohne ein weiteres Wort davon.

Er sah ihr hilflos nach. Sie tat gerade so, als sei das seine Schuld!

Serenity war den Tränen nah. Sie musste sich wegsetzen, es ging nicht anders. Es war, als würde ihr jetzt erst allmählich klar… wirklich klar, was all das, was sie in den letzten Wochen erlebt hatte, eigentlich bedeutete. Wie es alles, was sie bisher für ihr Leben gehalten hatte, auf den Kopf stellte.

Und niemand war da, der sie wenigstens in den Arm nahm und tröstete. Niemand, mit dem sie sich aussprechen konnte. Ihr Vater war nicht da, war schwer beschäftigt, wie immer. Ihre Mutter war auch nicht da. Die hätte ihr wenigstens einen Apfelkuchen gebacken oder so etwas. Und Kyle, ihr großer Bruder, an den sie sich früher immer hatte wenden können, wenn ihr etwas auf der Seele gelegen hatte, war ebenfalls nicht da, war zusammen mit Dad und ein paar anderen unterwegs.

Und Christopher…