Highlandtöchter: Entscheidung im Sturm - Amy Cameron - E-Book

Highlandtöchter: Entscheidung im Sturm E-Book

Amy Cameron

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Beschreibung

Ein Hass, der Generationen überdauert … Edinburgh, 1913. Als die junge Lehrerin Lili Campbel dem attraktiven Sir Niall Munroy begegnet, ist sie sofort von ihm fasziniert. Doch der mysteriöse Schotte ist nicht nur der Vater ihrer Lieblingsschülerin, er ist auch aus adeligem Hause – einer Welt, die Lili vollkommen fremd ist. Gegen alle Erwartungen macht er ihr einen Antrag, den sie überglücklich annimmt. Auf Scatwell Castle erwartet Lili jedoch ein sehr kühler Empfang von Nialls Familie, die aus ihrer Verachtung keinen Hehl macht. Und auch ihr Ehemann selbst verhält sich bald immer distanzierter – vor allem wenn Lili nach dem Clan der MacKenzies fragt, mit denen die Munroys schon lange eine tiefe Feindschaft verbindet. Nur in Nialls Cousin Dusten findet sie einen Verbündeten. Aber kann sie ihm auch ihr größtes Geheimnis anvertrauen, das ihre Ehe und die Zukunft der Munroys für immer zerstören könnte?  »Amy Camerons Debütroman ist eine gelungene Mischung aus Familiensaga und historischem Liebesroman.« LoveLetter Ein ergreifender Roman vor der atemberaubenden Kulisse Schottlands – für alle Fans von Lia Scott. In Band 2, »Hoffnung im Sturm«, verliebt sich Lilis Tochter Rose in einen geheimnisvollen Lord der Isle of Skye. Welche Absichten hat er wirklich? Alle Bände der Reihe: Band 1: Highlandtöchter – Entscheidung im Sturm Band 2: Highlandtöchter – Hoffnung im Sturm Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

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Seitenzahl: 659

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Edinburgh, 1913. Als die junge Lehrerin Lili Campbel dem attraktiven Sir Niall Munroy begegnet, ist sie sofort von ihm fasziniert. Doch der mysteriöse Schotte ist nicht nur der Vater ihrer Lieblingsschülerin, er ist auch aus adeligem Hause – einer Welt, die Lili vollkommen fremd ist. Gegen alle Erwartungen macht er ihr einen Antrag, den sie überglücklich annimmt. Auf Scatwell Castle erwartet Lili jedoch ein sehr kühler Empfang von Nialls Familie, die aus ihrer Verachtung keinen Hehl macht. Und auch ihr Ehemann selbst verhält sich bald immer distanzierter – vor allem wenn Lili nach dem Clan der MacKenzies fragt, mit denen die Munroys schon lange eine tiefe Feindschaft verbindet. Nur in Nialls Cousin Dusten findet sie einen Verbündeten. Aber kann sie ihm auch ihr größtes Geheimnis anvertrauen, das ihre Ehe und die Zukunft der Munroys für immer zerstören könnte?

Über die Autorin:

Amy Cameron wurde in Aberdeen geboren, wuchs in London und Berlin auf und lebt heute in New York. Früher arbeitete sie in einem Auktionshaus, bis ihr bei Recherchen zu ihren eigenen Wurzeln die Idee kam, eine Familiensaga zu schreiben.

Amy Cameron veröffentlichte bei dotbooks bereits »Highlandtöchter: Entscheidung im Sturm« und »Highlandtöchter: Hoffnung im Sturm«.

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eBook-Neuausgabe Juni 2025

Dieses Buch erschien bereits 2011 unter dem Titel »Der Ruf der Highlands« bei Piper

Copyright © der Originalausgabe 2011 Piper Verlag GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Adam Machowiak, NATALIA-P und AdobeStock/Keitma

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ma)

ISBN 978-3-98952-788-1

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Cameron Amy

Highlandtöchter: Entscheidung im Sturm

Roman

dotbooks.

Prolog

Der kleine Seitenarm des River Conon nordwestlich von Muir of Ord in Strathconon trug seit Generationen zwei Namen. Für die einen hieß er Artair’s Burn, für die anderen Angus’ Burn. Für zwei Familien besaß er jedoch auch noch einen dritten Namen, Fuath-Burn, der Bach des Hasses, war es doch das Einzige, was die beiden Seiten verband: unbändiger Hass! Das graublaue Wasser aber floss davon ungerührt auch an diesem Sommertag gleichmäßig von seiner Quelle im Wald von Torrachilty kommend in den River Conon. Ein Schwarm brauner Forellen tummelte sich spielerisch darin. Auf der Lichtung, durch die der Fluss führte, graste ein Rudel Rotwild, das sich aus den kargen Bergen hinunter in das fruchtbare Tal gewagt hatte.

Plötzlich hielt das Leittier inne, hob den Kopf, stieß einen heiseren Schreckenslaut aus und stob in Richtung Wald von dannen. Das Rudel folgte ihm auf der Stelle. Einen Augenblick lang herrschte gespenstische Stille auf der Lichtung. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern.

Zwei Gestalten näherten sich mit schweren Schritten. Die eine von Norden, die andere von Süden. Es waren zwei Männer, beide gleichermaßen hochgewachsen und kräftig. Beide trugen sie die Kleidung der Hochlandbewohner, einen Kilt mit Hemd und Jacke, dazu dicke Strümpfe und derbe Schuhe. Und beide blickten ähnlich grimmig drein. Das aber waren auch schon alle Gemeinsamkeiten der beiden Männer, die nun jeweils auf ihrer Uferseite stehen geblieben waren. Der Mann, der von Norden gekommen war, hatte weizenblondes Haar, das ihm wirr bis fast in die Augen hing. Sein Gesicht war kantig und voller Bartstoppeln, sein Kilt, in dessen Tartan die Farbe Grün vorherrschte, verschlissen, sein weißes Hemd schimmerte fleckig. Über die Brust zog sich ein Riss im Stoff, und seine Schuhe waren mit einer Staubschicht bedeckt. Das Auffallendste an ihm aber waren seine wasserblauen Augen, so klar wie ein Bergsee. Er wirkte beinahe ärmlich, während der andere Mann einen wohlhabenden Eindruck machte. Dessen Kleidung war sauber und gepflegt, seine Schuhe waren geputzt, sein rundliches Gesicht glattrasiert. Er hatte rote Locken, die neckisch unter seiner Mütze hervorlugten. Seine Kopfbedeckung besaß denselben Tartan wie der Kilt, in dem ein kräftiges Rot hervorstach.

Stumm und reglos standen sich die beiden eine ganze Weile gegenüber und musterten einander mit feindseligen Blicken.

»Warum hast du mich herbestellt? Für uns bist du schon vor vielen Jahren gestorben!«, rief der rot Gelockte schließlich über den Fluss.

Der Blonde lachte dröhnend. »Den Grund kennst du ganz genau. Du hast etwas, das mir gehört.«

Der Mann, der von Süden gekommen war, wurde blass. »Ich glaube, mein Lieber, du verkennst die Tatsachen!«, brüllte er zurück. »Das Land ist unser!«

»Was ihr euch genauso erschlichen habt wie die Collane, die euch nicht zusteht. Aber ich rede weder vom Land noch von der Ordenskette. Das weißt du ganz genau! Wo ist sie? Man hat mir gesagt, sie lebe in deinem Haus. Richte ihr aus, dass ich zurück bin.«

»Das werde ich nicht tun! Sie hält dich für tot, und das soll so bleiben.«

»Dann hole ich sie mir mit Gewalt.«

Der rot Gelockte lachte hämisch. »Das glaube ich dir gern. Damit kennt ihr euch ja aus, ihr Pack!«

Der Blonde machte einen Schritt nach vorn, versank bis zu den Knien im Wasser und drohte mit der Faust, aber der rot Gelockte zuckte nicht zurück. Im Gegenteil, sein mit Sommersprossen übersätes rosiges Gesicht lief feuerrot an, und er trat ebenfalls mit beiden Füßen in den Fluss.

»Was hat sie in deinem Haus zu suchen?«, schrie der Blonde. Auch seine Wangen hatten sich vor Zorn gerötet.

»Es ist auch ihr Haus«, gab der andere triumphierend zurück, »denn sie ist meine Frau.«

Er hatte seinen Satz kaum zu Ende gesprochen, als der Blonde sich ihm mit Riesenschritten näherte. Er war schon in der Mitte des Flusses angelangt und bis zu den Oberschenkeln im Wasser versunken. Der rot Gelockte aber war zurück ans Ufer geflüchtet.

»Komm her, Feigling!«, brüllte der Blonde. »Komm her und kämpfe! Tulach Ard!«

Der rot Gelockte zögerte einen Augenblick lang, doch dann sprang er ins Wasser und watete auf den Blonden zu. Ehe dieser sich’s versah, hatte er ihm einen Hieb auf die Nase versetzt. »Wenn du es wagst, meiner Frau zu nahe zu kommen, bringe ich dich um. Sie erwartet unser zweites Kind. Jede Aufregung schadet ihr!«, schrie er, während der Mann, der aus dem Norden gekommen war, ins Taumeln geriet. Mit letzter Kraft hielt er sich auf den Beinen und wischte sich mit dem Ärmel das Blut aus dem Gesicht.

»Du Dummkopf! Und du glaubst wirklich, das erste ist von dir?«, spie er seinem Angreifer voller Verachtung entgegen. Dann holte er aus und versetzte dem rot Gelockten einen Schlag in den Magen. Der stöhnte laut auf, doch ehe er sich wehren konnte, hatte der Blonde ihn bereits zu Fall gebracht. Der rot Gelockte strampelte kurz unter Wasser, tauchte aber schon einen Augenblick später wieder auf und schnappte nach Luft. Bevor der Blonde ihn erneut unter Wasser drücken konnte, hatte der rot Gelockte die Beine seines Gegners gepackt. Das kam so überraschend, dass der Blonde ins Wanken geriet und rückwärts in den Fluss fiel. Diesen Augenblick nutzte der Rothaarige, um aufzuspringen. Der Blondschopf tauchte prustend aus dem Wasser auf, doch sein Feind hinderte ihn daran, sich aufzurappeln, und presste ihm den Kopf gewaltsam unter Wasser. Der Blonde schlug in seiner Panik wild um sich und strampelte mit den Beinen, doch der Rothaarige ließ seinen Gegner nicht an die Oberfläche kommen, bis dessen Widerstand immer schwächer wurde. Wie von Sinnen hielt der Mann, der von Süden gekommen war, den Kopf des anderen unter Wasser, und erst als sich sein Gegenspieler gar nicht mehr rührte, ließ er los. Der rot Gelockte griff nach dem Kopf des Blonden und zog ihn aus dem Wasser. Die wasserblauen Augen des Blonden waren vor Schreck weit aufgerissen, aber der Blick war erloschen. Der Rothaarige schüttelte ihn hin und her. Wie bei einer Stoffpuppe flog der Kopf zu beiden Seiten. Als der Rothaarige nach einer halben Ewigkeit begriff, dass er den Mann, der von Norden gekommen war, getötet hatte, schrie er aus Leibeskräften ihren Namen. Mhairie! Mhairie! kam das Echo von der steil aufragenden Felswand hinter ihm schauerlich zurück. Der Fluss aber floss ungerührt weiter, wie er es seit jeher getan hatte, doch er würde von diesem Tag an nur noch den einen Namen tragen: Eng Burn, der Bach des Todes.

l. Teil

Edinburgh/Inverness, November 1913 – Hogmanay (schottisches Silvester und Neujahrsfest) 1913/1914

Farewell to the Highlands,

farewell to the North,

The birth-place of Valour,

The country of Worth;

Wherever I wander,

Wherever I rove,

The hills of the Highlands

for ever I love.

Robert Burns (1759-1796), schottischer Dichter

Aus: My Heart’s in the Highlands

Kapitel 1

Edinburgh, 29. November 1913

Der raue Westwind pfiff durch die Häuserschlucht der Bell’s Wynd, einer der kleinen Gassen, die von der High Street abgingen und zu jenen düsteren Hinterhäusern führten, die teilweise noch aus dem Mittelalter stammten. Auch in der Hauptstraße wehte ein eisiger Wind. Trotzdem herrschte in den Gassen selbst an diesem kalten und ungemütlichen Tag geschäftiger Trubel. Überall im Windschatten hatten die Händler ihre Stände aufgebaut und verkauften ihr schottisches Gebäck in unterschiedlichen Ausführungen. Der süße Duft von Shortbread stieg Lili Campbell verführerisch in die Nase. Sie wohnte noch nicht lange wieder im Zentrum der Stadt, aber sie liebte das städtische Leben, bis auf die stinkenden schwarzen Rauchwolken, die aus unzähligen Schornsteinen in den Himmel qualmten. Sie konnte gut verstehen, dass man Edinburgh im Mittelalter auch Old Smokie genannt hatte. Abgesehen davon, dass es mittlerweile längst nicht mehr so viele Kamine auf engstem Raum gab, stank der Rauch, den sie ausstießen, noch genauso übel wie vor Hunderten von Jahren. Bis vor Kurzem hatte Lili ein Zimmer im Internat bewohnt, draußen im grünen Westen, aber ein liebeskranker Kollege hatte sie in die Flucht geschlagen. Ian Mackay, Mathematiklehrer an der St.-George’s-Mädchenschule, hatte ihr, nachdem sie einmal mit ihm einen Spaziergang zum Fluss unternommen hatte, regelrecht nachgestellt. Er hatte ein Stockwerk über ihr gewohnt und Abend für Abend schottische Liebeslieder am offenen Fenster gesungen. Als er ihr schließlich eines Tages überraschend im Klassenzimmer vor den kichernden Schülerinnen einen Blumenstrauß überreicht hatte, war sie noch an demselben Tag zur Direktorin gegangen und hatte darum gebeten, zu ihrer Mutter in die Stadt ziehen zu dürfen. Den wahren Grund hatte sie Miss Macdonald allerdings verschwiegen. Das gestrenge Fräulein hätte dem liebestollen Kollegen wohl sofort die Stellung gekündigt, und das hatte er Lilis Meinung nach dann doch nicht verdient.

Daran musste die junge Lehrerin denken, während sie schnellen Schrittes aus der Stadtmitte in Richtung Princess Street eilte, wo sich ihr Arbeitsplatz befand. Sie ging jeden Morgen zu Fuß. Das war gesund, und sie hatte vor Schulbeginn die Gelegenheit, ihren Gedanken nachzuhängen. Noch einmal schweiften diese zu ihrem hartnäckigen Verehrer ab. Er sah nicht einmal schlecht aus, und auch sein Alter störte sie nicht – er war an die zehn Jahre älter als sie –, aber er war ihr einfach zu langweilig. Wenn er über etwas mit Feuereifer sprach, dann über den Satz des Pythagoras und die euklidische Geometrie. Ein Thema, das Lili gar nicht ferner hätte liegen können. Sie unterrichtete nämlich englische Literatur und Musik. Einmal hatte er ihr sogar ein selbst gemachtes Liebesgedicht unter dem Türspalt hindurchgeschoben. Lili hatte nicht umhin gekonnt, kichernd den Rotstift anzusetzen. Ein Werk wie dieses aus der Feder einer ihrer Schülerinnen hätte dieser einigen Tadel eingebracht. Natürlich hatte sie den guten Willen gewürdigt, aber weder Inhalt noch Form des Machwerks hatten ihr Herz erweicht. Sie konnte zwar nicht mit Sicherheit sagen, wie der Mann sein musste, in den sie sich würde verlieben können, aber eines wusste sie genau: Er sollte eher ein Schöngeist oder zumindest ein profunder Kenner von Literatur und Musik sein.

Lili zog sich den Kragen ihres Wollmantels noch höher, als sie am Hals einen kalten Windhauch spürte. Zum Glück regnet es nicht, dachte sie mit bangem Blick zum Himmel hinauf. Noch schien die Sonne, aber von Westen her näherten sich bereits wieder bedrohlich düstere Wolken. Sie war nur froh, dass sie sich heute nicht am frühen Morgen im Dunkeln auf den langen Weg hatte machen müssen wie sonst im Winter. Heute herrschte nämlich Ausnahmezustand in der Schule, denn morgen war der St. Andrew’s Day zu Ehren des schottischen Schutzheiligen, der an der St. George’s immer besonders gefeiert wurde. Am Vorabend trafen jedes Jahr die Eltern der Schülerinnen ein, die hoch aus dem Norden, aus den Highlands, kamen. Sie durften ihre Kinder besuchen, die so kurz vor Weihnachten keine Ferien mehr bekamen. In den umliegenden Hotels bezogen sie Quartier, denn schon am Abend wurde bei Musik, Tanz und einem Haggis-Essen, dem schottischen Nationalgericht, in dem großen Festsaal der Schule ausgelassen gefeiert. Viele Mädchen hatten ihre Eltern seit den Sommerferien nicht mehr gesehen. Sie waren deshalb viel zu aufgeregt, um an einem Tag wie diesem dem Unterricht zu folgen. Deshalb musste auch Lili erst am Vormittag zur Schule, wo die Mädchen probten, was sie abends vor den Eltern auf der Bühne zum Besten geben würden. Der absolute Höhepunkt war in diesem Jahr die Aufführung eines Schwerttanzes, des Gillie Callum, der elfjährigen Isobel Munroy. Lili selbst hatte das begabte Mädchen dazu ermutigt, den Solotanz zu wagen. Wochenlang hatten die Tanzlehrerin Mademoiselle Larange und Lili mit Isobel geübt. Lilis Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken an den heutigen Auftritt ihrer heimlichen Lieblingsschülerin. Sie würde das Mädchen am Klavier begleiten, und da musste jeder Ton sitzen, um Isobel nicht aus dem Rhythmus zu bringen. Sie durfte ja beim Tanzen auf keinen Fall eines der beiden am Boden liegenden gekreuzten Schwerter berühren.

Eine wohlbekannte Männerstimme holte sie aus ihren Gedanken. »Guten Tag, Miss Campbell«, grüßte Ian betont förmlich.

»Hallo, Ian«, erwiderte Lili freundlich und blickte auf.

Aus seinem Gesicht sprach der reine Vorwurf, aber er schwieg. So verliefen ihre Begegnungen in der Schule stets, seit Lili in die Bell’s Wynd gezogen war, aber ihr war das lieber so. Endlich hatte er verstanden, dass sie kein privates Interesse an ihm hatte.

Lili war bereits auf dem Schulgelände angelangt und eilte geradewegs in den Festsaal, wo sie noch einmal mit Isobel proben wollte, doch als Lili den Saal betrat, fand sie ihre Schülerin in Tränen aufgelöst.

»Bella, was ist geschehen?«, fragte Lili erschrocken und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern.

Das hochgewachsene Mädchen mit dem rot gelockten dicken Haar und einem Gesicht voller Sommersprossen blickte die Lehrerin traurig an. »Mein Vater«, weinte sie, zog einen zerknitterten Brief aus der Tasche ihrer Schulschürze und reichte ihn Lili wortlos. Die zögerte, Isobels Post zu lesen, doch nachdem das Mädchen sie regelrecht dazu aufgefordert hatte, vertiefte sie sich in die Worte. Ihr Vater besaß eine für einen Mann ausgesprochen geschwungene Handschrift. Bedauernd teilte er seiner Tochter mit, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu den Feierlichkeiten kommen könne. Er habe einen wichtigen Termin mit einem Kunden in Inverness, der es ihm wohl nicht möglich mache, pünktlich zur Aufführung in Edinburgh zu sein, und dann lohne es sich doch gar nicht mehr, wenn er käme. Man sehe sich doch bald in den Ferien, versuchte er sie zu trösten, doch das half alles nichts. Isobel war außer sich vor Enttäuschung.

»Ich werde nicht tanzen heute Abend. Ich bin sowieso nicht gut. Und jetzt, wo Daddy nicht einmal zuguckt ...«, schluchzte sie zum Herzerweichen. Lili suchte nach tröstenden Worten, doch ihr fiel nichts Passendes ein, denn es war nicht das erste Mal, dass der Vater des Mädchens Termine im Internat kurzfristig absagte. Auch wurde Isobel stets von den Eltern anderer Mädchen aus den Highlands in die Ferien abgeholt, sodass Lili ihn auch noch niemals persönlich zu Gesicht bekommen hatte. Er war einer der wenigen Väter, die sie nicht kannte. Bevor Lili aber etwas sagen konnte, schwebte Mademoiselle Larange in den Saal, die elfengleiche, nicht mehr junge ehemalige französische Primaballerina, die früher um die ganze Welt gereist und umjubelt worden war.

»Was ist denn ier los?«, fragte sie in ihrem unvergleichlichen Singsang.

Lili hob die Schultern. »Ihr Vater wird höchstwahrscheinlich heute Abend nicht kommen, und jetzt will sie den Tanz nicht aufführen.«

Mademoiselle Larange kräuselte ihr schmales Näschen zum Zeichen, dass sie Isobels Verhalten ganz und gar nicht guthieß. »Mein liebes Kind, du biest ein begnadete Tänzerin, wir aben mit disch bis zum Umgefallen geübt und n’est pas fair aus persönlische Gründe alles werfen hin. Ein große Künstlerin braucht nischt nur Talent, sondern auch Durschaltevermögen und die Fäischkeit, bei die Sache zu bleiben. Wie stellst du disch das vor? Eute Abend wird erwartet, das jemand den Gillie Callum tanzt. Das ist der Öepunkt! Wir aben zwar nischt verraten, wer der ist, mais pardon, wer außer disch kann das?«

Lili musste sich ein Grinsen verkneifen. Mademoiselle Larange sprach mit dem schrecklichsten Akzent, den Lili je gehört hatte, aber dafür mit Händen und Füßen. Und ihr Appell schien Früchte zu tragen, denn Isobels Tränen waren versiegt.

»Qui, du ast ein Pflischt. Und nun, Mademoiselle Cambelle, gehen Sie an der Piano! «

Lili folgte der Aufforderung der Tanzlehrerin und nahm auf ihrem Hocker Platz. Dass der Gillie Callum heute Abend am Klavier begleitet wurde, war eine Seltenheit. Gewöhnlich spielte ein Dudelsackspieler die alte Melodie, doch Isobel wollte unbedingt, dass Lili am Klavier dabei war.

Während die Tanzlehrerin ihren Platz im Zuschauerraum einnahm, drapierte Isobel mit äußerster Konzentration ihre zwei Breitschwerter auf dem Boden. Sie mussten so übereinandergelegt werden, dass zwischen den Klingen vier gleich große Felder entstanden, denn den Höhepunkt der Darbietung stellten die Schritte dar, die zwischen den Schwertern getanzt wurden.

Lili wartete, bis Mademoiselle ihr das Zeichen gab, und begann dann mit dem Klavierspiel. Mit einem Seitenblick musste sie feststellen, dass Isobel nicht bei der Sache war. Und schon wurde das Mädchen streng unterbrochen, und eine einzige Schimpftirade in schrecklichem Kauderwelsch prasselte auf die Unglückliche nieder. Mademoiselle Larange war auf die Bühne gesprungen und hielt Isobel eine Standpauke. Sosehr Lili vorhin die Worte der Kollegin befürwortet hatte, so übte sie ihrer Meinung nach nun viel zu viel Druck aus, der bei Isobel nichts als Trotz hervorrief.

Mit verschränkten Armen stand das Mädchen vor der Lehrerin und hatte die Lippen fest zusammengepresst. »Ast du nischt geört? Isch sagte, du sollst noch einmal machen!«, befahl Mademoiselle Larange mit schriller Stimme, doch Isobel rührte sich nicht. Die Französin warf ihrer Kollegin am Klavier einen hilflosen Blick zu. Lili dachte kurz nach, dann erhob sie sich.

»Komm, Bella!«, sagte sie mit weicher Stimme. »Wir unternehmen einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft.« Sie blickte von ihrer Schülerin zur Tanzlehrerin. »Entschuldigen Sie uns, wir sind gleich wieder da!«

»Soit! Mais vite, vite!«, knurrte Mademoiselle Larange. Lili schlüpfte hastig in ihren Mantel und machte Isobel ein Zeichen, ihr nach draußen zu folgen. Der Wind hatte etwas nachgelassen. Dafür regnete es in Strömen, sodass Lili im Eingang stehen blieb.

»Ich kann nicht, das habe ich doch gleich gesagt. Warum muss mich die Moiselle dazu zwingen?«, beschwerte sich Isobel.

Lili seufzte tief. Dann wandte sie sich ihrer Schülerin zu und musterte sie mit ernstem Blick. »Mademoiselle Larange hat recht. Es wäre schade, wenn du vor lauter Enttäuschung, dass dein Vater nicht zur Aufführung kommt, alles hinwirfst. Es gibt doch so viele andere, die sich an deinem Tanz erfreuen würden.«

»Ich will aber für meinen Vater tanzen«, widersprach Isobel trotzig.

Wieder seufzte Lili. »Ich weiß, wie du dich fühlst. Weißt du, als ich meine ersten Konzerte in der Schule gegeben habe, war meine Mutter nie dabei. Was meinst du, wie oft ich die Lust am Klavierspielen verloren hatte? Aber dann waren da meine Lehrer, meine Mitschüler, die Eltern der anderen Mädchen ...«

»Sie hatten wenigstens eine Mutter«, unterbrach Isobel Lili.

»Ja, aber dafür bin ich ohne Vater aufgewachsen.«

Das Mädchen blickte seine Lehrerin neugierig an. »Ist Ihr Vater auch gestorben, als Sie noch klein waren? Ich war sieben, als meine Mutter starb.«

»Nein, er ist ...«, erwiderte Lili gedankenverloren, doch dann berichtigte sie sich rasch. »Ja, genau, er ist gestorben, als ich noch ein Baby war. Ich habe nicht einmal ein Bild von ihm, das ich in meinem Herzen bewahren könnte. Aber deshalb weiß ich, wie es ist, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen, der dann für den Lebensunterhalt sorgen muss und nie Zeit hat.«

»Besitzt Ihre Mutter etwa auch so eine riesige Schafzucht wie mein Vater?«

Lili lächelte und schüttelte den Kopf. »O nein, das leider nicht. Sie arbeitet in einem Haushalt am Charlotte Square. Und immer, wenn es in der Schule Aufführungen gab wie am St. Andrew’s Day oder zu Burns Supper, fanden im Hause ihrer Herrschaften große Gesellschaften statt, für die meine Mutter große Mengen von Haggis zubereiten musste.«

Isobel sah Lili ungläubig an. Lili verstand das so, dass ihre Schülerin noch immer nicht ganz von den Worten überzeugt war, die ihre Lehrerin zur Verteidigung der alleinerziehenden Elternteile vorgebracht hatte. Deshalb setzte Lili nach.

»Natürlich ist es hart für uns, aber unsere Eltern tun es doch nicht aus böser Absicht, sondern, weil sie arbeiten müssen.«

»Ja, nein, ich ...«, stammelte Isobel. »Es ist nur so, bei uns zu Hause ... Onkel Craig und Tante Shona ermahnen mich immer, dass ich nicht bei den Dienstboten in der Küche hocken soll.«

Da erst begriff Lili, was Isobel so befremdlich erschien. »Ach so, du wunderst dich darüber, dass meine Mutter Köchin ist, nicht wahr? Ja, weißt du, nicht jeder wird mit einem silbernen Löffel im Mund geboren.«

»Natürlich nicht«, entgegnete Isobel verlegen. »Aber ich glaube, ich habe Sie verstanden. Vater würde sicher wollen, dass ich auch tanze, wenn er nicht dabei ist. Und die Moiselle und Sie, Miss Campbell, Sie haben so lange mit mir geübt. Es wäre undankbar, wenn ich mich sträuben würde.«

»Richtig, so spricht eine vernünftige Isobel Munroy.«

»Und Sie meinen wirklich, dass ich gut genug bin?«

»Du bist ein Naturtalent.« Lili legte den Arm um die Schultern des Mädchens und zog es mit sich fort.

Mademoiselle Larange war nicht da, als sie den Saal betraten.

»Komm schnell und sieh mir zu!«, schlug Lili ihrer Schülerin mit vor Begeisterung geröteten Wangen vor. »Ich mache dir die Schrittfolge noch einmal vor, während du den Gillie Callum singst.«

Hastig legte Lili ihren schweren Mantel ab, zog ihre klobigen Schuhe aus, stellte sich hinter die Schwerter und gab Isobel ein Zeichen, mit dem Gesang zu beginnen.

Das Mädchen besaß eine glockenhelle Stimme, viel zu virtuos für das deftige Lied, aber Lili fand den Einsatz und begann mit den Schritten. Wie oft hatte sie den Gillie Callum schon in dem kleinen Zimmer in der Bell’s Wynd getanzt! Sie bewegte sich so sicher und hörte dabei auf zu denken. Ihre Füße flogen wie von selbst hin und her. Als sie fertig war und sich verbeugte, ertönte aus dem Zuschauerraum Applaus. Erschrocken blickte Lili in die Richtung, aus der er gekommen war. Dort stand Mademoiselle Larange in Begleitung eines groß gewachsenen, schlanken Mannes mit roten Locken in der vornehmen Kleidung eines adeligen Hochländers. Das konnte Lili auf einen Blick erkennen. Die Männer in den Gassen von Edinburgh waren einfacher gekleidet und trugen keine Kilts, sondern einfarbige dunkle Hosen. So angezogen wie dieser Mann waren nur die wohlhabenden Väter der Mädchen aus den Highlands. Diesen aber hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Lili lief rot an, denn Mademoiselle Larange und der Fremde klatschten immer noch begeistert.

»Sie ätten Tänzerin werden sollen, Miss Cambelle. Sie haben das im Blut. Aber nun vite, vite, ma chère Isobel!« Sie wandte sich an den Hochländer. »Aber Sie müssen gehen aus die Saal. Sonst ist nischt mehr Überraschung, Sir Niall.«

In diesem Augenblick stürzte sich Isobel mit dem Aufschrei »Vater!« von der Bühne und warf sich dem Mann in die Arme. Er schleuderte sie ein paarmal im Kreis herum, doch dann sagte er mit gespielter Strenge: »Du musst deine Kraft für den Auftritt bewahren, meine kleine Distel!«

»Aber wieso bist du doch gekommen, und schon so früh?«, fragte Isobel, deren Wangen sich vor Freude rosig verfärbt hatten.

»Ich habe Mister Macure, meinem Kunden, die Wahrheit gesagt. Dass meine kleine Tochter heute den Gillie Callum tanzen wird und ich den wegen unserer Besprechung wohl versäumen würde. Und da hat Mister Macure gesagt, dass das nicht infrage komme und wir unseren Termin wohl auf übermorgen verschieben müssten.«

»Ach, Dad, ich bin ja so froh!«, seufzte Isobel und fiel ihrem Vater noch einmal um den Hals.

Lili verfolgte diese innige Begrüßung zwischen Vater und Tochter mit wachsendem Interesse. Was für eine tiefe, warme Stimme er doch hat, dachte sie noch, als sie ihn raunen hörte: »Miss Cambelle, vielen Dank für den bezauberndsten Gillie Callum, den ich je gesehen habe ...«

Lili musste sich das Lachen verkneifen, weil er ihren Namen in Mademoiselle Laranges Kauderwelsch ausgesprochen hatte.

»Noch mag er Ihnen vielleicht als der bezauberndste erscheinen«, erwiderte sie schlagfertig. »Aber warten Sie ab, bis Sie Ihre Tochter bewundern dürfen.« Sie hoffte, dass er nicht merkte, wie seine Anwesenheit und besonders sein Kompliment sie verunsicherten. Nicht jeden Tag sagte ihr ein so attraktiver Hochländer, dass sie bezaubernd tanze. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, bemerkte sie nun hastig und bestimmt: »Und meine Kollegin hat recht. Sie müssen jetzt gehen. Wir werden noch einmal proben, und wenn Sie dabei zusehen, würde das viel zu viel vorwegnehmen.«

»Aber selbstverständlich«, entgegnete Sir Niall höflich und wandte sich gen Ausgang. Dort drehte er sich noch einmal um. »Darf ich fragen, ob Sie Isobel danach in meine Obhut übergeben könnten? Ich würde gern mit ihr ein wenig durch die Stadt bummeln und einkaufen. Nicht, dass wir in Inverness keine Geschäfte hätten, aber die Auswahl ist hier schon ein wenig größer.«

»Wenn Sie sie rechtzeitig zurückbringen, damit sie noch beim Schmücken des Saales helfen kann, habe ich nichts dagegen. Reichen zwei Stunden für Ihre Besorgungen?«

Der Mann aus dem Hochland lachte tief und voll. »Das kommt darauf an, was meine kleine Distel so alles braucht. Nein, machen Sie sich keine Sorgen. In zwei Stunden bringe ich sie wohlbehalten zurück.« Er deutete eine Verbeugung an, bevor er endgültig den Saal verließ.

Was für ein charmanter und interessanter Mann!, durchfuhr es Lili.

»Miss Cambelle«, riss Mademoiselle Larange Lili, die dem Hochländer immer noch nachstarrte, aus ihren schwärmerischen Gedanken. »Wir wollen probieren! Alors, bist du bereit, Isobel?«

»Ja«, erwiderte das Mädchen mit strahlendem Lächeln und stellte sich hinter den Schwertern auf. Dieses Mal tanzte sie wie eine junge Göttin. Selbst als Lili ein paarmal aus dem Takt geriet und sich im Ton vergriff, überspielte Isobel deren Patzer geschickt.

»Bravo!«, wurde sie von Mademoiselle Larange gelobt. »Und nun, du kannst gehen zu dein Papa. Vite, vite! «

Das ließ sich Isobel nicht zweimal sagen. Grußlos griff sie sich ihren Mantel und flog förmlich davon.

Lili aber traute sich kaum aufzublicken. Ihr war es entsetzlich peinlich, dass sie sich verspielt hatte. Das war doch sonst nicht ihre Art. Hoffentlich hat die Moiselle es nicht bemerkt, dachte sie noch. Doch da zwitscherte die Tanzlehrerin bereits in süffisantem Ton drauflos. »Isch kann Sie verstehen, Miss Cambelle, wenn isch noch im Alter zu eiraten wäre, isch würde diese Mann nischt mehr aus die Augen lassen. Er at zwei besteschende Vorteile: Er ist ein Witwer und ein Baronet. Mais, eute Abend, Sie sollten ihn einer kleiner Moment lang vergessen.«

Lili errötete bis in die Haarwurzeln. »Das hat doch nichts mit Sir Niall zu tun, wenn ich danebengreife«, schwindelte sie mit empörter Stimme.

»Isch verstehe, d’accord, mais eines müssen Sie misch erklären. Warum aben Sie nie Ballet gemacht? Sie sind gut.«

Lili hob die Schultern. »Meine Mutter hatte nicht das Geld für den Unterricht, und mit fünfundzwanzig dreht man keine großen Pirouetten mehr«, erwiderte sie rasch.

»Aber mit fünfunswansisch ist man in die rischtige Alter zu eiraten, um nischt zu sagen, jetzt oder nie. Isch meine, Sie sehen aus wie keine zwansisch, aber andere in Ihre Alter aben eine Schar von Kindern. Vite, vite, kann isch nur sagen, sonst werden Sie eine alte Moiselle wie isch. Und nie ein Madame«, plapperte Mademoiselle Larange darauflos.

Lili aber zog es vor, diesen sogenannten Wink mit dem Zaunpfahl zu überhören und den Saal eilig zu verlassen. Sie hatte nämlich das ungute Gefühl, dass sie zum wiederholten Mal an diesem Vormittag rot geworden war. Aber ein Körnchen Wahrheit enthielten die Worte der Französin. Das konnte sie nicht leugnen. Sie wusste genau, dass sie nicht mehr endlos warten durfte, wenn sie einmal heiraten und Kinder haben wollte. Eigentlich machte ihr der Beruf große Freude und erfüllte sie voll und ganz. Gut, wenn der richtige Mann kommen würde, dann würde sie ihn vielleicht sogar aufgeben, doch dem war sie bislang noch nicht annähernd begegnet. Und sie konnte ihr Herz wohl kaum an einen unerreichbaren Baronet aus den Highlands hängen.

Kapitel 2

Edinburgh, 29. November 1913

Der Saal der St.-George’s-Mädchenschule war festlich geschmückt. Überall an den Wänden prangten die Wappen der Clans, und Girlanden mit Stoffdisteln hingen über den eingedeckten Tafeln, die strahlenförmig um die Bühne herum aufgestellt worden waren, damit jeder einen freien Blick auf das Geschehen dort oben hatte. Der Tisch am äußeren Rand war den Lehrern vorbehalten. Lili missfiel es außerordentlich, dass wieder einmal Ian Mackay den Platz neben ihr ergattert hatte, nur um sie vorwurfsvoll anzuschweigen.

Lilis Finger wurden eiskalt, als sie von der Direktorin nach deren Ansprache an die Eltern als die »ungewöhnliche musikalische Begleitung« der Schülerin Isobel Munroy bei deren Gillie Callum angesagt wurde. Und das lag nicht nur an ihrem dünnen hellroten Abendkleid aus Seide und Chiffon, das ihre Mutter ihr selbst genäht hatte. Aus Stoffresten, die ihr die Herrschaft geschenkt hatte, doch das war dem Kleid nicht anzusehen. Lili war sich sehr wohl bewusst, dass sie eleganter als ihre Kolleginnen wirkte, die an demselben Tisch wie sie saßen. Bis auf Mademoiselle Larange, die stets durch ihre modischen Extravaganzen hervorstach. Zu einem schlichten, einfach geschnittenem Kleid trug sie riesige Ohrringe in Schlangenform sowie Armreifen, die sich vielfach um ihre schmalen Handgelenke wanden.

Sie ist einfach eine Dame von Welt, dachte Lili bewundernd. Ob sie je so aufregt vor ihren Auftritten war, wie ich es gerade bin?, fragte sie sich, während Madame Larange ihr aufmunternd zunickte.

Daraufhin erhob sich Lili von ihrem Platz und machte eine kurze Verbeugung, bevor sie auf die Bühne zuging. Das Publikum applaudierte. Hoffentlich stolpere ich nicht, schoss es ihr durch den Kopf, während sie die Stufen hinaufschritt.

Mit einer grazilen Bewegung setzte sie sich ans Klavier und begann mit den ersten Takten.

»Wo ist der Dudelsackspieler?«, schallte es aus dem Saal zu ihr herauf, aber nun konnte sie nichts mehr aus der Ruhe bringen. Dachte sie jedenfalls, bis sie einen flüchtigen Blick in das Publikum warf und in ein Paar tiefblauer Augen sah. Beinahe hätte sie die falsche Taste erwischt, sodass sie sich nun eisern auf ihre Hände konzentrierte.

Lautes Klatschen ertönte, als Isobel aus dem hinteren Vorhang auf die Bühne trat und sich hinter den Schwertern aufstellte. Lilis Herz wollte vor lauter Stolz schier bersten beim Anblick ihrer Lieblingsschülerin, die einen karierten Rock trug, der, wie es sich gehörte, kürzer war als ein Kilt, welcher den Männern vorbehalten war. Mit feierlichem Ernst blickte das Mädchen ins Publikum.

Lili betete, dass alles gut gehen möge, und atmete auf, als sich Isobel anmutig in Bewegung setzte und ihre Beine rasant über die Klingen des Schwertes fliegen ließ. Sie wagte sogar einen Sprung, den sie nicht geprobt hatten, den sie aber so gekonnt ausführte, dass das Publikum ihr Zwischenapplaus spendete.

Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, dachte Lili erleichtert und erhöhte das Tempo, dem Lili mühelos folgte. Immer schneller tanzten ihre flinken Füße wie bei einer Primaballerina innerhalb der vier Felder. Ihre ernsten Gesichtszüge hatten sich erhellt. Sie lächelte selig, was ihrer Aufführung noch einen besonderen Charme verlieh.

Auch Lili huschte ein befreites Lächeln über die Lippen. Als Isobel den Tanz beendet hatte und mit tosendem Beifall belohnt wurde, wagte Lili erneut einen flüchtigen Blick ins Publikum. Abermals blieb er an dem Gesicht von Isobels Vater hängen, der ihr ein anerkennendes Lächeln schenkte.

Sie erwiderte es verlegen. Dann stand sie auf und verbeugte sich gemeinsam mit ihrer Schülerin.

»Die Kleine war gut, aber wo ist der Dudelsackspieler?«, brüllte es erneut aus dem Publikum. An der Stimme des Mannes war unschwer zu erkennen, dass dieser bereits angetrunken war.

Lili versuchte den störenden Zwischenruf zu überhören und lächelte nun tapfer von der Bühne hinunter. Da aber trat Isobel einen Schritt vor und rief laut ins Publikum: »Ich habe mir das Klavier zur Begleitung gewünscht und fand es wunderbar!«

Zur Bekräftigung ihrer Worte sprang ihr Vater von seinem Platz auf. »Wem es nicht gefällt, der soll gehen!«, donnerte er mit lauter Stimme.

Dafür erntete er zustimmenden Beifall, und der Störenfried wurde daraufhin von seinen eigenen Leuten nach draußen geleitet.

Noch einmal verbeugten sich Isobel und Lili, und aus dem Saal ertönte der Gillie Callum, gesungen von allen Gästen der Feier. Diesen Augenblick nutzte Lili, um die Bühne zu verlassen und an ihren Tisch zurückzukehren.

»Da hast du dir aber einen feinen Verehrer angelacht, meine Liebe. Für die Tochter der Köchin zu fein! «, zischte ihr Ian ins Ohr, kaum dass sie sich gesetzt hatte. Lili wurde feuerrot. Offenbar hatte der eifersüchtige Kollege den Blickkontakt zwischen ihr und Isobels Vater beobachtet. Bislang war sie ruhig geblieben, weil sie ihm einen Korb hatte geben müssen und er ihr leidtat. Diese Rücksichtnahme aber hatte er in dieser Sekunde verspielt.

»Wenn du noch einmal deine Nase in meine Angelegenheiten steckst oder dich ungefragt in meine Nähe setzt, erzähle ich Miss Macdonald, dass ich deinetwegen ausgezogen bin«, gab sie wütend zurück.

»Du wirst noch sehen, was du davon hast«, drohte ihr der Mathematiklehrer und kehrte ihr den Rücken zu. Lili aber atmete ein paarmal tief durch. Ob er wohl recht hat und Isobels Vater tatsächlich an mir interessiert ist?, fragte sie sich noch, als das Essen kam. Es gab eine Vorsuppe, auf die sie sich mit Heißhunger stürzte. Sie war den ganzen Tag über noch nicht richtig zum Essen gekommen. Sie hoffte, dass sie davon satt werden würde, denn der Hauptgang war nicht nach ihrem Geschmack. Das durfte sie nur nicht laut sagen, weil sie außer sich selbst keinen einzigen Schotten kannte, der Haggis nicht als seine Lieblingsspeise betrachtet hätte. Die einzige Zubereitung des Nationalgerichts, die wirklich Gnade vor ihren Augen fand, war die ihrer Mutter, aber das, was in der Schule als Haggis auf den Tisch kam, zählte sie nicht zu ihren Lieblingsgerichten. Deshalb füllte sie davon so viel oder so wenig auf den Teller, dass es nicht weiter auffiel, und bediente sich dafür reichlich bei den Kartoffeln und den Rüben. Sie hatte eine Verbündete, was ihre Abneigung gegen Haggis betraf: Mademoiselle Larange, der man es allerdings nachsah, dass ihrem französischer Gaumen der mit Herz, Lunge, Leber, Zwiebeln und Nierenfett gefüllte Schafsmagen nicht unbedingt genehm war. Mit einem Blick auf Lilis Teller schenkte die Moiselle ihr ein wissendes Lächeln.

Lili langte dafür beim Dessert noch einmal ordentlich zu. Sie liebte alle Arten von Pudding und konnte vor allem so viel davon essen, wie sie nur wollte. »Wie kannst du nur so schlank bleiben? Bei den Mengen, die du vertilgst?«, pflegte Lilis Mutter angesichts des gesegneten Appetits ihrer Tochter immer wieder zu fragen und war sich sicher, dass dies aus der väterlichen Linie kommen müsse. Davinia neigte nämlich zur Üppigkeit, was, wie Lili fand, sehr gut zu deren Beruf passte. Man sah ihr an, dass es ihr schmeckte. Väterliche Linie, dachte Lili, und ihr Gesicht verfinsterte sich. Über jene Familie wusste sie gar nichts. Kein Wunder, war ihr Vater doch schon vor ihrer Geburt gestorben. Nicht einmal gewusst hatte er von ihr, aber Davinia pflegte stets im Brustton der Überzeugung zu verkünden, dass er sie selbstverständlich geheiratet hätte, wenn er nicht vorher verunglückt wäre ...

Lili versuchte, den Gedanken an ihre Herkunft energisch abzuschütteln. Immer wenn sie daran dachte, wie tapfer ihre Mutter sie beide durchgebracht hatte, stieg in ihr Wut auf ihren Vater hoch. Warum war er auch vom Pferd gestürzt, bevor er Davinia zum Altar hatte führen können? Dann wäre sie, Lili, wenigstens ein eheliches Kind gewesen. So aber musste sie mit diesem Makel leben, dass sie keines war. Heute war dies kaum mehr ein Problem, aber zu Schulzeiten hatte sie schwer darunter zu leiden gehabt.

Lili war froh, als Mademoiselle Larange sie in ein Gespräch über Ballett verwickelte. Das vertrieb ihre düsteren Gedanken im Nu.

Nach dem Essen löste sich die Gesellschaft rasch auf, weil die Mädchen ins Bett mussten, um für die morgendlichen Feierlichkeiten ausgeschlafen zu sein. Lili reckte den Hals, um nach Isobel zu sehen, doch ihr Platz und auch der ihres Vaters waren leer. Sie verspürte eine leichte Enttäuschung bei dem Gedanken, dass die beiden sich nicht einmal verabschiedet hatten, wobei sie sich nicht ganz sicher war, was sie mehr wurmte: dass der Vater das Fest grußlos verlassen hatte oder die Tochter ...

Lili wollte gerade eine Girlande abnehmen, als die Direktorin an sie herantrat. »Miss Campbell, Schluss für heute! Sie haben Ihren Beitrag zu unserem Fest zu meiner vollen Zufriedenheit geleistet. Gehen Sie nur. Sie haben noch einen weiten Weg.« Sie blickte Lili wohlwollend an. »Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit«, fügte sie hinzu. »Selten hat eine so junge Lehrerin in kürzester Zeit Derartiges bewegen können.«

Lili machte dieses Lob verlegen. »Ich habe doch nichts Besonderes getan«, beeilte sie sich zu widersprechen.

»O doch. Sie wissen genau, wie verschlossen Isobel war, als sie auf unsere Schule kam, wie zurückhaltend und schüchtern. Und nun tanzt sie auf der Bühne und begeistert jedermann. Das ist Ihr Verdienst.«

Lili wurde rot. »Das Talent hat sie. Ich habe sie doch nur dazu ermutigt, es zu zeigen. Und Sie dürfen Mademoiselle Larange nicht vergessen. Sie hat sich genauso für die kleine Munroy eingesetzt.«

»Das schätze ich übrigens ebenfalls sehr an Ihnen – Ihre Bescheidenheit«, erwiderte die Direktorin. »Aber nun werden Sie meinen Anweisungen folgen und sich umgehend auf den Heimweg machen. Und bitte, nehmen Sie eine Droschke. Es treibt sich heute Abend allerlei Volk in den Gassen herum.«

Lili nickte. »Dann auf Wiedersehen, Miss Macdonald. Bis morgen.«

»Morgen?«, entgegnete die Direktorin. »Schon vergessen? Alle Lehrkräfte, die ihren Beitrag zu den Festlichkeiten geleistet haben, bekommen morgen frei. Ruhen Sie sich einfach ein wenig aus.«

»Tatsächlich, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Vielen Dank.«

Lili winkte der Direktorin noch einmal zu, bevor sie ihren Mantel holte und ins Freie trat. Die Luft war frisch und klar. Es hatte aufgehört zu regnen, und auch der Wind hatte nachgelassen. Lili warf einen flüchtigen Blick zum sternenklaren Nachthimmel hinauf und stieß einen tiefen Seufzer aus. Am liebsten wäre sie zu Fuß gegangen, aber nun hatte sie der Direktorin versprochen, sich einen Wagen zu nehmen. Vor dem eisernen Tor der Schule warteten bereits einige Droschken, um die Eltern der Schülerinnen in ihre Unterkünfte zu bringen. Lili reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Sofort wurde sie von allen Seiten auf die gelungene Vorführung der kleinen Munroy angesprochen.

»Darf ich Sie mit einer Droschke nach Hause begleiten, Miss Campbell?«, fragte nun plötzlich eine tiefe Männerstimme, die einen geheimnisvollen rauen Klang besaß, hinter ihr. Wie vom Donner gerührt wandte sie sich um. Dabei klopfte ihr das Herz bis zum Hals.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass Sie meinetwegen einen Umweg machen, würde ich in dieser selten klaren Nacht tatsächlich lieber zu Fuß gehen.«

»Nichts lieber als das«, entgegnete Sir Niall und reichte ihr seinen Arm. Zögernd hakte Lili sich bei ihm unter. »Ich wohne allerdings etwas weiter weg. Nahe der High Street«, bemerkte sie fast entschuldigend.

»Umso besser«, entgegnete der hochgewachsene Mann, dem sie knapp bis zur Schulter reichte.

Ihr Herz pochte immer noch laut, als sie sich von den wartenden Eltern entfernten, deren aufgeregtes Getuschel die Freude über dieses unerwartete Wiedersehen mit Isobels Vater ein wenig trübte. Nicht dass ich ins Gerede komme, weil ich vor allen Leuten mit ihm fortgehe, durchfuhr es sie eiskalt. Doch kaum, dass sie um die Ecke gebogen waren und sich den Blicken der neugierigen Hochländer entzogen hatten, entspannte sie sich. Was war schon dabei, wenn sie sich von einem Mann auf dem Heimweg durch die Nacht begleiten ließ?

»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet«, bemerkte der Baronet mit ernster Stimme.

Lili zuckte zusammen. Es war ihr unangenehm, womöglich schon wieder für Isobels Auftritt gelobt zu werden.

»Es ist meine Aufgabe, mich um die Mädchen zu kümmern«, erwiderte sie schroffer als beabsichtigt.

Sir Niall Munroy blieb unvermittelt stehen und blickte Lili tief in die Augen. »Ich habe mir große Sorgen um meine Tochter gemacht, weil sie so in sich gekehrt und abweisend war, doch heute habe ich sie als völlig verändertes Kind erlebt. So fröhlich war sie selten. Und nun erzählen Sie mir nur nicht, dass Sie daran gänzlich unschuldig sind.«

Lili ließ seinen Arm los und trat einen Schritt zurück.

»Mademoiselle Larange und ich haben einfach nur erkannt, was für ein Talent in Ihrer Tochter schlummert. Und nicht ich habe es zuerst bemerkt, sondern meine Kollegin, die Bella im Tanzen unterrichtet.«

Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. »Keine Sorge, ich habe der Mademoiselle meinen Dank ebenfalls ausgesprochen. Aber allein wie Sie meine Tochter nennen ... Bella, so hat meine Frau sie immer gerufen.«

»Isobel hat mich darum gebeten«, erwiderte Lili mit einer Heftigkeit, die sie selbst erschreckte. Sie fügte hastig hinzu: »Wir sollten den Weg schneller fortsetzen. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich nicht in der Nachbarschaft des Internats wohne.«

»Aber natürlich«, erwiderte Sir Niall höflich und reichte ihr erneut den Arm. Lili hakte sich zögernd ein. Sosehr sie seine Nähe genoss, plötzlich erschien ihr das alles viel zu persönlich. Es liegt an seinem Blick, dachte sie erschrocken. Er sieht mich nicht wie die Lehrerin seiner Tochter an. Ich erkenne da eine Sehnsucht, aber die kann unmöglich mir gelten.

»Sie müssten einmal ihre Briefe lesen, wie sie von Ihnen spricht. Miss Campbell sagt dieses, Miss Campbell meint jenes ...«

Lili stellte erleichtert fest, dass sie bereits den Moray Place erreicht hatten. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Keine Frage, dass sie den Mann aus dem Hochland faszinierend fand, aber Ian Mackay hatte mit seinen vernichtenden Worten vorhin leider die Wahrheit gesprochen. Isobels Vater war ein reicher Baronet aus den Highlands und sie die Tochter einer Köchin.

»Ich mag Isobel, und sie tat mir schrecklich leid. Nicht ein einziges Mal in den zwei Jahren, seit Ihre Tochter bei uns ist, haben Sie der Schule einen Besuch abgestattet. Können Sie sich nicht vorstellen, wie sehr das Mädchen seinen Vater braucht, wenn es schon keine Mutter mehr hat ...« Lili unterbrach sich hastig. Sie hatte schon, während sie sprach, gemerkt, dass es ihr nicht zustand, den Vater einer Schülerin in diesem anklagenden Ton zurechtzuweisen.

»Entschuldigen Sie bitte! Das war nicht fair. Ich bin selbst auch nur mit einem Elternteil, mit meiner Mutter, aufgewachsen, die, weil sie mir den Beruf meiner Träume ermöglichen wollte, unentwegt geschuftet hat und eben nie zu Schulaufführungen kommen konnte.«

Ehe Lili sich’s versah, hatte Isobels Vater sie in den Arm genommen. »Sie müssen sich nicht entschuldigen«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ob Sie meine Tochter in Ihr Herz geschlossen haben, weil ihr Schicksal Sie an Ihr eigenes erinnert oder aus anderen Gründen, das ist mir gleichgültig. Für mich zählt nur, dass Sie ein Herz für meine Tochter haben und dass auch Sie ihr viel bedeuten.«

Lili blickte ihn aus ihren großen dunklen Augen irritiert an.

»Und ich kann meine Tochter sehr gut verstehen, denn Sie sind eine besondere junge Frau«, fügte er hinzu, ohne den Blick von ihr zu lassen.

Lili wurde trotz der winterlichen Kälte heiß. »Wollen wir weitergehen? Ich friere«, raunte sie wahrheitswidrig und mit belegter Stimme.

Wieder reichte ihr Isobels Vater seinen Arm, doch dieses Mal hakte sich Lili nicht bei ihm unter. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie die High Street erreichten, durch die laut grölende Männerhorden zogen.

Mit einem Seitenblick stellte Lili fest, dass sie nun an der Bell’s Wynd angekommen waren, doch sie ging daran vorbei, als würde sie diese Gasse nicht kennen. Es ging ihn nichts an, in welcher ärmlichen Gegend sie lebte. Stattdessen bog sie auf die South Bridge ein und führte ihn parallel zur High Street über Cowgate zurück in Richtung Grassmarket. Vor der St.-Giles-Kathedrale blieb sie stehen.

»Danke, dass Sie mich bis hierher begleitet haben«, sagte sie mit fester Stimme. »Dort wohne ich.«

»In der Kirche?«, fragte der Mann aus den Highlands, und ein Lächeln umspielte seine Lippen.

»Sie brauchen mich nicht bis ganz nach Hause zu bringen«, entgegnete Lili trocken. »Es sind nur noch wenige Schritte.«

Warum sage ich ihm nicht einfach, dass ich in einer der vielen winzig kleinen Wohnungen zu Hause bin? Dort, wo die einfachen Leute wohnen, durchfuhr es sie, doch im gleichen Augenblick erinnerte sie sich an Isobels Worte: Es ist nur so, bei uns zu Haus ... Onkel Craig und Tante Shona ermahnen mich immer, dass ich nicht bei den Dienstboten in der Küche hocken soll.

Nein, er soll nicht wissen, aus was für Verhältnissen ich stamme, dachte Lili entschlossen.

»Gut, dann müssen Sie mir nur noch sagen, wo genau Sie wohnen, damit ich Sie morgen abholen kann«, fragte da der Mann aus dem Hochland interessiert.

»Wozu? Ich habe morgen meinen freien Tag«, erwiderte sie abweisend.

»Genau. Ich weiß. Und deshalb möchten wir mit Ihnen das Feuerwerk und die Dudelsackparaden erleben«, entgegnete er lächelnd.

Lili blickte ihn fragend an.

Er seufzte. »Es ist der ausdrückliche Wunsch meiner Tochter, dass Sie uns begleiten.«

Lili überlegte krampfhaft. Ihr Herz schrie danach, ihn wiederzusehen, während ihr Verstand dringend davon abriet, doch da hörte sie sich bereits antworten: »Gut, morgen Mittag um zwölf an dieser Stelle. Dann können wir die Dudelsackparade ansehen.«

Isobels Vater strahlte über das ganze Gesicht. »Ich freue mich darauf, Miss Campbell«, gurrte er, gab ihr überraschend einen Kuss auf die Wange und wandte sich zum Gehen, bevor sie überhaupt begriffen hatte, was geschehen war.

Lili starrte ihm mit offenem Mund hinterher. Ihre Knie waren so butterweich, dass sie sich an einem der eisernen Gitter abstützen musste, die St. Giles umzäunten.

Kapitel 3

Edinburgh, St. Andrew’s Day, 30. November 1913

Lili erwachte von einem merkwürdigen Geräusch. So als sei etwas zu Boden gefallen. Sie schreckte hoch und rieb sich die Augen.

»Mutter?«, rief sie, und als sie keine Antwort bekam, sprang sie aus dem Bett und wollte zum Zimmer ihrer Mutter eilen, doch diese lag stöhnend auf dem kalten Boden des Flurs.

»Um Himmels willen, was ist geschehen?«, schrie Lili außer sich vor Sorge, während sie sich neben ihre Mutter kniete und Davinia das Haar aus der schweißnassen Stirn strich.

»Ich weiß auch nicht ... Plötzlich wurde mir schwindlig, und es zog mir die Beine weg.«

»Wir müssen einen Arzt holen.«

»Unsinn, ich bin doch nicht krank!«, widersprach Davinia und richtete sich energisch auf. »Reich mir die Hand!«, befahl sie. »Ich will sofort aufstehen.«

»Mutter, bitte, du bist umgefallen, du gehörst ins Bett! «

»Ins Bett? Heute am St. Andrew’s Day? Weißt du, wie viele Gäste Mrs Denoon erwartet?«

»Nein, und das ist mir auch völlig gleichgültig. Ich werde sie aufsuchen und dich entschuldigen.«

»Reichst du mir jetzt endlich die Hand?«, schnaubte Davinia.

Seufzend half Lili ihrer Mutter beim Aufrichten. Davinia war bereits fertig angezogen und strich das Kleid glatt, bevor sie sich durch ihr dickes, immer noch dunkelblondes Haar fuhr und nach ihrem Mantel griff.

Lili beobachtete das Ganze missbilligend. Ihre Mutter war weiß wie eine Wand, aber wie sollte sie sie daran hindern, ungeachtet dessen in das Haus am Charlotte Square zu gehen, um zu arbeiten? Davinia ließ sich von keinem Menschen etwas sagen, am allerwenigsten von ihrer Tochter.

»Mutter, bitte, sei nicht unvernünftig«, versuchte Lili ihr noch einmal ins Gewissen zu reden.

»Es war nur ein Schwächeanfall. Nicht der Rede wert«, lautete die barsche Antwort. Kaum hatte Davinia diese Worte ausgesprochen, als sie laut aufstöhnte und sich ans Herz griff.

Lili durchfuhr ein eiskalter Schrecken. Ihre Mutter war noch blasser geworden und stützte sich an der Garderobe ab.

»Komm, Mutter, ich bringe dich ins Bett«, sagte sie leise, doch Davinia stöhnte nur.

»Bis auf die Tage um deine Geburt herum habe ich noch keinen einzigen Tag lang meine Arbeit versäumt, und es gibt nur einen Grund, eine Ausnahme zu machen: wenn man mich mit den Füßen voran hier hinausträgt.«

Lili atmete ein paarmal tief durch. Sie wusste, dass jeder weitere Widerspruch sinnlos war. Und trotzdem konnte sie ihre Mutter in diesem Zustand nicht einfach auf die Straße lassen.

»Gut, wie du willst, aber nur unter einer Bedingung: Ich komme mit. Ich habe heute meinen freien Tag. Da kann ich dir in der Küche zur Hand gehen.«

Davinia lächelte gequält. »Ich kenne dich, mein Kind. Wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann kann man es dir um keinen Preis der Welt ausreden.«

»Von wem ich das wohl habe?«, erwiderte Lili und bat ihre Mutter, in der Küche auf einem Stuhl zu warten, bis sie sich angezogen hatte.

»Du behandelst mich wie ein gebrechliches altes Weib«, schimpfte Davinia, als Lili sie unterhakte, kaum dass sie auf der High Street angekommen waren. Wenigstens regnet es nicht, dachte Lili. Erst als sie an St. Giles vorbeigingen, fiel ihr siedend heiß ihre Verabredung mit Isobel und deren Vater ein, aber sie hatte keine andere Wahl. Ihre Mutter schnaufte bei jedem Schritt. Nein, sie wurde gebraucht. Und es kam ihr ganz gelegen, denn so musste sie keine schwierige Entscheidung treffen. Sie hatte gestern Abend nicht einschlafen können, weil sie sich mit der Frage das Hirn zermartert hatte, ob sie den Tag tatsächlich mit den beiden genießen oder nur hingehen sollte, um abzusagen. Ihr Verstand hatte ihr dringend von einem Treffen mit Vater und Tochter abgeraten, während sie sich tief im Herzen danach sehnte, den Baronet wiederzusehen. Kurz vor dem Einschlafen hatte ihr Gefühl gesiegt. Was machte schon der eine Tag? Selbst den Einwand, sie könne sich in ihn verlieben, hatte sie fortgeschoben. Das waren verklärte Nachtgedanken gewesen. Heute in der Morgendämmerung sah alles schon wieder ganz anders aus. Es war besser, wenn sie ihn nicht noch einmal traf, erst recht, da sie im Begriff stand, sich in ihn zu verlieben. Warum etwas vorantreiben, das keine Zukunft hatte?

Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. »Lili, träumst du? Ich habe dich schon dreimal gefragt, wie es gestern Abend war.«

»Entschuldige, ich habe gerade an etwas anderes gedacht. Gut, ja, es war sehr gut.«

»Gesprächig bist du ja nicht gerade«, bemerkte Davinia und blieb erneut stehen, um zu verschnaufen.

»Du lässt dich aber schon von Doktor Denoon untersuchen, nicht wahr?«, fragte Lili bang.

»Lili, ich habe dir doch bereits gesagt – sie haben heute Gäste. Da werde ich ihn wohl kaum mit meinen Wehwehchen belästigen.«

»Ach, Mom, du bist unmöglich!«, bemerkte Lili seufzend und hakte ihre Mutter nur noch fester unter.

Als sie am Charlotte Square Nummer fünf angekommen waren, blieb Lili zögernd stehen. Plötzlich missfiel ihr der Gedanke, dass Sir Niall und Isobel vergeblich bei der Kirche auf sie warten würden. Es war von hier aus nicht weit zur Schule, sodass sie Isobel wenigstens eine Nachricht überbringen lassen konnte.

»Mom, ich komme gleich nach. Ich habe schnell noch etwas in der Schule zu erledigen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie davon. Inzwischen war es Tag geworden, doch das machte wenig Unterschied. Dichte graue und schwarze Wolken hingen über der Stadt. Lili fröstelte. Sie beschleunigte ihren Schritt und überlegte, wem sie die Notiz wohl übergeben sollte, denn den Mädchen war es heute gestattet, länger zu schlafen. Sie hatte Glück. Gleich im Eingang traf sie auf Mademoiselle Larange, die wie jeden Morgen im Hof ihren Frühsport trieb.

»Aben Sie sisch verirrt? Sie aben doch freie Tag«, begrüßte die Französin sie.

»Ja, aber ich war mit Isobel und ihrem Vater verabredet, und nun muss ich absagen. Könnten Sie ihr beim Frühstück die Nachricht überbringen?«

»Das ist très schade. Monsieur le Baronet wird sein traurisch.«

Lili musterte ihre Kollegin missbilligend. »Mademoiselle Larange, wie Sie soeben richtig sagten, ist der Mann ein Baronet. Und ich bin das uneheliche Kind einer Köchin und eines Schwarzbrenners. Jedenfalls ist es das Einzige, was ich über meinen Vater weiß. Keine guten Voraussetzungen zum Eiraten, n’est pas?«

Mademoiselle Larange konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Wir leben nischt im Mittelalter, ma chère.«

Lili seufzte. »Bestellen Sie es ihr?«

»Mmh«, knurrte die Moiselle.

»Danke!«, rief Lili und machte sich im Laufschritt zurück auf den Weg zum Charlotte Square. Dort nahm sie den Dienstboteneingang und rannte die Treppe neben dem Hauptportal hinunter. Außer Atem gelangte sie in die Küche, die im Souterrain lag. Ihre Mutter war gerade dabei, Rührei für das Frühstück zuzubereiten. Ihr war die Anstrengung anzumerken, denn ihr Gesicht war schweißnass, und sie schnaufte in einem fort.

Lili zog ihren Mantel aus, nahm eine der weißen Schürzen vom Haken und band sie sich um.

»Was kann ich noch tun, Mom?«, fragte sie, während sie kochendes Wasser in eine Teekanne goss.

»Du kannst die Baked Beans und den Haggis von gestern warm machen.«

Lili machte sich an die Arbeit und fragte sich, was wohl der feine Sir Niall sagen würde, wenn er sie in einer Dienstbotenküche bei Handlangerdiensten beobachten könnte.

Nachdem sie das Frühstück in den Essensaufzug gestellt hatte, fragte sie ihre Mutter, ob sie nach oben gehen solle, um es zu servieren.

»Das kommt gar nicht infrage«, erwiderte diese empört. »Ich habe mich nicht umsonst all die Jahre krummgelegt, damit du die Herrschaften bedienst. Du bist Lehrerin, kein Dienstmädchen.«

»Mutter, ich kenne die Familie von klein auf. Sie haben uns immer unterstützt. Die werden schon nicht glauben, dass ich aus St. George’s geflogen bin, nur weil ich ihnen einmal das Frühstück ...«

Weiter kam sie nicht, denn die Tür öffnete sich, und ein Freudenschrei ertönte. »Die kleine Lili! Wie schön, dass du uns mal besuchst!«

Lili fuhr herum und blickte in das sichtlich erfreute Gesicht von Mrs Denoon. Sie hatten einander seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen.

»Ich ... ich helfe Mutter, sie fühlt sich nicht wohl, und da sie nicht zu Hause bleiben wollte, gehe ich ihr ein wenig ...«

»Blödsinn!«, unterbrach Davinia ihre Tochter schroff. »Mir geht es blendend. Das Kind hat Langeweile.«

Mrs Denoons Blick wanderte von der Mutter zur Tochter und zurück. »Davinia, Sie sind leichenblass. Wenn Sie es nicht schaffen, sagen Sie bitte Bescheid. Bevor Sie umkippen, lasse ich mir den Haggis lieber liefern.«

»Ob Ihr Mann einmal einen Blick auf meine Mutter werfen könnte?«, fragte Lili rasch.

»Aber natürlich wird er sie untersuchen. Nicht, dass es wieder ihr schwaches Herz wie damals ...« Kaum hatte Mrs Denoon das ausgesprochen, als sie sich erschrocken die Hand vor den Mund schlug.

»Wie ... ein schwaches Herz?« Lilis Stimme bebte.

»Ach, gar nichts! Und nun lasst mich weiterarbeiten. Das Gerede regt mich auf«, brummte Davinia.

»Gut, dann verschwinde ich besser. Aber sag mal, Lili, wie geht es dir in der Schule? Ich höre ja nur Gutes.«

Lili wurde sichtlich verlegen, denn sie hatte es Mrs Denoons alter Freundschaft mit Rodina Macdonald zu verdanken, dass man ihr sofort eine Stelle in der St.-George’s-Mädchenschule angeboten hatte.

»Ich liebe meine Arbeit«, erklärte sie im Brustton der Überzeugung.

»Ich wäre gestern gern zu der Feier gekommen, aber ich hatte selbst Gäste. Bestell doch Rodina einen herzlichen Gruß von mir. Ich werde sie bald wieder einmal zum Tee einladen.«

»Das richte ich ihr gleich morgen aus«, versicherte Lili eifrig.

Kaum war Mrs Denoon aus der Tür, fiel Davinia wütend über ihre Tochter her. »Wie konntest du ihr nur vorjammern, dass ich krank sei?«, schimpfte sie.

»Und wie konntest du mir verheimlichen, dass du ein schwaches Herz hast?«, gab Lili nicht minder empört zurück.

»Ich muss das Frühstück servieren«, knurrte Davinia und war schon aus der Tür.

Lili bereitete sich indessen eine Schüssel mit Porridge zu und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Ob sie bei Mrs Denoon unter vier Augen nachhaken sollte? Offenbar verheimlichte Davinia ihr etwas. Trotzdem stürzte sie sich mit Heißhunger auf ihr Frühstück. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie heute noch nichts gegessen hatte. Ihre Gedanken schweiften zu Isobels Vater. Sein Blick, seine warmen Worte, sein flüchtiger Kuss, all das kam ihr so lebendig in den Sinn, als wäre es gerade eben erst gewesen. Lili hatte schon immer eine Schwäche für die markigen, kraftvollen Männer aus dem hohen Norden in ihren Kilts gehabt. Einmal hatte sie ihrer Mutter gestanden, dass sie später am liebsten einen aus dem nördlichen Hochland zum Mann hätte. Davinia hatte sich daraufhin wie eine Furie gebärdet. Niemals solle sie sich auf einen ungebärdigen Highlander einlassen. Lili hatte das Thema nie wieder angeschnitten. Es hatte auch keinerlei Veranlassung dazu gegeben, denn ihr war keiner begegnet, der ihr Herz hatte höherschlagen lassen – bis gestern. Von dem Baronet aus dem Norden würde Lili ihrer Mutter allerdings lieber nichts verraten.

Als Davinia in die Küche zurückkehrte, war es mit der Ruhe vorbei. Erst musste die Küche gesäubert, dann das Frühstücksgeschirr geholt und gewaschen, danach eine Suppe zum Mittag zubereitet und schließlich das üppige Abendessen gekocht werden. Lili bedauerte ein wenig, dass sie nun gar nichts von den Feierlichkeiten dort draußen in der Stadt mitbekam. Aber immerhin hatte sie bei ihrer Mutter durchsetzen können, dass diese ihr die schwereren Arbeiten überließ. So hob sie die Wasserkessel, schleppte Töpfe und Pfannen, während der St. Andrew’s Day vorüberging, und war am Abend so müde, dass sie fast im Stehen eingeschlafen wäre.

Sie war gerade dabei, die letzten Teller vom Festessen abzuwaschen, als sie hinter sich jenes Geräusch vernahm, das sie heute Morgen aus dem Bett hatte aufschrecken lassen. Lili fuhr herum und erschrak. Ihre Mutter lag ohnmächtig auf den Küchenfliesen. Ohne zu überlegen, rannte Lili nach oben zum Esszimmer und platzte in die Abendgesellschaft. Die Herren tranken Whisky und rauchten Zigarren, während die Damen sich mit Drambuie zuprosteten, einem schottischen Whiskylikör.

Als Lili ohne anzuklopfen in den Salon stürmte, richteten sich alle Blicke auf sie. Doktor Denoon schien sofort zu begreifen, dass er gebraucht wurde, denn er sprang auf, entschuldigte sich bei seinen Gästen und folgte ihr.

»Sie ist einfach umgekippt. Das ist heute Morgen schon einmal geschehen, aber sie wollte partout nicht im Bett bleiben.«

»Das wird wieder das Herz sein«, bemerkte er und griff nach seiner Arzttasche, die immer einsatzbereit im Flur stand.

Davinia lag noch auf dem Boden, aber sie war schon wieder bei Bewusstsein und jammerte leise vor sich hin. Der Doktor zögerte nicht lange, sondern machte ihren Arm frei und gab ihr eine Spritze. »Wir tragen sie nach oben. Eines unserer Mädchen ist für ein paar Tage bei den Eltern. Nehmen Sie sie an den Schultern!«

Der Doktor hatte im Gegensatz zu seiner Frau irgendwann begonnen, sie zu siezen, nachdem sie den Kinderschuhen entwachsen war.

Entschlossen packte Lili ihre Mutter, die immer noch laut vor sich hinstöhnte, während Doktor Denoon sie an den Beinen ergriff. Mit vereinten Kräften hievten sie Davinia, die nicht gerade ein Federgewicht war, schließlich auf das Bett.

»Sie wird erst einmal schlafen«, erklärte der Arzt und machte ein besorgtes Gesicht. »Wie oft haben wir ihr schon gesagt, sie solle weniger arbeiten. Es ist ja nicht das erste Mal ...« Er stockte, als er Lilis fragendes Gesicht sah. »Sie wissen gar nichts von ihrer schweren Herzschwäche, wie mir scheint.«

Lili schüttelte stumm den Kopf. »Aber ich hoffe, Sie werden mir endlich erzählen, was es damit auf sich hat.«