Highway 39 - Sudeep Chakravarti - E-Book

Highway 39 E-Book

Sudeep Chakravarti

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Beschreibung

Es ist ein Highway durch die Hölle, die 436 Kilometer lange Straße durch das nordöstliche Indien. Sie beginnt in Numaligarh am südlichen Ufer des Brahmaputra in Assam und reicht bis Moreh in Manipur. Seit den 1950er-Jahren ist diese Region, insbesondere die Bundesstaaten Nagaland und Manipur, geprägt durch permanente Aufstände und durch ein erschreckendes Desinteresse der indischen Regierung. Die Reportagen des indischen Journalisten Sudeep Chakravarti bieten detaillierte Einblicke in die komplexe Realität dieses weitgehend unbekannten bewaffneten Konflikts. Der Autor lässt hochrangige Regierungsvertreter, Politiker und Militärs ebenso zu Wort kommen wie Untergrundführer, Angehörige von Bürgerbewegungen, Frauengruppen und Kulturschaffende.

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Seitenzahl: 615

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über dieses Buch

Es ist ein Highway durch die Hölle, die 436 Kilometer lange Straße durch das nordöstliche Indien. Die Region ist geprägt durch permanente Aufstände und ein erschreckendes Desinteresse der Regierung. Die Reportagen des indischen Journalisten Sudeep Chakravarti bieten detaillierte Einblicke in die komplexe Realität dieses bewaffneten Konflikts.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Sudeep Chakravarti (*1963) ist ein indischer Journalist und Schriftsteller. Fünfundzwanzig Jahre arbeitete er für verschiedene Zeitungen und Magazine. 2004 zog er mit seiner Familie nach Goa, wo er seither Romane und Sachbücher schreibt.

Zur Webseite von Sudeep Chakravarti.

Reinhold Schein (*1948) arbeitete viele Jahre als Deutsch-Lektor an indischen Hochschulen und ist als Übersetzer aus dem Englischen und dem Hindi tätig.

Zur Webseite von Reinhold Schein.

Anna Petersdorf (*1981) studierte Indische Philologie und Nordamerikanistik in Berlin. Seither arbeitet sie als freie Übersetzerin aus dem Englischen und Hindi.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Sudeep Chakravarti

Highway 39

Reportagen aus Indiens aufständischem Nordosten

Aus dem Englischen von Anna Petersdorf und Reinhold Schein

E-Book-Ausgabe

Draupadi @ Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book des Draupadi-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel Highway 39. Journeys through a Fractured Land bei HarperCollins Publishers India Limited.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2015 im Draupadi Verlag, Heidelberg.

Wir danken Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst für die Unterstützung.

Originaltitel: Highway 39. Journeys through a Fractured Land (2012)

© Sudeep Chakravarti

Die deutschsprachige Ausgabe wurde durch eine Übereinkunft von HarperCollins Publishers India Limited und dem Draupadi Verlag publiziert.

© by Draupadi Verlag, Heidelberg 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30882-4

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

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Version vom 28.05.2024, 04:19h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

HIGHWAY 39

ÜbersichtskarteVorwortEinleitung1 — An einen Ort, wo Brüder sich töten2 — Geistergesang: Eine Reise zum Grab von Angami Zapu Phizo3 — »Wollen Sie eine ehrliche Antwort? Ich sehe mich nicht als Inder.«4 — Besuch im Gelobten Land: Es ist 15.20 Uhr in Nagalim5 — Tee mit einem General: »Sie glauben, Sie können uns zermürben? Schwachsinn!«6 — Ein kurzes Zwischenspiel über fette Katzen und die Zukunft7 — Eine Geschichte über Schmetterlingsflügel, Froschbäuche und die Zickzacklinie zur Gerechtigkeit8 — »Auf die mit den Waffen wird gehört.«9 — Einflussbereiche, Buchstabensalat, und andere Freuden eines Waffenstillstands ohne Waffenstillstand10 — Der Tag, als »Caman-do« ein kleines Mädchen stahl, & andere Geschichten11 — Man suche sich einen Sündenbock, verleumde ihn und töte ihn. Dann töte man noch ein paar mehr.12 — Das Klagelied des Brahma13 — Überraschungen in Dimapur: alte Freunde, neue Lichter, und Freiheit beim Abendessen14 — Und dann schlug die Granate ein15 — In die Wolkenberge: Wo Herrscher und Rebellen Hof halten16 — Das System der Fraktionen und das Spiel »Der Gewinner bekommt alles«17 — Geschichten von Feuer, Furcht und Abscheu sowie eine Party im surrealen Imphal18 — »Der Himmel ist voller Rauch von den schwelenden Scheiterhaufen eurer toten Söhne«19 — Über das Fasten und charakterfeste Frauen20 — Ein Einakter über Versäumnisse und eine Kommission (einschließlich der Klammern)21 — Zwischenspiel: »Wählen Sie *456*452#, um sich über den indischen Unabhängigkeitskampf zu informieren.«22 — Republik Indien: Version Imphal 2.0.1.023 — »Wer hat Ihnen gesagt, dies sei ein Ort für Touristen?«24 — Lob der Vision 2020: »Ich singe doch ganz leise, nicht wahr, Bruder?«25 — Rundgang in Moreh: Der wilde Osten und andere Geschichten26 — »Nationale Integration durch kulturelle Interaktion«27 — Imphal-Delhi-Imphal: Tee mit einem Bürokraten28 — Zwischenspiel: Rundgang mit Meitei-Seele29 — »Allgemeine Schwäche. Schmerz in den Genitalien nach Elektroschock.«30 — Was Onkel Muivah denkt, das tut Onkel Muivah auch31 — Herrn Muivahs schwierige Heimkehr und andere FortsetzungsgeschichtenNachwort — Und die Blockaden florieren.Literaturhinweise

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Über Sudeep Chakravarti

Über Reinhold Schein

Über Anna Petersdorf

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Zum Thema Asien

Einem Indien,

wo die Menschen nicht auf hundertfache Weise

verletzt werden oder sterben müssen,

um ihr Recht auf Meinungs- und Redefreiheit auszuüben

und in Würde zu leben.

Also dem Frieden.

Übersichtskarte

Diese Karte ist nicht maßstabsgetreu. Sie wurde nur aus repräsentativen Zwecken erstellt und soll auch nicht den Anschein erwecken, politische Grenzen darzustellen.

Vorwort

Sudeep Chakravarti nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise. Sie führt in eine Welt, die selbst vielen Indern unbekannt ist und die doch zu Indien gehört. Es ist eine Welt, die gezeichnet ist von einer Geschichte der Gewalt, einer Gegenwart in permanenter Unsicherheit und der verzweifelten Hoffnung der Menschen auf eine Zukunft. Sudeep Chakravarti versucht nicht, uns diese Welt zu erklären. Er lässt die Menschen, die er auf seinen Reisen entlang des Highway 39 trifft, selbst ihre Geschichten, ihr Leben und ihre Hoffnungen erzählen. Und dann nimmt er seine Leserinnen und Leser mit auf eine weitere Reise. Er lässt sie teilhaben an seinen Bemühungen, sich die Widersprüchlichkeit seines Landes, die Kluft zwischen politischem Anspruch der »größten Demokratie der Welt« und der oft menschenverachtend gewalttätigen Tagespolitik im Nordosten Indiens zu erklären.

Dieses ist kein einfaches Buch. Es konfrontiert uns mit Menschen aus Gemeinschaften, deren Leben immer wieder an politischer und gesellschaftlicher Marginalisierung, Korruption, ignoranter Bürokratie, strafloser und willkürlicher Gewalt, aber auch an inneren Spaltungen und politischen Ambitionen Einzelner zerschellt ist. Immer wieder wird in den Erzählungen der Menschen aber auch deutlich, dass sie daran glauben, dass die Situation zum Besseren gewendet werden kann, dass es eine Zukunft in Würde für alle geben wird. Aber sie hoffen nicht nur auf eine Zukunft in Würde, sie werden aktiv, sie setzen sich selbst für die Veränderung ein. Das macht dieses Buch zu einem ermutigenden Buch.

Es fügt dem verwirrenden Mosaik des Bildes von Indien, das wir in Europa haben, einige weitere Mosaiksteinchen hinzu. Dieses Reisejournal ist Sudeep Chakravartis subjektiver Umgang mit dem, was er erlebte und was ihm die Menschen, denen er begegnete, erzählten. Chakravarti will bewusst keine politisch korrekte Studie vorstellen. Er hat sich der Begegnung mit Menschen im aufständischen Nordosten Indiens gestellt, er lässt seine Leserinnen und Leser teilhaben an dieser Begegnung und an seinem Versuch, sich das Erlebte und Gehörte zu erklären. Das macht das Buch zu einer interessanten Lektüre nicht nur für an Indien Interessierte, sondern für alle, die Konfliktkonstellationen in ihrer lokalen Komplexität zu begreifen und daraus für gesellschaftliche Transformationsprozesse zu lernen versuchen. Es ist eine Einladung zu einer persönlichen Entdeckungsreise.

Heidelberg, im Oktober 2014Christian Weiß

Einleitung

Es ist verlockend zu behaupten, ich hätte dieses Buch wegen Asangla Angelica Sangtam geschrieben, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Das Bedürfnis, über das zu schreiben, was Indien seinen Nordosten nennt – ein Etikett für eine Region, die momentan acht Bundesstaaten und mehrere hundert ethnische Gruppen, Stämme und Substämme umfasst und sich über etwa ein Zehntel der indischen Landmasse erstreckt –, verspürte ich auch aus anderen Gründen.

Indien ist unübertroffen darin, die Augen von etwas, was geographische und demographische Fakten genannt werden könnte, abzuwenden. Ist ein Ort nur weit genug von Neu Delhi entfernt und verfügt nicht über ein ausreichendes Bevölkerungsgewicht, um entscheidend zur Regierungsbildung beizutragen, nehmen politische Führung und Koordination dramatisch ab. Selbst unter Berücksichtigung des größtenteils positiven, neuen Schwungs eines »reformistischen« Indiens befinden sich bereits seit Jahrzehnten besonders auffällige blinde Flecken der Regierungsführung im Nordosten, einem regen Knotenpunkt verschiedener Grenzen und Länder (China, Bangladesch, Myanmar, Nepal und Bhutan). Eine Art Unsichtbarkeitszauber scheint über den heute knapp sechsundvierzig Millionen Menschen zu liegen.

Wie dem auch sei, zu Asangla. Diese zierliche Studentin war immer sehr offen gegenüber meinem Freund Jean-Christophe Gardaz, oder J-C, wie wir ihn nannten – recht ironische Initialen für einen Schweizer Computerspezialisten und überzeugten Atheisten. Asangla, im Gegensatz dazu, eine gläubige Baptistin. Meine Freundin und ich sind überzeugte Inder, gleichwohl war Asangla uns gegenüber nie so offen. Das wirkte sehr verstörend auf mich und rüttelte an der Idee einer gemeinsamen indischen Identität, die meine Generation – ein paar Dekaden nach Indiens Unabhängigkeit 1947 geboren – von Kindheit an gelernt hatte, als selbstverständlich zu betrachten. Es war, als ob dieses Mädchen uns verspottete, unsere Urbanität und unsere Überzeugung, globale Bürger einer ungestümen Demokratie zu sein – so hoffnungslos unvollkommen und korrupt diese auch sein mochte. Sie war das lebendige Gewissen der verscharrten neueren Geschichte Indiens.

Asangla ist eine Naga – ihre Mutter gehört dem Ao-Stamm an, ihr Vater dem benachbarten Sangtam. Wir sprechen über 1995. Die Regierung Indiens ist noch zwei Jahre davon entfernt, einen bizarren Waffenstillstand mit der größten Naga-Rebellenfraktion, dem National Socialist Council of Nagalim (Isak-Muivah) (Nationaler Sozialistischer Rat von Nagalim, Isak-Muivah, kurz: NSCN-IM) zu unterzeichnen. Im indischen Bundesstaat Nagaland und mehreren Distrikten der Nachbarbundesstaaten Manipur und Arunachal Pradesh werden Einsätze gegen diese Gruppe und die rivalisierende Splittergruppe, die Khaplang-Fraktion, geführt. (Naga-Stämme leben seit hunderten, vielleicht tausenden von Jahren in dieser Gegend, aber mündliche Überlieferungen indigener Völker vertragen sich nicht gut mit politischen Schemata.)

Asangla brauchte einige Jahre, um aufzutauen und mich als Individuum zu sehen. Um zu akzeptieren, dass nicht alle »Kernland-Inder« – diejenigen von uns, die nicht aus dem Nordosten stammen – Feinde ihres Volkes sind. Und dass zumindest einige von uns sich für den Krieg interessieren, in dem Soldaten meines Landes über drei Jahrzehnte hinweg in Asanglas Heimat und der Heimat anderer Stämme der Region zehntausende Menschen töteten, verstümmelten, vergewaltigten, folterten und physisch und psychisch entstellten. Die meisten Opfer waren Zivilisten, keine bewaffneten Rebellen. (Und hier zähle ich die meines Erachtens sinnlosen Tode mehrerer tausend Polizisten, Paramilitärs und Militärs nicht mit, die fünf Jahrzehnte Naga-Krieg und Rebellion im Nordosten bedeuteten, ganz zu schweigen von verschiedenen Rebellionen im Kernland.)

Asanglas Misstrauen lag in dem Schrecken begründet, den das Indien Jawaharlal Nehrus in ihrem Volk verbreitet hatte, als einige Naga-Führer unter der Leitung von Angami Zapu Phizo einen Volksentscheid von 1951 als Beweis für den Wunsch ihres Volkes nach Unabhängigkeit anführten. Die Nagas würden nicht nachgeben, sagten sie. Seit 1929 kämpften sie für eine eigene Identität und ein eigenes Land. Damals hatte eine Gruppe von Naga-Ältesten bei der Simon-Kommission in London eine offizielle Petition eingereicht, die Naga Hills in Ruhe zu lassen. Sie seien nicht Teil der königlichen Herrschaftsgebiete in Indien. Sie gehörten nicht zu Britisch-Indien und auch nicht zu einem späteren Indien. Sie gehörten den Naga-Stämmen. Und als Nagas würden sie sich glücklich schätzen, in ihrem eigenen Land zu leben, sich selbst überlassen.

Phizo, der zukünftigen Symbolfigur der Rebellenbewegung zufolge, habe damals niemand auf sie gehört. Deshalb böten sie nun den Volksentscheid als zusätzliche Willenserklärung.

Ein verärgerter Premierminister Nehru entsendete Paramilitär und Armee, um die Situation in den Griff zu bekommen. Er wollte sich den Traum von Indien und die politischen Gewinne nicht nehmen lassen, die die indische Führung in mehreren Jahren fieberhafter Diplomatie erreicht hatte.

In Strangers of the Mist: Tales of War and Peace from Indias Northeast, einem erfrischend eigensinnigen und informativen Buch von Sanjoy Hazarika, einem Freund aus unserer Zeit als Journalisten bei einer amerikanischen Zeitung, erfuhr ich das erste Mal mehr über dieses Thema. (Das Buch wurde 1995 veröffentlicht. Fast zwanzig Jahre später ist der Einband meines Exemplars verblasst, aber der Titel passt noch immer. Die Menschen und Vorstellungen des von Sanjoy beschriebenen nordöstlichen Indiens sind dem Großteil Indiens und dem Rest der Welt weiterhin fremd.)

In Strangers las ich auch einen Auszug aus dem Chaliha-Report, einem Teil der Bishnuram-Medhi-Papers. Sanjoy hatte in der Bibliothek des Nehru-Memorial-Museums in Neu Delhi Zugriff darauf erhalten. Mitte September 1953 schrieb Bimala Prasad Chaliha, Präsident des Komitees der Kongresspartei in Assam, für seine Kollegen einen Bericht über bevorstehende Handlungen in den Naga Hills.

»DASS ES KEIN BLUTVERGIESSEN GEBEN SOLL, VERSTEHT SICH«, mahnt der Chaliha-Report in Großbuchstaben. Weiter schreibt Chaliha:

»Dass ein Weg aus der momentan verfahrenen Situation in Nagaland gefunden werden muss.

Dass die Meinungsverschiedenheiten freundschaftlich und friedlich durch Verhandlungen gelöst werden sollen.

Es besteht Einvernehmen, dass Verhandlungen stattfinden, wenn die Kongresspartei sich zu einem Gespräch über die Naga-Unabhängigkeit bereiterklärt …«

Nehru und seine regierende Kongresspartei schlugen einen anderen Weg ein. Mitte Mai 1956, als der Krieg in den Naga Hills in vollem Gange war, schrieb er, so las ich weiter, eine Mitteilung an Assams damaligen Ministerpräsidenten Medhi. Die Mitteilung wurde nach einer Zusammenkunft mit den höchstrangigen Kabinettsministern, Beamten aus dem Außen- und Verteidigungsministerium und dem Oberbefehlshaber der Armee geschrieben. Unter anderem leistete die Mitteilung die Vorarbeit für weitere Maßnahmen, indem sie Themen jenseits des Kernanliegens der Nagas ins Feld führte: »Es geht hier um viel mehr als um eine bloße militärische Herangehensweise«, schrieb Nehru. »Die Aufstände und Revolten der Nagas haben für uns auch auf internationaler Ebene Bedeutung. Sie spielen unseren Gegnern in die Hände. Vor allem zieht natürlich Pakistan seinen Vorteil daraus.«

Chinas großer Auftritt in der subkontinentalen Partie stand noch bevor – erst in einigen Jahren würde Maos Imperium den Naga-Rebellen Training und logistische Unterstützung anbieten. Aber die Nähe Ostpakistans – heute Bangladesch – und die bloße Vorstellung, Indiens Erzfeind könnte einer der Rebellen-Schulen Unterschlupf und Materiallieferungen gewähren, reichten Nehru aus, um eine harte Haltung gegenüber den Nagas einzunehmen. So wurde die Vorlage für zukünftige Maßnahmen seiner und folgender Regierungen geliefert, weit über übliche Gefechtsnormen hinauszugehen und Zivilisten vorsätzlich einzubeziehen – etwas, was das Wörterbuch des Konflikts eiskalt als »Kollateralschaden« bezeichnet.

»Es besteht kein Zweifel, dass bewaffnete Revolte mit Gewalt erwidert und unterdrückt werden muss«, las ich weiter in Nehrus Mitteilung an Ministerpräsident Medhi. »Darüber gibt es keine zweite Meinung, und wir beabsichtigen, die Sache so effizient und effektiv wie möglich anzugehen. Dennoch basiert unsere Grundeinstellung, damals wie heute, auf der Annahme, dass Gewalt an sich keine Lösung sein kann … Das müssen wir umso mehr im Hinterkopf behalten, wenn es um unsere eigenen Landsleute geht, die es zu überzeugen und nicht zu unterdrücken gilt … Momentan scheint jedoch nicht der richtige Zeitpunkt für politische Ansätze zu sein, denn sie könnten als Zeichen von Schwäche interpretiert werden. Trotzdem müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass wir nichts tun sollten, was diesem politischen Ansatz im Weg stünde, und wir sollten verlautbaren lassen, dass wir die Freunde der Nagas sein möchten, sofern sie nicht gegen uns revoltieren.«

Die Idee, mit Krieg zu beginnen und erst dann zur Überzeugungsarbeit überzugehen, hat seit den 1950ern einen weiten Weg zurückgelegt. Nagaland ist seit 1963 ein indischer Bundesstaat – das Ergebnis des »politischen Ansatzes«, Rebellen und Zivilisten unterschiedslos zu schikanieren und aufständische Gruppen in Fraktionen aufzusplittern, um die Akzeptanz Indiens und seiner Verfassung durchzuboxen. Sechzig Jahre nach Beginn der Naga-Kriege versucht Indien weiterhin »Freund« der Nagas zu sein, obgleich die Lust auf Revolte unter ihnen sehr zurückgegangen ist.

Indien versucht auch »Freund« der verschiedenen Menschen von Manipur zu sein, ganz gleich welcher ethnischen und politischen Färbung.

Und …

Und …

Und …

Die Geschichte des Nordostens ist weiterhin die Geschichte unserer Zeit, die unfertige Geschichte indischer Integrität.

*

Folgende Lieferung ging mit freundlicher Genehmigung der Regierung Indiens an den Nordosten: ein Stück Missverständnis, ein Stück Ärgernis, und ein Stück Gefühlslosigkeit.

Der Naga-Aufstand verwandelte sich schnell in organisierten Widerstand, und zur Zeit des Schreibens existiert dieser in Form eines Waffenstillstands. Offiziellen Frieden gibt es nicht. Und der Schmerz hält an. Ein Großteil des schwelenden Zorns geht auf Nehru zurück, der Massaker an Kämpfern und Zivilisten genehmigte und Indiens Herrschaft mit einer Brutalität durchsetzte, die zu den grausigsten der Moderne zählt. Der britischen Praxis im benachbarten Malaya folgend und die amerikanischen Grausamkeiten in Vietnam vorwegnehmend praktizierte er eine Politik der verbrannten Erde und erlaubte das Wegsperren zehntausender Dorfbewohner in Quasi-Konzentrationslager. Vergewaltigung, Folter und Tod waren Teil der Routine. Die Außenwelt sollte keinen Wind von der Sache bekommen, also führte die Regierung das britische System der Inner Line Permit weiter, einer speziellen Reisegenehmigung für den Nordosten, und hinderte so die Medien und die allgemeine Öffentlichkeit am Zugang zu den Naga Hills.

(Indien darf sich die zweifelhafte Auszeichnung auf die Fahnen schreiben, noch nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Rebellion im nordöstlichen Bundesstaat Mizoram 1966 sein eigenes Volk bombardiert zu haben. Zu derartigen Schikanen gehört auch die Wiederauflage der brutalen Nagaland-Landkampagne in Mizoram, aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Geschehnisse gleichen einer Verhöhnung von Nehrus Rede zur indischen Unabhängigkeit. »Der Moment kommt selten in der Geschichte, wenn wir aus dem Alten ins Neue treten, wenn ein Zeitalter endet, und die lang unterdrückte Seele einer Nation Ausdruck findet.« Weiterhin: »Freiheit und Macht bringen Verantwortung.« Und: »Indien zu dienen heißt den Millionen Menschen zu dienen, die leiden …«

Seit dieser bewegenden Rede scheinen wir den Weg der Unaufrichtigkeit eingeschlagen zu haben, den Weg absichtlicher, sich ständig wiederholender Selbstzerstörung.

Asangla verbrachte immer mehr Zeit mit meinen indischen Freunden, und langsam wurde ihr klar, dass nicht alle sie für eine Nepali oder eine Chinesin hielten und nicht alle fragten, »aus welchem Land« sie komme – Erkundigungen, mit denen Menschen aus dem Nordosten ständig konfrontiert werden. Es gab Inder, die ausreichend pluralistisch dachten, um sich für das neutrale »Woher kommst du?« zu entscheiden.

Und so wurde J-Cs Wohnung in der Wohngegend Nizamuddin East in Neu Delhi eine Art Grenzraum in unserer Beziehung, ein Ort der Détente. Hilfreich war, dass unsere Weltanschauungen durch meine parallel ablaufende Dekonstruktion der indischen Vergangenheit sowie des politischen Pantheons näher gebracht wurden. Nehru, Vallabhbhai Patel, Govind Ballabh Pant und Indira Gandhi haben vielen ihrer indischen Landsleute großes Leid angetan, während sie gleichzeitig viel richtig machten – überwältigend richtig, wie uns die von der Regierung zusammengestellten Schulbücher lehren. Einige der erfahreneren Historiker, Journalisten und Schriftsteller – die ersten lernte ich aufgrund meines Studiums kennen, die anderen dann über meinen Beruf – unterstützten mich ebenfalls dabei, an der regierungspropagandistischen Selbstachtungs-Politur zu kratzen, dieser alles überdeckenden Tünche, die so häufig mit einer Staatenbildung einhergeht.

Der Frieden wurde endgültig besiegelt, als ich Asangla und J-C bei ihren Hochzeitsplänen unterstützte und ihnen half, einen korrupten Delhi-Anwalt zu umgehen, der mit dem Verweis auf ihre unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten monatelang die Trauung hinauszögerte. Außerdem deutete Asanglas Naga-Identität automatisch auf einen Rebellenhintergrund hin und machte so eine Unbedenklichkeitsbescheinigung notwendig. Als all das geklärt war, wurde ich bei ihrer Hochzeit in einem Gerichtssaal im Süden von Neu Delhi Trauzeuge.

Als Zeichen ihrer Dankbarkeit schenkte Asangla mir einen Schal nach Art des Ao-Stamms aus dem Dorf ihrer Mutter in der Nähe von Mokokchung, der größten Stadt der Ao-Region. Mokokchung wurde zwei Mal von der indischen Armee zerstört und hat unzählige Angriffe der indischen Truppen hinter sich. Seine Bewohner sind auf eine Weise gezeichnet, die die Richter am Internationalen Gerichtshof oder an irgendeinem anderen Gericht, das sich mit Kriegsverbrechen auseinandersetzt, lange beschäftigen würde, sollten sie irgendwann einmal dazu bewegt werden, sich mit den Unmenschlichkeiten in dieser Region zu beschäftigen.

Der Schal ist aus Wolle, prächtig in Purpur und Schwarz gewebt. Asangla und J-C sind weiterhin meine Freunde, obgleich es sie schon vor langer Zeit in die weite Welt verschlagen hat. Jedes Mal, wenn ich mir den Schal umlege, kommt mit der mich einhüllenden Wärme Asanglas Geschichte zu mir zurück – die Geschichte ihres Volkes, ihrer Mutter und ihres Vaters, und was sie als junge Menschen durchmachen mussten. Warum sie und andere wie sie manchmal zornig und empfindlich sind. Warum viele von ihnen zögern, sich als »Inder« zu bezeichnen, obgleich sie Indiens Nähe nicht leugnen können, genauso wenig wie das lockende – sogar verlockende – Netz der Moderne mit den unbestreitbaren Reizen indischer Politik und Wirtschaft.

Ich habe Asangla versprochen, eines Tages die Geschichte ihres Volkes weiterzuerzählen, sie zum »Kernland« und darüber hinaus zu tragen, auf dass die Menschen mehr verstehen und weniger missverstehen. Erst viel später wurde mir klar, dass es nicht nur darum ging, ihre Geschichte – die Geschichte von Menschen wir ihr – zu verstehen, sondern auch darum, sich mit einer weiteren dunklen Seite des Landes abzufinden, das ich liebe und das mich gleichzeitig zur Verzweiflung bringt und mit Grauen erfüllt.

Über die Jahre gab es andere Anstöße in diese Richtung, diese Straße hinunter, manche offen und direkt, andere verdeckter.

Ich erinnere mich an einen Freund vom College, ich nenne ihn hier K, denn sein richtiger Name würde ihn sofort als eine Person aus den höheren Rängen des Machtgefüges von Manipur identifizieren. Er ist ein Meitei aus Manipur und ein entschieden heiterer Mensch, obgleich er seine Mutter beim Angriff einer Rebellengruppe verlor. Die Gruppe war der Ansicht, dass sein Vater – ein Politiker – sich an Indien verkauft hatte und nicht in ausreichendem Maß nach ihrer Pfeife tanzte. So hörte ich über die nationalistischen Meiteis, und dass diese Indien bis heute wegen der formalen Eingliederung Manipurs 1949 zürnen. Sie sind der Meinung, dass die indische Führung dem uraltem Kulturerbe und der eigenen Identität Manipurs nicht den angemessen Respekt entgegenbrächte. Natürlich sind die Bewegungen, die in den späten 1970ern zu den Waffen griffen, auch den Nagas gegenüber zutiefst argwöhnisch. Eine Situation, die durch zynische politische Entscheidungsträger herbeigeführt wurde, die die Grenzen von Nagaland und Manipur so zogen, dass große Teile des Heimatlandes einiger Naga-Stämme nun in Manipur liegen. Mehr davon in diesem Buch.

Das bringt mich zu der seltsamen Weltanschauung meines Freundes K. Trotz seines heiteren Gemüts und seiner liberalen Ansichten hielt dieser Lebemensch sich von einigen Mitbürgern aus Manipur fern – zum Beispiel von einem dem Tangkhul-Stamm angehörenden Naga aus dem Distrikt Ukhrul. Dieser sei kulturell und somit auch politisch anders. Die Meitei leben vor allem im Tal von Imphal. Im achtzehnten Jahrhundert konvertierten die meisten von ihnen zum Vishnuismus. Der Grund dafür waren wachsende missionarische Einflüssen aus Bengalen und ein Meitei-König, der Konvertierungen anordnete. Im Tal von Imphal leben die Meitei abseits von den Nagas und den über dreißig weiteren Stämmen und Substämmen, die in den Bergen um das Tal beheimatet sind. Das Tal von Imphal macht nur rund zehn Prozent der Landmasse des Bundesstaates aus.

Viel später erfuhr ich, dass viele Meitei-Intellektuelle die Tangkhul als »ältere Brüder« bezeichnen. Sie erinnern so wehmütig an eine einst gemeinsame Vergangenheit, die beschreibt, wie sie zu Zeiten vor schriftlich festgehaltener regionaler Geschichte aus den Bergen hinabstiegen, um im topographisch weniger beängstigenden Tal von Imphal ein neues Zuhause zu finden. Doch dieser sentimentale Einbruch kann das natürliche Misstrauen zwischen den »Völkern der Berge« und den »Völkern der Ebene« nicht ausmerzen, die nun zusätzlich durch verschiedene Sprachen und ethnische Identitäten und Religionen getrennt sind. Die Tangkhul und viele andere Stämme sind größtenteils Baptisten, die Meitei sind Vishnuiten, gehören also dem Hinduismus an. Das Verlangen, das Asanglas Volk dazu trieb, zu den Waffen zu greifen und gegen Indien für ein unabhängiges Nagaland zu kämpfen, übertrug sich auf Manipur. So führten die Tangkhul einen wesentlichen Teil der jüngeren Rebellion gegen Indien. Der NSCN-IM setzt sich zu großen Teilen aus Tangkhul zusammen. Einer seiner Anführer, Thuingaleng Muivah, ist ebenfalls ein Tangkhul. Für diese Fraktion des NSCN gehört die Berglandschaft von Manipur zu Nagaland – eine Forderung, die die Meitei entschieden ablehnen. Für sie sind die Naga-Rebellen Teil einer Verschwörung zur Herabsetzung Manipurs im Allgemeinen und der Meiteis im Besonderen.

Viel Blut wurde darüber vergossen. Die Vorsicht, mit der mein Meitei-Freund selbst in dem relativ ruhigen Umfeld des St.-Stephen-College in Neu Delhi, weit entfernt von den temporären politischen Kampfgebieten, anderen Mitbürgern aus Manipur begegnete, gefiel mir nicht, aber ich konnte sie nachvollziehen. Schon damals wusste ich, dass dieser Nordosten ein ziemlich komplizierter Ort ist – noch komplizierter geworden durch die willkürliche Teilung Britisch-Indiens in Indien, Pakistan und Burma und die damit einhergehende Zersplitterung der verschiedenen Stammesgebiete. Aber um sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, schien das Ganze einfach viel zu kompliziert. Erst viel später wurde mir klar, dass ich die beliebte »Vergiss es, zu kompliziert«-Ausrede anwendete, die »Kernländer« für alle indischen Gebiete östlich von Darjeeling gebrauchen. Und Darjeeling scheint schon furchtbar weit im Osten.

Vielleicht war ich damals zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn zu sehr von den Geschehnissen in Delhi, Mumbai und anderen Metropolen eingenommen. Der Beruf, den ich gewählt hatte, öffnete mir die Augen für den Wirbel und das Wunder Indien. Neben dem Fortschritt gab es auch hier, in der Nähe Delhis, mehr als genug Hinweise auf die unzähligen politischen und strategischen Versagen Indiens. Die Zeit meines Erwachsenwerdens war nur einen Herzschlag von dem Chaos entfernt, das im Punjab ausbrach, nachdem Indira Gandhi den Angriff auf den heiligsten Schrein der Sikhs, den Goldenen Tempel in Amritsar, anordnete. Sie wollte den Tempel von pro-separatistischen Rebellen säubern, aber der Schaden an dem Schrein kostete die Premierministerin das Leben. Das war 1984.

Die Lage hatte sich gerade entspannt, da ging 1989 das nächste Chaos in Jammu & Kaschmir los, als Benazir Bhutto, die Premierministerin von Pakistan, dem Geheimdienstapparat ihres Landes freie Hand gab, Terrorismus aus dem Kaschmir-Tal zu exportieren. (So viel hörte ich sie auf einer Konferenz in Neu Delhi zugeben, die ich 2003 für die Hindustan Times, eine Zeitung, für die ich damals arbeitete, organisierte.)

Aber im Gegensatz zu diesen zwei Flächenbränden, die wild wüteten und im Falle von Kaschmir bis heute Auswirkungen haben, die weit über Indien hinausgehen, blieb es um die Geschehnisse im sogenannten Nordosten seltsam still. Aufmerksamkeit bekamen nur die grausigsten Vorfälle, wie 1983 das Erwachen assamesischer Angst, als in einem Anfall von Wut auf Einwanderer aus Bangladesch an einem Ort namens Nellie Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt wurden.

Ich beobachtete dieses Abstandhalten noch bis in die späten 1990er Jahre. Indien befand sich damals mitten in einem Konsumboom und behauptete, auf der Weltbühne angekommen zu sein. Ich erinnere mich an einen Kollegen aus Delhi, damals arbeitete ich als Redakteur bei India Today, der von Delhi nach Guwahati versetzt wurde. Die Anordnung kam von einem rachsüchtigen höhergestellten Redakteur. Es ging ums Prestige. Wir übrigen konnten wenig tun, außer unserem Kollegen zu raten, das Beste draus zu machen – schließlich gebe es über das nordöstliche Indien so viel zu schreiben. So redeten viele von uns auf den Kollegen ein, der sich verbannt fühlte und den Tränen nah war. Das ist eine Gelegenheit für dich und die Zeitschrift, drängten wir ihn. Bring mehr über die Region in Erfahrung und erzähl unseren Lesern davon. (Ironischerweise klappte das so gut, dass die Anerkennung für seine Arbeit ihn innerhalb einiger kurzer Jahre zurück ins »Kernland« und zu den »Mainstream-Medien« führte.)

Doch größtenteils bleibt der Nordosten »Aus-Land« – eine Region, wie ich sie auch in meinem 2008 erschienenen Buch über Indiens maoistische Rebellion beschrieben habe (Red Sun: Travels in a Naxalite Country, Viking/Penguin, 2009). Für mich ist »Aus-Land« außer Sichtweite für den Großteil der Inder im »In-Land« und daher jenseits jeder leicht verdaulichen Ideologie. Wie die Armen im Herzen Indiens werden auch diejenigen an der östlichen Peripherie, die sich ihrer Identität bewusst sind, bis ans Limit gepeinigt. Seit Jahrzehnten richtet sich das Regierungshandeln in der Region nach demselben Prinzip: Die Region ist zwar von geopolitischer und strategischer Bedeutung, die dort lebenden Menschen jedoch bloß Figuren in diesem Entwurf, eher ethnische Artefakte als denkende Menschen mit bestimmten Identitäten und Zielen. Darüber hinaus verfügt die Region, wie ich bereits andeutete, über eine verschwindend geringe Zahl an Sitzen in der Lok Sabha, dem Parlament Indiens, und wird somit als wenig bedeutsam für die nationale Politik und die Regierungsbildung in Neu Delhi angesehen.

Während bei vielen »Kernland-Bundesstaaten« regionale Anliegen berücksichtigt wurden, indem man die Landesgrenzen entlang linguistischer Grenzen zog (noch in den frühen 2000ern wurden aufgrund von Beschwerden über unterdrückte Entwicklungsmöglichkeiten Chhattisgarh, Uttarakhand und Jharkhand aus den Bundesstaaten Madhya Pradesh, Uttar Pradesh und Bihar ausgegliedert), führten die Forderungen nach Identität und Entwicklung im Nordosten häufig zu gewaltsamem Durchgreifen seitens der Regierung. Als sich Aufstände entwickelten, war deren Bekämpfung die natürliche – und von Gesetzes wegen legitime – Reaktion.

»Im Nordosten reagierte die indische Regierung auf ethnische Aufstände in erster Linie mit Gewalt«, las ich in einem Essay von Rajat Ganguly, der in The State of Indias Democracy erschien, einem von der John Hopkins University Press mitherausgegebenem Buch von 2007. (Rajat Ganguly bezieht sich auf Kanit Bajpais »Diversity, Democracy and Devolution in India« in Government Policies and Ethnic Relations in Asia and the Pacific.) Der Essay spricht nicht nur von massiven Einsätzen gegen die United Liberation Front of Asom (Vereinigte Befreiungsfront Assam, kurz ULFA) 1990 und 1991, sondern erwähnt auch mehrere andere Identitäts- und Entwicklungsbewegungen und Aufstände im Nordosten, die zu dieser Zeit die Macht Indiens zu spüren bekamen: »… Bodo, Naga, Tripuri, Gorkha … und Manipuri«. Bestenfalls hätten die Einsätze im Nordosten, wie die in Kaschmir, »temporär die Aufstände geschwächt und der Regierung erlaubt, die Gewalt auf ein akzeptables Niveau zu drosseln«.

Kommentatoren und Wissenschaftler haben diesem Phänomen die verschiedensten Namen gegeben. Am einprägsamsten war für mich Sanjib Baruahs Beschreibung der Einstellung der indischen Regierung – vor allem im Nordosten – als »dauerhaftes Durcheinander«. (Der New Yorker Wissenschaftler führt diese Idee in seinem 2005 erschienen Buch aus: Durable Disorder: Understanding the Politics of Northeast India.)

Wie dem auch sei, es gab Geschichten zu erzählen. Geschichten, die Indiens grandiosem Dünkel, die »größte Demokratie« zu sein, beständig entgegentreten. Geschichten, die zeigen, dass Indien eine »gute« und »effektive« Demokratie zu sein hat, ein Ort, wo die Menschen nicht zu den Waffen greifen müssen und niedergemetzelt werden, wenn sie ihr – durch die indische Verfassung garantiertes – Recht auf eine eigene Identität, auf Lebensgrundlagen und Respekt einfordern.

*

Bis 2004, als ich ein Sabbatjahr nahm, hatte ich den Kopf jedoch nicht frei genug, um unabhängige Recherchen zu betreiben und zu schreiben.

Mein Beruf als Journalist hatte es gut mit mir gemeint, und ich war, zunächst als Berichterstatter und dann als Redakteur mit internationalen und indischen Veröffentlichungen durch einen Großteil des Landes und einige Ecken der Welt gereist. Ein Blick auf Indiens Wirtschaftsreformen seit 1991 war eine große Offenbarung für mich, denn Indien setzte all seine positiven Energien frei. Als akkreditiertes Mitglied des urbanen, »privilegierten« Indiens befand ich mich auf einem Höhenflug. Dennoch behielt ich »Aus-Land-Indien« stets im Hinterkopf. Die Distanz, die dennoch entstand, das gebe ich offen zu, ist auf den Druck meiner Arbeit und den verführerischen Reiz, eine Medien-Person in Delhi zu sein, zurückzuführen.

Schließlich schaffte ich den Absprung. Ich plante, einige Romane und Kurzgeschichten zu schreiben, aber ich wollte mich auch narrativen Sachbüchern widmen – Geschichten erzählen, die erzählt werden müssen. Red Sun entstand so – aus dem dringenden Verlangen, den Einkaufszentren-Stumpfsinn Zentralindiens zu durchbrechen und zu erzählen, wie Armut, Korruption, Vertreibung und Verleugnung negative Energie in Indien entstehen lassen. Die maoistische Rebellion ist eine der sichtbarsten und verstörendsten Auswirkungen.

Ich recherchiere und schreibe weiterhin über die maoistische Rebellion und habe meine Recherche und mein Schreiben auf den Konflikt zwischen Geschäftsinteressen und Menschenrechten ausgeweitet – eine Konfliktzone der Gegenwart und sicherlich der Zukunft. Mit der Veröffentlichung von Red Sun hatte ich Raum für mich geschaffen. Zeit, um die Geschichten zu verfolgen, die ich seit langem erzählen wollte, Geschichten von Vernachlässigung und Konflikt im Nordosten.

2008, während einer Autoreise durch Manipur und Nagaland entlang des Highway 39, nahmen Ansatz und Titel des Buchs Gestalt an. Der Highway bot durch seine Streckenführung ein breites Band für Geschichten über Konflikt und Konfliktlösung.

Aus der Entfernung betrachtet ist er nicht lang. 436 Kilometer, von einem winzigen Außenposten namens Numaligarh am südlichen Ufer des Brahmaputra in Assam, in der Nähe des bekannten Nashornreservats Kaziranga, zur Grenze mit Myanmar in Moreh im Bundesstaat Manipur. Ein bloßes Kind in einem Land, das Fernstraßen von Kolkata bis an die Grenze zu Pakistan vorzuweisen hat: Die Grand-Trunk-Road, deren Vorläufer vor Jahrhunderten von Kaiser Sher Shah Suri gebaut wurde.

Doch der Highway 39 ist anders: eine Lebensader, die sich wie eine eitrige Schlange durch die Landschaft einer romantischen und zugleich brutalen Geschichte mit beständigem Blutvergießen, unglaublichem Zorn und verzweifelter Hoffnung windet. Highway 39 berührt einen abgelegenen Teil von Südwestassam, genauer gesagt ein Stückchen des Distrikts Karbi Anglong, und verbindet Dimapur, Kohima, Senapati, Imphal und Thoubal – Orte vergangenen und gegenwärtigen Konflikts mit Indien. Die Landschaften, durch die Highway 39 führt, offenbaren Indiens Leiden an vorsätzlicher Blindheit. Ein Highway in die politische Hölle. Hier erfährt das Land fortwährend, dass eine mit Regierungsjobs und Sozialhilfe erkaufte Waffenruhe weder Frieden noch uneingeschränkte Loyalität zur indischen Republik garantiert.

Manipur, das seit seinen Fehden mit dem kolonialen Großbritannien keinen Krieg mehr gesehen hat, ist heute die Heimat mehrerer Dutzend aufständischer Gruppen quer durch das ganze Stammes- und Religionsspektrum. Die Gründe sind Neu Delhis politisch falsche Behandlung ethnischer Identitäten und Stammeszugehörigkeiten sowie der an eine Kneifzange erinnernde Armed Forces (Special Powers) Act (kurz AFSPA), ein Notstandsgesetz über Sondervollmachten der Streitkräfte, das den Soldaten der indischen Armee und den paramilitärischen Einheiten Kompetenzen erteilt, die denen einer modernen Gestapo gleichen, außerdem Straflosigkeit und Immunität. Das Leben im Bundesstaat ist fast zum Stillstand gekommen. Die Hauptstadt Imphal erinnert, wie ein israelischer Besucher und ehemaliger Soldat mir jüngst sagte, an das Westjordanland. Der Bundesstaat und die Menschen befinden sich in höchster Anspannung.

»Willkommen in Psycho City«, begrüßte mich ein wild dreinblickender, unter Drogen stehender junger Mann bei einem Open-Air-Rockkonzert in Imphal im Sommer 2008. Damals hatte ich meine Reisen für dieses Buch gerade begonnen. »Wir wollen nichts als weg von hier«, sagte der Junge mit dem unwahrscheinlichen Namen Nightingale Singh, ein Student am örtlichen Raja-Bodhchandra-College. »Was willst du hier, Alter?«

Die Gegend um mein Hotel stand damals seit drei Jahren unter Ausgangssperre – das Ergebnis mehrerer Granatenangriffe auf Soldaten, die auf dem nahegelegenen Markt Ima-Keithel patrouillierten. Alltägliche Geschichten. Das Konzert, auf dem Nightingale und ich uns kennenlernten, lief ohne die zuvor angekündigte populäre Band Raghu Dixit Project aus Bangalore. Raghu Dixit Project hat Hindi Folk und Fusion Songs in ihrem Repertoire, und einige der großen Meitei-Rebellengruppen hatten vor Jahren in Manipur eine Fatwa gegen alles, was mit Hindi zu tun hat, verhängt. Als Nationalsprache des »kolonialistischen« Indiens ist Hindi bei den lokalen Rebellen unerwünscht.

Ich möchte Geschichten von hier und von anderen Orten am Highway 39 erzählen, erklärte ich Nightingale. Bevor er in einem grell dekorierten Tattoo-Stand an der Peripherie des Konzerts verschwand, sagte er mir, dass ich mehr Geschichten finden würde, als ich zu meinen Lebzeiten würde erzählen können. Er grinste sein schiefes Grinsen. »Vergiss nicht, Alter, Psycho City.«

Im östlichen Assam, durch das sich der Highway 39 ein Stück weit zieht, flammten bis 2011 zwei große und drei kleinere Aufstände von Angehörigen der Karbi- und Cacharese-Stämme auf, bis diese letztlich kapitulierten. Auch hier ist der Zorn das Resultat schlechter Regierungsführung, administrativer Apathie, absichtlichen Desinteresses an Stammes- und Regionalstolz, an verschiedenen Identitäten, historischen Hintergründen und Hoffnungen. Das Entwicklungs- und Einkommensniveau hier zählt zu den niedrigsten in Indien, die Landwirtschaft ist weiterhin äußerst primitiv, die Bildung lückenhaft, Industrie praktisch nicht existent, das Geschäftsleben mehr durch Selbstversorgung und Handel charakterisiert, als es in einem modernen System der Fall sein sollte.

In diesem Schmelztiegel von angeordnetem Durcheinander und Chaos sterben Menschen, die den Konflikt sehnlichst hinter sich lassen wollen, weiterhin in eben diesem Konflikt. Darin liegt ein doppelter Widerspruch. Das lernte ich in den Jahren, bevor ich mit diesem Buch begann. Wie die seitens der Rebellen so verteufelte Verwaltung betreiben auch die Rebellen selbst Erpressung und Korruption und setzen bei den einfachen Menschen, die sie zu beschützen geschworen haben, die Daumenschrauben an. Außerdem: Rebellengruppen, die behaupten, ein bestimmtes Anliegen zu verfolgen, kämpfen manchmal gegeneinander – das fällt vor allem bei den Naga-Rebellengruppen ins Auge. Im Sommer 2008 vollführten zwei der großen Fraktionen einen Brudermord, wie es ihn seit zwei Jahrzehnten nicht gegeben hatte. Das Durcheinander von Ursache und Wirkung gehört auch zu dieser Geschichte.

Lange Zeit wurde die geopolitische Lage des Nordostens nicht als so wichtig wahrgenommen, als dass sie, wie Jammu & Kaschmir, globale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Anders als die maoistische Rebellion liegt der Nordosten nicht im Herzen Indiens. Doch ein selbstbewusstes China an der Grenze und die Aussicht auf Handel und Geschäfte mit Südostasien haben das offizielle Indien im Laufe des vergangenen Jahrzehnts gezwungen, sich eingehender mit der Region auseinanderzusetzen. Im Grunde handelt es sich um einen durch Geopolitik unumgänglich gewordenen Ansatz zur Beschwichtigung der Einwohner: Konflikte beruhigen, Sehnsüchten Spielraum verschaffen, Hoffnung machen – sonst verlieren wir unser Imperium. So in der Art. Die Konfliktwirtschaft speist sich hauptsächlich aus Geldern der Zentralregierung und überlebt und gedeiht aufgrund des Fehlens eines stabilen Friedens: Sicherheitseinsätze, Verträge über Sicherheitsauflagen, Abzweigen von Entwicklungsgeldern, die für den Aufbau der zerrütteten Regionen und Völker gedacht sind. Dennoch breitet sich, ausgehend von Städten wie Guwahati, Shillong und, in geringerem Ausmaß, Orten wie Dimapur, Kohima und sogar Imphal, langsam eine Welle progressiven Gedankenguts und wirtschaftlichen Ehrgeizes aus.

Es wird zur Kenntnis genommen, dass nicht alle Inder Feinde sind. Es entsteht Verständnis dafür, dass der indische Staat zwar ein wirksamer Wirtschafts- und Entwicklungshebel sein kann, der Nordosten jedoch seine eigenen wirtschaftlichen Energien freisetzen muss. Wie die »Vision 2020« der Regierung für die Region bestätigt: »Entscheidend für Fortschritt und Wohlstand im Nordosten ist die Befreiung von wirtschaftlicher Bevormundung.«

Die Menschen haben erkannt, dass diejenigen, die von der Konfliktwirtschaft leben, diese nicht so leicht loslassen werden. Frieden muss erkämpft werden. Wenn die Geier des Krieges nicht bald überwältigt werden, gehen weitere Generationen verloren. Es besteht die Hoffnung – in dieser krisengebeutelten Region wie bei einigen Akteuren der Zentralregierung in Delhi –, dass der Nordosten ein gewinnbringender Brückenkopf für Beziehungen zu Thailand, Laos, Kambodscha, Südwestchina und, mit etwas mehr Weitsicht und Friedenswillen, zu Myanmar und Bangladesch sein könnte.

Von offizieller Seite wird zunehmend anerkannt, dass die Region bei weiterer Nichtbeachtung vollkommen verloren gehen könnte. Dieselben Länder, die sich zur Partnerschaft mit Indien bekennen, könnten einen Keil durch Indien jagen – mit Indiens unfreiwilliger Unterstützung.

Highway 39 ähnelt, so schien es mir, der Region, durch die er führt. Kaputt, aber nicht gänzlich entmutigt, korrupt, aber voller Hoffnung, vollkommen un-indisch, und doch an Indiens Zukunft gebunden. (Abschnitte des Highway 39 wurden 2011 im Rahmen einer Systemrationalisierung der Nationalstraßenbehörde neu nummeriert. Nun gehören einige Abschnitte zum geplanten transasiatischen Highway, der Indien mit Südostasien verbinden wird. Und doch gab es für mich keinen besseren Namen für dieses Buch. Die Auslöschung von Highway 39 würde die Auslöschung einer qualvollen Vergangenheit, einer unruhigen Gegenwart und einer unbestimmten Zukunft bedeuten.)

*

Ein Sammelband über den Nordosten wäre meinem Anliegen nicht dienlich, das wurde mir schnell klar. Die Welt hat häufig Schwierigkeiten, das ungeheure Ausmaß Indiens zu fassen, sowohl aufgrund seiner geographischen als auch aufgrund seiner ethnischen Vielfalt. Diese Logik lässt sich auf das Miniuniversum seiner nordöstlichen Regionen übertragen. Ich möchte Geschichten über die Grenzen des Nordostens hinaustragen und über die Grenzen der Seminarräume, die Namen, Gesichter und Geschichten oftmals auf Statistiken und höfliches Gerede reduzieren. Ich habe an genügend Seminaren teilgenommen, um zu wissen, wovon ich rede.

Natürlich bin ich nicht der Erste, der Indiens Nordosten »herausbringt«. Für die Menschen der Region und diejenigen, die sich für die Region interessieren, gibt es jede Menge Stoff: Exzellente wissenschaftliche Texte, Reportagen, investigative journalistische Arbeiten für konventionelle und elektronische Medien im Allgemeinen und für die immer gesündere Medienlandschaft des Nordostens im Besonderen, des weiteren Kurzgeschichten und Romane, Lyrik und Theaterstücke. Symbolfiguren des Protests wie zum Beispiel Irom Sharmila aus Manipur sind im indischen »Kernland« durch Reportagen in den Printmedien, im Internet und Fernsehen weithin bekannt. Aber wenige Neuigkeiten und Kommentare finden sich jenseits der Spitzenmeldungen – der Tötung eines »VIP«, gewaltsamen Protesten, Kämpfen zwischen Rebellengruppen, der »Aussetzung der Operationen« gegen die eine oder andere Rebellengruppe, oder den andauernden gröberen Menschenrechtsverletzungen durch Polizei, Paramilitärs und Armee. Und es gibt immer noch nicht genügend Literatur und Diskurs darüber, was die Dynamik von Protest und Schmerz in der Region antreibt.

Wie bei so vielen Dingen auf dem indischen Subkontinent ist noch viel Raum, um Geschichten zu vermenschlichen. Sie aus der Perspektive der – oft widerwilligen – Akteure und Beteiligten zu erzählen. Und als Geschichtenerzähler habe ich mir genau das vorgenommen.

Doch um mir das Erzählen und den Lesern das Verständnis zu erleichtern, musste ich mich von dem mikro-ethnischen Schmelztiegel fernhalten, der der Nordosten in so vielerlei Hinsicht ist. Ich musste einige Entscheidungen treffen.

Die Strecke des Highway 39 bietet ein Stück von Assam, Nagaland und Manipur. Doch selbst innerhalb dieses Sutras, dieses Fadens, konnte ich (in diesem Buch, das gilt nicht für zukünftige Vorhaben!) nicht jede ethnische Einheit und jede Bestrebung darstellen. Das Karbi-Volk in Assam bietet Anlass für eine eigene Arbeit. Hoffentlich habe ich bald die Gelegenheit, dort zu leben und zu arbeiten und mehr zu verstehen. Und Assam ist natürlich ein ganz eigenes Universum, eine ganze Buchreihe für sich. Es war nicht möglich, die Menschen und Geschichten jedes Naga-Stamms vorzustellen, nur um als politisch korrekt angesehen zu werden. Da dies keine ethnographische Studie ist, habe ich Spontaneität als Ansatz gewählt. Begegnete ich beispielsweise in Nagaland einem Opfer indischer Ausschreitungen, das zufällig dem Ao-Stamm angehörte, dann war es eben so. Gehörte ein Bürokrat dem Lotha-Stamm an, gut. War er ein Angami, Chakesang oder etwas anderes – auch gut.

Verschlug mich in Manipur eine Geschichte in die Gebiete des Tangkhul-Naga-Stamms, war das naturgemäß. Die Geschichte von Manipur und dem Tal von Imphal ist ohne die Meitei unvollständig. Doch es ginge zu weit, sich unter den Meitei-Pangal – muslimischen Meitei – nach einer Geschichte umzuhören, nur um politisch korrekt zu sein. Ebenso musste ich davon absehen, tiefer in das Leben der Kuki-Ethnien in Manipur einzutauchen. Bei den Ausschnitten des Lebens, die ich den Lesern in der Hoffnung anbiete, einen Beitrag zum allgemeinen Verständnis zu leisten, könnte ein Sammelband verwässernd wirken. Außerdem wollte ich nicht von einem Leben, einer Geschichte und einem Leid zum nächsten jagen, nur um Vollständigkeit beanspruchen zu können. Alles sollte sich zu einer größeren Erzählung zusammenfügen.

Dies mag kein perfekter Ansatz sein, aber ich glaube, so etwas wie einen perfekten Ansatz gibt es nicht, nur pragmatische Ansätze, die nicht-erzählte Geschichten – oder menschliche Versionen erzählter Geschichten – zu einem Publikum tragen, das sonst nicht erreicht wird. Geschichten, die alltägliche Momente von Leben und Tod in dieser unruhigen und doch aufstrebenden Region erzählen. Welch hohen Preis die Menschen dafür zahlen müssen, sie selbst sein zu wollen. Wie die Republik Indien ihnen diesen Preis abverlangt. Und wie die Republik Indien bis heute dafür zahlt, gemeinsam mit den Menschen, die sie sich auf so unnachgiebige und häufig gewaltsame Weise zu eigen machen will.

Meine Reise trug mich zu diesen alltäglichen Situationen, diesen alltäglichen Wahrheiten. Im Laufe mehrerer Besuche über mehrere Jahre traf ich Rebellenführer, Sicherheitskräfte und Regierungsbeamte. Ich traf einfache Menschen, die einfach leben, sei es, dass ihr Leben von unverständlichen Todesfällen erschüttert oder von ebenso unverständlicher Politik beengt wurde. Ich habe versucht, die Fäden einiger Geschichten über Konflikte zu verfolgen, und ebenso die Fäden einiger Geschichten über Konfliktlösung.

Jede Schicht, jede Stufe auf der Reise brachte mich diesen Wahrheiten und Realitäten näher. Und es gibt, wie ich erfuhr, in dieser Region viele Wahrheiten und Realitäten. Ich hoffe aufrichtig, Highway 39 macht Sie mit einigen vertraut.

GoaJanuar 2012

1

An einen Ort, wo Brüder sich töten

Der Hauptbahnhof von Dimapur ist morgens um zwei eine Ansammlung schlafender und dösender Menschen. Abgesehen von einigen Dutzend Leuten auf Gleis I, das über ein Dach und einen Warteraum mit tief hängender Decke verfügt, scheinen die etlichen Hundert Menschen aus dem Teil des Landes zu stammen, der hier in der Gegend unter dem Begriff indisches Kernland läuft. Wenn Sie möchten, können Sie auch indisches Niemandsland sagen. Viele Hardliner tun das hier, östlich von Bengalen. Leute, die sich seit langem im Krieg befinden – nicht so sehr mit Indiens Vorstellung von sich selbst, als vielmehr mit seiner Vorstellung davon, warum sie Inder sein sollten.

Arbeiter und bis an die Zähne bewaffnete Truppen warten auf einen Zug, der sie aus dieser in der Ebene gelegenen Stadt, dem Handelszentrum Nagalands, nach Hause bringt, oder auch zu einer anderen Arbeitsstelle, einem anderen Stationierungsort. Das prosperierende Indien, das unruhige Indien bietet reichlich Gelegenheit für beides.

Mein erstes Reiseziel ist Kohima, die Hauptstadt des Bundesstaats tief in den Naga Hills, und ich sitze fest.

So spät in der Nacht nimmt kein Hotel in Dimapur mich mehr auf, nicht einmal die, die mich früher am Tag noch willkommen hießen. Nicht das Oriental Dream, ein etwas verschroben benanntes, aber gastfreundliches Etablissement, für das ich eine nun wertlos gewordene Reservierung besitze. Sicher nicht das staatlich geführte Saramati, eine knarzende, muffige, ausgesprochen höfliche Herberge, die um Punkt neun ihre Tore verriegelt. Und ich finde keinen Taxifahrer, der sich auf den Highway 39 nach Kohima wagt, oder auf irgendeine andere Straße zu irgendeinem anderen Teil des Bundesstaats, abgesehen von der unmittelbaren Umgebung Dimapurs.

Zum einen zeugt das Meiden bergiger Straßen in tiefster, stockfinsterer Nacht von Vernunft, sich nicht mit Gefahren wie scheinbar bodenlosen Abgründen und mit Schlaglöchern übersätem Asphalt herumschlagen zu wollen, die schnellen Autos und schnellen Fahrern spotten und selbst robusten Scheinwerfern hohnsprechen. Zum anderen rührt es von jahrelanger intimer Kenntnis des seltsamen Tiers namens Konflikt. Nach jahrzehntelangem Krieg und angespanntem Frieden, herbeigeführt durch einen bizarren Waffenstillstand zwischen Indien und den zwei wichtigsten Naga-Rebellengruppen – Gruppen, die eine paradoxe Geschichte gegenseitigen Blutvergießens verbindet – lauert hier überall Gefahr.

Bei meinem letzten Besuch vor einem Jahr, im Mai 2008, kämpfte eine dieser Gruppen gerade gegen eine ihrer Splittergruppen, die sich erst vor ein paar Monaten abgespalten hatte.

Im April und Mai 2008 verwandelten sich die Straßen von Dimapur und die Dörfer in der Umgebung in ein Schlachtfeld. Junge Naga-Männer, die sich von der größten Naga-Rebellengruppe – dem National Socialist Council of Nagalim, Isak-Muivah (NSCN-IM) – abgespalten hatten und behaupteten, für die Ehre der Nagas und die Unabhängigkeit Nagalands von Indien zu kämpfen, hatten in Kampfanzügen und mit Automatikwaffen ihre ehemaligen Kameraden vom NSCN-IM aufgespürt und entführt oder getötet. Die Opfer waren junge Männer, ähnlich angezogen und ähnlich bewaffnet, die ebenfalls behaupteten, für die Ehre der Nagas und die Unabhängigkeit von Indien zu kämpfen. Innerhalb weniger Wochen waren zwanzig Menschen tot, darunter ein Student und ein Unbeteiligter. Die Opferzahl solcher Auseinandersetzungen stieg bis Juli auf Einhundert.

»Durch die Reduzierung unseres ehrenhaften Anliegens auf einen ordinären Streit wird viel Schaden angerichtet«, mahnte die einflussreiche Naga Students Federation – ein Konglomerat aus zweiundzwanzig Studentenvereinigungen von Stammesangehörigen – in einem bissigen Statement, das, während es die Naga-Rebellenfraktionen erbost kritisierte, gleichzeitig vorsichtig war, Indiens Interessen keinen Spielraum einzuräumen. »Die Ehrenhaftigkeit unseres Kampfes könnte so auf beschämende Weise herabgesetzt werden«, rügte das Statement die »nationalen Arbeiter«, die Indien Rebellen nennt.

Doch dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer der bitteren Erzählungen in der bitteren Geschichte der Region.

Ich stecke hier mitten in der finstersten Nacht fest, weil mein Zug von Guwahati, der Rajdhani-Express, der einzige Zug, für den ich eine Reservierung ergattern konnte, drei Stunden Verspätung hatte. Das gilt in Anbetracht der langen Reisestrecke von Neu Delhi bis zur Handels- und Ölstadt Dibrugarh im äußersten Osten von Assam und somit auch fast an der Ostgrenze Indiens allgemein hin noch als pünktlich. Es kommt in dieser Gegend vor, dass Züge aus dem 2500 Kilometer entfernen Neu Delhi einen halben oder sogar einen ganzen Tag nach ihrer planmäßigen Ankunft eintreffen. Ein verhältnismäßig schneller Zug wie der Rajdhani sollte die Strecke in neununddreißig Stunden zurücklegen, langsamere Züge in dreiundfünfzig Stunden. Wenn sie pünktlich sind.

Meine Reise von Guwahati zu der Handelsstadt Dimapur war ein knappes Zehntel der Strecke und in gut vier Stunden bequem zurückzulegen – trotz des andauernden Geplappers meiner Mitreisenden, zwei Offiziere der zentralen Reservepolizei, die sich angeregt über Immobilieninvestitionen in ihrer Heimatstadt Lucknow in der fernen Gangesebene und nahezu im geographischen Zentrum Indiens unterhielten. Eine andere Welt.

Dimapur ist die einzige Stadt in Nagaland, die über einen Bahnhof verfügt. Gleichzeitig ist dies der einzige Bahnhof, der den südlichen Nachbarn aus Manipur eine halbwegs akzeptable Reise ins indische Kernland ermöglicht. Der Bahnhof von Manipur ist in Silchar, einer Teestadt in Assam nicht weit von Indiens südöstlicher Grenze zu Bangladesch, und bedeutet mindestens einen vollständigen Reisetag auf einem wahrhaftigen Albtraum von einer Straße. Außerdem muss man, um mit dem Zug von Silchar Richtung Westen ins Kernland zu gelangen, mühselige Umstiege in Guwahati auf sich nehmen.

Ich finde mich mit meiner temporären Obdachlosigkeit ab und quetsche mich in den Rücksitz eines winzigen, knallgelben Suzuki Alto Taxis auf dem Bahnhofsparkplatz von Dimapur. Mit dem Fahrer mache ich aus, dass wir um halb fünf oder bei Morgendämmerung – je nach dem, was zuerst kommt – losfahren. Die schwüle Hitze im Spätaugust ist erdrückend, und ich lasse die Fenster geschlossen. Wenn man sie nur zwei Zentimeter herunterkurbelt, kommen ganze Heerscharen von Mücken hineingeströmt. Der junge Fahrer aus Nepal hat es raus. Er wirft mir einen verächtlichen Blick zu, streckt sich auf seinem nach hinten gekippten Fahrersitz aus, wickelt sich von Kopf bis Fuß in ein fleckiges Baumwolltuch ein und schnarcht drauf los.

Hellwach träume ich von den nahen Naga Hills, die mich jedes Mal, wenn ich sie sehe, mit nahezu körperlicher Gewalt berühren.

Als langjähriger Himalaya-Liebhaber hatte ich meinen Anteil an langsamen, gewundenen Fahrten und Wanderungen durch die nun entblößten Gebirgsausläufer Indiens und Nepals, herauf zu bewaldeteren Gegenden und schließlich in höchste Höhen bis zur Schneegrenze. In meiner Wahlheimat Goa zwischen den Westghats, die parallel zur Konkan- und Malabarküste verlaufen, ist Immergrün Lebensart – glücklicherweise lassen die gierigen Bergarbeiter auf ihrer Suche nach Eisen und Mangan-Erz die uralten Wälder und Berge in Ruhe. Diese blaugrünen Berge, Zwerge im Vergleich zum Himalaya, aber dennoch von stattlicher Höhe, sind ein Genuss für die Sinne, Wasser für die Flüsse und ein wohltuender ökologischer Kokon für die Einwohner.

Die Naga Hills vermitteln mir inzwischen ein ähnliches Gefühl, mit der zusätzlichen Dimension ihrer ganz eigenen jenseitigen Eigenschaften. Die Aussicht, ein paar Tage oder Wochen umgeben von diesem Nebel, diesen Wolken zu verbringen, eingehüllt in eine bestimmte Geschichte und eine weitestgehend unbestimmte Zukunft, erregt und beunruhigt mich zugleich. Eine Reise hierher bedeutet, sich den Wahrheiten zu stellen, den Lügen und dem Blutvergießen, die das moderne Indien prägen. Es bedeutet, sich der Tatsache zu stellen, dass Menschen, die mir in der Kindheit als Vorbilder vorgestellt wurden, Namen, die jeder Inder von Straßen, Stadien und Institutionen kennt, Gesichter, die wir in Schulbüchern und seltener werdenden Briefmarken sehen, dass diese Menschen ihre Mitbürger, wie sie sie so wortgewandt bezeichneten, mit einer Grausamkeit behandelten, die mit jeder beliebigen Grausamkeiten der Neuzeit mühelos mithalten kann.

Erst vor ein paar Tagen wurde ich wieder von diesem Gefühl übermannt, als ich mich mit der Naga-Schriftstellerin Temsula Ao, die auch Dekanin der North-Eastern-Hill-University in Shillong ist, unterhielt. Unter anderem wollte ich von ihr wissen, ob einige ihrer Geschichten auf persönlicher Erfahrung basierten oder ob sie auf den überlieferten Geschichten beruhten, die sich, beflügelt von Verzweiflung und Zorn, über die Naga-Gegenden und -Generationen verbreiten. Sie sagte mir, es sei eine Mischung, manches persönlich, manches überliefert. Dann lächelte sie, draußen vor den Fenstern ihres beheizten Büros prasselte kalter Regen nieder, und wir nippten an unserem starken, süßen Tee. »Ein Teil meines Zorns steckt darin«, sagte sie leise.

Die Geschichten, ob nun persönlichen oder anderen Ursprungs, hätten einfach erzählt werden müssen, wie zum Beispiel die von der jungen Apenyo in The Last Song. Die Geschichte aus der Sammlung These Hills Called Home: Stories from a War Zone spielt in »unruhigen Zeiten«, wie Ao sagt, und handelt von einem Mädchen, das gerne singt. Es war zu der Zeit, als die Naga-Unabhängigkeitsbewegung »jeden Tag größer wurde und selbst die abgelegensten Dörfer mitmachten, wenn nicht direkt, indem die Einwohner sich der Untergrundarmee anschlossen, so doch indirekt, indem sie »Steuern« an die Untergrund-»Regierung« bezahlten. Apenyos Dorf war da keine Ausnahme und befand sich gerade mitten in den Vorbereitungen für ein »doppeltes Weihnachten« mit der Einweihung einer neuen Kirche. Der Pfarrer sprach mit der Gemeinde das erste Gebet, und Apenyo, die beste Sängerin des Dorfes, konnte es kaum erwarten, den Chor, der auf das Eingangsgebet folgen würden, anzuleiten. Da hörten sie Schüsse in der Ferne.

»… die herbeistürmenden Soldaten hatten die Menge schnell umstellt, und dem Pfarrer wurde befohlen, vorzukommen und sich und die Dorfältesten zu identifizieren. Doch bevor sie dem Befehl Folge leisten konnten, stimmte Apenyo ihr Solo an … und um nicht hinter dem Mut und der Torheit des jungen Mädchens zurückzubleiben, um sie nicht ungeschützt zu lassen, brach der ganze Chor in Gesang aus. Die Soldaten rasten, offener Ungehorsam musste angemessen vergolten werden … die Menge, von Angst und Wut gepackt, zerstreute sich in alle Richtungen …

… nur Apenyo blieb. Sie sang weiter … wie von einer unsichtbaren Kraft geführt … wie, um der Macht der Waffen zu trotzen … Verzweifelt stürzte Libeni vor, um ihre Tochter wegzureißen, doch der Anführer der Armee war schneller. Er packte Apenyo bei den Haaren und zerrte sie mit leerem Blick davon, weg von der Menge, zum alten Kirchengebäude hinüber …«

Diese eindringliche Geschichte berührt mich wie keine andere in Aos Buch.

»Allerorts herrschte Chaos«, schreibt sie, »die fliehenden Dorfbewohner wurden von den Soldaten, die plötzlich überall zu sein schienen, niedergeschossen, getreten und geschlagen …

Libeni war außer sich. Sie rief ihre Tochter laut beim Namen und lief suchend in die Richtung, wo sie sie zuletzt mit dem Armeeanführer gesehen hatte. Die Szene, die sie schließlich vorfand, drehte ihr den Magen um: der junge Hauptmann vergewaltigte Apenyo, ein paar weitere Soldaten standen daneben und schauten zu, warteten scheinbar, an die Reihe zu kommen. Die Mutter, nun völlig von Sinnen, stürzte mit einem Knurren vor, als wollte sie den Mann vom Körper ihrer Tochter reißen, doch ein Soldat packte sie und schmiss sie zu Boden … Die kleine Gruppe Soldaten kam nacheinander an die Reihe, obgleich die Frau, als der vierte auf sie stieg, bereits tot war.«

Und schließlich erreichte die Schlachterei ihren Höhepunkt, die Beschreibung ist mir klar vor Augen.

»Als der Hauptmann zum Schauplatz seiner kürzlichen Orgie zurückkehrte, sah er … die zwei Frauen, beide tot. Er befahl seinen Männern, sie vor den Eingang der Kirche zu schmeißen. Dann ließ er seine Männer um die Kirche Position einnehmen, und auf sein Zeichen leerten sie ihre Munition in das Gebäude. Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden aus der Kirche offenbarten, dass selbst das Haus Gottes den Menschen keinen Schutz bietet und sie nicht vor den Kugeln der rasenden Soldaten bewahrt … doch die Grausamkeit war noch nicht vorbei. Als deutlich wurde, dass das Töten der Zeugen in der Kirche Verschwendung von Munition und Zeit war, wurde der Befehl erteilt, die Kirche in Brand zu setzen …«

Durch diese Gegend zu reisen, bedeutet für mich, zwischen einer schmerzvollen Konfliktgeschichte und einer verzweifelt erwarteten Zukunft hin und her geschleudert zu werden, als Zwischenmahlzeit ein wenig verdrehte Realität.

*

Kaum haben wir die träge, braune Schlange des Dhansiri überquert und sind ein paar Kilometer südöstlich gefahren, tauchen sie auf, zu unserer Linken, die Naga Hills. Bald nehmen wir eine scharfe Linkskurve, fahren gen Osten weiter und lassen uns von den Höhen umhüllen.

Die Dämmerung legt sich auf die Berge, ein Licht, das über die Welt streichelt und die vereinzelten Wolken mit orangen und roten Flecken berührt. Eine Ebene tiefer, auf halber Höhe, wo es noch schattig ist, liegt ein Sarong aus Dunst über dem Grün. Die Luft ist feucht, kühl und riecht nach Erde und Bambus. Angenehm streicht sie über mein Gesicht. Der Beton-Albtraum Dimapur liegt hinter uns. Auf beiden Seiten sind Teakholz-Plantagen, weiter vorn die erste Andeutung von Immergrün. Dunst rankt und tanzt über den Highway. Es ist still so früh am Morgen. In dieser friedlichen Schönheit könnte ein Atheist sich fragen, ob es nicht doch einen Gott gibt und ob er, oder sie, vor etwas so Fortgeschrittenem wie der Schöpfung einen Kurs in angewandter Kunst belegt hat.

Der Taxifahrer hat glücklicherweise nur Augen für die Straße. Er kaut entspannt auf Pata und Tamul – Betelnussblättern und Betelnuss – Energie für die zweieinhalbstündige Aufwärtsfahrt nach Kohima. Er steckt einen USB-Stick in das Innere des MP3-Players am Armaturenbrett und wirft mir einen fragenden Blick zu. Nicht jetzt, bitte ich ihn. Warten Sie, bis der Morgen weniger schön ist. Er schüttelt den Kopf und lächelt. Nach seinem Schläfchen scheint er heiter, putzmunter um fünf Uhr in der Frühe.

Die indische Standardzeit verstärkt den Reiz des Tages. Ganz nah im Osten, in Myanmar, ist es sechs Uhr. Westlich von uns, wo die Masse Bangladeschs ins Land hineinragt, in Luftlinie weiter entfernt als Myanmar, ist es halb fünf. Aber noch weiter im Westen, in Indien und Kolkata, ist es fünf. Ebenso zweieinhalbtausend Kilometer weiter westlich, an der Grenze Gujarats zu Pakistan. Die bizarre Anwendung der indischen Standardzeit hat bekannte Persönlichkeiten aus dem Nordosten, zuletzt den assamesischen Filmemacher Jahnu Barua, immer wieder dazu getrieben, nach einer anderen Zeitzone zu verlangen, für bessere Tageslichtnutzung und, damit einhergehend, effizientere Zeiteinteilung und gesteigerte Produktivität. Vielleicht haben die administrativen Auswirkungen unterschiedlicher Zeitzonen in einem ohnehin chaotischen Land die indischen Machthaber und Verwalter von der Einführung abgehalten, aber es fällt schwer, sich nicht dem leisen Verdacht hinzugeben, dass selbst die Zeit sich vor dem allwissenden Altar der Republik Indien verneigen muss. Leicht vorstellbar, dass – sollte Indien sich in jede Richtung noch ein paar tausend Kilometer weiter erstrecken, sagen wir, von Iran bis Laos – das ganze Land in einer Zurschaustellung staatlich vorgeschriebener Einheit weiterhin unter der paternalistischen Obhut der indischen Standardzeit stünde.

Und da, zu meiner Rechten, taucht es auf, das Diphupar Gate an der vierten Meile nach Dimapur, kurz nach der Abzweigung zu Dimapurs winzigem und Nagalands einzigem Flughafen, zwischen Highway und Berge geschmiegt.

Im Sommer vergangenen Jahres, am 10. Mai 2008, habe ich hier am Diphupar Gate tausende Frauen unterschiedlicher Naga-Stämme gesehen, das Herz vom Blutvergießen zwischen den Nagas zerrissen, versammelten sie sich zu einem Fackellauf. Viele trugen Kerzen, aber die meisten grüne Bambusstäbe, an einem Ende aufgespalten, um einen kleinen Ölcontainer zu halten, der die Flammen des Protests nährte. Der Verkehr stand still. Dieser Abschnitt des Highway 39 gehörte an diesem Tag den Frauen, die dem Ruf des Naga Mothersʼ Hoho, dem Spitzenverband der Gegend um Dimapur, gefolgt waren.

Ich war in die aufgeladene Menge gelaufen, und die Frauen, jung und alt, ließen mich, den offensichtlichen Fremden, gewähren. Zwei Frauen mittleren Alters standen auf der Ladefläche eines offenen LKWs neben einem Gebäude mit Werbung für das Nagaland-Muay-Thai-Institute. Die Frauen standen hinter Mikrofonen, die über einen ramponierten Verstärker mit zwei großen Lautsprechern oben auf der Fahrerkabine verbunden waren. Das Ensemble wurde durch eine Autobatterie angetrieben.