Hilflos im Netz - Reinhold Tauber - E-Book

Hilflos im Netz E-Book

Reinhold Tauber

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Beschreibung

Je mehr sich die Welt im Bereich der Medien ausbaut, nimmt die Daten-gesicherte, aber dennoch anonyme Zukunft ihren Lauf. Herr Geistreich Immervoll ist zu Beginn ein angesehener Mann, doch als er seine Arbeit verliert, muss er hautnah erfahren, dass die zukunftsorientierte mediale Welt kaum noch Platz für persönliche Kontakte und Menschlichkeit zulässt. Alle Daten werden über jedermann gespeichert und sind jederzeit abrufbar, doch bleibt der Mensch dahinter ungesehen. Ein fantastisches, bunt schillerndes Bild unserer Zeit, unserer Zukunft.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2

Vorwort: Zur Sache 3

Vorspiel 15

1. Szene: Die Fahrt durch den Tunnel 32

2. Szene: In der Zentrifuge 38

3. Szene: Vorladung in das AVS 48

4. Szene: Die Einführung – Ein Weltmodell 65

5. Szene: Von der monetary correctness – Im Datennetz 91

6. Szene: Des ersten langen Tages Reise 95

Intermezzo 1: Über das Wohnen, a 95

Intermezzo 2: Über das Wohnen, b 101

Intermezzo 3: Datenorientiertes Schülerleben 107

Über neue Plagen und eine neue Prophetin – Monolog der Mutter 111

Datenverkehr: Die Grundinformation 122

Intermezzo 4: Biografie als Musterfall der Zeitgeschichte 124

Die erste Begegnung 141

Das Tor zum Labyrinth und Wandern im Chaos 172

7. Szene: Des zweiten langen Tages Reise 186

8. Szene: Des dritten langen Tages Reise 207

Was inzwischen geschehen war 223

9. Szene: Die Flinte im Korn 229

10 Szene: Finale – In der Unendlichkeit 240

Epilog 249

Intermezzo 5: Die Idee eines neuen Preises 252

Intermezzo 6: Die Welt nimmt in Echtzeit Anteil 263

Anhang 277

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-204-1

ISBN e-book: 978-3-99107-205-8

Lektorat: Katja Wetzel

Umschlagfotos: Dmitriy Razinkov, Julvil | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen:

Bild 1: Markwaters – Dreamstime.com,

Bild 2: Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay,

Bild 3: Stephan Wolfsried, (www.mineralienatlas.de)

www.novumverlag.com

Vorwort: Zur Sache

„Von der Wiege bis zur Bahre/Formulare, Formulare …“

Ab der Abnabelung von der nährenden Mutter ist der Weg des Menschen ein Weg zum Tod. Der Weg kann kurz sein oder lang, wie lange, das stellt sich erst beim fixierten Ziel heraus. Die Strecke dazwischen ist das Leben. Dieses ist bestimmt von Daten: biologischen, biografischen, zur Verwaltung, zur Kontrolle. Von der Geburts- bis zur Sterbeurkunde.

Das war und ist so, seit es Ordnungsstrukturen des Zusammenlebens gibt, sie waren und sind notwendig, um ein Gemeinwesen zusammenzuhalten und zu ordnen, von den Tontafel-Archiven der Sumerer bis zu den Finanzdaten heute oder den furchtbaren Listen von Tötungsmaschinerien, wir kennen sie. Daten werden also auch zu bösen Zwecken benutzt:

Bis vor 100 Jahren wurden Daten und Infos schriftlich versandt und erhalten, vom Papyrus bis zum Kanzleipapier. Auf diesem Weg wurden Informationen zusammengetragen auch für Enzyklopädien und Lexika von tausenden Seiten Umfang. Das ließ sich alles so bewerkstelligen und niemand wartete auf einen Computer zur Erledigung auch gewaltigster Sammlungs- und Verwaltungsaufgaben.

Zur Erinnerung: Die Digitalisierung der Welt

Seit der Entwicklung des ersten funktionierenden Computers 1944 ging die Entwicklung stürmischer als in jedem anderen Bereich voran. Regelmäßig entwickelte die Computerindustrie Geräte mit doppelter Leistungsfähigkeit und entsprechender Speicherkapazität. Der damit einhergehende Preisverfall führte dazu, dass der Computer seit Beginn der 80er-Jahre auch in vielen alltäglichen Anwendungen wirtschaftlich nutzbar wurde.Durch die Einführung des »Desktop-Publishing« (Publizieren am Schreibtisch) wurde die gesamte Druckindustrie revolutioniert. Am Computer vermochte man von nun an alle Gestaltungs- und Entwurfsschritte bis hin zum Druck in digitaler Form durchzuführen.

CD-ROM und DVD

Die weitergehende Digitalisierung erfolgte mit der Markteinführung eines digitalen Multimedia-Datenträgers: 1981 mit der CD-ROM. Mit diesen Scheiben aus Polycarbonat wurde es erstmals möglich, multimediale Unterhaltungsprodukte, digitale Magazine, Lexika und multimediale Lehrunterlagen kostengünstig zu verbreiten.

Die CD-ROM ist eine Weiterentwicklung der 1980 von Philips und Sony eingeführten Audio-Compact-Disc. Mit dem Licht eines Laserstrahls werden berührungslos Vertiefungen abgetastet, die auf einer Scheibe die Speicherung von bis zu 70 Minuten Hörgenuss möglich machen. Eine einzige CD-ROM speichert etwa so viel wie 700 Floppy Disks – genug Speicher für mehr als 7 Millionen Zeilen Text. Zehn Jahre nach Vorstellung der ersten Audio-CD wurde 1990 auch die beschreibbare CD präsentiert: CD-R (Recorder) und CD-RW (Read Write). Die CD-RW ist etwa 200-mal beschreibbar. Mit der 1996 vorgestellten DVD (Digital Versatile Disc) existiert auch ein geeignetes Medium für digitale Spielfilme. Da das menschliche Auge erst ab etwa 20 Bildern pro Sekunde eine flüssige Bewegung wahrnimmt, erfordern digitalisierte Spielfilme trotz Komprimierung sehr hohe Speicherkapazitäten, die auch die CD-ROM nicht in ausreichendem Maße bietet.

Bilder als Daten/Das Bildtelefon

Digitale Fest- und Bewegtbildkameras sind seit 1996 als Konsumartikel erhältlich. Mit ihnen scheint der Mensch dem Traum näher zu kommen, seine bildhaften Beobachtungen jederzeit einfangen und mitteilen zu können. Auf CD-ROM bleiben die Daten auch langfristig der Nachwelt erhalten.

Über 100 Jahre nach der Erfindung des Telefons scheint die Zeit für eine grundlegende Verbesserung gekommen. Schon zu Beginn des Fernsehzeitalters experimentierte man mit Kameras und Fernsehgeräten in Kombination mit dem Telefon. Erst die Digitalisierung brachte einen Fortschritt, über ISDN-Telefonverbindungen ist das digitalisierte und komprimierte Videobild mittlerweile weltweit übertragbar. Preisverfall und Miniaturisierung führten dazu, dass die erforderlichen technischen Komponenten mittlerweile in reguläre Telefone und Computer integriert werden. Durch die erfolgreiche Standardisierung wurde auch dafür gesorgt, dass die verschiedenen Geräte miteinander funktionieren.

Klaus Rebensburg, Brockhaus, 2007

Dann kamen nach der Schreibmaschine das Telefon und der Computer, die Technik des Übermittelns von Informationen mittels Draht und wenig später ohne Draht, per Funk.

Was auf die Menschheit mittels ihrer Erfindungsgabe zurollen werde, das wurde schon vor 150 Jahren seherisch notiert:

Der Mensch hat sich den Blitz dienstbar gemacht, dass er lautlos und friedlich auf dem schmalen Wege eines Drahtes fortläuft und die mitgegebene Nachricht überbringt. Alle furchtbaren Eigenschaften, die die Menschen an ihm sehen, wenn er vom Himmel fährt, hat er außer der Schnelligkeit verloren…

Adalbert Stifter, „Über die Telegraphie“, Linzer Zeitung, 15. März 1853

Das waren Startschüsse zu einer Entwicklung, die in riesigen Quantensprüngen in immer kürzeren Intervallen voran jagte und jagt, mittels derer die Menschheit über den Planeten hinaus rast, den Mond erobert und den Mars im Visier hat und vielleicht eines Tages die Sonnenenergie direkt an der Quelle anzuzapfen versucht.

Wir sind im digitalen Zeitalter angekommen, und was nicht in Nanosekundenschnelle gesichtet, gespeichert, transportiert, analysiert wird, ist fast schon wieder zu langsam für die Bedürfnisse der Welt und ihrer Wirtschaft.

Wir schreiben nicht mehr mit der Kiel-, auch nicht mit der Füllfeder,

(das Schreiben von Hand soll ja überhaupt abgeschafft werden, fordern sogenannte Pädagogen, das macht man ja auf dem Computer oder dem Tablet oder dem Handy, was man nicht korrekt schreibt, das korrigiert der Thesaurus),

aber doch wird Persönliches immer noch auf persönliche Art geschrieben, wie ja auch das Papier im digitalen Zeitalter nicht verschwindet.

Konrad Zuse: Nachbau des Digitalrechners Z 3. Brockhaus 2007

Die Welt hat sich reduziert auf die Faktoren Null und Eins. Aus den technischen unendlich möglichen Kombinationen ergibt sich, was verzeichnet, gespeichert, gesendet wird. Wir arbeiten nur mehr mit Bites und Bytes. Ein Byte hat acht Bites für ein Zeichen, ein Schrift-Dokument wird gebündelt registriert in Kilobytes, eines hat 1024 in einem binären Messsystem

(Im Fall z. B. des Manuskripts dieses Buches sind es 792, also 811.000 Zeichen stark ist mein Text in der Ursprungsform, den ich als satirische Meinung zur Lage der Welt beisteuere. Wenn ich richtig gerechnet habe).

Ich stecke einen Memory Stick (neudeutsch, Bezeichnung für ein externes Speichermedium) an meinen tragbaren Computer – er nennt sich Notebook (neudeutsch, Bezeichnung für ein digitales Notizbuch) – und sichere meinen Buch-Text auf diesem. Der Speicher ist ein Metallplättchen von flächenmäßig nicht einmal Daumennagelgröße und teilt mir mit, er könne Daten bis zu 16 GB speichern (Digitales Altertum, mit solchem lacht dich heute jeder Sechsjährige aus, der Computer-Spiele ’runterlädt, aber nun, ich gehöre einer technisch zurückgebliebenen Generation an).

Ich könnte auf diesem Speicher – Pi mal Daumen – datenanalog zu diesem meinem Manuskript noch mindestens 18.000 Ähnliche deponieren (die zu verfassen ich vielleicht nicht mehr in der Lage sein werde). In dieser Daten-Komprimierung könnte man den gesamten Karl May, die Donna Leon, die gesamte Rosemarie Pilcher, alle nutzlosen Parlaments-Protokolle von 100 Jahren einspeichern, und es wäre immer noch nur ein Teil dieses Plättchens genutzt …).

Durch die und über die Welt rasen minütlich Billionen und Aberbillionen codierte und decodierte Mitteilungen, von global relevanten Geheimdienst-Informationen bis zum Selfie der Wochenend-Wanderung auf einem Berggipfel, schnell nach Australien geschickt. Wenn ich dieses Buchmanuskript einem Verlag zusende, so ist das in zwei Sekunden als Mitteilung gespeichert und in weiteren zwei Sekunden beim Empfänger gelandet, da kommt ein Paket mit gedrucktem Manus freilich nicht mit.

Aber irgendwann fällt vielleicht die Digi-Welt über ihre eigenen Füße, wenn die schneller will, als die Füße können. Ich lese eine kleine Meldung, in einem Printmedium in die rechte unterste Ecke gerückt: Imersten Quartaldes Jahres 2019 verzeichnete das für unser Land wichtigste Daten-Transportmedium einen Daten-Kreuz-und-Quer-Fluss von nahezueinem Exabyteauf seinen Festnetz-Anschlüssen, das sind fast 1000 Terabyte, und ein Terabyte sind 1000 Gigabyte und 1000 Gigabyte sind 1000 Megabyte und 1000 Megabyte sind 1000 Kilobyte … Das geht auf keinen Taschenrechner und überhaupt nicht recht ins Hirn …

Ich schaue aber über den Landesrand hinaus und stelle fest: Das ist im Vergleich zum globalen Daten-Tsunami wie der Umsatz des Briefmarkenschalters in einem Kleinpostamt in einer kleinen Hinterwald-Gemeinde: Die jährliche private Datenmenge weltweit liegt heute bei 40 (in Worten: vierzig) Zettabytes, ein Zettabyte sind eine Milliarde Terabyte. Die Prognosen rechnen bis zum Jahr 2025 mit einem Hochschießen auf 175 (in Worten: hundertfünfundsiebzig) Zettabytes. Ineiner Minutewerden im Internet 188 Millionen E-Mails verschickt, Google führt 4,5 Millionen Suchanfragen aus … Was kommt nach Zettabyte?

Die Statistik berücksichtigt dabei keine wissenschaftliche, geschäftliche, politische Anwendung, von militärischer wollen wir gar nicht reden.

Wir sind total vernetzt (und überwacht …). Wir können also via Satelliten-Verbindung unsere Selfies nach Australien schicken, können 10.000 Facebook-Freunden mitteilen, ob der Schweinebraten zum Mittag im Stammlokal gemundet hat … Aber in dem Daten-Labyrinth kannst du dich auch total verheddern, da hilft dir kein Ariadnefaden, um wenigstens den Hauptweg sicher zu gehen und dich nicht zu verlieren.

Es kommt beim Nutzen der Datenmaschinen zu immer mehr Absurditäten, je dichter und verkreuzter die Netze werden, das Leben wird nicht leichter, bloß skurriler (siehe Beispiel, keine Erfindung, Leserbrief in den OÖNachrichten aus dem Jahr 2019, der Autor verloren im Netz der Systeme – Die Schluss-Empfehlung deckt sich mit meiner Text-Fantasie …).

Datennutzung praktisch …

Meine Mobilfunkgesellschaft schreibt mir in einer Nachricht, ich solle meine Telefonwertkarte bis 31. September personalisieren. Dies sei ohnedies schon eine Gnadenfrist, denn eigentlich müsste das schon längst (seit 1. Jänner 2019) geschehen sein. Also sehe ich mir die Möglichkeiten einer für mich am ehesten zutreffenden Registrierung an.

Postfiliale haben wir im Ort keine, auch keinen A1-Shop, also entscheide ich mich, weil ich noch dazu derzeit nicht sehr mobil bin, für eine Online-Registrierung. Hier gibt es wieder zwei verschiedene Arten.

Als Erstes versuche ich es mit der Handy-Signatur.Nach Eingabe von PUK, Anrede, Name, Vorname, E-Mail-Adresse, Geburtsdatum, Geburtsort, Nationalität, Reisepass-Nummer, Ausstellungs- und Ablaufdatum, ausstellender Behörde, Ausstellungsland und schließlich der Eingabe des Passwortes für die Handy-Signaturerfahre ich, dass meine Handy-Signatur abgelaufen ist.

Gut, das ist meine Schuld, aber eine Verständigung vor dem Ablauf hätte dem A-Trust auch keinen Zacken aus der Krone gebrochen. Also probiere ich es mit der ebenfalls angebotenen Möglichkeit über das Online-Banking.Nach Eingabe von PUK, Anrede, Name, Vorname, E-Mail-Adresse, Geburtsdatum, Geburtsort, Nationalität, Reisepass-Nummer, Ausstellungs- und Ablaufdatum, ausstellender Behörde, Ausstellungslandsagt mir die Software, dass meine Bank an dem ganzen Schmarrn nicht teilnimmt. Also wieder alles umsonst.

Jetzt versuche ich, über Finanz-Online eine neue Handy-Signatur zu bekommen, und werde dann den dritten Anlauf starten. Nun habe ich ja schon die nötige Routine. Was ich mich allerdings fragen muss: Wer hat sich dieses Prozedere einfallen lassen? Also: Beamt diese Beamten, und zwar möglichst weit weg!

Name: ………… Ort: …………

Sind dem Lektorat bekannt. Jedoch: Datenschutz …

Aber die totale Vernetzung (Haupt-Entwickler natürlich allüberall das Militär, die privaten Nutz-Möglichkeiten sind lediglich Abfallprodukte) birgt auch immense Gefahren, kann sein für die ganze Welt. Beispiele hatten wir ja schon: Durch Datenausfall wurde die Stromversorgung ganzer Länder lahmgelegt, was heißt, es ging nichts mehr, von der Schreibtischlampe bis zum OP im Spital, vom Hauslift bis zum Verkehr. Die düstersten Szenarien können gar nicht mehr erfunden werden, sie sind schon da. Möglicherweise zieht jemand einmal den Stecker des Welt-Hauptcomputers, damit nähme sich die Menschheit selbst vom Netz, da braucht’s kein Armageddon. Das wäre für die Welt eine Hilfe zur Selbsthilfe, zur Weiterentwicklung, wofür sie den Menschen nicht benötigte, eigentlich nie benötigte.

Das klingt alles sehr bitter, aber Modelle, Variationen sind auch anderswo schon entwickelt worden – in dem Text werden Sie Beispiele finden, nicht von mir erdichtet, sondern ganz ernsthaft von anderen überlegt.

Marginalie: Die Welt spielt datenverrückt auf allen Ebenen, auch denen des Handels und Wandels, nur ein Beispiel. Vor gut zehn Jahren wurde „Geld“ entwickelt, das es gar nicht gibt, aber dafür in mehr als 1300 Variablen. Durch die globalen Daten-Netzwerke schießen Bitcoins, Ethereums, Cardanos und Co., riesige Seifenblasen. Alleine die Verwaltung und Steuerung dieses gigantischen Netzes, das über der Welt liegt, verbrauchte (für mich statistisch greifbar) zu Ende 2017 43 Terawattstunden Strom, das entspricht in etwa dem jährlichen Strombedarf von Peru (mehr als 32 Millionen Einwohner). Das „Bitcoin-Schürfen“ verursacht im Jahr 23 Millionen Tonnen CO², ein Viertel der Jahresemission Österreichs …

Die gesamte IT-Branche verbrauchte 2019 etwa sieben Prozent des globalen Strombedarfs.

Womit wir beim Text wären.

Was insbesondere durch die totalen globalen Lenkungsmechanismen an Machtgebrauch und Missbrauch möglich ist und praktiziert wird, mag dem nachdenklichen Beobachter als ein einziges großes Trauerspiel erscheinen, dem man als Gegengewicht ein Satyrspiel zugesellt, damit man nicht in totalen Trübsinn verfällt.

Sehen Sie den Text als solches.

Das Kernthema fiel mir durch ein eigenes Erlebnis gemäß der EU-weiten „Datenschutz-Grundverordnung“ ein, ein Beispiel für seltsame Wucherungen der Materie: Ich will das Angebot eines international vernetzten Unternehmens zum Erwerb eines bestimmten Produkts annehmen, allerdings nicht über eine Internet-Bestellung, sondern schlicht als Anforderung über eine E-Mail, also einen einfachen elektronischen Geschäftsbrief wie seit Jahren. Das Unternehmen schreibt mir zu diesem zurück, meine Adresse sei bei ihm nicht gemeldet, um die Korrespondenz zu ermöglichen, müsse ich einen Brief schicken, in dem die Bestätigung meiner Adresse enthalten sei.

Ich weiß, dass nach der Verordnung jedes Mitglied eines Vereins, einer Vereinigung schriftlich auf Briefpapier seine Bestätigung der elektronischen Adresse mitteilen muss. Erfolge das nicht, sei das Versäumnis strafbar, und es gibt bereits in manchem EU-Land auf das Aufspüren und die Strafverfolgung solcher Versäumnisse spezialisierte Anwälte, die zugunsten der eigenen Kasse schon tüchtig arbeiten.

Nun ist das Handelsunternehmen kein Verein und ich daher kein Mitglied, also sollte der normale elektronische Briefverkehr wohl genügen. Mitnichten, mit mir wird nicht verkehrt. Das entspricht grundsätzlich dem geltenden Recht. Aber:

Ich stelle mir vor, sagen wir, tausende (schon „alte“) Kunden wollen per Mail Ware ordern. Das bedeutet, die Post darf laut aktuellem Rechtsbefehl tausende Adressbestätigungs-Kuverts frankieren lassen und transportieren – nur für das eine Handelshaus. Was kann da an neuem Geschäft für die Post entstehen, die doch angeblich Not leidet wegen Kundenschwungs durch die Digitalisierung …

Dieser – für mich gesehen – Unsinn mag juristisch eine Begründung für Methoden der Staatssicherheit finden, aktivierte jedoch die satirische Ader, die auf diesen Impuls hin zu sprudeln begann, der Themen-Baum begann zu wachsen, sich zu verzweigen.

Die Struktur der Arbeit mag beim flüchtigen Querlesen die Frage aufwerfen, was manches mit dem eigentlichen Thema zu tun habe. Da jedoch das ganze Leben, alle Vorkommnisse, alle Tätigkeiten mit Daten zu tun haben, hat grundsätzlich alles hier Angebotene mit dem Thema zu tun.

Es ist als Basis des Grundthemas die sarkastische Zeichnung – vielleicht auch Schablonisierung – eines zeittypischen, durch Eigenenergie und Zielbewusstsein in die oberen Gesellschaftsklassen kletternden Mannes, der in der Leistungsgesellschaft hoch hechelt, gejagt vom Erfolgszwang, getrieben von gesellschaftlichen Normen, doch den erbarmungslosen Mechanismen des Markts und der Gesellschaft ausgeliefert: Unterwegs auf einer Hochschaubahn mit fixer Trassierung, mit langsamem Hochsteigen und rasend schnellem Fall, zuletzt auf der Talsohle die Anlage verlassen müssend, keine weitere Runde bezahlt (einen angebotenen Bonus für eine neue Runde hat er beim Ausstieg übersehen). Er war gefangen in einem globalen Netz, dem jetzt ja niemand mehr entkommen kann, er gilt lediglich als ein Beispielfall.

Ein Baum hat seine Struktur: An dem Stamm wachsen Äste, die auch von dem Stamm quer wegweisen, um ihn können sich zusätzliche Elemente ranken.

So auch hier. Manche fantastischen oder auch skurril anmutenden Einschübe könnten einen eigenen Sammeltext ergeben, doch sie sind für mich Elemente spezieller Haltungen, Erscheinungen, gesellschaftlicher, politischer Problematik, satirische Zeichnungen von weltpolitisch relevanten Persönlichkeiten, auch Markierungen von Vorkommnissen, die vor Jahren noch als völlig absurd wären abgetan worden, doch – wie gesagt – die Realität überholt gelegentlich die Satire: Zum eingebauten Beispiel, dassIsraelseine Flagge auf dem Mond aufstellen will – der erste Versuch ging in die Binsen –, ist für mich ein Symbol dafür, dass das „Gelobte Land“ sich ideologisch schon sehr ausweiten soll. Solches schreit natürlich nach Satire.

Marginalie: Wenn man bedenkt, was mit den Millionen und Abermillionen Dollar, die dieser Auswurf politischen Wahnsinns kostete, auf Erden, auch auf dem Boden des „Gelobten Landes“ hätte getan werden können … Man müsste nicht auf die fernperspektivische paradiesische Verheißung warten, wie sie der alttestamentarische „kleine Prophet“ Micha (4:4) visionär beschrieb „Und sie werden tatsächlich sitzen ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und es wird niemand sein, der sie aufschreckt“, sondern man hätte das (und könnte es eigentlich trotz der auf den Mondsand gesetzten Kosten noch immer) bewerkstelligen können für alle im klassischen Land Palästina …

Aber diese leider Realität gewordene Polit/Finanz-Groteske führte uns in ein weiteres weites Land, nämlich die Frage, was mithilfe der verfügbaren globalen Messdaten mit den jährlich in Rüstung investierten Billionen Dollar getan werden könnte, um Millionen und Abermillionen der Ärmsten dieser Welt daheim Lebensgrundlagen zu schaffen, damit sie daheim bleiben und nicht im Mittelmeer ersaufen müssen …

Aber das führte uns – schon gesagt – in ein viel grimmiger zu beobachtendes Szenario. Ehe wir in dieses rutschen, bremsen wir ab, darüber könnte anderes in anderen Büchern geschrieben werden …

Die Struktur der Einmischung von Erzählblöcken in die Kerngeschichte ist nicht neu. Ich verweise auf prominente literarische Vorbilder (keineswegs sie kopierend): Der Deutsche Jean Amery (Pseudonym) – Autor zeitkritischer und auch biografisch getönter Romane – schrieb 1974 eine große Arbeit über eigenes Erleben, eigenes Denken, „Lefeu oder der Abbruch“, die er einen „Essay-Roman“ nannte. Was heißt: In die eigentliche Geschichte sind Gedanken, Überlegungen, Reflexionen eingemischt, die ihren Impuls zwar aus der Kernmaterie beziehen, aber weit darüber hinausreichen, bis in die assoziativ ankoppelbare Weltgeschichte, Weltpolitk, Privates. Er beruft sich selbst dabei auf andere mit ähnlicher Arbeitsstruktur: Hermann Brochs „Die Schlafwandler“, James Joyces Stadtwanderer „Ulysses“ oder „Die Falschmünzer“ des Nobelpreisträgers André Gide. Wobei zum Beispiel Broch die Einsprengungen sauber vom eigentlichen Thema absetzt, Amery selbst die Geschichte und die essayistischen Elemente (wenngleich stets präsent bleibende Seitenthemen) in einem großen Block vermengt.

Mein „Netz“ also ist eine Mischung von (hauptsächlich, meine ich) Satire, Groteske, wer will auch Komödie, kabarettistischen Elementen, auch Nonsens, angedockt an das Leitthema: Ein kleines Welttheater mit zum Teil bitter ironischem Lachen aus der Kulisse die Szenen begleitend.

Ich könnte die Seitenäste des Baumes auch abhauen und eigens bündeln, doch habe ich mich nun einmal für diese Form entschieden. Der Baum könnte weiter und weiter wachsen, viele andere Äste treiben lassen, Nährboden wäre genügend da. Aber es könnten ja vielleicht noch andere Bäume wachsen.

Dies ist ein gestaltetes Spielmodell unserer Zeit und des Lebens in unserer Zeit. Andere Modelle mögen anders geformt sein.

Vorspiel

Herr Geistreich Immervoll war von Grund auf in Lebenskunst und Problembewältigung trainiert worden.

Die Grundstufe der Schule des Lebens war das sogenannte Elternhaus. In diesem wimmelte es von Produkten übereifrig befolgten Befehls eines Gottes und eines Führers (dessen Konterfei im Wohnzimmer garniert war mit einem textilen Kreuz mit Haken) „Seid fruchtbar und mehret euch!“. Die Leitlinie der ungefügen Erziehungsmethoden war die Vermittlung der Qualitätsentwicklung zu „Zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Die Befolgung des Befehls und dieses Training unter dem Dach des sogenannten Elternhauses ergaben ein Bündel sadistischer, tückischer und ganz allgemein bösartiger Individuen, denen gegenüber Geistreich Immervoll eine Strategie des Widerstandes und der Selbstbehauptung sowie eine Taktik zu dieser Überlebensmethode zu entwickeln hatte.

Die nächste Trainingsstufe war der sogenannte „Kindergarten“, einer wenig paradiesischen Gartenanstalt, in der er seine erworbenen Grundkenntnisse in Gruppendynamik, Gruppenführung, die Fähigkeit zum erfolgreichen trotzigen Widerstands-Gegensteuern missliebiger Verhaltensbefehle weiterentwickelte.

Die nächsthöhere Lebensstufe waren Institute der Vermittlung sogenannter Allgemeinbildung, wobei der Summen-Querschnitt der jeweils in Raumgruppen zusammengefassten juvenilen Subjekte eher allgemein als Bildung ergab. Seine in den bisherigen Grundstufen erworbenen Fähigkeiten kamen ihm auch bei den anspruchsvoller gewordenen hierarchischen Anforderungen zur Selbstbehauptung zugute und stärkten sein Gefühl der Selbstbestätigung.

Den Pflicht-Paukern entronnen, stieg er auf den Sprossen sogenannter hoher Schulen höher und höher, starrte in das Allerkleinste der lebenden und der toten Materie und auf das Allergrößte in dem All, in dem wir alle schweben, und stieg schließlich mit beiden Beinen in das allgemein so bezeichnete Berufsleben, in dem es von Intrigen und Fallgruben nur so wimmelte. Doch kraulte er unermüdlich durch die tückischen Seen und erreichte manch gutes und schönes Ufer der Möglichkeiten des sogenannten Broterwerbs.

Er wurde ein guter Bürger seines Staates. Als statistisches Objekt wurde er segmentiert in Ordnungsdaten und eingefächert, die Daten und wem sie zugehörten waren laut Behauptung der Daten-Hüter streng geheim verwahrt und geschützt. Über sein Sein und Sinnen, seine Gewohnheiten und sein Gehabe, seinen Leumund waren nur die Geheimpolizei und seine Nachbarn informiert.

Als wohlerzogener Wachsender wurde ihm Bescheid getan, „’gessn wird, was aufn Tisch kummt“, ob das nun mundbar oder nicht war, Einwände innerhalb offener Frist – Zeitdauer des Mahles – waren mit Maulschellen beantwortet worden, gegen die es keine Anrufung höherer Gerichte gab. In weiterer Abfolge des Geschehens im sogenannten „Volksganzen“ (althergebrachter Sammelbegriff) aß er gewissermaßen auch, was auf seinem Bürger-Tisch serviert wurde, das er sich jedoch in Gemeinsamkeit selbst in die Schüssel brockte, genannt Wahl. Er schritt also gehorsam zur Urne – noch nicht zu jener, in die er einst gehäufelt werden könnte –, nachdem er an die Wände gepappte, an Pfähle und an Bäume genagelte Antlitze studiert hatte, alle gleich öde starrend, austauschbar wie Brennessel-Stauden am Rand der Lebensstraße, unterscheidbar nur durch die Standorte, doch gekennzeichnet mit schriftlichen Identitäts-Hinweisen, garniert mit nichtssagenden Sprüchen, als Objekte nichtssagend auch in Massenauftrieben des sogenannten Stimmviehs.

(Grimmigen Kommentaren altklug gewordener Zeugen alter Zeiten war zu entnehmen, dass zu jenen Zeiten nicht nur die papierenen Visagen an Laternen und Bäume hätten gehängt werden sollen, sondern die Volumina als Ganzes, um späteres Unheil einzudämmen, aber, wie die Altvorderen dazu sinnend meinten, „Nacha samma oiwei gscheida.“.)

Er begab sich vor dem Gang zur Urne zu Leuten an langem Tisch, die hatten Listen vor sich und Schreibzeug. Gemäß den Listen auch mit seinen „streng geheimen“ Daten darauf war er ermächtigt, die künftige Fahrtrichtung des Staates mit zu entscheiden.

In der Urnen-Zelle autorisierte er wie viele andere des Volks ein zur Auswahl stehendes nichtssagendes Gesicht nach der Devise „von mir aus“, künftig das Staatsschiff durch die stürmischen Zeiten zu steuern mit dem summarischen Ergebnis, eine auch in der Geschichte leidvolle Erfahrungstatsache„Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“.

Er war sowohl Bestandteil als auch Zuschauer geworden eines besonderen Stückes:

Über Yin und Yang, Farben und Figuren

Das kleine Staatstheater – Groteske I

Es war wieder einmal die Aufgabe eines Neuanfangs im Staat gekommen. Also begrub das Volk in den Urnen den Glauben an früher und entwickelte einen neuen Glauben.

Das neue Staatswesen, herbeigewählt, hatte als Wappen einen Kreis, in zwei Hälften geteilt, aber nicht geradlinig, sondern kurvig als deutlicher Hinweis darauf, dass die zwei Hälften sich aneinanderschmiegen würden, wobei insbesondere die eine Hälfte (man könnte sie im Sinne der altöstlichen Philosophie Yin, symbolhaft charakterlich die weibliche, nennen) sich im Schmiegen besonders beispielhaft erweisen sollte, da sie sich an die andere Hälfte (nennen wir sie im Sinne der altöstlichen Philosophie Yang, die männliche, starke, bestimmende) fugenlos anpasste zur Durchführung jedes von Yang geforderten Aktes.

Wobei die Philosophie der Alten den Harmonie-Partnern ursprünglich die Farben Rot und Schwarz zugeordnet hatte (was in der Kombination in früherer Zeit im Staat gar keine schlechten Ergebnisse gezeitigt hatte), doch wurde im Sinne steter Erneuerung und Veränderung die Farbgebung im Wappen leicht modifizert. Was rot war, Yin, wurde zu lichtblau grundiert, darauf kamen die Symbole Braunalge und Veilchen (dem Programm entsprechend, dem Volk das Blaue vom Himmel herab zu versprechen, und aus historischer Tradition), und was schwarz war, Yang (das hätte ja so bleiben können), erhielt eine seltsame Mischfarbe, nicht Fisch, nicht Fleisch, auf die ein Stein gefügt wurde, der symbolisch die Art künftigen Verhaltens bekundete, auch symbolisch, was die Mitwirkung Yins an künftigen Gesetzen anlangte, deren Haupttexte Yang vorschreiben sollte. Details weiter unten.

Stimme aus dem Hintergrund:

Die Kennzeichnung der Parteien (in diesem Fall) als rot oder schwarz war bis zur Einmischung anderer Farben eine Sache, die keine Unklarheiten zuließ, wie etwa als gutes Beispiel – in die Weltliteratur eingegangen – anzuführen die Capuleti gegen die Montecchi im sehr alten Verona. Jeder erkannte an der Trachtfarbe, wo jeder andere einzuordnen war. So auch in diesem Staat mit seiner teils ruhmreich genannten, jedoch auch blamablen Geschichte, als es wegen aus der Weltgeschichte bekannten und hier nicht näher zu erörternden Gründen zur exakten Farbgebung kam: Was rot war, war Freund, und was schwarz war, war Feind. Oder, nach anderen Standpunkten: Was rot war, war Feind, und was schwarz war, war Freund. Das erleichterte die Klärung mancher sich ergebenden Frage, wann wer wen wo zu erschießen oder dessen Eigentum zu zerstören hatte, das entsprach seit alters her gutem Brauch und störte in der Anwendung niemanden, da es eben guter Brauch war. Die Zaungäste sahen bloß zu (wie im Mittelalter die Leute aus den ummauerten Städten auszogen, um zuzusehen, wie Schlachten vor ihren Toren denn so verliefen). Eine Vereinheitlichung zur Organisation des Staatswesens erfolgte, als eine braune, stinkende Brühe wie aus alten Kaminen quoll und über Rot und Schwarz hinwegschwappte, die beiden Banner in den Schlamm stampfte und die Parteigänger mit. Erst als die braune Brühe sich (allerdings in Sichtweite bleibend) gemäß offizieller Behauptung verzogen hatte, wurden Rot und Schwarz wieder erkennbar. Doch die verkrustet am Ufer der Zeit zurückgebliebenen Reste der Brühe färbten sich allmählich blau, also definitionsmäßig zwar auch zu einer klaren Farbe. Die alten in Braun gehüllt Gewesenen färbten ihre Jacken um, doch das Braun wollte und wollte nicht verschwinden, was den Volkskörper aber auch nicht ins Siechtum stürzte, denn er war es von alters her gewohnt, in abwechslungsreichen Farbenspielen seine Rolle auszufüllen. Rot und Blau hatten nach dem offiziell verkündeten Rückzug der Brühe auf sich wieder festigendem Grund zögernd miteinander Frieden gemacht, waren sich aber über alle Meinungsrichtungen hinweg darüber einig, dass man einen kleinen Blau/Braun-Mix sozusagen als politisches Nahrungsergänzungsmittel wachstumsfördernd einnehmen solle, was auch gut funktionierte. Doch nun:

Weiter im Text der Szene: Also nicht

„Euer Wort Ja bedeute einfach ja, ein Nein nein, denn was darüber hinausgeht, ist von dem, der böse ist“,

wie in einem alten weisen Buch von einem empfohlen, der vielen als Heilsbringer gilt und diesen Rat gemäß der Erzählung einer großen Volksmenge gegeben hatte, sondern so verwaschen, dass bei Entscheidungen der Rechtsgelehrten in Prozessen auf jeden Fall das herausgelesen werden konnte, was Yang mit der Textierung als Ergebnis beabsichtigt haben würde.

Also verschwand das klare Schwarz aus der Leit-Definition von Yang (manche Zukunfts-Besorgte sahen aber weiterhin schwarz, was das Weitermarschieren in neue Zeiten anlangte), und es erfolgte die Umfärbung und Erklärung mit freundlichem (damals aktuellem) Hinweis an Yin, der dezente Blau-Anteil wäre das Signal für erfolgreiches Aneinanderschmiegen. Das Programm-Statut:

CuAl6[(OH)2|(PO4)4] · 4 H2O

Dies entsprach verschlüsselt der Charakteristik des Materials, das die Grundierung vorgab:

„Wachsglänzend, blaugrün, undurchsichtig, leicht schleifbar“, in der Qualitätsskala nicht vollwertig.

Leider wurde ein anderer Text des alten Weisheitsbuches nicht bedacht, erst beim weiteren Blättern, im Finalteil, wird er sichtbar:

„Ich kenne deine Taten, dass du weder heiß noch kalt bist. Ich wünsche, du wärest kalt oder heiß. Weil du nun lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich aus meinem Munde ausspeien“,

was mögliche künftige Entscheidungen der Volksmasse bedeuten konnte, die man sich gemäß jahrtausendealten Statuten im Staatspferch als Stimmvieh hielt, das sich in mannigfachen Tonfärbungen übte.

Vorderhand machten sich Yin und Yang gemeinsam an die Detailarbeit in größerem Rahmen, von der sie behaupteten, das Volk habe ihnen diese Arbeit aufgetragen.

(Der Staat war mittlerweile Mitglied in dem kontinentalen Brüder-Konstrukt EU geworden. Man meinte, die Brüder-Klammer bedeute auch große Macht, da wolle man nicht außen davorstehen.)

Es wurden in die Lenkungsriege Wesen geholt, von denen man einige ihrer Haltung und Gesinnung nach als „human“ nur im missverstandenen Sinn bezeichnen konnte, wie es das Lexikon definierte:

menschenwürdig; nachsichtig, zum Menschen gehörend.

Sie hatten heimlich schon vor der Volksentscheidung Netzwerke geschmiedet, die über den Staatsrand hinausreichen (Yin und die Seinen insbesondere). Die sahen ihre Stunde nahen, da dem trotz aller Brüder-Hoffnung der Haltbarkeit bröseligen Mehrstaaten-Ding EU eine Alternativ-EU erwachsen solle, die viel fester zusammenhielte, mit im Untergrund an den Fundamenten der Staaten sägenden Partnern in anderen Teilen der EU.

Doch vorerst Programme zum Aufräumen, Umprogrammieren:

Dazu gehörte: Sofort Schließen der Grenzen in alle Richtungen. Niemand kommt mehr herein, der mit Biotechniken der Fraternisierung zur ungesunden Blutvermischung beizutragen drohe. Wer „Flüchtling“ ist, bestimmen wir und nicht UN, Human-Rights-Prediger oder wie sich die fürsorglichen Heuler sonst nennen. Wer schon da ist, wird vom Baby- bis zum Greisenalter erst einmal der Übersichtlichkeit halber ausbruchsicher konzentriert, am besten an den Stadträndern, um Gefahren der Infektionen des Volkskörpers zu minimieren.

Stimme aus dem Hintergrund:

Der Begriff „Konzentration“ galt im politischen aktuellen Sprachgebrauch als negativ besetzt gemäß bösen Erfahrungen mit Einrichtungen unter diesem Begriff, die als giftige Brocken mit tödlicher Wirkung in der damaligen braunen Brühe schwammen. Daher wurde er lieber durch „Anhaltung“ ersetzt mit dem – wiewohl richtigen – Verweis darauf, dass zwar die Mechanik die gleiche wie seinerzeit sei, nicht aber doch die Zielsetzung.

Wenn manche, die, ungebeten eingedrungen, am guten Sozialgefüge des Staates Substanz bedrohend naschen, weshalb sie auf längere oder kürzere Weile überwachbar angehalten werden, behaupten, ihnen drohe, wenn heimgejagt, dort Unheil oder gar der Tod, wird ihnen entgegengehalten, was sorgfältig analysierende Staatsmänner in Nachbarländern mit für sie gutem Argumentations-Grund beispielhaft meinen und danach handeln, wie etwa „Auch in Afghanistan gibt es Regionen, in denen nicht geschossen wird“, also kann der wegen Todesdrohung aus dem Nordwesten des Landes Geflüchtete auch in den Südosten siedeln, dort haben sie noch genug Sandplatz, um darauf Hütten zu bauen.

Als Nächstes erfolgte eine datenmäßige Neuordnung und Auslichtung des Telefonbuches als Spiegel des Volkstums. In die neuen Bücher wurden nur mehr Maier, Huber, Müller samt phonetisch ähnlich eingängigen Namen aufgenommen. Da auch Südtiroler unter dem Aspekt „heim in die Heimat“ (eine alte Forderung, man kam der Erfüllung immer näher) erwünscht waren, wurden Ladurner und Tschurtschenthaler und Gleichartiges in den genehmigten Katalog eingefügt. Alles andere, von Adamovich bis Zadrazil, wurde ausgesiebt, die Namensträger zwar nicht direkt aus der Volksmasse gefiltert (Beispiele aus der Braunbrühe-Zeit wurden von Verfassungsrechtlern warnend aufgeführt und nicht zur Nachahmung zugelassen, was manche Yin-Elemente zutiefst bedauerten), aber die mähliche Reinwerdung ergäbe sich ja innerhalb einer Generation automatisch durch natürlichen Abgang. So wurden die Telefonbücher (papieren) um 90 Prozent leichter, und in den digitalen wurde Schritt für Schritt die Suche schneller und schneller, da konzentrierter. Die Daten wurden entsprechend den neuen Gegebenheiten streng geschützt und nur Einsichtgebühr zahlenden Interessenten zur Verfügung gestellt.

Zur Aufrechterhaltung von Ordnung im Inneren wurde aus Gründen der direkten Demokratie nicht nur die effektive Kontrolle mittels von Daten-Genies entwickelter Gesichtskennung weiter perfektioniert, sondern jedem Bewohner ein begleitender Bewacher zugeordnet.

Stimme aus dem Hintergrund:

Die Gesichtskennung war eine wunderbare Erfindung einiger Daten-Tüftler in Gods Own Country, mit der sie sogar die Chinesen überholten (einer der wenigen Überhol-Erfolge, horcht auf spätere Berichte). „Clearview“ nannte sich die universelle Datenbank, die weltweit jedes Passfoto ersetzen und in Nanosekundenschnelle aktualisiert werden konnte. Die Basis stammte aus allen möglichen – naürlich streng gemäß internationalen Datenschutzverordnungen geschützten – Quellen von Selfies bis Arbeitsverträgen. In kürzestmöglicher Zeit nach Abschluss der Serienreife wurden schon Milliarden Fotos gespeichert, und es kommen wohl Minute für Minute Tausende hinzu.

Das ist also eine wunderbare Sache, wahrlich. Sie wurde auch sofort nutzbringend eingesetzt: zur Fahndung nach Terroristen, Oppositionellen, Querdenkern, Widerständlern gegen Diktatur. Die Software wurde umgehend von mindestens hundert Staaten angekauft (kopier- und fälschungssicher, versteht sich, und falls sie es sich überhaupt leisten konnten; aber das konnten sie sicher, denn zum finanziellen Ausgleich sparte man – Beispiel – Pensionen für die Arbeiter im Dienst des Staates ein). Schon waren Tausende als Feinde des jeweiligen Staates identifiziert und gemäß internationalen Auslieferungsverträgen dingfest gemacht (bis auf echte Terroristen, die aufzuspüren organisatorisch und logistisch zu viel Aufwand bedeutete und außerdem man fallweise auf ihre Dienste für eigene Zwecke zurückgreifen konnte, ihre Daten hatte man ja gespeichert). Wer feststellen musste, auf der Straße sportlich trainiert wirkenden, Sonnenbrillen tragenden Männern zu begegnen, zog in gehörigem Abstand vor der Begegnung den Bürgern allgemein für alle Fälle einer Virus-Infektion oder Mikrostaub-Belastung empfohlene, vom Hals baumelnde Gesichtsmaske (wie Fäustlinge, die Kinder beim Rodeln transportierten, um sie nicht zu verlieren) vor Mund und Nase bis knapp unter die Augen. Denn es war fast sicher, dass die Bebrillten (auch bei Regen oder Dunkelheit) sich einer Computerbrille mit Augmented-Reality-Technologie bedienten, mit der sie in Nanosekundenschnelle jeden/jede bereits in der globalen Datenbank Erfasste(n) identifizieren konnten, wo immer auf der Welt in welchem Basar- oder anderem Gewühl sie unterwegs waren. Mancher Staat, der auf politische Glattheit in seinen Gemarkungen Wert legte, konnte damit in organisatorisch kürzester Zeit – also binnen Tagesfrist – die Gefängnisse mit Elementen füllen, die der Glattheit im Weg standen. Das Geschäft boomte. Die Chronik der Zeit verbuchte viele effektive Beispiele.

Die Assistenz schuf zum einen dringend benötigte neue Arbeitsplätze mit der Perspektive damit verbundener stärkerer Impulse wegen guter Entlohnung für den privaten Konsum. Laut einer Liste von Mängelberufen, die auch Menschen aus Nicht-EU-Staaten Einreise und Arbeitserlaubnis ermöglichte, wurden zur Aufgabe der direkt zu Überwachenden bevorzugt Spezialisten älterer und auch neuerer Erfahrung aus dem östlichen Balkan und aus einem nordöstlichen Nachfolgestaat der guten alten k. u. k.-Kaiserzeit Österreichs herangezogen.

Besonders die Nordostler erwarben sich in der Zeit der braun grundierten Zusammenführungslager einen Ruf als fähige Wahrer von Ordnungsprinzipien, solche Fähigkeiten sollten künftig nicht weiter ungenutzt bleiben. Die aus dem östlichen Balkan hinwiederum sind hervorragend trainiert für das Aufspüren von Abweichlern von allgemein gültigen Normen und der Neutralisierung solcher Abweichler.

Natürlich wurde vor der Anstellung jeder/jede InteressentIn für solchen Posten auf Herz und Nieren geprüft, auf Fähigkeit, Tauglichkeit und berufliche Referenzen, wobei an ausgesuchten Testfällen auch die Präzision und medizinisch allfällige fein abzustimmende Dosierung der Behandlung von Herz und Nieren überprüft wurden.

In den Bereitstellungsräumen des Personals gediegener alter Gesinnung mit Perspektive in die Zukunft, beschützt von Yins Getreuen, standen und saßen die zur Festigung nationaler und internationaler gemeinsamer künftiger Ordnungsmacht erforderlich werdenden Sturmscharen in solider traditioneller Ordnung. Sie grölten Lieder von alter Herrlichkeit und neuer Zeit an die wurmstichigen Wände, wozu sie sich Büchern mit den Texten der Lieder bedienten, deren Schrift Fraktur und auch deren Texte gedanklich gebrochen waren.

Sie blickten hinaus, hinüber zum „Altreich“, mit dem ihre Väter und Großväter sich einst jubelnd hatten vereinigen können, als ihr Vaterland endlich heimgekehrt war in die größere Heimat. Die größere Heimat erlitt auf dem Weg zur größeren kontinentalen Vereinheitlichung leider einige Rückschläge (an der Ausbesserung der Scharten wird gearbeitet). Der Phönix Heimat, einiger Federn seiner gedachten Größe beraubt, erhob sich jedoch nach Absturz eines verpatzten Steilflugs wieder aus der symbolisch sogenannten Asche, in Wahrheit aus einem braunen Sumpf. An seinen Federn blieben Patzen des Sumpfes hängen, die im Laufe der Zeit auf dem Flug zu neuen Wohlstandshöhen der Volksmasse zwar eindorrten, aber nicht verschwanden (wie bereits erwähnt). Klumpenweise fielen sie wieder zur Erde und wurden zur Keimstätte von Samen, die nur auf den Nährboden warteten, um neue Früchte alter Struktur zu tragen, worauf nicht lange zu warten war.

Die Heerscharen – altersmäßig gut durchwachsen, was die Anziehungskraft auf das Gesamte der Volksmasse verstärkte – beobachteten, wie ihre Wunschvorstellungen im früher sogenannten Altreich bereits in die Realitätsnähe gerückt wurden. „Wir sind das Vok!“, plärren dort Gesichter ohne Gehirn darüber, und Jubel erfasst die Massen, die vergaßen, wie es ihnen früher als Volk ergangen war. Aber das Gedächtnis der Massen ist kürzer als ihre Nasen. Sie erhielten vorzüglichen Geschichtsunterricht etwa durch einen Führer-Bonsai, der die bisherige Geschichte auf den Punkt brachte, Originalzitat: „Der Nationalsozialismus und Hitler waren ein Fliegenschiss in der Weltgeschichte …“.

Es wurde endlich die lang ersehnte Steuergerechtigkeit eingeführt mit klar bekundetem Verständnis für die Notwendigkeiten des Staates und der wichtigen Stützen des Staatsgefüges. Unternehmer wurden nach Einnahmenhöhe besteuert: Doch: Je höher die Einnahmen, desto niedriger der Steuersatz in einer gesetzlich festgelegten Normhöhe (genannt Deckelung), damit das Profil der Erträge ausgeglichen bleibe. Veränderungen des errechneten Kostenindex’ nach oben werden als abgabenmildernd berücksichtigt, um die Wirtschaft stark, die Beschäftigungslage stabil und die EU-Beiträge als nicht für die Veränderung relevant spürbar werden zu lassen. Für einkommensschwache Steuerpflichtige wurden auf ihrer gesetzlich neu definierten, im Text jegliche Unklarheit ausschließenden Abgabenhöhe – ein Gesetzestext völlig neuer Art – für ein Jahr nach Geltungsbeginn vor Veränderungen sichere Sätze festgelegt: Minimum 30 Prozent, ab einem die Höhe der fürsorglichen Mindestsicherung durch den Staat für diesen Bezug Berechtigte übersteigende Einnahmen 50 Prozent. Nach jeweils einem Jahr erfolgen Tarifanpassungen nach Kostensteigerungs-Index plus zehn Prozent der Anpassungshöhe, um Schwankungen innerhalb des folgenden, so vor Veränderungen sicheren Tarifjahres abzufedern. Diese Ein-/Ausgaben-Struktur ermöglicht ausgeglichene Budgets, wobei 80 Prozent des sogenannten BIP (in Worten Bruttoinlandsprodukt, die gesamte Wertschöpfung aus der Tätigkeit aller Staatsbürger) jährlich eingeplant sind, um das Bankwesen am Laufen zu halten, dessen Geschäfte zu behindern nicht im Interesse der Volkswirtschaft, also des Staates, liegt, dem ohnehin über die das Volksvermögen übersteigenden Zinsen der Staat gehört.

Yin entsprach jedoch auch einem für die Volksmasse wichtigen Reinheitsgebot, was die Bewahrung des Guten, Wahren und Schönen anlangte, dem sogenannten „gesunden Volksempfinden“, dessen Profil schon in der Braunbrühe-Zeit geschärft und empfindungsmäßig über diese Zeit hinaus auch den nachfolgenden Generationen eingeimpft wurde.

Der alte Frageruf „Wollt ihr die totale reine Kultur?“ wurde seinerzeit schon mit einem orgiastischen „Jaaaaa“ beantwortet, worauf man darangegangen war, das Ungute, Unwahre und Unschöne von den Bildwänden zu zerren, öffentlich auf den Marktplätzen ins Feuer zu werfen (die Verfasser dazu, wie in ganz alter Zeit üblich, galt inzwischen doch als technisch unsauber, sie sollten später anderswo, eher in urbanen Randzonen, entsorgt werden).

Dieser Ruf pflanzte sich also fort, und es befürwortete auch Yang grundsätzlich das Eindringen von unerwünschten Human-Elementen, um die Volks-Eigenheiten zu schützen vor Überfrachtung durch Fremdes, das Angst machte den Anwendern des Gutes der unverfälschten Kultur. Und so bestand Übereinstimmung mit insbesondere Yins beifallwirksamer Obsorge, zu verhindern, was nicht hergehörte und Gefahr der Kulturverschmutzung bedeutete. Wo kämen wir denn da hin:

Minarett neben Maibaum?

Freitagsgebet neben Sonntagsmesse?

Koran neben Bibel?

(Flüstern aus der Kulisse: Von den 25 Propheten des Islam sind 21 der Bibel entlehnte Namen, von Adam bis Jesus, geflochten in die Lehre von des Propheten Mohammed angestellten spin doctores in strategischer Überlegung, dadurch in den Gefilden der jüdischen und frühchristlichen Glaubensgemeinschaften nach dort auszufilternden zu Bekehrenden zu suchen …)

Derwisch-Reigen neben Kathreintanz?

Kopftuch neben Goldhaube?

Fes neben Tirolerhut?

Kaftan neben Lodenrock?

Pilaw neben Verhackerts?

Oud neben Gitarre?

Hadsch neben Marienwallfahrt?

Mazes neben Oblate? – Schon seit alters her unerwünscht.

Koscher gegen Bio? – Schon seit alters her unerwünscht.

So schmeichelten Yin und Yang in ihrem Kreis einander so eng, dass man meinen konnte, ein Orgasmus könne nicht mehr ausbleiben, so lange könne man den Effekt der Liebesbewegung nicht zurückhalten, ohne dass diese explodiere, und so kam es auch. Es kamen beide gleichzeitig vor den beeindruckt staunend aufgerissenen Augen der Welt – mit dem Bekenntnis: Wir haben den Staatskarren aus dem Dreck gezogen, wir haben unsere Farben tragenden Huskies den Rutschen vorgespannt, die eilen jaulend vor Begeisterung voran, der trübe wirkenden Sonne entgegen.

Fortsetzung: Fabel in Äsops* Manier

In der Anschmiege-Zeit von Yin und Yang besetzten ein reglos die Zeiten durchstehender Marabu*alsYangund ein rudelführender Alpha-Wolf im Schafspelz alsYineinträchtig einen Doppelthron, ihnen zu Füßen die Horden, die sie auf den Thron gesetzt hatten und anderseits nur danach trachteten, sie von diesem wieder herabzustoßen nach dem uralten Gesetz des Stärkeren oder auch erst in die Stärke Wachsenden, auf jeden Fall wären sie Thronisten auf Abruf, so sieht es die Natur vor.

Der Wolf im Schafspelz fraß vor jedem melodisch geschulten Heulen in Mikros ein Kilo Kreide, um der Voksmasse täglich das Schaffen der Herrlichkeit auf Erden durch ihn zu verkünden, während der glattköpfige Marabu seine Standfestigkeit vor aller Augen bewies, seine glänzenden schwarzen Flügel in Wartestellung hielt (er würde sie – die Flügel – noch zu nutzen wissen) und seine sorgfältig gepflegte weiße Weste in die Feldstecher der Meinungs-Verbreiter hielt.

Es begab sich, dass der Alpha-Wolf sich in Begleitung eines Alpha-B-Wolfes zu einer kleinen Auszeit in südliche Gefilde begab, der Wärme und Beratungen wegen, die das Wolfs-Duo auf mancherlei Gründen nicht daheim durchführen wollte, es gäbe zu viele undichte Stellen in den Kommunikations-Netzen. Im warmen Südland legte der Alpha-Wolf seinen räudigen Schafspelz ab, musste keine Kreide schlucken und durfte heulen, wie ihm das Maul gewachsen war, und er heulte Ideen und Drohungen in das Angesicht aufmerksamer Individuen. Die Drohungen betrafen Vorhaben zur Knebelung der Benutzung anderer Tonarten wie die seine und wie man Steine aus seinem Weg zu räumen gedachte, die auf diesem nichts zu suchen hatten. Der B-Wolf heulte fleißig mit.

Nach erholsamem Sein in den warmen Gefilden fern von ungebetenen Lauschern im Yin-/Yang-Reich, nach Genuss den Geist und die Ideen anregender Flüssigkeiten (die zu konsumieren sie freilich auch daheim nicht faul waren) kehrten sie – der Alpha-Wolf wieder in seinen räudigen Pelz gehüllt – wieder heim.

Nun hatte es sich aber auch begeben, dass den Wölfen abhold Gesonnene in ihrer Höhle der zeitweiligen Genüsse und des vermeintlich ungestörten Heulens nach Eigen-Art Heul-Speicher*eingebaut hatten, da man von ihrer Reise anher wusste. Die Speicher wurden nach Heimkehr der Wölfe für die gesamte Yin/Yang- Belegschaft beider Farben und der farblosen, aber ob des Vernommenen staunenden Volksmasse geöffnet und der Inhalt auf breiter Fläche ausgegossen.

Das war nun ein guter Vorwand für das Yin-Rudel, in dem viele auf den Alpha-Rang scharf waren, den Alpha loszuwerden unter dem Vorwand, er schade mit seinen geheulten und offenbarten Ideen erstens der Volksmasse (was das Rudel eher weniger belastete) als dem guten Ruf des Rudels mit der Bedrohung späterer Abkehr der Volksmasse von ihm und des Stoßens des Alpha vom Thron, diesen womöglich dem Marabu alleine zu überlassen, was des Yin-Rudels fettes Saugen am Volkskörper künftig nicht mehr ermögliche.

Also schlugen die Yin-Wölfe dem Alpha die Fangzähne ins Genick, beluden ihn wie weiland die alten Juden bei einem Opfergang den Bock Asasel; nicht wie jenen mit den Sünden des Volkes (die wären für einen alleine zu groß gewesen), sondern nur mit seinen eigenen, die ihm ohnehin schwer aufs Kreuz schlugen, und schickten ihn sozusagen in die Wüste (von der eigenmächtig zurückzukehren er jedoch beharrlich trachtete).

So sah Yang-Marabu seine Stunde für gekommen, die Sitzordnung auf dem Thron neu vornehmen zu lassen. Dazu räumte er mit seinen willfährigen Assistenten auch gleich den Assistenten fürs Grobe des bisherigen Alpha zur Seite, der wie ein Unterweltdämon im Auftrag des Alpha mit Seinesgleichen in den Kanälen an den Leitungen der wichtigen Systeme des Staatsgefüges nagte, sie anzapfte, wie’s ihm beliebt hatte. Den gab das Yin-Rudel auch zum Davonjagen frei, was sich imagemäßig für die Volksmasse gerade gut verkaufen ließ. Der hatte sich inzwischen vollgefressen an abgesaugtem Datenfutter der Staatsstrukturen in den Kanälen, die er nun geruhsam verdaute wie ein Python oder ein Krokodil, lange ohne neue zugeführte Nahrung auskommend. So sauste er in einen Kreisverkehr, dort kreisend und wartend auf einen günstigen Ausweg aus dem Dilemma, um zurückzukehren in die Kanäle.