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Welche Rolle Engel beim Verlieben an Weihnachten spielen, was dem schwerhörigen Engel passierte, warum die Heiligen drei Könige Gold, Weihrauch und Myrrhe verloren haben und weshalb Weihnachten im Sommer keine gute Idee ist – davon erzählen diese heiteren und besinnlichen Engelgeschichten, mal ernsthaft, mal mit einem Augenzwinkern. Inspirierend, schön und ideal für alle Weihnachtsbegeisterten.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2017
ALEXANDER VORLÄNDER
HIMMLISCHE WEIHNACHTEN
Zwölf Geschichten von kleinen und großen Engeln
Titel der Originalausgabe: Himmlische Weihnachten. Zwölf Geschichten von kleinen und großen Engeln
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Christina Kölsch
Umschlagmotiv: © Vintage-Karten-Sammlung von Christina Kölsch
E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN (E-Book): 978-3-451-81162-3
ISBN (Buch): 978-3-451-37850-8
Die bekanntesten Engel heißen Gabriel, Michael, Raphael und Uriel. Seltsam, denn mit ihren langen Gewändern, den lockigen Haaren und den schönen Flügeln sehen sie eigentlich eher wie Frauen aus. Aber es handelt sich schließlich um Erzengel und dass bei den Erzengeln mal wieder keine Frau dabei ist, hat seinen Grund darin, dass Gott, als er die Welt und auch das Heer der Engel erschuf, wohl an anderes dachte als an die Emanzipation.
Ohnehin lässt sich die Unterscheidung in Mann und Frau auf die Engel nur sehr eingeschränkt übertragen, so wie auch alles andere, das wir von den Menschen kennen, nur bedingt auch für die Engel gilt. Engel werden beispielsweise nicht geboren, sie sind einfach da. Und obwohl sie keinen Geburtstag haben und nicht älter werden, gibt es doch große und kleine Engel und erfahrene und solche, die noch nicht viel vom Leben wissen. Überhaupt die Zeit: Engel sind nicht an die Zeit gebunden so wie die Menschen. Sie tragen keine Uhren und legen doch großen Wert auf Pünktlichkeit. Engel können in der Zeit vor- und zurückreisen, obwohl sie das nicht wirklich tun. So hätte beispielsweise ein Engel einem Ägypter, der beim Pyramidenbau beschäftigt war, von der Mondlandung erzählen können. Das wäre natürlich unsinnig gewesen, denn der Ägypter hätte gar nichts verstanden.
Engel können fliegen, wofür wir Menschen Flugzeuge oder Mondlandefähren brauchen. Dagegen fällt es Engeln anders als den meisten Menschen sehr schwer zu schwimmen. Wahrscheinlich hängt das mit ihrem langen Gewand zusammen, das sie behindert. An den Flügeln kann es jedenfalls nicht liegen, denn Enten und Gänse haben ja auch Flügel und können bestens schwimmen und sogar tauchen.
Um auf den Anfang zurückzukommen: Manche Engel heißen wie Menschen, also zum Beispiel Michael oder Raphael; Gabriel oder Uriel hingegen eher selten. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt und die Menschen heißen so wie die Engel. Wer weiß das schon.
Von anderen Engeln wissen wir den Namen nicht, was aber nicht bedeutet, dass sie namenlos wären. Es mag sein, dass sich die Engel untereinander in einer Sprache unterhalten, die wir nicht verstehen, und dass wir deshalb auch die Namen nicht erkennen, mit denen sie sich gegenseitig anreden. Wenn Engel mit Menschen sprechen, reden sie Deutsch oder Englisch oder gar Chinesisch und zu früheren Zeiten verstanden sie sich wohl auch auf Lateinisch und Griechisch. Überhaupt scheinen Engel wahre Sprachkünstler zu sein, denn sie beherrschen alle Sprachen der Menschen, mit denen sie reden, wenn ihre Botschaft auch manchmal etwas rätselhaft bleibt. Und sogar die Sprache ohne Worte ist ihnen nicht fremd.
Wie dem auch sei – heute will ich die Geschichte von den beiden Engeln Romeo und Julia und ihrer besonderen Rolle an Weihnachten erzählen. Und diese Geschichte geht so:
Romeo und Julia waren noch recht kleine Engel. Romeo können wir uns ähnlich vorstellen wie den kleinen Gott Amor, der die Liebespfeile abschießt – natürlich ohne Pfeil und Bogen. Julia sah ihm nicht unähnlich, aber wie das bei Traum-Liebespaaren so ist, war sie eine hinreißende Schönheit mit langen blonden Haaren, die Romeo – nebenbei bemerkt – allerdings auch hatte. Selbstverständlich waren sie kein Liebespaar, so wie wir das kennen, aber sehr lieb hatten sie sich schon. Und natürlich hießen sie in der Engelsprache auch nicht Romeo und Julia.
Dass sie so genannt wurden, hatte sich ergeben, nachdem sie irgendwann einmal gemeinsam rein zufällig über eine Freilichtaufführung von Shakespeares »Romeo und Julia« geflogen waren. Die Handlung hatte sie so angerührt, dass sie das Stück heimlich bis zu Ende angeschaut hatten. Danach ließen sie nichts unversucht, alles über das tragische Liebespaar in Erfahrung zu bringen.
Sehr schnell kannten sie den gesamten Text des Dramas auswendig und es verging keine Gelegenheit, bei der sie in einer Unterhaltung nicht ein Zitat eingeflochten hätten. »Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche« kannten bald alle Engel. Besonderer Beliebtheit erfreute sich der anspielungsreiche Satz: »O rede noch einmal, glänzender Engel, denn über meinem Haupte erscheinst du mir als ein geflügelter Bote des Himmels.« Die anderen Engel amüsierten sich über Romeos und Julias Theatertalent und so war es kein Wunder, dass sie bald nur noch mit den Spitznamen Romeo und Julia angesprochen wurden. Nur wenn die beiden einander in gar zu schwülstigen Worten ihre Liebe beteuerten oder sich sogar um den Hals fielen, schauten die anderen Engel meist etwas verlegen zu Boden.
Romeo und Julia waren, wie schon gesagt, noch ziemlich kleine Engel und deshalb – das ist bei Engeln so wie häufig bei den Menschen – trieben sie gerne allerhand Schabernack. So hatten sie Gabriel den Spitznamen »Lerche« gegeben und Michael, der in der Tat die schönere Stimme hatte, titulierten sie als »Nachtigall«. Wenn bei einer Versammlung des himmlischen Hofstaates statt Gabriel ausnahmsweise einmal Michael das Wort ergriff, kommentierten Romeo und Julia das mit: »Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche«, und zwar so laut, dass es fast alle hören konnten. Das hatte ihnen bereits zahlreiche Ermahnungen eingebracht.
Als die Zeit herangekommen war, da das Jesuskind geboren werden sollte, nahmen die Aktivitäten der himmlischen Heerscharen merklich zu. Schließlich musste die Mitwirkung der Engel bei der Geburt des Gottessohnes genauestens geplant werden. Auch Romeo und Julia wurden von zunehmender Aufregung erfasst. Nur falls sich jetzt jemand wundert: Shakespeare ist zwar erst eineinhalb Jahrtausende nach Jesus zur Welt gekommen, aber da für die Engel Zeit, wie bereits erwähnt, keine Grenzen kennt, war »Romeo und Julia« im Himmel schon bekannt, als Jesus geboren werden sollte.
Am Tag vor dem großen Ereignis fand die entscheidende Versammlung der Engel statt. Michael bat sich absolute Ruhe und Konzentration aus und übergab das Wort an Gabriel, der den geplanten Ablauf erläuterte. Zunächst würde eine Engelabordnung den Hirten auf dem Feld die Frohe Botschaft verkünden und dann würden alle Engel dem Jesuskind im Stall ihre Aufwartung machen.
»Und woran erkennen wir, welcher Stall der richtige ist?«, wollte ein Engel wissen. Gabriel runzelte die Stirn über die Unterbrechung, nickte dann jedoch, denn das war eine berechtigte Frage. »Über dem Stall wird ein Stern stehen, der Stern, an dem sich auch die drei Weisen aus dem Morgenland orientieren werden«, erklärte Gabriel.
»Was ist denn das Morgenland?«, piepste ein kleiner Engel, der noch nie auf der Erde gewesen und in Geografie gänzlich unbewandert war. »Der Osten ist’s und Julia ist die Sonne«, platzte Romeo mit einem Shakespearezitat heraus und Julia kicherte dazu.
»Jetzt ist es aber genug!«, donnerte Michael. »Wenn ich noch einen Ton von euch beiden höre, seid ihr morgen nicht dabei. Ich hätte die größte Lust, euch zur Strafe gar nicht mitzunehmen. Auf jeden Fall seid ihr morgen die Letzten, die zu Jesus dürfen!« Kleinlaut nickten Romeo und Julia und sie nahmen sich bis zum Ende der Versammlung zusammen, denn sie freuten sich sehr auf das große Ereignis und es wäre ja schrecklich, davon ausgeschlossen zu werden.
