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Wie sieht die Arbeit von Maskenbildnern, Inspizienten, Gewandmeistern und Beleuchtern aus? Wie bemalt ein Theatermaler seine riesige Leinwand, und was passiert auf dem Schnürboden des Opernhauses? "Hinter dem Rampenlicht" handelt einmal nicht von den Bühnenstars, sondern von den vielen Menschen, die auf Theater-, Opern-, Konzert-, Ballett-, Musical- und Showbühnen dafür sorgen, dass die Aufführungen erfolgreich verlaufen. Die Kulturjournalistin Martina Helmig stellt mehr als 50 leidenschaftliche Theatermacher vor, die dem Leser den Kosmos der Bühnenberufe auf faszinierende Weise nahebringen. Ballettmeister, Orchesterwarte und Dramaturgen haben oft interessantere Geschichten zu erzählen als die Berühmtheiten, die im Rampenlicht stehen. Die unterhaltsamen Porträts der Bühnenberufe sind für jeden interessant, der selbst einen Zugang zur Welt hinter der Bühne sucht. Theater- und Opernbesucher gewinnen einen ganz neuen Einblick in das spannende Räderwerk hinter den Vorstellungen. Sie werden das Bühnenbild, das Licht, die Videoeinspielungen und den Souffleusenkasten mit anderen Augen sehen.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Über die Autorin
Dr. Martina Helmig hat in Berlin und New York Musikwissenschaft und Publizistik
studiert. Sie lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin und schreibt u.a. für die Berliner
Morgenpost, Die Welt, F.F.dabei und Deutschlandfunk Kultur. Daneben hat sie Musikfestivals und Symposien organisiert und fünf Musikbücher veröffentlicht, darunter
"Ruth Schönthal - ein kompositorischer Werdegang im Exil",
"Fanny Hensel - Das Werk" und „Maßstab Beethoven“.
Für Eric
Vorwort
Problemlöserin mit Nerven aus Stahl
Die Inspizientin
Von Luftballons und jodelnden Pferden
Der Requisiteur
Bärte frisieren, Beulen modellieren
Die Maskenbildnerinnen
Historische Schnitte für strapazierfähige Stoffe
Die Gewandmeisterin
Musikmöbelpacker und Mädchen für alles
Die Orchesterwarte
Mit Schreckschusspistolen oder Trickdolchen
Der Rüstmeister
In der Schaltzentrale
Das Künstlerische Betriebsbüro
Dramatische Momente im Zuschauerraum
Der Theaterarzt
Sicherheit wird groß geschrieben
Der Technische Inspektor
Goldgräber und Denkmaschinen
Die Dramaturgen
Lichtgestalt mit 100 Scheinwerfern
Der Beleuchter
Schnittstelle zwischen Musik und Technik
Der Tonmeister
Dreidimensionales für die Bühne
Der Theaterplastiker
Alleskönnerin am Klavier
Die Korrepetitorin
Wünsche von den Augen ablesen
Der Besucherservice
Knackbretter und andere Zaubereien aus Holz
Der Theatertischler
Glitzerhauben in Handarbeit
Die Putzmacherin
Wächterin über 200 Haken
Die Garderobiere
Tüllgardinen und Theatervorhänge
Der Tapezierer
Die Frackschleife muss sitzen
Der Ankleider
Für einen guten Stand
Die Schuhmacherin
Leinwände im XXL-Format.
Der Theatermaler
Training mit den Tänzern
Der Ballettmeister
Schnee für die „Zauberflöte“
Der Schnürmeister
Drei Stunden für eine Geigenstimme
Der Notenkopist
Schritte und Sprünge notieren
Die Choreologinnen
Kostbarkeiten aus der Geschichte
Der Theaterarchivar
Kostüme veredeln oder verschmutzen
Die Kostümmalerin
Soldaten, Kellner oder Sargträger
Die Komparsen
Den Zuschauern neue Blickwinkel eröffnen
Die Theaterpädagogin
„Toi toi toi“ auf Italienisch
Souffleuse und Sprachcoach
Partner fürs Theater gewinnen
Die Sponsoringbeauftragte.
Im Keller mit zweieinhalb Kilometer Noten
Die Orchesterbibliothekarin
Theaterwände dürfen nicht wackeln
Der Bühnenmeister
Stammkunden und Touristen betreuen
Der Ticketservice
Fitness für Tänzerbeine
Der Physiotherapeut
Kompromisse ruinieren das Foto
Der Theaterfotograf
Im Dauerlauf durchs Theater
Der Floater
Gefühle in Großaufnahme
Die Videokünstlerin
Ballettspiele mit kleinen Schwänen
Die Tanzpädagogin und Tanztherapeutin
Zehn Tonnen Stahl fürs Bühnenbild
Der Theaterschlosser
Stars auf der Rückbank
Der Chauffeur
Ohne Organisation ist alles nichts
Das Orchesterbüro
Ein Platz in der Loge
Der Pförtner
Herr der Maschinenhölle
Der Hydraulikmeister
Vom Klassenzimmer ins Theater
Die Schulbeauftragte
Ein Mann für alle Fälle
Der Ballettinspektor
Nur die Besten für die Bühne
Der Castingleiter
Woher kommt das Riesen-Tamtam?
Der Produktionsleiter
Die Repertoirestücke lebendig halten
Die Spielleiterin
Palmen fürs Konzerthaus
Die Veranstaltungsmanagerin
Klänge für die Bühne erfinden
Der Theaterkomponist
Dirigent der Technik
Der Stage Manager
Narrenkostüme und Ritterrüstungen
Die Fundusverwalterin
J eder kennt die Arbeit von Schauspielern und Regisseuren. Aber wer weiß schon, was ein Floater ist oder wie ein Inspizientenbuch aussieht? „Ja, können sich die Sänger denn nicht allein anziehen?“ lautet eine Frage, die Ankleider im Opernhaus immer wieder hören. An Theatern, Opern- und Konzerthäusern arbeiten zahlreiche Menschen mit spannenden und teilweise erstaunlich unbekannten Berufen. Viele sind Quereinsteiger und über Umwege am Theater gelandet. Sie alle haben eines gemeinsam: Ohne sie könnte die Vorstellung am Abend nicht stattfinden.
Auf der Bühne sieht man nur die Künstler. Sie stehen im Rampenlicht und werden in den Medien präsentiert. Als Kulturjournalistin habe ich Jahrzehnte lang berühmte Sänger, Dirigenten, Schauspieler, Regisseure, Tänzer und Choreographen interviewt. Dann begann ich mich für die Menschen zu interessieren, die hinter den Kulissen für Bühnenbilder, Kostüme, Requisiten, Licht und Ton sorgen. Zehn Jahre lang hörte ich mir die ungewöhnlichen Geschichten von Bühnenpförtnern und Orchesterwarten an, entdeckte den Schnürboden hoch oben unter dem Dach der Deutschen Oper Berlin und den Maschinenraum im Keller des Friedrichstadtpalasts.
Die Welt der Bühnenberufe ist vielfältiger und interessanter, als man denkt. Ich möchte mich bei den vielen Theatermachern bedanken, die mir einen Einblick in ihre Arbeit und ihr Leben gegeben haben. Ich habe viel von ihnen gelernt. Vor allem, dass Putzmacher und Theatermaler oft reizvollere Geschichten zu erzählen haben als die Bühnenstars. Ich möchte Sie dazu einladen, die Theaterwelt aus neuen, ungewohnten Perspektiven zu betrachten.
Berlin, im September 2019
Martina Helmig
D er Premierenvorhang geht auf. Das Bühnenbild fällt in sich zusammen. Der Vorhang geht wieder zu. Jetzt bricht das Chaos hinter der Bühne aus. Ein Mensch muss dabei den Überblick behalten, blitzschnelle Entscheidungen treffen, die Vorstellung retten: die Inspizientin.
Ihre Aufgabe ist es, für den reibungslosen Ablauf der Theatervorstellung zu sorgen. In der Theorie zumindest, denn in der Praxis gibt es die perfekte Vorstellung kaum. Ein Scheinwerfer fällt aus, Eisenstangen klappern, eine Lichteinstellung brummt, der Ton kommt eine viertel Sekunde zu spät, der Schauspieler hat sein Stichwort nicht gehört. Alles kann passieren. Glücklicherweise sind die Pannen selten so dramatisch, dass das Publikum sie bemerkt.
„In dem Beruf braucht man Nerven wie Stahlseile und eine gute Reaktionsfähigkeit“, sagt Kathrin Bergel vom Deutschen Theater. Bei den Proben und Vorstellungen sitzt sie in ihrer Nische an der Bühnenseite. Ihr Inspizientenpult hat unüberschaubar viele grüne, rote und weiße Knöpfe. Damit gibt sie wie eine Dirigentin die Einsätze für Szenenwechsel, Lichtstimmungen oder Schauspieler – manchmal im Sekundentakt. Über Funk ist sie mit den Gewerken und Garderoben verbunden. Auf zwei Monitoren überwacht sie die Vorstellung.
Fehlt da nicht ein wichtiges Requisit? Mit der Zoomfunktion kann sie das überprüfen und notfalls in „Minna von Barnhelm“ jemanden losschicken, der so unauffällig wie möglich über die Bühne robbt und dem Wirt den vergessenen Ring bringt. In der Schublade ihres Pults hat Kathrin Bergel Heil- und Hilfsmittel für nervöse und verletzte Schauspieler: Bonbons, Schokolade, Taschentücher und Pflaster.
Ein Inspizient ist nicht nur Planungschef und Problemlöser, sondern auch Psychologe. Manche Darsteller brauchen etwas Süßes, etwas für den Hals oder ein paar aufmunternde Worte, bevor sie auf die Bühne gehen. Inspizienten müssen auf alles vorbereitet sein, auch auf kleine Wunden am Finger und schwarze Lampenfieber-Löcher im Kopf. „Ich habe auch schon einen Schauspieler angezogen, weil eine Garderobiere fehlte“, erzählt Kathrin Bergel.
Auch die Inspizientin kennt Lampenfieber, sie darf es sich nur nicht anmerken lassen. „Wir und die Souffleusen sind die ruhenden Pole. Von uns wird erwartet, dass wir in jeder Situation den Durchblick haben“, sagt sie. Gerade in der Endphase der Proben hat sie es mit hochgradig nervösen Künstlern zu tun. „Da kann ich nicht auch noch herumlaufen wie ein verrücktes Huhn.“ Ganz im Gegenteil - die Inspizientin muss immer ausstrahlen: „Macht euch nur keine Sorgen. Ich habe alles im Griff.“
Das Klischee der „strickenden Inspizientin“ ist längst überholt. Mit den wachsenden technischen Möglichkeiten ist die Arbeit der Inspizienten in den letzten Jahrzehnten immer komplizierter geworden. „Es wird immer mehr verlangt. An kleinen Theatern gibt es jetzt Stage-Manager: Assistenten, Souffleusen und Inspizienten in einer Person. Es kann sein, dass dahin die Zukunft geht, um Stellen einzusparen“, meint Kathrin Bergel.
Am Deutschen Theater gibt es fünf Inspizienten: drei für das große Haus und zwei für die Kammerspiele. Jeder hat „seine“ Produktionen, die er von den ersten Proben bis zu den letzten Vorstellungen begleitet. An den Opernhäusern, an denen die Abläufe viel komplexer sind als am Sprechtheater, arbeiten sogar drei Inspizienten an einer Aufführung.
Alles, was wichtig ist, steht im Inspizientenbuch. Kathrin Bergel hat sich selbst ein Register gemacht und in verschiedenen Farben auf jeder Seite die vielen Einsätze und Wechsel vermerkt. Eigentlich hat sie auch alles im Kopf, aber darauf musste sie sich erst einmal verlassen. Hals über Kopf ist sie damals für eine Gastspielreise eingeteilt worden, konnte ihr Buch nicht mitnehmen und musste während der fünfstündigen Busfahrt jede einzelne Eintragung rekonstruieren. „Alles hat gestimmt!“ erinnert sie sich stolz.
Jeder Inspizient denkt sich seine eigenen Kürzel aus. Wenn das Licht geändert werden muss, schreibt sie „ST“ für Stimmungswechsel, andere notieren „Lux“ oder „LW“ für Lichtwechsel. Es gibt keine Standards, und es gibt auch keine Ausbildung für den Beruf. Viele Wege führen ans Inspizientenpult. Oft sind es ehemalige Tänzer, Sänger oder Schauspieler, die ihren ersten Beruf nicht mehr ausüben können.
Kathrin Bergel wollte immer zum Theater. „Die Kostüme, das Licht, der Bühnenduft aus Schminke und Staub – das alles hat mich magisch angezogen“, erzählt sie. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Requisiteurin, dann wurde an ihrem Heimattheater in Nordhausen eine Inspizientenstelle frei. Seit 1988 arbeitet sie in dem Beruf und hat es nie bereut. Einmal sagte sie in der Sauna zu ihrer Freundin: „Nun sind schon wieder sechs Probenwochen um. So ein Theaterjahr vergeht doch wie im Flug.“ Da seufzte eine andere Frau und meinte: „Sie haben es gut. Ich sitze jeden quälend langen Tag im Büro und warte auf den Feierabend.“ Trotz Psychostress und Nachtarbeit weiß sie in solchen Momenten genau, wie glücklich sie am Theater ist.
2 50 Luftballons in allen Größen und Farben werden auf der Bühne gebraucht. Ganz langsam sollen sie in bestimmten Rhythmen auf und ab schweben. Georg Buchmann ist dafür zuständig, dass die Theaterpoesie so wunderbar wirkt, wie es sich die Bühnenbildnerin vorgestellt hat. „Ich muss für die vielen Vorstellungen 20.000 Ballons bestellen und sie fliegen lassen“, sagt der Chefrequisiteur der Volksbühne. Wie viel Zeit brauchen wie viele Menschen zum Aufblasen? Was muss man bei der Arbeit mit Helium beachten? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die er zu klären hat. Aber er ist schon froh, dass er „nur“ Luftballons besorgen muss und keine Zeppeline wie ursprünglich angedacht.
Requisiteure sind für die Beschaffung, den Bühneneinsatz und die Wartung von Requisiten zuständig. Aber was genau sind eigentlich Requisiten? Die Frage macht selbst Georg Buchmann ratlos, der immerhin seit den achtziger Jahren in dem Beruf arbeitet. Eine gebräuchliche Definition lautet: Was an beweglichen Gegenständen auf der Bühne vorhanden ist und vom Schauspieler in die Hand genommen wird, gehört zur Requisite. Zum Beispiel also Regenschirme, Revolver, Radios und Gabeln. Aber auch für Bilder an den Wänden und eben Luftballons fühlen sich die zehn Requisiteure der Volksbühne verantwortlich.
„Wir sind eine Art Sammelbecken. Alles Undefinierbare landet bei uns“, erklärt Buchmann. Nicht nur zum Bühnenbild sind die Grenzen fließend. Wenn ein Stück im dichten Nebel spielt, sorgen auch die Requisiteure dafür, dass er sich interessant bewegt, aber nicht über die Bühnenrampe tritt. An anderen Häusern wären die Beleuchter für den Bühnennebel verantwortlich.
An der Volksbühne gilt die Requisite als eine der engagiertesten Abteilungen. Wie viele Requisiteure ist Georg Buchmann gleichzeitig der Waffenmeister und der Pyrotechniker des Hauses. Er kennt sich mit Werkstoffen, Tierhaltung und Lebensmitteln aus. „Wir müssen eigentlich alles können. Wenn der Regisseur eine Giraffe will, beschäftige ich mich morgen mit dem Leben von Giraffen. Übermorgen muss ich dann Pudding kochen können oder Blumengestecke arrangieren.“ Gerecht findet er es nicht, dass die Alleskönner zwei Lohngruppen unter den Bühnenhandwerkern liegen.
Requisiteur ist einer der ältesten Theaterberufe im Ausstattungsbereich. Seit es das Regietheater gibt, also seit rund hundert Jahren, werden Requisiteure eingesetzt. Vorher haben die Schauspieler alles mitgebracht. Staatlich anerkannt ist der Beruf erst seit einigen Jahren. Die Ausbildung zum geprüften Requisiteur umfasst unter anderem Holzbearbeitung, Formen von Kunststoffen, Kolorieren, Siebdruck, Polstern, Tafeldekoration, Stilkunde, Technisches Zeichen und Kostenkalkulation. Die meisten Requisiteure sind allerdings Autodidakten und Quereinsteiger. „Wir haben hier eine Lehrerin, einen Mathematikprofessor, eine Journalistin und zwei Maschinenschlosser“, zählt Georg Buchmann auf. Er selbst hat als Theaterfotograf und dann als Möbler bei der Volksbühne gearbeitet, bevor er seine Berufung fand.
Einmal bekam er eine Anzeige vom Tierschutzverein, weil Henry Hübchen auf offener Bühne eine weiße Maus zerquetschte. Natürlich war das in Wirklichkeit nur einer von Buchmanns großartigen Tricks, aber Kummer ist der Chefrequisiteur durchaus gewöhnt. Erst vor einigen Monaten hat ein Witzbold für eine Vorstellung von „Emil und die Detektive“ die Pistole mit Reizgas geladen und die Zuschauer erschreckt. Er ärgert sich auch, wenn er in Nachtarbeit einen Gipselefanten modelliert und der Regisseur bei der Vormittagsprobe dann doch lieber eine silberne Taube hätte.
Man braucht in dem Beruf nicht nur ein großes Improvisationstalent. Man muss auch robust sein und viel einstecken können. Andererseits soll man sehr sensibel sein, das nötige Einfühlungsvermögen für die Künstler und ihre Ideen haben. Man hat auch psychologisches Geschick zu beweisen, etwa wenn es darum geht, Brillen für die Schauspieler auszusuchen.
Buchmann ist gern bei den Proben dabei: „Ich kann inzwischen gut beurteilen, ob der Regisseur etwas ernst meint oder nur so dahinsagt.“ Er hat schon erlebt, dass ein junger, engagierter Regieassistent in der Requisite anrief und sagte: „Der Castorf braucht morgen drei Pferde, die jodeln!“ Er antwortete dann: „Ja, schon gut, das ist ein alter Witz, das sagt er immer, wenn er besoffen ist.“
In vierzehn Magazinräumen ist der Fundus der Volksbühne untergebracht. Dort lagert alles vom Brathähnchen aus Gummi bis zu Totenschädeln, Winkelementen und Telefonen in allen Farben und Formen. Für die Arbeit des Requisiteurs gibt es ein klassisches Modell: Er liest das Textbuch, spricht mit dem Bühnenbildner, erstellt dann eine Requisitenliste, besorgt die Gegenstände und betreut die Vorstellungen. „Das mag es an manchen Häusern ja geben. Schön, aber langweilig. Ich habe sogar von Requisiten gehört, die Öffnungszeiten an der Tür stehen haben“, überlegt Buchmann.
Seine Arbeitszeiten sind unregelmäßig, der Probenprozess verläuft grundsätzlich chaotisch und bringt für die Requisite jeden Tag neue Überraschungen. An der Volksbühne gehören die Requisiteure zum Regieteam. „Wir müssen mitdenken, wir stecken mit drin“, sagt Georg Buchmann nicht ohne Stolz. „Man schlägt sich, weint, lacht, säuft zusammen. Nur so geht das, wir sind hier keine Abarbeitungsfirma.“
W ie wird ein Schauspieler zur Leiche mit Kopfschuss? Wie sieht das Phantom der Oper privat aus? Maskenbildner können Auskünfte zu solchen Themen geben. Beim Theater, an der Oper, bei Film und Fernsehen sind sie für die Köpfe der Schauspieler zuständig. Sie schminken und frisieren die Künstler, aber das ist natürlich längst nicht alles. Sie modellieren Narben, Beulen und Wunden, stellen Perücken, Haarteile, Zöpfe und Bärte her. Maskenbildner geben einer deutschen Madame Butterfly asiatische Gesichtszüge. Sie können Menschen altern lassen und den Typ verändern.
„Manchmal muss ein Schauspieler aussehen, als wenn er auf der Straße lebt und seit vielen Jahren Alkoholiker ist“, erzählt Brigitte Meyer-Brandenburg von den Herausforderungen in dem Beruf. Die Leiterin der Maske am Maxim Gorki Theater hat durch eine Schulfreundin die Liebe zum Theater entdeckt. „Ihre Eltern waren an der Staatsoper. Sie hat mich oft mitgenommen, und wir haben natürlich auch hinter die Kulissen geschaut“, erinnert sie sich.
Nach der Schule bewarb sie sich damals beim Fernsehen der DDR und wurde erst einmal in die Friseurlehre geschickt, bevor die eigentliche Maskenbildner-Ausbildung in Dresden begann. Sie lernte dort viel mehr als das eigentliche Handwerk. Es gab auch Unterricht in Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft, Kostümentwurf, Anatomie, Farblehre und Philosophie. Der Weg über die Friseurlehre ist üblich, wenn auch nicht mehr unbedingt notwendig. Seit 2002 ist der Beruf staatlich anerkannt, und es existiert eine dreijährige Ausbildung im dualen System. Berufsschulen gibt es in Berlin, Hamburg, Köln und Baden-Baden.
Aus dem Theaterfriseur früherer Jahrhunderte entwickelte sich der Maskenbildner. Der Beruf entstand erst mit dem Film und seinen wachsenden Anforderungen. Noch immer ist es vor allem ein Frauenberuf. Am Maxim Gorki Theater gibt es sechs Maskenbildnerinnen und einen Maskenbildner. Von etwa 40 Bewerbern auf eine freie Stelle sind ungefähr 85 Prozent weiblich.
Zwei Stunden vor der Vorstellung ist Brigitte Meyer-Brandenburg im Theater und bereitet sich vor, dreht die Locken in den Perücken ein, frisiert die Bärte und stellt alles Nötige an ihren Schminkplatz. Dann kommen vielleicht sechs oder sieben Schauspieler, die sie auf ihre Vorstellung vorbereitet.
Ihre jüngere Kollegin Katja Weinhold schätzt besonders die individuelle Arbeit am Theater. „Am Opernhaus herrscht mehr eine Art Massenbetrieb, da stehen eben manchmal 200 Menschen auf der Bühne, und für jeden Chorsänger bleiben nur fünf Minuten Zeit fürs Schminken und Frisieren“, meint sie. Die Aufgaben der Maskenbildner sind an den verschiedenen Arbeitsplätzen recht unterschiedlich. Beim Film werden die Gesichter, die in Großaufnahme gezeigt werden, viel dezenter geschminkt als an der Oper, wo die Gesichtszüge über den Orchestergraben hinweg noch bis in die letzte Reihe erkennbar sein sollen.
Geregelte Arbeitszeiten gibt es am Theater natürlich nicht. Maskenbildner arbeiten abends, an Wochenenden, Weihnachten und Silvester – ganz, wie der Spielbetrieb es verlangt. Der Arbeitstag endet erst nach dem Theaterabend mit dem Abschminken und den Nachbereitungen. Aber auch während der Vorstellungen ist die Maskenbildnerin gefragt. Da werden Schauspieler nachgeschminkt, sie bekommen die Haare zerzaust, eine blutige Nase oder ein blaues Auge verpasst. Das passiert im Bühnenvorraum, in der Requisite oder im Turm, je nachdem, wohin der Schauspieler den kürzesten Weg hat.
Natürlich geht nicht immer alles glatt. Mächtige Roko-ko-Perrücken verrutschen oder Bärte fliegen ab. „Man hat immer Angst, dass man einen Umzug vergisst, dass das Blutkissen gar nicht oder zu früh aufgeht“, sagt Katja Weinhold. Besonders spannend sind die Neuproduktionen, wenn die Köpfe der Figuren in enger Absprache mit dem Kostümbildner entstehen. Alles, was wichtig ist, wird mit Fotos ins Vorstellungsbuch eingetragen.
„Für mich ist Feingefühl die wichtigste Voraussetzung für den Beruf“, sagt Katja Weinhold. Sie meint damit nicht nur das manuelle Fingerspitzengefühl, sondern auch das psychologische Geschick. Die Schauspieler, die vor der Vorstellung bei ihr sitzen, befinden sich in einer Ausnahmesituation. Manche kommen ganz knapp vorher, andere lassen sich schon eine Stunde früher in den Sessel fallen. Der Eine möchte sich dann in Ruhe sammeln, der Nächste will sich unterhalten, und der Dritte muss beruhigt werden. All das erspürt die Maskenbildnerin, denn eines ist klar: „Für uns steht der Schauspieler immer an erster Stelle!“
D a gibt es nichts zu schummeln. Man kann keinen Polohemdenstoff nehmen und glauben, er würde hinterher wie ein historisches Seidenkleid wirken.“ Wenn es um ihre Stoffe und Schnitte geht, verlangt Marianne Schmidt äußerste Präzision. Bei ihr gibt es keine kleinen Tricks und billigen Ersatz. Wenn sie einen Knappen einkleiden will, muss sie eben arbeiten wie die Schneider im Mittelalter. Die Leiterin der Kostümabteilung im Theater des Westens weiß genau, was die Fürstin im 18. Jahrhundert unter ihrem Rock getragen hat und wie die Leinen- und Baumwollstoffe bei den alten Römern verarbeitet wurden.
„Ein historischer Schnitt ist völlig anders als ein moderner. In jedem Jahrhundert gibt es eine ganz besondere Linienführung. Wenn man das nicht genau beachtet, sieht es einfach nicht historisch aus“, erklärt Marianne Schmidt. „Man muss auch die richtigen Materialien nehmen. Früher gab es eben keine Kunststoffe.“ Sie arbeitet ganz traditionell mit Stäbchen und Stangen, Haken und Ösen. Natürlich wären Reißverschlüsse manchmal praktischer, vor allem, wenn sich die Darsteller blitzschnell umziehen müssen. Doch die historische Genauigkeit geht vor.
Marianne Schmidt arbeitet am Musicalhaus als Abteilungsleiterin, Gewandmeisterin und Kostümbildnerin. Erst machte sie eine normale Schneiderlehre. Mit sechzehn sah sie im Fernsehen einen Film über eine Gewandmeisterin und wusste sofort, dass sie das werden wollte.
Verschiedene Berufsgruppen arbeiten an den Kostümen für eine Theater-, Opern- oder Filmproduktion. Der Kostümbildner, der an einer Kunsthochschule studiert hat, entwirft die Kostüme. Er gibt seine Zeichnungen dem Gewandmeister, der eine Schneiderlehre und eine zweijährige Zusatzausbildung absolviert hat. Der Beruf ist vergleichbar mit dem der Schnittdirektrice in der Industrie. Der Gewandmeister schneidet die Kostüme zu, dann werden sie von den Theaterschneidern genäht. Zwei- bis dreimal müssen die Darsteller zur Anprobe kommen, bis alles hundertprozentig sitzt. Schließlich helfen die Dresser oder Ankleider, die im Notfall auch etwas nähen können, den Künstlern am Abend beim An- und Umziehen.
Die Gewandmeisterin muss alle Kostüme in Ordnung halten, ändern und jeden neuen Darsteller einkleiden. Für das Musical „Elisabeth“ hat sie allein für die Titelrolle vierzig Kostüme im Fundus: „Elisabeth hat zehn Kostüme, und es gibt vier verschiedene Besetzungen. All diese Kostüme sind sehr wertvoll“, sagt Marianne Schmidt stolz. Die meisten der nötigen Arbeiten werden im Theater erledigt, aber es gibt auch Besonderheiten wie die goldene Bouillonstickerei auf den Ministergehröcken, mit der sich nur Spezialisten beschäftigen.
In dem Filmklassiker „Vom Winde verweht“ soll Scarlett 27 mehr oder weniger verschmutzte Versionen vom selben Kleid gehabt haben. So etwas kennt Marianne Schmidt vom Theater auch, vielleicht nicht ganz so extrem. Meist erfordern ihre Kostüme größeren Aufwand als beim Film. Vor allem haltbar müssen sie sein. Schließlich werden sie jeden Abend von Schauspielern, Sängern und Tänzern auf der Bühne strapaziert.
„Wir waschen täglich im Theater. Am spielfreien Montag wird alles gereinigt. Auch das müssen die Kostüme aushalten“, erzählt Marianne Schmidt. Beim „Tanz der Vampire“ hatte sie das Problem, dass das Waschmittel zu scharf war. Aber es ist auch für die Wäscherei eine Herausforderung, die Fettschminke aus den Kostümen herauszubekommen. „Dazu kam das Blut, das den Vampiren aus den Mündern lief und ständig auf die Hemden tropfte. Sie hatten immer diesen Rotstich“, erinnert sie sich.
Wichtig findet sie einen soliden „Unterbau“. Die Unterkleider schützen die sichtbaren Stoffe. Wenn die Damen in Reifröcken tanzen, drehen sich bis zu 10 Meter Stoff mit großer Wucht auf der Krinoline. Manche dieser Kostüme sind bis zu 15 Kilo schwer. Damit die Tänzer in ihren Sakkos die Arme in die Luft werfen können, haben die Theaterschneider ihnen einen speziellen, keilförmigen Flicken unter den Arm genäht.
Jeden Morgen sieht Marianne Schmidt nach, was am Abend zuvor kaputt gegangen ist. Immer muss etwas nachgearbeitet werden. „Es ist ein Problem, wenn Uwe Kröger auf Elisabeth zurutscht und dann immer Löcher in den Knien hat. Der Bühnenboden ist ja nicht glatt, sondern wie ein Hauch von Sandpapier. Die Hose muss dann täglich repariert werden“, sagt Marianne Schmidt.
Der Schnitt, der Stoff, die Bezugsquelle – alles ist genau in der sogenannten „Bibel“ dokumentiert, die es für jedes Stück gibt. Ein Albtraum der Gewandmeisterin ist, dass ein Kostüm zerschlissen ist und das Material nicht mehr bestellt werden kann. Oder dass ein Kostüm auf einmal rot statt weiß ist, weil es in den falschen Wäschekorb geraten ist. „Bei ‚No, No, Nanette’ ist uns so etwas einmal mit sämtlichen Kostümen einer Szene passiert.“ Und dann gab es da noch die geplatzte Naht von Helmut Baumann in „La Cage aux Folles“, der sich in der Szene nicht mehr umdrehen durfte, weil das Kostüm von oben bis unten offen war. „Das ist schon ein toller, abwechslungsreicher Beruf“, lacht Marianne Schmidt, „in dem man jeden Tag neue Probleme lösen darf.“
D er Orchesterwart hat immer eine Fliege in der Schublade liegen. Nur für den Fall, dass der Dirigent seine einmal vergisst. Er weiß auch genau, wo sich der nächste Copyshop befindet, weil es ja passieren kann, dass ein Geiger seine Noten zu Hause gelassen hat. „Noten zerreißen, Stühle fehlen, Strom fällt aus, Lampen gehen kaputt - alles kann geschehen“, erzählt Uwe Timptner von der Staatskapelle. Mit seinen drei Kollegen sorgt er dafür, dass aus kleinen Fehlern keine schlimmen Pannen werden. Vor allem ist er dafür zuständig, dass der Auf- und Abbau der Instrumente, Stühle und Pulte auf der Bühne reibungslos funktioniert.
Beim klassischen Orchester ist der Orchesterwart etwa das, was der Roadie bei der Rockband ist: eine Mischung aus Musikmöbelpacker, Bühnenhandwerker und Mädchen für alles. Drei Stunden vor einer Probe oder einem Konzert beginnt die Arbeit. Schwere Instrumente wie Kontrabässe und Kesselpauken werden aus ihren Metalltransportkästen geholt. Die Orchesterwarte positionieren Schlagzeug und Celesta an der richtigen Stelle, fahren die Bühnenpodeste hoch, legen Stromkabel und stellen nach dem Plan des Dirigenten alles auf. Sie schließen aber auch die Garderoben auf, verteilen Mineralwasser und hängen Dienstpläne auf, bevor sie in die Hände klatschen und rufen: „Noch zehn Minuten bis zur Probe!“
Seit 2004 arbeitet Uwe Timptner als Orchesterwart im Staatskapellen-Team, vorher war er Tänzer an der Staatsoper. „Ich hatte gesundheitliche Probleme mit den Knien. Als die Ärzte sagten, ich sollte lieber mit dem Tanzen aufhören, habe ich mich hier beworben“, erklärt er. „Für mich ist es das Schönste, dass ich weiter bühnennah arbeiten kann.“ Es gibt in Deutschland keine Ausbildung zum Orchesterwart. Viele Wege führen in diesen ungewöhnlichen Beruf. In Berlin finden sich unter den Orchesterwarten ein ehemaliger Pförtner, ein Korrepetitor, ein Musikwissenschaftler, ein Rohrleger und ein Meteorologe.
Muskelkraft ist ebenso gefragt wie die Liebe zur Musik. „Es gibt zwei Typen von Orchesterwarten: den intellektuellen Musiker und den zupackenden Handwerker. Am besten läuft es, wenn man beide im lustigen Doppelpack hat“, sagt Christian Schwärsky. Als Orchesterinspektor beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ist er der Chef der Orchesterwarte. Er macht die Planungen im Büro, krempelt aber auch oft selbst die Ärmel hoch: „Mit zwei Orchesterwarten sind wir unterbesetzt. Die meisten Orchester unserer Größe haben drei.“
Seine Orchesterwarte kennen sich mit den Ansprüchen von Musikern bestens aus. Der eine war vorher Pianist, der andere Schlagzeuger in der aufgelösten Rias Big Band. Davor hatte er einen ehemaligen Dachdecker als Orchesterwart. „Einmal hat er die Noten ausgeteilt, und dann kam ganz aufgeregt der Trompeter, weil seine Mozart-Stimme fehlte. Wir hatten eine Riesenpanik in der Pause“, erzählt Schwärsky. „Und was war passiert? Der Orchesterwart hatte die Clarino-Noten zu den Klarinetten gesteckt.“
Am Opernhaus haben die Orchesterwarte besonders viel zu tun. Jeden Abend steht eine andere Oper auf dem Programm. Manchmal wird nicht nur der Orchestergraben vorbereitet, sondern auch die Bühnenmusik. Dazu kommen die Sinfoniekonzerte und zahlreiche Gastspielreisen in alle Welt. „Meine Bekannten beneiden mich immer, wenn ich nach Japan oder Amerika mitfahre. Dabei sieht man hauptsächlich die Konzerthäuser sehr intensiv von innen“, meint Timptner.
