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Der Historiker Jörn Rüsen steht in der Tradition Johann Gustav Droysens. Er fügt phänomenologische, wissenschaftstheoretische, erkenntnistheoretische, methodologische, geschichtsphilosophische, erzähl- und kulturtheoretische Überlegungen in einen einheitlichen Argumentationszusammenhang, der den Grundlagen, dem Status und der Funktion des historischen Denkens gewidmet ist. Die anthropologisch-universellen Grundlagen dieses Denkens werden ebenso dargelegt, wie der innere Aufbau der Geschichtswissenschaft als kognitives Gebilde und dessen kulturelle Funktion in der menschlichen Lebenspraxis erörtert werden. Zentraler Gesichtspunkt der Theorie ist der »Sinn« dessen, was als Geschichte erkannt wird, und damit verbunden der Sinn des historischen Denkens im Allgemeinen und in seiner Form einer modernen Kulturwissenschaft im Besonderen. Rüsens anthropologisch fundierte Darstellung der theoretischen und methodischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft nimmt eine Mittelstellung zwischen modernem Wissenschaftlichkeitsanspruch und postmodernem Konstruktivismus ein.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Zeichnungen: Dan Perjovschi
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Umschlagabbildung: Inga Rüsen: ohne Titel 2011
Frontispiz: Allegorie der Geschichte, Signet auf Titelbild von: Oratio panegyrica. Lugduni Batavorum, exofficina Ioannis Patij. Anno 1597.
© 2013 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar WienUrsulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com
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Korrektorat: Frank Schneider, Wuppertal
Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld
Reproduktionen: Satz + Layout Werkstatt Kluth GmbH, Erftstadt
Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Český Těšín
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in the Netherlands
Print-ISBN 978-3-412-21110-3
Datenkonvertierung: Reemers Publishing Services GmbH, Krefeld
ISBN für dieses eBook: 978-3-41221-655-9
für Holk Freytag
Vorbemerkung 9
Einleitung 13
I. Kapitel: Was ist Historik? 19
II. Kapitel: Die Grundlagen des historischen Denkens 27
1. Wie kommt die Geschichte in die Welt? 28
2. Die elementaren Formen historischer Sinnbildung 32
a) Was ist Sinn? 32
b) Sinn der Zeit 35
c) Historische Erfahrung 36
d) Historische Deutung 39
e) Historische Orientierung I: die Welt 39
f) Historische Orientierung II: das Selbst 40
g) Motivation 41
h) Die narrative Logik historischer Sinnbildung 42
3. Zwischenbemerkung: Kontingenz und Freiheit 47
4. Krisenerfahrung und historische Sinnbildung – eine Typologie 49
III. Kapitel: Geschichte als Wissenschaft 53
1. Historischer Sinn und Wissenschaft 54
2. Methode und Wahrheit 55
3. Wahrheitskriterien des historischen Denkens 57
4. Wissenschaft: interkulturelle Geltung oder kulturspezifische Relativität? 64
5. Disziplinäre Matrix I: Das System der fünf Faktoren 66
a) Die fünf Faktoren der historischen Erkenntnis 69
b) Deutungszwang und Orientierungsbedürfnis 70
c) Heuristische Hinsichten 72
d) Methodische Verfahren 73
e) Narrative Formen 76
f) Praktische Funktionen 77
6. Disziplinäre Matrix II: Das Schema der fünf Praktiken 78
a) Der semantische Diskurs der Symbolisierung 79
b) Die kognitive Strategie der Produktion historischen Wissens 81
c) Die ästhetische Strategie der historischen Repräsentation 82
d) Die rhetorische Strategie der historischen Orientierung 83
e) Der politische Diskurs der kollektiven Erinnerung 84
7. Die disziplinäre Matrix III: die drei Ebenen der historischen Sinnbildung 86
a) Konstruktion und Konstruiertheit der Historie 86
b) Die Ebene der fungierenden Sinnbildung 91
c) Die Ebene der reflexiven Sinnbildung 92
d) Die Ebene der pragmatischen Sinnbildung 94
e) Die Unvordenklichkeit der Geschichte im historischen Denken 96
IV. Kapitel: Systematik – Kategorien, Theorien, Begriffe 99
1. Worum geht es? 99
2. Das Sinnkonzept ›Geschichte‹ – Inhalt und Form 100
3. Teleologie und Rekonstruktion 105
4. Ein offenes Problem: die Natur 110
5. Zugriffe aufs Ganze I: Die kategorialen Dimensionen des Historischen 113
6. Zugriffe aufs Ganze II: Die Öffnung des Erfahrungsfeldes 116
7. Zugriffe aufs Ganze III: Die Öffnung des Deutungsfeldes 132
8. Zugriffe auf das Ganze IV: Die Öffnung des Orientierungsfeldes 145
9. Deuten im Zusammenhang: Historische Theorien 153
a) Vom Ganzen zu den Teilen: Periodisierung 155
b) Was sind historische Theorien? 158
10. Begreifen der Sache: historische Begriffe 160
11. Was heißt: historisch erklären? 166
a) Die Rationalität des Erklärens 166
b) Drei Typen des Erklärens 167
c) Ist narratives Erklären rational? 170
V. Kapitel: Methodik – Die Regeln der historischen Methode 173
1. Die methodische Eigenart der historischen Erkenntnis 173
2. Die Einheit der historischen Methode 176
3. Heuristik 180
a) Suchen: die historische Frage 180
b) Finden: die Antwort der Empirie 184
c) Tradition und Überrest 184
4. Kritik 186
5. Interpretation 191
6. Von der Interpretation zur Repräsentation 195
VI. Kapitel: Topik – Formen und Prozesse der Geschichtsschreibung 197
1. Der Eigensinn des Schreibens 197
2. Imagination, Fiktion, Erfahrung 201
3. Ordnungen des historiographischen Feldes 205
4. Typologie des historischen Erzählens I: Droysen, Nietzsche, White 210
a) Johann Gustav Droysen 211
b) Friedrich Nietzsche 212
c) Hayden White 213
5. Typologie des historischen Erzählens II: Die vier Typen der historischen Sinnbildung 215
6. Typologie des historischen Erzählens III: Sinn und Verstand 222
VII. Kapitel: Die Grundlagen der Geschichtskultur 227
1. Geschichtskultur als gesellschaftliche Praxis 227
2. Geschichtsbewusstsein und Erinnerung 229
3. Fünf Dimensionen der Geschichtskultur 240
4. Orientierung und Kritik: die Aufgabe der Geschichtswissenschaft 253
5. Die Rolle der Wertfreiheit 257
VIII. Kapitel: Praktische Geschichte – Lernen, Verstehen, Humanität 261
1. Geschichtstheoretische Grundlagen der Geschichtsdidaktik 261
a) Die Bedeutung der Historik für die Geschichtsdidaktik 261
b) Ansätze zu einer Entwicklungstheorie historischer Kompetenz 267
2. Maßstäbe des historischen Urteils – Verstehen und Moral 271
3. Erinnerungspolitik und historische Identität 274
a) Was ist historische Identität? 276
b) Der Machtkampf um Identität 280
c) Vernunftpotenziale der Identitätsbildung 280
4. Die Überwindung des Ethnozentrismus durch historischen Humanismus 281
Nach-gedacht: Vernunftchancen zwischen Sinn und Widersinn 291
1. Sinn und Sinnlosigkeit 291
2. Noch einmal: Grenzen der Wissenschaft 301
Ausklänge 305
Literaturverzeichnis 307
Personenregister 323
Sachregister 329
»Wenn der Großrabbi Israel Baal-Schem-Tow sah, dass dem jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich gewöhnlich an einen bestimmten Ort im Walde zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah: Das Unheil war gebannt.
Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Mesritsch, aus den gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an denselben Ort im Wald und sagte: Herr des Weltalls, leih mir dein Ohr. Ich weiß zwar nicht, wie man ein Feuer entzündet, doch ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.
Später ging der Rabbi Mosche Leib von Sasaw, um sein Volk zu retten, in den Wald und sagte: Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entzündet, ich kenn auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens den Ort, und das sollte genügen. Und es genügte: Wiederum geschah das Wunder.
Und dann kam der Rabbi Israel von Rizzin an die Reihe, um die Bedrohung zu vereiteln. Er saß im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: Ich bin unfähig, das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag nicht einmal den Ort im Walde wiederzufinden. Alles, was ich tun kann, ist, diese Geschichte zu erzählen. Das sollte genügen. Und es genügte.« 1
Elie Wiesel
1 Wiesel: Die Pforten des Waldes, S. 7.
Dieses Buch wäre nicht entstanden, wenn ich nicht durch die Vermittlung von Waltraud Schreiber eine Einladung zur Otto von Freising-Gastprofessur an die Katholische Universität Eichstätt für das Sommersemester 2007 erhalten hätte. Mit dieser Einladung war der Wunsch verbunden, eine Gesamtdarstellung meiner Theorie der Geschichtswissenschaft (Historik) vorzutragen. In Eichstätt gehört eine Theorie der Geschichte im Allgemeinen und der Geschichtswissenschaft im Besonderen zum eisernen Bestand des geschichtsdidaktischen Denkens. In der regen Tätigkeit der Eichstätter Geschichtsdidaktik in Forschung, Lehre, Lehrerbildung, kulturpolitischer Beratung und praktischer Arbeit mit Lehrerinnen und Lehrern des Faches Geschichte in allen Schultypen spielt daher auch die Geschichtstheorie eine wichtige Rolle. In den intensiven Diskussionen mit Doktorandinnen und Doktoranden der Geschichtsdidaktik, die ich während meines Aufenthaltes an der Universität führen konnte, hat mich die Nachhaltigkeit sehr beeindruckt, mit der theoretisch fundierte geschichtsdidaktische Überlegungen in praxisnahe Untersuchungen eingebracht wurden.
Ich habe die Herausforderung, in der knappen Zeit von acht doppelstündigen Vorlesungen eine Theorie der Geschichtswissenschaft systematisch zu entwickeln, gerne angenommen. Meine einschlägige Publikation, die drei Bändchen »Grundzüge einer Historik«, liegt mehr als 20 Jahre zurück.2 In dieser Zeit hat sich natürlich die geschichtstheoretische Diskussion weiterentwickelt, und an dieser Diskussion habe ich teilgenommen. So lag es nahe, eine Neufassung meiner Historik zu versuchen, in die diese Weiterentwicklung eingehen sollte.
Der Versuch, eigene Arbeiten fortzuschreiben, ist nicht unproblematisch. Eigentlich müsste die einschlägige Diskussion möglichst umfassend eingearbeitet werden. Aber das hätte etwas weitgehend Neues bedeutet. Zugleich aber hätte in dieses Neue das Alte bruchlos eingehen müssen. Das aber ist nur schwer zu [<<13] Seitenzahl der gedruckten Ausgabeleisten. Denn die Kontexte der achtziger Jahre und diejenigen der Gegenwart, in denen geschichtstheoretische Überlegungen zeitabhängig erfolgen, unterscheiden sich erheblich. Diese Differenz lässt sich nicht durch eine glatte durchgehende Argumentation zum Verschwinden bringen. Insofern ließ sich ein Kompromiss nicht vermeiden. Ich greife – freilich in unterschiedlichem Ausmaß – auf meine früheren Überlegungen zurück und gehe nur dort über deren argumentativen Horizont hinaus, wo ich auf eigene spätere Arbeiten zurückgreifen kann und wo es mir von der Sache her zwingend erforderlich erscheint.
Eine Vorlesung über Historik, die ich im Januar 2012 im Rahmen einer Lehrstuhlvertretung für Volkhard Knigge an der Universität Jena (mit tatkräftiger Unterstützung von Axel Doßmann) gehalten habe, war mir eine willkommene Gelegenheit, den ersten Entwurf meiner Neufassung zur Diskussion zu stellen. Ich bedanke mich bei den aufmerksamen und kritischen Zuhörern für weiterführende Anregungen.
Schließlich konnte ich die interkulturellen Ansprüche, die meine Historik stellt, in einem Seminar für fortgeschrittene Studenten überprüfen, das ich im Herbst 2012 im Graduate Institute for National Development der National Taiwan University abgehalten habe. Ich danke meinem Partner Chang Chi-Ming für sein Interesse und seine vielen kritischen Fragen und Einwände.
Schon in der ersten Fassung meiner Historik haben anthropologische Gesichtspunkte eine wichtige Rolle gespielt. Die dem Menschen in anthropologischer Grundsätzlichkeit und Universalität zuzusprechende Fähigkeit gedanklicher Durchdringung und Aneignung seiner Welt und seiner selbst im Lebenszusammenhang mit anderen, sein kulturelles Menschsein also, gab einen Leitfaden der Argumentation ab. Diesen Leitfaden habe ich verstärkt und zu einer komplexeren Argumentation ausgearbeitet. Außerordentlich anregend und hilfreich war mir dabei die langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft mit Klaus E. Müller. Er hat mich mit seinen profunden Kenntnissen archaischer Lebensformen und seiner Einsicht in grundlegende Strukturen der menschlichen Lebensgestaltung immer wieder aus den luftigen Höhen theoretischer Abstraktionen auf den Boden verdichteter Erfahrungssynthesen 3 zurückgeholt. Überdies waren für mich die zahlreichen Anregungen [<<14]besonders hilfreich, die ich im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes erfahren habe. Es handelt sich um das von der Stiftung Mercator geförderte Projekt mit dem Thema »Der Humanismus in der Epoche der Globalisierung – Ein interkultureller Dialog über Menschheit, Kultur und Werte«, das ich im kulturwissenschaftlichen Institut in Essen in enger Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen der benachbarten Universitäten von 2006 bis 2009 geleitet habe.4
Schließlich hat mir eine ausgedehnte Debatte über mein Konzept einer Historik in der Zeitschrift »Erwägen – Wissenschaft – Ethik« viele Anregungen beim Abschluss dieses Buches gegeben.5 Ich konnte nicht allen Kritikern gerecht werden; dazu reichte der Umfang des Heftes nicht aus.
Es ist mir eine angenehme Pflicht, mich bei all denjenigen zu bedanken, die mir dabei geholfen haben, dieses Buch zustande zu bringen. Das gilt in erster Linie Waltraud Schreiber und ihrer eindrucksvollen Synthese hartnäckigen Nachfragens und sympathetischen Mitdenkens. Dankbar bin ich meinen Kollegen und Freunden Estevao de Rezende Martins, Klas-Göran Karlsson, Georg Essen und Jürgen Straub für ihr Interesse an meiner geschichtstheoretischen Arbeit – auch und gerade mit ihrer inneren Verbindung zur Geschichtsdidaktik. Ihre Anteilnahme war mir eine angenehme Herausforderung, es beim Erreichten nicht auf sich beruhen zu lassen. Danken möchte ich dem Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen für mannigfache logistische Hilfe und dem Institute for Advanced Study in Humanities and Social Sciences der National Taiwan University und ihrem Direktor Chun-Chieh Huang für mehrere Forschungsaufenthalte, die mir eine willkommene Gelegenheit boten, an meiner Historik weiterzuarbeiten. Ein herzliches Dankeschön geht an Christoph Antweiler, Achim Mittag und Henner Laass für wertvolle und kritische Hinweise. Ich danke Dan Perjovschi dafür, dass er mir seine Bilder, die anlässlich einer Konferenz über Geschichtsschulbücher in Bukarest 2004 entstanden sind, zur kritischen Begleitung meiner Überlegungen zur Verfügung gestellt hat.
Besonderen Dank schulde ich Angelika Wulff für ihre kritische Sichtung des Textes. Sie hat mich auf viele Unzulänglichkeiten aufmerksam gemacht [<<15]und nützliche Verbesserungen vorgeschlagen. Natürlich bin ich allein für die Textgestalt verantwortlich.
Meine Frau hat mit ihrer stetigen Bereitschaft, meinen unfertigen Überlegungen zuzuhören und mir durch ihre Nachfragen und Erwiderungen mehr Klarheit zu verschaffen, enorm geholfen. Erst recht aber danke ich ihr für ihre geduldige und intensive Arbeit an der gedanklichen und sprachlichen Verbesserung meiner Texte.
Mit meiner Widmung dieses Buches an den Theatermann Holk Freytag möchte ich nicht nur meinen tiefen Dank für eine wundervolle Freundschaft zum Ausdruck bringen. Ich möchte mich auch bei ihm als Praktiker der kulturellen Orientierung dafür bedanken, dass er die Notwendigkeit gedanklicher Reflexion dieser Orientierung gefordert und anerkannt hat. Er hat mir dadurch immer wieder Freude an eben dieser Theorie gemacht.
2 Rüsen: Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983; Rüsen: Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik II: Die Prinzipien der historischen Forschung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1986; Rüsen: Lebendige Geschichte. Grundzüge einer Historik III: Formen und Funktionen des historischen Wissens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1989. – Im Folgenden zitiere ich diese Titel mit Grundzüge I, Grundzüge II, Grundzüge III.
3 Das markanteste Beispiel dafür ist sein letztes Werk: Müller: Die Siedlungsgemeinschaft; siehe auch ders.: Das magische Universum der Identität; ders.: Die fünfte Dimension. – Zur Bedeutung dieser Ethnologie für die Historie siehe Rüsen: Vom Nutzen und Nachteil der Ethnologie für die Historie, S. 291 – 309.
4 Siehe dazu: Rüsen/Laass (Eds.): Interkultureller Humanismus; Rüsen/Laass (Eds.): Humanism in Intercultural Perspective; Rüsen (Ed.): Perspektiven der Humanität; Gieselmann/Straub (Eds.): Humanismus in der Diskussion.
5 Rüsen: Historik – Umriss einer Theorie der Geschichtswissenschaft, S. 477 – 490; ders.: Diskursive Bewegungen in der Historik, ebd. S. 604 – 619.
Die Grundlinien der Historik, denen ich folge, wurden in den siebziger Jahren entwickelt. Sie sind stark von meinem Versuch bestimmt, die Historik von Johann Gustav Droysen aus ihrer Genese heraus verständlich zu machen und systematisch weiterzuentwickeln.6 Von einer nicht unerheblichen Modifikation abgesehen – ich ordne die Systematik (das Verständnis dessen, was Geschichte ist) der Methodik (dem Verständnis dessen, was historische Methode ist) vor und nicht, wie bei Droysen, nach – bin ich weitgehend dem Aufbau seiner Historik gefolgt. Das liegt insofern nahe, als Droysens Historik alle wesentlichen Elemente einer Theorie der Geschichte in sich vereinigt und schlüssig miteinander verbindet.
Wandlungen der Historik Geschichtstheoretische Reflexionen von der grundsätzlichen Art, wie sie Droysens Historik auszeichnet, hatten in den siebziger Jahren Konjunktur. Das Fach Geschichte wurde in seiner traditionellen Ausrichtung einer grundlegenden Kritik unterzogen, und neue Versuche wurden unternommen, es theoretisch und methodisch neu zu begründen.7 Grundlagenkrisen verlangen nach einer systematischen Reflexion, die sich den für eine fachwissenschaftliche Disziplin maßgebenden Gesichtspunkten zuwendet. Mein Versuch, diesem Erfordernis zu entsprechen, war natürlich durch die damalige Konstellation von traditionellen Vorgaben, aktuellen Herausforderungen und einschlägigen Diskursen bestimmt. Es ging vor allem darum, das Innovationspotenzial des sozialgeschichtlichen Denkens und seine Anregungen durch die systematischen Sozialwissenschaften, insbesondere die Soziologie, aufzugreifen und geschichtstheoretisch und forschungsmethodologisch zur Geltung zu bringen. Dabei galt es, im Streit um die praktische Bedeutung der historischen Erkenntnis sowohl die Rationalitätsansprüche, die das historische Denken in seiner fachwissenschaftlichen Verfassung erhebt, zu verteidigen, zugleich aber auch die praktisch-politische Bedeutung dieses Denkens nicht aus dem Blick zu verlieren.
Inzwischen hat sich die Lage des historischen Denkens erheblich verändert. Es sind in Analogie zur sozialwissenschaftlichen ›Wende‹ der sechziger und [<<17] Seitenzahl der gedruckten Ausgabesiebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine ganze Reihe anderer ›Wenden‹ proklamiert und in unterschiedlicher, aber kaum in durchgängig systematischer Weise auch theoretisch reflektiert und begründet worden. Wenn man sie im Blick auf fundamentale Gesichtspunkte und Strategien des historischen Denkens zusammenfasst, dann bietet es sich an, in Analogie zur sozialgeschichtlichen von einer kulturgeschichtlichen oder kulturwissenschaftlichen Wende zu sprechen. Entscheidende Anregungen erfuhr die Geschichtswissenschaft jetzt nicht mehr von den Sozialwissenschaften, sondern von der Kulturanthropologie.
Die mit dieser Wende verbundenen legitimatorischen und kritischen Reflexionen streiten miteinander darum, ob und inwieweit sich die ältere Konzeption von Geschichtswissenschaft in die neuere integrieren lässt oder von ihr überholt wird. Ich hoffe, mit den Modifikationen, die mein Konzept von Historik in dieser Neufassung erfahren hat, dieser Kontroverse im Grundsatz entsprochen zu haben, ohne die Kontextabhängigkeit der ursprünglichen Konzeption verleugnen zu wollen. Schon damals freilich konnte ich mir eine radikale Absage an die Tradition des Historismus, insbesondere an seine geschichtstheoretischen Leistungen, nicht zu eigen machen. Umso einfacher war es, die post-historistischen analytischen Konzepte der Sozialgeschichte mit den neo-hermeneutischen Denkweisen zu verbinden, die die jüngere Entwicklung der Geschichtswissenschaft bestimmen. Zugleich konnte ich damit auch die Anregungen aufgreifen und systematisch einarbeiten, die vom Erinnerungs-Diskurs in den Kulturwissenschaften ausgegangen sind.
In den siebziger und frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts war die Geschichtswissenschaft ein zentraler, wenn nicht sogar der wichtigste Bezugspunkt für die Geschichtskultur Deutschlands. Es ist fraglich, ob das heute noch gilt. Die Übermacht der neuen Medien, der ungebrochene Erfolg historischer Museen und Ausstellungen, die lebhafte Debatte über Denkmäler und Gedenkstätten – all das droht die spezifische Leistung in den Hintergrund treten lassen, zu der die Fachdisziplin Geschichtswissenschaft aufgrund ihrer Forschungsleistungen in der Lage ist.
Ästhetik, Postmoderne, Postkolonialismus Um es zugespitzt zu formulieren: Das kritische methodische Denken im Umgang mit der Vergangenheit droht in der Bilderflut zu ertrinken, in der die Vergangenheit medial allenthalben präsent ist. Ästhetische Wahrnehmung war immer ein wesentliches Element des historischen Denkens, auch in seiner fachwissenschaftlichen Verfassung. Das aber, wofür diese ›disziplinäre‹ Verfassung steht: Forschungsleistungen mit überprüfbarem Geltungsanspruch und kritischer Umgang mit gesellschaftlich mächtigen [<<18]historischen Orientierungen, droht in den Hintergrund zu geraten. ›Kritik‹ scheint kein besonders wichtiger Gesichtspunkt mehr in der Geschichtskultur der Gegenwart zu sein. Der Ruf nach Transdisziplinarität und der allzu oft mit ihm verbundene Drang, den Restriktionen einer Fachdisziplin zu Gunsten einer angeblich freien Kreativität zu entfliehen, hat die kognitiven Leistungen in den Hintergrund treten lassen, zu denen die methodischen Standards der historischen Forschung gehören.
Hinzu kommt, dass die post-modernen Strömungen in den Kultur- und Sozialwissenschaften die traditionellen Rationalitätsansprüche der Erkenntnis diskreditiert haben. Überdies werden im Zeichen des Post-Kolonialismus und der Erfordernisse des Respekts vor nicht-westlichen Traditionen des Umgangs mit der menschlichen Vergangenheit 8 universelle Geltungsansprüche fachwissenschaftlicher Erkenntnisleistungen allzu schnell als ideologisch, als obsolet gewordenes westliches Herrschaftsdenken abgetan.
In diesen Entwicklungen steckt ein berechtigter Kern von Kritik. Ihre Wortführer schütten nur das Kind mit dem Bade aus. Historik als Theorie der Geschichtswissenschaft bleibt der Aufgabe verpflichtet, die spezifisch kognitiven Möglichkeiten zu explizieren und zu begründen, die die fachwissenschaftliche Verfassung des historischen Denkens eröffnet hat. Insofern bleibt die Wahrheitsfrage gestellt. Wenn sie freilich an die Bedingung gebunden wird, das historische Denken mit seiner disziplinären Rationalität von den Belangen der kulturellen Orientierung der menschlichen Lebenspraxis abzukoppeln, dann gehen das Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft und mit ihm auch der Denkweg der Historik in die Irre.
Insofern bleibt der vorliegende Versuch einer revidierten Fassung meiner Historik dem Programm verpflichtet, das mit dem Titel »Historische Vernunft« vor über zwanzig Jahren angezeigt worden ist.
Interkulturalität Es gehört zu den fundamentalen Einsichten in die Kontextabhängigkeit des historischen Denkens und in die Logik seiner Vernunftansprüche, sich der Herausforderung zu stellen, die die interkulturelle Kommunikation unter dem Vorzeichen der Globalisierung darstellt. Es geht nicht mehr an, die westliche Wissenschaftstradition einfach fortzuschreiben, d. h. den in ihr [<<19]mächtigen Impuls der Rationalisierung des historischen Denkens unbesehen für transkulturell wirksam zu halten. Nicht-westliche Traditionen sind in den letzten Jahrzehnten als Korrektiv, wenn nicht gar als Alternative zum okzidentalen Wissenschaftskonzept aufgetreten.9 Damit bringen sich Kontexte des historischen Denkens zur Geltung, die in den bisher etablierten Diskussionen der Geschichtstheorie kaum eine Rolle gespielt haben.
Zwei mögliche Reaktionen auf die Kritik des postmodernen Denkens und des Postkolonialismus liegen nahe: eine entschiedene Verteidigung der Rationalitätsstandards des wissenschaftlichen Denkens mit Universalitätsansprüchen im Gebiet der Geschichte auf der einen Seite und ein Relativismus kultureller Kontextabhängigkeit auf der anderen. Beides ist nicht plausibel. Ihnen gegenüber sollte es darauf ankommen, die lebensweltliche Verwurzelung des historischen Denkens, also das, was man ›Kontextabhängigkeit‹ nennt, als Impulsgeber ernst zu nehmen. Zugleich ist daran festzuhalten, dass es nichtsdestoweniger kulturübergreifende Wahrheitskriterien gibt, mit denen sich methodische Rationalität transkulturell begründen lässt. Diese Kriterien liegen schlicht und einfach in der Tatsache begründet, dass die Menschen, die in verschiedenen Kulturen leben, ihr Menschsein gemeinsam haben und sich darüber mit guten Gründen verständigen können.
Es kommt also darauf an, den Quellgrund des Menschseins in der kritischen Rekonstruktion der Logik des historischen Denkens und seiner wissenschaftsspezifischen Wahrheitsansprüche zu erschließen. Kulturelle Differenz sollte als Inspiration und nicht als Grenze der historischen Erkenntnis zur Geltung gebracht werden.
Geschichte als Wissenschaft Historik als Theorie der Geschichtswissenschaft hat sich noch einer ganz anderen Herausforderung zu stellen. Sie betrifft den fachlichen Status der akademischen Disziplin ›Geschichtswissenschaft‹. Als Organisationsform institutionalisierter historischer Erkenntnisleistungen hat die Geschichtswissenschaft eine lange Tradition, deren Ursprünge in das späte 18. Jahrhundert zurückreichen. Die Art und Weise, wie sich das historische Denken innerhalb dieser Organisationsform ausgeprägt hat, konnte variieren; [<<20]die Form selber aber blieb weitgehend unangetastet. Das könnte sich ändern. Es sind die jüngsten Veränderungen des historischen Lehrens an den Hochschulen, die einen solchen Änderungsdruck ausüben. Das ›Fach‹ Geschichte geht in jüngster Zeit als Baustein und nur zu oft als Bruchstück in ganz unterschiedliche Konstellationen von Wissensbeständen und Denkweisen ein; es zersetzt sich gleichsam zum Teil eines Ganzen (eines Studiengangs), dessen kognitiver Status ausgesprochen prekär ist. Die Bildung eines Konglomerats von Lehrinhalten verdankt sich häufig dem Interesse daran, berufspraktisch verwertbare Kompetenzen zu erzeugen. Dieser Verwertungsgesichtspunkt garantiert aber keine innere kognitive und methodische Kohärenz der jeweils verwendeten Beiträge unterschiedlicher Fächer zu einem spezifischen Studiengang. Damit verschwimmt die durch einen solchen Studiengang angestrebte und erzielte Kompetenz der Studierenden. Das betrifft insbesondere die im Forschungsbezug der akademischen Disziplinen wirksame methodische Rationalität. Damit wird im akademischen Lernen die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Denken sehr eng begrenzt; denn Wissenschaft ist nun einmal an institutionalisierte methodische Erkenntnisverfahren gebunden. Diese grundsätzliche Insuffizienz wird mit den stolzen Vokabeln der Interdisziplinarität und der Transdisziplinarität zugedeckt und verschleiert. Wie sollte eigentlich beides möglich sein, wenn es zu gar keiner wirklichen Disziplinarität mehr kommt?
Historik als Theorie der Geschichtswissenschaft ist eine Instanz zur reflexiven Legitimation etablierter Formen des Wissenschaftsbetriebes. Sie schreibt aber den jeweiligen Status quo der Wissenschaftsdisziplin nicht einfach fest. Sie entwickelt vielmehr aus den kognitiven Prozeduren methodisch geregelter Erkenntnisprozesse maßgebliche Gesichtspunkte der Organisation dieser Prozesse. Sie betont dabei die innere Dynamik dieser Organisation, also auch ihre Veränderbarkeit und Entwicklungsfähigkeit. Zugleich aber liefert sie mit diesen Gesichtspunkten entscheidende Argumente für den fachlichen Charakter methodisch geregelter Forschungsprozesse. Sie macht deutlich, was es heißt, Geschichte als Wissenschaft zu betreiben. Damit zeigt sie die Bedingungen auf, die erfüllt sein müssen, wenn eine akademische Ausbildung den Anspruch stellt, die für das wissenschaftliche Denken grundlegenden Fähigkeiten zu vermitteln.
Sitz im Leben Fachlichkeit ist aber nicht alles. Ohne Fachlichkeit ist alles historische Denken, das wissenschaftlich sein will, nichts. Aber in seiner wissenschaftlichen Ausformung ist das historische Denken nichtsdestoweniger auf Faktoren bezogen, die diesseits und jenseits seiner Fachlichkeit liegen. Seine Bedeutung als wesentlicher Faktor der kulturellen Orientierung lässt sich nur [<<21]ausmachen, wenn man die seinen wissenschaftlichen Charakter definierende methodische Rationalität auf die Grundlagen und Kontexte bezieht, die ihm seine spezifische Ausprägung, ja seine eigene Logik geben. Dass sich historisches Denken von anderen Denkformen im Gebiet der Wissenschaft unterscheidet (und zugleich mit diesen eine gemeinsame Wissenschaftlichkeit aufweist), liegt zu Tage. Was es damit auf sich hat, lässt sich nur ermitteln, wenn man nach dem ›Sitz im Leben‹ fragt, den das historische Denken in und mit seiner Fachlichkeit nicht verlässt, sondern ausfüllt.
Mit dieser Frage geraten ganz andere Gesichtspunkte in den Blick der Historik, die jedes historische Denken bestimmen: seine ästhetische Verfasstheit, seine politische Funktion, seine didaktische Ausrichtung und ähnliche Dimensionen und Praktiken seiner Formung, Bildung und Wirkung. Die Wirkung solcher Gesichtspunkte lässt sich im Werk der professionellen Historikerinnen und Historiker im Einzelnen aufweisen. Sie werden freilich nicht regelmäßig reflektiert und begründet, eher sporadisch, zumeist unsystematisch. ›Historik‹ ist ein Versuch, einen Gesamtzusammenhang solcher Reflexionen zu entwerfen und sie damit kohärenter, einsichtiger und letztlich auch wirksamer zu machen. Ihr Erfolg bemisst sich daran, ob und inwieweit es ihr gelingt, die geistigen Kräfte des historischen Denkens, die es in seiner wissenschaftlichen Verfassung bündelt und organisiert, zu stärken.
6 Rüsen: Begriffene Geschichte.
7 Rüsen: Für eine erneuerte Historik; ders: Grundlagenreflexion und Paradigmenwechsel in der westdeutschen Geschichtswissenschaft.
8 Beispielhaft sei verwiesen auf Seth: Reason or Reasoning? Clio or Siva? und auf die Arbeiten von Vinay Lal: World History and its Politics; ders.: The Politics of Culture and Knowledge after Postcolonialism.
9 Ich verweise nur auf ein Beispiel: Huang: The Defining Character of Chinese Historical Thinking, S. 180 – 188. Daran hat sich eine interkulturelle Debatte angeschlossen: Chinese and Western Historical Thinking, Forum in History & Theory 46.2 (May 2007), S. 180 – 232; siehe auch Rüsen: Westliches Geschichtsdenken – eine interkulturelle Debatte.
Auf diese einfache Frage gibt es eine einfache Antwort: Historik ist Theorie der Geschichtswissenschaft. Sie besteht also aus der Komposition dreier Elemente: Geschichte, Wissenschaft und Theorie. Fangen wir mit dem Letzteren an. Theorien sind Wissensformen mit einem höheren Allgemeinheitsgrad als Aussagen über einzelne Tatsachen. Als solche sind sie Bestandteile jeden wissenschaftlichen Denkens. Das gilt auch für die Geschichtswissenschaft. Aber Theorie der Geschichtswissenschaft als Historik ist etwas Besonderes. Es ist keine Theorie, die man verwendet, um im Rahmen wissenschaftlichen Denkens die menschliche Vergangenheit zu deuten, sondern es ist eine Theorie über die Deutung selber, sie ist Reflexion – ›Zurückbeugung‹ des historischen Denkens auf sich selbst. Für diese Art des Denkens gibt es den philosophischen Fachterminus Meta-Theorie. In Bezug auf das historische Denken in seiner fachlich-wissenschaftlichen Form wird diese Meta-Theorie im deutschsprachigen Raum – anschließend an den Klassiker Droysen – ›Historik‹ genannt.10 Im englischen Sprachraum spricht man zumeist von ›Metahistory‹.11 Eine weniger gebräuchliche Bezeichnung ist Historiologie oder Historiosophie.
Reflexive Form Historik ist also ein Denken, das die Geschichte als Fachwissenschaft in Augenschein nimmt. Dieses Denken bewegt sich aus dem fachwissenschaftlichen Denken hinaus, um über dieses Denken Aussagen zu machen. Damit steht es in einem klärungsbedürftigen Verhältnis zu dem, was die Fachleute der Geschichtswissenschaft in der Arbeit an der Deutung der [<<23] Seitenzahl der gedruckten Ausgabemenschlichen Vergangenheit praktisch tun. Warum sollen sie sich aus ihrer Praxis hinausbewegen? Denn wenn sie das tun, dann verlassen sie ja gerade den Bereich, für den sie als Fachleute zuständig sind.
Aber was macht jemanden fachlich kompetent? Fachkompetenz im Bereich der Wissenschaft beschränkt sich nicht darauf, sich in den Prozeduren der wissenschaftlichen Erkenntnis auszukennen. Sie schließt auch die Fähigkeit ein, den sachverständigen Umgang mit dem Gegenstandsbereich der Wissenschaft selber noch in seinen Grundzügen charakterisieren zu können, also sagen zu können, worin die Fachkompetenz eigentlich besteht (und wie man sie erwirbt).
Historik ist also eine Theorie der Erkenntnispraxis der Geschichtswissenschaft. Sie expliziert und systematisiert die reflexiven Elemente fachwissenschaftlicher Kompetenz. Für eine solche reflexive Theoriearbeit gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Sie lassen sich in dem metaphorischen Bild zusammenfassen, dass man fähig sein muss, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, wenn man sich im Wald mit den Bäumen auskennen will.
Drei Dimensionen Die reflexive Erkenntnis, die die Historik über die Geschichtswissenschaft vermittelt, hat drei Dimensionen: (a) eine disziplinäre, (b) eine interdisziplinäre und (c) eine transdisziplinäre.
(a) Die disziplinäre Dimension der Historik beinhaltet ein Wissen darum, was Geschichte als Fachwissenschaft ist, d. h. wodurch sie sich von anderen Weisen des Umgangs mit der menschlichen Vergangenheit als Geschichte unterscheidet. Im Zentrum steht hier die Frage, was es heißt, sich mit der Geschichte wissenschaftlich (oder bescheidener: professionell) zu beschäftigen. Diese Frage hat es in sich, denn um sie beantworten zu können, muss deutlich gemacht werden, was Geschichte und was ›wissenschaftlich‹ ist. Worin besteht diese Wissenschaftlichkeit im Umgang mit dem besonderen Sachverhalt, den man ›Geschichte‹ nennt? Beides, die Eigenart der Geschichte und der wissenschaftliche Charakter des Denkens über sie, ist alles andere als klar, sondern vielmehr umstritten.
(b) Als Wissen um die Fachlichkeit der Geschichtswissenschaft hat die Historik auch eine interdisziplinäre Dimension: Sie ordnet die Wissenschaftsdisziplin ›Geschichte‹ in übergreifende Zusammenhänge mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen ein, die sich auf andere Weise mit dem gleichen Erkenntnisgegenstand oder mit verwandten Erkenntnisbereichen beschäftigen. Im Zentrum steht hier die Frage, wie sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte im Rahmen der Geschichtswissenschaft zu anderen wissenschaftlichen Beschäftigungen mit der Vergangenheit verhält. Wodurch grenzt sie sich von ihnen ab? Worin besteht ihr so genanntes Alleinstellungsmerkmal? [<<24]Von welchen Denkweisen und Erkenntnissen anderer Wissenschaften kann sie für ihre Zwecke Gebrauch machen, und was kann sie zu den Erkenntnisleistungen anderer Wissenschaftsdisziplinen beitragen?
(c) In der transdisziplinären Dimension der Historik geht es um den Zusammenhang des wissenschaftlichen historischen Denkens mit der menschlichen Lebenspraxis. Hier lautet die Schlüsselfrage: Welche Rolle spielt die durch die Geschichte als Wissenschaft erbrachte historische Erkenntnis in der kulturellen Orientierung des menschlichen Lebens? Wie ist die Praxis des fachwissenschaftlichen Umgangs mit der Geschichte mit anderen Praktiken der kulturellen Deutung des Menschen und seiner Welt vermittelt? Welche besondere, also nur ihr mögliche Rolle spielt die von der Geschichte als Wissenschaft erbrachte Erkenntnis in der Geschichtskultur, oder, wie man auch sagen kann: im ›historischen Gedächtnis‹ oder in der ›Erinnerungskultur‹?
Grenzüberschreitungen In allen drei Hinsichten geht der Blick der Historik über die Grenzen der Geschichte als Fachwissenschaft hinaus. Um sagen zu können, was es heißt, mit der Geschichte wissenschaftlich umzugehen, ist es nötig, grundsätzlich zu klären, was eigentlich mit ›Geschichte‹ gemeint ist. Denn das Phänomen ›Geschichte‹ ist nicht ausschließlich Angelegenheit einer akademischen Fachdisziplin, sondern es ist viel älter und viel weiter verbreitet als diese. Es ist ein wesentliches Element jeder kulturellen Orientierung der menschlichen Lebenspraxis und kommt in höchst unterschiedlichen Formen in allen Kulturen mehr oder weniger ausgeprägt vor.
Aus interdisziplinärer Sicht geht es darum, genau auszumachen, worin der Wissenschaftlichkeitsanspruch der Geschichtswissenschaft eigentlich besteht. Was hat sie mit den anderen Wissenschaften gemeinsam und mit welchen Besonderheiten des wissenschaftlichen Denkens unterscheidet sie sich von ihnen?
Aus transdisziplinärer Sicht geht es vor allem um den Zusammenhang, in dem die fachliche Erkenntnisarbeit und ihre Wissenschaftlichkeitsansprüche mit dem mannigfaltigen Gebrauch und der unterschiedlichen Funktion des historischen Denkens im praktischen Leben stehen.
Mit solchen Fragestellungen integriert die Historik verschiedene – ebenfalls fachlich ausgeprägte – Denkweisen und Diskussionsbereiche. Mit der Frage danach, was Geschichte ist, wird Historik zur Geschichtsphilosophie. Mit der Frage nach der Wissenschaftlichkeit des historischen Denkens wird Historik zur Erkenntnistheorie, Methodologie und Wissenschaftstheorie. Und mit der Frage schließlich, wie Wissenschaft und Lebenspraxis im historischen Denken zusammenhängen, greift sie auf die verschiedenen Disziplinen zurück, die sich mit der kulturellen [<<25]Orientierung der menschlichen Lebenspraxis beschäftigen, wie zum Beispiel mit der Ethik, aber auch der Politik. Einen besonders engen Bezug hat sie dabei zur Geschichtsdidaktik, die sich mit Geschichtskultur als Kontext und mit Geschichtsbewusstsein als Medium des historischen Lehrens und Lernens beschäftigt.
Themen Was umgreift alle diese unterschiedlichen Dimensionierungen des Fragens und Denkens der Historik? Letztlich geht es um zwei fundamentale Themen: um die Geschichte und um den erkennenden Umgang mit ihr.12 Beim ersten Thema dominiert die Frage, was es eigentlich mit diesem Sachverhalt ›Geschichte‹ auf sich hat. Ist er objektiv vorgegeben als mehr oder weniger fixer Gegenstand der Erkenntnis im Zustand von Tatsächlichkeit? Oder handelt es sich ›nur‹ um eine nachträgliche Deutung einer Vergangenheit, die längst vergangen ist? Beim zweiten Thema geht es schlicht und einfach um die Wahrheitsfrage. Ist das historische Denken überhaupt wissenschaftsfähig? Muss sich das historische Denken in seiner wissenschaftlichen Verfassung an Wahrheitskriterien messen lassen, deren Überzeugungskraft aus anderen Wissenschaftsbereichen, insbesondere aus den Naturwissenschaften, stammt? Oder gibt es so etwas wie eine spezifisch historische Wahrheit?
Beide Themen hängen aufs Engste miteinander zusammen. Geschichte ist kein bloßer Sachverhalt, der objektiv vorgegeben wäre und auf den sich dann subjektiv die menschliche Erkenntnis richtet. Natürlich geht es in ihr um die menschliche Vergangenheit, und die ist in der Tat etwas, was sich faktisch ereignet, also ›objektiven‹ Charakter hat. Aber sie ist immer mehr als das: Als Element und Bestimmungsgröße der menschlichen Kultur hat sie auch geistige Qualitäten, also etwas Subjektives an sich. Das historische Denken und die kulturellen Funktionen, die es in der menschlichen Lebenspraxis erfüllt, sind von diesen ›geistigen‹ oder ›subjektiven‹ Elementen bestimmt (in einer natürlich noch näher zu analysierenden Weise).
[<<26]
Hier liegt auch die Schnittstelle zwischen der praktischen Funktion des historischen Denkens, also seiner – wie man so schön sagt – ›Lebensdienlichkeit‹ auf der einen Seite und der wissenschaftlichen Denkungsart, mit der sich die Geschichtswissenschaft als etwas Eigenes und Besonderes im Bereich der menschlichen Geschichtskultur ausnimmt und darstellt. Der Schlüsselbegriff, der die Verbindung von beidem zum Ausdruck bringt, ist derjenige des ›Sinns‹. Die Historik fragt also nach dem ›Sinn‹ der Geschichte. Das tut sie allerdings nicht nur so allgemein wie die Geschichtsphilosophie. Sie fragt vielmehr auch danach, was es mit diesem ›Sinn‹ auf sich hat, wenn sich Fachleute mit der menschlichen Vergangenheit beschäftigen und dies mit dem Anspruch tun, ›wissenschaftlich‹ vorzugehen.
Aber die Sinnfrage ist die grundsätzlichere, und die Wissenschaftlichkeitsfrage kann nur dann beantwortet werden, wenn die Sinnfrage zuvor geklärt wurde.
Funktionen Mit diesen Themen und Problemstellungen nimmt die Historik im Bereich der Geschichtswissenschaft einen eigenen Denkraum für sich in Anspruch. Er ist nicht so institutionalisiert wie die epochen- und regions- und sachspezifischen Spezialdisziplinen im Fach wie zum Beispiel die mittelalterliche, osteuropäische oder Wirtschaftsgeschichte. Das liegt daran, dass sie von ihrer Denkweise her quer zu all diesen Spezialisierungen liegt, sie umfasst und mit ihren Grundsatzfragen geradezu auch unterläuft. Und da sie ohne systematische Rückgriffe auf andere Disziplinen (wie z. B. die Philosophie) gar nicht auskommt, ist ihr (meta-)disziplinärer Status grundsätzlich prekär. Sie gehört auch nicht zum Standardrepertoire der historischen Lehre und Forschung. Und doch kommt ihr eine ganze Reihe von Funktionen zu, die sich schlecht ignorieren lassen. Ich nenne nur vier:13
(1) In der akademischen Lehre ist die Historik für eine didaktische Professionalisierung unverzichtbar. Das Fach Geschichte tritt den Studierenden gegenüber überwiegend, wenn nicht gar ausschließlich in einer Vielfalt spezieller Ausrichtungen auf und kann auch niemals als Fach in seiner Gänze studiert werden. Zugleich aber will es in der Vielfalt seiner Präsentationen doch immer als abgrenzbare Disziplin wahrgenommen werden. Daher muss es in dieser Vielfalt auch als übergeordnete Einheit angesprochen werden. Dazu dient eben – neben der Geschichte des historischen Denkens – die Historik.
(2) Auch in der historischen Forschung kommt der Historik eine Funktion zu, die man mit dem Begriff ›reflexive Klärung‹ bezeichnen könnte. Die [<<27]historische Forschung stellt einen Kernbestand der Geschichtswissenschaft dar. Sie folgt einer eigenen Logik und wird durch den Diskurs der Fachleute bestimmt. Nichtsdestoweniger gehen höchst wirksame Impulse der Forschung von Fragestellungen aus, die gar nicht fachimmanent generiert werden, sondern dem Fach sozusagen ›von außen‹ zuwachsen. Das können Impulse aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen, etwa den Sozialwissenschaften oder der Kulturanthropologie sein oder aber auch Herausforderungen aus aktuellen Problemen der kulturellen Orientierung im gesellschaftlichen Kontext der Geschichtswissenschaft. Diese ›Offenheit‹ forschungsgenerierender Fragestellungen der historischen Erkenntnis kann zu methodologischen Problemen führen, die sich nur reflexiv, also durch explizite Analyse der für die Methode der Forschung maßgeblichen Gesichtspunkte klären lassen. Hier übernimmt die Historik eine forschungsrelevante Funktion.
(3) Historisches Denken artikuliert sich in der Geschichtsschreibung. Diese nimmt gegenüber der Forschung eine eigentümliche Sonderstellung ein; denn sie folgt Gesichtspunkten der Darstellung, die sich nicht hinreichend aus der Forschung ergeben, sondern über sie hinaus, oder genauer: hinter sie zurück in den Bereich der Produktion und Rezeption von Texten führen. Auch hier kommt es zur Verschränkung unterschiedlicher Dimensionen des menschlichen Geschichtsbewusstseins (z. B. ästhetische, rhetorische, politische). Daraus entstehen immer wieder und in jüngster Zeit besonders massiv Unklarheiten über den kognitiven Status der historischen Erkenntnis. Wie hängen literarische Form und kognitiver Gehalt der historischen Erkenntnis zusammen? Das ist nicht bloß eine Frage nachträglicher Reflexion über schon geleistete historische Darstellungen, sondern ein Problem im Erkenntnisprozess selber. Hier kann die Historik ebenfalls eine ›reflexive Klärung‹ erbringen.
(4) Schließlich muss die Rolle geklärt werden, die die wissenschaftlich gewonnene historische Erkenntnis in den Prozessen der kulturellen Orientierung ihrer Gegenwart spielt. Kommt die Orientierungsfunktion der historischen Erkenntnis in der Geschichtskultur ihrer Zeit nur äußerlich zu, oder ist dieser Gesichtspunkt ihrer Lebensdienlichkeit auch für die innerfachliche Gestaltung der historischen Erkenntnis wesentlich? Die Historik kann zeigen, dass diese Alternative keine ist. Damit nimmt sie eine wichtige Funktion wahr, ohne die nicht hinreichend bestimmt werden kann, was historische Bildung und warum sie notwendig ist.
10 Das gilt auch für Italien, Litauen und andere Länder.
11 David Carr hat diese spezielle, der deutschen Tradition geschuldete Bezeichnung kritisiert und stattdessen vorgeschlagen, von ›Philosophie der Geschichte‹ zu sprechen. Eine solche Bezeichnung halte ich für irreführend. Die Philosophie der Geschichte geht auf Geschichte selbst ein (sei es als Sachverhalt oder als Denkform) und interessiert sich nicht für die spezielle Erkenntnisweise, die sich als Wissenschaft etabliert hat. Insbesondere geht es in ihr nicht um das Herzstück dieser Erkenntnisweise: die Methode der Forschung. Allerdings kann die Historik nicht darauf verzichten, die Grundfragen nach dem, was Geschichte ist, zu stellen. Insofern gehört die Geschichtsphilosophie zu ihren Grundbeständen, aber sie geht nicht in ihr auf (Carr: Which way is East? Rüsen’s Historik, S. 508).
12 Reinhart Koselleck schränkt den Aufgabenbereich der Historik auf das erste Feld ein und macht aus ihr eine transzendentale Geschichtsphilosophie. »Die Historik ist … die Lehre von den Bedingungen möglicher Geschichten« (Koselleck: Historik und Hermeneutik, S. 97 – 118, zit. S. 99). Diese Definition schneidet den ganzen für die Tradition der Historik zentralen Bereich der historischen Methode ab, ganz zu schweigen von den heute besonders aktuellen Theorieproblemen der Historiographie. In Droysens paradigmatischem Konzept von Historik (den Terminus dürfte er im deutschen Sprachraum maßgeblich bestimmt haben) handelt es sich bei Koselleck nur um den Teilbereich »Systematik« unter Auslassung der Methodik und Topik.
13 Eine ausführlichere Darlegung der Funktionen der Historik findet sich in Grundzüge I, S. 32 ff.
Dieses Kapitel behandelt die Frage, was Geschichte eigentlich ist. Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst einmal von der Fachdisziplin Geschichtswissenschaft abgesehen werden. Denn bevor dort die Vergangenheit in der für eine Fachdisziplin typischen Weise angesprochen, forschend bearbeitet und historiographisch vergegenwärtigt wird, ist die Vergangenheit immer schon in Zusammenhängen der gegenwärtigen Lebenspraxis wirksam. In dieser vor- und außerwissenschaftlichen Lebenssphäre der menschlichen Kultur gibt es ›die Geschichte‹ als einen eindeutigen und erkennbaren Sachverhalt gar nicht. Er ergibt sich zuallererst in einer besonderen Zuwendung zur Vergangenheit, die nicht schon von vornherein Züge methodischer Rationalität trägt, also zunächst einmal gar nicht spezifisch wissenschaftlich ist.
Geschichte überhaupt Es gibt keine menschliche Lebensform, in der ein deutender Bezug auf die Vergangenheit nicht eine wichtige Rolle in der kulturellen Orientierung des jeweils gegenwärtigen Handelns und Leidens spielt. Überall und immer müssen die Menschen sich auf die Vergangenheit beziehen, um ihre Gegenwart verstehen und Zukunft erwarten und vorentwerfen zu können. Wenn man die mentalen Aktivitäten, die den Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftserwartung ausmachen, in einen Begriff zusammenfassen will, dann bieten sich dafür unterschiedliche Termini an, die sich dann als Fachausdrücke verwenden lassen: Im deutschen Sprachraum konkurrieren die Begriffe ›historisches Gedächtnis‹ oder ›historische Erinnerung‹ auf der einen Seite und ›Geschichtsbewusstsein‹ auf der anderen Seite miteinander. Sie sind Schlüsselbegriffe hoch entwickelter akademischer Diskurse, die sich im Wesentlichen unabhängig voneinander ausgebildet haben und bis heute auch nicht wirklich miteinander vermittelt sind.
Die folgenden Überlegungen können als Versuch einer solchen Vermittlung oder Synthese gelesen werden. Mir geht es darum, die allgemein-menschlichen Züge des deutenden Umgangs mit der Vergangenheit zu beschreiben, die allen unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen von historischem Denken, also auch seiner modernen fachwissenschaftlichen Verfassung, zu Grunde liegen. Eine solche Beschreibung kann man kulturanthropologisch nennen. Denn es geht um Universalien der kulturellen Lebensform des Menschen, also um Dimensionen, [<<29] Seitenzahl der gedruckten AusgabeProzesse und Faktoren der Deutung der menschlichen Welt, die allen Ausprägungen der Kultur gemeinsam sind und in ihr eine wichtige Rolle spielen. (Mit einem solchen Ansatz kann man geschichtstheoretisch den Herausforderungen begegnen, die die interkulturelle Kommunikation heutzutage aufwirft.)
Auf der Grundlage solcher Universalien der menschlichen Kultur im deutenden Umgang mit der Vergangenheit müssen dann diejenigen Elemente genauer unter die Lupe genommen werden, die das historische Denken in seiner modernen Verfassung bestimmen, wozu insbesondere seine kognitiven Leistungen im Umgang mit der historischen Erfahrung gehören.
Zeiterfahrung Kontingenz Der Mensch kann nur leben, wenn er seine Welt und sich selbst deutet. Welche Deutungsleistungen liegen dem historischen Denken zu Grunde? Es gibt eine Ur-Erfahrung des menschlichen Lebensvollzuges, deren kulturelle Bewältigung diese Deutungsleistung darstellt: die Zeiterfahrung der Kontingenz. Zeit ist eine universelle Dimension der ganzen Wirklichkeit. Im menschlichen Leben tritt sie in einer ganz besonderen Form auf, mit der sie nach einer Deutung verlangt, nämlich als Bruch, als Störung geregelter Abläufe, in denen menschliches Leben geschieht. Die hier angesprochene menschliche Grunderfahrung findet sich in allen Äußerungen der kulturellen Selbstbestimmung der Menschen. So lässt sie sich zum Beispiel poetisch in den Worten von Shakespeares Hamlet ausdrücken:
The time is out of joint; – O cursed spite,
that ever I was born to set it right!
[Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,
dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!]14
An anderer Stelle entfaltet Shakespeare die Zeiterfahrung, auf die der Mensch mit Rekurs auf Geschichte antworten muss, in dialogischer Form:
[<<30]
King Henry:
O God! That one might read the book of fate,
And see the revolution of the times
… how chances mock,
And changes fill the cup of alternation
With divers liquors! O, if this were seen,
The happiest youth, viewing his progress through,
what perils past, what crosses to ensue,
Would shut the book, and sit him down and die.
…
Warwick:
There is a history in all men’s lives,
Figuring the nature of the times deceased;
The which observed, a man may prophesy
With a near aim, the main change of things
As yet not come to life, which in their seeds
And weak beginnings lie intreasured.
Such things become the hatch and brood of time;
…
King Henry:
Are these things then necessities?
Then let us meet them like necessities …
[König Heinrich:
O Himmel, könnte man im Buch des Schicksals
Alles lesen, und der Zeiten Umwälzung
… sehn…. Wie Zufall spielt,
Und Wechsel der Verändrung Schale füllt
Mit mancherlei Geschick! O säh man das,
Der frohste Jüngling, diesen Fortgang schauend,
wie hier Gefahr gedroht, dort Leiden nahn
er schlöss das Buch, setzte sich und stürbe.
…
[<<31]
Warwick:
Ein Hergang ist in aller Menschen Leben,
Abbildend der verstorbenen Zeiten Art;
wer den beachtet, kann, zum Ziel treffend,
der Dinge Lauf im ganzen prophezein,
Die, ungeboren noch, in ihrem Samen
Und schwachem Anfang eingeschachtelt liegen.
Dergleichen wird der Zeiten Brut und Zucht:
…
König Heinrich:
Sind diese Dinge denn Notwendigkeiten?
Bestehn wir auch sie wie Notwendigkeiten!]15
Störung und Entstörung von Sinn Dieser knappe Dialog macht deutlich, worum es geht: 16 Etwas geschieht, was die der praktischen Lebensführung vorgegebene Zeitordnung empfindlich stört. Diejenigen, denen diese Störung als Herausforderung begegnet, müssen sie so deuten, dass sie in eine Zeitvorstellung passen, der gemäß sie ihr Handeln sinnhaft orientieren können. Solche Kontingenz-Erfahrungen können große historische Ereignisse sein, die ganze kulturelle Deutungsmuster des historischen Geschehens infrage stellen (wie z. B. die Eroberung Roms 410 n. Chr. oder die Französische Revolution). Sie begegnen aber auch alltäglich jedem Menschen in den kleinen Störungen und Katastrophen seines oder ihres Lebens. In jedem Falle aber tritt eine Handlungsstörung durch Leidenserfahrung ein, die durch eine Deutungsanstrengung bewältigt (durchgearbeitet) werden muss, damit das Leben weitergehen kann.
Es geht also um eine Sinnstörung durch die Erfahrung eines Zeitbruchs und um die Wiedergewinnung von Sinn durch Zeitdeutung. Die Sinnstörungen werden als etwas von außen Hereinbrechendes, als etwas nicht Vorhersehbares und schon gar nicht Gewolltes oder Beabsichtigtes wahrgenommen. Die diese Störungen beseitigenden Sinnbildungen kommen demgegenüber von innen und sind konform mit Absichten, die willensgesteuertes Handeln leiten können. Ich [<<32]würde gerne von zwei Zeiten sprechen, eine als Störung einbrechende Naturzeit (wobei »Natur« die Unabhängigkeit von Zeitverläufen von menschlichen Zeitdeutungen bezeichnet, also das »Außen«), und eine diese Störungen beseitigende humane Zeit, die von »innen« kommt und den roten Faden menschlicher Lebensführung und Leidensbewältigung aufweist.
Mit diesen gegensätzlichen Zeitvorstellungen lässt sich charakterisieren, um welche mentale Leistung es geht: Naturzeit muss in humane Zeit transformiert werden, damit menschliches Leben im Fluss der Zeit, in seiner äußeren und inneren Zeit zugleich gelebt werden kann. Die für das historische Denken grundlegende mentale Leistung der menschlichen Kultur ist ein elementarer und allgemeiner Vorgang der Humanisierung von Zeit.17
Von der Naturzeit zur humanen Zeit Natürlich ist die Unterscheidung zweier Zeiten, der äußeren Naturzeit und der inneren humanen Zeit, künstlich. Aber es geht um elementare Qualitäten in der Zeitlichkeit des menschlichen Daseins, in der Bestimmtheit allen menschlichen Lebens durch den Zeitfluss, in dem es, ja als den es geschieht. Auf der einen Seite steht die irritierende Zeit in der Form von Bruch, Dissonanz, Unglück, Schmerz und Leid. Ihre radikalste Form ist der Tod.18 Auf der anderen Seite steht die Dauer des Verlässlichen, das Gelingen menschlicher Lebensentwürfe, die Verwirklichung von Absichten und in seiner radikalsten Form die Vorstellung einer Überwindung des Todes, eines Aufgehens des menschlichen Lebens in der Dauer eines erfüllten Augenblicks. Zwischen diesen beiden Extremen spannt sich die Sinnbildungsarbeit des Geschichtsbewusstseins aus.
In dieser Sinnbildung verschwindet die naturhafte Zeit nicht – Kontingenz wird nicht einfach beseitigt –, sondern sie gewinnt Bedeutung, verliert ihren [<<33]irritierenden Charakter; sie wird in Bedeutung ›aufgehoben‹. Mit der Arbeit dieser Bedeutungsverleihung wächst den Menschen, die sie zu Wege bringen, ein neues Selbstbewusstsein zu. Die ursprüngliche Ratlosigkeit gegenüber dem herausfordernden Zeitgeschehen wandelt sich in die Fähigkeit, es so in die Deutung der eigenen Welt zu integrieren, dass man sich angesichts seiner zur Geltung bringen kann. Es ist wie im Sprichwort »was mich nicht umbringt, macht mich stärker«: Das menschliche Selbst wächst mit der Bewältigung von Zeiterfahrungen, die das Leben ringsum bestimmen. Es gewinnt an Subjektivität, an zeitlicher Tiefe seines Selbstseins.
Auf diese Weise, in diesem spezifischen Modus der Deutungsarbeit des menschlichen Geistes an den Lebensumständen seiner Subjekte, kommt die Geschichte in die Welt. Sie entspringt dem menschlichen Subjekt nicht; wohl aber gewinnt sie erst durch seine Arbeit an den es bedrängenden Zeiterfahrungen ihren spezifischen Charakter. Um diesen spezifischen Charakter auszumachen, also zu verstehen, was ›Geschichte‹ eigentlich ist, bedarf es einer genaueren Analyse der für sie maßgeblichen geistigen Aktivitäten des menschlichen Bewusstseins.
Sinn ist die zentrale und fundamentale Kategorie, die den Bereich des Kulturellen im menschlichen Leben definiert, also bestimmend allen kulturellen Leistungen des Menschen zu Grunde liegt.19 Es würde zu weit führen, die enorme Bedeutungsvielfalt der Sinnkategorie im Einzelnen auseinanderzulegen, zu analysieren und auf ihre inneren Zusammenhänge hin durchsichtig zu machen.20
Zur Aufklärung der mentalen Prozeduren der historischen Sinnbildung dürfte es genügen, auf folgende Bedeutungen der Sinn-Kategorie hinzuweisen, um ihre Leistung im historischen Denken aufzuschlüsseln. Sinn ist eine Leistung des menschlichen Geistes, durch die die Welt, in der der Mensch lebt, [<<34]eine lebensermöglichende Bedeutung gewinnt. Sinn bezieht sich einerseits auf die Sinnlichkeit des Menschen als Einfallstor der Erfahrung, als Verquickung des menschlichen Geistes mit der ihn umgebenden Welt, und zugleich integriert er die Erfahrung dieser Welt in den Horizont geistiger Bestimmtheit des menschlichen Leidens und Handelns. Im Inneren des Menschen ist Sinn das fundamentale Kriterium, mit dem er sein Verhältnis zu sich selbst und zu anderen Menschen regelt und über Absichten und absichtsvolle Ausrichtungen seines Willens entscheidet. Sinn macht Orientierung möglich; er stellt das menschliche Leben in einen Horizont von Deutungen; er macht die Welt und den Menschen sich selbst verständlich; er hat eine Erklärungsfunktion; er formiert menschliche Subjektivität in das kohärente Gebilde eines (personalen und sozialen) Selbst; er lässt Leiden erträglich werden und stimuliert Handeln durch Absichten. Und schließlich ermöglicht Sinn Kommunikation als Vorgang zwischenmenschlichen Verstehens.
Alle diese Leistungen müssen vom menschlichen Geist erbracht werden, damit der Mensch in den zeitlichen Zusammenhängen seines Daseins, in seiner inneren und äußeren Zeitlichkeit, leben kann.
Die mentalen Vorgänge der Sinnbildung Allem historischen Denken liegt also eine spezifische, der Zeiterfahrung gewidmete Sinnbildungsleistung zu Grunde. Um diese mentale Leistung als Grundlage des menschlichen Geschichtsbewusstseins aufzuschlüsseln, lässt sich die mentale Aktivität der Sinnbildung in vier unterscheidbare und natürlich aufs Engste zusammenhängende, mehr noch: ineinander übergehende Aktivitäten auseinanderlegen: Erfahrung, oder Wahrnehmung, Deutung, Orientierung und Motivation.
[<<35]
Man kann sich diese Aktivitäten in einer zeitlichen Ordnung vorstellen: Die historische Sinngenerierung wird zunächst durch die Erfahrung einer zeitlichen Veränderung in Gang gesetzt. Sie stellt die Lebensordnung der menschlichen Subjekte in Frage und bedarf daher in einem zweiten Schritt einer Deutung. Diese Deutung geht dann in einem dritten Schritt in die kulturelle Orientierung des menschlichen Daseins, in seine Lebensordnung, ein. Im Rahmen dieser Orientierung kann dann die Irritation, die die Erfahrung störender zeitlicher Veränderungen hervorbringt, bewältigt werden. Aus der gedeuteten Zeiterfahrung können im gleichen Orientierungsrahmen Motivationen für menschliches Handeln erwachsen.
Sinn ist der innere Zusammenhang dieser vier Aktivitäten; er schließt sie als grundlegender Gesichtspunkt der menschlichen Welt- und Selbstdeutung zu einer Einheit zusammen, und in dieser Einheit besteht die Leistung der Kultur im menschlichen Leben.21
Auf der Ebene der anthropologischen Grundsätzlichkeit, auf der dieser Sinnbegriff angesiedelt wird, lässt sich nun diejenige Spezifikation von Sinnbildung analysieren, die die anthropologische Grundlage des historischen Denkens ausmacht. Historisches Denken ist der deutende Umgang mit der oben beschriebenen Zeiterfahrung von herausfordernder Kontingenz. Es geht also nicht um die Erfahrung von Zeit überhaupt, sondern um die spezifische Zeiterfahrung von deutungsbedürftiger Kontingenz. Historischer Sinn bildet sich durch die Integration der Erfahrung vom zeitlichen Wandel des Menschen und seiner Welt in ein Deutungsmuster. Mit ihm lässt sich das menschliche Leben in die Zusammenhänge seiner zeitlichen Bestimmtheit einfügen. Mit ihm kann Leiden bewältigt und Handeln beabsichtigt werden. Sinn artikuliert sich also in einer bestimmten Zeitverlaufsvorstellung. In sie hinein können kontingente [<<36]Geschehnisse durch Deutung so integriert werden, dass ihre Kontingenz, ihre je spezifische faktische Besonderheit, Bedeutung für das Verständnis der menschlichen Welt in ihrer zeitlichen Erstreckung gewinnt.
Was macht ein Ereignis historisch? Um die Eigenart des historischen Denkens zu verstehen, ist es wichtig, den Status von Geschehnissen oder Ereignissen im Zeitverlauf der menschlichen Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dass etwas zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Weise aus bestimmten Gründen geschehen ist, macht das aus, was man ein Ereignis nennt. Es ist diese konkrete Bestimmtheit – man nannte sie in der traditionellen Erkenntnistheorie des historischen Denkens individuell –, die das historische Ereignis auszeichnet. In seiner puren Faktizität freilich ist es noch nicht historisch. Das wird es erst dann, wenn es im zeitlichen Zusammenhang mit anderen Ereignissen als ein Vorgang gedeutet wird, der Sinn macht, d. h. in eine Zeitverlaufsvorstellung deutend integriert werden kann. Mit ihr können die aktuellen zeitlichen Prozesse der menschlichen Lebenspraxis den jeweils von ihnen Betroffenen erschlossen und für sie lebbar gemacht werden. Das Entscheidende ist nun, dass in dieser Zeitverlaufsvorstellung die faktische Besonderheit der Ereignisse nicht verschwindet oder zumindest bedeutungslos wird, sondern erhalten bleibt. Sie wird im Deutungsrahmen der Zeitverlaufsvorstellung zum Träger historischen Sinns.
Man kann die konkrete Bestimmtheit von Ereignissen auch durch eine Deutung verschwinden lassen, die ganz auf übergreifende Sinnzusammenhänge abhebt, die die einzelnen Ereignisse zwar tragen, aber in ihrer je konkreten Besonderheit nicht mehr hervorheben. Solche Sinnzusammenhänge sind zum Beispiel Vorstellungen einer kosmisch geordneten Zeit, in der die Besonderheit eines konkreten zeitlich definierbaren Ereignisses verschwindet; der Sinn des Ganzen löst den des Einzelnen in sich auf. Genau das geschieht aber im historischen Denken nicht, sondern in ihm bleibt das je Spezifische des Geschehens erhalten. Das muss auch so sein, denn es sollen ja die konkreten zeitlichen Zusammenhänge der menschlichen Lebensordnung verständlich gemacht werden. Also braucht man eine Deutung, in der diese Besonderheit nicht in einer allgemeinen Sinnhaftigkeit verschwindet, sondern – durchaus im Zusammenhang mit einer übergreifenden Sinnhaftigkeit – als in sich sinnvoll erscheint und gelebt werden kann.
Worin diese Besonderheit im Einzelnen besteht, ist völlig offen. Es kann der individuelle Charakter eines einzelnen Ereignisses, etwa einer Thronbesteigung [<<37]oder einer Unabhängigkeitserklärung, oder die Spezifik größerer Ereigniskomplexe wie etwa ein Krieg oder eine ganze Epoche sein.
Am Ursprung der historischen Erfahrung steht eine erlebte und zumeist auch erlittene zeitliche Veränderung in den vielfältigen Bedingtheiten der menschlichen Lebenspraxis: eine tiefgreifende Veränderung von Herrschaftsverhältnissen zum Beispiel. Die Zeit zerbricht sozusagen, sie fällt in ein Vorher und Nachher auseinander, zwischen dem der erfahrene Wandel steht. Der herausfordernde Charakter einer solchen Erfahrung beruht auf dem kulturellen Bedürfnis des Menschen, seine Lebenspraxis mit einer Vorstellung vom Verlauf der Zeit so zu orientieren, dass eine durchgängige Sinnhaftigkeit in der Kette wechselnder Ereignisse entsteht: Damit kann die Zeitstörung beseitigt werden.22
Diese Bruch-Erfahrung ist eine unmittelbare, eine lebendige. Sie ist nicht das, was man landläufig ›historisch‹ nennt. Sie betrifft kein ausgesprochen Vergangenes, zeitlich Zurückliegendes, ganz von der Gegenwart Unterschiedenes. Wenn man aber ein solches vergangenes, also eigentlich ›historisches‹ Ereignis verstehen will, muss man die zeitliche Abständigkeit der Vergangenheit in die Gegenwart einholen. Das geht so vor sich, dass die Abständigkeitserfahrung der Vergangenheit vor dem Hintergrund, oder besser: auf dem Untergrund der lebendigen Erfahrung eines Zeitbruchs gesehen und verstanden wird. In diesem Zeitbruch der Gegenwart gibt es, wie gesagt, zwei Zeiten, die des Vorher und die des Nachher. Damit ist ein wesentliches Element der historischen Erfahrung angesprochen: Es geht um die Erfahrung von Zeitdifferenz, von der Unterschiedlichkeit von Zeiten, von der eigenen und der anderen Zeit (wobei die andere Zeit aber alles andere als unwesentlich oder unwichtig erfahren wird – es ist die anders gewordene oder gewesene eigene).
Zeitdifferenz, Faktizität und Bedeutung Ich betonte die Bedeutung der Zeitbrucherfahrung deshalb, weil landläufig unter historischer Erfahrung (wenn man überhaupt noch von Erfahrung spricht) nur die abständige gemeint ist. Dass etwas in der Vergangenheit geschehen ist, erfahren wir nicht als dieses [<<38]Geschehen, sondern als das, was von ihm in irgendeiner Weise noch gegenwärtig ist. Eine solche Erfahrung ist im Unterschied zu der anderen, der aktuellen Differenzerfahrung des Bruches der Zeit zwischen damals und heute nicht besonders sinnträchtig. (Deshalb kommen heutzutage viele Geschichtstheoretiker zu der höchst problematischen Auffassung, der historische Sinn komme der Vergangenheit ausschließlich von der Gegenwart her zu; von sich selbst her habe sie keinen.)23 Im traditionellen Verständnis ist diese Erfahrung ›unschuldig‹; sie hat keine Bedeutung in sich selbst.24 Diese ›Unschuld‹ wird in der Historik betont, wenn es um die Ermittlung purer Tatsächlichkeit des vergangenen Geschehens geht (also z. B. die bloße Tatsache, dass der Frankenkönig Karl am Abend des ersten Weihnachtstages (25.12.) des Jahres 800 von Papst Leo III. zum römischen Kaiser gekrönt wurde). Die pure Tatsächlichkeit des Geschehens liegt jenseits ihrer Bedeutung, aber in ihrer ›Reinheit‹ kommt sie, wenn überhaupt, nur sehr selten vor. Sie ist ein bloß abkünftiger, ein sekundärer Modus von Zeitdifferenz. Es handelt sich sozusagen um eine Schrumpferfahrung. Sie hat ihre Sinnträchtigkeit verloren – besser gesagt: Ihre Sinnträchtigkeit ist aus dem Blick geraten, weil sie aus demjenigen Zusammenhang gerissen wird, in dem sie überhaupt als different und als in ihrer Differenz bedeutend erfahren wird.25 Es ist genau diese Bedeutung von Differenz, die das historische Denken dazu motiviert, den Zusammenhang zwischen dieser abständigen und der lebendig-gegenwärtigen Zeit als übergreifenden Zusammenhang von Geschichte zu denken.
Es wäre zu einseitig, in der historischen Erfahrung nur eine Herausforderung zu sehen, die die kulturellen Gewohnheiten des Umgangs mit Zeit im menschlichen Leben negativ infrage stellt. Es gibt auch eine andere Zeitdifferenzerfahrung. Sie ist so herausfordernd wie die bisher betonte. Nur stellt sie im Horizont vorgegebener kultureller Orientierungen kein Sinndefizit dar, sondern das Gegenteil. Die ›andere‹ Zeit kann auch als Sinnquelle, ja als Sinnüberwältigung zur historischen Deutung herausfordern. Historische Erfahrungen können als [<<39]Sinnquellen Defizite im vorgegebenen sinnhaften Horizont der gegenwärtigen Lebenspraxis spürbar machen. Ihre Bedeutung bestünde dann darin, dass man mit ihnen diese Defizite beseitigen und dadurch neuen historischen Sinn gewinnen kann. Eine solche Zeitdifferenz wird vor allem von Intellektuellen (darunter auch Historikern) betont, die in der modernen Lebensform einer säkularen Zivilgesellschaft eine Sinn-Dürre ausmachen und durch erinnerndes Einholen einer Sinn-Fülle vormoderner Lebensformen kompensieren.26
Die erfahrene Zeit-Differenz muss gedeutet werden; durch ihren irritierenden Charakter fordert sie geradezu dazu auf. Sie lässt den Menschen keine Ruhe, bis sie sich mit ihr soweit auseinandergesetzt haben, dass sie in die Ordnung ihres Lebens passt. Worin besteht nun diese Deutung? Zeitdifferenz ist gedeutet, wenn sie in eine übergreifende Zeitverlaufsvorstellung integriert wird, die die kulturelle Orientierung der menschlichen Lebenspraxis bestimmt.
Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen, je nachdem worin der herausfordernde Charakter der historischen Erfahrung besteht. In archaischen Gesellschaften muss jeder erfahrene zeitliche Wandel so gedeutet werden, dass in ihm eine gültige Tradition andauert. Er wird sozusagen stillgestellt. In modernen Gesellschaften wird der Zeitbruch in die Dynamik eines historischen Prozesses, einer schon als sinnvoll konzipierten Geschichtsvorstellung von Veränderung integriert. Man kann sich aber auch deutend über die Geschehens-Zeit der historischen Veränderung erheben und in dem, was geschehen ist, einen Vorgang sehen, der eine allgemeine Regel des menschlichen Verhaltens dokumentiert. Andersherum gedacht: Aus dem herausfordernden Geschehen wird eine allgemeine Regel gefolgert, und es ist diese Regel, die an und mit diesem Geschehen Sinn macht. In jedem Falle aber geht es darum, die historische Erfahrung in ein Deutungsmuster einzuholen, das sie verständlich macht. Indem sie verständlich wird, kann sie dann auch als Erfahrungsgewinn kulturell sozusagen verbucht oder in Rechnung gestellt werden. Im Lichte ihrer Bedeutung verstärkt die historische Erfahrung die Kompetenz derjenigen, die [<<40]sie angeht, mit zeitlichem Wandel produktiv umzugehen. Über die geistige Brücke der Deutung kann sie in die lebensdienliche Orientierung des menschlichen Daseins wirkungsvoll eingehen.
Durch Deutung wird die historische Erfahrung zu historischem Wissen. Wenn bei der Deutung bestimmte methodische Standards wirksam wurden, kann man auch von Erkenntnis reden. Sie geht damit in die kognitive Landschaft der menschlichen Welt ein und steht für Orientierungszwecke zur Verfügung. Nicht alle Deutung ist schon Orientierung. Zu Letzterer gehört ein direkter Bezug zur Lebenspraxis, also eine innere Qualität von Lebensdienlichkeit. Je nach Lebensumständen kann das etwas ganz Unterschiedliches bedeuten: Historisches Wissen kann die Macht von Traditionen verstärken. Es kann aber auch im Gegenteil dazu verwendet werden, die Macht von Traditionen zu brechen, um neue Orientierungen möglich zu machen. Historisches Wissen kann die Regelkompetenz von Bildungseliten stärken und vertiefen. Es kann dazu verwendet werden, Lebensumstände (im Deutungsrahmen von Fortschrittsvorstellungen) als verbesserbar erscheinen zu lassen und entsprechend Handlungspotenziale zu mobilisieren.
Historische Orientierung dient aber nicht nur dazu, die Welt in ihrer Zeitlichkeit dem Menschen so zu erschließen, dass er sich in ihr zurechtfinden kann. Sie orientiert den Menschen auch über oder besser: in sich selbst. Sie erstreckt sich in sein Inneres, in die Tiefen, wenn nicht gar in die Abgründe seiner Subjektivität. Denn mit der Welt ist natürlich auch der in ihr lebende und sich mit ihr sinnbildend auseinandersetzende Mensch gemeint. Historisches Wissen dient auch zur Gestaltung seiner inneren Zeit. Hier liegt eine seiner wichtigsten Orientierungsfunktionen: seine Rolle in der Bildung, Verhandlung, Durchsetzung und Veränderung von Identität.
Identität Identität gilt inzwischen als Un-Begriff, als unbrauchbar für eine halbwegs klare rationale Argumentation.27 Aber mit dem Begriff droht auch die [<<41]Sache zu verschwimmen oder in eine semantische Beliebigkeit zu geraten, in der alles möglich, nichts mehr ausgeschlossen ist, so dass sich keine klaren Linien diskutierbarer Bedeutungen mehr abzeichnen. Wenn man aber unter Identität ganz schlicht die Antwort auf die Frage versteht, wer man ist, dann dürfte der Begriffsverwirrung (hoffentlich) Einhalt geboten werden.
Diese Fragen – wer bin ich?, wer sind wir? – stellen sich permanent im personalen genauso wie im sozialen Leben. Zu ihrer Antwort bedarf es einer erfahrungsbegründeten und aussichtsreichen Zeitvorstellung über das eigene Ich beziehungsweise Wir. Der historischen Orientierung geht es um das jeweils infrage gestellte und sich selbst ständig infrage stellende menschliche Selbst, und zwar in seiner Zeitlichkeit. Diese Orientierung gibt dem Selbst im Fluss der Zeit, der durch es hindurchgeht, es mit sich nimmt und dadurch mit einer Daueraufgabe konfrontiert, einen lebensermöglichenden Standpunkt. Es verhilft ihm dazu, zeitlichen Boden unter die Füße zu bekommen. Das können bewährte Traditionen sein, die vorgegebene Statuszuweisungen legitimieren; es können aber auch Vorstellungen von Bildungsprozessen sein, in denen sich Gemeinschaften und auch einzelne Menschen als je individuelle Repräsentanten der Menschengattung verstehen, also ihren personalen und sozialen Status menschheitlich begründen. Dafür mögen als Beispiele unterschiedliche humanistische Traditionen stehen, aber auch der Zwist zwischen der modernen französischen und deutschen nationalen Identität, die sich in ihrem konfliktreichen Gründungsprozess auf je unterschiedliche Weise, aber doch gemeinsam im Rekurs auf die Menschheit intellektuell formiert hatten.
Kulturelle Orientierungen erstrecken sich grundsätzlich in die Dimension der menschlichen Mentalität, in der sich Handlungsmotivationen als Willensimpulse formieren. Solche Motivationen speisen sich immer auch aus Leidenserfahrungen (die in den meisten Handlungstheorien übersehen werden). Historisches Wissen, das in diese Dimensionen transformiert wird, gewinnt damit eine durch und durch praktische Funktion. Das kann beispielsweise bis zu der Bereitschaft gehen, im Horizont einer historisch artikulierten nationalen Identität andere Menschen zu töten oder sein Leben für die Nation zu opfern. Das Gleiche gilt für mögliche Handlungsfolgen aus bestimmten (fundamentalistischen) historischen Deutungen in religiösen Glaubensüberzeugungen.
Max Weber hat für die motivationale Wirkung von Deutungsmustern (»Ideen«) die Metapher von der »Weichenstellung« für Interessen (als Handlungsimpulse) [<<42]verwendet.28 Damit hat er eine fundamentale Beziehung zwischen Denken und Handeln zur Sprache gebracht. Man könnte auch an den von Nietzsche populär gemachten Begriff des »Willens zur Macht« anknüpfen. Aber im Unterschied zu Nietzsche, der die Blindheit dieses Willens betont hat, muss auf der anthropologischen Einsicht beharrt werden, dass im Falle des Menschen dieser Wille ein Auge hat, also im Horizont einer gedeuteten Welt seine Kräfte entfaltet. Historisches Wissen ist ein unverzichtbares Element dieser Weltdeutung.
