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In diesem Werk erhalten Studierende der Medizin einen praxisorientierten Einblick in die wichtigsten Erkrankungen aus dem Bereich der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Weiters werden verschiedene Operationsmethoden sowie die dazu gehörige Nachsorge vermittelt. Ein Symptomverzeichnis zur Erleichterung der Differentialdiagnose schließt das Werk ab. Inklusive Übungsfragen in der facultasApp!
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2023
Christian A. Müller
HNO
Ein Praxisleitfaden
Assoc. Prof. PD Dr. Christian A. Müller
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und
Ohrenkrankheiten
Währinger Gürtel 18–20
1090 Wien
Wegen stilistischer Klarheit und leichterer Lesbarkeit wurde im Text auf die sprachliche Verwendung weiblicher Formen verzichtet. Ausdrücklich sei hier festgehalten, dass die Verwendung der männlichen Form inhaltlich für alle Geschlechter gilt und keinesfalls einen sexistischen Sprachgebrauch darstellt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d.nb.de abrufbar.
2. Auflage 2023
© Facultas Universitätsverlag 2021
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung
und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Umschlag: © SiberianArt – istock.com
Satz & Druck: Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Printed in Austria
ISBN 978-3-7089-2387-1 (print)
ISBN 978-3-99111-783-4 (E-Pub)
VORWORT
Dieses Büchlein dient als Ergänzung zur klinischen Routine im Rahmen der HNO-Ausbildung während des Medizinstudiums. Es soll in erster Linie die häufigen und gefährlichen Krankheitsbilder vermitteln, die einem Arzt für Allgemeinmedizin begegnen können. Damit sind auch die wichtigsten Operationen aus dem HNO-Bereich eingeschlossen. Es soll die Studierenden unterstützen, die Pathophysiologie der Erkrankungen sowie deren Diagnose und Therapie zu erlernen, ohne ein tabellarisches Lehrbuch zu ersetzen. Durch das kleine Format kann das Buch gut in der Kitteltasche untergebracht und so jederzeit in Ambulanz, Station und OP verwendet werden. Zusätzlich sind im Rahmen der Heimarbeit klassische Lehrbücher, internetbasierte Wissensplattformen und Publikationen in Ergänzung heranzuziehen.
Nach der Beschreibung der einzelnen Bereiche der HNO-Heilkunde schließt sich eine kurze Auflistung möglicher Differenzialdiagnosen der typischen HNO-Symptome an. Dies ermöglicht, in der Ambulanz gleich zu Beginn der klinischen Tätigkeit einen ganzheitlichen Blick zu schulen und die wahrscheinlichsten Diagnosen nicht zu übersehen.
Ich hoffe, mit diesem praxisorientierten HNO-Praxisleitfaden einen positiven Anreiz zur vertiefenden Beschäftigung mit diesem wichtigen Fach leisten zu können, das einige der häufigsten Symptome der Allgemeinmedizinischen Ordination (z. B. Schwindel, Hörminderung, Ohren- oder Halsschmerzen), aber auch potenziell gefährliche Symptome wie Atemnot oder Epistaxis beinhaltet.
Ich wünsche allen Studentinnen und Studenten viel Freude bei der Beschäftigung mit dem Fachgebiet der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde!
Christian A. Müller
Wien, im Juni 2023
INHALTSVERZEICHNIS
HNO-Status und Klinische Untersuchung
OHR
Äußeres Ohr
Othämatom
Perichondritis
Abstehohren
Zoster oticus
Atherom
Präaurikuläre Fistel
Gehörgang
Otitis externa
Gehörgangsfremdkörper
Gehörgangsexostosen
Mittelohr
Einschub Hörprüfung
Tubenkatarrh
Otitis media acuta
Mastoiditis
Otitis media chronica
Otosklerose
Fazialisparese
Innenohr
Tinnitus
Innenohrschwerhörigkeit
Presbyakusis
Schwindel
NASE/NASENNEBENHÖHLEN (NNH)
Epistaxis
Formfehler der Nase und Nasenscheidewand
Septumperforation
Nasenfremdkörper
Weichteilverletzungen (Nase/Gesicht)
Nasenbeinfraktur
Nasenfurunkel
Rhinosinusitis
Rhinitis acuta
Rhinitis allergica
Rhinitis chronica
Sinusitis acuta
Sinusitis chronica
Mukozele
Anosmie
Parosmie
Tumoren der Nase/Nasennebenhöhlen
NASOPHARYNX
Adenoide Vegetationen
Juveniles Nasenrachenfibrom
Epipharynxkarzinom
MUNDHÖHLE
Herpes labialis
Mundsoor
Habituelle Aphthen
Gingivostomatitis
Immunologische Erkrankungen mit Veränderungen der Mundschleimhaut
Morbus Behcet
Lichen ruber planus
Glossitis
Weitere Veränderungen der Zungenoberfläche
Schmeckstörungen
Angioödem
Mundbodenphlegmone
Gutartige und bösartige Tumoren der Mundhöhle
OROPHARYNX, HYPOPHARYNX, ÖSOPHAGUS
Akute und chronische Pharyngitis
Akute und chronische Tonsillitis
Angina Plaut-Vincent
Herpangina
Peritonsillarabszess
Tonsillenkarzinom
Hypopharynxkarzinom
Zenkerdivertikel
Schnarchen und OSAS
Ösophagusfremdkörper
Verätzungen des Ösophagus
LARYNX, TRACHEA
Kehlkopftrauma
Larynx- und Trachealstenosen
Akute Epiglottitis
Akute und chronische Laryngitis
Reinke-Ödem (Stimmlippenödem)
Kehlkopflähmungen
Gutartige Tumoren
Bösartige Tumoren
HALS
Mediane und laterale Halszysten
Halsabszess
Lymphadenopathie
Lymphadenitis
Lymphknotenmetastasen
Lymphome
Gutartige und bösartige Tumoren
SPEICHELDRÜSEN
Sialolithiasis
Sialadenitis
Sialadenosen
Gutartige und bösartige Tumoren
Ranula
PHONIATRIE UND PÄDAUDIOLOGIE
Sprach- und Sprechstörungen
Stimmstörungen
Schluckstörungen (Dysphagien)
OPERATIONEN IM HNO-BEREICH – INDIKATIONEN, DURCHFÜHRUNG, NACHSORGE, KOMPLIKATIONEN
Adenotomie
Tonsillektomie, Tonsillotomie
Septumplastik
Septorhinoplastik
FESS (Functional Endoscopic Sinus Surgery)
Parotidektomie
Laryngektomie
Neck-Dissection (ND)
Parazentese (PZ)
Tympanoplastik, Mastoidektomie
Mikrolaryngoskopie (MLX), Panendoskopie
Koniotomie
Tracheotomie
SYMPTOMVERZEICHNIS (DIFFERENZIALDIAGNOSEN)
FALLBEISPIELE
HNO-Status und Klinische Untersuchung
Bei jedem Patienten, der erstmalig untersucht wird, muss nach genauer Anamnese (welche Beschwerden? Seit wann bestehen sie? Was ist bisher geschehen (Diagnostik, Therapie)? Wie war der Verlauf?) der komplette HNO-Status durchgeführt werden. Dabei werden die Ohren, Nase, Mundhöhle/-rachen/Epipharynx, Kehlkopf, Hals systematisch untersucht, da diese Gebiete der Kopf-Hals-Region bei vielen Krankheitsbildern in direktem pathophysiologischen Zusammenhang stehen. So führt z. B. eine Pathologie im Bereich der Nase und/oder des Nasenrachens über die Beeinträchtigung der Tubenfunktion oft zu einer Minderbelüftung des Mittelohres und damit zum Symptom der Hörminderung.
Inhalte des HNO-Status
Ohren: Ohrmuschel (Helix, Anthelix, Tragus, Cavum conchae), Mastoid
Gehörgang (Cerumen? Schwellung? Sekret?)
Trommelfell (Lichtreflex, Farbe/Transparenz, Anulus fibrosus, Pars flaccida, Pars tensa)
Nase: Septum-Locus Kiesselbachi, Muscheln, Sekret?
Mundhöhle: Vestibulum oris (Papilla parotidea), Zunge, Mundboden, Uvula, Gaumenbögen, Gaumen
Oropharynx: Tonsillen, Rachenhinterwand
Epipharynx: Tubenostien, Adenoide Vegetationen
Larynx, Hypopharynx: Epiglottis, Stimmlippenbeweglichkeit, Glottisweite
Hals: Lymphknoten, Schilddrüse (normalerweise nicht tastbar)
OHR
Die LEITSYMPTOME von OHR-ERKRANKUNGEN, die anamnestisch und klinisch abzuklären sind:
•Ohrenschmerzen (Otalgie)
•Ohrsekretion (Otorrhoe)
•Hörminderung (Hypakusis)
•Ohrgeräusch (Tinnitus)
•Schwindel (Vertigo)
Äußeres Ohr
Bei der Beurteilung des äußeren Ohres denken wir an Erkrankungen und Veränderungen der Ohrmuschel und ihrer Umgebung und betrachten die Form und Strukturen der Ohrmuschel an ihrer Vorder- und Rückseite sowie die retroaurikuläre Region (Mastoid, s. auch Mittelohr) und eventuelle Narben nach früheren Operationen.
Die wichtigen Strukturen der Ohrmuschel sind: Helix, Anthelix, Cavum conchae, Tragus, Lobulus.
Othämatom
Darunter versteht man eine Blutansammlung (Hämatom) zwischen Knorpel und Knorpelhaut (Perichondrium) der Ohrmuschel. Da der Knorpel selbst keine Durchblutung besitzt, sondern über die eng anliegende Knorpelhaut mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird, führt ein unbehandeltes Othämatom (analog zum unbehandelten Septumhämatom der Nase) zu einer irreversiblen Schädigung des Knorpels und unschönen Narbenbildungen der Ohrmuschel („Blumenkohlohr“, „Ringerohr“). Diese Narbenbildungen führen zu einem Verlust des Ohrmuschelreliefs (Helix, Scapha, Anthelix etc.), welcher durch plastisch-rekonstruktive Maßnahmen nicht zu beheben ist.
Diagnose: durch Anamnese und Erscheinungsbild.
Typischerweise geht der Entstehung eines Othämatoms ein stumpfes oder tangentiales Schertrauma voraus, wodurch Blutgefäße der Knorpelhaut zerreißen und zwischen Knorpel und Perichondrium einbluten, sodass die Knorpelhaut vom Knorpel abgehoben wird und ihn nicht mehr ausreichend versorgen kann. Dies kann auch spontan oder unbemerkt (z. B. im Schlaf) erfolgen.
Hilfreich in der Diagnose ist die Palpation, bei der das fluktuierende Hämatom getastet werden kann. Eine Verwechslung mit der Ohrmuschelperichondritis (Erscheinungsbild ohne Tasten evtl. ähnlich) kann somit ausgeschlossen werden.
Therapie: Zur Entlastung des Hämatoms ist immer eine Inzision mit obligatorischem Druckverband erforderlich (sonst kann sich der Raum zwischen Knorpel und Perichondrium wieder mit Blut füllen). Oft ist auch das Einlegen einer Lasche notwendig (meist als Durchzug durch zwei Inzisionen). Beim Druckverband ist darauf zu achten, dass keine Drucknekrosen entstehen. Dazu wird mit H2O2 (Wasserstoff-Peroxid) getränkte Watte in das wieder hergestellte Ohrmuschelrelief eingepasst und ein Wickelverband mit einer Mullbinde um das Ohr und die Stirn mehrfach straff gewickelt.
Die Lasche wird nach 2–3 Tagen entfernt, der Druckverband nach 5–7 Tagen. Bei Schmerzen muss immer sofort eine Sichtkontrolle mit Anlegen eines neuen Druckverbandes erfolgen.
Perichondritis
Die Entzündung der Knorpelhaut der Ohrmuschel präsentiert sich klinisch als umschriebene Rötung und mäßige Schwellung der knorpeligen Anteile der Ohrmuschel. Die Anthelix erscheint verstrichen. Die Ohrmuschel-Perichondritis stellt eine bakterielle Entzündung dar (meist durch Pseudomonas aeruginosa, Staphylokokkus aureus), die mittels Antibiotika behandelt werden muss. Die Behandlung muss ausreichend lange erfolgen, da sonst Rezidive häufig sind. Sobald mehr als die Hälfte der knorpeligen Anteile der Ohrmuschel betroffen sind, sollte die antibiotische Therapie parenteral mittels Infusionen erfolgen, womit ein höherer Wirkspiegel erzielt werden kann. Zusätzlich werden antibiotikahaltige Salben verordnet.
Bei der Ohrmuschel-Perichondritis ist das Ohrläppchen (kein Knorpel – damit auch keine Knorpelhaut) nicht entzündlich verändert.
Dies im Gegensatz zum Erysipel der Ohrmuschel, welches auch die umgebende Haut betrifft und meist durch Streptokokken ausgelöst wird. Manchmal wird das Erysipel durch eine fortgeleitete Entzündung aus dem Gehörgang oder dem Mittelohr hervorgerufen. Daher sollte immer eine Ohrmikroskopie erfolgen.
Abstehohren
Das abstehende Ohr (Apostasis auris) stellt eine kongenitale Ohrmuschelfehlbildung Grad I dar. Die Ursachen dafür liegen entweder im oberen Drittel der Ohrmuschel (fehlende oder unterentwickelte Anthelixfaltung), im mittleren Drittel (zu großes Cavum conchae) oder im unteren Drittel (abstehender Lobulus) bzw. in einer Kombination.
Im Kindesalter hat diese Fehlbildung Krankheitswert aufgrund möglicher psychischer Beeinträchtigungen und die Therapie (Operation) wird von der Krankenkasse übernommen. Das ideale Operationsalter liegt bei 5–6 Jahren (vor der Einschulung).
Gleich nach der Geburt führt auch ein sofortiges Nach-hinten-Abkleben der Ohrmuschel an das Mastoid für mehrere Wochen zum Erfolg.
Operationstechnik: Je nach Lokalisation der Fehlbildung wird die Anthelix gefaltet (durch Nähte und/oder subperichondrales Feilen der Knorpeloberfläche, womit sich der Knorpel stärker biegt und eine normale Anthelix-Faltung bildet) oder eine Resektion eines Teils des Cavum conchae bzw. eine Annäherung des Lobulus mittels Subkutannaht gemacht.
Wichtig ist das postoperative Tragen eines Stirnbandes für 3 Wochen, um die angelegten Ohren in Position zu halten.
Zoster oticus
Die Gürtelrose im Bereich des Ohres entsteht durch Reaktivierung einer Varizella-Zoster-Virus-Infektion aus den Ganglienzellen des VII. (N. facialis) und VIII. (N. vestibulocochlearis) Hirnnerven.
Mögliche Erstsymptome sind demnach eine sensorineurale Hörstörung, Schwindel, Gesichtsnerven-Lähmung (Facialisparese) sowie typischerweise Schmerzen im Bereich des Ohres. Gruppierte Zosterbläschen im Bereich des Gehörganges (Ohrmikroskopie!) oder der Ohrmuschel und umgebender Haut können, müssen aber nicht von Anfang an sichtbar sein.
Bei Vorliegen einer Facialisparese sollte eine neurologische und augenärztliche (Uhrglasverband bei unvollständigem Lidschluss!) Begutachtung erfolgen.
Als Behandlung erfolgt eine virustatische und analgetische Therapie.
Atherom
Das Atherom (Talgdrüsen-Retentions-Zyste) des Ohrläppchens ist eine gutartige retroaurikuläre Raumforderung, die bei Entzündung sehr schmerzhaft sein kann und dann inzidiert werden muss. Die chirurgische Entfernung sollte im nicht infizierten Zustand erfolgen.
Präaurikuläre Fisteln
Diese entstehen durch eine Embryonalfehlbildung (Anomalie des ersten Kiemenbogens) und zeigen sich meist durch eine kleine Öffnung vor dem oberen Ohrmuschelansatz. Bei Entzündung kommt es zu Rötung, Sekretion und Schmerzen. Nach symptomatischer antientzündlicher Therapie ist im möglichst infektfreien Intervall die chirurgische Entfernung indiziert (eine symptomlose Fistel muss nicht operiert werden). Dabei wird nach Anfärben des Fistelganges durch Instillation mit blauer Farbe (z. B. Methylenblau) dieser umschnitten und vorsichtig komplett exzidiert, da sonst Rezidive drohen. Oft reicht der Gang nur wenige mm in die Tiefe. Bei tiefer reichenden Fistelgängen ist auf die Nahebeziehung zur Ohrspeicheldrüse und dem N. facialis zu achten. Beim Auftreten von präaurikulären Zysten zeigen sich diese als Schwellungen, die differenzialdiagnostisch vielfältig betrachtet werden müssen (u. a. Lipom, Lymphangiom, Hämangiom, Lymphom, Dermoid-Zyste, Lymphadenitis und selten Lymphknotenmetastase).
Gehörgang
