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Hochsensibel glücklich Hochsensible Menschen sehen mehr, riechen mehr, hören mehr und nehmen mehr und schneller wahr, was in ihrer Umgebung und zwischen den Menschen passiert. Hochsensible haben sozusagen eine größere Antenne für jedes Detail in ihrer Umgebung. Ihr Leben empfinden Hochsensible dementsprechend als sehr intensiv, meistens aber auch als sehr anstrengend. Viele berichten, dass sie sich ständig überreizt fühlen, leicht ermüden, zum Grübeln neigen oder sich von ihrer Umgebung schnell zurückziehen. Wie können nun Hochsensible die Beeinträchtigungen, die ihren Alltag erschweren, selbst ein wenig abmildern? Hier gibt dieses Buch zahlreiche konkrete Tipps und Hilfestellungen, das Leben reizarmer zu gestalten. Dem Hochsensiblen werden praktische Übungen an die Hand gegeben, um Grenzen ziehen zu können, den persönlichen Schutzraum zu finden und Neinsagen zu lernen. Bei kurzzeitiger Überreizung können Notfall-Globuli, spezielle Homöopathika und Bach-Blüten als Akutmaßnahme helfen. Pflanzen wie Baldrian oder Hopfen werden bei Unruhe und Schlaflosigkeit eingesetzt, Entspannungstechniken erden den Betroffenen. Die Buch-Message ist: Wir sind jetzt sofort für Dich da – mit praktischen, in Deinen Alltag integrierbaren Tipps.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2017
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WAS SIE DAMIT ERREICHEN KÖNNEN:
Mithilfe von einfachen Strategien die eigene Hochsensibilität akzeptieren.
Der permanenten Reizüberflutung im Alltag leichter Paroli bieten.
Ihre Hochsensibilität als wertvolle Gabe schätzen lernen.
Ihre eigenen Fähigkeiten und Stärken entdecken und annehmen.
Seelische und körperliche Beschwerden auf sanfte Weise – dank Naturheilkunde und Entspannungsmethoden – lindern.
Schnelle Erste-Hilfe-Mittel bei Überreizung einfach und effektiv anwenden.
Ärztin und Medizinjournalistin
Diplom-Pädagogin, Coach für Hochsensible
Sie haben kürzlich erkannt, dass Sie hochsensibel sind. Möglicherweise sind Sie tief berührt, skeptisch oder ein wenig ratlos, was diese Erkenntnis für Sie und Ihren Alltag nun bedeutet. Verhaltensweisen, mit denen Sie in Ihrer Umgebung stets auf Unverständnis stießen, wie das Bedürfnis, allein zu sein, oder die Fähigkeit, emotionale Stimmungen in einem Raum fühlen zu können, erhalten nun eine ganz andere Bedeutung und Qualität. Dazu zählen auch körperliche und seelische Beschwerden, die Sie vielleicht bisher nicht Ihrer Hochsensibilität zuschrieben.
Das Wissen um die eigene Hochsensibilität kann das Leben gewaltig durcheinanderwirbeln. Oft ist es der Anfang einer langen Reise zu sich selbst, die große lebensverändernde Entscheidungen nach sich zieht, etwa einen Berufs- oder Wohnungswechsel. Das Annehmen der Hochsensibilität sowie die Prozesse und Entscheidungen, die sich daraus ergeben können, brauchen Zeit. Ihr Alltag aber geht morgen weiter.
Darum möchten wir Sie heute schon mit diesem Ratgeber in Ihrer Hochsensibilität begleiten. Wir informieren Sie über die nächsten Schritte und beantworten die drängendsten Fragen. Auch haben wir einen großen Praxis-Teil zusammengestellt. Hier finden Sie sanfte Unterstützung für die belastenden Aspekte Ihrer Hochsensibilität durch Homöopathie, Bach-Blüten und Phytotherapie sowie Übungen für körperliche und seelische Belastungen. Schauen Sie, was Sie anspricht.
Das Wichtigste bei der Entdeckung und Integration der eigenen Hochsensibilität ist, dass Sie immer genauer erkennen und fühlen können, wer Sie sind, was Ihnen guttut und womit Sie sich (wieder) wohlfühlen können.
ZU ALLEN ZEITEN GAB ES HOCHSENSIBLE, DIE AUFMERKSAMER AUF IHRE UMGEBUNG REAGIERTEN ALS ANDERE. IN DIESEM KAPITEL INFORMIEREN WIR SIE ÜBER DIE WISSENSCHAFTLICHEN HINTERGRÜNDE UND BEGLEITEN IHR NEUES WISSEN UM IHRE HOCHSENSIBILITÄT IN SECHS SCHRITTEN.
Hochsensible Menschen besitzen ein »durchlässigeres« Nervensystem als Normalsensible. Das heißt, dass sie mehr innere und äußere Reize im gleichen Zeitraum aufnehmen und sie komplexer und tiefgründiger verarbeiten als Normalsensible.
Der Alltag eines hochsensiblen Menschen ist davon geprägt, dass er mehr sieht, riecht, hört, schmeckt und fühlt als ein Normalsensibler. Auch Stimmungen und Veränderungen, die sozusagen »in der Luft liegen«, in der Umgebung oder im Körperinneren, werden sehr rasch und intensiv wahrgenommen. Das Empfinden für Organerkrankungen ist stark ausgeprägt.
Auch das vernetzte, ganzheitliche Denken ist bei Hochsensiblen außergewöhnlich intensiv. Das besondere neuronale System verfügt durch die erhöhte Reizaufnahme über eine Menge an Informationen, die entsprechend vielschichtig verarbeitet werden. Hochsensible Menschen haben daher unter anderem die Fähigkeit, komplexe Situationen zum Beispiel in einer Gruppe zu erkennen und zu erfühlen.
Weltweit besitzen 15 bis 20 Prozent der Menschen, unabhängig von Geschlecht und Kultur, diese besondere Disposition. Hochsensibilität wird vererbt. Sie ist weder eine Störung noch eine Krankheit.
Der russische Mediziner und Physiologe Iwan Pawlow (1849 – 1936) stieß bereits Anfang des letzten Jahrhunderts auf das Phänomen der Hochsensibilität. In seinen Versuchen zur Belastbarkeit bei Menschen beobachtete er, dass 15 bis 20 Prozent der Testpersonen auf akustische Reize völlig anders reagierten als bei dieser Art Experiment üblich. Die Schmerzgrenze für »Lärm« war bei diesen Menschen extrem viel niedriger. Sie konnten die Geräusche schon nach kürzester Zeit nicht mehr ertragen. Die anderen Testpersonen reagierten auf den Lärm hingegen erst viel später mit körperlichen Symptomen wie Muskelanspannung, Schwitzen oder Wegdrehen.
Damit bildeten die Hochsensiblen eine separate Gruppe, die komplett aus der Normalverteilungskurve herausfiel. Diese Beobachtung spricht dafür, dass Hochsensibilität eine genetische Charaktereigenschaft und kein erlerntes Verhalten ist.
INFO
HOCHSENSIBLE IN FRÜHEREN GESELLSCHAFTEN
Entwicklungsgeschichtlich betrachtet waren hochsensible Menschen diejenigen, die aufgrund ihrer Feinfühligkeit Gefahren früher und umfassender bemerkt und dadurch das Überleben der Gruppe gesichert haben. Das führte dazu, dass ihnen in der Gesellschaft eine besondere Rolle und Stellung zufiel. Sie waren die Weisen, Gelehrten und Berater an den Fürsten- und Königshäusern. Weitere historisch beschriebene Berufe waren unter anderem Astrologen, Lehrer, Forscher, Künstler, Heiler, Schamanen, Hebammen oder Seher. Bis heute sind kreative und soziale Berufe die Domäne der Hochsensiblen, darunter auch Musiker, Schriftsteller oder Modedesigner.
Der Schweizer Theologe und Psychiater Eduard Schweingruber (1899 – 1975) beschrieb die Wesensmerkmale der Hochsensibilität 1945 unter dem Titel »Der sensible Mensch« und damit mehr als fünfzig Jahre vor der Pionierin der Hochsensibilität, der amerikanischen Psychologin Elaine Aron (geb. 1944). Und noch ein Forscher ist auf diesem Feld aktiv: der amerikanische Psychologe Jerome Kagan (geb. 1929). Er führte Versuche mit Kindern durch, dabei setzte er Säuglinge verschiedenen intensiven Reizen aus und beobachtete ihre Reaktionen. Etwa 20 Prozent der Babys reagierten außergewöhnlich stark. Sie versuchten, den für sie anscheinend unerträglichen Reizen durch körperliche Reaktionen wie Zappeln, Schreien oder Weinen zu entkommen. Auch die objektiv messbaren Parameter unterschieden sich in der Frühzeitigkeit des Auftretens und der Intensität der Werte: Bei den hochsensiblen Säuglingen konnten zeitlich früher eine höhere Herzfrequenz, geweitete Pupillen und größere Stimmbandschwingungen gemessen werden als bei den Normalsensiblen. Kagan bezeichnete diese Kinder, die anders reagierten als die Norm, als »die gehemmten Kinder«. Der Name basierte auf der Beobachtung, dass sich diese Kinder im Lauf der Jahre zu deutlich vorsichtigeren, introvertierten Kindern im Vergleich zur Kontrollgruppe entwickelten. Auch physische Unterschiede waren auffällig: Bei den Hochsensiblen traten in der Kindheit gehäuft Allergien, Schlafstörungen, Koliken und Magen-Darm-Beschwerden wie beispielsweise Verstopfung auf. Noch in der Pubertät reagierten sie körperlich schneller auf Reize von außen; die Stimmbandschwingungen zeigten bei Stress erhöhte Werte.
ERASMUS VON ROTTERDAM
Trotz dieser frühen wissenschaftlichen Beschreibungen gewann das Thema Hochsensibilität aber erst durch Elaine Arons Forschungen und Publikationen weltweite Aufmerksamkeit. Aron und ihr Team untersuchten verschiedene Gehirnregionen unter anderem mit der Magnetresonanztomografie (MRT) und stellten fest, dass diese Regionen bei Hochsensiblen signifikant höhere Aktivitäten bei der Verarbeitung optischer Reize zeigten als die gleichen Gehirnareale bei Normalsensiblen. 1997 veröffentlichte sie in der angesehenen Fachzeitschrift »Journal of Personality and Social Psychology« den ersten Artikel über Hochsensibilität. Darin prägte sie auch die Begriffe »The highly sensitive person« (»Der hochsensible Mensch«) und »Sensory processing activity« (»Besondere Empfänglichkeit des neuronalen Systems für Reize bei Hochsensiblen«).
Eine sehr genaue und verlässliche Studie zur Hochsensibilität (Ausgangsthema Sensorische Verarbeitungssensitivität, siehe >) wird seit 2014 von der Diplompsychologin Sandra Konrad an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg in der Professur für Persönlichkeitsentwicklung und Psychologische Diagnostik durchgeführt. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl (3 600 Erwachsene) wird diese Studie wohl auch für die nächsten Jahre wegweisend bleiben. Die Studie bestätigt zu großen Teilen die HSP-Messskala von Aron. Abweichend von Aron, bei deren Diagnose für Hochsensibilität nur ein wichtiges Kriterium von mehreren zutreffen muss, sind nach dieser Studie folgende drei Faktoren ein Muss für Hochsensibilität:
Leichte Erregbarkeit: »Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich.«
Ästhetische Sensibilität: »Ich habe eine feine Wahrnehmung für unterschwellige Dinge in meiner Umgebung.«
Niedrige sensorische Reizschwelle: »Ich fühle mich leicht überwältigt von intensiven Reizen wie starkem Lärm.«
Bislang geht man davon aus, dass etwa 70 Prozent aller Hochsensiblen tendenziell eher introvertiert und vorsichtig sind und mehr Zeit für Entscheidungsprozesse benötigen. Zirka 30 Prozent sind dagegen eher extrovertiert, risikofreudig, aktiv und neugierig. Konrad fand jedoch heraus, dass gerade hochsensible Menschen eine größere Offenheit für neue Erfahrungen zeigen und damit vielleicht ein höherer Prozentsatz zur zweiten Gruppe gehören könnte als bisher angenommen. Das schließt mit ein, dass sich Hochsensible weit mehr als »normale« Menschen Situationen aussetzen, die sehr anstrengend sind. Weil sie in den meisten Fällen aber gar nicht wissen, dass sie hochsensibel sind, leben sie sozusagen gegen ihre Natur. Das führt zu Überlastung und Erschöpfung.
Im deutschsprachigen Raum fand im Jahr 2015 der erste HSP-Kongress für Fachleute und Betroffene in Münsingen bei Bern in der Schweiz statt. Damit hat das Thema auch hierzulande endlich ein öffentliches wissenschaftliches Forum erhalten. Auf weitere Forschungsergebnisse dürfen wir gespannt sein.
Diese Reize empfinden hochsensible Menschen stärker als Normalsensible.
Jeder Mensch, ob normal- oder hochsensibel, nimmt bis zu 95 Prozent aller Reize aus seiner Umgebung unbewusst auf. Hochsensible nehmen aber in derselben Zeiteinheit noch mehr Reize unbewusst auf. Dementsprechend muss ihr Reizverarbeitungssystem auch mehr Einflüsse verarbeiten.
Das Nervensystem eines Hochsensiblen lässt sich mit einem jederzeit offen stehenden Haus für Nachbarn, Freunde, Kinder und Tiere vergleichen, die vom Hausbesitzer empfangen, bewirtet, angehört und unterhalten, vielleicht auch beraten werden. Dadurch ist es dauerhaft gefordert. Geräusche, Gerüche, Licht, Farben, Gefühle, Stimmungen, Interaktionen und vieles mehr dringen ununterbrochen ein.
Auf der einen Seite bedeutet dies eine immense Bereicherung, auf der anderen Seite aber eine fast nicht zu bewältigende Aufgabe – zumindest dann, wenn keine ausreichende Unterstützung vorhanden ist. Um bei dem Bild des offenen Hauses zu bleiben: Der Gastgeber benötigt helfende Hände, zum Beispiel seine Familie, die ihn bei der Bewirtung der vielen Gäste unterstützt, vielleicht auch einen Koch und jemanden, der das schmutzige Geschirr abräumt. Entsprechend benötigt ein hochsensibler Mensch Pausen, um die Einflüsse sortieren und verarbeiten zu können. Das permanente Einströmen der Reize ist auf Dauer nämlich sehr erschöpfend. Der Gastgeber wird die Tür seines Hauses irgendwann einmal schließen wollen – und sei es spät in der Nacht. Analog dazu ist für den Hochsensiblen ein stärkeres Rückzugsbedürfnis normal, um die aufgenommenen Reize überhaupt verarbeiten zu können.
Jeder hochsensible Mensch ist ein Individuum und hat seine persönliche Biografie, seine besonderen Vorlieben und Eigenschaften. Dennoch zeigt die Praxis, dass folgende typische Merkmale bei Hochsensiblen stärker als bei Normalsensiblen ausgeprägt sein oder intensiver – seelisch und körperlich – gefühlt werden können.
Die sensorische Empfindlichkeit auf allen Sinnesebenen, unter anderem für Lärm, Gerüche, Lichteffekte, Gewürze und Geschmacksverstärker, kratzende Stoffe oder Nähte auf der Haut, Medikamente, Koffein oder Drogen.
Das Gefühl für Schwingungen bezüglich Emotionen. Die Schwingungen können sowohl bei anderen Menschen als auch in Bezug auf die eigenen Gefühle sehr leicht und zutreffend erfasst werden.
Die Sensibilität für Veränderungen im eigenen Körper (= sogenanntes Inneres Fühlen), etwa wenn sich eine Grippe oder eine seelische Veränderung ankündigt. Hochsensible spüren die Veränderungen früher und intensiver als Normalsensible. Das kann auch die Ahnung für eine beginnende Melancholie oder ein euphorisches Empfinden sein.
Klimawechsel oder Temperaturschwankungen hinterlassen stärkere Spuren bei Hochsensiblen als bei Normalsensiblen.
Plötzliche Veränderungen wie beispielsweise Terminverschiebungen belasten und beschäftigen Hochsensible stärker.
Hochsensible sind kreativ, schnell aufgeregt oder auch erregt.
Sie sind eher Einzelgänger als in einer Gruppe anzutreffen.
Sie besitzen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ein reges Innenleben.
Sie stellen an sich einen hohen Perfektionsanspruch.
Des Weiteren sind Hochsensible harmoniebedürftig. Streit oder heftige Diskussionen werden als äußerst anstrengend empfunden und körperlich als geradezu unerträglich verspürt. So kann bereits eine erhobene Stimme als physischer Schmerz gefühlt werden.
Darüber hinaus ist zu beobachten, dass viele hochsensible Menschen ein schwaches Selbstbewusstsein haben. Es resultiert aus der Erfahrung, dass sie sich ein Leben lang »falsch« gefühlt haben. Egal, welchen Weg sie auch einschlagen, das Finden des eigenen Platzes und der Aufgabe im Leben gelingt ihnen nicht. Das Grundgefühl, gegen die Welt und die gesellschaftlichen Vorgaben anzurennen, erzeugt in ihnen Verwirrung, Machtlosigkeit, Schuldgefühle und Scham.
AUS DER PRAXIS
BETROFFENE BERICHTEN
Lisa, 45 Jahre: »Jetzt weiß ich endlich, warum ich mich schon mein ganzes Leben anders fühle.«
Hanne, 63 Jahre: »Ich war einfach anders als andere. Schon als Kind. Ich war ein sehr schüchternes Kind und hatte meine eigene Fantasiewelt.«
Robert, 23 Jahre: »Ich entdecke immer wieder Parallelen zu den Beschreibungen der Hochsensibiltät. Da ist die Aufnahme der Gefühle anderer Menschen. Stimmungen in Gruppen spüre ich sofort.«
Aus eigener Erfahrung wissen wir, die Autorinnen, dass sich das Phänomen der Hochsensibilität einem selbst in mehreren – teils zögerlichen und skeptischen – Schritten erschließt. Man schnappt den Begriff irgendwo auf, googelt sich durch das Thema und ist hin- und hergerissen zwischen dem Aha-Erlebnis und den Zweifeln daran. Existiert diese Veranlagung wirklich oder bildet man sich etwas ein? Aus eigener Erfahrung und aufgrund vieler Gespräche mit anderen Hochsensiblen im Lauf der letzten Jahre wissen wir um die verschiedenen Phasen, die man in diesem Prozess durchschreitet. Das Annehmen der Erkenntnis braucht Zeit und vollzieht sich in Etappen. In diesem Kapitel möchten wir die wichtigsten Schritte rund um das Erkennen der eigenen Hochsensibilität aus dem HSP-4-Phasen-Integrationsmodell von Cordula Roemer vorstellen.
Sie haben erkannt, dass Sie hochsensibel sind. Dies ruft Empfindungen in Ihnen hervor, die sehr wahrscheinlich einer der drei am häufigsten zu beobachtenden Reaktionen entsprechen. Jede dieser Reaktionen hat ihre Berechtigung.
Reaktion 1:»Es ist völlig okay, dass ich hochsensibel bin, und diese Erkenntnis beeinflusst nicht wirklich mein Leben. Alles geht weiter wie bisher.«
Es gibt für Sie akut eigentlich keinen Handlungsbedarf. Wenn Sie allerdings an Ihren Beruf denken, könnte es für Sie eventuell wichtig sein, zu wissen, dass Sie hochsensibel sind.
Reaktion 2:»Es gefällt mir überhaupt nicht, dass ich hochsensibel bin. Ich möchte gar nicht anders sein als die anderen, sondern einfach nur normal.«
Die Erkenntnis, dass Sie hochsensibel sind, wollen Sie am liebsten gleich wieder vergessen und den Umstand, dass damit vielleicht (neue) Probleme auftreten können, erst recht. Allerdings merken Sie – möglicherweise schon seit längerer Zeit –, dass Sie sich in Ihrem Leben und Umfeld nicht wirklich richtig fühlen. Vielleicht ahnen Sie auch, dass Ihre Probleme mit Ihrem »Anderssein« zu tun haben könnten. In dem Fall schauen Sie, wann für Sie der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
CHRISTIAN MORGENSTERN
Reaktion 3:»Ich freue mich, endlich erkannt zu haben, warum ich so bin, wie ich bin. Das ist für mich eine echte Erleichterung.«
Sie finden es spannend und bereichernd, sich mit der Erkenntnis der Hochsensibilität und den Folgen auseinanderzusetzen. Sie sind offen für Informationen und auch bereit, in Ihrem Leben die eventuell aus dieser Erkenntnis resultierenden Veränderungen zuzulassen oder aktiv anzugehen.
Sie sollen also hochsensibel sein? Es ist ganz normal, dass erst einmal Zweifel aufkommen. Vielleicht gehen Ihnen folgende Fragen oder Bedenken durch den Kopf:
Ob das wohl stimmt? Ob es das Phänomen überhaupt gibt? Ist Hochsensibilität denn ausreichend wissenschaftlich bewiesen? Ist nicht jeder manchmal ein Sensibelchen? Ich bin schon so lange nicht mit mir im Reinen und habe so große Probleme mit mir selbst – nun soll die Hochsensibilität alle meine Probleme und Selbstzweifel erklären? Ist Hochsensibilität nicht vielleicht nur ein verharmlosendes Modewort? Hochsensibilität ist doch sicherlich eine Krankheit, eine Sonderform von ADHS, Autismus oder einer Art von Traumatisierung?
Geben Sie Ihren Zweifeln und Bedenken Raum und Zeit. Sie haben ihre Berechtigung. Erst wenn Sie das Für und Wider in einem für Sie stimmigen Maß abgewägt und Ihre Zweifel besiegt haben, können Sie Ihre Hochsensibilität bejahen und auch wirklich annehmen. Das Zulassen der Erkenntnis ist für die allermeisten ein sehr großer Schritt. Für viele Hochsensible ist er sogar die größte Herausforderung ihres Lebens überhaupt, weil sich ihr sehr spezielles, nicht selten negatives Selbstbild über so viele Jahre manifestieren konnte. Und nun soll das Negative plötzlich positiv sein? Ja, das ist es.
Dementsprechend groß ist bei den meisten das Aha-Erlebnis. Endlich dürfen sie zu sich selbst stehen. Ihre höhere Aufmerksamkeit für die Umgebung zum Beispiel, das Aufnehmen von Stimmungen, das erhöhte Ruhebedürfnis oder die Vorliebe für das Alleinsein – alles das ist nun keine Schwäche oder Sonderbarkeit mehr, sondern Teil einer angeborenen Charaktereigenschaft: der Hochsensibilität.
Außerdem bedeutet die Erkenntnis auch ein Loslassen von alten Bildern über sich selbst, von emotionalen Verhaltensmustern und Glaubenssätzen, die viele hochsensible Menschen oft seit ihrer Kindheit immer wieder zu hören bekommen und verinnerlicht haben. Ersetzen Sie alte Glaubenssätze durch neue. Sagen Sie sich jeden Morgen und Abend über die nächsten drei Monate die neuen Glaubenssätze vor, die für Sie stimmig sind. Diese können sich auch im Lauf des Prozesses ändern.
Beispiele für alte Glaubenssätze:
»Du bist immer so unkonzentriert.«
»Sei doch nicht so schüchtern.«
»Warum bist Du so überempfindlich?«
Beispiele für neue Glaubenssätze:
»Ich bin richtig so, wie ich bin.«
»Es ist okay, wenn ich mehr Zeit brauche.«
»Meine Sensibilität ist eine Gabe.«
»Ich kann mich in meiner Hochsensibilität annehmen.«
Nach der Phase des Zweifels und des Annehmens folgt der Prozess der geistig-emotionalen Auseinandersetzung mit der Erkenntnis. Der Blickwinkel auf das Leben ist jetzt ein anderer. Das wirft natürlich viele Fragen auf hinsichtlich der Gegenwart, aber auch in Bezug auf die Vergangenheit und die Zukunft.
Betrachten Sie Ihr aktuelles Leben. Gibt es Umstände, die Ihre hochsensiblen Empfindungen oder Bedürfnisse blockieren? Vermutlich ja. Gestattet es Ihr jetziges Umfeld (Familie, Beruf, Kollegen, Freunde, Wohnort), Ihre Hochsensibilität zufriedenstellend zu leben? Möglicherweise nicht.
Machen Sie eine Bestandsaufnahme Ihres momentanen Zustands. Beleuchten Sie jeden Winkel Ihres Lebens. Nehmen Sie ein Blatt Papier und notieren Sie jede Tätigkeit, Beziehung, Aktion und Interaktion, die Schlafzeiten, Ihre Mahlzeiten, Ihre Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen, Stressfaktoren, Glücksmomente. Lassen Sie diese Liste für einige Tage ruhen, denn folgende Fragen werden Sie in den nächsten Wochen und Monaten umtreiben:
Hat meine Familie Verständnis für meine Hochsensibilität? Sind womöglich noch andere Familienmitglieder hochsensibel?
Verstehen und akzeptieren mich meine Freunde und Bekannten mit meinem hochsensiblen Wesen? Bei wem kann ich so sein, wie ich bin? Bei wem stoße ich immer wieder auf Ablehnung?
Habe ich den richtigen Beruf beziehungsweise die richtige Tätigkeit, bei dem / der ich meine Gaben und Fähigkeiten zu meiner Zufriedenheit einbringen kann?
Belasten mich an meiner Arbeitsstätte Umstände, ob räumlicher oder kollegialer Art, vor dem Hintergrund meiner Hochsensibilität? Dazu zählen zum Beispiel blendendes Licht, klingelnde Telefone, Lärm im Großraumbüro, rücksichtsloses Verhalten der Kollegen, zu warme oder kalte Temperaturen oder auch Zugluft.
AUS DER PRAXIS
BETROFFENE BERICHTEN
Lisa, 45 Jahre: »Ich lebte in dem Gefühl, dass mir niemand in meine Welt folgen kann. Ich selber kann umgekehrt in der Welt der anderen sein –ohne Probleme. Das Gefühl, anders zu sein und keinen Grund dafür zu haben, war unfassbar schrecklich. Ich habe mir sogar gewünscht, dass die Neurologin einen Tumor in meinem Kopf findet, nur damit es endlich einen offensichtlichen Grund für mein Anderssein gegeben hätte.«
Eine hilfreiche Methode, Ihre hochsensiblen Bedürfnisse zu erkennen, ist die Erstellung einer Positiv-Negativ-Liste. Holen Sie dazu Ihre Auflistung von oben wieder hervor und sortieren Sie Ihr Leben. In die Negativ-Spalte schreiben Sie, was Sie belastet, in die Positiv-Spalte kommt alles, was Ihnen guttut. Erweitern Sie die Liste um ein Blatt Papier, auf dem Sie die Umstände oder Dinge eintragen, die notwendig sind, damit es Ihnen gut geht. Unterscheiden Sie dabei zwischen Privat- und Berufsleben. Führen Sie auch jeweils eine Prioritätenliste über die Menschen und Faktoren, indem Sie eine Art Rangordnung vergeben.
Beispiele für die Negativ-Spalte:
Wer / was raubt mir Energie, Zeit und Nerven? Was beunruhigt mich? Nehme ich mir genügend Zeit, um meine Energiereserven (körperlich, geistig) immer wieder aufzufüllen beziehungsweise mich regelmäßig zu erholen? Wenn nein: Warum nicht? Mache ich das, was mir guttut? Wenn nicht: Was hindert mich daran? Gibt es genügend Raum für meine Hochsensibilität?
Beispiele für die Positiv-Spalte:
Wer oder was tut mir gut, unterstützt mich, entlastet mich? Wo oder durch was schöpfe ich regelmäßig und ausreichend Kraft jenseits der Familie und des Berufs, um zur Ruhe zu kommen und meine Reserven wieder aufzufüllen? Wie drücke ich meine Bedürfnisse und Fähigkeiten positiv und authentisch aus?
Beispiele für die Wunschliste:
Was brauche ich, um meine hohe Sensibilität im Alltag leben zu können? Wer kann mich unterstützen? Was könnte ich beruflich und / oder privat ändern, damit es mir gut geht? Wo und auf welche Weise könnte ich Ruhe finden? Was würde ich mir wünschen? Wo und wie möchte ich leben? Wovon träume ich? Was habe ich vielleicht verloren, das ich gern in meinem Leben wieder zurückbekommen möchte?
Die Antworten auf diese Fragen werden Sie Stück für Stück näher zu sich selbst führen. Denn das ist das Ziel: Sie sollen Ihre Hochsensibilität leben können, ohne sich verstellen oder leiden zu müssen.
AUS DER PRAXIS
BETROFFENE BERICHTEN
Hanne, 63 Jahre: »Ich habe früh darunter gelitten, nicht so aufgeschlossen und offen zu sein wie die anderen. Meine Großmutter fragte meine Eltern oft: ›Warum ist das Kind so still?‹ Ich dachte immer, irgendetwas stimmt mit mir nicht.«
Genauso wichtig wie Gedanken über die Gegenwart ist der Blick zurück in die Vergangenheit. Einige seltsame oder schwierige Ereignisse, unverständliche Momente oder unlösbare Probleme bekommen aus dem Blickwinkel der Hochsensibilität heraus jetzt womöglich eine ganz andere Bedeutung. Vieles macht rückblickend eventuell sogar Sinn. Hochsensible berichten, dass ihnen so manches wie Schuppen von den Augen fällt. Indem Sie mit dem Wissen um Ihre Hochsensibilität diese Momente neu betrachten und einordnen, erlangen Sie Klarheit. Diese Klarheit wird Ihnen helfen, Ihre heutigen Lebensbedingungen leichter an Ihre hochsensiblen Bedürfnisse anzupassen.
Kindliche Bewältigungsstrategie: Nase zuhalten bei unangenehmen Gerüchen.
Was habe ich früher als schwierig empfunden: in der Familie, schon im Kindergarten / in der Kita, in der Schule? War ich ein Außenseiter, bin ich gehänselt oder gemobbt worden? Haben meine Eltern oder Lehrer meine Empfindlichkeit abgewertet oder mich in anderer Hinsicht unsensibel behandelt (»Was bist du für eine Mimose.« »Stell dich nicht so an.« »Brauchst du wieder eine Extrawurst?«)?
Gleichaltrige Kinder reagieren auf »Abweichler« oft mit Ablehnung oder Gewalt. Der Sonderling wird ausgegrenzt, ausgelacht oder auf andere Weise verachtet. Auch normalsensible Erwachsene sprechen hochsensiblen Kindern oft ihre Gefühle und Beobachtungen ab.
Gab es in Ihrer Kindheit Situationen, in denen Sie Ihr Können oder Ihre Gaben nicht zeigen durften? Sind Sie damit auf aktiven Widerstand gestoßen? Haben Sie dann versucht, so zu sein wie die anderen?
Im Zusammensein mit anderen Menschen passen wir uns automatisch an unser Umfeld an. Diese Strategie sichert unser Überleben in der Gruppe. Sie bewirkt im negativen Fall jedoch, dass wir uns nicht trauen, unsere besondere Gabe oder Fähigkeit zu zeigen, oder sie sogar aktiv unterdrücken.
Wenn Sie solchen Situationen ausgesetzt waren: Wie haben Sie sich damit gefühlt? Waren Sie wütend, haben Sie sich geärgert, Widerstand geleistet, sich zurückgezogen?
Für jedes Kind und jeden Menschen ist Ablehnung eine sehr belastende Erfahrung. Sie beschädigt oder zerstört das Selbstbild und führt in der Regel dazu, dass der Betroffene versucht, sich entweder immer mehr anzupassen, und dadurch seine Fähigkeiten unterdrückt oder sich mehr und mehr in sich selbst zurückzieht. Die eigenen Bedürfnisse und Gaben werden dann immer weniger ausgelebt. Der Betroffene resigniert vor seinem Umfeld, er fühlt sich wertlos.
Erinnern Sie sich, ob Sie besondere sinnliche Reaktionen zeigten, also ob Sie besonders empfindlich zum Beispiel auf einen kratzenden Stoff auf der Haut oder einen bestimmten Geruch oder Geschmack reagiert haben?
Fragen Sie, wenn es noch möglich ist, Ihre Eltern, ob sich diese an Ihr besonderes Verhalten erinnern. Dies können Anhaltspunkte für Sie sein, auf welcher Sinnesebene Sie auch heute noch leichter überreizt sind.
Fragen Sie sich auch, ob Sie als Kind mit einer bestimmten Strategie vertraut waren, um eine Situation zu bewältigen.
