Hochzeitswein - Andreas Wagner - E-Book

Hochzeitswein E-Book

Andreas Wagner

4,7

Beschreibung

Eine Hochzeit auf dem Land ganz im traditionellen Stil mit Hochzeitszug und Hochzeitswein und allem Drum und Dran. Unter den Gästen sind auch Paul Kendzierski, der Bezirkspolizist aus Nieder-Olm, zusammen mit Klara, denn sie ist seit Kindertagen die beste Freundin der Braut Simone. Als aber die Braut entführt wird, verschwindet ein weiterer Hochzeitsgast und bleibt auch in den Tagen darauf unauffindbar. Kendzierski, der Selztal-Schimanski, wird um seine Hilfe gebeten und ermittelt schnell wieder auf eigene Faust, statt der Kripo in Mainz zu vertrauen. Erst in letzter Minute erkennt er, wie all die losen Fäden seiner Ermittlungen zusammenhängen ...Dabei hätte Kendzierski beinahe total übersehen, dass es auf dieser Hochzeit zwei Sorten Hochzeitswein gab: zweimal Riesling feinherb - warum?

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Hochzeitswein

Für Nina, Phillip, Hanna und Fabian

Andreas Wagner

Hochzeitswein

Ein Krimi

Die Handlung und alle Personen sind völlig frei erfunden;Ähnlichkeiten wären rein zufällig.

© Leinpfad VerlagHerbst 2011

Alle Rechte, auch diejenigen der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne die schriftliche Genehmigung des Leinpfad Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: kosa-design, IngelheimLektorat: Angelika Schulz-Parthu, Frauke Itzerott

Leinpfad Verlag, Leinpfad 5, 55218 Ingelheim,Tel. 06132/8369, Fax: 896951E-Mail: [email protected]

ISBN EBook 978-3-942291-51-4

1.

Das leise Knacken eines Astes hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Ein leichter Schlaf nur in dumpfer Dunkelheit, der sich wenig vom Wachzustand unterschied. Ganz vorsichtig öffnete sie ihre brennenden Augenlider. Der Schmerz erzeugte Licht in ihren Augen. Ein greller Blitz, der das Gefühl der Blindheit noch verstärkte, bis er nur einen Moment später erlosch. Es war jedes Mal wieder ein wenig Hoffnung da, bei jedem Erwachen auch nach so langer Zeit noch. Der zarte Hoffnungschimmer, aus diesem grauenhaften Alptraum zu erwachen. Ein ewiger Schlaf, der sie in diese Dunkelheit gezwungen hatte und aus dem sie dann endlich befreit werden würde.

Schnell bewegte sie ihre Augenlider auf und zu. Mit den rauen Händen rieb sie zusätzlich über die schmerzenden Augen. So ließ sich dieser kurze Moment der wärmenden Helligkeit ein wenig verlängern. Kleine leuchtende Sterne auf ihrer Netzhaut, die sofort von der quälenden Schwärze wieder geschluckt wurden. Fest drückte sie ihre Augen wieder zu, um zurück in den leichten Schlaf zu gleiten. Bloß nicht wach liegen. Der Schlaf war eine zarte Hülle, die sie umgab und vor dem Grauen um sie herum schützte. Dem rauen Beton, der Enge, der Angst und dem schmerzenden Hunger in ihrem Gefängnis. Glatte Kanten und der nackte Boden, auf dem sie lag, schlief, saß und dessen Oberfläche sie zwischen ihren Fingern zerrieb, um den Staub mit etwas Spucke anzufeuchten. Der hilflose Versuch, das Loch in ihrem Magen zu füllen. Der Hunger, der brennend in ihr fraß. Wie ein nimmersattes Ungeheuer quälte er sie mit Krämpfen und Übelkeit. Sie wälzte sich dann hin und her, gekrümmt und heiser schreiend. Raue, unwirkliche Laute, die tief aus ihr kamen und gar nicht mehr an einen Menschen erinnerten. Ein leidendes Tier, weggeworfen, in ein Loch tief in der Erde. Nur der Schlaf schützte für einige Zeit vor all dem. Vor dem Grauen, den dumpfen Gedanken in ihrem Kopf, der rasenden Angst und dem Schmerz, der sie um Erlösung betteln ließ.

Warum durfte sie nicht endlich sterben!

2.Ein paar Tage zuvor

Paul, kannst du mir mal kurz helfen?“

Klaras Stimme kam aus dem Bad. Sie war deutlich zu hören, weil die Tür offen stand und er nur wenige Meter entfernt auf dem Sofa saß, in die Wochenendausgabe der Mainzer Zeitung vertieft. Seit mehr als einer halben Stunde ging das schon so, wenn ihn sein Zeitgefühl nicht vollkommen im Stich gelassen hatte. Paul Kendzierski war pünktlich bei Klara gewesen, um sie nicht unnötig warten zu lassen. Sichtlich nervös und angespannt hatte sie ihn in den zurückliegenden Tagen immer wieder darauf hingewiesen: einer der wichtigsten Tage in ihrem bisherigen Leben, von ganz großer Bedeutung für sie. Die Hochzeit ihrer besten Freundin aus Kindergartenzeiten. Für etliche Jahre hatten sie sich durch das Studium aus den Augen verloren und dann wieder neu entdeckt. Erst über das Internet aus Neugier. Was macht sie bloß? Was ist aus ihr geworden? Und wie sieht sie aus? Das zoologische Interesse war geweckt. Wie hat sie sich verändert in all den Jahren, die wir uns nicht gesehen haben, seit sie von zu Hause weg musste? Der Stress damals in der Schule, der Wechsel in das Internat, Studium und aus den Augen.

Vor einem halben Jahr war Kendzierski beim großen Wiedersehen dabei gewesen. Simone war wieder hierhergezogen, zurück in die alte Heimat. Klara hatte sich zum ersten Treffen nach so langer Zeit nicht alleine getraut. Wenn wir nicht wissen, was wir uns zu erzählen haben, dann brauche ich dich.

Sie hatten ihn nicht gebraucht. Den ganzen Abend nicht, den sie beim alten Grass am offenen Kamin gesessen haben. Er mit den zwei Frauen, die zwanzig Jahre nachzuholen hatten und sich köstlich darüber amüsierten, wie ihm bei der Hitze des knisternden Feuers und den schnellen Geschichten die Augen zufielen. Gegen zehn hatte er sich mit einer ganzen Ladung Notlügen aus dem Staub gemacht. Der harte Arbeitstag, auch morgen wieder. Die Akten, die noch auf dem Schreibtisch warteten und seine Anwesenheit im Büro auch am Samstagvormittag nötig machten. Ärger mit der Sperrung und den Ampeln an einer Landstraße. Und so weiter.

Seit diesem Abend war Simone fester Bestandteil in Klaras Leben geworden und damit auch irgendwie in seinem. Ein ungewohntes Gefühl für ihn, Klara zu teilen. Das war ganz sicher keine Eifersucht, aber eine Situation, an die er sich erst einmal gewöhnen musste. Es machte keinen Sinn, wenn er mit beiden unterwegs war. Es ging doch immer nur um alte Geschichten, Erlebnisse aus der Schulzeit und Menschen, die er sowieso nicht kannte. Für Klara war das schwer zu verstehen. Was hast du gegen Simone? Nichts, gar nichts! Aber sie ist eben deine Freundin.

So hatten sie es dann auch gehalten in den letzten Monaten. Sie hatte sich immer mal wieder mit Simone getroffen und nur zaghaft angedeutet, dass er durchaus nicht stören würde.

„Paul!“

Der Ton in Klaras Stimme ließ keine Ausreden mehr zu. Er faltete den Sportteil der Zeitung zusammen und legte ihn neben sich auf das Sofa. Langsam und ein wenig schwermütig erhob er sich aus dem tiefen Polster von Klaras dunkelroter Couch. Mit beiden Händen strich er sich die beigen Hosenbeine glatt. Der Stoff kratzte an seinen Oberschenkeln, so wie er es geahnt hatte. Aber davon hatten sie ja nichts wissen wollen. Klara und der Verkäufer in der Herrenabteilung des Mainzer Bekleidungsgeschäftes waren so beglückt von seinem Anblick gewesen, als er sich aus der Kabine schob, dass er schon in diesem Moment wusste, Widerstand würde an ihrer Entschlossenheit abprallen. Paul, traumhaft! Das helle, feine Leinen steht dir so gut und ist genau richtig für eine Dorfhochzeit.

Gnädige Frau, ich kann Ihnen da nur zustimmen. Der Verkäufer näselte. Und das zarte Azur des Hemdes markiert einen schönen Kontrast. Ich habe da auch schon eine Krawatte im Sinn – einen Moment. Purpurrot mit zarten Nadelstreifen in Altgold. Als Krawatte oder als Fliege, wie es dem Herren gefällt. Dabei sah er weiter nur Klara an. Die hatte zustimmend genickt. Die gesamte Unterhaltung war sowieso vollkommen ohne seine Beteiligung geführt worden. Er hatte die ganze Zeit nur dagestanden vor der stickig engen Umkleidekabine wie eine vergessene Schaufensterpuppe. Ohne Schuhe, halb fertig gemacht.

Sein einziger ernsthafter Versuch der Gegenwehr war mit einem sanften Lächeln beiseitegeschoben worden. Die Hosenbeine zu lang? Darum kümmert sich unsere Schneiderin sofort. Der Verkäufer hatte dabei so langsam und betont durch die Nase gesprochen, als ob er einem Kleinkind gegenüberstand, dem er das Wahlrecht der USA zu erläutern versuchte. Danach hatte er sich umgehend wieder Klara zugewandt, um ihr den Seidenanteil der vorausgewählten Krawatten und Querschleifen zu erläutern.

So stand er nun da. Im hellen Sommeranzug aus feinem Leinenstoff, leicht tailliert. Der aktuelle Schnitt der Saison, voll im Trend und irgendwie doch zeitlos. Das hellblaue Hemd und die rote Krawatte, eine Kombination, die so auch für die nächsten Jahre tauge. Er hatte sofort wieder den näselnden Singsang des durchgestylten Verkäufers im Ohr. Die Sakkos und Hosen der gewählten Marke hätten sogar die nötigen Reserven, um kleine Änderungen vornehmen zu können, die einer sich wandelnden Statur ihres Besitzers Rechnung trügen. Dabei hatte sich der Verkäufer leicht geräuspert und die Augen verschämt in Richtung Fußboden gesenkt.

„Paul, wo bist du denn?“ Klaras Stimme beendete endlich seine wirren Gedanken. Er machte sich auf den Weg in Richtung Badezimmer.

Ein leichtes Unbehagen in seinem Magen signalisierte ihm, dass auch dort nicht die rechte Begeisterung für das aufkam, was ihn heute bis tief in die Nacht erwartete. Dabei war sein Magen sicher der, der heute noch am ehesten auf seine Kosten kommen sollte. Vielleicht waren seine Laute mehr eine Vorfreude auf die zu erwartenden meterlangen Essenstafeln, die zu jeder ordentlichen Hochzeit dazugehörten. Und das ganz besonders, wenn es sich um eine richtige Dorfhochzeit handelte, wie ihm Klara mit leuchtenden Augen berichtet hatte: das Sammeln im Hof der Braut. Gemeinsam wartete man bei einem Glas Wein, bis sie erschien und man ihr applaudieren konnte. Danach im langen Zug durchs Dorf zur Kirche, paarweise schreitend hinter Braut und Bräutigam. Die Straßen gesäumt von staunenden Zuschauern. Ausschließlich Frauen, in jedem Alter. Bewundernde Blicke für die Braut, ein wenig Neid wäre in manchem Gesicht abzulesen. Die vielen Menschen später bei der Feier in der großen Festscheune der Waldgaststätte, das war sein Problem. Die Enge, die Blicke und die blöden Kommentare, die er mittlerweile mitsprechen konnte, und das sogar im richtigen Tonfall des Dialekts. Was macht donn de Verdelsbutze hier? Iss was passiert? Wo der iss, passiert meistens erst ebbes! Also, hall dich fern! Das ungute Gefühl in seiner Magengegend verstärkte sich bei dem Gedanken an das, was dann noch kommen würde. Klaras großer Auftritt, der auch irgendwie seiner war. Sofort nachdem sie ihm mit strahlenden Augen von der bevorstehenden Hochzeit erzählt hatte. Ein fast verklärtes Lächeln für einen Moment, das ihm Angst gemacht hatte. Und dann die Planungen. Paul, wir müssen da unbedingt etwas machen. Er hatte dabei an ein schönes Geschenk gedacht und sich noch irgendwie sicher gefühlt. Klara kannte ihre Freundin und würde schon für das Nötige sorgen. Zur Not gab es ja immer noch die praktischen Geschenketische bei einem großen Kaufhaus, die zur Versorgung der Ideenlosen bereitgehalten wurden. Eine praktische Einrichtung, wie er fand. Klara hatte aber an ganz andere Dinge gedacht und immer war von „wir“ die Rede. Wir müssen da etwas machen, Paul. Als sie den Satz vielsagend mehrmals wiederholte, dämmerte ihm ganz sachte schon, dass auch er damit gemeint war. Ein Beitrag, Paul. Etwas für die lustige Abendgestaltung. Es ist schließlich die Freundin, die ich am längsten kenne. Seinen Widerstand hatte sie mit einer kurzen Bewegung und einem einzigen Satz hinweggefegt. Du kannst mich doch nicht im Stich lassen! Und wir als ihre alten Freunde können uns da auf gar keinen Fall verstecken. Es kommen ja ansonsten fast nur Leute, die sie vom Studium kennt. Da müssen wir die Fahne der Eingeborenen hochhalten. Klara hatte ihn dabei auffordernd angesehen, so als ob sie einen ersten schnellen Vorschlag von ihm erwartete. In seinem Kopf rasten sofort die wildesten Bilder. Er mit Mikrofon auf der Bühne, in schiefen Tönen singend, schlechte Reime zu verschwommenen Dias, die Klara auf ein notdürftig an der Wand befestigtes Betttuch projizierte. Er als Moderator für die humorvolle Zwischeneinlage. 300 Augen auf ihn gerichtet. Das Standardrepertoire: Wie gut kennt sie ihn und umgekehrt. Behaarte, nackte Männerbeine, die sie mit verbundenen Augen abtasten musste. Spitze Schreie aus dem Publikum. Angstschweiß war ihm auf die Stirn getreten, eisig kalt, und sicher war er auch gleichzeitig blass geworden. Klara hatte das aber nicht davon abgehalten, ihn weiterhin miteinzubeziehen in ihre Planungen. Ihm war jetzt schon schlecht bei dem Gedanken an das, was ihn nach dem Abendessen und vor der Hochzeitstorte erwartete.

„Paul! So kommen wir ganz bestimmt zu spät!“

Klara stand vor dem Spiegel und drehte sich nicht zu ihm um, als er im Türrahmen erschien. „Kannst du mir die Kette hinten zumachen? Ich schaff das heute einfach nicht. Meine Hände zittern zu sehr. Die Aufregung.“

Sie hielt ihm die Kette hin und drehte sich sofort wieder in Richtung Spiegel, nachdem er sie ihr abgenommen hatte. Weiße Perlen in einer Reihe, ein golden schimmernder klitzekleiner Verschluss. Klara war konzentriert damit beschäftigt, Puder im Farbton ihrer Haut auf ihr Gesicht aufzutragen. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass es besser war, keinen unpassenden Kommentar zu äußern. Wir gehen doch nicht zu einer Fastnachtssitzung. Bloß nicht!

Vorsichtig legte er ihr die Kette um und machte sich unbeholfen an dem Verschluss zu schaffen. Warum mussten diese Dinger so klein sein, wenn sie ohnehin im Nacken hingen und daher gar nicht richtig zu sehen waren? Zumindest dann nicht, wenn man der Person gegenüberstand. Eine totale Fehlkonstruktion. Der Bügel schnappte immer wieder zu, noch bevor er den Ring der Gegenseite einhängen konnte. Seine Fingerspitzen waren zu groß, zu unkoordiniert und zu feucht, um die beiden Enden irgendwie sinnvoll zusammenzubringen. Sein wachsender Unmut verbesserte seine Fingerfertigkeit nicht unbedingt. Jetzt, endlich! Klaras Grinsen war im Spiegel zu sehen. Ein zartes Lächeln, das ihn von innen wärmte. Sie drehte sich um. Das dunkelrote Kleid, das sie sich für die Hochzeit angeschafft hatte, knisterte. Ganz zart küsste sie ihn auf den Mund. Für einen kurzen Moment konnte er den feinen Geruch des Puders riechen.

„Ach, Paul, wenn das meine Hochzeit wäre – ich würde sterben vor Aufregung.“

3.

Ich weiß nicht mal mehr, ob er der richtige ist, und Claudia ist immer noch nicht da!“

Schon heute Morgen wollte ihre beste Freundin aus dem gemeinsamen Studium und heute ihre Trauzeugin vorbeikommen, um ihr beim Frisieren, Anziehen und Schminken Gesellschaft zu leisten. Sie war schon vor drei Tagen aus Berlin angereist und hatte sich in einer Pension im Dorf ein Zimmer gemietet. Zusammengesunken saß Simone auf dem Hocker, der auf den dunklen alten Holzdielen inmitten des Raumes stand. Um sie herum lagen offene Schachteln, die dazugehörigen Deckel und zerrissene Klarsichtfolien waren verstreut. Die Trümmer der mehrstündigen Vorbereitungen, die sie hatte über sich ergehen lassen. Alles hatte mit einem Glas Sekt nach dem späten Frühstück angefangen. Da war sie aber schon so viele Stunden wach gewesen, hatte sich in ihrem Bett gewälzt. An Schlaf war die ganze Nacht eigentlich nicht zu denken gewesen. Höchstens ein unruhiger Halbschlaf war das gewesen, was sie in den dunkelsten Stunden dieser heißen Augustnacht übermannte. Jede Bewegung ließ sie wieder die Augen öffnen und ihren Puls rasen. Die Aufregung vor dem, was sie erwartete. Die vielen Menschen, die ihretwegen kamen. Der Zauber dieses Moments, in dem sie nur ganz schwer ein Wort herausbekommen würde. Die Angst vor all dem und der leichte Zweifel, der mit jeder Minute zu wachsen schien, die sie dem entscheidenden Moment näher kam. Zu viele Gedanken schossen durch ihren Kopf. Neue und alte, die sie längst verdrängt und ganz vergessen geglaubt hatte. So lange her, aber doch wieder ganz wach waren die Erinnerungen. Die Enge des Moments, der keinen Ausweg zuließ. Der Geruch, der in diesen Räumen noch immer hing und der der Geruch von damals war. Zumindest in ihrem Kopf war er es und in ihrer Nase. Auch er wurde stärker. Sie schnaufte durch die Nase aus, sog ihn aber sofort wieder in sich hinein. Klarer und durchdringender als noch davor. Ohne einen wirklichen Grund strich sie sich mit der rechten Hand über die Falten des cremefarbenen Hochzeitskleides, so als ob sich damit alles beiseiteschieben ließe.

Vielleicht ging das alles viel zu schnell. Er wollte und ich war verzaubert von dem Gedanken. Jetzt weiß ich nicht, ob es besser gewesen wäre, ein paar Monate zu warten. Ein Jahr noch. Erst einmal zusammenzuziehen, um sich besser kennenzulernen. Mit traurigen Augen sah sie in das Gesicht ihrer Mutter. Ein Gesicht, das vom Alter gezeichnet und von reichlich grauen Haaren eingerahmt wurde. Sie war sichtbar älter geworden in den letzten Monaten, zumindest grauer. Nur noch wenige Strähnen erinnerten an ihre alte Haarfarbe, ein dunkles Braun. Ihre Mutter schob mit einem Fuß eine der Schachteln zur Seite und zog sich den Stuhl näher heran, den die Friseurin für ihre ausgedehnten Arbeiten an der Hochzeitsfrisur gebraucht hatte. „Ach Kind, ich habe deinen Vater praktisch gar nicht gekannt!“

Sie seufzte und griff nach den Händen ihrer Tochter, die weiter versucht hatte, den Stoff glatt zu streichen. „Unsere Eltern haben damals die Verbindung eingeleitet. Alles abgesprochen, noch bevor wir davon erfahren haben.“ Sie lächelte und drückte die Hände ihrer Tochter etwas fester. „Und wir waren noch so viel jünger, als ihr das seid. Keine Ahnung hatten wir vom Leben und nicht von der Liebe. Die kam erst so viel später.“

Sie sah an ihr vorbei. An den dünnen roten Streifen der frischen Tapete blieben ihre Augen hängen. Mit ihren Gedanken war sie aber schon weiter. „Ihr habt studiert und schon gearbeitet. Ihr seid beide dreißig. Ich weiß noch, wie meine Mutter mich an den Händen genommen hat. Da war ich gerade neunzehn. Ich kann dir die Farben beschreiben, bei uns damals hinten im Garten an genau diesem Tag. Der Flieder stand in voller Blüte. Sie hat mir in die Augen gesehen und mir gesagt, dass er mich heiraten möchte. Das passt so gut! Genau das hat sie gesagt. Das passt so gut. Dabei hat sie aber nicht an uns gedacht, sondern an die Äcker und Weinberge, die damit zusammenkamen. Wir beide, die einzigen Kinder, mit einem ordentlichen Besitz in der Familie. Das passte für unsere Eltern bestens zusammen.“ Sie seufzte. „Das waren andere Zeiten damals. Da ist genau darauf geachtet worden, wen man heiratet. Passen sollte es schon, zumindest sollte es kein Abstieg sein.“ Sie drückte die Hände ihrer Tochter aufmunternd fest. „Da habt ihr es heute wirklich besser. Ihr seid nicht mehr so naiv wie wir. Habt ganz andere Erfahrungen und wisst, worauf ihr euch einlasst. Meine erste Nacht mit deinem Vater war unsere Hochzeitsnacht.“ Sie hielt einen kurzen Moment inne. Der Druck auf die Hände ihrer Tochter ließ nach. „Es ist schade, dass er nicht mehr da ist und dass er dich so nicht sehen kann. Er hätte sich auch gefreut.“ Sie sah ihr wieder direkt in die Augen. Ihre Hände zitterten und Tränen liefen ihr über die faltigen Wangen.

„Ich bin froh, dass er nicht mehr lebt, und das weißt du ganz genau. Ich wäre sonst nie wieder in dieses Haus zurückgekommen.“ Die Tochter zog ihre Hände aus der Umklammerung zurück und setzte sich gerade. „Bitte lass uns nicht über ihn reden und nicht streiten, nicht heute an diesem Tag.“

Sie bückte sich nach der Packung Taschentücher, die neben ihr auf dem Boden lag, und hielt sie ihrer Mutter hin. Die ersten Stimmen waren schon unten im Hof zu hören. Durch den Vorhang würden sie das Treiben dort unten beobachten können, ohne dass man sie selbst sah. Wenn alle da waren, würde Claudia sie rufen. Zusammen mit ihrer Mutter konnte sie dann die alte Marmortreppe hinunterschreiten, um unten unter dem Applaus der Gäste dem wartenden Bräutigam entgegenzutreten. Danach würde der Zug der Hochzeitsgäste hinter ihnen Aufstellung nehmen und sich in Bewegung setzen. Zwanzig Minuten für die drei Straßen bis zum Kirchplatz, wo das ganze Dorf versammelt stehen würde, um sie und ihr Kleid zu bestaunen. Alles war genau durchgeplant und ganz traditionell, so wie sie es sich gewünscht hatte. Keine Kutsche, kein Oldtimer für die kurze Strecke. Ein Hochzeitszug, wie ihn schon ihre Mutter erlebt hatte. Jörg und sie voran, Einzelkinder mit ordentlich Äckern und Weinbergen, die nun zusammenkamen. Sie hätte jetzt gerne gegrinst, aber das flaue Gefühl in ihrem Magen ließ es nicht zu. Und das Klopfen an der Tür. Durch einen Spalt sah Claudia herein und grinste entschuldigend mit roten Backen.

„Es kann los gehen. Alle warten wieder mal nur auf dich!“

4.

Kendzierski kam sich vor wie bei einem Fastnachtsumzug. Vier Jahre lebte er jetzt hier in Rheinhessen, in Nieder-Olm, der vor Kurzem zur Stadt geadelten Ortschaft im Selztal. Im Vergleich zu seiner alten Heimat Dortmund und dem Ruhrgebiet war Nieder-Olm nur schwer als Stadt wahrzunehmen. Ein ordentliches Dorf eben, aber nicht viel mehr. Das ausgedehnte Gewerbegebiet und die Neubausiedlungen in den Weinbergen zeigten, dass Nieder-Olm verkehrsgünstig und zwischen reichlich Reben im Hügelland auch ganz schön dalag. Zwei Kirchtürme markierten den Ortsmittelpunkt und am Fastnachtsdienstag schlängelte sich ein ansehnlicher Umzug durch die Straßen. Da er als Bezirkspolizist für die Sperrung der Zufahrtsstraßen, die Parkplatzregelungen und das Abschleppen von Fahrzeugen vor den Feuerwehrzufahrten zuständig war, hatte er bisher keinen Nieder-Olmer Fastnachtsumzug verpasst.

Das, woran er heute hier teilnahm, ähnelte dem wichtigsten wiederkehrenden Ereignis Nieder-Olms doch sehr. Es fehlten nur die Stimmungsschlager von Ernst Neger und Margit Sponheimer, die geschleuderten harten Bonbons und das gegrölte Helau. Dann wäre auch der Hochzeitsumzug mit seinen irgendwie verkleidet wirkenden Teilnehmern als Fastnachtsumzug durchgegangen. Einzig der Blickwinkel war ein neuer für ihn. Zum ersten Mal lief er selbst im Umzug mit und wurde von allen angestarrt. Schon mit den ersten Schritten, die sie aus dem überfüllten Innenhof von Klaras Freundin Simone traten, war das Ausmaß dieser Dorfhochzeit zu erahnen. Wie ein Lindwurm schlängelte sich der Hochzeitszug voran. Die Autos blieben stehen. Ihre Fahrer starrten genauso gespannt auf das, was sich hier abspielte, wie die vielen Zuschauer entlang der Straße. Dicht gedrängt standen sie auf den Bürgersteigen. Die Älteren lehnten sich aus den Fenstern, Sofakissen als Polster unter den fleischigen Ellbogen. Es wurde anerkennend genickt und gewunken, getuschelt und leise gekichert. Aber alles in einer gedämpften Lautstärke, die dem feierlichen Anlass gut stand. Ein Fastnachtsumzug, dem der Ton abhandengekommen war.

Bis auf einzelne halblaute Zwischenrufe. Oh, unsern Sherriff iss aach mit dabei! Hot der schon eingeheiratet? Ja, guck, die Kloo aus em Bauamt.

Als er in die Richtung blickte, aus der er die Worte vernommen hatte, sah er in schweigende Gesichter. Nur Klara lächelte ihn an. Die ganze Zeit schon, wenn er sich recht erinnerte. Das Treiben um ihn herum hatte ihn davon abgelenkt und ihn auf andere Gedanken gebracht. Während sie in Richtung Kirche gingen, sah sie ihn die ganze Zeit an, leicht verklärt lächelnd.

Kendzierski musste an ihre Worte von vorhin denken. Im Türrahmen ihres Badezimmers hatte er gestanden, dann hinter ihr, um die Kette zu schließen. Wenn das meine Hochzeit wäre. Ich würde sterben vor Aufregung. Klara sah ihn weiter an, etwas Fragendes glaubte er aus den Augenwinkeln in ihrem Gesicht zu erkennen. Konnte sie seine Gedanken lesen? Sie wohnten doch noch nicht einmal zusammen. Beide getrennt in ihren Wohnungen, beide in Nieder-Olm, nicht so sehr weit voneinander entfernt, dass man es nicht auch dabei belassen konnte. Vor ein paar Wochen hatten sie beim gemeinsamen Frühstück am Samstagmorgen mehr aus Spaß den Immobilienteil durchgeblättert. Klara hatte das gemacht und ihm vorgelesen. Die hier würde doch ganz gut für uns beide passen. Vier Zimmer, Küche, Bad. Das wäre ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Büro und ein Zimmer für alle Fälle. Welche Fälle? Sie hatten da beide herzhaft drüber gelacht. Hatte Klara auch gelacht? Er war sich da nicht mehr so sicher. Sie waren doch erst ein Jahr zusammen, offiziell. Davor ein gutes Jahr mehr im Verborgenen, weil sie sich nicht zum Traumpaar der Verbandsgemeinde ausrufen lassen wollten. Irgendwann war das aber nicht mehr zu verheimlichen gewesen. Und allzu viele dumme Bemerkungen hatte es auch gar nicht gegeben. Aber musste man dann gleich zusammenziehen und dies so überstürzt? Klara lächelte ihn weiter von der Seite an mit dieser Mischung aus Freude, Seligkeit und einem zarten Fragen, das er jetzt noch deutlicher zu erkennen glaubte, obwohl er starr nach vorne sah. Für sie war die gemeinsame Wohnung sicher der nächste Schritt und das schon bald. Wenn das meine Hochzeit wäre. Kendzierski spürte, wie ihm etwas den Hals zuschnürte. Er liebte sie – natürlich – aber man musste ja nicht sofort heiraten. Er war doch erst Ende dreißig. Das hatte Zeit. Und Klara war erst seit fünf Jahren mit dem Studium fertig. Anfang dreißig. Da war noch viel mehr Zeit. Paul, bei mir tickt auch die Uhr. Irgendwann hatte sie das mal gesagt. Nebenbei in einer Unterhaltung. Nur so aus Spaß. Ein Spaß, den er gar nicht so richtig verstanden hatte. Nicht in diesem Moment, aber jetzt, plötzlich ganz klar. So klar, wie die Helligkeit dieses hitzigen Augusttages. Die Nachmittagssonne um kurz vor vier, die auf sie hinunterbrannte. Die trockene Wärme, die sich in der Schlucht aus gehauenem Bruchstein schon den ganzen Tag über staute und ihm erbarmungslos den Schweiß aus den Poren trieb. Kendzierski fühlte sich klatschnass. Es rann ihm jetzt in breiten Strömen den Rücken hinunter. Klara sah ihn weiter von der Seite an und er weiter starr nach vorne. Während sie langsam weiterliefen, küsste sie ihm ganz sachte auf die Wange und hauchte ihm ein „Ich liebe dich, Paul“ ins Ohr. Er nickte nur ganz leicht dazu und versuchte zu schlucken.

5.

Ein schönes Kleid, findest du nicht auch?“

„Vielleicht ein wenig offen an den Schultern und vorne.“

„Wenn man es sich leisten kann. Und die Kleine von der Bamberger kann sich das leisten. Bei der Figur und der Farbe, die die hat. Schön hergerichtet!“

„Bei uns würde das nicht mehr so gut aussehen.“

Die beiden alten Nachbarinnen mussten lachen. Die Braut war vorbei und der Rest des Zuges nicht mehr so interessant, dass man sich voll und ganz auf ihn hätte konzentrieren müssen.

„Aber früher hätten wir das auch gekonnt. Vor vierzig Jahren. Wir mussten uns doch auch nicht verstecken. Waren halt nur andere Zeiten damals. Da hat man so etwas nicht getragen. Die Schultern frei, der tiefe Ausschnitt vorne und hinten. Schön geschlossen war mein Kleid damals. Ich kann mich noch genau erinnern. Nach der Hochzeit hab ich es ändern und einfärben lassen und noch Jahre getragen. Wenn ich mit dem Heinrich tanzen gegangen bin.“ „Der Scheppe-Hannes läuft ja auch mit. Wie gehört denn der dazu?“

„Der ist mit der alten Bamberger verwandt. Ihr Großcousin glaube ich. So viel Verwandtschaft haben die ja nicht, waren ja immer nur Einzelkinder. Da laden die dann jeden ein, den sie noch auftreiben können. Wenn wir das gemacht hätten, hätten wir die Turnhalle mieten müssen.“ „Bei uns waren nicht einmal die Cousins und Cousinen eingeladen. Wir waren zu elft daheim. Und ich die Jüngste. Alle schon vor mir verheiratet und die Kinder dazu. Das waren schon mehr als genug Gäste bei der Hochzeit nur von meiner Seite. Und bei meinem Mann sah es ja auch nicht anders aus. Die waren zwar nur sechs. Zwei Brüder im Krieg gefallen, aber immer noch genug.“

Schweigend sahen sie den letzten Resten des Hochzeitszuges nach.

„Das ist schon gut, wenn man eine große Familie hat.“

Beide nickten sie vor sich hin.

Die eine der beiden kam ein Stück näher an die andere, ganz nahe an ihr Ohr, um leise flüsternd weiterzureden. „Dafür ist bei denen nie geteilt worden. Das hat auch seine Vorteile. Du feierst lieber kleiner und lädst den Großcousin ein, aber dafür bleibt alles beisammen. Das ist bei ihr so gewesen, der alten Bamberger, wie auch bei ihrem Mann. Da kommt einiges zusammen.“

Beide nickten sie wieder vor sich hin.

„Und jetzt wieder.“ Flüsternd setzte die andere den Gedanken ihrer Stehplatznachbarin fort. „Drum prüfe, was sich ewig bindet, dass Hektar zu Hektar findet.“ Beide lachten sie kurz auf.

„Die Weinberge und die Äcker hatte der Faller-Jörg ja schon gepachtet seit ein paar Jahren. Und jetzt gehören sie ihm ganz. Nicht blöd der Junge, aus dem wird mal noch was. Wenn der so weitermacht.“

„Gut heiraten kann er aber doch nur einmal. Das ist jetzt vorbei.“

„Stimmt auch wieder.“

Schweigen und nicken.

„Die war so lange weg.“

„Die Simone.“

„Und jetzt kommt sie wieder hierher und heiratet einen von hier. Die letzten fünfzehn Jahre wollte sie nichts von uns hier wissen und dann kommt sie zurück. Nur ein halbes Jahr nachdem der Vater unter der Erde ist. Das ist schon komisch.“

„Na, genau deshalb.“

„Wie?“

Ein fragender Blick.

„Die ist weg wegen dem Vater damals. Der alte Bamberger, das soll nicht ganz sauber gewesen sein. Das wird erzählt.“ Sie beugte sich wieder näher zur anderen. Ein kaum hörbares Flüstern. „Das waren so Geschichten damals, schlimm.“

Sie schüttelten beide den Kopf und sahen wieder nach vorne, die letzten Paare des Zuges begutachtend.

„Man kennt ja kaum einen von den jungen Leuten.“ Nicken.

„Da, der! Ist das nicht der Verdelsbutze aus Nieder-Olm?“

„Stimmt. Die haben ja wirklich jeden eingeladen!“

6.

Kendzierski war unwohl. Vielleicht sogar übel. Ganz sicher war er sich noch nicht, aber die nächsten Minuten würden bestimmt dazu beitragen, seinem Magen die Richtung vorzugeben. Die Trauung hatte er heil überstanden, die Worte des Pfarrers, der große Moment mit dem „Ja“. Die sich reckenden Hälse vor ihnen in den Reihen, um den Rücken der Braut im entscheidenden Moment zu sehen. Ein Rücken beim Ja sagen sah nicht anders aus als sonst auch. Der Kuss. Klaras Blick hing dabei mal nicht an ihm fest. Er nahm das erleichtert wahr und atmete innerlich tief durch. Sie hielt seine Hand fest gedrückt, die ganze Trauung hindurch, um in den wichtigen Momenten den Druck sanft zu erhöhen. Seither liefen ihr die Tränen über die gepuderten Wangen. Auch jetzt noch, obwohl sie schon seit mindestens zehn Minuten vor der Kirche im Schatten einer riesigen Trauerweide standen. Er hielt zwei Sektgläser verkrampft in der Hand, weil Klara damit beschäftigt war, sich die Tränen mit mehreren Taschentüchern zu trocknen. Fehl am Platz kam er sich vor, irgendwie schuldig unter den Blicken der vorbeiziehenden Hochzeitsgäste und sonstigen Schaulustigen. Er war doch nicht verantwortlich für ihre Tränen! Oder weinte Klara, weil sie ahnte, dass er nicht heiraten wollte? Nicht jetzt, hier, sofort. Frauen spürten so etwas, wahrscheinlich. Er stand betreten da und wusste wirklich nicht, was er sagen sollte. Das geht doch alles vorbei. War doch gar nicht so schlimm. Das wird schon wieder. Alles kaum treffende Bemerkungen in einer Situation, in der Kendzierski eigentlich mehr Angst um sich selbst hatte. Bitte, Paul, heirate mich. Ihm war immer noch heiß, trotz der kühlen Kirchenmauern, die sie gerade erst hinter sich gelassen hatten. Und mit den beiden Gläsern in der Hand konnte er sie nicht einmal in den Arm nehmen. Also stand er weiter unbeholfen herum und spürte, wie sich sein Magen immer mehr zusammenzog. Jetzt war ihm endgültig übel, aber so richtig. Kurz vor fünf und der Hunger kam noch dazu. Wahrscheinlich war der schuld an seinem Zustand. Ein spätes Frühstück heute Morgen alleine, weil Klara noch ein paar Utensilien für ihren gemeinsamen Auftritt brauchte, und kein Mittagessen. Das war verdammt lang her.

Mit dem Auto fuhren sie hupend in einer langen Schlange hintereinander die wenigen Kilometer von Essenheim zur Ober-Olmer Waldgaststätte, einem alten Gehöft, in dem schon Goethe übernachtet haben soll, während er aus sicherer Entfernung der Beschießung der Stadt Mainz durch die preußischen Truppen beiwohnte. Große Lettern in Stein gehauen klärten jeden darüber auf. Zu dem von hohen Mauern umgebenen Gehöft gehörte eine alte große Scheune, die in den Sommermonaten für Hochzeiten angemietet werden konnte. Während sie einen Parkplatz suchten und Klara sich mit Hilfe eines kleinen Spiegels, den sie aus ihrer ebenfalls sehr kleinen Handtasche hervorgeholt hatte, nachpuderte, ließen Kendzierski die Preußen nicht los. Irgendwie hatte er das Gefühl, heute selbst unter dauerndem Beschuss zu liegen. Zumindest die nächsten drei bis vier Stunden sollte er ausreichend Zeit zum Entspannen haben. Ruhe vor dem großen Auftritt, den ein nicht unbeträchtlicher Teil der sich vor dem geöffneten Scheunentor stauenden Hochzeitsgesellschaft, wahrscheinlich schon reichlich alkoholisiert, gar nicht mehr richtig wahrnehmen würde. Die Zeit arbeitete also eindeutig für ihn. Vielleicht gab es ja auch so viele Programmpunkte, dass man auf seinen und Klaras gut verzichten konnte. Eine zart keimende Hoffnung tief in ihm. Lass uns auf unseren Beitrag verzichten, es sind doch alle so schön am Feiern und Tanzen. Das unterbricht nur unnötig. Jetzt, wo die Stimmung so gut ist. Sein Schlachtplan für die nächsten Stunden schien Gestalt anzunehmen.

Mittlerweile waren sie beide nahe genug an die weiß verputzte Scheune mit ihrem dunklen mächtigen Tor herangekommen, um den Grund für die Stauung zu erkennen. Beide Flügel des Tores standen offen und ließen eigentlich genug Platz, um schnell ins Innere zu gelangen. Trotzdem hatte sich am linken Flügel eine große Menschentraube gebildet. Der Auslöser war das an dem Torflügel angeschlagene Plakat, dessen Bedeutung Kendzierski aus der Ferne nicht erkennen konnte. Klara steuerte ihn zielstrebig und mit dem nötigen Nachdruck darauf zu.

„Die Sitzordnung, Paul. Wir müssen doch erst mal nachsehen, wo überhaupt unsere Plätze sind.“

Hochzeiten ohne ausgeklügelte Tischordnung gab es ja gar nicht mehr. Er hatte zwar noch nicht so viele mitgemacht, aber die wenige Erfahrung reichte ihm. Keine Hochzeit ohne Tischkärtchen, handgeschrieben in schnörkeliger Schrift, verziert im Stil der Tischdekoration.

„Simone hat sich dafür entschieden, die Paare zu trennen, damit man mal mit anderen ins Gespräch kommt. Das lockert die Stimmung. Alle lernen sich besser kennen. Gleich am Anfang. Eine schöne Idee. Das würde ich auch so machen.“

Kendzierski sah Klara fassungslos an. Das war nicht wirklich ihr Ernst! Noch bevor er sich mehr Gedanken machen konnte über seinen Dauerbeschuss am heutigen Tag, auch ohne die Preußen und Goethe, standen sie schon vor dem riesigen Plakat. Kreisrunde Tische in mehreren Reihen, immer acht Namen in unterschiedlichen Farben. Rot, grün, blau, gelb. Verwandtschaft des Bräutigams, seine Freunde, ihre Verwandten, ihre Freunde aus dem Studium, ihre Freunde von hier. Ein ausgeklügelter Farbcode zur Einteilung der Menschenmassen. Schwarz die Namen des Brautpaares. Irgendwie fühlte sich Kendzierski in keiner der Kategorien aufgehoben. Freund einer Freundin von hier. Die Kategorie gab es nicht.

„Ich habe uns!“ Ein freudiger Ausruf von Klara neben ihm. Wie beim Bingo nur ohne Gewinn.

„Da schau mal, wir sind an einem Tisch. Du neben Samanta und Onkel Hans. Ich neben Georg und Tante Helga.“ Noch bevor er sich über die farbliche Einordnung seiner beiden Tischnachbarn informieren konnte, hatte ihn Klara schon fortgezogen. Hinein in die Scheune mit ihrem hellen Holzgebälk, über ausgetretene Pflastersteine, weiter nach rechts hinten in Richtung Buffet. Die silbernen Warmhaltebehälter standen dampfend bereit. Diese Kombination war doch gar nicht so schlecht. Nahe am Essen, die Wand im Rücken und weit von dem entfernt, was links als Bühne zu erkennen war.