Hockenstett – Eine Erzählung - Erich v. Gaens - E-Book

Hockenstett – Eine Erzählung E-Book

Erich v. Gaens

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Beschreibung

Die offizielle Geschichte derer von Hockenstett beginnt am 15. August 1313 im Dorfgerichtssaal zu Abenberg, als der ganz alte Lorenc – also damals war er noch nicht so alt, und es sollten ihm noch weitere Lorence folgen – als erster Hockenstett urkundlich erwähnt wurde. Eigentlich amtskundlich, jedoch immerhin schriftlich. Er wurde von Graf Lynhartt von Abenberg wegen Hühnerdiebstahls zu zwei Monaten Frondienst sowie zur Herausgabe seines als überaus köstlich geltenden Rezeptes für ein Hühnchen in feiner Weinsauce verknackt. So bitter die Geschichte der Familie Hockenstett beginnt, so unterhaltsam sollte sie noch werden. Begeben Sie sich auf eine Reise durch die Zeiten, durch die verschiedensten Gesellschaften, bestehen Sie mit den Protagonisten erstaunliche Abenteuer und lernen Sie manche Geheimnisse der Geschichte und einiger historischer Persönlichkeiten kennen. Aber alles schön langsam. Bei Hockenstetts geht nichts besonders schnell und sie haben immer viel Zeit. Und Zeit werden auch Sie brauchen, um die fast 500 Seiten dieser Familiengeschichte zu lesen. Keine Sorge – zwischendurch gibt es immer etwas Gutes zu essen. Und das Beste: Die exklusiven Rezepte warten im Anhang des Buches.

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Start

Vorwort

Lorencz Hoggenstad

oder: Im Spätmittelalter

Zwei Könige

oder: Etwas später im Spätmittelalter

Das schwarze Schaf

oder: Die fleißige Elisabeth

Auf zu neuen Ufern

oder: Fast schon in der Neuzeit

Heiliger Zorn

oder: Kann denn Nichtstun Sünde sein?

Suum cuique

oder: Essen ist die beste Medizin

Sechszehnhundertdreiundachzig

oder: Alla Turca

Voilà, un homme

oder: Nie hab‘ ich so etwas gehört noch gesehen

Gold! Gold! Gold!

und: Klondike Fever

Volldampf voraus!

oder: Erfindungen, die keiner braucht

Yeah, yeah, yeah!

oder: Immer mit der Ruhe

Epilog

des Autors

Epilog

des Erzählers

Epilog

von Alois Schaasäugl

Epilog

der Dame von Seite 40 ff

Anhang

Die Rezepte der Familie Hockenstett

Coq au Vin

Der hockenstettsche Klassiker

Kubanisches Huhn

dazu: Süßkartoffel-Zucchini-Auflauf

Hühnersuppe

nach dem Geheimrezept von Abundius Benedictus Cato von Hockenstett

Backhendl

am besten mit Petersil-Erdäpfeln und Gurkensalat

Poulet Marengo

Ein Gericht für besondere Anlässe

Chicken Lyonnaise

Das letzte Dinner

Chicken Nuggets

„For your Luck – a McCluck®!

Chicken Satay mit Erdnußsauce

Ooohhhmmmm!

Türkischer Kaffee

natürlich „not to go“

Impressum:

Vorwort

„Sie sind gefeuert!“ Drei Worte und in der Regel ein Rufzeichen, die wohl bei jedem Arbeitnehmer Panik aufkommen lassen. Arbeitslosigkeit. Erwerbsunfähigkeit. Existenzangst. Verlust des Selbstwertgefühls. Beziehungskrise. Sozialer Abstieg. Verelendung. Alkoholismus. Beschaffungskriminalität. Knast. Keine gute Situation und noch schlechtere Aussichten für - nennen wir sie einmal - Normalbürger. Dabei ist ein Jobverlust - zumindest in unserer heutigen, westeuropäischen Gesellschaft – bei weitem nicht mehr so tragisch, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Soziale Netze sorgen für ein gewisses Maß an Sicherheit, ein Grundeinkommen verhindert zumindest den Hungertod, Arbeitsämter und Jobcenter tun wenigstens so, als ob sie einem wieder beruflich auf die Beine helfen könnten und wenn man nicht über 40 ist, hat man sogar eine kleine Chance, wieder im Berufsleben Tritt zu fassen. Und mit sehr viel Glück bleibt nur ein kleiner Knick in der Karriereleiter.

Langzeitarbeitslosen, die aufgrund ihres Alters, diverser Gebrechen oder anhaltender Wirtschaftskrisen trotz aller Bemühungen keinen Job finden, sollte unser aller soziales Mitgefühl gelten. Nicht zuletzt eingedenk der Tatsache, dass jeden von uns das selbe Schicksal ereilen kann und wir in einer entsprechenden Situation über jede Hilfe dankbar wären. Aber es gibt auch andere, weniger ambitionierte, weniger karrieregeile und – man kann sie nicht anders benennen – stinkfaule Tagediebe, Müßiggänger, Faulpelze, Sozialschmarozer! Arbeitsscheues Gesindel, das zur optimalen Ausnützung von Sozialleistungen eine enorme Energie aufbringt und nebenbei zu diesem Zweck sogar eine erstaunliche Kreativität entwickelt. Für manche wird diese Untätigkeit gar zur Lebensphilosophie und stolz prahlen sie damit, wie es ihnen gelingt, ihre Mitmenschen jahrelang abzuzocken. Ein unverständlicher Stolz, weil ein Leben am Existenzminimum eigentlich nicht allzu verlockend klingt.

Und dann gibt es noch eine Familie, die von Grund auf arbeitsscheu ist. Die die Vermeidung jeder Art von Anstrengung zur Familientradition erhoben hat, die niemals durch irgendwelche Leistungen aufgefallen ist und deren Mitglieder niemals auch nur den kleinsten Finger gerührt haben, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meine! Und das nicht erst seit Väter- oder Großväterzeiten. Nein! Vielmehr frönt meine Familie nunmehr seit beinahe 700 Jahren dem dolce far niente! Nichts haben sie geschaffen, nichts aufgebaut, nichts geleistet und nichts haben sie hinterlassen.

Unser Stammbaum ist eine unendliche Aneinanderreihung von Faulpelzen, Gammlern, aber auch Tunichtguten, mehr oder weniger Kriminellen, Bettlern, Clochards, Pennern, Bohemians sowie Adeligen, Politikern, Beamten und sonstigen Nichtsnutzen. Meine Familie – das ist Faul- und Trägheit auf höchstem Niveau! Einzigartig in Europa, wenn nicht sogar weltweit. Bräuchte man ein neues Synonym für arbeitslos, dann wäre dies unser Familienname. Und das ist er ja eigentlich auch. Wobei ich eigentlich nur einer Seitenlinie derer von Hockenstett entstamme, der der Sinn für den Müßiggang etwas abhanden gekommen ist und der einer geregelten Tätigkeit nicht mehr ganz so abhold ist wie ...

„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr von Gaens.“

„Ja, bitte? Ach Sie sind es, der Erzähler! Sie sind schon hier? Ich habe Sie erst in zwei bis drei Seiten erwartet.“

„Darum geht es ja gerade. Es wäre nämlich an der Zeit, mit dem Vorwort langsam fertig zu werden und mit dem ersten Kapitel zu beginnen. Die Leser werden schon ein wenig ungeduldig.“

„So, so. Ungeduldig, meinen Sie? Nun, ich hätte mich gerne noch ein wenig über meine Familie ausgelassen.“

„Aber das tun Sie ohnehin auf den nächsten 500 Seiten. Lassen Sie uns doch einfach beginnen!“

„Na schön. Nur noch einige kurze Sätze, denn die sind für die Leser, das Buch und für das Verständnis für unsere Familiengeschichte essentiell!“

„Bitteschön. Es sind Ihre Familie, Ihr Buch und Ihre Leser. Letztere noch!“

Nun gut, da ich angehalten wurde das Vorwort zu beschließen, mache ich Sie nur, bevor ich an den Erzähler übergebe, kurz mit der Tatsache vertraut, dass die europäische Geschichte, ja die Geschichte der Welt, ohne meine Familie wahrscheinlich eine vollkommen andere wäre. Vielleicht.

Denn ungeachtet des betrüblichen Umstandes, dass die Mitglieder meiner Familie seit Jahrhunderten auf der faulen Haut liegen, ist es ihnen dennoch gelungen, durch bloße Untätigkeit, Desinteresse an jeglicher Form von Arbeit, einem ausgeprägten Phlegma sowie absoluter Gedanken- und Energielosigkeit, müde und antriebslos wie sie immer waren und sind, die europäische Geschichte doch ein wenig zu beeinflussen. Vieles wäre ganz anders gekommen. Manche Dinge hätten nicht passieren müssen, dafür wären manche Entdeckungen nicht, oder vielleicht erst viel später gemacht worden. Manche vielleicht auch eher früher. Kriege hätten vermieden, Schlachten gewonnen werden können, hätte nicht der eine oder andere Vertreter derer von Hockenstett nicht zum falschen – oder aber auch richtigen – Augenblick nicht Nichts getan.

Und darüber hinaus müssten wir heute wohl auch auf so manchen kulinarischen Genuss verzichten! Denn außer der eigenen Vermehrung galt die einzige Leidenschaft dieser Familie stets dem Essen. Sie frönten seit jeher dem Genuss und der Völlerei und entwickelten dabei - zumindest in gewissen Grenzen - eine erstaunliche Phantasie. Hatten sie doch zu allen Zeiten die entsprechende Muße, um sich die diversen Köstlichkeiten auszudenken, sie im Laufe der Generationen zu variieren, weiterzuentwickeln und zu verfeinern, als auch die Zeit, die für die Zubereitung dieser - heute teilweise legendären - Speisen unbedingt nötig ist.

Müßiggang ist bekanntlich aller Laster Anfang. So – und nicht nur so – gesehen, ist meine Familie eine ausgesprochen lasterhafte. Aber sie werden es erleben, manchmal liegt in der Ruhe, bzw. bei meiner Verwandtschaft im Ausruhen, die wahre Kraft.

Ihr

Erich von Gaens

PS: Weil mir vor allem der Herr Erzähler auf den nun folgenden Seiten hin und wieder, andeutungsweise, den Vorwurf machen wird, es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau zu nehmen, möchte ich dem gleich an dieser Stelle vehement widersprechen. Sicher, manche Gegebenheiten klingen phantastisch. Und sie sind es wohl auch. Aber auch wenn man ganz scharf hinsieht, die Historie ganz genau unter die Lupe nimmt, alle Eventualitäten hinterfragt und alle Ereignisse bestmöglich ausleuchtet, so muss doch eine gewisse, klitzekleine Unschärfe, die den Lauf der Geschichte aber nur ganz geringfügig beeinflusst, trotzdem in Kauf genommen werden. Aber seien Sie sich bitte versichert, dass, obwohl leider allzuoft belastbare Beweise oder gar offizielle Aufzeichnungen nicht verfügbar sind und viele der historischen Ereignisse im Halbdunkel der Geschichte liegen, ich mich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht habe, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die authentische Geschichte der Hockenstetts – oder wenigstens einen Teil davon – vorzulegen, die Sie nunmehr in Händen halten und mit deren Lektüre Sie jetzt endlich beginnen können. Viel Vergnügen!

Lorencz Hoggenstad

oder: Im Spätmittelalter

„Er ist ein wahrer Tunichtgut, ein Nichtsnutz vor dem Herrn, ein notorischer Tagedieb, ein Rumtreiber, ein Bummelant und ein gar recht fauler Sack und übler Zeitgenosse. Darüber hinaus gilt es als erwiesen, dass er der ebenfalls hier anwesenden Kleinstbäuerin, der armen, alleinstehenden und darüber hinaus gebrechlichen und überhaupt von den Widrigkeiten des Lebens gar arg gebeutelten Witwe Walpurga Babelotzky, ihre einzigen beiden Hühner gemopst, die bedauernswerten Vögel gemeuchelt, in einer äußerst schmackhaften Soße gegart und anschließend, wie vermutet werden darf, mit höchstem Genuss ratzeputz aufgefressen hat. Als Beweis für diese ruchlose Tat dürfen die Federn der beiden Tiere angesehen werden, mit denen er einen alten Mehlsack - dessen Herkunft und die Umstände wie er in seinen Besitz kam nach wie vor ungeklärt sind und vermutlich demnächst Gegenstand einer weiteren Verhandlung sein werden - ausgestopft hat, und der ihm seitdem als Kissen diente und auf dem er wohl, wie mit höchster Wahrscheinlichkeit zu vermuten, jedoch leider nicht zu beweisen, ist, auch nach so manch anderen Untat seinen ob der für ihn so ungewohnten Anstrengungen müden Kopf zur Ruhe zu betten pflegte.“

So ungefähr lautet die Übersetzung aus dem Altdeutschen, der wenig schmeichelhaften ersten urkundlichen, also eigentlich amtskundlichen, Erwähnung eines der Unseren. Des ersten Hockenstett und damit des Urvaters einer Dynastie von Faulpelzen. Denn weiter unten im überlieferten und auf wunderbare Weise erhalten gebliebenen Urteil, wobei das Original leider in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verlustig ging aber dessen beglaubigte Abschrift sich irgendwo im Familienbesitz befindet, erfährt das damals anwesende, sensatioslüsterne, mit weit offenen Mäulern und großen Augen gaffende Gerichtspublikum - und somit auch wir interessierte und nicht weniger sensationsgierige Nachgeborene - sowohl von der drakonischen, wenn auch gerechtfertigten, Strafe, die das anno dazumal zuständige Dorfgericht für zumindest angebracht hielt, als auch den Namen des Delinquenten:

„Darum verurteilen wir den hier wenigstens physisch anwesenden Lorencz Hoggenstad, sobald er aus seinem Schlummer erwachet ist, denn das ganze Prozedere und überhaupt die ganze Gerichtsverhandlung scheinen ihn gar übermäßig ermüdet zu haben, zu nicht weniger als 2 (in Worten: zwei) ganzen Monaten schwersten Frondienstes auf den Ländereien der armen Witwe Babelotzky, und darüber hinaus, unter Androhung der peinlichen Befragung, zur Herausgabe seines Rezeptes für das als gar überaus köstlich geltende Hühnchen in feiner Weinsauce.“

Das hat gesessen! Das Publikum begrüßte das Urteil, gegen das wie damals üblich keinerlei Einspruch oder Revision möglich war, ob seiner Weisheit und wohl auch seiner angebrachten Härte mit größtem Wohlwollen und zustimmendem Geraune. Und auch die Tatsache, dass es - das Publikum, das zum größten Teil aus der Einwohnerschaft des Dorfes und einiger umstehender, verstreut liegender Weiler und Gehöfte bestand - ebenfalls in absehbarer Zeit in den Genuss des so überaus wohlschmeckenden Hähnchengerichts kommen würde, von dem schon lange gemunkelt wurde und so manch phantastische als auch köstliche Gerüchte kursierten, sorgte für begeisterten Applaus.

Es begab sich nämlich, dass der vorsitzende Richter, und auch dies war zu dieser Zeit nicht nur üblich sondern sogar ganz selbstverständlich, ident war mit dem Herrn der lokalen Burg. Es handelte sich dabei übrigens um Graf Lynhartt, den Wohlgenährten, von Abenberg. Und seine Burg war eigentlich ein Witz! Denn Abenberg, so hieß die Burg, das Dorf und das ganze nähere Umland, lässt sich heute ungefähr mit „der am Fuß eines Berges wohnt“ übersetzen. Und genau da lag seine Burg. Am Fuße des stolzen, beinahe 499 Meter hohen, wie man ihn damals nannte, „Hohenberg“.Und dort war sie - gelinde gesagt - sinnlos. Bot sie doch ob ihrer Lage keinerlei Überblick über das Gelände, über das ein potentieller Feind in das Land einmarschieren konnte, so dass sie im Frühwarnsystem der übergeordneten Landesfürsten eine Rolle spielen konnte, noch einen so atemberaubenden Ausblick, den andere Burgherren von den Zinnen ihrer hochgelegenen Festungen genießen durften. Auch konnte sie mangels ausgeklügelter Fortifizierungen und sonstiger Verteidigungsanlagen, auf deren mühevolle Anlegung offensichtlich verzichtet wurde, und nicht zuletzt aufgrund des Fehlens eines, womöglich mit Wasser gefüllten, Burggrabens nebst zugehöriger Zugbrücke nur sehr unzureichend gegen erwähnte Eindringlinge verteidigt werden. Alles bedauerliche Umstände bzw. Versäumnisse, die der Burg und ihren Bewohnern im Laufe ihrer, trotz allem langen, Geschichte das eine oder andere Mal zum Verhängnis werden sollten.

Aber das wäre Stoff für ein anderes, und das können Sie, verehrte Leser, getrost glauben, spannendes und abenteuerliches Buch. Nicht unerwähnt sollte jedoch bleiben, wie es - angeblich - zu diesen fatalen Missständen, die sich alsbald als wirkliche Unannehmlichkeiten erweisen sollten, kam. Es wird nämlich - natürlich nur unter vorgehaltener Hand und ganz im Vertrauen - gemunkelt, dass einer der Vorfahren derer von Abenberg, damals hießen sie allerdings noch schlicht Machleyth, ein rechter Filou gewesen sein soll. Jedenfalls soll ein gewisser Sewastian Machleyth ein Techtelmechtel mit einer - man ahnt es schon - Eltzabet Hoggenstad gehabt haben! Frucht dieses Abenteuers sei angeblich, nichts Genaues weiß man nicht, ein Sohn gewesen sein, dem man den schönen Namen Jecklein gab. Eltzabet, die ohnehin von der - sie wissen schon - „unstillbaren Leidenschaft“ Sewastians, der neunmonatigen Schwangerschaft und nicht zuletzt von der mühevollen Niederkunft ziemlich erledigt war, beschloss, dass sie das ihrige getan hatte und sich ab nun Sewastian und seine Familie um das Balg kümmern sollten. So geschah es auch und Jecklein wurde - langsam - erwachsen. Irgendwann dann, mangels anderer Geschwister oder Halbgeschwister, denn Sewastian dürfte sich mit Eltzabet ziemlich verausgabt haben, wurde Jecklein daher als legitimer Erbe mit allen Rechten und Pflichten anerkannt. Und eine der Pflichten, die von leider nicht mehr nachvollziehbarer Seite im Alter von 27 Jahren auf ihn zukam, war der Auftrag eine Burg zu errichten. Er konnte zu diesem Behufe auf ein, naja, fürstliches wäre untertrieben, Budget zugreifen und widmete sich fortan als Jecklein Machleyth mit - für seine Verhältnisse - Feuereifer dieser Aufgabe. Unglücklicherweise konnte er für die Bauarbeiten nur auf die Arbeitskraft der ansässigen Bevölkerung zurückgreifen, unter denen sich eine erhebliche Zahl von Hoggenstads und deren Abkömmlingen befand. Deren Natur gemäß ging der Baufortschritt eher schleppend vor sich. Aber schon drei Generationen später - Jecklein hatte längst das Zeitliche gesegnet, das Budget war nahezu aufgebraucht bzw. schon weit überschritten, was auch der Tatsache geschuldet war, dass Jecklein einen Großteil des Geldes in den Aufbau eines Hühnerhofes investierte, was ihm sinnvoller erschien als die doofe Zitadelle - stand die Burg. Zwar nicht, wie ursprünglich geplant, auf dem Gipfel des Hohenberges, was zwar sinnvoll aber wirklich viel zu mühsam gewesen wäre, all die Tonnen von Steinen da hinauf zu schleppen, aber immerhin am Fuße des Berges. Und ohne alle Extras. Und so kam Dieterich Machleyth, der Ur-Großenkel von Sewastian, zu seinem neuen Namen: Dieterich „der Baumeister“ von Abenberg und war, wenn wir uns nicht verrechnet haben, der Ur-Ur-Ur-Großvater von Lynhartt von Abenberg, der gerade Lorencz Hoggenstad an diesem strahlend schönen Dienstag zu zwei Monaten Frondienst verdonnert hat. Pech für ihn und alle seine Nachfahren. Hätten seine Vorgänger es geschafft, ihre Knechte und Bediensteten dazu zu bewegen die Burg in uneinnehmbarer Position, exponiert auf dem Gipfel des Berges zu platzieren, wäre sie nie eingenommen worden, eine Vielzahl wilder Horden und fremder Heere hätte niemals in das Land einfallen und es wiederholte Male verwüsten und brandschatzen können, sie wären reich und über alle Grenzen hinaus berühmt geworden, hätten in höchste Adelskreise einheiraten können und vor allem würden sie heute wahrscheinlich „Hohenberg“ heißen. Ein Name, der doch wesentlich mehr hermacht als Abenberg.

Aber all das ist nur Tratsch aus längst vergangenen Zeiten und ein verwandtschaftliches Verhältnis derer von Abenberg und derer von Hockenstett durch keinerlei schriftliche Aufzeichnungen zu belegen. Und da wir - also ich, der Erzähler, und Erich von Gaens, Familienmitglied, Chronist und Autor - uns bei der Erzählung der Geschichte derer von Hockenstett ausschließlich auf historisch belegbare Tatsachen beschränken wollen, kehren wir nunmehr in das Jahr 1313, das Jahr der ersten schriftlichen Erwähnung eines Hockenstett und das erste uns bekannte Jahr einer urkundlich belegten Verurteilung wegen Hühnerdiebstahls zurück.

Das Publikum dieser Gerichtsposse, und als solche, und nur als solche, sollte die Verhandlung unserer Meinung nach, wie bald vielleicht nicht begründet aber zumindest vermutet wird, angesehen werden, applaudierte gerade frenetisch dem Urteil des Dorfrichters. Besagter Graf Lynhartt von Abenberg, auch bekannt unter dem Namen „Richter Scharf“ - nicht zu verwechseln mit dem verrückten Kylian Paditz, der als Scharfrichter ganz andere Aufgaben zu verantworten hatte - und ebenfalls bekannt unter dem Namen „Hühnerbaron“ war, so wie ihm natürlich auch das gesamte nähere Umland - in diesem Fall nur das nähere, weil es handelte sich naturgemäß - Sie wissen schon, popelige, kleine Burg, am Fuße eines Berges usw. - nur um ein ganz kleines, eher unbedeutendes Lehen über das er verfügte und somit gab es in seinem Besitz kein weiteres Umland - auch Eigentümer des Dorfwirtshauses „Zum fröhlichen Gockel“. Aus besagtem Mangel an weiterem Umland konnte er auf keine größeren Erträge aus dem Zehent auf landwirtschaftliche Erträge seiner geknechteten Untertanen hoffen, und somit stellte das Wirtshaus die größte Einnahmequelle des Burgherren dar. Neben dem, bereits von Jecklein Machleyth gegründeten und seit Generationen im Familienbesitz befindlichen, Hühnerhofes, dessen Erzeugnisse aber zu einem Gutteil dem Eigenbedarf, also zum persönlichen Verzehr, den Bewohnern der Burg Abenberg zukamen.

Gerne hätte es der Graf gesehen, wenn sein Wirtshaus als das beste und beliebteste weit und breit bekannt gewesen wäre. Allein, es gab in seinem Refugium kein weit und schon gar kein breit. Handelte es sich doch viel eher um ein kleines, enges Tal. Aber immerhin, in der näheren Umgebung gab es für die Bewohner des Tales, vielmehr für den Großteil des männlichen Bevölkerungsanteils, keinen besseren Platz als das Wirtshaus „Zum fröhlichen Gockel“, oder wie sie es der Einfachheit halber nannten „beim Gockel“, um einen Großteil der Einkünfte, die sie mühevoll auf dem kargen Boden erwirtschafteten, selbstverständlich nach Abzug des Zehents an den Grundherren, sinnlos zu verprassen.

Über den Umsatz an Wein und Bier im „Gockel“ konnte sich der Graf nicht im mindesten beklagen. Das lief wirklich gut. Beziehungsweise floss. Denn aus den Fässern und Zapfhähnen floss das begehrte Nass hektoliterweise in die durstigen Kehlen der Untertanen. Zumindest in deren, die es sich einigermaßen leisten konnten. Billig war das Vergnügen nicht und so mancher fröhliche Zecher, der am nächsten Morgen selbige nicht bezahlen konnte, fand sich stantepede im Robot wieder.

Was ihn aber wirklich wurmte und persönlich zutiefst verärgerte, war die Tatsache, dass die Küche so gar nichts zu bieten hatte. Schon lange vor Sternen- und Haubenauszeichnungen und in einer Zeit, in der sich der Großteil der Bevölkerung tagtäglich und fast ausschließlich von Gemüse und Sterz ernährte, Gewürze unbekannt oder unbezahlbar waren und Fleisch nur an höchsten Feiertagen kredenzt wurde, galt seine Liebe dem guten Essen und der Haute cuisine. Schließlich hatte man das Hochmittelalter schon hinter sich und befand sich bereits im Spätmittelalter und daher war es höchste Zeit, etwas Ordentliches auf den Tisch zu bringen! Was ihm fehlte, war das spezielle Etwas. Ein einzigartiges Gericht auf der Speisekarte, um das sich die Leute reißen würden und seinem „Restaurant“, wie er sein Wirtshaus gerne nannte und wofür er von seinen adligen aber ziemlich derben Kumpels oft bestenfalls Unverständnis, viel öfter jedoch offenen Hohn - der ihn fast noch tiefer traf als die ewigen Witzelein über seine Minigrafschaft und die mitleiderregende Burg - erhielt, den einzigartigen Kick geben und es sogar über die Grenzen seiner mickrigen, kleinen Grafschaft hinaus Berühmtheit erlangen lassen würde.

Und dieses Gericht gab es. Angeblich. Persönlich hatte er es noch nie gekostet, aber gerüchteweise hatte er davon gehört. Die Leute in seiner Umgebung, also alle seine Untertanen, schwärmten von einem Hühnchen in Weinsauce, das angeblich ein gewisser Lorencz Hoggenstad auf einzigartige Weise zuzubereiten wusste. Nachweislich gegessen hat es keiner von ihnen. Aber das Gerücht um diese Delikatesse hielt sich hartnäckig. Dieses Rezept musste er haben! Denn er aß für seinLeben gerne und viel. Und gerne aß er noch viel mehr. Er, den sie den „Wohlgenährten“ nannten. Und das beste Futter war für ihn wohl nur gut genug. Außerdem wollte er doch unbedingt sein Lokal, seinen Umsatz und somit sein persönliches Einkommen pushen. Und auch sein Geflügelhof sollte nicht mehr nur dem eigenen Völlegefühl dienen, sondern endlich Gewinn abwerfen. Und dafür war ihm jedes Mittel recht.

Selbstverständlich konnte er, der Graf von Abenberg, nicht mit einem dahergelaufenen, mittellosen, wie man ihm berichtete einigermaßen faulen Nichtsnutz, der unter Umständen, vielleicht - der Herr steh‘ uns bei - sogar mit einem selbst über viele Ecken verwandt ist und darüber hinaus auch nicht besonders gut riechen soll, über ein so bedeutendes Geschäft mit einer so unermesslichen Tragweite für seinen „Gockel“ reden! Also musste er von vornherein auf andere Mittel zur Erlangung des vermeintlichen Wunderrezeptes greifen. Das unerklärliche Verschwinden zweier Hühner vom Hof einer Untertanin, die ihm mit ihren Vögeln ohnehin nur Konkurrenz zu seinem eigenen Betrieb machte, was doch eigentlich gar nicht sein durfte, ein paar Federn vom eigenen Hühnerhof, gestopft in einen Sack vom Müller eines befreundeten Grafenkollegen, eine dezente, anonyme Denunziation, ein Tunichtgut als Beschuldigter und er selbst als oberster Richter - ein wirklich gut eingefädelter, wohlüberlegter, gerissener, ja, ein teuflischer und idiotensicherer Komplott zur Erlangung des begehrten Rezeptes. Und wie der Plan aufging!

„Mit diesem Urteil hofft das allerhöchste Gericht, nicht nur der bemitleidenswerten Witwe Babelotzky Genugtuung und Ersatz für ihren Verlust der beiden Vögel zu verschaffen, als vielmehr den Verurteilten, den, wie wir mit Genugtuung vermerken nunmehr glockenwachen Lorencz Hoggenstad, mittels dieses Urteils wieder auf den rechten, arbeitssamen Pfad der Tugend zurückzuführen und auf dass er seiner lasterhaften Faulheit entsage, ein gottgefälliges Leben führen möge indem er hart arbeite und brav seinen Zehent an unseren hochwohlgeborenen Herrn, Graf Lynhartt von Abenberg, abführe und sein Hühnchen in Weinsauce, das demnächst im Wirtshaus „Zum fröhlichen Gockel“ zu einem unverschämt günstigen Einführungspreis serviert werden wird, allen hier Anwesenden auf das Vorzüglichste munden möge. Das Urteil ist unwiderruflich und sofort vollstreckbar.

Abenberg, am 15. August im Jahre des Herrn 1313.“

Eine Urteilsbegründung! Nicht nur unüblich für die damalige Zeit, nein, vielmehr ein Fauxpas des Richters, der damit eindeutig auf die wahren Absichten hinter dieser Gerichtsfarce hindeutet. Aber das ging im allgemeinen Gesabber und der Vorfreude auf die zu erwartende kulinarische Offenbarung unter. Am 16. August 1313 diktierte Lorencz Hoggenstad dem Grafen, der sich dieses „Geständnis“ um keinen Preis entgehen lassen wollte und daher persönlich in Begleitung seines Chefkochs aus dem „Gockel“, einem Advokaten und einem des Schreibens mächtigen Dieners zu ihm ins Verlies hinabstieg, die Zutaten und die Zubereitung seines Hühnchens in Weinsauce. Diese Abschrift ist leider nicht erhalten, aber das Gericht wurde wie erwartet der Renner im „Gockel“! Schon während Lorencz seine wenigen Habseligkeiten, oder das, was die Gefängniswärter nicht geklaut hatten, zusammenpackte und sich auf den Weg auf den Hof der Witwe Walpurga Babelotzky machte um seinen Frondienst anzutreten, loderten im „Gockel“ die Feuer in der Küche und in den Pfannen schmorten reihenweise die frisch geschlachteten Hühner vom Hof des Grafen. Am frühen Abend fanden sich, fein herausgeputzt, die adligen,nunmehr nicht mehr herablassenden sondern gierigen Kumpels des Grafen, einige Vertreter des immer hungrigen Klerus sowie natürlich der Graf und seine Sippschaft im „Gockel“ ein.

Schon beim Betreten des schummrigen Gastraumes empfing die illustre Gesellschaft ein himmlischer Duft von geschmortem Geflügel und allerlei Kräutern. Und kaum trugen die Lakaien des Grafen die ersten Platten mit den in einer wundervollen Weinsauce ruhenden Hühnern auf, artete der als elegantes Dinner geplante Empfang in ein wüstes Schlachten und Stechen und Gieren nach den besten Stücken aus. Gerne hätte man gebratene Erdäpfel dazu gereicht, aber die waren in Europa damals noch nicht bekannt. Aber die kommen noch und werden sich als exzellente Beilage erweisen. Wie zu dieser Zeit üblich machte man sich nicht viel aus Besteck sondern Männlein und Weiblein griffen beherzt mit den Fingern zu. Es entspann sich ein einziges Schmatzen und Schlürfen und die abgenagten Knochen flogen durch den Raum, dass es eine Freude war! Wie aus einigermaßen verlässlichen Quellen bekannt, dauerte das orgiastische große Fressen bis weit nach Mitternacht und es dauerte noch einmal mindestens eine Stunde, bis sich alle Gäste mit vollen Wampen und abgefüllt bis obenhin mit dem besten Rotwein des Kellers, Marke „Donnerrebe“, vom spendablen Gastgeber verabschiedet und ein um das andere Mal auf das Herzlichste bedankt hatten und sich in ihren Kutschen und Sänften auf den Heimweg zu ihren Burgen und Klöstern machten. Natürlich nicht ohne den einen oder anderen mehr oder minder dezenten Rülpser.

Am nächsten Tag, den 17. August 1313, konnte dann auch das gemeine Volk in den Genuss der lange ersehnten und im Urteil gegen Lorencz Hoggenstad vollmundig angekündigten Delikatesse kommen. Wenn denn im Sparstrumpf genügend Reserven vorhanden waren. Denn entgegen der Ankündiung von vor zwei Tagen verlangte der Graf einen gesalzenen Preis für ein halbes Huhn, ein wenig Weinsauce und keine Beilage. Und Salz war im 14. Jahrhundert unverschämt teuer! Trotzdem brummte das Geschäft und der Ruf des „Gockel“ als erste Adresse für Feinschmecker eilte über das Land und zog Gourmets aus Nah und Fern magisch an. Begünstigt wurde der kulinarische Tourismus durch die günstige Verkehrslage des Dörfchens Abenberg. Auf den selben Routen, die vormals von feindlichen Heeren zum- dank der sinnlos teuren aber nutzlosen Burg - einfachen Durchmarsch in das Landesinnere genutzt wurden, strömten nunmehr ausgehungerte Horden von Vielfraßen in das liebliche Tal.

Der Graf war ein Star. Und ein gemachter Mann. Und darum ließen Neider, die ihm und seinem „Gockel“ den Erfolg nicht gönnen wollten, natürlich nicht allzu lange auf sich warten. Versuche den Koch zu bestechen um von ihm das Rezept für die Hühnerköstlichkeit zu erlangen, hatte er wohlweislich von vornherein unterbunden, indem er Frau und sämtliche Kinder des Kochs (und natürlich auch den Advokaten, den schriftmächtigen Diener inklusive deren gesamter Verwandtschaft) in den Kerker seiner Burg - vielleicht der einzige Luxus für Burgbesitzer, den seine Vorfahren haben einbauen lassen- verschleppen ließ. Und Kidnappingversuche scheiterten daran, dass er den Koch, das gesamte Küchenpersonal und überhaupt den gesamten Küchentrakt von einigen seiner Rittersleuten hermetisch abriegeln ließ.

„Verzeihen Sie bitte wenn ich unterbreche, Herr von Gaens. Aber handelt es sich in der Geschichte nicht ein bisschen zu viel um Geflügel? Was ist mit der Faulheit?“

„Kommt schon noch, mein lieber Erzähler! Wir sind doch erst ganz am Anfang. Und sie werden sehen, das Federvieh wird im Laufe der Geschichte noch öfter eine Rolle spielen.“

„Nun gut. Wie sie meinen. Dann fahre ich jetzt mit Ihrer Erlaubnis fort?“

„Ich bitte darum!“

Nun, der Erfolg des „Gockels“ und des Hühnchens in Weinsauce ist unbestreitbar. Sowohl gesellschaftlich als auch finanziell erlebte der Graf einen Höhenflug. An anderer Stelle musste er jedoch eine herbe, selbst verschuldete Niederlage einstecken! Denn die Geschichte hat auch noch eine andere Seite. Oder deucht Ihnen, verehrte Leser, nicht auch, dass wir den Lorencz Hoggenstad ein wenig aus den Augen verloren haben? Tatsächlich! Aber da ist er jetzt wieder. Gerade auf dem holprigen Weg zum abgelegenen Gehöft der Witwe Babelotzky. Was war in der Zwischenzeit mit ihm geschehen? Bis jetzt haben wir ihn nur schläfrig und eher gleichgültig seiner Urteilsverkündung entgegenschlummernd erlebt. Dass man ihn, der sich aktuell keiner besonderen Schuld bewusst war, des Hühnerdiebstahls bezichtigte und unter solch fadenscheinigen Vorwürfen in ein modriges Loch geworfen hatte, machte ihm nicht besonders viel aus. Er hatte bisweilen, notgedrungen, um seine unbedingt notwendigen Ruhepausen einhalten zu können, sich schon an übleren Orten zur Ruhe gelegt. Auch die Aussicht, und damit rechnete er, den Sommer in eben diesem finsteren Loch verbringen zu müssen, war Angesichts des strahlenden Sonnenscheins dieser Tage und der Vorstellung, diese besser auf einer lauschigen Wiese liegend oder an einem fröhlich plätschernden Bach lümmelnd zu verbringen, betrüblich, aber nicht weiter schlimm. Wirklich schlimm war dann das Urteil! Nicht die Sache mit dem Rezept für sein berühmtes Hühnchen. Das war ihm so was von egal. Wusste er doch, dass sie es niemals, trotz ehrlicher und ausführlicher Erklärung, so hinbekommen würden wie er. Aber Frondienst! Harte Arbeit! Zwei ganze Monate! Und dann noch unter der Aufsicht der alten Witwe Babelotzky! Das war die Hölle. Was das Gericht fälschlicherweise als glockenwach erkannte, waren in Wirklichkeit nur seine schreckensgeweiteten Augen. Tatsächlich war er vollkommen Tilt!

Und jetzt stand er da. Vor dem Tor des Grundstücks der Witwe Babelotzky. Er hatte von seinen Gammlerkollegen schon so einige schreckliche Geschichten über sie gehört. Und dass sie mit ihrem Reisigbesen hervorragend umzugehen verstand und damit schon so manchen Bettler, Schnorrer, Dieb und sonstiges Gesindel mit einer ordentlichen Tracht Prügel vom Hof gejagt habe.

Aber siehe da, wer empfing den betrübten Verurteilten da in der Tür zu ihrer Hütte stehend? Ein gar überhaupt nicht altes und vor allem ganz und gar nicht gebrechliches, geschweige denn unansehnliches weibliches Wesen! Es verhielt sich nämlich so: Walpurga Babelotzky, geborene Vl war tatsächlich vom Leben ein wenig durchgebeutelt worden. Wurde sie doch schon im zarten Kindesalter von ihren Eltern, Sewfrid und Mechthild Vl, aus Bequemlichkeitsgründen und um die Kosten für eine Ausbildung zu sparen, an den stinkigen, ekligen Friedlein Babelotzky verheiratet worden, der ein alter Sack war und ein Trunkenbold obendrein, aber den Vorteil hatte, auf eine Mitgift zu verzichten, eine kleine Hütte sein Zuhause nenne durfte und ein paar Quadratmeter des Grundes des Grafen von Abenberg mehr schlecht als recht bewirtschaftete. Und zwei Hühner hatte er auch. Immerhin - ein Kind aus dem Haus, noch 13 weitere irgendwie anzubringen. Die Ehe, die von einem vorbeireisenden Bettelmönch auf denkbar unspektakuläre Weise geschlossen wurde, hielt auf den Tag genau ein Jahr. An ihrem ersten Hochzeitstag kam der alte, stinkige Friedlein, Oberkante Unterlippe besoffen aus dem „Gockel“ nach Hause, plumpste in den Bach am Fuße seines Grundstücks und, da niemand außer Walpurga, die mit ihrer Bratpfanne auf ihn wartete um ihn damit zu verdreschen, da war um ihm heraus zu helfen, und die wollte einfach nicht, ersoff in diesem mehr oder weniger jämmerlich.

Somit wurde Walpurga im Alter von gerade einmal 15 Jahren Witwe und lebte fortan alleine mit ihren beiden Hühnern in ihrer kleinen Hütte auf ihrem kleinen Grundstück. Sie war schon ein wenig hantig, hatte nicht nur Haare auf den Beinen sondern auch auf den Zähnen und ließ sich so schnell nichts gefallen. Sie vertrieb, wie bekannt, so manchen Tunichtgut, wobei ihr der Reisigbesen und die alte Bratpfanne wertvolle Dienste erwiesen. Und das ging so, gut fünf Jahre lang, bis zu dem traurigen Tag, an dem ihre beiden Hühner über Nacht, mir nichts, dir nichts, einfach verschwanden. Futsch! Und die Nachricht, dass der vermeintliche Dieb aufgrund eines anonymen Hinweises dingfest gemacht werden konnte, befriedigte sie schon sehr. Dass ihr dann der Schuft zur Wiedergutmachung ins Haus und auf den Hof geschickt wurde, machte sie dann eigentlich wieder weniger froh. Und da stand er nun. Groß, eigentlich fesch - das war ihr schon im Gerichtsaal aufgefallen - und irgendwie sehr ausgeruht und entspannt. Ganz und gar nicht unsympathisch!

Und auch sie war ja im großen und ganzen nicht unansehnlich und Lorencz Hoggenstad, der ihre Anwesenheit im Gericht zunächst verschlafen hatte und nach der Urteilsverkündung ganz andere Sorgen hatte, sah seine Zukunft, oder zumindest die nächsten beiden Monate, schon in einem wesentlich freundlicheren Licht. Außerdem war Sommer und es gab auf dem Feld nicht übermäßig viel zu tun. Und da man sich ja irgendwie die Zeit vertreiben musste, begab es sich, dass Walpurga Mitte Oktober bereits im zweiten Monat schwanger war. Lorencz Hoggenstad beschloss, nach Verbüßung seiner Strafe, die sich alsbald als absoluter Glücksfall für ihn erweisen sollte, zu bleiben.

Walpurga, anfangs noch äußerst skeptisch was sie denn mit dem verurteilten Hühnerdieb auf ihrem Hof anfangen sollte, lamentierte nach der Urteilsverkündung beim Grafen von Abenberg aufs Herzerweichendste und bat um sein Verständnis, dass es doch nicht angehen könne, dass sie zum einen keine Hühner mehr habe und jetzt zusätzlich noch einen bekanntermaßen stinkfaulen Vogelmeuchler durchfüttern müsse und seine Hochwohlgeboren möge ihr doch in seiner unermesslichen Großzügigkeit zwei der Hühner von seinem Hof, auf dem er doch gewiss Hunderte der gackernden Tiere besäße, überlassen. Sie bettelte und flehte und der Graf, ein wenig irritiert, auch ein wenig angewidert von dem niederen Gesinde, aber in Hochstimmung aufgrund der Tatsache, dass er alsbald das wertvollste Rezept der Welt sein Eigen nennen würde, gewährte dem flennenden Weib in seiner unermesslichen Güte und mit großer Geste - schließlich waren so ziemlich alle VIPs der umliegenden Burgen anwesend - die Bitte. Mit der Erlaubnis des Grafen in der Tasche eilte Walpurga als gleich zu dessen Hühnerhof und befahl, ja, man kann es nicht anders nennen, dem Verwalter ihr Zugang zu den Gehegen zu gewähren, auf dass sie sich zwei Vögel aussuchen könne.

Nun müssen Sie, lieber Leser, wissen, dass Mechthild Vl vor gut zwanzig Jahren kein Dummchen auf die Welt gebracht hat. Zielsicher und mit geübtem Blick suchte sich Walpurga unter all dem Gefieder die hübscheste und fetteste Henne heraus. Und den einzigen Hahn im Hühnerstall! Der Verwalter unternahm einen kläglichen Versuch zu protestieren, den Walpurga aber rasch unterband, indem sie mit dem Freibrief des Grafen vor seiner Nase herumwedelte, den zwar beide nicht lesen konnten, aber zumindest der Verwalter erkannte das Siegel und das Wappen der Grafen von Abenberg und hielt den Mund.

Was jetzt kommt, musste kommen. Die hübsche Henne und der flotte Hahn verstanden sich hervorragend und alsbald tummelten sich auf Walpurgas Hof zunächst zehn, dann nochmals zehn mehr und dann ganz viele Hühner. Walpurga, mittlerweile verheiratete Hoggenstad und Mutter eines strammen Sohns namens Heynrich, heuerte ein paar Streuner an, die ihr für eine Handvoll Eier und ein speziell für sie vom Lorencz zubereitetes original Hoggenstader Hühnchen in Weinsauce, einen Hühnerstall an die nunmehr gemeinsame Hütte anbauten. Lorencz selbst verbrachte seine Tage mit der Inventur der Küken. Das war nicht besonders anstrengend und noch weniger sinnvoll, wenn man nur bis zehn zählen kann. Den Rest schätzte er einfach und Walpurga war zufrieden, wenn er ihr am Abend berichten konnte, dass sie mittlerweile viele Hühner besaßen. Auch die Zahl der eigenen Kinder konnte er im Laufe der folgenden Jahre nur schätzen. Wir hingegen wissen heute, dass es insgesamt zehn und fünf waren: der Heynrich, der Jacopp, die Katterina, der Jorge, der Peyr, der Mychel, die Cristlein, die Ottilg, der Hennsel, der Stepffan, der Barthel, die Brigida, die Cecilien,die Durettea und der kleine Lorencz.

Noch viel schneller als sich Walpurgas Hühner und sie selbst sich vermehrten, ging dem Grafen, der alsbald das Fehlen seines Hahns schmerzlich bemerkte, der Nachschub des Hauptbestandteils für sein Hühnchen in Weinsauce aus. Ein Versuch den Hahn wieder zu bekommen um die Hühnerproduktion wieder anzukurbeln, scheiterte schon am eigenen gräflichen Dünkel. Auch wenn ihm im Tal eigentlich alles, Haus und Wagen, Wald und Wiese, Mann und Frau und natürlich auch alles Getier gehörte - geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen. Und das gehört sich für einen Grafen von Abenberg einfach nicht. Unmöglich!

Also musste er seinen Hühnerhof, nachdem auch das letzte Huhn in der Bratpfanne gelandet war, wohl oder übel schließen und sein gesamtes Personal entlassen. Das fand jedoch sogleich eine Anschlussverwendung im Hoggenstadschen Hühnerhof, bei dem der Graf notgedrungen von nun an seine Hühner käuflich erwerben musste. Aber das war eigentlich nicht weiter schlimm. Lorencz und Walpurga machten ihm einen fairen Preis, er verlangte einfach noch ein wenig mehr für sein Hühnchen in Weinsauce ohne Beilage und verdiente sich nach wie vor eine goldene Nase. Oder auch einen goldenen Bauch.

„Und das war es jetzt? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute? Finden Sie nicht, Herr von Gaens, dass das alles ein bisschen sehr nach Märchen klingt?“

„Nun, so klingen Geschichten aus dem Mittelalter nun einmal, oder nicht?“

„Nicht unbedingt, nein. Aber eigentlich stört mich etwas anderes noch viel mehr.“

„Und das wäre?“

„Also zunächst einmal: Sie erwähnen mit keinem Wort, wo sich dieses ominöse Abenberg mitsamt seiner Burg eigentlich befindet.“

„Damit habe ich gerechnet. Was noch?“

„Des weiteren soll Ihr Vorfahre ja so unermesslich faul gewesen sein. Nun ist er aber Eigentümer eines gigantisch großen Hühnerhofes. Bringt dies nicht einen ganzen Haufen Arbeit für ihn mit sich?“

„Nicht zwangsläufig. War es das dann?“

„Nein, eine Kleinigkeit hätte ich noch! Sie haben mir, und auch den Lesern, mit Ihren ständigen Erzählungen über das Hühnchen in Weinsauce mächtig den Mund wässrig gemacht. Sie schreiben aber auch, dass es niemand so gut zubereiten könne, wie der Lorencz Hoggenstad. Warum? Und haben Sie das Originalrezept? Und könnten wir es erfahren?“

„Nun, das sind jetzt aber doch noch eine Menge Fragen. Mit der ersten, nach der Lage von Abenberg habe ich gerechnet und übergebe Ihnen hiermit einen Zusatz zu diesem Kapitel, denn Sie doch bitte gleich vortragen könnten. Was die anderen Fragen angeht, da müsste ich für eine Antwort noch ein wenig in mich gehen. Fangen Sie doch schon einmal an, ich werde Ihnen dann bei Gelegenheiten noch einige Seiten nachreichen.“

Nun fragt sich nicht nur der Erzähler, sondern auch der interessierte Leser, wo sich denn diese Grafschaft Abenberg und das nach ihr benannte Dörfchen befand bzw. wo es heutige Gourmettouristen finden können oder was aus ihm geworden ist. Die traurige Wahrheit ist: man weiß es nicht. Man ahnt es nur. Wie aus Erzählungen bekannt, befand es sich an einer verkehrstechnisch günstigen Lage. Nicht nur für die frühen Barbarenhorden auf ihren Plünderreisen und später die Feinschmecker aller Länder die zum „Gockel“ reisten, nein, auch im Laufe der weiteren Geschichte wurde das blühende Land von durchmarschierenden Heeren zertrampelt und überhaupt Opfer der Wirren der Geschichte. Wie erst vor kurzem durch langwierige Nachforschungen bekannt wurde, fielen auch Graf Lynhartt von Abenberg, Lorencz Hoggenstad sowie ihre beiden gesamten Familien diesen Wirren anheim. Sie wurden – jede Familie für sich – in alle Winde zerstreut. Von der gräflichen Familie weiß man, dass sie zum Teil fliehen musste, manche fanden daraufhin Unterschlupf bei befreundeten Burgherren, andere heirateten ins teilweise weit entfernte Ausland und ein nicht unerheblicher Prozentsatz der zumeist männlichen Familienmitglieder fand beim Versuch der Verteidigung ihrer - wie bekannt - armseligen Burg ein jämmerliches, von manchen wird behauptet ein unrühmliches, auf jeden Fall aber ein trauriges Ende.

Von der Familie Hoggenstad wussten spätere Generationen zumindest so viel zu berichten, dass sie - obwohl auch sie das Tal fast allesamt im Laufe der Jahre verlassen mussten – die Zeitenläufe ganz gut überstanden. Der Lorencz hatte mit seiner Walpurga zwar einen gut gehenden Hühnerhof, aber da die Verwaltung des selbigen mit der Zeit doch recht arbeitsintensiv zu werden drohte, stellten die beiden - nun ja, heute würde man sagen - bezahlte Manager ein. Was natürlich ein Fehler war, weil die sie alsbald übers Ohr hauten bzw. den Laden zugrunde richteten und sich selbst bereicherten. Das war aber nicht weiter schlimm, denn andererseits hätte mit der Zeit sicher die mittlerweile - vom Erfolg des Lorencz angelockte – nähere und entferntere Verwandtschaft, bekannt auch als die Schmarotzer, (immerhin hatte der Lorencz alleine 10 und 3 Brüder sowie mindestens 7 Schwestern von denen er wusste) die Erträge des Hofes empfindlich geschmälert. Und auch die 13 Geschwister der Walpurga und deren Familien, ihre Eltern und sogar der Bettelmönch, der sie vor ach so vielen Jahren das erste Mal traute, wollten ihren Teil vom Kuchen. Beziehungsweise von den Hühnern, beziehungsweise von den mit ihnen erwirtschafteten Erträgen.

Dies beantwortet wohl auch die Frage nach den - für den Erzähler unerklärlichen - ungewohnten und ungewöhnlichen Anstrengungen des Lorencz Hoggenstad. Es gab sie nicht. Und das war auch ganz gut so. Denn wer nichts mehr hat, dem kann man auch nichts mehr wegnehmen. Das einzige, was fremde Eroberer ihnen noch abverlangen hätten können, wäre ihre Arbeitskraft gewesen. Und so gab es – wie zu allen früheren Zeiten üblich – einige Versuche den einen oder anderen Hoggenstad in den Frondienst oder gar in die Sklaverei zu verschleppen. Ein sinnloses Unterfangen, wie sich für die jeweiligen Herren alsbald herausstellen sollte. Nicht nur, dass sich die armen Verschleppten als äußerst resistent gegenüber körperlicher Betätigung entpuppten – da half kein gutes Zureden, keine Belohnungen und auch körperliche Züchtigung und rohe Gewalt verpufften ergebnislos – nein, zu allem Übel steckten sie mit ihrer Arbeitsaversie auch alle anderen Gefangenen an. Um Schlimmeres zu vermeiden, wurden sie fast alle wieder nach Hause geschickt oder einfach zum Teufel gejagt. Wieder daheim bei ihren Familien, taten sie das, was die Hoggenstads schon immer getan haben: nichts. Oder besser, sie lebten in den Tag hinein und schauten, was er so bringen möge. Und irgendwas brachte jeder Tag mit sich. Ein bisschen was konnte man sich beim Spiel mit fremden Soldaten und Marketendern mit Hilfe gezinkter Würfel verdienen, hin und wieder verirrte sich ein Huhn in den eigenen Suppentopf und wurde zu einem delizösen Hühnchen in Weinsauce verarbeitet und irgendwas gab es immer zum Schnorren oder – wenn es sein musste – zum Klauen. Angeblich wussten vor allem die weiblichen Hoggenstads auch ganz gut, wie man sich mit gewissen Gefälligkeiten gegenüber spendabler Herren ein ganz nettes und einigermaßen bequemes Nebeneinkommen sichern konnte, aber davon wird in der Familie nicht gerne geredet.

Irgendwann – der Lorencz musste das schon nicht mehr miterleben – wurde es im Tal aber doch zu eng für die Familie. Alle, die nicht schon längst das Weite gesucht hatten, mussten dies irgendwann doch auch machen. Aber keines der vielen Kinder des Lorecz und der Walpurga musste ganz mit leeren Händen gehen. Nicht nur, dass sie durch eine gute Schule gegangen waren, was die Ausbildung in der Fähigkeit „Ohne-Geld-durch-die-Welt“ anbelangt, konnte ihre mittlerweile wirklich alte Mutter jedem Sprössling ein immerhin kleines Säcken mit einigen Münzen mitgeben. Dieses Geld hatte sie in den guten Zeiten des Hühnerhofes gespart und über all die Jahre wohlweislich und sehr gut vor den Steuereintreibern des Grafen, marodierenden Soldaten und vor allem vor der Schnorrerverwandtschaft versteckt gehabt. Und wann immer nun eines ihrer Kinderleins in die Welt hinauszog, steckte sie ihm oder ihr einen Teil davon in eine der vielen Taschen, nicht ohne den wohlmeinenden mütterlichen Rat, gut darauf aufzupassen, es nicht sinnlos und natürlich nur in Notlagen auszugeben und möglichst gut anzulegen. Ratschläge, die nicht immer fruchteten, aber der eine oder andere Nachfahre des Lorencz wusste mit diesem Geld Vernünftiges anzufangen. Die meisten von ihnen verprassten es allerdings schon gleich zu Beginn ihrer Reise im „Gockel“.

Und exakt an dem Tag, an dem die alte Walpurga ihrem letzten Kind Lebewohl winkte, verließ auch sie das Tal und diese Welt für immer.

Aber neben den Vorbereitungen für ein Leben in Faulheit, vielen guten Ratschlägen und ein paar Kröten auf den Weg, hinterließen der Lorencz und die Walpurga ihrem Nachwuchs das vielleicht Allerwichtigste: das Wissen um die Zubereitung eines exquisiten Hühnchens in Weinsauce! Und alle 10 und 5 Kinder – der Heynrich, der Jacopp, die Katterina, der Jorge, der Peyr, der Mychel, die Cristlein, die Ottilg, der Hennsel, der Stepffan, der Barthel, die Brigida, die Cecilien, die Durettea, der kleine Lorencz – und auch deren Kinder und Kindeskinder deren Zahl wirklich nur geschätzt werden kann – wussten stets dieses Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, gut anzuwenden. Sei es für den eigenen Genuss, oder aber auch, um dieses Know-How in klingende Münze umzuwandeln.

Die allermeisten Kinder – nunmehr junge Erwachsene – verließen das Dorf in Richtung Westen. Denn dies war die Richtung in der der „Gockel“ lag und bei dem man sich noch eine kleine Stärkung für den Weg genehmigte. Sie wanderten meist auf Schusters Rappen, natürlich langsam, mit vielen, sehr vielen Pausen und daher oft sehr lange. Irgendwann gelangten viele von denen, die nicht schon vorher sesshaft wurden, in ein Land, das heute Frankreich heißt und schon damals für seine Kulinarik berühmt war. Das war natürlich noch nicht die Nouvelle Cuisine von der man heute schwärmt – eher die Ancienne Cuisine – aber immerhin schon recht lecker. Und die Leutchen dort wussten das Hühnchen in Weinsauce derer von Hoggenstad sehr zu schätzen! Einigen war es vorherbestimmt, einen fleißigen Partner zu finden und mit seinem Arbeitseifer, dem Wissen um das Rezept für das Hühnchen und mit Hilfe des mütterlichen Startkapitals ein gutgehendes Restaurant zu eröffnen. Andere schwängerten irrtümlich die Tochter eines Wirten, mussten daher mehr oder weniger freiwillig in das schwiegerelterliche Unternehmen einheiraten und brachten – quasi als Mitgift – das berühmte Rezept mit in die Ehe und somit in die jeweilige Küche. Und manche – auch das muss leider gesagt werden – verkauften das wertvolle Rezept für einen Liter Rotwein und eine warme Mahlzeit. Was wohl das idiotischte ist, was man mit diesem großartigen Wissen machen kann. Aber auch dies trug wesentlich dazu bei, das Hühnchen in Weinsauce im ganzen Frankenland zu einer der beliebtesten Speisen zu machen.

Das Originalrezept des Lorencz Hoggenstad existiert nicht mehr. Das sei hiermit gesagt und beantwortet auch eine weitere Frage des Erzählers. Möge er jetzt bitte mit dem Sabbern aufhören! Und wahrscheinlich wäre es heutzutage auch nicht mehr zeitgemäß, beziehungsweise für unsere heutigen Ernährungsgewohnheiten geeignet. Vielleicht wäre es sogar ungenießbar oder zumindest nur für jene eine Gaumenfreude, die einen Gallenvorfall oder einen Leberschaden billigend in Kauf nehmen. Das ist nur eine Vermutung. Aber die Geschmäcker ändern sich halt. Und so haben auch die Nachfahren eines der größten Köche der Welt, dessen Verdienst niemals entsprechend gewürdigt wurde, nach und nach das Rezept des Lorencz Hoggenstad an die Gegebenheiten angepasst, es verändert, verfeinert, raffinierter gemacht und ihm vor allem den Namen gegeben, unter dem man dieses Gericht heute auf der ganzen Welt bestellen kann und zu dem nunmehr üblicherweise die seit geraumer Weile verfügbaren Bratkartoffeln als Beilage serviert werden: Coq au Vin.

Sozusagen als Entschädigung dafür, dass ich dem geneigten Leser das Originalrezept nicht vorstellen kann (was ich traditionsgemäß ohnehin niemals getan hätte!), findet der interessierte Hobbykoch im Anhang dieses Buches das Rezept für Coq au Vin der etwas entfernten Tante des Autors, Sybille von Hockenstett. Es basiert natürlich auf dem Rezept des alten Lorencz und ich darf Ihnen verraten: mit Liebe und der Muße derer es bedarf zubereitet, schmeckt es einfach köstlich!

„Also das ist jetzt aber, bei aller Bescheidenheit und nicht ohne die Kochkünste Ihrer Tante entsprechend zu würdigen, etwas enttäuschend, Herr von Gaens!“

„Was soll ich machen, Herr Erzähler. Futsch ist futsch! Das Originalrezept gibt es nicht mehr und Sie müssen essen, was auf den Tisch kommt.“

„Also ich finde das super!“

„Und wer sind Sie bitte, gnädige Frau?“

„Eine begeisterte Leserin und ebenso begeisterte Köchin. Und ich werde das Rezept gleich morgen ausprobieren. Hach, wenn ich nur daran denke, Geschichte und Kulinarik zu verbinden, wird mir ganz romantisch! Wenn Sie möchten, sind Sie beide morgen zum Dinner eingeladen.“

„Es ist mir unmöglich, dieser Einladung nicht Folge zu leisten, gnädige Frau. Ich komme gerne. Wie schaut es mit Ihnen aus, Herr Erzähler?“

„Nun, da schließe ich mich doch gerne an. Vor allem, nachdem ich jetzt fast 30 Seiten lang von dem Hühnchen erzählt habe. Und ich werde mich selbstverständlich um eine passende Weinbegleitung zum Essen kümmern.“

„Supi, Supi, Supi! Ich muss gleich noch einiges einkaufen gehen. Bis morgen, meine Herren!“

„Dann lassen wir uns von dem Rezept Ihrer Tante und den Kochkünsten dieser Dame überraschen! Aber auf eine andere, eine letzte Überraschung muss ich jetzt gleich noch bestehen, Herr von Gaens! Sie haben uns noch immer nicht verraten, was denn nun aus dem Dorf Abenberg geworden ist.“

„Da haben Sie ganz recht. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen abgeschwiffen, aber hier haben Sie noch ein paar Zeilen zum vortragen, damit wir dieses Kapitel nun endlich abschließen können. Bis morgen, Herr Erzähler. Wenn Sie für den Wein sorgen, denken Sie, dass ich dann Blumen mitbringen sollte?“

„Unbedingt, Herr von Gaens.“

Nun fragt sich also nicht nur der Erzähler, sondern auch der interessierte Leser noch immer, wo sich denn diese Grafschaft Abenberg und das nach ihr benannte Dörfchen befand. Und die Antwort ist noch immer so traurig, wie schon vor ein paar Seiten. Denn man weiß es noch immer nicht! Nicht genau. Aber es gibt Anhaltspunkte. Zum einen dürfte es im deutschsprachigen Raum gelegen haben. Oder zumindest in dem Raum, in dem man damals die Sprache gesprochen hat, die wir heute als Deutsch bezeichnen. Dabei könnte es sich um ein Gebiet handeln, das heute entweder zu Deutschland, zu Österreich oder aber vielleicht auch zur Schweiz gehört. Da es sich um ein Tal handelte, in dem das Dorf lag, liegt die Vermutung nahe, dass es dort auch Berge gab. Das heutige Bayern, Tirol aber vielleicht auch Vorarlberg oder eben die Schweiz – vielleicht auch das heutige Südtirol – kämen da in Frage. Auch die wiederholten Hinweise auf die verkehrstechnisch günstige Lage und den Transitverkehr lassen eine Ortung in dieser Gegend vermuten. Zwar handelt es sich hier um die klassische Nord-Süd-Verbindung, aber wenn man erst noch zum „Gockel“ auf eine Stärkung geht, kann man sich – durch die heutige Schweiz – auch auf den Weg nach Westen, also in Richtung Frankreich aufmachen, wohin es bekanntlich viele Hoggenstads verschlagen hat.

Erschwert werden die Nachforschungen nach dem Ursprungsort derer von Hockenstett durch die bekannte Tatsache, dass das Geschlecht der Grafen von Abenberg, als auch die Familie Hoggenstad sowie das ganze übrige Volk nach und nach die Gegend verlassen haben, verlassen mussten, und das Dorf neben den üblichen Verwüstungen durch die umherziehenden Heere ganz allgemein dem Verfall preisgegeben wurde. Von der niemals stolzen Burg dürfte sowieso nicht viel übrig geblieben sein. Schließlich wurde sie mit minimalen Arbeitsaufwand errichtet und es ist nicht anzunehmen, dass an das Baumaterial übermäßige Qualitätsansprüche gestellt wurden, auf dass sie in alle Ewigkeit allen Stürmen und Gefahren trutzen möge. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Abenberg einfach platt gemacht wurde. Zerbröckelte, von der Natur überwuchert wurde und im Laufe der Jahrhunderte im Erdboden versank. Vielleicht steht ja heute ein anderes, neueres, besseres Dorf an seiner Stelle. Ein Dorf, in dem noch nie archäologische Grabungen stattfanden und dessen Geschichte einfach irgendwann, ein paar Jahrhunderte nach dem Untergang des alten Dorfes, beginnt.

Eine weitere Theorie, die erst in den letzten Jahren zur Diskussion gestellt wurde, besagt, dass in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Zuge des Ausbaus der Verkehrswege möglicherweise eine Autobahnbrücke über das Tal gespannt wurde. Und nun ruhen die Reste des Dorfes, für die sich in den Zeiten des Aufbruches kein Mensch interessierte, für alle Ewigkeiten unter dem Betonsockel eines gigantischen Brückenpfeilers.

Wie auch immer, und auch wenn es dem Erzähler nicht gefällt, die Lage des Dorfes wird wohl für immer im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.

„Stimmt. Es gefällt mir nicht.“

„Mir ist das eigentlich völlig egal. Es war doch eigentlich eine schöne Geschichte! Wenn auch etwas suspekt.“

„Ach, halten Sie doch den Schnabel, wer immer sie sein mögen.“

„Moment, Moment! Was heißt hier ‚Halten Sie den Schnabel!‘ Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie reden! Ich bin Alois Schaasäugl. Mit Doppel-A.“

„Das tut mir leid für Sie. Aber Sie haben momentan wirklich nichts zu melden.“

„Ich mache immer Meldung! Ich bin schließlich Zweiter-Aushilfs-Verzehr-und-Ausschank-Überwach-

ungs-Unterinspektor des Amtes zur Kontrolle des Verzehrs von Speisen und Ausschank jeglicher Art von Getränken, besonders derer mit einem gewissen Alkoholgehalt, in öffentlichen Räumen! Zur Probe.“

„Das ist traurig. Aber wenn Sie geruhen auf die Uhr zu sehen, werden Sie, als Beamter, sicherlich bemerken, dass Mittag und daher bis zum nächsten Kapitel erst einmal Pause ist!“

„In der Tat! Aber nehmen Sie sich in Acht! Ich komme wieder und Sie werden von mir hören!“

„Lesen! Wir sind hier in einem Buch. Also werden wir von Ihnen - so es denn unbedingt sein muss und es sich nicht vermeiden lässt - wieder lesen. Auch wenn - Sie verzeihen - ich für meinen Teil getrost darauf verzichten könnte.“

„Sie! Werden Sie nicht frech!“

„Mahlzeit, Herr Schaasäugl.“

„Mahlzeit, Herr Erzähler.“

Zwei Könige

oder: Etwas später im Spätmittelalter

Es stimmt schon, dass das Mittelalter eine finstere Zeit war. Aber das lag hauptsächlich an den mangelhaften Beleuchtungsmöglichkeiten und daher war es besonders nachts eine recht schummrige Epoche. Einerseits. Andererseits sah es aus sozialer Sicht für einen Großteil der Bevölkerung - so um die 90 Prozent - ziemlich zappenduster aus. Wer im Mittelalter das Pech hatte in der Unterschicht oder in einer sozialen Randschicht das bescheidene Licht der Welt zu erblicken, der blieb auch dort. Und die Wahrscheinlichkeit nicht als Kaiser oder König sondern als Bettelmann zur Welt zu kommen war hoch. Sehr hoch! Und genauso hoch war natürlich die Einkommensschere zwischen den paar Besitzenden, die sich aus den Schichten des Adels, des Klerus und etwas später auch aus Bürgern, Händlern und aus in Zünften zusammengeschlossenen Handwerkern rekrutierten und dem Heer der Habenichtse, die sich als unfreie Bauern, Leibeigene oder mit so unerfreulichen Berufen wie Henker, Büttel, Abdecker, Kesselflicker oder Totengräber - um nur einige der unehrenhaften Tätigkeiten aufzuzählen - mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen mussten. Und wie schon erwähnt, wer einmal ganz unten angefangen hat, der hatte auch keine Chance auf einen sozialen Aufstieg. Nach unten konnte es natürlich schon gehen. Diese Erfahrung mussten zum Beispiel nicht wenige Rittersleut machen, die - vor allem nach dem Aufkommen größerer Städte mit einem wohlhabenden Bürgertum - nicht selten finanziell „auf den Hund“ kamen.

Dieser auch heute noch gebräuchliche Ausdruck stammt übrigens tatsächlich aus dem Mittelalter. Und zwar begab sich das so: Der reiche Burgherr hatte in der Regel eine Geldkiste. Schwer und mit ausgeklügelten Schlössern gesichert. Auf den Boden dieser Kiste war meistens ein Hund gemalt, um den Schatz zusätzlich – Vertrauen in den Schlosser ist gut, Kontrolle durch einen scharfen Hund ist bekanntlich besser – zu beschützen. Verprasste nun der Besitzer seinen Zaster schneller als seine Untergebenen die Kiste durch harte Arbeit, Frondienste und willkürliche Steuererhöhungen wieder füllen konnten, kam der Hund ans Tageslicht und der Krösus war auf den Hund gekommen. Aber eine kleine Reserve hatten diese Schlaumeier natürlich noch. Und zwar in Form eines Geheimfaches für eine eiserne Reserve unter dem vermeintlichen Kistenboden. War dieser letzte Notgroschen auch aufgebraucht, war die Situation für den Besitzer der Kiste - vielleicht ein vormals hehrer Ritter - endgültig „unter‘m Hund“. Das war natürlich unangenehm und die weniger zart besaiteten Bankrotteure verlegten sich notgedrungen auf das weniger angesehene, dafür genauso einträgliche, Geschäft des Raubrittertums. Das war zwar ein kleiner sozialer Abstieg, aber es ging ihnen dabei immer noch besser als den unzähligen gewöhnlichen Räubern, Dieben und sonstigen Tunichtguten.

Aber abgesehen von der Tatsache, dass es einem Großteil der Bevölkerung im besten Fall und optimistisch gesagt so mittelprächtig ging, war das Mittelalter aus kultureller und wissenschaftlicher Sicht so finster gar nicht, wie es uns heute erscheinen mag.

„Herr von Gaens! Was wird denn das nun wieder? Eine soziodemographische Abhandlung über das Mittelalter?“

„Ganz ruhig, Herr Erzähler! Es ist mir bewusst, dass Sie etwas irritiert sind, aber ich denke es ist wichtig, ja geradezu unumgänglich, den Leser in die Lebenswelt dieser Zeit zu entführen um die Berichte über einen, wie es scheinen mag, eher unangenehmen Vorfahren, sowie die erstaunliche Karriere seines Bruders in einem verständlicheren Licht erscheinen zu lassen.“

„Ich verstehe Ihre Absichten, aber was kommt als Nächstes? Hexenverbrennungen? Ablasshandel? Ein Auszug aus dem Katalog der gebräuchlichsten Foltermethoden?“

„Nicht unbedingt. Auch wenn einige Hockenstetts zum Teil recht unangenehme Erfahrungen mit der Inquisition machen und die erwähnten Foltermethoden mehr als hautnah kennenlernen durften. Und sich andererseits einige - aber viel wenigere - Hockenstetts im Laufe der Jahrhunderte an diesem ruchlosen Treiben auf recht spezielle Art ungeniert beteiligten und bereicherten.“

„Na schön. Dann fahre ich nunmehr fort und

harre gemeinsam mit den Lesern der Dinge, die da kommen mögen.“

„Wie ist das eigentlich? Sie sind ein Erzähler – haben wir nun Leser oder Zuhörer?“

„Also mir hat er gesagt, er wird von mir wieder lesen, als ich meinte, dass er wieder von mir hören wird.“

„Und wer, bitteschön, ist dieser Herr nun wieder? Ich bin mir ganz sicher, dass wir einander noch nicht vorgestellt wurden.“

„Das ist der Herr Schashäusl. Und es war ja klar, dass er wieder auf der Bildfläche - respektive auf einer Buchseite - erscheinen würde.“

„Schaasäugl! Alois. Mit Doppel-A. Also Schaas-

äugl mit Doppel-A und nicht der Alois. Und meines Zeichens Zweiter-Aushilfs-Verzehr-und-Ausschank-Überwachungs-Unterinspektor des Amtes zur Kontrolle des Verzehrs von Speisen und Ausschank jeglicher Art von Getränken, besonders derer mit einem gewissen Alkoholgehalt, in öffentlichen Räumen! Zur Probe.“

„Aha! Ein angehender Vertreter des ehrwürdigen Beamtenstandes also. Schön, dass sich auch die Obrigkeit für die Geschichten und die Geschichte meiner Familie interessiert!“

„Also ob das so schön für Sie wird, wird sich erst noch weisen. Hier ist verdächtig viel von gebratenem Geflügel, noch unbekannten Beilagen - was höchst suspekt ist – und zum Teil hochprozentigen Getränken die Rede. Und ich halte meine Augen offen!“

„Wie der Name schon sagt.“

„In der Tat - einem Schaasäugl entgeht nichts!“

„Geht es bald weiter mit der Erzählung? Und gibt es wieder etwas zu essen? Ich bin doch schon so neugierig auf das nächste Rezept!“

„Ahh, die verehrte, begeisterte Leserin von Seite 40! Küss die Hand. Schön wieder von Ihnen zu hören. Wie steht es mit den Vorbereitungen für unser gemeinsames Dinner?“

„Zu lesen, Herr von Gaens! Dies ist eine Erzählung. Das ist eine Literaturgattung und wir alle hier sind deren Protagonisten und befinden uns in einem Buch. Also haben wir Leser und Sie können von Ihrer Bewunderin nur lesen und nicht hören. Zumindest nicht, solange dieser - ich kann es mir noch nicht wirklich vorstellen - Bestseller auch als Hörbuch erschienen ist.“

„Erschienen sein wird.“

„Wie bitte? Und wer bitte sind Sie nun wieder?“

„Die Lektorin. Ich wollte mich nur auch einmal kurz einbringen. Üblicherweise ist mein Beitrag zum Gelingen eines – und ich bin mir sicher, Herr von Gaens, dass dieses Buch eines wird – Meisterwerkes zwar ein bedeutsamer, aber trotzdem erscheine ich höchstens im Impressum auf der letzten Seite.“

„Wie schön, auch Sie einmal kennen zu lernen! Und noch schöner, dass mein Werk bereits im zweiten Kapitel nunmehr schon zwei Bewunderer gefunden hat. Ich bin mir mehr denn je sicher, dass uns das Buch aus den Händen gerissen wird!“

„Also wenn es jetzt nicht gleich weitergeht, fürchte ich eher, dass es ein Ladenhüter wird. Wenn wir es hören könnten, dann würden wir bemerken, dass nicht wenige Leser sich des Gähnens nicht mehr erwehren können und manche schon leise vor sich hin schnarchen!“

„Na dann, auf auf Herr Erzähler! Walten Sie Ihres Amtes. Lesen Sie, erzählen Sie – wie auch immer – aber fesseln Sie das Publikum!“

„Ich verabschiede mich auch vorerst. Wir sehen uns morgen zum Coq au Vin, meine Lieben!“

„Ja, und ich werde mir das genau anschauen. Sollten in diesem Buch unerlaubterweise Speisen verzehrt werden, dann sehen Sie mich schneller wieder, als Ihnen lieb sein kann!“

„Und mich sehen Sie wahrscheinlich erst wieder auf der letzten Seite. Im Kleingedruckten. Aber das macht nichts. Ich bin ja Kummer gewohnt. Besonders - und das muss ich leider sagen - wenn ich mir die Interpunktion in diesem Buch ansehe! Aber diesen Kummer werden Sie, liebe, verehrte Leserinnen und Leser, gar nicht bemerken, weil ich natürlich schon die Satzzeichen in den zum Teil aberwitzig langen Sätzen korrigiert haben werde.“

„Gut, nachdem sich jetzt wieder alle verzogen haben, werde ich mein Bestes geben, die noch nicht eingedösten Leser – wie Herr von Gaens sich auszudrücken beliebte – zu fesseln. Wo waren wir noch gleich stehengeblieben? Ach ja - im Mittelalter.“

Es waren einmal zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein konnten ...

„Nein, nein, Herr Erzähler! Sie haben einige Seiten

überblättert! Zuerst kommt noch der Teil mit Sie-wissen-schon-wem!“

„Ach ja, richtig. Entschuldigen Sie bitte. Also:“

Im gewaltigen Heer der Underdogs des Mittelalters gab es neben all den Recht- und Ehrlosen, die ihr Dasein mühselig in den dunklen Schatten dieser Epoche fristeten, noch eine unüberschaubar große Gruppe, die von dem einzigen Recht das sie hatten, nämlich sich für ihre jeweilige Herrschaft zu Tode zu malochen, aus unterschiedlichen, aber keinesfalls unverständlichen, Gründen keinen Gebrauch machen wollte: die Bettler. Das lag zum einen daran, dass es einfach nicht genug Arbeit für alle gab, aber oftmals auch daran, dass – wenn man es schlau anstellte – sich auch durch Bettelei ein halbwegs geregeltes Ein- und Auskommen finden ließ. Und das mit vergleichsweise geringem körperlichen Aufwand. Natürlich war der Job des Bettlers nicht gerade der angesehendste. Vielmehr ein absolut ehrloser, der auch beinhaltete, dass man auf kein christliches Begräbnis hoffen durfte. Eine schlimme Sache, damals. Aber das bekamen neben Berufstätigen der schon erwähnten unehrenhaften Berufe auch Gaukler, Schausteller und anderes fahrendes Volk nicht. Aber, genauso wie die Dienstleistungen der Prostituierten, die ebenfalls verachtet wurden, war auch die Tätigkeit des Bettlers unverzichtbar. Auf die Dirnen und Huren konnte – oder wollte – man keinesfalls verzichten. Denn die Leute in der damaligen Zeit waren zwar aus heutiger Anschauung hinsichtlich religiöser Werte vielleicht etwas schräg drauf, aber prüde waren sie nicht. Ganz im Gegenteil! Aber genauso wichtig wie ihre Libido war ihnen ihr Seelenheil. Und ein probates Mittel um für die ewige Seligkeit im Jenseits zu sorgen, war nun einmal Mildtätigkeit. Almosengeben war neben Beten und Fasten eine gute Möglichkeit der Buße für begangene Sünden. So sah nun einmal das Weltbild der mittelalterlichen Bevölkerung aus. Absolut jenseitsorientiert. Sehr praktisch für einen speziellen Teil der Machthabenden. Denn natürlich haben sich das Ganze die sogenannten Vertreter Gottes auf Erden ausgedacht um sich ihre Pfründe und Machtinteressen zu sichern. Sowohl gegenüber denen ganz unten, als auch als Machtmittel gegenüber denen ganz oben. Aber ganz nebenbei, höchstwahrscheinlich unbeabsichtigt, haben sie – und vor allem ein gewisser Thomas von Aquin – mit ihrer Almosenlehre auch für viele Opfer des Systems eine Art Sozialversicherung geschaffen. Und für die gerisseneren unter den Bedürftigen, die sie ja zum Großteil alle waren, eröffnete sich ein profitables, neues Geschäftsmodell.

Einer der cleversten, smartesten und rücksichtslosesten unter den vielen Gerissenen war – man vermutet es schon – ein Hoggenstad. Utz mit Vornamen. Damals besser bekannt und so auch mehrfach urkundlich erwähnt als „Kuning Utz von Hoggenstad“. Er war, rückblickend betrachtet, eigentlich ein echter Mistkerl.

Aber das war er nicht immer. Er stammte, wie alle Hoggenstads, aus einfachsten Verhältnissen. Genauer gesagt waren er und sein Zwillingsbruder Lutz Nachfahren des kleinen Lorencz Hoggenstad, des jüngsten Sohnes des alten Lorencz, dem die Welt das Rezept für den berühmten Coq au Vin verdankt, und der als letzter der 10 und 5 Kinder des alten Lorencz und seinem geliebten Weib Walpurga am Tag deren Dahinscheidens das kleine Dorf Abenberg, ausgestattet mit einem kleinen Säckchen Münzen und vielen Ratschlägen der Walpurga, in Richtung Westen, vorbei am Gasthaus „zum Gockel“ – wo er schon einen Großteil der Ratschläge seiner Mutter in den Wind schlug als auch einen beträchtlichen Teil seiner Barschaft, sowie wahrscheinlich bei einer Magd namens Agatha seine Unschuld, verlor – an einem etwas bewölkten Mittwoch Vormittag verließ. Groß und kräftig wie er mit seinen jungen Jahren schon war, ausgestattet mit einem sehr natürlichen, eher herben Charme und einem unwiderstehlichen Lächeln, das angeblich auch noch sämtliche Zähne beinhaltete, sowie einem profunden Wissen um auch ohne Geld selbst größte Distanzen überwinden zu können, vögelte er sich Richtung Frankreich.

Dort ereilte ihn – nachdem er unterwegs wohl ein halbes Regiment an Nachkommen gezeugt, unzählige Herzen und Jungfräulichkeiten gebrochen hatte und ebenso vielen Nachstellungen erboster Väter entkommen war – sein Schicksal in einem kleinen Dorf im heutigen Département Alpes-de-Haute-Provence, unweit des Lac de Sainte-Croix. Etwas erschöpft von den „Anstrengungen“ der Reise und angesichts der Tatsachen, dass sowohl sein Rezept für Hühnchen in Weinsauce bei der ansässigen Bevölkerung sowie die weiblichen Vertreter ebendieser Bevölkerung bei ihm sehr gut ankamen, beschloss er ein wenig zu pausieren. Und natürlich wegen des Klimas und des allgegenwärtigen Lavendelduftes.

Es dauerte nicht allzulange, bis ihm der Vater eines der ortsansässigen Mädchen, der zufällig auch der Wirt des ersten und einzigen Restaurants des Dorfes mit dem irgendwie vertraut klingenden Namen „Au Coq joyeux“ war, ihm unter dem Hinweis auf die bevorstehende Niederkunft seiner Tochter und der einigermaßen bewiesenen Vaterschaft des Lorencz, die Verehelichung mit besagter Tochter wärmstens empfahl - ja, sogar dringlichst ans Herz legte. Unterstrichen hat er diesen Vorschlag angeblich mit einem dezenten Knüppel aus ordentlich hartem Olivenholz. Zustimmung fand dieser Vorschlag auch durch eifriges Kopfnicken und eisiges Schweigen durch die drei Brüder des zukünftigen Schwiegervaters, die mehr zufällig ebenfalls recht robust wirkende Knüppel hinter ihren breiten Rücken bereithielten. Nur so aus Vorsicht, falls dem Lorencz der gutgemeinte Ratschlag nicht gefiele und man Überzeugungsarbeit leisten müsste.

Aber der Lorencz war nicht allzu schwer zu überreden. Außer einem kurzen Fluchtversuch seinerseits, der durch einen geschickt, knapp hinter dem linken Ohr platzierten, Knüppelhieb – zielsicher ausgeführt durch den jüngsten zukünftigen Schwiegeronkel – dankenswerter- und zuvorkommenderweise – erfolgreich verhindert wurde, gab es keine weiteren Schwierigkeiten. Man war sich, zum Teil ein wenig benommen, einig und der Lorencz sah ein, dass er nunmehr die Liebe seines Lebens gefunden, sein Glück gemacht und das unstete Leben der letzten Jahre nunmehr definitiv ein Ende hatte. Gekrönt wurde diese Übereinkunft durch ein rauschendes Hochzeitsfest, das der gesamten Dorfbevölkerung sowie den aus allen umliegenden Dörfern angereisten Verwandten der Braut noch lange in Erinnerung geblieben ist. Unvergessen auch das Tempo, das ein an den Beinen gefesselter Bräutigam vor den Treppen der Kirche entwickeln kann, um noch einmal rasch bei den für die Hochzeitskutsche bereitstehenden Pferden nach dem Rechten zu sehen. Glücklich nicht noch einmal die Bekanntschaft mit dem gut abgelagerten Olivenholz erneuern zu müssen, hoppelte der Lorencz mit seinen gefesselten Beinen an der Seite seiner wunderschönen Braut Celeste, der man die Schwangerschaft im siebten Monat kaum ansah, da sie doch schon vorher eher als voluminös bezeichnet werden konnte, vor den Traualtar und hauchte sein „Oui“ sowie sein früheres Leben aus.

Aber, auch wenn es zu Beginn vielleicht nicht ganz danach ausgesehen haben mag, der Lorencz wurde tatsächlich sesshaft. Ein bisschen wenigstens. Nach dem relativ frühen, und für die Meisten unerwarteten, Dahinscheidens seines Schwiegervaters (eine Schwiegermutter gab es nicht, denn die gab schon den Löffel ab, als sie ob der Nachricht der Schwangerschaft der damals noch unverheirateten und mutmaßlich jungfräulichen Tochter der Schlag traf) übernahm der Lorencz ganz selbstverständlich die Geschäfte im Restaurant – oder wohl eher Bistro – „Au Coq“, wie es allgemein und verkürzt bezeichnet wurde. Die Schwiegeronkel hatten daran nichts auszusetzen, weil sie unerklärlicherweise kurz nach dem Ableben des Schwiegervaters verschwanden. Natürlich wurde gemunkelt, dass deren Verschwinden mit dem kurzfristigen Auftauchen des Heynrich und des Jacopp, bekanntermaßen die beiden großen Brüder des Lorencz, zusammenhängen könnte, aber das ist alles Spekulation und entbehrt jeglichen Beweises.