Hockstrecksprung - Josephine Händel - E-Book

Hockstrecksprung E-Book

Josephine Händel

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Beschreibung

"PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN GIBT ES NICHT…", Das behauptet - entgegen der gültigen Lehrmeinung - zumindest Hella, nachdem sie gerade zwei Stunden vor Friedemarie nackt und regungslos Modell gestanden hat. Als "Friede" einige Tage später unerwartet vor der Psychologin auftaucht, ahnt diese nichts von dem beinah tödlichen Desaster, in das sich beide immer tiefer hineinmanövrieren. Ein Voll-Karacho-Roman über die Verstrickung zweier Nervensysteme und eine Liebeserklärung an die Diversität menschlicher Psyche.

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Josephine Händel

Hockstrecksprung

Roman

Über die Autorin

Josephine Händel, geboren 1989, vertreibt sich ihre Zeit als Psychologische Psychotherapeutin, Mutter, Musikerin und Autorin. Als Stipendiatin des »POETENCAMPS« (Literaturhaus Rostock) sowie des Projekts »Mentoring Kunst« (Frauenbildungsnetzwerk M-V e.V.) verhalf sie ihrem Debüt-Roman »Hockstrecksprung« zu seiner endgültigen Fassung. Kurzgeschichten wurden bereits in verschiedenen Anthologien wie z. B. der »RISSE, Literaturzeitschrift für MV« oder »SimsalaSlam – Wortkunst des Nordens« veröffentlicht.

Als Betroffene und Expertin unterstützt sie die von der Universität Greifswald ins Leben gerufene Initiative

»Gemeinsam für psychische Gesundheit«, die sich für die Entstigmatisierung, Vorsorge und Begleitung psychischer Erkrankungen starkmacht.

©Philipp Schroeder

Josephine Händel

Hockstrecksprung

© 2021 Josephine Händel

[email protected]

Umschlag, Illustration: Lena Haeberlein

[email protected]

Lektorat: Susanne Schwartz

[email protected]

Autorenlichtbild: Philipp Schroeder

[email protected]

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN Softcover:

978-3-347-49107-6

ISBN Hardcover:

978-3-347-49108-3

ISBN E-Book:

978-3-347-49971-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Hinweis

Du hältst ein Buch in der Hand, das auch sensible Details zum Thema komplexer Traumatisierung sowie psychischer Erkrankungen behandelt. Die Erzählung kann unfreiwillig schmerzhafte Prozesse der emotionalen Verarbeitung anstoßen. Solltest du dich von einer solchen Erfahrung überwältigt fühlen, suche dir bitte Unterstützung. Auf der letzten Seite findest du einen Überblick über mögliche Anlaufpunkte.

Für Basti

1 Bastteppich, Kerala

2 Fleischtheke, Sachsen-Anhalt

3 Diskus und Diskurs

4 Heiligabend

5 Sommersonnenwende

6 Bahnschienen und Beerdigung

7 Chromosomen und Aliens

8 Aufbruch

9 Dickes B

10 Zugluft

Take 1

11 Fleischtheke, again

12 Wien

Take 2

13 Reisende

14 Gezockt

Take 3

15 Kleinstkiste

16 Bohne und Krakentinte

Take 4

17 Aschenbahn und Missionierung

18 Klappe, die Zehnte

Take 5

19 Knicklichter

Take 6

20 Zeze und Zeckomobil

21 Marburg

Take 7

22 Seminare und keine Praxis

23 Cyborgs

Take 8

24 Pinguinkolonie

25 Bremen

26 Höchstformen

Take 9

27 Here we are now, entertain us

Take 10

28 Gen Osten

29 Polnische Grenze

30 Waschung

Take 11

31 Greifswald

32 Visite, damals

33 Schilfgürtelhof

Take 12

34 Ponyhof

35 Herbstzeitlose

Take X

36 Mein Ende

37 Hacke, Spitze, Seide

38 Showdown

39 Neujahr

Nachwort

Einige Hilfsangebote

Danksagung

1 Bastteppich, Kerala

»Schuld und Scham sind der Siegeszug menschlicher Empfindungen gegenüber dem Tierreich!«, deklamierte Friedemarie und stellte sich energisch auf den kleinen Bastteppich ihres Privatzimmers im Mango-Hostel. Es herrschten subtropische Temperaturen in subtropischen Breitengraden mit der dazugehörigen Luftfeuchtigkeit. Bis auf die Fußkettchen war sie nackt. Ihre kinnlangen, nussbraunen Haare wippten auf und ab und ihre Augen leuchteten wie vor dem Aufbruch in ein Abenteuer. Fieberhaft hantierte sie mit Papierschnipseln unterschiedlichen Materials herum. Da waren abgerissene Ecken eines Reisemagazins, ein Einkaufszettel, zwei Bahnen Klopapier, Notizklebezettelchen und ein Flyer für den nahen Wildlife Sanctuary Park, eine der unzähligen Attraktionen Südindiens. Sie ließ einen weiteren Schnipsel zu Boden kreiseln und hielt sich den nächsten mal dichter, mal ferner vor die Augen, um ihre eigene Schrift zu entziffern.

»Oder der hier: Scham ist der Detektor auf dem Minenfeld menschlicher Interaktionen, doch meiner hat einen zu empfindlichen Sensor?«

»Zu militant«, wiegelte ihr so betitelter Lebensabschnittsstabilisator Pindu ab, der sich, ebenso unbekleidet, verkehrt herum auf einen Stuhl gesetzt hatte, um seine Arme auf der Lehne abzustützen. Hinter ihm flimmerte die Anleitung zu einer Tantraübung über einen Monitor. Klangschalenklänge drangen leise aus knackenden, schlecht verlöteten Boxen. Es war einer dieser Momente gewesen, die sich seit einigen Wochen schon häuften und immer stärker eskalierten. Wenige Minuten zuvor war Friede ausgerastet, hatte Pindus Hände von sich geschlagen und ihn angeschrien – weil er ihr gesagt hatte, wie viel sie ihm bedeutete und dass er sie nie wieder loslasse.

Friede strich sich eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht. Der nächste Schnipsel segelte zu Boden.

»Oder der hier: Scham ist der Sprengstoffspürhund im Fußballstadion sozialer Konventionen, meiner arbeitet in einem Dynamitwerk?«

Pindu verzog schmerzlich das Gesicht und machte eine Weiter-weiter-Bewegung. Er fragte sich, wie lange Friede diese gewaltintellektuellen Aphorismen wohl bereits unter ihrem Kissen sammelte, ohne dass er es mitbekommen hatte – und ob es noch den Hauch einer Chance gab, dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört hatten, bevor Friede ihn einen hirnverbrannten Vollpimmel genannt hatte.

»Okay, der hier ist es: Scham ist der Feuermelder im Schwelbrand menschlichen Miteinanders, aber meine Gesichtsröte wird das Löschwasser sein. Was hältst du davon?«

Pindu lachte sarkastisch auf und klatschte sich die Hand gegen die Stirn. »Auweia Friede! Was hältst du von: Entschuldige Hella, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, aber ich habe mich einfach nicht getraut und das ist mir furchtbar peinlich? Ich weiß, das mit dem Entschuldigen ist immer noch nicht deine Stärke, aber ich glaube ganz fest daran, dass du es ohne dieses gestelzte Blabla schaffst! Und ganz ehrlich: Warum ist das nach all den Jahren immer noch so kompliziert mit euch? Vielleicht solltest du dich zuerst sortieren! Mach dir erst mal ein paar Stichpunkte, was du deiner Freundin wirklich zu sagen hast!«

Friede setzte sich aufs Bett und zog sich ein Laken um den Körper. Freundin. War Hella nach über drei Jahren Funkstille noch eine Freundin? War sie es überhaupt jemals gewesen? Eines war Fakt: Hella war auf jeden Fall die Einzige, die Friede helfen konnte, ihre völlig unplausiblen Hassattacken gegen Pindu in den Griff zu bekommen, bevor er ein für alle Mal das Handtuch schmiss. Wahrscheinlich waren sie auch nur ihr selbst so unplausibel und Hella würde sofort das System darin erkennen. Darin war sie spitze. Vielleicht sogar besser als ein Tresorknacker oder Philosoph. Das mit dem Sortieren hatte Friede im Übrigen schon einmal gehört: Schreib ein paar Dinge auf, während ich weg bin. So Tagebuch, weißt du? Das hilft, sich zu sortieren! Die letzten Worte, die sie von Hella gehört hatte, bevor alles für beide in einem Desaster geendet hatte. Vielleicht hatte Pindu recht, so kompliziert konnte es nicht sein, zu sagen: Sorry, ich habe mir ins Hemd gemacht, dass du mich vielleicht verurteilst. Dann wurden die Hemmungen immer größer, aber ich brauche dringend deine Hilfe, um meine letzten Dämonen zu exorzieren. Buff, aus, fertig! Oder?

»Ich bin mir nicht sicher, ob sie von mir nicht etwas anderes erwartet, weißt du?«, gab Friede kleinlaut zu bedenken. Pindu stand mit einem schmatzenden Geräusch vom Stuhl auf und begann seine im Raum verteilten Klamotten zusammenzusammeln.

»Was meinst du? Dass sie dich nicht wiedererkennt, wenn du dich nicht mehr wie eine schmerzbefreite Vollidiotin ohne Verstand und Reue verhältst?«

»Ey, das war nicht ich, sondern der Film, den ich geschoben habe!«, protestierte Friede. Sie schmiss die restlichen Schnipsel auf den Boden. Das Klopapier landete auf einer kleinen Pfütze neben einer Teetasse und sog sich voll.

»Und genau das wird deine Hella verstehen. Das ist nämlich ihr Job. Ich wette mit dir, dass sie inzwischen als selbstbewusste Freiberuflerin in einer lichtdurchfluteten Privatpraxis sitzt, Geld wie Heu verdient und mit einem nachsichtigen Lächeln auf eure Geschichte blickt. Die wird sich einen Ast freuen, von dir zu hören! Ganz sicher, sogar!«

2 Fleischtheke, Sachsen-Anhalt

Nichts auf der Welt rechtfertigt es, an Orte zurückzukehren, an denen man noch mit Fräulein angesprochen wird, dachte Hella, während sie hinter der Hofladentheke ihres Vaters alle zehn Finger in frischem Hackepeter versenkte. Seit einigen Wochen kämpfte sie jeden Tag aufs Neue gegen die Übelkeit an, wenn die schmierige, homogene Masse kalt durch ihre gespreizten Finger quoll. Lediglich eine dünne Schicht knisternder Plastikhandschuhe trennte ihre schweißfeuchten Hände von dem toten Tier, das durch einen Fleischwolf gedreht worden war. Den Geruch hatte sie dauerhaft in der Nase, sodass sie ihn nur noch wahrnahm, wenn sie an ihn dachte.

Frau Wilkings, Stammkundin und seit einem halben Jahrhundert wohnhaft am Friedhof, vornehmlich mit den Hühnern redend, überhäufte sie seit einer Viertelstunde mit Informationen bezüglich ihres Enkelsohnes, den Hella schon in der Grundschule verabscheut hatte und der jetzt Karriere beim Bund machte. Vom Fenster her zog es und sie hatte Angst vor einem steifen Hals. Suse hätte längst den Fensterkitt erneuert, schoss es ihr in den Sinn. Der Gedanke schmerzte sie. Suse, die jetzt mit irgendwem anderes am einst gemeinsamen Küchentisch saß, mit Blick auf die psychiatrische Klinik, in der Hella der Personalanpassung zum Opfer gefallen war. Suse, mit der es nach der Kündigung zum Streit gekommen war, die die Schnauze davon voll hatte, dass Hella in den letzten Jahren mehr Zeit mit ihren Büchern als mit ihr verbracht hatte. Job weg, Wohnung weg, Frau weg. Nein, Suse war natürlich immer noch da, wo Hella zuletzt die Tür hatte ins Schloss fallen lassen, einen Wanderrucksack auf dem Rücken. Sie war nur nicht mehr mit ihr dort. Hella war so orientierungs- und mittellos wie nie zuvor. Und ihre Kraft reichte nicht einmal mehr, sich gegen Frau Wilkings zu wehren.

Hella roch an der Petersilie und drapierte sie gewissenhaft auf dem Rinderhack. Frau Wilkings hievte unterdessen einen mit Kaffeeflecken übersäten Dederonbeutel samt Inhalt auf die Theke und verhedderte sich dabei im Plastik-Weihnachtsbäumchen. Die bunte LED-Lichterkette wechselte unbeirrt ihre Farben. Wilkings setzte den altbekannten Monolog fort. Die Kaffeeflecken auf dem Beutel waren neu und höchst unüblich, bemerkte Hella. Sie vermutete, dass entweder Wilkings’ Sehkraft nachließ oder sie langsam tüdelig wurde.

»Und, Fräulein Schmott, Sie werden auch nicht glauben, wie diese ekelhafte Geschichte mit meiner Tochter und ihrem Mann weiterging«, plauderte die Alte und nagelte Hella mit Blicken aus blutunterlaufenen Augen fest.

Doch. Hella glaubte! Hella glaubte, dass sie ihrer Bestimmung niemals entkommen würde. Sie glaubte, dass sich an ihrem Schicksal gar nichts geändert hatte, seit sie nach der Niederlage in der Klinik die Flucht in den elterlichen Betrieb für die einzige Möglichkeit gehalten hatte. Sie glaubte, dass sie sich in Zeiten der Krise zwar auf die Rolle zurückbesann, die sie am längsten und am besten kannte, doch dass diese Sicherheit einen Preis hatte, der an Selbstverletzung grenzte. Hella glaubte an vieles: an die eingeschränkte Freiheit des Verstandes, an das Scheitern des Menschseins an der vermeintlichen Zivilisation und an das Dosenpfand. Und daran, dass ihr Vater vermutlich noch immer zu viel Majoran in die Hauswurst tat.

Glauben tat Hella viel. Nur all ihr Selbstvertrauen war ihr abhandengekommen, ausgelöscht von dem neu aufgekeimten, penetranten Zweifel.

»Meine Tochter und ihr Mann wohnen jetzt wirklich in Gemeinschaft, wie sie sagen. Als erwachsene Leute! Das kann doch nur eine Art Zwingerklub sein, oder? Ich meine, das müssen Se sich mal auf der Zunge zergehen lassen, Fräulein Schmott! Ein Haushalt mit zwanzig Leuten und alle benutzen dieselbe Küche und dasselbe Bad! Widerlich!«

Nichts wollte sich Hella weniger gern auf der Zunge zergehen lassen, als Frau Wilkings Tochter in Netzstrümpfen, von der Hellas Mutter immer behauptete, sie habe ein Gesicht wie eine Dörrpflaume, die sie, wie bereits ihre Mutter und deren Mutter, Hotzeln nannte. Hella wollte Frau Wilkings Tirade unterbrechen. Fantasien, wie sie ihr mit dem Hackmesser den Schädel spaltete, drängten sich nur kurz auf, schienen ihr aber so inadäquat, dass sie überlegte, mit etwas sozial Kompetentem gegenzusteuern. Stopp!, könnte sie sagen. Es tut mir leid, aber mich interessieren Ihre Familiendramen wirklich nicht, Frau Wilkings. Weder was Ihre Tochter und deren Mann tun, noch was Ihr Enkelsohn macht, jetzt, da er nicht mehr seine fettigen Haarsträhnen mit Tinte anmalt!

Oder sie könnte ihr zuvorkommend wie eh und je noch eine Flasche Eierlikör extra einpacken. Reaktionsbildung hätte der Oberarzt das genannt.

Doch Hella tat nichts dergleichen, verharrte stattdessen weiter regungslos hinter der Waage, neben der Kasse, die Schürze ein Mü zu eng gebunden, den Zopf etwas zu streng geflochten. Frau Wilkings schmierte mit dem Finger auf der Tresenscheibe herum.

»Na ja, ich muss mich entschuldigen, ich habe heute kaum Zeit für Sie, muss noch zum Friseur, wissen Se. Geben Se mir doch bitte zweihundert Gramm von der Lende, ja?«, sagte sie und schnalzte fordernd mit der Zunge. Konkrete Arbeitsanweisungen. Etwas reagierte da in Hella. Im Autopilot trennte sie mit einem enthusiastischen Hieb einen Teil Lende vom Fleischbatzen, maß ihn ab, wickelte ihn in beschichtetes Papier und reichte alles mit einem vollstandardisierten Lächeln hinüber, den Preis flötend, einer Beglückwünschung gleich. Wilkings hinkte totternd davon.

In der Ferne hörte Hella ihren Vater jemandem auf dem Hof Kommandos zurufen. Ihr Nackenhaar stellte sich auf. Seit Hella sich für eine akademische Laufbahn entschieden hatte, war ihre Beziehung vollends in die Brüche gegangen. Schon immer hatte er ihren Hang, alles bis ins Letzte zu untersuchen und zu durchdenken, sehr überflüssig und auch ein wenig gruselig gefunden. Als sie sich dann auch noch für ein Studienfach entschieden hatte, das er als persönlichen Vorwurf interpretierte, war es ganz vorbei zwischen ihnen.

Die Hintertür wurde aufgerissen und Pauline stürzte herein, schmiss ihren Rucksack mit den unzähligen Aufnähern, die sie stolz Patches nannte, in die Ecke und grinste.

»Die Wilkings war gerade hier, oder? Hab sie noch auf der Straße gesehen und bin andersherum um das Haus gegangen, damit sie mir kein Ohr abkaut. Gott sei Dank sind ihre Augen schon so schlecht. Mann, ich versteh immer noch nicht, was du hier eigentlich tust, warum du wieder da bist! Ey, ich kann es kaum abwarten, nach dem Abi abzuhauen und diesem Kaff für immer Lebewohl zu sagen, das glaubst du gar nicht!«

Doch. Hella glaubte. Hella glaubte mehr denn je.

»Mutti sagt, du sollst mal rüber in die Küche kommen. Ich halte kurz die Stellung, für dich ist Post angekommen.«

Ohne irgendetwas zu erwidern, starrte Hella ihre zehn Jahre jüngere Schwester an, die eine Schürze vom Haken nahm und nach hinten ging, um sich die Hände hygienisch zu reinigen. Dann schlurfte Hella ins Nebengebäude, in die Küche. Am meisten nervte sie an dieser ganzen Situation, dass ihr Vater unterm Strich recht behielt. Hätte sie einfach ihre Sportkarriere weiterverfolgt, statt sich jahrelang mit schwer verdaulichen Theorien zu befassen, um am Ende überqualifiziert und verschuldet in der Klapsmühle abgesägt zu werden, würde sie jetzt in der ersten Bundesliga spielen. Da war sie sicher.

Ihre Mutter saß am Tisch und rauchte, das Fenster leicht geöffnet.

»Ich dachte, niemand weiß, dass du hier bist?«, fragte sie mit schmalen Augen und blickte zwischen Hella und einem stoffüberzogenen Quader in der Größe eines Schuhkartons hin und her. Ein ebenso vertrauter wie altmodischer Anblick: Mutter, wie sie in Kittelschürze mit übergeschlagenen Beinen auf dem abgewetzten Holzstuhl saß, den Rauch andächtig in die Luft ausstoßend und Clogs, die auf dem in der Luft hängenden Fuß wippten. Pflegeleichte Kurzhaarfrisur, wie Hella sie als Jugendliche auch getragen hatte. Die Falten im mütterlichen Gesicht waren tiefer geworden und die Schürze noch stärker ausgeblichen. Ansonsten war es das immer gleiche Bild von Resignation über das eigene, vermeintlich nicht zu ändernde Schicksal. Das Schicksal, dem Hella mit aller Macht hatte entkommen wollen.

Seit sie als Kleinkind während ihres ersten Ausflugs nach Göttingen die fröhliche Floristin in ihrem hübschen Backsteinhäuschen bewundert hatte, war ihr klar, niemals wie ihre Eltern enden zu wollen: ununterbrochen malochend für viel zu wenig Geld bei gleichzeitig komplettem Mangel an Zeit für ihr Kind. Also sie.

Und nun war sie wieder hier.

»Eigentlich nicht«, sagte sie und beäugte skeptisch das eigenwillige Paket. Es war in Jute eingenäht und sah ziemlich mitgenommen aus. Ein großer Stempel prangte neben der mit Filzstift geschriebenen Adresse. Der Stempel sagte: Bombay. Was für eine absurd weite Reise! Sie schüttelte das Paket leicht, aber es offenbarte keinerlei Hinweis über seinen Inhalt.

»In der Schublade links ist eine Schere«, sagte ihre Mutter und nickte zur Einbauküche, in der das Besteck immer stärker anlief. Ich weiß, wollte Hella sagen. Seit zwanzig Jahren liegt die Schere da, roter Griff, rostige Klingen. Doch sie nickte nur. Irgendetwas hinderte sie daran, das Paket direkt hier aufzumachen, vor den Augen ihrer Mutter. Sie empfand eine Angst darüber, dass jemand ihr etwas an die elterliche Adresse zugesandt hatte, beinahe eine Scham. Es gab wenige Menschen, die wussten, dass sie hier war. Und ihre Oma schickte sicherlich keine Pakete aus dem Nachbardorf mit Umweg über Bombay – das ihrer Meinung nach doch Mumbai hieß? Hella runzelte die Stirn, klemmte sich das Paket unter den Arm und ging ohne ein weiteres Wort nach oben.

Ihr altes Kinderzimmer war renoviert worden – immerhin. Moderne Einrichtungsgegenstände von Großkonzernen hatten Einzug gehalten und gaben dem Raum die sterile Atmosphäre eines Musterzimmers. Niemand hatte aus Nostalgie Hellas mit Postern beklebte Schränke behalten wollen, was sie sehr begrüßte. Alles dünstete den Geruch von Fabrik und Pressspan aus. Sie fühlte sich wie ein Gast – und das war ihr sehr lieb, schließlich sollte dies hier keine Dauerlösung sein. Es sollte ihr lediglich ein wenig Zeit verschaffen, damit sie sich orientieren konnte.

Hella hatte Hemmungen, den Paketüberzug zu zerschneiden. Es war unklar, was unter diesem Stoff auf sie wartete. Aus ihrem Nageletui zog sie eine Feile und trennte die Naht säuberlich auf. Zum Vorschein kam ein nichtssagender Karton, den sie ohne zu zögern entlang des Klebebands aufschlitzte. Ein Geruch schlug ihr entgegen, den sie nicht sofort zuzuordnen wusste. Er erinnerte sie an Milchreis. Die Pappseiten des Kartons klappte sie beiseite und blickte auf Zeitungspapier mit einem Buchstabengewirr aus Kringelchen. Obenauf lag ein alter, zerschraddelter MP3-Player mit einer zerfaserten Wollkordel. Klebestreifen hielten das Batteriefach zu. Hellas Herz setzte für einen kurzen Moment aus.

Sie starrte auf das Gerät - nach all der Zeit ein Artefakt. Ein Anachronismus. Ein Schuldbringer? Eine Art Tatwaffe? Zumindest der Zeuge des größten Scheiterns, das sie jemals zu verwinden haben würde: ihr MP3-Player.

Hella hielt die Luft an, blickte sich um. Natürlich konnte niemand sie sehen. Sie war allein. Mit spitzen Fingern nahm sie den Player aus dem Paket und betastete ihn vorsichtig. Er war so unangenehm vertraut, dass ihr komisch wurde. Sie überlegte, auf Power zu drücken, doch die Angst vor den Konsequenzen war zu groß.

Dann entschied sie sich, ihn erst einmal sicher auf der Mitte des Schreibtisches zu platzieren, wo er keinen Schaden anrichten konnte.

Erneut griff sie in das Paket, ließ den Player aber nicht aus den Augen. Sie förderte eine Ansichtskarte zutage: eine blaue Tür, über der Mango Hostel stand. Hella drehte die Karte um. Keine Begrüßung, keine Anrede. Lediglich ein paar Zeilen: »Hello Hella (again), kannst du den Textstapel innerhalb der nächsten Woche lesen? Danke! Ich weiß, dass seit unserer letzten Begegnung vor drei Jahren die ein oder andere Frage offen geblieben ist. Ich habe inzwischen herausgefunden, wer es war. Gruß F.«

Fassungslos starrte Hella auf die Zeilen. Sie las sie einmal, zweimal, dreimal. Ich habe inzwischen herausgefunden, wer es war? Ihr Puls schoss in die Höhe. Der Karton enthielt: Text. Und zwar jede Menge davon. Hella hielt die Luft an, traute sich kaum, ihn anzufassen. Eine Ahnung stieg in ihr auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie hierfür bereit war. Bilder überfluteten ihren Kopf und setzten sie sofort unter Strom. Sie brauchte einige Minuten, um ihre Anspannung in Nacken, Schultern und Rücken durch gezielte, hochkonzentrierte Atemübungen zu regulieren. Sie waren die Konsequenz aus ihrem Scheitern gewesen: Der Versuch, die Dinge mit ihrem analytischen Verstand unter Kontrolle zu bringen, war beinah tödlich geendet. Also hatte sie sich von ihrem Rückzug auf das Intellektuelle verabschieden und neu mit ihren Empfindungen anfreunden müssen. Bis heute suchte sie den Weg zurück zu einer Intuition, die es als Kind gegeben haben musste. Studien hatten schließlich gezeigt, dass viele intuitive Entscheidungen die langfristig besseren waren und dass die Anzahl der Nervenverknüpfungen menschlicher Innereien mit dem Gehirn beinah der eines Katzengehirns entsprachen. Sie durfte ihr Bauchgefühl also nicht länger von der Ratio dominieren lassen und bis sie den Weg zurück zur Intuition fand, trainierte sie Achtsamkeit und Atem.

Der Textstapel war noch anklagender als der Player. Damit konnte sie sich heute auf gar keinen Fall befassen, nicht nachdem sie gerade Frau Wilkings ertragen hatte. Andererseits wusste sie, dass es der einzige Weg war, ihn zu besiegen, den Zweifel.

Zwischen die ersten Seiten waren große Blätter von Bäumen gepresst. Sie nahm den Stiel eines Blattes in die Hand und drehte ihn zwischen den Fingern, sodass eine Bewegung entstand, der ihre Augen nicht schnell genug folgen konnten. Ein Geruch von Zimt traf sie.

Am Abendbrottisch war Hella schweigsam. Auf die Frage, was das Paket enthalten habe, antwortete sie nur: Urlaubsgruß einer Freundin. Sie erschrak selbst über ihre Wortwahl. War Friede jemals eine Freundin gewesen? Zaghaft stocherte sie in ihrer Kartoffelsuppe herum, während alle anderen Rindergulasch aßen. Hella lebte, wenn auch inkonsequent, vegetarisch, seit ihr Schwein Schnuppi vor ihren Augen geschlachtet worden war. Da war Hella acht gewesen und ihr Vater fand es wichtig, dass Hella verstand, wie die Dinge liefen.

»Schmeckt’s dir nicht?«, fragte ihr Vater ohne aufzusehen, und es hatte in Hellas Ohren den Unterton von: Was ist denn daran nun schon wieder nicht richtig? Machen wir eigentlich alles falsch? Herrgott, dein permanent ausgestrahlter Vorwurf ist eine Belastung! Warum bist du eigentlich zurückgekehrt?

»Doch, super!«, sagte Hella der Wahrheit halber, doch mit zugeschnürter Kehle aß es sich nicht besonders lustvoll.

Löffel schabten unerträglich laut auf fast leeren Tellern. Hellas Vater erzählte von der enttäuschenden Sitzung seines Volleyballvereins. Bernd Schumann habe sich wieder einmal bei den Ausgaben für die Jahresendfeier verkalkuliert, das sei nun schon mehrmals passiert und man sei sich nicht ganz sicher, ob sich nicht langsam eine Demenz anbahne, und wie man ihn überzeuge, seinen Posten als Schatzmeister und Finanzplaner nach zwanzig Jahren abzugeben. Hella fand, er hätte sie fragen können, woran man eine Demenz erkenne und wie er vorgehen könne, aber natürlich tat er das nicht. In drei Jahren hatte er sie nicht einmal gefragt, worüber sie eigentlich promovierte. Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass ihr sein Desinteresse immer noch nicht egal war. Es war das identische Gefühl wie damals, wenn sie mit ihren Urkunden von Mathe-Olympiaden heimkam und ihr Vater nur die Stirn runzelte, um dann wieder im Kälberstall zu verschwinden und über Schulden zu klagen.

Hella beobachtete ihre Schwester, die unter dem Tisch auf ihrem Smartphone herumwischte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie dafür von der Mutter ermahnt werden würde. Es sei denn, diese hatte schon vollends ihre Erziehungsmaximen aufgegeben, da war Hella sich nicht sicher. »Darf ich aufstehen?«, fragte sie nichtsdestotrotz und blickte in verdutzte Gesichter. Niemand rechnete offensichtlich noch damit, dass sie die Regeln ihrer Kinderstube befolgte.

Hella stieg die steilen Stufen in ihr Gästezimmer nach oben, klackte die Tür langsam und leise hinter sich zu, als hätte sie etwas Verbotenes im Sinn. In den Fabrikzimmergeruch hatte sich eine leichte Zimtnote gemischt. Sie untersuchte erneut die auf dem Tisch ausgebreiteten Paketinhalte: MP3-Player, Text, gepresste Blätter. Wie in Zeitlupe griff sie schließlich nach dem Player und drehte ihn in der Hand. Ein paar Kratzer waren dazugekommen. Sie nahm ihren Mut zusammen und drückte auf Power. Nichts passierte. Sie drückte noch einmal. Dann öffnete sie das Batteriefach und entfernte zwei Batterien mit unlesbaren Zeichen. In einer Mischung aus Wut und Erleichterung schmiss sie sich aufs Bett und stierte an die Decke. Zehn Minuten später klopfte es. Ohne ein Herein abzuwarten, riss Pauline die Tür auf. Eine Unart, die Hella früher schon zur Weißglut getrieben hatte, ihr jetzt aber nur ein müdes Kopfdrehen entlockte. Sie war zu beschäftigt mit ihren Gedanken, um sich aufzuregen. Ihre Schwester stürzte direkt bis zum Tisch und grapschte nach dem Player. Hella fuhr hoch, als handelte es sich um eine Bombe.

»Wow, was für ein Uraltteil«, sagte Pauline und drückte mehrmals auf dem Power-Knopf herum. »Batterie tot, was? Vielleicht gibt’s ja noch welche.«

Hella musste tief durchatmen. Jetzt wandte Pauline sich ihr zu und trat nervös von einem Fuß auf den anderen, wohl wissend, dass sie weder hereinplatzen noch nerven sollte.

»Du warst komisch beim Abendbrot«, sagte sie und es klang wie: Ich mache mir Sorgen, weil du sonst nie so wenig redest und vielleicht besteht ja die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass du mich an deinem Leben teilhaben lässt, auch wenn ich nur die nervige, zehn Jahre jüngere Schwester bin?

Hella seufzte und ließ sich zurück in ihre Kissen sinken wie eine Bettlägerige. Sie starrte ihre Schwester an, die sich noch mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit im Haus bewegte als Hella selbst und die bis jetzt nichts anderes kannte als dieses Nest, dieses ambivalente Zuhause in diesem Zweitausend-Seelen-Ort, von dem man über Land fast eine Stunde bis Halle brauchte. Hella überlegte, Pauline direkt wieder rauszuschmeißen. Dann rückte sie auf ihrem Bett beiseite und bedeutete ihr, die Tür zu schließen und sich zu setzen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie ja auch niemand anderen zum Reden.

Sie erzählte von dem Paket, von ihrem Gedankenkreiseln.

»Und wer ist diese Friede, woher kennt ihr euch?«

Hella musste lachen. Eine naive, kleingeschwisterliche Frage, die einen Kosmos an Erinnerungen wachrief. Wo hatte diese ganze chaotische Odyssee mit Friede eigentlich angefangen? Unterm Dach in dem alten Büro von Ramona? In der Uni-Kantine? Jedenfalls vor vier Jahren, als Hella in den Endzügen ihres Studiums war. Sie blickte in Paulines unsichere und neugierige Augen, seufzte und begann zu erzählen.

3 Diskus und Diskurs

Hella konnte nicht mehr stehen und sie fragte sich, warum sie ausgerechnet diese Haltung für die Dreißig-Minuten-Pose eingenommen hatte. Klar, sie hatte ihnen etwas bieten, ihre Aufgabe herausragend gut machen wollen, so wie immer eben. Aber falls es jemals noch einmal dazu kommen sollte, dass sie nackt und regungslos vor fünfzehn stumm auf Papier strichelnden und wischenden Kunststudenten saß, dann nicht als Diskuswerferin. Der Schweiß troff an ihr herunter und ihr Gesichtsausdruck wurde verkniffen. Seit anderthalb Stunden stand sie nun hier oben und spürte nur noch hin und wieder in Wellen ihren Puls ansteigen.

Das war jedoch nicht mehr mit dem Anfangsmoment zu vergleichen, als sie unter Erstickungsgefühlen ihren Bademantel abstreifte und dachte, sie beginne jeden Moment zu weinen. Seit dem Seminar zur Sozialen Phobie hatte sie begriffen, wie groß ihre eigene Angst vor der Bewertung anderer war. Ganz oben auf der Liste stand, keine Fehler machen zu dürfen, keine Angriffsfläche zu bieten. Sie listete auch ihr Sicherheitsverhalten auf, das sie vor Demütigung und Schmach schützen sollte: Klamotten zwei Nummern zu groß tragen, damit niemand sah, wie viel sie seit dem Ende ihrer Fußballkarriere zugenommen hatte; kontinuierliches Lügen, warum sie nicht zu Partys ging, weil ihr die Angst, am nächsten Tag nicht genug leisten zu können, zu peinlich war. Ständig kontrollierte sie ihre Kleidung auf Faltenfreiheit um ein tadelloses Bild abzugeben. Nun hatte sie beschlossen, ihre fundamentalen Befürchtungen gemäß der verhaltenstherapeutischen Therapievorgaben systematisch einem Realitätscheck zu unterziehen, schließlich war das ihre Pflicht, so als angehende Expertin. Schon am Vorabend bezifferte sie feinsäuberlich alle zentralen Befürchtungen mit der Stärke ihrer Ausprägungen. Der Theorie nach konnten Angst und Anspannung nicht ins Unermessliche steigen, wenn man sie zuließ, sondern sanken irgendwann ganz von allein ab, wenn man nur lange genug in der Situation verharrte, ohne sich gedanklich abzulenken oder zu beruhigen. Das hieß Exposition und funktionierte mit Spinnen genauso wie mit Blankziehen vor Gruppen, so lautete zumindest die gegenwärtige Lehrmeinung, dachte sie.

In der Ecke des Raumes kicherte jemand. Erst war sie sich nicht sicher, ob ihr Verstand ihr einen Streich spielte, doch dann hörte sie es ganz deutlich. Sie verfiel in Schockstarre. Wurde sie ausgelacht? Wegen ihres Bauchspecks? Die Zeiten des Sixpacks waren lange vorbei, das wusste sie selbst. Die von Bänderrissen, Hotpants sprengenden Oberschenkeln und gebrochenen Nasen aber Gott sei Dank auch. Oder lag es an der Pose? Oder an den blauen Flecken auf dem Schienbein? Stopp Hella, ermahnte sie sich. Realitätsprüfung! Deswegen war sie schließlich hier! Vorsichtig versuchte sie ihren Kopf ein paar Zentimeter zu drehen, ohne die Pose zu versauen. Da saß eine Studentin in der Ecke, die Hella zu Beginn schon durch ihr Zuspätkommen negativ aufgefallen war. Weil alle Stühle besetzt gewesen waren, hatte sie laut und umständlich einen Stuhl vom Rand des Raumes über den Boden geschleift. Die, ging es Hella durch den Kopf, zerbrach sich auf jeden Fall keinen Kopf darüber, was der Rest des Seminars gerade dachte. Ein Funken Neid keimte in ihr auf. So gut es ging versuchte Hella, ein Bild von der Störenden zu bekommen. Busenlange, wellige Haare in Nussbraun umrahmten ein auffällig hübsches Gesicht. Nur mit ihren Augen stimmte etwas nicht. Die Sonnenbrille, mit der sie in den Raum gekommen war, hatte sie sich nur kurz in die Haare geschoben und Hella hatte deutlich gesehen wie gerötet sie waren. Sie kicherte schon wieder, fixierte Hella. Über irgendetwas an ihr machte sie sich definitiv lustig. Hella spürte Hitze in ihr Gesicht steigen und die Angst, rot wie eine Hagebutte zu werden, stieg mit. Nun sahen vermutlich alle, dass sie nervös wurde. Sie konzentrierte sich darauf, sich zu beruhigen, spürte die Trockenheit in ihrer Kehle und musste schlucken. Die Hitze in ihrem Kopf wurde schlimmer. Schmerzhaft zog es nun auch in ihrem lädierten Knie und sie versuchte, das Gewicht unauffällig zu verlagern, was ihr mäßig gelang. Das Kichern wurde lauter.

»Noch fünf Minuten«, sagte Professor Grothe, der den Kurs leitete und an der langen Seite des Saales mit einer Tasse Kaffee gelangweilt über Unterlagen brütete. Die ersten Studenten rafften ihre Papiere zusammen und flüsterten ihm zu, sie müssten los, nächste Veranstaltung. Türen klappten. Aus der Ecke, aus der Hella eben noch Gekicher vernommen hatte, hörte sie nun Geflüster. Sprach die Nusshaarige in ihr Handy? Ein Schmerz schoss Hella so stark ins Kniegelenk, dass sie aufstöhnte und zusammensackte. Sie fing sich mit dem anderen Bein ab und blickte in dreizehn mit den Augen rollende Gesichter, die ihrerseits aufstöhnten. Alle. Bis auf die Nusshaarige. Die lachte diebisch und klatschte laut ihren Kohlestift aufs Papier.

»Okay, ich bin auch raus«, sagte einer aus der ersten Reihe mit Karohemd.

»Gut für heute«, stimmte sein Nachbar zu und ließ sein digitales Zeichenpad im Rucksack verschwinden.

»Gut, beenden wir’s für heute, das war vielleicht auch eine etwas zu ambitionierte Pose für die letzte Episode, nicht wahr, Frau Schmott?«, sagte Grothe lachend und stand auf. »Besten Dank Ihnen auf jeden Fall. Füllen Sie das Rechnungsformular aus und schicken es an unsere Sekretärin Frau Strich, ja? Und für alle, die Samstag beim fulminanten Jubiläum dabei sein werden«, er hob die Stimme, »seien Sie bitte ausnahmsweise pünktlich! Die Performance beginnt um acht und es wäre ein Skandal, wenn Sie mitten in die Darstellung platzten!«

Weg war er. Hella fühlte sich wie eine Idiotin. Griff nach ihrem Bademantel. Sie überlegte angestrengt, wie sie sich möglichst unbemerkt aus dem Raum stehlen konnte, bremste dann aber ihre eigenen Gedanken. Sie hielt dieses unangenehme Gefühl jetzt aus, deswegen war sie hier. Verdünnisieren gab’s heute nicht!

»Darf ich mal sehen?«, fragte sie deswegen tapfer drei Studentinnen in der ersten Reihe, die ihre Sachen gerade zusammensammelten.

»Sorry, ist nicht so gut geworden«, sagte die Erste.

»Ich bin leider nicht fertig geworden«, sagte die Zweite.

»Ist mir immer zu peinlich«, sagte die Dritte.

Leute!, dachte Hella. Ich tanze fast zwei Stunden splitterfasernackt vor euren Köpfen herum, lasse euch jede Delle analysieren und skizzieren, schinde meine Gelenke – und ihr macht euch Sorgen, weil ich einen Blick auf das Ergebnis werfen möchte? Das hätte sie gerne gesagt. Tat sie aber nicht, sondern nickte nur verständnisvoll.

»Hier«, rief die Nusshaarige von hinten auf ihrem Klappstuhl und drehte ihre Zeichenunterlage um, als präsentierte sie eine Gemüseauslage oder Ähnliches.

Zögerlich machte Hella einen Schritt auf sie zu. Das Bild war mit Kohle gezeichnet, zeigte sie in der letzten Figur, der Diskuswerferin. Sie erschrak, wie detailliert ihrem Gesicht trotz der verwischten Kohle Angst und Nervosität anzusehen waren. Wieder bemerkte sie Hitze aufsteigen. Ihr Mund wurde trocken.

»Zum ersten Mal heute?«, fragte die Zeichnerin.

Hella nickte.

»Mit Sportvergangenheit, was? Sieht man, sieht man. Wie heißt du?«

Sah man? »Hella«, murmelte Hella.

»Hello Hella! Und nun? Kunststudentin, erstes Semester?«

Hella schüttelte den Kopf und resignierte angesichts der Schmach, ihre Unsicherheit dermaßen zur Schau gestellt zu haben. Jetzt war sie sogar auf Papier festgehalten worden.

»Psychologiestudentin«, sagte sie. »Ich will Psychotherapeutin werden.«

»Ach du Scheiße!«, entfuhr es lachend der Zeichnerin. »Angehende Seelenklempnerin. Um die Leute schnell wieder fein arbeitsfähig zu machen, wenn sie mal eine Auszeit brauchen, weil ihr Scheißjob sie auslaugt, ja?«

»Darum geht es doch gar nicht!«, empörte sich Hella und straffte die Schultern in ihrem Bademantel.

»Sondern?«

»Es geht darum«, rang Hella nach Worten, »gesund zu werden und Leute davor zu bewahren, sich das Leben zu nehmen.«

»Sollte das nicht jeder Mensch für sich allein entscheiden können, wann er keinen Bock mehr auf diese Welt hat, die sowieso vor die Hunde geht und die ohne ihn ohnehin besser dran wäre?«

»Suizid ist ein emotionales Bombenattentat auf alle Hinterbliebenen. Es sorgt dafür, dass das Leid noch größere Kreise zieht als ohnehin schon. Ein Akt der Verzweiflung, natürlich. Aber darüber hinaus auch eine Form von Gewalt gegen andere. Oder mindestens unfair. Ich verhindere es lieber.«

Die Nusshaarige zuckte mit den Schultern und raffte mit einer Bewegung ihre Sachen zusammen, die sie in einen Seesack stopfte. Dann nahm sie das Gespräch wieder auf: »Aber was heißt das schon: gesund? Wer legt das fest?«

Hella strich ihre Bluse glatt.

»Na jeder selbst! Es geht darum, ein Leben nach eigenen Zielen und Werten führen zu können und dafür Probleme zu überwinden«, beeilte sich Hella zu entgegnen und fragte sich allmählich, warum sie auf diese Polemik überhaupt einging.

»Süß«, sagte die Nusshaarige süffisant, ohne eine Miene zu verziehen. »Vergiss es, der Mensch ist eh nur ein Produkt seiner Gene und seiner Sozialisation und damit determiniert.«

»Was für ein kompletter Unsinn!« Hella zitierte Studien zum Beweis neurologischer Veränderungen nach Psychotherapie, sprach über Transzendenz und Wachstum nach Krisen und redete sich weiter in Rage. Ihr Plädoyer für eine Berufssparte, der sie noch gar nicht angehörte, endete mit dem Satz: »Und deshalb ist die Psyche des Menschen relativ frei!«

»Wow, große Worte!« Die Nusshaarige grinste. »Fast so schön wie ein Schulaufsatz im Ethikunterricht. Möchtest du vielleicht noch Rousseau oder Sartre in den Ring schicken? Halt, stopp, das ist ein Scherz! Bitte nicht. Willst’n Kaffee? Oder besser einen Kamillentee? Ich heiße Friede«, sagte sie immer noch amüsiert.

»So richtig Friede?«

»Nein, so richtig Friedemarie, aber komm nicht auf die Idee, mich so anzusprechen.«

Hella war nach wie vor empört, inzwischen war aber außerdem ihr sportlicher Ehrgeiz geweckt, Friede zu überzeugen. Kurz wog sie die Optionen gegeneinander ab.

»Ein Veggi-Döner wär mir lieber«, antwortete sie nun deutlich entspannter.

Friede lachte.

»Einmal vegetarisches Fleischdreieck für die Weltverbesserin, kommt sofort!«

Bei näherer Betrachtung erschien sie Hella wie die Hauptfigur aus einem französischen Film, den sie vor wenigen Tagen bei einer Kommilitonin aus ihrer Lerngruppe gesehen hatte. Im Anschluss war sie leicht verstört gewesen. Seelenklempner ist ein irreführender Begriff, dachte sie, bevor sie aufstand. Selbst wenn es so etwas wie die Seele gab, bestand sie nicht aus Rohren und führte Wasser. Sondern übermittelte elektrische Signale. Seelenelektrikerin. Hella kicherte.

»Ich komme aus der Landwirtschaft«, sagte Hella, als sie im Campuscafé in einen Burrito mit labbrigem Salat biss. Genau genommen stammten ihre Eltern beruflich aus der Tierproduktion, aber sie kam nicht umhin, sich ein Stück weit dafür zu schämen und bevorzugte es, diesen Fakt sprachlich zu verschleiern.

»Mein Fleischbedarf ist deshalb bis ans Ende meiner Tage gedeckt«, fügte sie an.

Wieder musste Friede grinsen.

»Hast du jetzt eine halbe Stunde über meinen Kommentar von vorhin nachgedacht? Deine Essgewohnheiten sind mir mindestens so egal wie die Lottozahlen! Erzähl mir lieber«, Friede sah sich auf dem Campus um, als könnte jemand sie mit Hella zusammen sehen und als wäre das etwas, was dringend zu vermeiden wäre, »was deine Zunft so bei Persönlichkeitsstörungen veranstaltet.«

Eine sehr konkrete Frage, wie Hella fand. Spannend. Da hatte jemand wohl schon einmal Kontakt mit der Materie.

»Persönlichkeitsstörungen gibt es nicht«, antwortete sie. »Im Rahmen meiner Abschlussarbeit habe ich mich mit nichts anderem mehr beschäftigt.« Sie leckte sich die Finger ab. »Man kann nicht in seiner Persönlichkeit gestört sein. Man kann gestört sein und eine Persönlichkeit haben. Und selbst da gehen die Meinungen auseinander.«

Hella griff nach einem Gewürzstreuer. Friede taxierte sie.

»Was meinst du damit, da gehen die Meinungen auseinander?« Plötzlich hatte sie etwas Lauerndes.

»Es gibt auch Wissenschaftlerinnen, die davon ausgehen, dass alles Resultate aus den Lernerfahrungen unserer Vorfahren und uns selbst sind. Deshalb sind alle Seiten an uns veränderlich und neu verhandelbar. Es gibt dann nur Anteile in uns, die sich an besondere Situationen anpassen mussten. Wenn neue Erlebnisse alten ähneln, wird das gleiche Handlungsmuster abgespult, unbewusst. Dann fühlen, denken und handeln wir wie in der ursprünglichen Situation.«

»Sag mal, ist dir eigentlich klar, dass das Chili und kein Paprikapulver ist?«

»Natürlich.«

Ehrfürchtig riss Friede die Augen auf.

»Okay. Aber das steht doch sogar bei Wikipedia, das mit den Persönlichkeitsstörungen?«

Hella nickte und konnte sich gleichzeitig ein Augenrollen nicht verkneifen.

»Ja, es gibt den Begriff, und der wird immer noch verwendet, aber er ist historisch bedingt und die neue Sichtweise noch nicht in der breiten Masse angekommen. Dahinter stecken meistens frühe Traumatisierungen. Sehr frühe. Und wenn dich jetzt interessiert, was ein Trauma ist: Darüber zanken die Großen der Wissenschaft.«

»Nö, das interessiert mich null.«

Friede schlürfte laut Kaffee. Hella glotzte sie kurz an. Dann kehrte sie zu ihren Ausführungen zurück.

»Meine bevorzugte Definition ist die der unvollendeten biologischen Reaktion: Wenn das Nervensystem so überwältigt wird, dass es uns nicht mehr in Sicherheit bringen kann, hängen wir in der Immobilität fest, im Shutdown, so einer Art Totstellreflex. Da von der Stresstoleranz und dem Reifegrad des Systems abhängt, wann dieser Totstellreflex eintritt und ob man allein wieder rauskommt, ohne emotional steckenzubleiben, ist individuell höchst unterschiedlich. Bei kleinen Kindern ist es noch nicht fertig ausgebildet, das Nervensystem. Es reift in den ersten drei Lebensjahren durch das spiegelnde Verhalten der Mutter beziehungsweise anderer primärer Bezugspersonen – im Optimalfall. Und wenn nicht, ist es im Laufe des Lebens immer noch dazu in der Lage, wenn auch langsamer. Hopfen und Malz sind nie verloren. Also, wer hat behauptet, dass du persönlichkeitsgestört bist?«

»Wer redet denn hier von mir?« Friede knallte ihre Tasse auf die Tischplatte. »Mein Ex«, fügte sie dann so cool wie möglich an, »hat mich Borderlinerin genannt. Verfickte Borderlinerin.«

Hella atmete tief durch. Offensichtlich hatte sie den skeptischen Fisch am Haken.

»Und woran hat er das festgemacht?«

»Ich hab ihn feiges Würstchen genannt, ihn beschimpft, seine SMS gelesen und ihm eine Szene nach der anderen gemacht, wenn er Dinge unabhängig von mir tun wollte. Immer wenn er gesagt hat, er hält das nicht mehr aus, habe ich ihm einen geblasen. Da ist er aber schnell hintergestiegen und wollte das partout nicht mehr. Dann habe ich ihm damit gedroht mich umzubringen und ihm klargemacht, dass das dann seine Schuld wäre.«

Hella beschloss, von Friedes sprudelnder Offenherzigkeit komplett unbeeindruckt zu bleiben.

»Aha. Ich habe so eine Idee, wie er auf die Borderline-Nummer kommt. Aber lass dir gesagt sein: Persönlichkeitsstörungen gibt es nicht. Alles reparabel!« Genau genommen lehnte sie auch das Wort »Störung« ab. Wer oder was störte denn wen oder was? Es handelte sich um Erkrankungen. Behandelbare Erkrankungen. Die wenigsten davon so chronisch, wie in den Krankenhäusern behauptet, und jedes Trauma verhandelbar.

Friede nickte, zündete sich einen Joint an und sagte leise: »Aha. Aha, aha.«

Hella machte eine Pause. Pauline hatte an den Stellen der Geschichte, die ihr besonders wichtig vorkamen, brav genickt, denn Hella machte das auch immer so.

»Das Letzte, was ich von Friede gehört habe, war, dass sie vor drei Jahren nach einem Trip durch die halbe Republik ins Ausland gegangen ist.«

Das Detail mit dem Selbstmordversuch, an dem sie sich die Schuld gab, unterschlug sie. Das würde Pauline nicht verstehen. Das verstand sie selbst bis heute nicht. Das Letzte, was sie von Friede gehört hatte, war ihr schließlich nur von deren Bruder Arne übermittelt worden: »Hella hat Scheiße gebaut. Richtige Scheiße.«

Hella stellten sich die Haare zu Berge. Sie wusste nach wie vor nicht, worauf genau sich Friede damals bezogen hatte – ihre dilettantischen Therapieversuche? Ihren Aufenthalt in Damaskus? Bevor Friede aufgebrochen war, hatte Hella ihr geraten, ein paar ihrer Gedanken zu notieren. Um sich zu sortieren. Und nun hatte sie ein Paket erhalten. Mit einem MP3-Player, auf den Hella ihr damals alle Amateur-Therapiegespräche gespielt hatte. Die regelmäßige Wiederholung von Sitzungen diene der tieferen Verarbeitung, hatte sie gelesen. Der pädagogische Aspekt von Therapie würde häufig vernachlässigt, hatte sie gelernt. Die therapeutische Beziehung sei das A und O und solle stets im Blick behalten werden!

Ein Smartphone hatte Friede nie besessen – aus Paranoia. Deshalb hatte Hella mühsam alle Audiospuren der Videoaufnahmen extrahiert. Nun gab es diesen Stapel Text, der vermutlich das ganze Desaster verschriftlicht enthielt, das weiter seinen Lauf genommen hatte, nachdem Hella schon keine physisch anwesende Protagonistin in Friedes Geschichte mehr gewesen war. Dem Zimt maß Hella keine Bedeutung bei. Vorerst.

»Und jetzt fliegst du nach Indien?«, fragte Pauline aufgeregt, als Hella mehrere Minuten schon nichts mehr gesagt hatte.

»Was? Nein, natürlich nicht! Niemals würde ich mich in ein Land begeben, wo man sich an jeder Hausecke Bakterien holt, die Medizinstudenten nur in Wahlpflichtkursen besprechen. Selbst wenn ich das Geld hätte …, das ich nicht habe.«

Pauline öffnete den Mund zum Protest, wurde aber von einer Vibration in ihrer Hosentasche abgelenkt. Wie eine Irre grinste sie auf ihr Telefon und sagte: »Du, Xavi hat geschrieben. Er holt mich mit dem Auto ab.«

Nun blickte Hella ihre Schwester an, als begriffe sie erst jetzt, mit wem sie da eigentlich redete. Kurz überlegte sie zu fragen, seit wann denn Xavi seinen Führerschein habe. Dann nickte sie nur und sagte: »In Ordnung. Hau ab! Und: Kein Wort zu den Eltern. Das verstehen sie alles nicht.«

Pauline, die sich auch nicht sicher war, ob sie irgendetwas verstanden hatte, nickte, sprang auf und quatschte schon in ihr Telefon, ehe sie die Tür hinter sich zuzog. Hella nahm einen tiefen Atemzug. Sie fühlte sich etwas anders.

Besser, irgendwie. Nahezu ein bisschen erleichtert. Sie lachte selbstironisch auf. Nicht dass sie noch zu der Einsicht gelangte, dass Redekur bei Seelenleid helfen könne. Einen Moment überlegte sie, nach Friedes Text zu greifen. Dann entschied sie sich dagegen und ging gründlich Zähne putzen.

4 Heiligabend

Am nächsten Morgen wachte Hella mit Kopfschmerzen auf. Sie hatte wüste Träume von Szenen in der Klinik gehabt, von den Streits mit Suse, und natürlich hatte auch Friede in den absurdesten Kontexten vor ihr gestanden, zwei reife Mangos grinsend in den Händen haltend. Hella hörte Rumoren in der Küche. Es war der vierte Advent und sie konnte davon ausgehen, dass ihre Mutter gerade Helenenschnitten buk, so wie immer. Eigentlich liebte sie Helenenschnitten, doch ihr Kiefer schmerzte entsetzlich. Vermutlich hatte sie die ganze Nacht geknirscht und gepresst und versucht, das eine oder andere Thema für sich durchzukauen. Der Inhalt des Päckchens verfolgte sie wie ein Fluch. Sie war die letzten Wochen mehr oder weniger damit klargekommen auszublenden, was geschehen war, und hatte sich für einen klaren Cut entschieden, vielleicht sogar dafür, noch einmal völlig neu anzufangen. Womit auch immer. Sie hievte sich aus dem Bett und merkte, dass auch ihr Rücken schmerzte. Vielleicht war es die neue Matratze? Hella beobachtete sich im Geiste dabei, wie sie zum Tisch torkelte und den Stapel Papier in die Hand nahm. Sie spürte den Impuls, das in ausländisches Zeitungspapier eingeschlagene Skript, so wie es war, in den Müll zu schmeißen oder ein Feuerzeug daranzuhalten. Gleichzeitig verspürte sie einen vertrauten Sog. Friedes Sog. Schnaufend überflog Hella die ersten Zeilen, wurde übermannt von Wellen Neugier, die abgelöst wurden von Wut und einem unbestimmten Ekel. Dieser Text war toxisch. So, wie es die Beziehung zu Friede gewesen war. Hella ließ das Papier sinken und blickte in den Spiegel. Sie erwartete, ein angewidertes Gesicht zu sehen, doch sie sah absolute Ausdruckslosigkeit. Ein leeres Gesicht. Die durchschnittlich langen, durchschnittlich straßenköterblonden Haare waren zerzaust, das fahle Gesicht von einigen Hautunreinheiten gerötet, die grünblauen Augen trüb. Seit sie mit dem Fußball aufgehört hatte, fiel es ihr schwer, ihr Gewicht zu halten. Ihr Blick glitt hinaus zu den Bäumen, hinter denen der Sportplatz lag. Manchmal kam es ihr so unendlich weit weg vor, dass sie dort ihre gesamte Kindheit und halbe Jugend verbracht hatte, bis sie die sechsmal Training die Woche plus die Punktspiele am Wochenende nicht mehr mit dem Abi unter einen Hut bekam. Manchmal fragte sie sich, ob sie es nicht bis zur Nationalmannschaft gebracht hätte. Außerdem konnte man beim Fußball niemanden lebensgefährden. Zumindest waren ihr keine Fälle bekannt.

Sie griff nach Friedes Manuskript und stieg die Treppen hinab, dem Helenenduft entgegen.

Ihre Mutter blickte erstaunt.

»Schon wach?«

»Bin ja keine achtzehn mehr«, schnarrte Hella, ging schnurstracks zum Küchenkamin, den ihre Mutter nur noch zu besonderen Anlässen einheizte und versenkte mit dem Wimpernschlag eines Zögerns das Skript im Feuerschlund.

»Das ist nicht gut, so viel Papier zu verheizen, das weißt du doch«, sagte ihre Mutter. »Was war das? Deine Doktorarbeit?«

»So ähnlich. Alte Uni-Sachen. Wann gibt’s die Helenenschnitten?«

Hella fühlte sich schlagartig erleichtert. Losgesagt von diesem Fluch. Niemand konnte sie zwingen, sich mit all dem noch einmal auseinanderzusetzen. Schon gar nicht hier bei ihren Eltern. Erst recht nicht kurz vor Weihnachten.

»Ich hab keine gemacht«, sagte ihre Mutter und wandte sich dem Herd zu, auf dem sie bereits das Mittag vorbereitete. »Hab ein neues Rezept ausprobiert. Die ollen Schnitten habe ich doch nun wirklich fast dreißig Jahre gebacken, irgendwann ist ja auch mal gut.«

Hella entgleiste das Gesicht. Diese Tatsache besiegelte ihr Gefühl, von der Welt betrogen zu sein. Wenn am vierten Advent keine Helenenschnitten mehr gebacken wurden, war es amtlich: Dies war nicht mehr ihr Leben. Sie begann wütend zu weinen, ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken und vergrub den Kopf in den Armen, bis ihre Mutter unbeholfen ihren Kopf tätschelte.

Heiligabend hielt auch diesmal, was er jedes Jahr versprach. Vater schimpfte, weil die Nordmanntanne nicht gerade in der Halterung stand, Pauline motzte, weil sie kein Bleilametta am Baum haben wollte, egal wie säuberlich gekämmt und aufbewahrt. Zum Nachmittag trudelte Großmutter, die alle nur Babu nannten, aus dem Nachbardorf ein. Sie hatte darauf bestanden, selbst zu fahren, wo sie doch extra vor zehn Jahren erst ihren Führerschein gemacht hatte. Den müsse sie jetzt noch abfahren, sonst habe sich die Stange Geld nicht gelohnt.

Die Bescherung bestand aus einem höflichen Warenaustausch und Babu wartete nicht lange, bis sie damit herausplatzte, dass Weihnachten schließlich ein Fest für Kinder sei und ohne Kinder absolut sinnfrei. Hellas Mutter warf einen strengen Blick durch den Raum, den Babu registrierte und geflissentlich ignorierte. Hella dachte an Suse und wie diese wohl entweder mit ihrer Patchworkfamilie in Steglitz unterm Baum saß oder sich entschieden hatte, mit Hannes und Gusti irgendwohin zu fahren, um sich zu betrinken. Hella hätte alles getan, um dabei zu sein.

»Und das hier ist für dich«, sagte Pauline mit flackerndem Blick.

Skeptisch nahm Hella das Paket entgegen. Gewissenhaft knibbelte sie den Klebestreifen vom Papier, streifte es von einem alten Markenschuhkarton und lupfte den Deckel an, der einen amüsanten Ton von sich gab. Batterien. Kleine Batterien.

»Außerdem kam mit der Post noch ein Paket, wie neulich schon«, flüsterte Pauline ihr zu. »Ich hab es im Heizungsraum versteckt, damit Mutti und Vaddern nicht neugierig werden.«

Hella starrte ihre Schwester an, ob sie sie auf den Arm nehmen wollte. Keine Anzeichen. Die Musik aus dem Hintergrund wurde penetrant laut. Lustig, Lustig, traleralera. Beinahe hätte sie irre aufgelacht.

Hella lag auf dem Rücken in ihrem Bett und wartete seit drei Stunden auf den Schlaf. Identisches Paket, identische Postkarte. »He Hella, falls du dich endlich von dem ganzen Familienkram losgesagt hast und in trauter Pärchenwohnung dein Weihnachten fristest: Bei deinen Eltern wartet ein Päckchen auf dich. Damit du aber nicht stirbst vor Neugier, hier schon mal ein Haufen Text. Komm mich besuchen, am besten nach Neujahr!! Gruß Friede.« Und eine Adresse in Kerala. Und das Manuskript, allerdings eine knittrigere Version dessen.

Friedes Text war eine Hydra. Sie konnte ihn noch so oft verbrennen, er existierte. Vermutlich war er auf einem Laptop im Mango Hostel gespeichert. Und wenn er existierte, dann gab es diese Geschichte, ob Hella sie nun las oder nicht. Und wenn diese Geschichte niedergeschrieben war, hatte Friede sie erlebt, und egal wie sie es drehte und wendete, sie war ein wesentlicher Teil davon. Dann konnte sie die Desaster-Doku und all das, was über drei Jahre zuvor geschehen war, auch getrost lesen. Sie starrte auf die ersten Zeilen und seufzte.

»Hello Hella, habe ich diesen Text für dich geschrieben? Nein, natürlich nicht. Aber jetzt ist er da. Natürlich habe ich ihn für dich geschrieben! Von Anfang an und bis zum letzten Wort. Hier ist sie: die unverblümte Wahrheit und nichts als die Wahrheit über den Auf- und Niedergang der Friedemarie Arnhild Keller alias Friede, Fritte, Fritzi vor nun schon über drei Jahren. Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehne waagerecht und genießen Ihre Bloody Mary!«

5 Sommersonnenwende

Die kürzeste Nacht des Jahres. Der Himmel wird seit Tagen nicht richtig schwarz, sondern behält so einen zarten graublauen Schimmer. Der späte Mai und der frühe Juni – sie kreischen mich an, sie blenden mich! Sie rennen mich einfach über den Haufen. Seit Wochen bin ich übermüdet, weil mein Hirn solarbetrieben wird. Mit dem ersten Dämmerlicht wird es gegen drei Uhr angeknipst und spätestens ab vier ausgeleuchtet wie eine Lagerhalle für Chaos. In mannshohen Regalen purzeln dort Ideen für die Ausstellungseröffnung durcheinander. Daneben stapeln sich Aufgaben, die noch für die Masterarbeit erledigt werden müssen, zwischendrin fliegen Puzzleteile des letzten unausgesprochenen Konflikts mit Ramona, meiner biologischen Mutter, umher. In meiner Familie wird Nähe hergestellt, indem man gemeinsam andere abwertet, und auch darin ist sie die Königin. Sie ruft mich Mittwoch an und kotzt sich über meinen Bruder aus, der zu viel kiffe und sein ganzes Potenzial verschleudere. Dafür habe sie ihm schließlich nicht die teuerste Privatschule der Region bezahlt, sondern damit er mal in die Wirtschaft oder Politik gehe.

»Ich kiffe auch zu viel«, sage ich, um nicht auf ihr Angebot einer Lästerallianz einzugehen.

Daraufhin ruft sie meinen Bruder an und beschwert sich, dass aus mir nie etwas werde und ich dieses Studium ohnehin nur machen konnte, weil ihre Designerin meine Bewerbungsmappe zusammengeschustert hat, damals vor fünf Jahren. Tatsächlich ist es die Wahrheit. Dass ich nicht mit Geld umgehen kann, ist auch die Wahrheit. Deswegen rückt Ramona die mir zustehende Kohle von einhundertsechsundachtzigtausend Euro erst raus, wenn ich diesen Abschluss in der Tasche habe – mit Bestnoten, versteht sich. Ich tue gerne so, als wäre mir all das egal, überspiele es mit Großkotzigkeit, Zynismus und hochgeschlitzten Kleidern zu besonderen Anlässen. Dass ich in Wahrheit jeden Tag aufs Neue vor Versagensängsten sterbe, mich deswegen des Nachts im Bett herumwälze und Magenbeschwerden habe, ist mein Geheimnis. Und ich tue alles dafür, dass das auch so bleibt.

Also mein Hirn, die Lagerhalle. Überall werden Gedanken an- und abtransportiert: Zukunftsvisionen und Hoffnungen (eigenes Atelier, international gefeiert, verruchter Sex mit Galeristen, gleichzeitig natürlich Familie mit David, mindestens vier Kinder), Ängste und Sorgen (Kommen die rumänischen Trachten von Oma Suzana bis zur Ausstellung rechtzeitig an? Bekomme ich das Mieder schnell genug fertig genäht? Klappt das mit der Zwanzigerjahre-Band oder kriegt der Sänger immer noch keine Luft?) und Bilder, die sich, so lange ich denken kann, aufdrängen und gegen die ich machtlos bin (entgleiste Züge inklusive aller Menschen, die mir etwas bedeuten, ein bösartiger Tumor, der David dahinrafft, mein Bruder Arne, wie er doch noch von einem Mafioso umgelegt wird). Zwischendrin marschiert auf Pumps meine innere Kritikerin auf und ab, sagt, dass ich das niemals schaffen werde, scheiße aussehe und mich bis auf die Knochen blamieren werde. Mehr als vier Stunden schlafe ich nicht. Daraus ergibt sich zwar die Zeit, die ich dringend für die Organisation anstehender Dinge benötige, aber der Energieverbrauch ist unfassbar hoch, zehrt an mir und macht mich, ehrlich gesagt, gaga. Mein Herz kämpft gegen die chronische Übermüdung an, als würde es Kaffee pur durch die Blutbahn pumpen. Wie aufgezogen schieße ich durch den Tag und komme nur mit einer passenden Menge Gras überhaupt wieder runter. Auch heute werden wir nichts anderes mehr tun, als entspannt auf der Couch herumzugammeln und eine Folge »In Treatment« nach der nächsten zu suchten. Der Tag morgen wird schon aufregend genug, denn morgen Abend ist Sehen und Gesehenwerden angesagt.

»Was soll ich morgen eigentlich anziehen? Blaues Sakko oder schwarzes Sakko?«, hallt es dumpf aus dem Innern des Schrankes, dann taucht David daraus auf. Ich habe das Glück, mit dem fantastischsten Typen auf dem Planeten zusammen zu sein. Unsere Gespräche sind episch, der Sex ist bombastisch und unsere Witze so herrlich bescheuert. Den ganzen Tag könnte ich ihn mir entzückt angucken! Meistens zumindest. Letzte Woche wollte ich Schluss machen, aber das geht jetzt schon seit zwei Jahren so und langsam gewöhnen wir uns beide daran.

»Stell mir nicht solche Fragen«, feixe ich. »Ich will nicht, dass wir in einem Alter sind, in dem man solche Fragen stellt!« Nämlich Mitte zwanzig.

Vorfreude sprudelt durch meine Herzgefäße. Morgen wird gut. David nickt.

»In Ordnung. Dann trage ich meinen Fetischfummel von der letzten Hourglass Party?«

Ich grinse. Kopfkino in Erinnerung an die sexpositive Porn Party. Hunderte halbnackte Menschen, ein viel zu heißer Klub, Zungenküsse auf MDMA. Die Rückfahrt im Zug komplett verpennt, Genickstarre und Schädel nach dem Aufwachen.

»Hast du heute eigentlich noch was geschafft?«, reißt David mich aus meinen Erinnerungen und meint meine Masterarbeit.

»Läuft!«, höre ich mich sagen. »Hab acht Stunden durchgeschrieben und letzte Nacht die Ausstellung durchkonzipiert. Im hinteren Teil meines Schädels lief dabei ein hübsches Chanson von Emilie Lumière.«

David hält mich fest und sieht mir ernst in die Augen.

»Passt du noch auf dich auf, Friede?«

David hat keine Lust mehr auf mein Abschmieren, wenn meine Selbstsicherheit sich wieder mal verabschiedet, ich wochenlang versumpfe, den Blick stumpf gegen die Wand gerichtet. Meine Stimmungsschwankungen strengen ihn an. So sehr, dass er die Ursachen gegoogelt hat und mich fragte, ob ich schon mal was von Bipolarer Störung gehört habe. »Klar«, sagte ich. Schließlich hab ich es im Alter von fünfzehn schon mal nach einer Überdosis Tabletten wegen Liebeskummer in die Klapse geschafft. Dort hieß es dann: Verdacht auf ADHS. Konnten sie aber nicht nachweisen, nachdem ich jeden Tag unbeirrt fünf Stunden meine Kunsthochschule Burg Giebichenstein aus Peddigrohr geflochten habe. Aber ich habe keine Manien oder so. Ist ja nicht so, als ob ich wie von allen guten Geistern verlassen über den Marktplatz flitzen und die Apokalypse prophezeien würde! Ich gehöre einfach zu den Hypersensiblen und mein inneres Gleichgewicht kann schnell kippen. Für die Vorhersage von Hochdruck- und Tiefdruckgebieten brauche ich keinen Wetterbericht, das Spektrum akustischer Frequenzen, die ich wahrnehme, umfasst den ausgeschalteten Fernseher meines Vaters sowie das Summen von Rolltreppen. In einem früheren Leben war ich vermutlich Medizinmann, sage ich immer zu David, beziehungsweise Medizinfrau, wenn es so etwas gab. Vielleicht war ich auch eine begnadete Jägerin, Clan-Anführerin, die intuitiv wusste, wann der perfekte Zeitpunkt war, sich auf die Pirsch zu begeben. Was auch immer. In der Gegenwart ist es schwieriger. Da ist kein Platz für empfindsame und ahnungsvolle Synapsen.

»Klaro. Alles im Lot. Alles unter Kontrolle. Konzentration, Pause, Konzentration, lange Pause, durchatmen. Nichts Bewegendes mehr nach zweiundzwanzig Uhr. Sag mal, kannst du mir einen Gefallen tun und noch den Stapel Dokumente einscannen und hochladen, den Hella mir vorbeigebracht hat? Das ist echt wichtig, dass ich das noch für sie erledige, aber ich komme heute nicht mehr dazu. Sie braucht bis morgen dringend ihre Zeugnisse und Arbeitsbescheinigungen digital.«

David macht ein abschätziges Geräusch.

»Komm schon, du sitzt doch sowieso nachher noch am Rechner. Oder warum schmatzt du jetzt so entnervt?«

»Ich kann das machen«, sagt er. »Das ist überhaupt kein Problem. Ich frage mich nur, warum du dir wieder die Angelegenheiten aller Leute auf die Backe ziehst, wenn du ohnehin schon auf Anschlag läufst?«

»Was soll ich denn machen? Sie hat eben keinen Scanner und es ist immerhin Hella!«

»Das kann heutzutage jedes Handy.«

»Tu’s für mich, okay? Und mach dir keine Sorgen. Solange keine völlig unvorhersehbaren Katastrophen eintreten, kann mir nichts passieren. Mann, manchmal fühle ich mich wie jemand mit unsichtbarer Behinderung, wenn du mich so ansiehst.«

David schnalzt mit der Zunge.

»Ist ja vielleicht auch so.«

»Aber warum habe ich dann nicht fünf Urlaubstage gratis im Jahr?«, jammere ich.

»Weil du noch nicht arbeitest.«

»Ja, macht Sinn. Manchmal wünsche ich, mir würde ein Arm fehlen oder ein Auge oder so. Dann würde man wenigstens sehen, dass ich gehandicapt bin. Immer klopfen mir die Menschen auf die Schultern für meine Kreideschmierereien oder Installationen – dabei wünsche ich mir, dass einmal jemand zu mir kommt und sagt: Wow, Friede, wie du so den Alltag bewältigst trotz des ganzen Straßenlärms und dieses hässlichen Neonlichts im Institut!«

David küsst mich auf die Stirn. »Na, fühlst du dich wieder ungesehen? Ich sehe dich aber.«

Institutsgeburtstag. David mag die Lachsschnittchen und ich meinen Masterarbeitsbetreuer Professor Dassler, den ich gekonnt am Mandarinensorbet abfange. Ein Mann mit Stil. Ich mag seine Obstkrawatte, die er unter seinem kratzigen Wollpullover hervorblitzen lässt, den er konsequent zu jeder Gelegenheit trägt. Man munkelt, dass er ihn, seit er die neue Dozentin aus der Nachhaltigkeitsgeografie datet, auch im Bett trägt. Er erkundigt sich nach meinem Vater. Manchmal begegnen sie sich beim Sport, so wie man sich eben hier begegnet in dieser Provinz, aus der ich es zeit meines Lebens nicht herausgeschafft habe.

Ich plaudere aus dem Nähkästchen, Dassler und ich lachen und nicken und malen dann Erfolgsvisionen meiner Zukunft in den Raum. Ich soll aber noch unbedingt den Theorieteil kürzen, was mir einen unangenehmen Stich versetzt, denn in dem Teil habe ich mich besonders umfangreich über die Einzelheiten der Materie ausgelassen und brilliere mit Quellen, für die ich Nächte auf Datenbänken verbracht habe – mit Schlafsack, quasi. Aber er will, dass ich kürze! Das Hauptaugenmerk liege ohnehin auf der Ausstellung, behauptet er. Ich lenke ihn ab mit einer Anekdote über meine Ausstellungsvorbereitungen und die Unkosten, in die ich mich dafür stürze, in der Hoffnung, dass er das mit der Kürzung wieder vergisst; manchmal funktioniert das bei ihm.

Ich unterbreche, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie David auf mich zukommt, mein Handy in der Hand. Szenen aus »Saw« eins bis acht fallen mir für seinen Gesichtsausdruck ein. Anruf für mich. Ich verfalle in Paralyse, ehe ich weiß, was los ist. Am anderen Ende mein zwei Jahre jüngerer Bruder Arne. Seine Stimme klingt wie die eines Roboters. Er redet in einfachen und doch komplett sinnlosen Sätzen, erzählt immer wieder dasselbe im Kreis. Bis sie in meinem Hirn auf Substrat treffen. Mein Leben implodiert. Ich verschlucke alle meine Worte und alle meine Sinne.

6 Bahnschienen und Beerdigung