Höhentod - Andreas Schmidt - E-Book

Höhentod E-Book

Andreas Schmidt

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Beschreibung

Bei einer Schießerei auf dem Klütturm in Hameln kommt ein Mann ums Leben. Wie sich herausstellt, ist der Tote ein Verkehrswissenschaftler aus Wuppertal. Während die Mördersuche auf Hochtouren läuft, wird ein wohlhabendes Unternehmer-Ehepaar kaltblütig in seiner Villa erschossen – hat der Killer wieder zugeschlagen? Lokalreporter Frank Dirzius wittert eine heiße Story – und gerät unter Mordverdacht. Die Kommissare Sophie Stein und Karl Brauer ermitteln in Wuppertal – Grundmann und Maja Klausen leiten im Weserbergland die Ermittlungen. Einen entscheidenden Hinweis liefert der pensionierte Hauptkommissar Ulbricht, der die Fäden aus dem Hintergrund zieht. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf das Umfeld des toten Verkehrswissenschaftlers. In seiner Heimat war Sippelmann umstritten: Er plante den Bau einer Seilbahn, die vom Zentrum der Schwebebahnstadt auf die Südhöhen führen sollte. Doch warum starb er ausgerechnet in Hameln?

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Andreas SchmidtHöhentod

Der Roman spielt hauptsächlich in allseits bekannten Stätten, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2018 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8339-2

Andreas Schmidt

Höhentod

Geboren im Jahr der ersten Mondlandung, 1969 in Wuppertal, gab Andreas Schmidt 1999 mit „In Satans Namen“ sein Krimidebüt. Drei Jahre später gelang dem Autor und Journalisten mit „Das Schwebebahn-Komplott“ (KBV) der Durchbruch. Inzwischen sind zahlreiche Wuppertal-Krimis, sieben Anthologien sowie der Thriller „Gehasst“ (Digital Publishers) erschienen. Die Hauptfigur seiner Krimis, der stets schlecht gelaunte Kommissar Ulbricht, ermittelt seit Anfang 2011 auch erfolgreich im Weserbergland sowie an der Nordsee-Küste. In „WattenMord“ (April 2012, Verlag CW Niemeyer) ermittelte Kommissar Ulbricht zum ersten Mal gemeinsam mit seiner Tochter Wiebke an der Küste … Ulbricht hat sich längst in die Herzen von Andreas Schmidts Lesern ermittelt und ist überregional sehr beliebt.Derzeit sind neue Kriminalfälle in Arbeit, es geht also weiter. Mehr Infos und Kontakt auf der neuen Autorenwebsitewww.mordundtotschlag.com

EINS

Hameln, Klütberg, 20:10 Uhr

Ein eisiger Wind fegte über die Höhen des Finkenborner Waldes. Das bunte Laub in den Ästen der alten Bäume raschelte unheilvoll. Irgendwo in der Tiefe des Geländes schrie ein Käuzchen. Nur selten drang das Mondlicht durch das natürliche Dach der tief hängenden Zweige.

Nachdem er den Wagen auf dem kleinen Parkplatz abgestellt hatte, lehnte er einen Augenblick in der Fahrertür und ließ die düstere Szenerie auf sich wirken. Alles wirkte irgendwie inszeniert, gestellt wie in einem Gruselfilm. Mahnend erhob sich der Klütturm in den Nachthimmel. Als er den Kopf nach links wandte, sah er in der Ferne die Lichter der Stadt funkeln. Dumpf drang das Rauschen der Bundesstraße an seine Ohren.

Nicht zum ersten Mal an diesem Abend fragte er sich, warum er die Einladung zu dem seltsamen Treffen überhaupt angenommen hatte. Normalerweise ließ er sich auf so einen Mist gar nicht ein. Wer ihn sprechen wollte, konnte ihn per Mail oder Telefon kontaktieren. Ein wenig ärgerte er sich jetzt darüber, sich auf diesen fragwürdigen Termin eingelassen zu haben. Schnell drückte er die Fahrertür ins Schloss und betätigte die Zentralverriegelung des Tesla.

Suchend blickte er sich um. Weit und breit war kein weiteres Fahrzeug zu sehen. Er glaubte nicht daran, dass sein Gesprächspartner den weiten Weg auf den Berg zu Fuß in Angriff genommen hatte. Wahrscheinlich hatte er den Wagen im hinteren Bereich geparkt, dort, wo sich früher der Parkplatz des Restaurants befunden hatte. Mit Koniezcko, dem Besitzer der Immobilie, hatte er morgen auch einen Termin. Es ging um die Zukunft der prägnanten Immobilie auf dem Klüt. Die traumhafte Aussicht würde er sich zunutze machen und das Gebäude mit einem völlig neuen Konzept nutzen. Das setzte voraus, dass er in dem Meeting mit Vladimir Koniezcko handelseinig wurde.

Doch jetzt stand erst einmal das seltsame Treffen auf dem Turm an. Er hatte aufgegeben, sich nach dem Sinn und dem Zweck des Treffens zu fragen. Nahm es als gegeben hin, solange es ihn bei seinem Projekt voranbrachte. Es galt, den Bürgermeister und den Baurat der Stadt von der Machbarkeit seiner Vision zu überzeugen.

Nachdem er tief durchgeatmet hatte, konzentrierte er sich auf das bevorstehende Gespräch. Geschützt vor allzu neugierigen Blicken. Mechanisch setzte Klaus Sippelmann einen Fuß vor den anderen und marschierte auf den Turm zu. Er kannte diesen Ort, der tagsüber von unzähligen Wanderern, Touristen und Mountainbikern heimgesucht wurde, inzwischen wie seine Westentasche. Bei Dunkelheit hatte der Klüt etwas Beklemmendes an sich. Die Stadt zu Füßen des Berges war sichtbar, man hörte die Autos und war doch einsam hier oben. Sippelmann atmete tief durch und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. Ein Blick auf die Apple Watch sagte ihm, dass er früh dran war. Ein paar Minuten hatte er noch Zeit. Er ließ den Klütturm rechts liegen und betrat die Freifläche, die man für die Touristen eingerichtet hatte. Ein einfacher hölzerner Zaun schützte vor einem Sturz in die Tiefe, davor gab es einige massige Holzbänke. Sippelmann nahm sich Zeit und genoss den Panoramablick auf die Rattenfängerstadt zu seinen Füßen. Sanft senkten sich die auslaufenden Hügel des Weserberglandes in die Flusssenke. Es sah aus, als würden sich die Häuser Hamelns an die Erhebungen schmiegen. Die Lichter der Stadt ließen die Gegend wie eine Modelllandschaft erscheinen. Einen Moment lang stand Sippelmann am Zaun und atmete tief durch. Kaum ein Geräusch drang hier herauf, nur das permanente Rauschen der Autos auf der Bundesstraße war allgegenwärtig. Motorenlärm, auch aus der Ferne, war Sippelmann ein Dorn im Auge. Seit dem Tod seiner ersten Frau kämpfte er für einen Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Bei einem tragischen Autounfall war sie ums Leben gekommen, getötet von einem Lkw-Fahrer, der das Stauende übersehen hatte und ihren Wagen in einen Haufen verbeultes Blech verwandelt hatte. Carla hatte keine Chance gehabt. Sie war hinter dem Steuer ihres Kleinwagens eingeklemmt worden und elendig verreckt. Linus, ihr Sohn, war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal acht Jahre alt gewesen.

Noch immer legte sich ein Bleigürtel um Klaus Sippelmanns Brust, wenn er an Carlas unsinnigen Tod dachte. Für ihn war sie die Liebe seines Lebens gewesen. Große Pläne hatten sie gehabt, wollten Seite an Seite alt werden und später viel reisen, die Welt erkunden. All ihre Träume waren durch den Unfall von einer Sekunde zur anderen ausgelöscht worden. Sippelmann hatte plötzlich vor einem tiefen Nichts gestanden und zeitweise sogar Selbstmordgedanken gehabt. Doch es nutzte nichts – er trug fortan alleine die Verantwortung für den kleinen Linus.

„Hier oben!“, gellte plötzlich eine Stimme durch die Nacht und riss Sippelmann aus den trüben Gedanken.

Er machte auf dem Absatz seiner robusten Schuhe kehrt und legte den Kopf in den Nacken. Oben auf dem Turm wurde eine Lampe geschwenkt. „Hier bin ich!“

Sippelmann stieß sich vom Zaun ab. „Ich komme zu Ihnen.“

„Sie werden eine Lampe brauchen, im Turm ist es dunkel.“

Täuschte er sich, oder kam ihm die Stimme dort oben bekannt vor? In seiner Laufbahn als Dozent am Institut für Verkehrswissenschaften war er vielen Menschen begegnet, Kritikern wie Befürwortern seiner Visionen.

„Die Taschenlampe ist am Mann“, rief Sippelmann, öffnete den Reißverschluss der Jacke und zog die Maglite aus der Tasche. Schnell erklomm er die unbefestigten Stufen, die zum Eingang des Turmes führten. Gegenüber gab es eine kleine Hütte, wahrscheinlich im Sommer der Souvenirshop. Jetzt war die Hütte mit Brettern verrammelt und so vor Witterungseinflüssen und vor Vandalismus geschützt.

„Die Tür zum Turm ist nur angelehnt“, rief die Stimme von oben.

Sippelmann drückte mit der freien Hand gegen das grüne Holz. Der Lichtfinger der Taschenlampe geisterte über das Türblatt. Hier wäre ein neuer Anstrich fällig, dachte Sippelmann, dann griff er nach dem eisernen Knauf und drückte die Tür auf. Im Hereingehen erblickte er die Einbruchspuren auf Höhe des Schlosses. Was hatte das zu bedeuten?

Im Innern des Klütturmes roch es muffig. Putz rieselte von den Wänden. Er erklomm die Treppe, die nach oben führte. In regelmäßigen Abständen passierte er schmale, hohe Fenster, an denen er kurz innehielt, um sich zu orientieren. Die Scheiben waren staubblind, die Lichter der Stadt erschienen ihm wie milchige Botschafter der Zivilisation, nah und doch unerreichbar für ihn. Obwohl seine Kondition gut war, atmete er doch zusehends schwerer, je weiter er nach oben gelangte. Sippelmann verlangsamte seine Schritte. Er hatte keine Lust, seinem Gesprächspartner nach Atem ringend unter die Augen zu treten. Der Schein seiner Taschenlampe geisterte über die kahlen Wände im Innern des Turmes. Hohl klangen seine Schritte von den Wänden zurück. Im oberen Bereich waren die Stufen nicht aus Stein, sondern aus geriffeltem Metall. Sippelmann musste vorsichtig sein, denn die Stufen waren steil und schmal. Achtsam leuchtete er die Trittstufen aus und setzte einen Fuß vor den anderen. Es war wirklich ein eigenartiger Ort für das Treffen. Er zögerte ein letztes Mal, blieb stehen und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Sippelmann verspürte einen kalten Luftzug, der seine erhitzte Stirn streifte. Gleich hatte er sein Ziel erreicht, doch noch war von seinem Gesprächspartner nichts zu sehen.

„Hallo?“, rief er nach oben.

„Hier bin ich“, erklang die Stimme von der Plattform. „Ganz oben.“

Der Wind verfing sich in den Verstrebungen der obersten Plattform und erzeugte ein leises Heulen. Sippelmann marschierte weiter, dann hatte er sein Ziel erreicht. Sein Atem ging schwer. Als er die Plattform betrat, erblickte er trübe Glasbausteine, die vor den schlimmsten Witterungseinflüssen schützen sollten. Der Wind pfiff durch die Ritzen. Irgendwelche Spinner hatten das Mauerwerk mit Graffiti beschmiert. Dies musste der höchste Punkt Hamelns sein, durchzuckte es ihn. Selbst hier schien sich das Rauschen des Motorenlärms von der Bundesstraße 83 schwer über die Stille der Natur zu legen. Kurz streifte Sippelmanns Blick das Panorama, dann nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und fuhr herum.

„Hier sind Sie“, sagte er, dann riss er die Augen auf. „Was soll das?“ Er blickte auf eine Waffe, deren Mündung auf ihn gerichtet war.

Von seinem Gegenüber war nicht viel zu erkennen. Sein Gesicht lag im Schatten. „Genießen Sie noch einmal den Ausblick. Sie lieben es doch, auf die Leute herabzuschauen.“

„Das ist Unsinn“, behauptete Sippelmann mit trockener Kehle. Er wich einen Schritt zurück. Sippelmann war Wissenschaftler und kam nicht oft in den zweifelhaften Genuss, mit einer Pistole bedroht zu werden.

„Auslegungssache“, erwiderte sein Gegenüber tonlos. „Wie dem auch sei: Jetzt ist Schluss mit Ihrer Arroganz.“

Die nackte Todesangst lag in Sippelmanns Augen, als er sah, wie die Waffe in der Hand seines Gegners entsichert wurde. Überlaut klickte das Metall. In Zeitlupentempo krümmte sich ein Zeigefinger um den Abzug.

Wieder wich Sippelmann zurück, als könne er so der tödlichen Kugel entgehen. Hart prallte er an das kalte Mauerwerk in seinem Rücken und hob abwehrend die Hände. „Warten Sie“, gellte seine Stimme durch den Turm. „Wir können über alles reden, bitte warten Sie!“

„Es gibt nichts zu besprechen.“ Die Stimme seines Gegenübers klang kühl und emotionslos. Langsam schüttelte die dunkel gekleidete Gestalt den Kopf.

Sippelmann sah sein Heil in der Flucht, wirbelte herum, taumelte und verlor das Gleichgewicht. Mit dem Hinterkopf prallte er an eine der Säulen in seinem Rücken. Ihm war, als würden Blitze vor seinen Augen explodieren. Etwas in seinem Rücken knackte. Es fühlte sich an, als wäre ihm die Wirbelsäule durchgebrochen worden. Mit einem erstickten Schmerzensschrei ging er zu Boden. Der Griff, mit dem er die Taschenlampe umklammert hatte, lockerte sich. Polternd fiel seine Lampe zu Boden. Wie ein Irrlicht huschte der Lichtfinger in kreisenden Bewegungen über das kahle Mauerwerk.

Licht und Schatten wechselten einander wild rotierend ab, erhellten und verdunkelten die bizarre Kulisse. Dann erreichte die Lampe den Treppenabsatz, bekam Übergewicht und polterte überlaut die eisernen Stufen herunter.

Wie gebannt starrte Sippelmann auf die Mündung der Waffe, die auf ihn gerichtet war, fühlte sich wie ein Kaninchen, das starr vor Schreck vor der Schlange steht, unfähig, sich aus dem Gefahrenbereich zu retten. Zäh wie Sirup flossen seine Gedanken durch den Kopf. Obwohl er normalerweise ein rational denkender Mensch war, so fühlte er sich jetzt nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

Langsam schien die Aussicht auf Hameln seinem Blick zu entschwinden. Es sah aus, als würde die Stadt vor seinen Augen versinken. Kaum dass er unter dem Sims der Plattform kauerte, gruben sich seine Hände in das Mauerwerk. Er spürte den Putz, der sich unter seine Nägel schob, und schrie mit schmerzverzerrter Miene auf. Sein Hinterkopf brannte höllisch, dann war ihm, als stürze er ins Nichts. Wie gebannt suchte er mit Blicken nach seinem Gegner, der ihm unbeeindruckt folgte. Breitbeinig stand die Gestalt nun über ihm, die Waffe jetzt mit beiden Händen haltend.

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte gespannte Stille. Sippelmann war es, als würde sein Leben in bewegten Bildern an ihm vorüberziehen. Einzelne Sequenzen, die schlaglichtartig vor seinen Augen aufleuchteten. Dann war er geblendet. Fast zeitgleich mit dem Mündungsfeuer hörte er den Schuss, der durch die Stille peitschte.

Ein brennender Schmerz bohrte sich in seinen Oberkörper. Unkontrolliert bäumte sich Sippelmann auf. Er glaubte, von innen heraus zu explodieren, fühlte diese irrsinnige Hitze und tastete mit der Hand zu der Stelle, an der er den Schmerz lokalisierte. Er fühlte eine warme, klebrige Flüssigkeit, die durch seine gespreizten Finger hindurch quoll.

Blut, durchzuckte es ihn in Todesangst. Es ist mein eigenes verdammtes Blut.

Sippelmann rollte weiter nach hinten, dann stürzte er ins Nichts. Haltlos fiel er ins Bodenlose, polterte die Eisentreppe herunter und wusste nicht, welche Stelle seines Körpers ihn am meisten schmerzte. Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb er am unteren Rand der Treppe in verrenkter Haltung liegen. Das Letzte, was er sah, als das Leben aus seinem Körper wich, war der Nachthimmel über dem Wald. Dann umhüllte ihn eine wohlige Wärme. Seine Gesichtszüge entspannten sich.

Plötzlich ließ der Schmerz nach. Sein Körper fühlte sich leicht an, federleicht. Im nächsten Augenblick wurde es dunkel um ihn herum. Klaus Sippelmann spürte schon nicht mehr, wie sein Herz aufhörte zu schlagen.

ZWEI

Hameln, 20:35 Uhr

Er rannte, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Immer schneller wurden seine Schritte auf der steil abfallenden Straße. Hohl klangen die Tritte seiner schweren Stiefel und erinnerten ihn an einen stampfenden Takt, den er in irgendeinem Musical gehört hatte. Damals, in einem anderen Leben. Die tief hängenden Zweige der alten Bäume über seinem Kopf wuchsen zu einem grünen Dach zusammen, das nur selten das Mondlicht durch das spärlicher werdende Laub dringen ließ. Das Gepäck in seinem Rucksack schepperte im Takt seiner Schritte.

Er sollte wieder öfters Sport treiben, durchzuckte es ihn, als er spürte, wie sein Herz raste. Vielleicht hätte er sich besser auf den Abend vorbereiten sollen. Von der Logistik her war alles perfekt geplant gewesen, nur seine körperliche Verfassung war längst nicht mehr so gut wie vor ein paar Jahren. Als er Blitze vor seinen Augen tanzen sah, verlangsamte er seine Schritte, blieb aber nicht stehen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Atem ging röchelnd. Er warf einen Blick zurück über die Schulter, glaubte, ein Geräusch hinter sich gehört zu haben. Doch da war niemand, der ihm folgte. Wer sollte sich auch schon um diese Uhrzeit hierher verirren?

Als sich sein Puls ansatzweise normalisiert hatte, setzte er seinen Weg ins Tal fort. Sippelmann war erledigt, und eigentlich konnte er mit dem Verlauf zufrieden sein. Allerdings durfte er jetzt nicht leichtsinnig werden. Spätestens morgen früh würde man Sippelmanns Leiche finden. Dann sollte er die Stadt längst verlassen haben. Doch zunächst galt es, unauffällig vom Tatort zu verschwinden. Dazu nutzte er die Einsamkeit des Finkenborner Waldes. Hätte er sich besser vorbereitet, könnte er die verlassenen Waldwege nutzen, um unerkannt zu entkommen – und um den Weg ins Tal abzukürzen. Er nahm sich vor, beim nächsten Mal alles besser zu machen.

Es dauerte nicht lange, bis er jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren hatte. Er konnte schwer einschätzen, wie lange er schon unterwegs war, als plötzlich die Lichter von Häusern durch das Dickicht schienen.

Die Zivilisation hatte ihn wieder.

Unter anderen Umständen hätte er sich darüber gefreut, so aber musste er von jetzt an noch vorsichtiger sein. Kurz blieb er am Rand der Straße stehen, dachte nach und orientierte sich. Der Weg zur Hauptstraße am Fuße des Klütberges war gut ausgeleuchtet. Es war zu gefährlich, sich dem Schein der Straßenlaternen auszusetzen. Zu seiner Rechten lag ein umzäuntes Grundstück. Weiter hinten eine prächtige Villa mit strahlend weißer Fassade. Von einer Videoüberwachungsanlage war nichts zu sehen. Kurz entschlossen kletterte er an dem Zaun hoch, hievte seinen Körper darüber und stand im nächsten Augenblick im Garten des fremden Anwesens. Er duckte sich in den Schatten eines großen Rhododendronbusches und dachte kurz nach. Hier war er von der Straße aus nicht zu sehen. Wenn er sich recht erinnerte, säumten die Privatgrundstücke den Rest seines Weges bis zur Weser herab. Das kam ihm sehr gelegen, denn so setzte er sich nicht der Gefahr aus, von einem Autofahrer oder einem Passanten entdeckt zu werden. Zeugen waren so ziemlich das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Vorsichtig spähte er hinüber zur Villa. Drinnen brannte Licht, offensichtlich waren die Bewohner noch wach. So spät, wie es ihm vorkam, war es ja auch noch nicht. Hastig warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. Noch keine einundzwanzig Uhr. Vielleicht, so überlegte er, vielleicht wäre es besser gewesen, das Treffen mit Sippelmann zu einem noch späteren Zeitpunkt zu vereinbaren.

Doch nun war es geschehen, seine Mission erfüllt, und Sippelmann war erledigt. Es gab kein Zurück mehr. Er atmete flach und beobachtete das Treiben im Haus. Es gab eine Glastür, die zum Garten hinausführte. Erst als der Wind die Vorhänge aufblähte, bemerkte er, dass die Fensterfront geöffnet war. Es galt, noch vorsichtiger zu sein. Kurz überfiel ihn Panik. Sein Plan, die Flucht durch die zumeist dicht bewachsenen Gärten der Häuser fortzusetzen, schien ihm jetzt nicht mehr so klug zu sein. Es wäre fatal, wenn er jetzt aufflog. Er duckte sich tiefer in das Gebüsch, ließ den Rucksack von den Schultern gleiten und öffnete den Reißverschluss. Seine Finger zitterten, als er hineingriff und das kalte Metall der Waffe spürte. Beherzt griff er zu, entsicherte die Waffe und legte an. Er wollte sichergehen, denn ungebetene Zeugen konnte er jetzt auf keinen Fall gebrauchen. Ein paar Sekunden kauerte er hinter dem üppigen Busch und wartete ab, bis sich sein Kreislauf ein wenig normalisiert hatte, dann setzte er einen Fuß auf die penibel geschnittene Rasenfläche.

Just in dem Moment, als ohrenbetäubendes Hundegebell die abendliche Stille zerschnitt …

DREI

Hameln, Finkenborn, 20:43 Uhr

Er musste eingeschlafen sein. Benommen richtete sich der alte Mann auf, fuhr sich mit der behaarten Pranke durch das runzelige Gesicht und versuchte vergeblich, die Müdigkeit abzuschütteln. Es dauerte einen Moment, bis er in der Realität angekommen war. Er orientierte sich, stellte fest, dass er im Fernsehsessel eingedämmert war. Noch immer lief der riesengroße Flatscreen, allerdings ohne Lautstärke. Das hektische Flackern des Fernsehers nervte den alten Mann. Er blinzelte ins Halbdunkel. Die einzige Lichtquelle im Raum war die kleine Stehlampe in der Ecke des Wohnzimmers. Lange Schatten schienen über den Parkettboden der Villa zu kriechen. Auf dem Tisch die beiden Weingläser. Seines noch halb voll, das seiner Frau war leer. Befand sie sich in der Küche, um die Weinflasche zu holen?

Hermann Lodde war schwerhörig. Er legte den Kopf schräg und lauschte. Mit verkniffenem Blick versuchte er, in der Stille, die ihn umfing, ein Geräusch zu hören. Vergeblich.

Der alte Mann wandte den Kopf. Die Verandatür stand weit offen. Ein seichter Abendwind wehte ins Haus herein und spielte mit den bodenlangen Vorhängen.

Er fröstelte.

Langsam ordnete er seine Gedanken und stellte fest, dass etwas im Garten geschehen sein musste. Er war von Hundegebell aufgeweckt worden. Ben, der Australian Shepherd, musste durch die offene Tür in den unbeleuchteten Garten entwichen sein.

Dort schlug er jetzt Alarm.

Hermann Lodde richtete sich auf. Sein Herz begann zu rasen. Etwas stimmte nicht, denn umsonst schlug der Hund nicht an. Der alte Mann blickte sich um. Von seiner Frau war nichts zu sehen und nichts zu hören.

„Berta!“ Hermann Lodde umklammerte die Armlehnen des Sessels und zog sich mühsam in die Höhe. Er räusperte sich. „Berta – der Hund schlägt an!“ Lodde kehrte den Kopf zur Tür. Im Flur brannte Licht. Wahrscheinlich befand sich seine Frau auf der Toilette oder in der Küche. Lauschend legte der vornehme alte Mann den Kopf schräg und verzog das Gesicht, als er das schmerzhafte Ziehen im Nacken spürte. Der Hund knurrte und bellte draußen. Die Nachbarn würden sich beschweren.

„Berta“, rief er heiser in Richtung Küche. „Wo steckst du?“ Es war die Aufgabe seiner Frau, sich um den Hund zu kümmern. Wäre es nach ihm gegangen, gäbe es in diesem Haus keinen verdammten Köter, doch Berta hatte sich durchgesetzt, hatte argumentiert, dass ein Hund besser funktioniere als jede Alarmanlage. Mit Hunden hatte Hermann Lodde nichts am Hut, doch seine Frau war bekennende Tierliebhaberin. Er hätte schwören können, dass ihr Argument, ein Hund könne sie schützen, nichts als ein Vorwand war, um ihn von der Anschaffung eines Vierbeiners zu überzeugen. So war es auch Bertas Aufgabe, sich um das Wohlergehen des Hundes zu kümmern. Zwar gab es eine Hundesitterin, die Ben zweimal täglich ausführte, denn für ausgiebige Spaziergänge mit dem Hund waren die beiden Senioren zu alt.

„Der Hund“, rief Hermann Lodde wütend. „Sorg dafür, dass er Ruhe gibt, Berta. Die Nachbarn werden uns verteufeln.“

„Da muss etwas im Garten sein“, rief seine Frau, die jetzt in das Wohnzimmer eilte. Mit ihren sechsundachtzig Jahren war sie noch etwas flinker unterwegs als er. Sorge lag in ihrem Gesicht, als sie humpelnd den Raum durchschritt und einen Fuß über die Schwelle in den Garten setzte. Vor Kurzem hatte man ihr ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Doch davon abgesehen war seine Frau körperlich fit.

„Wir hätten diese Scheinwerfer kaufen sollen, die uns der Elektriker neulich empfohlen hat“, maulte Hermann. „Die Bewegungsmelder hätten dafür gesorgt, dass niemand ungesehen auf unser Grundstück gelangt. Aber nein – ein Hund musste es sein.“ Der alte Herr schüttelte verständnislos den Kopf.

Berta betrachtete ihren Mann mit einem mitleidigen Blick und suchte den Garten mit den Augen ab, während sie den Hund rief.

Ein spitzer Schrei kam über ihre Lippen, als draußen ein Schuss durch die Dunkelheit peitschte.

Der alte Mann war trotz seiner Schwerhörigkeit sicher, dass es sich bei dem Geräusch um einen Schuss handelte. Feuerwerk klang anders, das konnte er unterscheiden. Als junger Mann war Hermann Lodde im Krieg gewesen. Später hatte er an der Jagd teilgenommen. Er wusste sehr wohl, wie ein Schuss klang. „Berta“, krächzte er, doch seine Frau eilte, offenbar in Sorge um den geliebten Hund, in den dunklen Garten. Das Tier bellte nicht mehr. Unheilvoll schallte ein schmerzerfülltes Jaulen durch die Nacht, dann kehrte Stille ein.

Mörderische, beklemmende Stille.

Der Wind frischte auf und erzeugte in den Büschen auf der Veranda ein bedrohliches Rauschen. Hermann Lodde stand fassungslos im Raum, stützte sich an der Sessellehne ab, als er bemerkte, wie seine Knie weich wurden.

Für den Bruchteil einer Sekunde freute er sich trotzdem darüber, dass der Fremde für Ruhe gesorgt hatte. Kurz genoss er die Stille. Ein zaghaftes Lächeln huschte um seine Mundwinkel, dann erst realisierte er, dass jemand den Hund erschossen hatte.

Der Gedanke hatte etwas Brutales.

Etwas Endgültiges, das ihm Angst bereitete.

„Ben“, kreischte Berta nun. Hermann wunderte sich darüber, wie schnell sie jetzt zu Fuß unterwegs war. Die Sorge um den geliebten Hund ließ sie den Schmerz in der Hüfte vergessen, ausblenden.

„Ruf die Polizei, Hermann!“ Ihre Stimme gellte durch die Dunkelheit. „Da ist jemand im Garten.“

Bevor Hermann reagieren konnte, wurde draußen erneut geschossen. Berta schrie schmerzerfüllt auf und taumelte, offenbar von der Wucht der Patrone getroffen, zurück. Als sie sich zu ihm umwandte, glich ihr Gesicht einer Fratze. Die pure Todesangst lag in ihrem Blick.

Starr vor Schreck blickte der alte Mann auf ihre Hand, die sie sich auf den Magen presste. Er sah Blut zwischen ihren Fingern hervorquellen, hörte ihr heiseres Krächzen und verfluchte sein Alter. So gern er losgestürmt wäre, um sie zu schützen und vor dem unvermeidlichen Sturz zu bewahren – seine lahmen Knochen ließen eine schnelle Reaktion nicht zu. Er humpelte zur Terrassentür und sah hilflos zu, wie seine Frau zu Boden ging. Lodde riss sich von ihrem Anblick los und versuchte, das Dunkel des Gartens mit seinen müden Augen zu durchdringen. Kaum glaubte er, einen huschenden Schatten am Zaun bemerkt zu haben, als seine Frau leblos in sich zusammensackte. Hart schlug sie auf dem Rücken auf, stieß sich den Hinterkopf, jammerte, dann kehrte Ruhe ein. Ihr Blick war gebrochen, der Mund stand einen Spaltbreit offen. Ein feiner Blutfaden rann aus ihrem Mundwinkel, benetzte die schmalen, bleichen Lippen und rann zum Kinn. Auf Lodde wirkte es, als würde sie anklagend zu ihm aufblicken.

Schlaglichtartig sah er Sequenzen aus ihrem langen gemeinsamen Leben, sah sie als die junge Frau, in die er sich vor vielen Jahrzehnten verliebt hatte, sah ihre Hochzeit, die Geburt der Tochter. Dann verblassten die Bilder vor seinem geistigen Auge. Er wurde sich bewusst, dass er Berta gerade verloren hatte.

Wie paralysiert sah er ihr beim Sterben zu, betrachtete sie starr vor Schock, während das Leben aus ihrem Körper wich. Tränen traten in seine alten Augen, dann verließen auch ihn die Kräfte. Heinrich Lodde schluchzte und weinte bitterlich, als er auf die Knie sank.

„Berta“, krächzte er heiser, als er den salzigen Geschmack seiner eigenen Tränen auf den Lippen schmeckte. In wenigen Sekunden zogen die vielen gemeinsamen Jahrzehnte, die guten und die schlechten Zeiten, an seinem geistigen Auge vorbei. „Geh noch nicht. Bitte …“ Wimmernd brach der alte Mann über dem leblosen Körper seiner Frau zusammen.

*

„Hast du das gehört?“ Mit bangem Blick trat Karin Henke in das spärlich beleuchtete Wohnzimmer. Sie fröstelte, als sie die Verandatür mit zitternden Fingern verschloss. Ängstlich schaute sie ihren Mann Jörg an, der auf dem Sofa lag und in den Spielfilm, der gerade lief, vertieft war. Teilnahmslos langte er in die hölzerne Schale mit den Chips. „Was habe ich gehört?“

„Den Knall?“ Karin Henke fuhr sich durch die kurzen schwarzen Haare. Sie war wie immer zum Rauchen vor die Tür des Einfamilienhauses am Finkenborner Weg getreten. Jörg war Nichtraucher. Er hasste es, wenn es im Haus nach Nikotin roch. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn seine Frau sich das Rauchen endlich abgewöhnte, so wie sie es ihm vor vielen Jahren einmal versprochen hatte.

Jetzt riss sich Jörg vom Fernseher los und starrte sie verständnislos an. „Welchen Knall?“

„Es klang wie ein Schuss“, bemerkte Karin und deutete mit dem Daumen über die Schulter nach draußen. Der Garten ihres Hauses lag im Dunkeln da. Während ihr schlanker Körper vor Aufregung bebte, blieb ihr Mann wie immer ruhig. Seine lethargische Art nervte sie. Ein Temperamentbündel war er noch nie gewesen, doch wenn sie sich Sorgen machte, nervte sie seine stoische Ruhe.

„Ein Schuss?“ Langsam richtete sich Jörg auf. „Vielleicht waren es Jugendliche, die mit Feuerwerk herumspielen, das sie von letztem Silvester übrig behalten haben.“

„Das klang nicht nach einem Böller“, beharrte Karin und schüttelte den Kopf. Ängstlich blickte sie nach draußen in den Garten.

„Vielleicht ist ein Jäger im Finkenborner Wald unterwegs.“ Jörg erhob sich träge, durchquerte den Raum und trat neben seine Frau. Beruhigend legte er seine Hände auf ihre Schultern und blickte ihr tief in die braunen Augen.

„Im Wald?“ Wieder schüttelte Karin den Kopf. „Jörg, das klang wie in der Nachbarschaft.“

„Ich kenne im Kreis unserer Nachbarn niemanden, der im Besitz einer Schusswaffe ist.“ Er lächelte. „Ich bin sicher, du hast dich getäuscht, Bärchen.“ Zärtlich wie bei einem kleinen Mädchen tätschelte er ihre Wange.

Karin drehte fast durch. Sie hasste es, wenn er sie so behandelte. Doch sie hatte jetzt keine Lust auf eine Grundsatzdiskussion. Als sie erneut einen Knall hörte, zuckte sie zusammen.

„Da war es wieder.“

„Du hast Halluzinationen. Ich habe nichts gehört.“ Er lächelte milde, als würde ihm ein Kind erzählen, es habe gerade den Weihnachtsmann gesehen.

„Jörg – bitte. Wir sollten nach dem Rechten schauen.“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab. „Ich mische mich generell nicht in Dinge ein, die mich nichts angehen.“ Jetzt erlosch sein Lächeln. „Das müsstest du wissen.“

„Ja, ich weiß es, und es nervt mich. Deine Gleichgültigkeit ist manchmal zum Kotzen.“ Sie bebte vor Wut, war versucht, selber hinauszugehen, um nach dem Rechten zu schauen. Wenn sie sich nicht getäuscht hatte, und draußen waren tatsächlich Schüsse gefallen, dann war es unter Umständen gefährlich, sich ins Freie zu begeben. „Ich werde die Polizei anrufen“, sagte sie schließlich, schüttelte die schweren Hände ihres Mannes von den Schultern und ließ ihn stehen. Im Flur nahm sie das Mobilteil des Telefons aus der Ladestation. Als sie die Nummer des Notrufes wählte, zitterten ihre Finger noch immer.

*

Hermann Lodde schaute auf, als er ein Geräusch wahrnahm. Im Unterholz neben der Veranda knackte ein Ast, das Laub raschelte, dann baute sich ein großer, dunkler Schatten vor ihm auf. Das Gesicht der Gestalt lag im Schatten einer Mütze verborgen.

„Was wollen Sie?“, krächzte der alte Mann. Er stand immer noch unter Schock und war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Als sein Blick auf die glänzende Mündung der Waffe in der Hand seines Gegenübers fiel, räusperte er sich. „Nein“, sagte er und hob abwehrend die Hände. „Bitte nicht schießen.“ Dann fiel ihm ein, dass sein eigenes Leben ohne Berta an seiner Seite keinen Sinn mehr hatte. Nach fast siebzig gemeinsamen Jahren war er zum ersten Mal ohne seine Frau. Sie war tot, durch die Kugel aus der Pistole des Mannes gestorben, die nun auch auf ihn gerichtet war. „Na los“, krächzte er. „Erschießen Sie mich schon, dann hab ich es hinter mir.“ Er hielt mit versteinerter Miene dem regungslosen Blick seines Gegenübers stand. Gebannt starrte er auf den Zeigefinger der rechten Hand, der am Abzug der Waffe lag. Der alte Mann sah, dass die Waffe in der Hand seines Gegners zitterte. Er sah, wie sich der Zeigefinger wie im Zeitlupentempo krümmte, hörte das metallische Klicken, dann sah er das Mündungsfeuer aufblitzen, hörte den Schuss und spürte in der gleichen Sekunde die Kugel, die sich explosionsartig in seinen alten Körper bohrte. Hermann Lodde fühlte die Hitze, die sich unter seiner Haut ausbreitete, als stände er in Flammen. Loddes hagerer Oberkörper wurde nach hinten katapultiert. Hart kam er mit dem Hinterkopf auf den Platten der Veranda auf. Sein Blick glitt zum abendlichen Himmel. Er sah die Sterne über sich, hörte das Rauschen der Blätter in den Büschen, glaubte Blitze zu erkennen, die vor seinen Augen explodierten, dann wurde sein Körper leicht. Der vornehme alte Herr schien ins Bodenlose zu fallen, er fühlte, wie der Schmerz langsam nachließ. Und plötzlich war er sicher, dass sein Leben in diesem Augenblick endete. Es war ein erlösender Gedanke. Und so starb er mit einem sanften Lächeln auf den schmalen Lippen, eine Handbreit neben seiner Frau.

VIER

Hameln, Finkenborner Weg, 20:55 Uhr

Als er die Hand, mit der er die Waffe hielt, sinken ließ, seufzte er. Die beiden würden ihn nicht mehr verraten können. Erleichtert atmete er auf. Nein, er hatte nicht vorgehabt, sie zu töten, doch sie hatten ihm keine Wahl gelassen. Zeugen konnte er nicht gebrauchen, da konnte er keine Rücksicht nehmen. Jetzt stand er auf der Veranda der alten Leute und blickte auf ihre leblosen Körper herab. Die Alte hatte er in den Bauch getroffen. Sie blutete wie Sau, wahrscheinlich war die Patrone in ihre Bauchschlagader eingedrungen. So konnte er die beiden unmöglich liegen lassen. Hastig warf er einen Blick über die Schulter, stopfte die Pistole in seine Tasche und machte sich daran, die beiden ins Haus zu ziehen. Die Alte machte den Anfang, schließlich hatte er sie auch zuerst erschossen.

Ladys first, dachte er hämisch. Sie war schwerer, als er vermutet hatte. Er hob ihren Oberkörper von hinten an, langte unter ihre Achselhöhlen, verschränkte die Hände vor ihrer Brust und zog sie rückwärts durch die offene Terrassentür ins Haus. Er wunderte sich nicht, dass der Fernseher lief, schenkte ihm keine Beachtung und ärgerte sich über die hässliche Blutspur, die sich von der Veranda ins Wohnzimmer zog. Er achtete darauf, nicht in das Blut zu treten, und kümmerte sich dann um den alten Mann. Hastig blickte er sich um, vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete, dann zog er den alten Mann ins Haus. Neben dem Leichnam seiner Frau ließ er ihn liegen. Sekundenlang betrachtete er die beiden. Nach den vielen Jahren, die sie Seite an Seite verbracht hatten, sicherlich schön, auch im Tode noch so vereint zu sein.

Ihm fiel auf, dass der Sekundenzeiger der Armbanduhr am Handgelenk des alten Mannes noch tickte. Die Technik war nicht durch seine Kugel gestorben. Sie lebte weiter, während ihr Besitzer das Zeitliche gesegnet hatte.

Ein skurriler Gedanke, ein seltsamer Anblick.

Verzückt betrachtete er die Leichen, ging kurz in die Hocke und strich der alten Frau eine Haarsträhne aus der Stirn, die wirr in ihr Gesicht hing. Sie störte das Bild, gehörte da nicht hin. Hastig nahm er die Hände und faltete sie der alten Frau vor dem Bauch. Fast sah es aus, als würde sie beten. Oder schlafen. So friedlich. Jetzt war die hässliche Wunde nicht auf den ersten Blick zu sehen. Sie hatte das Bild irgendwie gestört, fand er.

Auch den Alten hatte er in den Oberkörper getroffen. Das Hemd zerfetzt, klaffte eine hässliche Wunde auf Höhe des Herzens.

Blut sickerte heraus.

Seltsam, wo doch das Herz längst aufgehört hatte zu schlagen. Er nahm auch die faltigen Hände des alten Mannes und legte sie ebenfalls auf dessen Brust.

Hastig ging er nochmals über dem alten Mann in die Hocke und drückte ihm die Augen zu. Dann erhob er sich und betrachtete die Toten, hielt kurz inne und nahm den Anblick in sich auf. Wie drapiert, so lagen die alten Leute zu seinen Füßen. Eigentlich ein schönes Bild, fand er.

So harmonisch.

Vielleicht hätte er Künstler werden sollen.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich von dem Anblick des toten Paares losreißen konnte. Er durchmaß den Raum mit langen Schritten, trat an die Verandatür und blickte hinaus. Eine ziemliche Sauerei hatten die beiden gemacht. Auf den Platten der Terrasse hatte sich eine Blutlache gebildet, von der hässlichen Blut­spur, die ins Wohnzimmer führte, mal ganz abgesehen. Sekundenlang spielte er mit dem Gedanken, das Haus nach Putzmitteln zu durchsuchen, um die unansehnlichen Spuren zu beseitigen. Sie störten irgendwie das Bild vom Vereintsein im Tode.

Doch er hatte nicht vor, sich länger als nötig hier aufzuhalten. Kurz überlegte er, ein Bild mit seinem Smartphone zu machen. Die beiden alten Leute lagen so einträchtig nebeneinander, es war ein Bild der puren Harmonie. Schöner hätten sie sicher nicht sterben können. Er hatte sie unter Umständen vor einem langen Leidensweg bewahrt. Was, wenn einer von ihnen schwer erkrankt wäre und der andere sich um ihn hätte kümmern, ihn pflegen müssen?

Um dann doch am Ende der Krankheit zu unterliegen und den anderen zurückzulassen. Nein, so wie sie gestorben waren, war es sicher gut. Natürlich hatte er nicht vorgehabt, heute zwei unschuldige Menschen zu töten, doch es hatte sich nicht vermeiden lassen.

Seine Gedanken kreisten um den großen Köter, der draußen im Garten lag. Sollte er ihn auch ins Haus holen?

Nein, überlegte er sich schließlich. Das Tier würde das Bild nur stören. Er würde ihn, wenn er das Haus verließ, unter das nächste Gebüsch zerren. So war er auf den ersten Blick nicht gleich zu sehen. Alles war gut, wie es war. Er betrachtete die beiden Toten mit einem verzückten Lächeln, dann wandte er sich ab und trat hinaus in den Garten. Jetzt würde er abtauchen. Schließlich wollte er nichts riskieren. Ein guter Mörder war ein unsichtbarer Mörder. Und er wollte ein guter Mörder sein. Eilig schlug er sich ins Dickicht und machte, dass er davonkam.

FÜNF

Hameln, Finkenborner Weg, 21:56 Uhr

Fest umklammerte er den glänzenden Griff des Messers. Das Zittern seines Körpers wurde schlimmer. Jetzt musste es schnell gehen. Er hatte alles gut vorbereitet.

Das massive Mobiliar der altmodisch eingerichteten Küche wirkte im schwachen Schein der Deckenlampe bedrückend. Er trat an das Fenster und warf einen Blick nach draußen. Die Dunkelheit hatte sich über die Stadt gesenkt, nur eine einzelne Straßenlaterne warf ihren kegelförmigen Lichtstrahl auf den Bürgersteig der verlassen daliegenden Straße. Im Wind taumelten bunte Blätter zu Boden. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, es war, als würde er sich in einer Scheinwelt befinden. Fröstelnd wandte er sich vom trostlosen Blick aus dem Fenster ab und besann sich auf seine Mission. Als er den Blick senkte, sah er das Messer in seiner Hand. Das Zittern hatte aufgehört, er packte fester zu. Weiß traten die Knöchel seiner Finger unter der Haut hervor. Gleich würde es ihm besser gehen, gleich, wenn er etwas gegessen hatte.

Das Knurren seines Magens nervte ihn. Immer wenn Frank Dirzius hungrig war, verschlechterte sich seine Laune. Die Scheibe Graubrot lag vor ihm auf dem Schneidebrett, daneben Butter und Reste von Zwiebelmett, das wunderbar würzig duftete. Wie immer hatte sich Frank Dirzius zu später Stunde noch einen kleinen Imbiss zubereiten wollen. Beim Fernsehen war er eingeschlafen und mit einem unguten Gefühl, das er schnell als Hunger identifiziert hatte, aufgewacht. Träge hatte er sich in die Küche der elterlichen Villa geschleppt, um sich einen Imbiss zubereiten, kurz vor dem Schlafengehen. Morgen würde ein anstrengender Tag werden.

Als ein lauter Knall an seine Ohren drang, ließ Dirzius vor Schreck das Messer fallen. Mit einem lauten Poltern kam es auf den terrakottafarbenen Bodenfliesen auf. Dirzius wich zurück und fluchte wild, bückte sich, um das Messer aufzuheben, dann trat er wieder an das Küchenfenster. Wie ein Schuss, der durch die Nacht heulte, hatte der Krach geklungen. Doch vom Schützen war weit und breit nichts zu sehen. Einsam lag der Finkenborner Weg da.

Vermutlich, so redete sich Dirzius ein, war der Schuss aus dem Fernseher im Wohnzimmer erklungen. Auch die Schreie, die nun laut wurden, ordnete er dem Actionfilm zu, der gerade über die Mattscheibe flimmerte. Nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, feixte Frank Dirzius. Er hatte sich tatsächlich über eine Schießerei im Fernsehen erschrocken. Womöglich lag das daran, dass ihm die Einsamkeit in dem großen Haus seiner verstorbenen Eltern nicht gut bekam.

Nachdem er sich die Brotscheibe mit dem Zwiebelmett bestrichen hatte, würzte er mit Salz und Pfeffer nach. Ein zünftiges Mettbrot musste gut gewürzt sein, sonst war es für ihn kein Mettbrot. Dirzius nahm ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete die Flasche und kehrte mit Bier und Brot ins große Wohnzimmer seiner Eltern zurück. Hier brannte nur die altmodische Messingstehlampe mit dem cremefarbenen Schirm. Im matten Lichtschein wirkte die Einrichtung schwer und bedrückend. Es waren immer noch die Möbel, die hier schon zu seiner Kindheit gestanden hatten. Eine massive Wohnwand in Eiche rustikal, zwei kleine Tischchen im gleichen Holz neben dem wuchtigen Sofa, davor ein niedriger Couchtisch mit Schnitzereien am Holzrand der Platte. Über dem Sofa das Ölgemälde einer alpinen Landschaft. Blauer, wolkenloser Himmel, schneebedeckte Gipfel im Hintergrund, saftige Wiesen im Vordergrund, am Rand eine Almhütte. Steine auf dem Holzdach, dunkelrot gestrichene Fensterläden. Idylle pur. Gelsenkirchener Barock in der Luxusvariante.

Nichts für Dirzius, der sich mit Mitte vierzig zu jung für den Einrichtungsstil seiner Eltern fühlte.

Er platzierte das Ensemble aus Mettbrot und Bierflasche auf dem Couchtisch und blickte zum großen Röhrenfernseher in der Ecke.

Der Actionfilm, bei dem er eingeschlafen sein musste, steuerte auf ein bleihaltiges Finale zu. Zwei Männer in maßgeschneiderten Anzügen lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd. Dirzius versank im Film und fragte sich, warum Gangster in amerikanischen Streifen immer gekleidet waren wie Banker oder Versicherungsmakler. Die braun gebrannten Schönlinge hetzten durch Straßenschluchten, der Verfolgte warf im Laufen die Auslagen eines Gemüsehändlers um, kippte die Stühle eines Straßencafés auf den Rücken, um den Vorsprung auf seinen Verfolger zu vergrößern. Der andere Mann hielt eine Waffe in der Hand, riss den Arm hoch und feuerte auf seinen Gegner. Schüsse peitschten auf, verfehlten jedoch ihr Ziel.

„So wird das nichts“, brummte Dirzius mit Kennerblick und sank auf das Sofa. Er war erleichtert, dass es die Schüsse im Fernsehen gewesen waren, die ihn so erschreckt hatten. Genüsslich trank er von seinem Bier und biss in das Mettbrot.

Manchmal ging ihm diese Einsamkeit auf die Nerven. Obwohl seit der Trennung von seiner Frau Janine fast zwei Jahre ins Land gezogen waren, fiel ihm das Alleinsein immer noch schwer. Als freier Journalist war seine Freizeit knapp, viel zu knapp, um sich nach einer neuen Frau an seiner Seite umzusehen. Noch war es nicht zu spät, um noch einmal neu anzufangen. Kurz dachte er an Sophie Stein, die Kommissarin der Wuppertaler Kripo. Seit ein paar Monaten leitete sie das Elfte Kommissariat. Den knorrigen Kommissar Ulbricht hatte sie abgelöst. Dirzius grinste, als er sich an seine Treffen mit dem alten Hauptkommissar erinnerte. Ein seltsamer Vogel war er gewesen, dieser Ulbricht. Immer wenn Dirzius an einem Einsatzort aufgetaucht war, um an Informationen für die „Wuppertaler Woche“ zu kommen, war Ulbricht ihn auf übelste Weise angegangen, hatte ihn als „Aasgeier“ und als „neugierigen Presse-Fuzzi“ beschimpft. Eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitierten, war schier unmöglich gewesen.

Seine Nachfolgerin, Hauptkommissarin Sophie Stein, war da ein ganz anderes Kaliber. Sie war Anfang vierzig, hatte ein paar Jahre als Profilerin im LKA Berlin gearbeitet und war jetzt zurück in ihrer Heimatstadt, um Verbrecher zu jagen. Die Kommissarin kooperierte mit ihm, versorgte ihn mit Informationen und vertraute ihm, dass er nicht zu viel in der Zeitung veröffentlichte.

Und sie verband ein gemeinsames Schicksal: Der alte Hauptkommissar mischte sich immer wieder unaufgefordert in ihre Arbeit ein. Ulbricht fluchte wild, wenn er Dirzius traf, und der Reporter hatte manchmal das Gefühl, dass der alte Hauptkommissar seinen Spaß daran hatte, ihn zu beschimpfen.

Sophie Stein hingegen ließ sich von der cholerischen Art ihres Vorgängers nicht so leicht aus der Ruhe bringen. In Berlin hatte sie eine harte Schule durchlaufen, dagegen war ihr neuer Einsatzort Wuppertal „ein Kindergarten“, wie sie es immer gern nannte.

Dirzius schmunzelte, als er an den trockenen Humor der Polizistin dachte. Kurz stellte er sich vor, wie es wohl sein könnte, wenn sie seine Frau wäre.

Doch Sophie hatte ganz eigene Ansichten von einer Beziehung, sie war es gewohnt, alleine und ohne Mann an ihrer Seite durchs Leben zu gehen. Und Dirzius hatte, sosehr er sie auch mochte, nicht das Bedürfnis, sich anzubiedern. So beschränkte er seinen Kontakt zu Sophie Stein auf das Wesentliche.

Doch in Momenten wie diesem wäre ihm eine Frau an seiner Seite sehr recht gewesen. Zu allem Übel war er auch noch Einzelkind seiner verstorbenen Eltern. Die Villa am Finkenborner Weg in Hameln, wo seine Wurzeln lagen, konnte er sich von seinem schmalen Verdienst als Reporter bei einem anzeigenfinanzierten Blatt nicht leisten, und so gab es keine andere Möglichkeit als den Verkauf der Immobilie in bester Wohnlage. In solchen Momenten bedauerte es Dirzius sehr, dass er nicht dem Wunsch seines Vaters gefolgt war, der den einzigen Sohn gern als Nachfolger in seiner angesehenen Anwaltskanzlei gesehen hätte. Er hatte damals seinen Dickschädel, sehr zum Unmut seines Vaters, durchgesetzt und hatte sich für seinen Traumberuf entschieden, anstatt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und mit einer Juristenlaufbahn durchzustarten.

Und nun war er nach Hameln, in seine alte Heimat, zurückgekehrt, um einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit zu ziehen. Abschließen mit seiner Kindheit, mit allem, der Jugend, dem Streit mit seinen Eltern, mit allem, was ihn mit diesem Haus verband. Zum Verkauf der Villa gab es keine Alternative. Morgen würde er sich mit Hans-Peter Kain, einem Immobilienmakler, treffen.

Dirzius fühlte sich unwohl in seiner Haut. Selbst wenn ihm der Verkauf des Elternhauses einen Ausgleich seines Kontos ermöglichte und er sich vielleicht sogar endlich wieder ein eigenes Auto leisten könnte – ein wenig fühlte er sich, als würde er die Jahre seiner Jugend verramschen.

Totalausverkauf wegen Geschäftsschließung, durchzuckte es ihn zynisch. Es fühlte sich an, als würde er seine Eltern post mortem verhökern, um sich selber ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Doch so war es nicht, denn in den letzten Jahren hatte es einen Sanierungsstau in der Villa gegeben. Zahlreiche kostspielige Reparaturen standen an, Arbeiten, die Handwerker benötigten. Handwerker, die er sich nicht leisten konnte.

SECHS

Hameln, 22:25 Uhr

Maja Klausen hasste es, am späten Abend noch einmal rauszumüssen. Doch als Kriminalhauptkommissarin gehörten Einsätze zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihrem Beruf. Daran gewöhnen würde sie sich aber wohl nie. Gerade hatte sie es sich mit dem neuen Ostseekrimi von Eva Almstädt auf dem Sofa ihrer Wohnung an der Pyrmonter Straße gemütlich gemacht, als das Telefon sie in die Realität zurückholte. Mit einem entnervten Stöhnen auf den Lippen angelte sie nach dem schnurlosen Telefon, das auf dem Tisch lag. Ein Blick auf das Display brachte Gewissheit: Ihre Freizeit war beendet.

Am anderen Ende der Leitung war Kriminalhauptkommissar Jürgen Grundmann, mit dem sie seit vielen Jahren schon ein Team bildete. Ihr Partner kam ohne Umschweife auf den Grund seines Anrufes. „Leichenfund auf dem Klüt.“