Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Unternehmen der Zukunft verbindet Sinn und Gewinn, technologischen Wandel und Menschlichkeit, aktuelles Wissen und die Weisheit unserer Herzen. Es ist eine "Holistic Company". Die Liebe sei "die einzig vernünftige und befriedigende Lösung des Problems der menschlichen Existenz". So formulierte es Erich Fromm. Volkmar Koch, langjährige Führungskraft und Berater für digitale Transformation, zeigt in seinem wegweisenden Buch Holistic Company, wie diese tiefe Einsicht Fromms auch in unseren Unternehmen Wirklichkeit werden kann. Volkmar Koch ist davon überzeugt, dass auf der Grundlage der Liebe, Unternehmen nachhaltig erfolgreicher geführt werden können – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen, wie der zunehmenden Digitalisierung. Er entwirft in seinem Buch ein vielversprechendes Zukunftsbild für das Unternehmen des 21. Jahrhunderts. Dabei zeigt er, wie sich Führung auf Basis einer achtsamen Grundhaltung der Liebe verändert und wie sie helfen kann, Unternehmen in eine bessere und erfolgreichere Zukunft zu führen. Die Holistic Company verbindet auf diese Weise Sinnhaftigkeit und Gewinnerzielung, Herz und Verstand, dient so allen Menschen und sichert nachhaltig wirtschaftlichen Erfolg. Sie eröffnet bislang ungenutzte Potenziale und eine völlig neue Perspektive auf die Unternehmensführung – ein Paradigmenwechsel.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Meinen geliebten Kindern gewidmet.
Mögen sie dereinst eine liebevollere Unternehmenswelt vorfinden als ich.
Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.
1. eBook-Ausgabe 2019
© 2019 Europa Verlag GmbH & Co. KG, München
Umschlaggestaltung: Eva Jahnen, www.vorsicht.de
Redaktion: Susanne Klein
Zitate aus Harald Walach: Spiritualität – warum wir die Aufklärung weiterführen müssen mit freundlicher Genehmigung der Drachen Verlag GmbH
Layout & Satz: Danai Afrati & Robert Gigler, München
Konvertierung: Bookwire
ePub-ISBN: 978-3-95890-279-4
Alle Rechte vorbehalten.
www.europa-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]
EINLEITUNG
TEIL I:WAS IST LIEBE?
Ein »neues« Weltbild für die Liebe
Liebe auf der körperlichen Ebene
Liebe auf der emotionalen Ebene
Liebe auf der gedanklichen Ebene
Liebe auf der spirituellen Ebene
Selbstliebe und Liebesfähigkeit
TEIL II:LIEBE IM FÜHRUNGSKONTEXT
Liebe zur eigenen Arbeit
Liebe zu Mitarbeitern, Kollegen und Kunden
Liebe als Grundlage von Führung, Problemlösung und Innovation
Liebe als Grundlage zur Reduktion von Angst
Liebe und Digitalisierung
Die Holistic Company als Vision
Fallbeispiele für Liebe in Unternehmen
Liebe und »harte« Entscheidungen
Liebe und wirtschaftlicher Erfolg
TEIL III:AUSBLICK UND ZU ÜBERWINDENDE HINDERNISSE
Rationalität von Führung
Notwendige Erweiterung von Führungsrationalität
Ausblick
DANK
LITERATUR
ANMERKUNGEN
Pflichtbewusstsein ohne Liebe macht verdrießlich.
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.
Wahrhaftigkeit ohne Liebe macht kritiksüchtig.
Klugheit ohne Liebe macht betrügerisch.
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.
Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch.
Macht ohne Liebe macht grausam.
Ehre ohne Liebe macht hochmütig.
Besitz ohne Liebe macht geizig.
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.
LAOTSE
»Die beiden Welten [des Stoffes und des Geistes] gegeneinander zu bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorübergehenden Lebenserscheinung zu manifestieren, dass ist die höchste Gestalt, wozu sich der Mensch auszubilden hat.«
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Ja, die Liebe … Unzählige Bücher, Gedichte, Filme und Lieder sind über sie verfasst worden. Und niemand brachte ihre Bedeutung für uns wohl besser auf den Punkt als die Beatles mit ihrem berühmten Song »All you need is love«.
Unsere Realität ist jedoch eine vollkommen andere: Bei näherer Betrachtung fällt es den meisten Menschen schwer, sich wahrhaft selbst zu lieben, geschweige denn anderen Menschen in ihren unterschiedlichsten Beziehungen Liebe entgegenzubringen. Eigene Bedürftigkeit, Anhaftung und Mangel sind viel öfter der Grund für Beziehungen als hingebungsvolle Liebe. Eifersucht, endlose Beziehungskonflikte, Herzschmerz und Dramen werden als fast zwangsläufige Begleiterscheinungen der Liebe angesehen. In der christlichen Kirche lernen wir: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« – und viele Menschen setzen dies (leider) auch genauso um: Sie verurteilen oftmals ihre Nächsten genauso wie sich selbst. Die Nicht-Liebe findet sich allenthalben – insofern ist der Titel von Pat Benatar »Love is a Battlefield« für unsere Realität weitaus treffender.
Abgesehen von dieser wenig liebevollen Situation im Allgemeinen fehlt die Liebe ganz besonders in der heutigen Unternehmensrealität, denn dort darf das Wort »Liebe« noch nicht einmal als solches in den Mund genommen werden – außer vielleicht in einigen markigen Werbebotschaften, in denen der Begriff meines Erachtens ähnlich missbraucht wird.
Hier eröffnet sich ein Spannungsfeld, wie es kaum größer sein könnte. Sobald man dies erkannt hat, wird man geradezu fassungslos darüber, wie wenig ernsthafte Auseinandersetzung mit der Liebe, gerade in den westlichen Kulturen, stattfindet. Dies gilt sowohl für den privaten Bereich – beispielsweise um wahre Liebe in zwischenmenschlichen Beziehungen zu etablieren – als auch und gerade im Unternehmenskontext. Zwar gibt es inzwischen eine rasch wachsende Anzahl von Büchern, Business-School-Seminaren und Coaches, die sich dem »Faktor Mensch« unter anderem mit (organisations-)psychologischen Methoden im Kontext von Führung und Arbeitsgestaltung widmen. Der eigentliche Kern des Problems aber – das Fehlen der Liebe in der Unternehmenswelt – wird nur äußerst selten benannt; dies wäre ein ungeheuerlicher Tabubruch.
Hier kommen wir jedoch zu meiner zentralen Hypothese: dass letztlich das Fehlen von Liebe – als die grundlegende Basis jedes erfüllten und produktiven menschlichen Zusammenlebens – die Wurzel der vielfältigen Probleme auf zwischenmenschlicher, ökonomischer, ökologischer und gesellschaftlicher Ebene ist. Über diese grundlegende und gewagte Hypothese möchte ich mit diesem Buch zu einer breiteren Diskussion anregen.
Wem diese These sehr »abenteuerlich« vorkommt, der sollte sich folgende exemplarische Fragen vor Augen führen:
•Warum finden in der täglichen Unternehmenspraxis Anfeindungen zwischen Kollegen und Kolleginnen, Teams und Abteilungen statt?
•Warum werden »Andersdenkende«, z. B. in der Führungsriege, bekämpft?
•Warum ist das »Rechtbehalten«, z.B. bei einem Meeting oder einer Debatte, oftmals wichtiger als die Wahrheit oder sich für das Argument des Gegenübers zu öffnen?
•Warum kommen »Härte« und »Durchsetzungsvermögen« bei Vorgesetzten besser an als Einfühlungsvermögen und Verständnis – und zwar sogar dann, wenn »Härte« erkennbar zu einem suboptimalen Ergebnis geführt hat bzw. führen wird?
•Warum ist nur Wachstum »gut« und gleichbedeutend mit Erfolg, während Abschwung per se als »schlecht« angesehen wird – obwohl in der Regel beides für die Entwicklung eines Unternehmens wichtig ist?
•Warum erliegen so viele Führungskräfte dem Wahn, es anderen (insbesondere ihren Vorgesetzten) »zeigen zu müssen«, »es schaffen zu wollen« oder »Karriere zu machen«, wenn sie selbst und ihre Familien doch erkennbar darunter leiden?
•Warum sind so viele mit ihrer Arbeit »eigentlich« unzufrieden, unglücklich oder haben innerlich bereits längst gekündigt, gehen dieser Arbeit aber dennoch jahrelang weiter nach?
Dies sind nur einige wenige Fragen zum Mangel an Liebe in Unternehmen, und die Liste ließe sich noch beliebig lange fortführen. Ich glaube, dass sich viele Menschen diese oder ähnliche Fragen in einer ruhigen Minute schon einmal selbst gestellt haben. Es ist aber geradezu erschreckend, wie viele Begebenheiten und Absurditäten im täglichen Wirtschafts- und Führungsgeschehen als »ganz normal« angesehen und nicht wirklich hinterfragt bzw. offen thematisiert werden. Die Folgen sind mannigfaltig. Auf der kollektiven Ebene führt dies im weitesten Sinne zu suboptimalen Unternehmensergebnissen und beispielsweise zu Resultaten wie den folgenden:
•Eine »bessere« unternehmerische Entscheidung wird unterlassen, weil sich derjenige, der am lautesten schreit, und nicht der mit der besten Idee durchsetzt.
•Bei Veränderungen der Wirtschaftslage und der Unternehmensumwelt wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, sondern man weigert sich, diese Veränderungen zu akzeptieren.
•Bei diskontinuierlichen Veränderungen von Technologien, wie sie etwa durch die Digitalisierung geschehen, werden rechtzeitige Geschäftsmodellinnovationen verpasst, weil innovative Ideen vom Rest der Organisation bekämpft werden.
Auch diese Liste lässt sich beliebig fortführen. Trotz einer langen Historie der Betriebswirtschafts- und Führungslehre und trotz hochbezahlter Führungskräfte sind hier die reinen Fakten mehr als ernüchternd:
•Weniger als 30 Prozent aller »unternehmerischen Change- bzw. Veränderungsprogramme« sind erfolgreich.1
•Viele – bis zu 75 Prozent – aller Strategien scheitern bzw. werden nicht umgesetzt.2
•Bis zu 90 Prozent der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kennen die Strategie des Unternehmens, für das sie tätig sind, nicht, geschweige denn, dass sie sie verstehen.3
•Mehr als 78 Prozent aller Großprojekte scheitern.4
•Je nach Branche erreichen 50–80 Prozent der Unternehmenszusammenschlüsse nicht die gesetzten (Fusions-)Ziele.5 Mehr als 82 Prozent aller Manager wünschen sich grundlegende Veränderung.6
Auch auf der individuellen Ebene sieht die heutige Unternehmensrealität nicht besser aus: Nach der Gallup-Studie von 2016 macht die Zahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die innerlich gekündigt haben oder emotional distanziert zu ihrer Arbeit sind und nur »Dienst nach Vorschrift« machen, mit über 85 Prozent (!) den deutlich überwiegenden Anteil aus, was deutsche Unternehmen laut Gallup bis zu 105 Milliarden Euro im Jahr kostet – und primär verantwortlich dafür seien schlechte Vorgesetzte (!).7 Schlaflosigkeit, Stress, Mobbing, Alkoholmissbrauch und Burn-out haben in den letzten Jahren massiv auf allen Ebenen zugenommen und mittlerweile in Deutschland, aber auch in anderen Industrienationen, besorgniserregende Ausmaße erreicht.
Während also die kollektiven Ergebnisse mehr als bescheiden sind und Einzelne zunehmend unter den Umständen ihrer Arbeit leiden, kann dem kontinuierlichem Streben nach »Mehr« (vor allem nach mehr Wachstum und mehr kurzfristigem Gewinn) von Unternehmen, Banken, ihren Eigentümern und Vertretern mancherorts nur noch durch unethisches Handeln in unterschiedlichster Form Genüge getan werden. Dies geschieht beispielsweise durch Lobbyismus, gezielte Desinformation und Belästigung von Kunden, Manipulation von Märkten, Forschungsergebnissen und Jahresabschlüssen, Zockerei an den Kapitalmärkten, rigorose Ausbeutung von Ressourcen und zunehmende Umweltverschmutzung und reicht bis hin zu unterschiedlichsten Formen der Vorteilnahme, Bestechung und Betrug, wie die bereits publik gewordenen Fälle von namhaften Unternehmen beispielsweise im Zusammenhang mit der »Dieselaffäre« oder von verschiedenen »Bestechungsaffären«.
Es macht den Eindruck, als leben wir teilweise – man möge mir das drastische Bild verzeihen – in einer als pathologisch zu bezeichnenden (Unternehmens-)Welt, in der wir uns zielsicher wie die Lemminge auf einen Abgrund zubewegen. Mittlerweile überschlagen sich die Warnmeldungen der aktuellen Risikoreports des Weltwirtschaftsforums und des Global Risk Reports, auch in ihren Formulierungen, was den Zustand der Welt angeht. Angefangen bei der globalen Klimakatastrophe, den möglichen Cyberattacken und -kriegen, massiven Ungleichgewichten in den Wirtschaftsund Finanzsystemen, bis hin zum gefährlichen Wiederaufleben von Nationalismen.8»Unser Wirtschaftssystem bringt uns alle um, wenn wir so weitermachen. Wir brauchen eine radikale Veränderung, sonst werden wir nicht überleben«, so Graeme Maxton, scheidender Generalsekretär des Club of Rome.9
All dies geschieht, während die meisten Entscheidungsträger auf die hohe Rationalität ihrer Arbeit und Entscheidungen verweisen und schon aus Selbstschutz peinlichst auf die Einhaltung anerkannter Methoden achten. Und all dies geschieht auch, während Unternehmensberater Hochkonjunktur haben10 und Top-Führungskräfte in Deutschland zwischenzeitlich bis zum 54-Fachen ihrer Angestellten verdienen (in andern Ländern wie den USA sogar noch deutlich mehr).11
Vor diesem Hintergrund und dessen, was derzeit im Unternehmensund Alltagsbewusstsein als »rational« empfunden wird, habe ich mir lange Gedanken darüber gemacht, ob es für mich als Berater und Führungskraft sinnvoll und angemessen ist, ein Buch über die Liebe im Kontext der Unternehmensführung zu schreiben. Immerhin liegt es auf der Hand, dass eine derartige Auseinandersetzung und Themenstellung von den meisten Führungskräften, Entscheidern, Wissenschaftlern und Journalisten – die sich dem aktuellen Rationalitäts-Paradigma unterordnen – bestenfalls als »nicht konform«, eher aber doch als »esoterische Spinnerei« abgetan würde.12
Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich bereits vor ungefähr drei Jahren, Ende 2015. Zu dieser Zeit befand ich mich gerade im Urlaub und notierte die ersten Gedanken zu meiner Buchidee auf einen kleinen Notizzettel des Hotels. Diese Gedanken habe ich jedoch aufgrund anderer beruflicher Prioritäten erst einmal nicht weiterverfolgt. Erst im Jahr 2017 fand ich den kleinen Zettel wieder, der mich veranlasste, einen Kongress zum Thema »Liebe« zu besuchen. Und infolge dieses Kongresses bin ich auf die nachstehend aufgeführte Textstelle in dem Buch »Die Kunst des Liebens« von Erich Fromm gestoßen, die er bereits vor über 50 Jahren verfasste und die mir Mut gegeben hat, dieses Buch zu schreiben:
»Wem also die Liebe als einzige vernünftige Lösung des Problems der menschlichen Existenz am Herzen liegt, der muss zu dem Schluss kommen, dass in unserer Gesellschaftsstruktur wichtige und radikale Veränderungen vorgenommen werden müssen. (…) Unsere Gesellschaft wird von einer Manager-Bürokratie und von Berufspolitikern geleitet; die Menschen werden durch Massensuggestion motiviert; ihr Ziel ist, immer mehr zu produzieren und zu konsumieren, und zwar zum Selbstzweck. Sämtliche Aktivitäten werden diesen wirtschaftlichen Zielen untergeordnet; die Mittel sind zum Zweck geworden, der Mensch ist ein gut genährter, gut gekleideter Automat, den es überhaupt nicht mehr interessiert, welche menschlichen Qualitäten und Aufgaben ihm eignen.
Wenn der Mensch zur Liebe fähig sein soll, muss der Mensch selbst an erster Stelle stehen. Der Wirtschaftsapparat muss ihm dienen, und nicht er ihm. Er muss am Arbeitsprozess aktiven Anteil nehmen, anstatt nur bestenfalls am Profit beteiligt zu sein. Die Gesellschaft muss so organisiert werden, dass die soziale, liebevolle Seite des Menschen nicht von seiner gesellschaftlichen Existenz getrennt, sondern mit ihm eins wird. (…) Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einem gesellschaftlichen Phänomen und nicht nur als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.«13
Der für mich zentrale Satz in diesem Zitat ist der letzte: »Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe (…) ist ein rationaler Glaube.« Dies gilt aus meiner Sicht gerade auch im Kontext der Unternehmensführung – und ist das, worum es mir in diesem Buch geht: um eine ernsthafte Einordnung des Themas »Liebe« in den Kontext der Unternehmensführung und der Wirtschaftswelt. Dabei ist mir vor allem wichtig, Führungskräfte, Entscheider und Entscheiderinnen vor dem Hintergrund einer verstandesdominierten und hoch problematischen Unternehmensrealität eine Anregung zu geben, zur Liebe (zurück) zu finden – auch und vor allem mit dem Ziel, nachhaltig und im Zuge der sich beschleunigenden Digitalisierung erfolgreich zu wirtschaften. Dabei kann und will ich jedoch nicht von mir behaupten, bereits stets und immer in der Liebe zu sein – ganz im Gegenteil. Wie ich selbst, zum Teil auch schmerzhaft für mein Ego, erleben durfte, ist es etwas vollkommen anderes, über die Liebe intellektuell zu schreiben, als in ihr zu sein und sie bereits zu leben. Und auch wenn ich noch am Anfang stehe, ist es dennoch schon jetzt ein sehr lohnender und umfassender Transformationsprozess gewesen, sich zunehmend auf sie einzulassen.
Ziel und Anspruch dieses Buches ist es insofern, Ihre eigenen (Selbst-)Erkenntnisprozesse anzustoßen und einen kleinen Beitrag zu leisten, um die Tabuisierung der Liebe im Kontext der Unternehmenswelt zu überwinden – deswegen auch der gewagte Titel. Wenn es mir gelänge, auch nur einen kleinen Anstoß in Richtung eines ernsthafteren Dialogs zu diesem Thema sowohl in der betriebswirtschaftlichen Theorie als auch in der unternehmerischen Praxis zu erreichen, wäre ich mehr als glücklich. Denn damit kann, wie ich hier zeigen möchte, an der Wurzel des Problems in der heutigen Wirtschaftswelt angesetzt werden. Es handelt sich also um alles andere als ein »esoterisches« Thema, jedoch möglicherweise um den Auftakt für einen Prozess, der Sie – so wie mich – auffordern wird, Ihre grundlegenden Weltbilder zu hinterfragen, Ihre Haltung zu verändern und einen tatsächlichen Paradigmenwechsel im Sinne des Wissenschaftsphilosophen Thomas S. Kuhn vorzunehmen.
Ein Paradigma ist nach Kuhn ein System von Überzeugungen und Grundannahmen, das eine so überzeugende Sicht auf die Welt produziert, dass diese Sicht mit der Welt selbst verwechselt wird.14 Mit diesen Verwechslungen – die auch meine eigenen waren – möchte ich Sie im Laufe dieses Buches des Öfteren konfrontieren. Die Notwendigkeit zu einem Paradigmenwechsel hingegen ergibt sich nicht nur aufgrund der fundamentalen technologischen Veränderungen durch die Digitalisierung, aus den zuvor erwähnten »Erfolgsquoten« des Managements, dem vielfachen individuellen Leid in der heutigen Wirtschaftswelt und den Warnungen der Risikoreports. Dieser Paradigmenwechsel ist umso wichtiger, am Vorabend des wahrscheinlichen Siegeszugs der Künstlichen Intelligenz, die mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nie dagewesene Veränderungen für die Menschheit bringen wird.15 Und mit einer nahe liegenden Verwechslung möchte ich schon jetzt klar aufräumen: Aus der Liebe zu handeln und zu führen hat nichts mit Harmoniebedürftigkeit, Gutmenschentum oder gar einem weichgespülten »Kuschelkurs« zu tun – sogar ganz im Gegenteil, wie ich noch weiter ausführen möchte.
Abschließen möchte ich diese Einleitung mit einem Zitat von Pitirim Sorokin, dem ehemaligen Professor und Dekan für Soziologie an der Harvard University, der mein Denken und auch dieses Buch an vielen Stellen inspiriert hat und der einen ähnlichen Paradigmenwechsel angemahnt hatte:
»Aus dem Überbewusstsein heraus entstehend, ist die universelle und erhabene Liebe der höchste Wert, um den herum alle moralischen Werte in ein ethisches System integriert werden können, das für die gesamte Menschheit gilt. Die Kultivierung und Vermehrung dieses überbewussten Schöpfergeistes ist wahrscheinlich der hoffnungsvollste Weg für eine kreative Lösung der schwierigen Probleme der Menschheit. Aus diesem Grund ist die weitverbreitete Vernachlässigung des Überbewussten durch Wissenschaftler, Regierungen, Stiftungen, Universitäten und andere Einrichtungen nicht nur kurzsichtig, sondern wahrhaft ruinös.
Sie untergräbt die wichtigsten Wurzeln des wichtigsten Baums im menschlichen Garten. Ohne den überbewussten Schöpfergeist kann die Hauptmission der Menschheit auf diesem Planeten nicht erfolgreich fortgesetzt werden. Ohne diese Fortsetzung ist die Menschheit gezwungen, zu degenerieren und auszusterben.«16
»Die Liebe ist wie ein Eisberg: Nur ein kleiner Teil davon ist sichtbar, und selbst dieser sichtbare Teil ist wenig bekannt.«
PITIRIM A. SOROKIN
Als ich mich schließlich dazu entschloss, dieses Buch zu schreiben, habe ich deutlich unterschätzt, wie schwierig es sein wird, den Begriff und die »Liebe« als Phänomen zu erfassen. Bis zu diesem Punkt war es für mich eine lange und teilweise auch sehr überraschende Entdeckungsreise, die immer noch andauert und vermutlich auch nie zu Ende gehen wird. Die Liebe ist in der Tat faszinierend!
Zunächst habe ich lernen müssen, dass alle meine bisherigen, alltäglichen Vorstellungen von dem Begriff der Liebe allesamt so gut wie hinfällig sind. Mittlerweile bin ich sogar der Überzeugung, dass ich früher – wie viele andere Menschen auch – mit Liebe genau das Gegenteil von dem bezeichnete, was sie ihrem tieferen Wesen nach ist. Zu viel ist in ihrem Namen – und besonders im Namen (der Liebe) Gottes – geschehen, was gänzlich gegen das Prinzip der Liebe verstößt; man denke nur an die christlichen Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und die sexuellen Übergriffe von Nächstenliebe predigenden Geistlichen und von selbsternannten »Gurus«.
Auch die zeitgenössische Musik, in der sehr oft Liebesbeziehungen und die mit ihr einhergehenden Konflikte zwischen Menschen besungen werden, tut dies allzu oft nur mit einem sehr oberflächlichen Verständnis von Liebe. Daher ist es auch nicht überraschend, dass es die Liebe betreffend so viele Missverständnisse und Vorbehalte gibt.
In meiner Literatur- und Recherchearbeit und meinem eigenen, noch längst nicht abgeschlossenen Erfahrungsprozess habe ich unterschiedliche Zugänge wie auch Erklärungsansätze zur Liebe gefunden, darunter vor allem biologische, psychologische, sozialwissenschaftliche, religiöse, spirituelle und sogar quantenphysikalische – und einige wenige Bücher, die einen Kontext von Liebe und Unternehmensrealität bzw. der Arbeitswelt herstellen.17 Auffällig ist hierbei, dass ganz im Gegensatz zu der Fülle an Literatur, die ansonsten in all diesen Wissenschaftsdisziplinen verfasst wurde, vergleichsweise wenig über die Liebe geschrieben wurde. Sie scheint ein Phänomen zu sein, welches sich trotz seiner offensichtlich großen Bedeutung einer seriösen wissenschaftlichen Auseinandersetzung entzieht – oder besser gesagt, entzieht sich eher die Wissenschaft mit all ihren Einzeldisziplinen einer eben solchen umfassenden Auseinandersetzung mit ihr.
Dies wurde vor über 50 Jahren auch schon von Pitirim Sorokin, dem oben bereits erwähnten Professor für Soziologie, bemängelt. So schreibt er: »Während viele moderne Soziologen und Psychologen Phänomene wie Hass, Kriminalität, Krieg und psychische Störungen als legitime Objekte wissenschaftlicher Studien betrachteten, stigmatisierten sie – vollkommen unlogisch – jede Untersuchung von Phänomenen wie der Liebe, der Freundschaft, des Heldenmuts und des schöpferischen Geistes als theologisches Predigen oder nicht-wissenschaftliche Spekulation.«18 Dies hat sich seitdem meines Erachtens auch nicht wesentlich geändert.
Generell stellte es sich für mich so dar, dass eher bei großen Literaten wie Hermann Hesse und Aldous Huxley, bei spirituellen Weisheitslehrern wie Jiddu Krishnamurti sowie wissenschaftlichen »Grenzgängern« wie Pitirim Sorokin, Bruce Lipton oder Hans-Peter Dürr ernsthafte und grundlegende Werke zur Auseinandersetzung mit dem Thema der Liebe zu finden sind.19 Vielleicht liegt ein Grund dafür darin, dass man die Liebe in ihrer Gänze nicht erfassen kann, ohne das derzeit vorherrschende materialistische Weltbild20 zu verlassen bzw. dieses grundlegend zu erweitern. Oft wird es deshalb dann besser ganz unterlassen, sie zu erforschen. Oder es liegt daran, dass die Liebe ein Phänomen ist, das ohnehin nur selbst erfahren, aber nicht durch reine Beschreibung verstanden werden kann.
Das bedeutet aber nicht, dass man sich mit der Liebe nicht (auch) intellektuell befassen könnte, wie in diesem hier vorliegenden Buch – denn jedes Wort und jeder Gedanke beziehen sich auf eine zugrunde liegende Wirklichkeit, die nicht das Wort und der Gedanke selbst ist, sondern nur ein Verweis auf dieselbe. Daher ist jede intellektuelle Auseinandersetzung – unabhängig von ihrem Gegenstand – nur eine Annäherung an eine nicht vollständig fassbare Wirklichkeit. Dies vorausgeschickt habend, möchte ich im Folgenden mein Verständnis und meine Definition von Liebe skizzieren und diese in ein Weltbild einbetten, welches über unser »Alltagsweltbild« weit hinausgeht. Ich werde also gleich »in die Vollen gehen«. Wenn Sie sich dafür öffnen können, kann dieses Buch für Sie interessant sein – wenn nicht, können Sie es nach dem nächsten Kapitel getrost wieder zur Seite legen.
»Die meisten Menschen arbeiten mit Computern, die auf der Technik des 21. Jahrhunderts basieren, mit dem Denken und Weltverständnis des 19. Jahrhunderts.«21
RAY KURZWEIL
Dieser bemerkenswerte Satz von einem der führenden Vorausdenker unserer Zeit und Director of Engineering bei Google trifft es sehr gut. Denn obwohl unser Smartphone ohne die Quantentheorie nicht denkbar wäre, basiert das aktuell nicht hinterfragte Weltbild der Betriebswirtschaftslehre, der Führungspraxis und unseres Alltagsverständnisses immer noch auf der mechanistischen Weltanschauung Newtons, der diese zu Beginn des 18. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt hat.
Dieses überkommene Weltbild ist meines Erachtens sowohl in der Führungspraxis wie auch für ein vertieftes (intellektuelles) Verständnis der Liebe problematisch. Daher möchte ich mit ganz grundlegenden Überlegungen beginnen, und zwar zunächst bei der christlichen Schöpfungslehre und dem Evangelium nach Johannes: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist.« (Joh 1, 1–3)
In diesen wenigen Sätzen steckt eine große Tiefe, auch wenn sich diese aufgrund der ungenauen Bibel-Übersetzung von Luther leider nicht leicht erschließt. Aus dem griechischen Urtext wurde von Luther Logos mit »Wort« übersetzt, aber Logos hat (noch) eine vollkommen andere, viel umfassendere Bedeutung als nur »Wort« – nämlich »Potenzialität«.22 Übersetzt als Potenzialität ergibt sich ein noch weitaus tieferer Sinn: Gott ist in seinem Ursprung Potenzialität, reiner Geist, aus dem alles ist; und ohne diesen Geist ist »auch nicht eins geworden, das geworden ist«.23
Aus dieser Potenzialität als latentem Urzustand, noch vor der allerersten Offenbarung – Hans-Peter Dürr nennt dies den Urquell der Liebe – erwächst die Schöpfung. Die Wiener Psychotherapeutin Christl Lieben drückt dies sehr schön mit den Worten aus:
»Aus dem kristallklaren Licht der Liebe, die aus dem Nichts kommt, ist die Schöpfung entstanden, und auch wir, als Teil dieser Schöpfung, verdanken unsere Existenz einem kreativen Impuls der Liebe, die sich aus Freude an sich selbst ständig neu erschafft. Alles Geschaffene entspringt dieser freudigen Liebe, die am Anfang unseres Werdens steht und mit uns geht und bleibt und uns trägt.«24
Der Philosoph Salomo Friedländer bezeichnet diese Potenzialität daher auch als das »schöpferische Nichts«. Dieses »Nichts« ist aber nicht tot und kalt, sondern voller Energie und Kraft, »es ist Schöpfer und Quell (…) Es ist Nichts, das heißt nichts Unterscheidbares. Alles andere Verstehen des Nichts ist Missverständnis«25.
Aus diesem Urquell entsteht in der Creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts, die äußere Welt durch Aufspaltung in Polaritäten, oder anders gesagt: Die gesamte Schöpfung des Universums ist aufgebaut auf der polaren Differenzierung des indifferenten Ganzen26, bspw. in Anfang/Ende, Tag/Nacht, Mann/Frau, Geburt/Tod, Vorher/ Nachher, Yin/Yang und so weiter. Diese polare Differenzierung ist der Kern der Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose (Genesis): »Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht« usw. Und auch Goethe lässt den Mephistopheles in seinem Faust sagen: »Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war, ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar.«27 Eine buddhistische Lehre von der Schöpfung der Welt sagt: »Dies ist, weil jenes ist. Dies ist nicht, weil jenes nicht ist. Dies ist so, weil jenes so ist.«27A Ebenso beschreibt die Systemtheorie ganz grundlegend die Definition der Systemgrenze bzw. die Differenzierung zwischen »zum System gehörig« und dessen »was seine Umwelt ist« als den das System konstituierenden Entstehungs- bzw. »Schöpfungsprozess«. Sie nennt diesen »autopoetisch«, wenn dieser gleichzeitige Differenzierungs- und Identitätsbildungsprozess selbstreferentiell, selbstorganisierend und selbsterhaltend stattfindet – ein wesentliches Merkmal lebendiger und sozialer Systeme.28
Unter Polarität bzw. Polarisation versteht man nach Friedländer das Entspringen des Unterschieds aus dem in sich selbst Identischen: »… so und nicht anders entspringt Relatives dem Absoluten, Zeit aus der Ewigkeit, die Welt aus Gott, Notwendigkeit aus Freiheit, Erscheinung aus dem Wesen, Dividuales aus dem Individuum. Die Welt ist das Auseinander, das Entzwei eines Zusammen, das allzu innig ist, als dass es nicht, um schöpferisch sein zu können, geäußert, entfernt, gepaart, Zwilling sein müsste. So ist alles Ferne, das Entzwei des mehr als Nahen.«29 Und ein paar Seiten weiter schreibt er im gleichen Werk, »Schöpferische Indifferenz«: »Überhaupt ist das Absolute dasselbe wie das Relative, nur indifferenziert. Und alles Relative nur Polarisation (Selbstentzweiung aus Überschwang) des Absoluten.«30 Zusammen bilden polare Gegensätze so stets eine »Einheit in Zweiheit«, denn die Pole existieren nicht vollkommen getrennt voneinander, sondern bedingen sich in ihrem Schöpfungsprozess gegenseitig. Sobald es das Gute gibt, gibt es das Böse und umgekehrt. Das eine bedingt das andere, es besteht sogar aus den Elementen des anderen.30A
Ähnlich gibt es in der Physik sowohl einen nicht-differenzierten Urzustand reiner Potenzialität, die der Quantenphysiker Thomas Görnitz als »Protyposis« (basierend auf dem griechischen »Proto- poesis«) bezeichnet, als auch das erstaunliche Phänomen der Quantenverschränkung bzw. der »Nichtlokalität«, die die Verbundenheit von zuvor in Wechselwirkung stehenden und dann getrennten Teilchen, ihre »Einheit in Zweiheit«, eindrucksvoll demonstriert.31 Der Urzustand der Protyposis existiert nach Görnitz noch vor der Ausprägung selbst des einfachsten Quantensystems (mit einem positiven und ein negativen Qubit) und »begründet die Einheit des Seins«.32 Zudem ist auch in der Quantentheorie das »Nichts« nicht tot und kalt – ganz im Gegenteil: Die »Energie des Nichts«, die sogenannte Nullpunkt- oder Vakuumenergie, ist nicht null, sondern sehr hoch. Könnte man etwa die Nullpunktenergie von nur einem Kubikmeter Raum »nutzbar« machen, würde man damit alle Ozeane der Erde zum Kochen bringen können, so die plastische Beschreibung von Lynne McTaggart.33 Dies wird jedoch nicht möglich sein, da es zum Energiepotenzial des Quantennullpunktfelds keine Differenz geben kann, die jedoch notwendig ist, damit Energie Arbeit leisten kann. Das Nullpunktfeld bzw. die Energie des Vakuums ist vielmehr mit den Worten des Physikers Harald Lesch: »Die Mutter aller Gleichgewichte, das Gleichgewichtigste was es überhaupt gibt.«34 Dies unterstreicht nochmals, dass das »Nichts« nur als das »Nicht-Unterscheidbare« aufgefasst werden kann, zu dem es keine Differenz gibt und geben kann. »In Wirklichkeit«, so Lesch weiter, »ist es in unserem Universum so, dass es immer nur um die Differenzen geht.«35
Und auch in der von Steven Hawking mitentworfenen »M-Theorie«, die als kosmologische Supertheorie die Quantenphysik und Relativitätstheorie miteinander zu vereinen sucht, gibt es eine super-symmetrische Polarität und entstehen ganze Universen aus dem Nichts.36 So schreibt er: »Da es ein Gesetz der Gravitation gibt, kann und wird sich das Universum aus dem Nichts erzeugen. (…) Spontane Erzeugung ist der Grund, warum etwas ist und nicht einfach ›Nichts‹, warum es das Universum gibt, warum es uns gibt.«37
In dieser, also der gesamten Schöpfung innewohnenden Dualität bzw. in diesen »polaren, jedoch sich ergänzenden Impulsen« spielt sich nach dem Psychologen Riemann alles Leben ab.38 In der Folge entspringen wir auch als Lebewesen, als Mann und Frau, dem »schöpferischen Nichts« und können durch eigene Differenzbildung oder durch die Vereinigung der Pole selbst »Mit-Schöpfer« unserer Realität und neuen Lebens sein – beispielsweise im Moment der Zeugung neuen Lebens, wenn beide Pole in der sexuellen Begegnung (sowie der ersten, befruchteten Eizelle) verbunden sind, aber auch in unserem ganz täglichen Handeln (worauf ich später noch ausführlich eingehen möchte).
Sowohl Zeit als auch Materie sind Ergebnisse dieses polarisierenden Schöpfungsprozesses, sie entstehen durch Aufspaltung und haben insofern keine absolute Existenz – sind letztlich eine Illusion.
Auf die Tatsache, dass Zeit eine Illusion ist, haben schon viele Philosophen und spirituellen Lehrer hingewiesen. Die Zeit nach unserem alltagsüblichen Verständnis mit einer Dreiteilung von »Vergangenheit«, »Gegenwart« und »Zukunft« existiert so nicht. Vergangenheit und Zukunft sind nichts anderes als die Polaritäten eines ewigen, indifferenten »Jetzt«, einer immerwährenden Gegenwart. Nichts wird jemals in der Zukunft entstehen, nichts ist je in der Vergangenheit geschehen, alles geschieht immer im Jetzt, in der Gegenwart, drückt es Eckhardt Tolle sinngemäß aus.39
Auch Aristoteles war sich dieser Problematik bereits bewusst, als er schrieb: »Ein Teil der Zeit war und ist nicht, während der andere sein wird und doch nicht ist.« Die Gegenwart hingegen ist außerhalb jeglicher Aufteilung – sie ist immer jetzt und ganz. Alles geschieht in einem einzigen, sich für uns zeitlich entfaltenden, ungetrennten Jetzt. Panta rhei (»alles fließt«) lautet dazu der Ausspruch Heraklits, und er meinte damit, dass alles im Werden begriffen sei und nichts stillstehe, es nur Veränderung gebe. Während im Übrigen die Denkschule des Parmenides genau das Gegenteil behauptete: dass es nur Feststehendes in kurzer Abfolge gebe, denn wenn alles nur in Veränderung wäre, gäbe es nicht Seiendes. Paradoxerweise haben sie beide recht, woran sich sehr schön die Einheit in Zweiheit von polar Getrenntem zeigt.
»The wholeness of time is in the now«, sagte Krishnamurti, was dieses Paradox auflöst. Die Illusion von Zeit hat nicht nur die Philosophie, sondern auch die Physik des 20. Jahrhunderts erkannt. Einstein drückte es bereits im Jahr 1955 wie folgt aus: »Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion.« Und diese Erkenntnis ist »vielleicht die größte intellektuelle Herausforderung, mit der die Menschheit jemals konfrontiert wurde«, so der Philosoph und Physiker Vesselin Petkov.40 Während es in der von Einstein postulierten allgemeinen Relativitätstheorie noch eine Raumzeit gibt, in der die Zeit allerdings kein »externer Taktgeber« mehr ist, sondern sich auf Basis der Gravitation bzw. eines beschleunigten Bezugssystems verändert, räumt die Quantentheorie z. T. noch fundamentaler nicht nur mit der Zeit, sondern auch mit Materie auf. Beide existieren dort in einigen der vereinigenden, aber bislang noch nicht bestätigten Quantengravitationstheorien überhaupt nicht mehr, so in der von Claus Kiefer beschriebenen »Quantenkosmologie, die das Universum als eine einzige, zeitlose und überaus komplexe Wellenfunktion auffasst«41.
Auch der Quantenphysiker und Heisenberg-Schüler Hans-Peter Dürr schrieb nach über 30 Jahren der Erforschung von Materie, dass eine Grundannahme jeglicher materialistischer und mechanischer Sichtweise auf die Welt auf jeden Fall bereits von der Quantenphysik als widerlegt betrachtet werden könne – Materie sei nicht die einzige Wahrheit, sondern ganz im Gegenteil gebe es überhaupt keine Materie.42 Das Universum mit Materie und Energie, wie wir es wahrnehmen, entsteht ebenfalls aus dem indifferenten Nichts, dem »Urquell der Liebe«, so Dürr.43 Materie ist so nicht der Gegenpol des Geistes, sondern nach Friedländer dessen polarisierte Ausprägung, denn der Geist sei die Indifferenz seiner polaren Verwirklichung in Materie. Diese manifestierten Pole; Materie und Geist seien jedoch keine Pole.44 Schön fasst dies der Physiker Carlo Rovelli zusammen: »›Raum‹ und ›Zeit‹ werden nur innerhalb gewisser Näherungen sinnvoll bleiben. (…) Es sind nur makroskopische Näherungen – Illusionen, die unser Bewusstsein geschaffen hat, um die Realität zu verstehen.«45 Und noch schöner schreibt dazu der Physiker Richard Conn Henry im Wissenschaftsmagazin Nature: »Das Universum ist nicht materiell – es ist mental und spirituell. Leben Sie und genießen Sie.«46
Verdichtet ergibt sich für mich aus allem zuvor Gesagten mein eigenes, möglicherweise etwas laienhaftes Weltbild, welches sich in einem Diagramm zu Raum und Zeit mit ihren jeweiligen Polen aufspannt. Auf der senkrechten Achse jeweils mit den Polen »positiv« und »negativ« (u. a. Energie und Materie) aus einem insis- tenten »Geist« oder Sein. Und auf der waagerechten Achse die Zeit mit ihren dualen Polen, Vergangenheit und Zukunft, aus einem ewigen Jetzt.
In diesem so geschaffenen Universum gelten natürlich die bekannten physikalischen Gesetze und insbesondere das der Energieerhaltung. So kann sich alles verwandeln, aber in ihm Energie sich nicht in Nichts auflösen oder Energie aus dem Nichts entstehen. Aus dem Nichts können nur ganze Universen entstehen (siehe oben), deren Gesamtenergie nach Hawking immer null sei.
Die Liebe hingegen ist nicht nur der Urquell der Schöpfung als reiner göttlicher Geist, dem indifferenten Nichts, aus dem alles entsteht, sondern auch die universelle Kraft, die darauf hinwirkt, die polare Aufspaltung wieder zu überwinden und so die Ganzheit, die Einheit der beiden getrennten Pole, wiederherzustellen. Die Kraft der Liebe zeigt sich so in dem Drang, der in allem Getrennten gleichsam als Impuls (oder Ahnung) und als Ausdruck der »Einheit in Zweiheit« schon angelegt ist. Dieser Drang zur Erhaltung und Wiederherstellung von Einheit führt bis zu einem Punkt der Wiedervereinigung in der ursprünglichen Ganzheit.47 Der einzige Weg jedoch zu wirklicher Einheit, zum »Einssein«, ist die vollkommene – und letztlich intellektuell nicht mehr fassbare – Erfahrung der Liebe, durch die alle Trennung transzendiert wird.48 Diese umfassende Erfahrung der Liebe ist mit den Worten Erich Fromms die »einzige vernünftige und befriedigende Lösung für das Problem der menschlichen Existenz« der »Überwindung der Getrenntheit«, dem mit seinen Worten »tiefsten Bedürfnis des Menschen« um »aus dem Gefängnis seiner Einsamkeit herauszukommen«.49 Der gelebten Liebe gelingt das Paradox, Verbindung unter Wahrung von Einheit und Freiheit des Einzelnen herzustellen.50 »Die Liebe ist die einzige Kraft, die Dinge vereinen kann, ohne sie zu zerstören«, sagte auch schon der französische Jesuit, Philosoph und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin. Eine solche von Liebe getragene Verbindung soll im Folgenden auch als »Liebesbeziehung« bezeichnet werden.51
Nach der dualistischen Trennung aus einem indifferenten, schöpferischen Nichts (dem »Weder-noch« als Urzustand reiner Potenzialität) und allen Erfahrungen in einer dualistischen, polarisierten Welt finden wir durch die Liebe und der mit ihr verbundenen Erkenntnis des Einsseins (dem »Sowohl-als auch«) der beiden Pole bis zum Endpunkt, der Erfahrung der All-Einheit bzw. dem »Weder- noch« im Sinne des Ganzen. Dies ist das Ende des Zustands der Dualität, es ist der Zustand der »Befreiung« oder »Erlösung« – das Nicht-(Mehr-)Differenzierte aus dem auch alles begann, das anfängliche und endliche Paradies.52»Wo Liebe ist, ist Sinn, Glückseligkeit und Frieden. Wo Liebe ist, ist kein Hoffen und Glauben mehr erforderlich. Wo Liebe ist, ist Weisheit, Erleuchtung und Sein.«53 Das ist das vollkommene Verstehen, die Erleuchtung, worauf auch das Herz-Sutra des Buddhismus nach meinem Verständnis hinweist.54A
Somit ist die Liebe ein sehr umfassendes Phänomen, das nicht nur den Ausgangs- und Endpunkt der Schöpfung darstellt, sondern gleichzeitig in ihrem Drang nach Erhaltung und Wiederherstellung von Einheit die gesamte Schöpfung transzendiert. Sie kann sich somit auf vielen, im Grunde auf allen zuvor polar getrennten, Ebenen manifestieren54 – also auch auf der körperlichen, emotionalen, geistigen und spirituellen Ebene, wie ich im Folgenden noch weiter ausführen möchte.55 Anhand dieser »Ebenen« die Wirkung von Liebe zu beschreiben halte ich für sinnvoll und angemessen, auch wenn klar sein muss, dass diese Ebenen nur gedankliche Konstrukte und modellhafte Näherungen sind und mit der zugrunde liegenden Wirklichkeit nicht verwechselt werden dürfen. Insbesondere bestehen mannigfaltige (energetische) Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen, als Teile eines ungetrennten Ganzen. Und da wir uns in der Physik alle energetischen Wechselwirkungen als Wellenbewegungen vorstellen, kann die Liebe vielleicht in ihrem Kern auch, wie von Bruce Lipton beschrieben, als eine positive Interferenz (d. h. eine verstärkende Überlagerung) von Energien(wellen) beschrieben werden.56
Auf der körperlichen bzw. instinktiven Ebene offenbart sich die Liebe als Trieb zur Selbst-Erhaltung (d. h. zur Erhaltung der Einheit des einen Lebewesens) und gleichzeitig – in manchen Fällen dem quasi entgegengesetzt – als Trieb zur Arterhaltung (d. h. zur Erhaltung der Einheit der Gattung) auf vielfältige Art und Weise. Unsere Triebe unterliegen der Steuerung durch sehr alte Bereiche des Gehirns und des Körpers, die einem bewussten Zugriff nicht zugänglich sind. Ganz grundlegend sind auf dieser Ebene auch alle körperlichen Funktionen der Erhaltung des eigenen Lebens (u. a. die Atemsteuerung, die Steuerung der Blutkreislaufs etc.), instinktive Abwehr- und Angstreaktionen (Kampf-oder-Flucht-Reaktion) und letztlich auch das »Sich-Einverbleiben« von anderen Lebewesen, das Fressen und Gefressenwerden zur Selbsterhaltung, verbunden mit den körperlichen Empfindungen des Hungers und des Sattseins, inbegriffen. Auch dies sind – auch wenn es Sie überraschen mag – Ausdrucksformen der Liebe und des Drangs nach Einheit – nicht umsonst geht die »Liebe durch den Magen« und haben wir die, die wir lieben, sprichwörtlich »zum Fressen gern«.
In Zusammenhang mit der Arterhaltung hat die Natur unterschiedliche instinktive/körperliche Ausdrucksformen der Liebe hervorgebracht – genannt seien hier beispielhaft die Sexualität (die »körperliche Liebe«) und der genetische Altruismus.
Die sexuelle Anziehung und Verbindung zwischen dem weiblichen und dem männlichen Pol (Mann und Frau) ist die Grundfunktion der Natur zur Arterhaltung geschlechtlicher Gattungen.57 Diese sexuelle Anziehung ist für das Überleben einer geschlechtlichen Gattung notwendig – ohne sie wäre der Fortbestand und damit die Einheit der Gattung gefährdet. Angetrieben durch die sexuelle Lust und den Wunsch nach Triebbefriedigung, verbinden sich die beiden Pole und bilden eine Einheit, und durch die Wiedervereinigung der Pole entsteht neues biologisches Leben.58 In unserer westlichen Zivilisation wird diese Anziehung zwischen Mann und Frau, ihre sexuelle Leidenschaft bzw. ihre Passion füreinander (quasi als das »Basismedium« der Liebe) gerne mit der Liebe als solcher verwechselt.59 Dabei wird oft vergessen, dass die rein körperliche Sexualität nur einen sehr grundlegenden Ausdruck von Liebe darstellt. Sexualität ist zwar ohne emotionale Liebe möglich,60 aber bleibt letztlich »leer« und wird erst durch umfassende Liebe zu einer erfüllenden und transzendierenden Erfahrung.61
Ebenso wie die Sexualität kann die Entstehung verwandtschaftlicher Kooperation als eine instinktbasierte Form von nicht-egois- tischem Altruismus, insbesondere innerhalb der gleichen (tierischen) Gattung und zwischen nahen Familienangehörigen, erklärt werden. Dies war Charles Darwin zunächst mit seiner Evolutionstheorie des »Survival of the Fittest« nicht möglich: So beobachtete er Ameisen, die sich innerhalb ihrer Lebensgemeinschaft im Falle eines Angriffs selbst für die Gemeinschaft aufopferten. Dies war für ihn nicht erklärbar, denn ein solches Verhalten – da es ja zu keinen Nachkommen führt – müsste nach seiner Theorie innerhalb kürzester Zeit durch den Mechanismus der natürlichen Selektion wieder aus dem Genpool der Gattung verschwinden.
Der wissenschaftliche Durchbruch erfolgte hier erst in den 60/70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als erkannt wurde, dass natürliche Selektion nicht nur auf der Ebene des einzelnen Organismus stattfindet, sondern auch auf der des Genpools.62 Aus dieser Sichtweise ist altruistisches Verhalten zugunsten der Gattung dann nachvollziehbar, wenn dieses Verhalten eines Einzelnen dazu führt, dass mehr Organismen mit ähnlichen oder gleichen Geninformationen überleben – selbst wenn es den einzelnen Organismus schädigt oder sogar umbringt. Dabei gilt: Je größer der Grad der Verwandtschaft, desto eher höher die Wahrscheinlichkeit der Gleichheit der eigenen Gene mit denen des jeweiligen Verwandten. Und je höher die Wahrscheinlichkeit der Gleichheit der eigenen Gene, desto höher der Grad des Altruismus. Aus dieser Logik heraus ist nun auch das Verhalten von sich selbst aufopfernden Ameisen in einem Ameisenstamm zu erklären: Da in einem solchen Stamm alle Ameisen dieselbe Mutter haben, ist der Grad ihrer genetischen Verwandtschaft sehr hoch. Das altruistische Verhalten, als Ausdruck von Liebe, ist im Genpool der Ameisen angelegt, so wie auch das zwischen Eltern und Kindern sowie von Geschwistern untereinander.
Der Begriff »Emotion« stammt von dem lateinischen Verb emovere und bedeutet direkt übersetzt »herausbewegen, emporwühlen«. Doch was sind Emotionen und Gefühle und wie wirken sie auf unser Verhalten? In der psychologischen Literatur findet sich hierzu eine Vielzahl an Definitionen und Theorien, die ich hier nicht ausführlich diskutieren möchte.63 Orientieren möchte ich mich vielmehr im Folgenden an den Ausführungen des amerikanischen Psychologen Peter Levine, der insbesondere auf dem Feld der Traumatherapie Pionierarbeit geleistet hat und der in seiner Arbeit die Sichtweisen vieler anderer bekannter Forscher auf diesem Gebiet wie Joseph LeDoux, William James und Antonio Damasio integriert hat.64
Peter Levine nimmt (wie auch LeDoux) eine grundlegende qualitative und quantitative Unterscheidung zwischen »Emotion« und »Gefühl« vor, die ganz allgemein mit einem Zusammenspiel von subjektivem Erleben und körperlichen Reaktionen einhergeht. Beide wiederum basieren auf den fünf schon von Darwin beschriebenen, universellen emotionalen Instinkten (Angst, Wut, Ekel, Freude, Trauer), die Menschen überall auf der Welt gleichermaßen mit Gestik und Mimik ausdrücken.65
Nach Levine ist ein »emotionales Gefühl« eine bewusste Wahrnehmung einer körperlichen Empfindung bzw. innerlichen Befindlichkeit oder Verhaltensneigung. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung dieser Gefühle, die – im Gegensatz zu den fünf emotionalen Grundinstinkten – hoch differenziert sein können, trägt nach Levine maßgeblich zum Selbsterhalt, zu einer positiven Verhaltensregulation und einem »stimmigen« Lebensgefühl bei. »Sekundäre Emotionen« bzw. »emotionale Reaktionen« hingegen sind nach Levine jedoch etwas vollkommen anderes und treten erst dann auf, wenn eine körperliche Verhaltensneigung (wie zum Beispiel einer Gefahr auszuweichen) verhindert wird.66 So tritt beispielsweise erst dann eine zunehmend unkontrollierbare, emotionale Angstreaktion ein, wenn der natürliche Drang zur Flucht beispielsweise durch äußere Einschränkungen vereitelt wird und so keine Entlastung stattfindet.67 Wer hingegen aktiv sein Gefühl bzw. seine Verhaltensneigung zur Flucht ausagieren kann, ist nicht oder weniger ängstlich und sogar zum Teil hochgradig präsent – und kann sich schließlich wieder »beruhigen«.68
Der evolutionäre Entwicklungsschritt hin zu emotionaler Verhaltensteuerung war mit der Weiterentwicklung des »Reptiliengehirns« zum limbischen System verbunden, das nur Säugetieren vorbehalten ist.69 Emotionale Instinkte sind für seine Lebens- und Arterhaltung unerlässlich und vorteilhaft. Nach dem israelischen Historiker Yuval N. Harari sind daher emotionale Instinkte nicht das Gegenteil von Rationalität, sondern vielmehr evolutionär gewachsene Rationalität – denn wenn sie sich nicht über Jahrmillionen für die Lebens- und Arterhaltung bewährt hätten, würden sie nicht so universell existieren.70 Da alle Säugetiere über Emotionen verfügen, die sie, wie auch wir als Menschen, überall auf der Welt mit annähernd derselben emotionalen Sprache (vor allem Mimik und Gestik) zum Ausdruck bringen, können wir als Artgenossen ohne Weiteres erkennen, ob ein Tier Emotionen der Angst, der Wut oder der Freude empfindet. Ob und inwiefern sie ihre emotionalen Instinkte auch als emotionale Gefühle bewusst wahrnehmen, können wir nicht wissen (denn niemand von uns ist eine Katze oder eine Kuh) – aber wir sollten zumindest annehmen, dass es sich für sie ähnlich anfühlt wie für uns.
Die körperlich wahrnehmbaren Emotionen werden dabei von unterschiedlichen, unbewusst arbeitenden Emotionssystemen – dem bereits genannten limbischen System – erzeugt, das auch mit seinen verschiedenen Modulen (Amygdala, Hippocampus, Frontallappen etc.) die kortikale Erregung und die körperlichen Reaktionen steuert.71 Welche Rolle dabei das Herz als eigenständiges kleineres »Nervenzentrum« spielt, beginnt die Wissenschaft gerade erst zu entdecken.72 Ähnliches gilt für das »Bauchgefühl«, das nach Levine eng mit dem großen Vagusnerv zusammenhängt, der wiederum nach Fredrickson »das Erleben von Liebe unterstützt und koordiniert«73. Ebenso die Rolle der am körperlichen Erfahrungsgedächtnis beteiligten, sogenannten »somatischen Marker« – ein Begriff der auf Antonio Damasio zurückgeht.74 So wird von Geburt an Erlebtes unbewusst in einem emotionalen und proze- duralen »Erfahrungsgedächtnis« abgespeichert, sodass nicht nur das Gehirn, sondern auch der Körper selbst auf äußere Reize hin sekundenschnell und auf Basis von früheren Erfahrungen Bewertungen vornimmt und positive oder negative Signale bzw. Empfindungen aussendet, die wiederum als Gefühle wahrgenommen werden können. Dieses prozedurale und emotionale Gedächtnis haben ebenfalls sowohl Menschen als auch Tiere. In der Tat scheint es wohl so zu sein, dass es sehr viel mehr und wesentliche komplexere Wechselwirkungen zwischen Gehirn und Körper bzw. Gedanken, Emotionen und Körperempfinden gibt, als dies bisher angenommen wurde. Ich werde hierauf im zweiten Teil dieses Buches noch etwas ausführlicher eingehen.
Soziale und emotionale Zuwendung in Form von emotionaler Liebe ist sowohl für die Selbsterhaltung wie auch für die Arterhaltung von Säugetieren absolut notwendig. Es gibt einen emotionalen Drang nach Bindung (u. a. zur Herstellung von Einheit als Paar), der mindestens so stark ausgeprägt ist wie der Drang nach Fortpflanzung und Vermehrung, sagt der bekannte Zellbiologe Bruce Lipton.75 Aber nicht nur das – seit Entdeckung der sogenannten »Spiegelneuronen« Ende der 1990er-Jahre wissen wir, dass es höher entwickelten Lebewesen, wie dem Mensch, einigen Affenarten und auch dem Elefanten, möglich ist, die Emotionen anderer so zu fühlen und wahrzunehmen, als seien es die eignen.76
Emotionale Liebe kann nach Barbara Fredrickson immer nur im Hier und Jetzt stattfinden, nämlich dann, wenn die Anwesenheit eines Gegenübers physisch gegeben ist. Anders gesagt: Limbische Resonanz kann nur im direkten Kontakt stattfinden77 – nur so kann es zu den »Mikromomenten der Liebe«, wie sie es ausdrückt, kommen, jenen Augenblicken emotionaler Verbundenheit und wechselseitiger »Positivitätsresonanz«. Diese limbische Positivitätsresonanz kann mit jedem anderen Menschen (und Tier) stattfinden – vollkommen unabhängig davon, wie lange sich die hieran Beteiligten schon kennen. Emotionale Liebe kann sich also nur in der Gegenwart
