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»Es ist wirklich kein Grund zur Beunruhigung da.« Der Zweite Weltkrieg hat unzählige Menschenleben gekostet und in vielen Familien große Lücken hinterlassen. Evi Simeoni spürt die Ohnmacht, die der Tod ihres Onkels Heinz Meyer in der Familie ausgelöst hat, bis heute. Mit 18 Jahren wurde Heinz von der Schulbank weg zum Wehrdienst eingezogen und fünfeinhalb Jahre später, kurz vor Kriegsende, von einem Scharfschützen getötet. Simeoni setzt seine in großer Zahl erhaltenen Briefe in den Zeitkontext und verwebt seine Worte mit ihren Recherchen zur eigenen Familiengeschichte. Ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Elfriede
© Piper Verlag GmbH, München 2023
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Cover & Impressum
Karte
Motto
Vorbemerkung
Über die Wut
Kroměříž (deutsch: Kremsier), heute Tschechien
Wahrscheinlich Fulda
Rhön
Frankreich
Hofbieber
Frankfurt
Hofbieber
Niederlande
Ehemalige Sowjetunion, heute Russland
Stuttgart
Fulda
Milovice (deutsch: Milowitz), heute Tschechien
Fulda
Unterwegs nach Schytomyr, heute Ukraine
Ehemalige Sowjetunion, heute Ukraine
Düsseldorf, Tübingen, Bingen bei Sigmaringen, Hilden
Slowakei und Niederschlesien, heute Polen
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Vergissmeinnicht
Drei Wochen schon alle Kämpfer davonund wir kamen zurück an den Albtraumort,fanden die Stelle und fanden dortden Soldaten hingestreckt an der Sonne.
Nur der Geschützlauf mit finstrer Mienewarf Schatten. Als wir vorrückten an jenem Tag,traf er meinen Tank mit einem Schlagals wollte ein Dämon eindringen.
Schau. Bei der Beute im Schützenloch hierliegt das Bild seines Mädchens entehrt,drunter steht: Steffi, Vergissmeinnicht.Wie aus dem Schulheft in altdeutscher Schrift.
Beinah befriedigt sehn wir ihn daerniedrigt, er hat die Zeche bezahlt,und verhöhnt vom eigenen Kriegsgerät,so hart noch und brauchbar und er verwest.
Doch sie würde weinen, säh sie jetztdie Fliegen schwarz auf seiner Haut,auf dem Papierauge den Staubund den Bauch, der wie eine Höhle klafft.
Denn der Liebende liegt mit dem Mörder beisammen,die ein Herz hatten und einen Leib,und Tod, der sich den Soldaten nahm,hat am Liebenden tödliches Unrecht verübt.
Keith Douglas, Captain der britischen Armee, gefallen am 9. Juni 1944 in der Normandie durch eine Mörser-Granate
Was man als Leser wissen muss: Als Schwabe benutzte Heinz Meyer manchmal mundartliche Wendungen und Grammatik: »Wirklich« bedeutet da oft »derzeit«. »Als« kann auch »hin und wieder« bedeuten, dafür wird »wie« manchmal im Komparativ anstelle von »als« verwendet. »Arg« muss wie »schlimm« oder als Verstärkung wie »sehr« verstanden werden. »Erst« kann im Sinn von »neulich« verwendet sein. Schokolade, Butter, Grammofon und Radio sind männlich: »Der Schoklad«, »der Butter«, »der Grammofon«, »der Kofferradio«. Teller sächlich: »das Teller«. »Gesälz« ist »Marmelade«. »Das Sach« sind natürlich »die Sachen«, »das Geschäft« kann auch »Arbeit« oder »Arbeitsplatz« meinen. »Scheints« steht für »anscheinend«. »Springen« kann auch Synonym für »laufen« sein. Mit »Ochsenauge« ist ein »Spiegelei« gemeint. »Gutsle« sind »Plätzchen«, meistens Weihnachtsplätzchen, »Kittel« wird auch für »Jackett« gebraucht.
Ich habe es meistens dabei belassen. Ich habe lediglich die – im Übrigen sehr wenigen – Schreibfehler korrigiert und hie und da die Rechtschreibung modernisiert. Und die Briefe gekürzt, manche Stellen vorsichtig verdeutlicht und einige weggelassen. »Russland« war zu jener Zeit in deutscher Diktion das Synonym für die ganze Sowjetunion, mit »Holland« sind die ganzen Niederlande gemeint. Diese Ungenauigkeiten habe ich stehen lassen.
Jahrzehntelang habe ich gerätselt, was meine Familie so wütend gemacht hat. Besonders in meiner Kindheit war diese Wut zu spüren. Ständig platzte jemandem der Kragen. Nur meiner Mutter nicht, die in kritischen Momenten in ein beinernes Schweigen verfiel, was die Ausbrüche der anderen noch anstachelte. So, als ließe sie uns stellvertretend für sich selbst aus der Haut fahren.
Was sich bis heute zeigt: Die unheimliche Wut hat den Verhältnissen untereinander nicht gutgetan. Mit den Jahren wurde sie stiller, blieb aber allgegenwärtig. Sie wartet geduldig im Hintergrund auf Stichworte, um sich wieder zu erkennen zu geben. Jedes Mal kostet es enorme Kraft, sie zu beherrschen.
Es vergingen viele Jahre bis zu dem Tag, als ich plötzlich einem der Hauptgründe dieser Wut auf die Spur kam: Das ist der Tod meines Onkels Heinz, des Bruders meiner Mutter, der im Zweiten Weltkrieg Soldat war und im Alter von 23 Jahren und fast neun Monaten sterben musste. »Er wurde uns weggeschossen«, sagte meine Mutter immer. Ich habe ihn also nicht kennengelernt. Er wurde mit 18 Jahren zum Wehrdienst eingezogen, von der Schulbank weg, wie es in der Familie immer hieß, und fünfeinhalb Jahre später kurz vor Kriegsende in Schlesien von einem Scharfschützen getötet.
Die Lektüre seiner vielen Briefe aus dem Feld, in deren Besitz ich erst im Jahr 2020 gelangte, empfand ich wie eine Reise in mein eigenes Inneres, in deren Verlauf die Gegenwart langsam verschwamm. Zumal keine der Personen, die darin erwähnt werden, noch lebt. Ich begriff, dass Heinz Meyer einst das Licht und die Hoffnung seiner Familie gewesen und sein Verlust furchtbar war. Nun verstand ich besser, was meine Mutter – Elfriede – kurz vor ihrem Tod im Jahr 2012 aufgeschrieben hatte:
»Tatsache ist, dass im Alter die Kriegserlebnisse wieder hochkommen und die Wut über die Sinnlosigkeit der Opfer von Jahr zu Jahr immer stärker in dir hochkocht.«
Der Schmerz über den Verlust des Bruders war so groß und beharrlich, dass er für den Rest des Lebens betäubt werden musste. Ihre Wut war nur still, aber nie weg. Sie übertrug sich auf die nächste Generation, ohne dass diesen Wütenden die Ursache ihrer Wut bewusst geworden wäre.
Ich weiß, dass wir nicht die Einzigen sind. Die Wut, dieses Kind der Ohnmacht, ist das Erbteil, das die Generation der Jugendlichen, die in den Krieg hineinwuchsen, ihren Kindern hinterlassen hat. Und womöglich, in mutierter Form, auch ihren Kindeskindern.
Heinz Meyer rückte im September 1939 ein. Die Briefsammlung beginnt erst im November, nachdem er die Kaserne von Zuffenhausen in seiner Heimatstadt Stuttgart hatte verlassen müssen und seine Ausbildung in Ostmähren weiterging.
Kremsier, den 10.XI.1939
Liebe Eltern und Geschwister!
Nun sind wir schon einen Nachmittag in unserer neuen Kaserne. Heute Morgen um 6 Uhr sind wir in Kremsier angekommen. Unsere Kaserne ist sehr geräumig, sie ist ungefähr so angelegt wie die Rotebühlkaserne in Stuttgart. Also in der Mitte ein großer Hof. Wir bekamen ungeheure Spinde. Die ganze Kaserne wurde, bevor wir sie bezogen haben, erst einmal entwanzt, so hoffen wir, dass wir keinen nächtlichen Besuch bekommen. Kremsier ist ein Städtchen mit circa 20 000 Einwohnern, darunter ziemlich viele Juden. Die Bevölkerung ist uns natürlich nicht besonders wohlgesinnt, aber irgendetwas zu unternehmen hüten sie sich natürlich.
Den Transport habe ich gut überstanden, und es ist mir jetzt wieder ganz gut. Wir hatten ungefähr bis Linz schönes Wetter, dann wurde es aber regnerisch, und so ist es bis jetzt geblieben. Die Strecke von Rosenheim bis Linz war wunderschön. In Wien hatten wir etwas Aufenthalt, konnten aber die Stadt nicht ansehen. Man sieht halt ein großes Häusermeer. Die Donau sah ich auch mit einigen Dampfern darauf, sie ist aber nicht besonders breit. Unser Korporal Kopp, der auf Vorkommando war, hat uns die schönste Stube belegt. Wir haben jetzt 2 Stuben, die ineinandergehen für unsere Gruppe. Ihr seht also, es geht uns sehr erträglich. Was für Dienst wir haben, bin ich natürlich gespannt. Zu kaufen gibt es hier fast alles, und zwar spottbillig. Ein Brötchen kostet 2 Pfennig. Sie sind allerdings ein bisschen kleiner als deutsche. Jedes Stück Torte kostet 10 Pfennig. Kaffee, und zwar Bohnenkaffee, und Kuchen kostet 25 Pfennig. Zurzeit dürfen wir allerdings noch nicht aus der Kaserne.
Ich hoffe, dass es Euch allen gut geht, auch, dass es Beate besser geht. Ich wäre Dir, lieber Vater, sehr dankbar, wenn Du mir nach einem deutsch-tschechischen Sprachführer sehen könntest. Wir waren alle ganz baff, dass wir es so gut getroffen hatten.
Ich grüße Euch alle herzlich, besonders Dich, liebe Mutti,Euer Heinz
Meine genaue Anschrift:Feldpostüber deutsche Dienstpost Böhmen-MährenAn den Soldaten H. Meyer3. Komp./Inf. Ers. Batl 238Kremsier/MährenPostleitstelle Prag
So weit war der 18 Jahre alte Heinz noch nie von zu Hause fort gewesen, und er bemühte sich, seiner Familie die Reise anschaulich zu schildern. Die Stadt, in die er gekommen war, hieß bis 1939 und heißt heute Kroměříž. Im März 1939 kam der Ort durch die Gründung des Protektorats Böhmen und Mähren unter deutsche Herrschaft. Die bestehende Kaserne wurde fortan für Infanterieeinheiten der Wehrmacht genutzt. Heinz’ Einschätzung, dass es viele Juden gäbe, traf nicht zu. Nur etwa zwei Prozent der damaligen Bevölkerung bekannten sich zum jüdischen Glauben. Vielleicht führte ihn der Anblick der prächtigen Synagoge in die Irre, die 1939 noch im Stadtzentrum stand. 1942 wurde sie auf Befehl der deutschen Besatzer abgerissen. Drei Jahre nach Heinz’ Dienstzeit in Mähren wurden fast alle Juden dieser Stadt deportiert. Ein Gedenkstein erinnert heute daran, dass fast 300 Juden aus Kroměříž von den Nazis ermordet wurden.
Im Zug nach Kremsier: Heinz wahrscheinlich zweites Fenster von links
Kremsier, den 16.XI.1939
Liebe Eltern!
Nun sind wir schon bald eine Woche an unserem neuen Standort. Was wohl die Tschechen am meisten von uns unterscheidet, ist ihr Dreck; das fällt einem fast überall auf. Die Leute in den Geschäften sprechen meist etwas Deutsch. So recht eingelebt habe ich mich eigentlich noch nicht, aber das wird wohl bald kommen. Wir haben jetzt schon um 17 Uhr Befehlsausgabe und erst um 22 Uhr Zapfenstreich. Manchmal gehe ich ins Café, aber das läuft doch zu sehr ins Geld, weil ich da gleich unheimlich esse. Wenn ich als mal genug habe, dann denke ich, wie schön es daheim ist, und dann habe ich wieder eine gute Stimmung.
Mir geht es gut. Wir hatten in unserer Stube kein elektrisches Licht, da haben wir uns ein Stehlämpchen gekauft. Da sitzen wir abends gemütlich um den Tisch herum und schreiben. Beinahe jeder hat eine Flasche Pilsner Bier neben sich, denn komischerweise leiden wir immer an Durst. Heute war es schon ziemlich kalt, Schnee hat es jedoch keinen. Unser Ofen ist manchmal schon zum Glühen gekommen. Darüber hängen meine Socken, die sind jetzt schon 4 Tage nicht getrocknet. Ihr seht also, es geht ziemlich idyllisch zu bei uns. Ich bin nur gespannt, wann ich die erste Post bekomme. Es wäre mir recht, wenn Ihr mir meine Frisierhaube schicken würdet.
Liebe Mutter, Du brauchst Dich nicht zu sorgen, was meine Sicherheit anbetrifft. Wir gehen immer miteinander zu zweit aus, und da würden es die Tschechen nie wagen, einen anzugreifen. Wenn man zu ihnen freundlich ist, behandeln sie einen höflich und zuvorkommend.
Herzliche Grüße und viele Küsse sendet EuchHeinzGruß an Mitzi.
Johannes Heinrich, genannt Heinz Meyer, wurde am 27. Mai 1921 in Ulm geboren. Er war das zweite von sechs Kindern des Beamten Heinrich Meyer (geboren 1891 in Leutkirch) und seiner Frau Magda Auguste (geboren 1892 in Heilbronn). Die Mutter war mit einer Körperbehinderung auf die Welt gekommen – aufgrund einer Hüftluxation war ein Bein deutlich kürzer als das andere. Eine solche Fehlbildung kann heute wirksam behandelt werden, damals blieb sie ihr lebenslanges Schicksal. Sie musste einen dicken orthopädischen Schuh tragen, konnte nur langsam gehen und litt unter allerhand schmerzhaften Folgeschäden. Sie war stolz, dass sich trotz ihres Hinkens ein Mann in sie verliebt hatte.
Magda und Heinrich Senior, Verlobungsfoto 1918
Auch die Erstgeborene und Schönste, geboren 1919, hieß Magda. Von den Eltern wurde sie mit dem vielsagenden Kosenamen »die Einzige« gerufen, die fünf Geschwister nannten sie auch »Nanna«. Das blonde Mädchen mit den dicken Zöpfen war so hübsch, dass sie mit 18 Jahren als Maienkönigin auf einem Wagen durch Stuttgart-Degerloch gefahren wurde. Sie war bei den jungen Männern sehr beliebt und zu Kriegsbeginn verlobt mit dem nach Einschätzung meiner Mutter fantastisch aussehenden Günter, der blaue Augen und schwarzes Haar gehabt haben soll.
Auch in späteren Jahren hatte Magda eine ganz besondere Anziehungskraft. Sie war die Lieblingstante von uns Kindern. In meiner Kindheitserinnerung sehe ich sie in ein sanftes Licht getaucht, wie in Sonnenlicht, das durch Karamell scheint. Sie war sehr elegant gekleidet und roch fantastisch. Wir Kinder fassten sie gerne an und liebten es, von ihr umarmt zu werden.
Magdas Jugend-Verlobter Günter war Landwirtschaftsstudent an der Universität Hohenheim und Gebirgsjäger. Der Plan war, dass er nach seiner Ausbildung zum Landwirt im Warthegau, einem vom Deutschen Reich völkerrechtswidrig annektierten Gebiet in Polen, zusammen mit Magda ein Gut übernehmen sollte. Magda absolvierte dafür – wie ihre Schwester Elfriede aus vageren Gründen – ihr Pflichtjahr auf einem Bauernhof. (Dabei handelte es sich um einen für junge Frauen bis 25 Jahren verbindlichen Arbeitseinsatz, bei dem sie Haushaltsführung lernen sollten.) Ursprünglich wollte Günter seine zweijährige Wehrpflicht bei den Gebirgsjägern im Herbst 1939 beenden. Doch weil Krieg war, blieb er bei der Wehrmacht. Er wollte – und musste wohl auch – gegenüber dem Vaterland seine »Pflicht« tun und wurde zunächst Ausbilder in Füssen.
Die Geburten der Kinder Nummer drei, vier, fünf und sechs hatte die Mutter wie unvermeidliche Opfer hingenommen. Sie sagte offen, dass zwei, also Magda und Heinz, ihr genügt hätten. Den Rest titulierte sie mit dem Begriff »Grambelware«, ein vergessenes Wort.
Elfriede
Die Jüngeren gingen zur Zeit, als der Zweite Weltkrieg begann, noch zur Schule. Elfriede (»Elle«, das »Rosenäpfelchen«) war das dritte Kind, geboren 1923. Sie besuchte das Mörike-Gymnasium, genannt evangelisches Töchterinstitut, auf dessen Schwesterschule, das Heidehof-Gymnasium, ich eine Generation später geschickt wurde. Christa (»Edda«), geboren 1925, und Beate (»Beatle, »Bea«), geboren 1928, waren zu jener Zeit ebenfalls Schülerinnen. Nachzügler Sieghard (»Sigi«, »Siegerle«), geboren 1933 im Jahr von Adolf Hitlers Machtergreifung, war noch nicht eingeschult. Ihre Rollen in der Familie – nach der »Einzigen« und dem »Herzensbub« – waren unterschiedlich: Elfriede war unter den Kindern die Patente, Ideenreiche, Christa die Gutherzige, Verträumte, Beate die Exzentrische, Willensstarke – und Siegerle war zu jener Zeit wohl einfach nur süß, ein Fan seines Bruders und Anbeter seiner Schwestern.
Weil die Mutter körperlich nicht belastbar war, gehörte zum Haushalt ein »Mädchen«, eine Hilfe, die immer wieder wechselte. Stets stammten die »Mädchen« aus Familien, die dem Vater aus frommen evangelischen Kreisen bekannt waren. 1939 war es Mitzi.
Bruder Heinz war der Liebling aller, ein kluger, lustiger und seelenvoller junger Mann, entgegen der allgemeinen Familien-Physis groß gewachsen und sportlich. Sein helles, welliges Haar, das er von seiner Mutter geerbt hatte, bändigte er mit einer Frisierhaube, die er nachts trug.
Magda, Sieghard, Christa, Heinz, Beate, Elfriede (von links) am Waldenbucherplatz
Kremsier, den 20.XI.1939
Liebe Eltern!
Herzlichen Dank für Eure lieben Briefe, die beide miteinander eintrafen. Ich habe sehnlichst auf den ersten Gruß von daheim gewartet.
Am Sonntag war ich im Kino, da wurde ein deutscher Film gegeben, Mit versiegelter Order. Der Balkonplatz kostete 5 Kronen 20, das sind 52 Pfennig. Zuvor war ich mit einem Kameraden im Kawana (Kaffeehaus). Dort aß ich mich für 90 Pfennig satt an süßen Sachen. So kann man billig leben, obwohl man dafür auch wieder mehr isst. Du schreibst in Deinem Brief, liebe Mutti, was Du mir schicken könntest. Ich könnte sehr nötig ein paar Marschriemen gebrauchen.[1] Die kauft man am besten in einem Schuhgeschäft, das Rohrstiefel führt. Wenn Du mir als mal ein Päckchen schicken willst, freut mich das sehr, Du kannst etwas Obst reintun und etwas Zigaretten, denn das hiesige Kraut kann man nicht rauchen. Weißt Du, wenn Du mir auch etwas schickst, was ich hier kaufen könnte, so ist das von daheim, und das ist das Schöne. Liebe Mutti, das liebe Briefchen in der Essschachtel ist mir in Zuffenhausen mitten im Packen in die Hände geraten, da war es mir nochmals ein lieber Abschiedsgruß von daheim, denn es zeigte mir, wie Ihr immer an mich denkt und im Geiste bei mir seid. Und das ist ein wunderbares Gefühl.
Die letzte Woche machten wir einen 30-km-Marsch in die Umgebung. Da sahen wir allerhand. Die Landschaft ist dort sehr anmutig. Sie ist sehr hügelig, ähnlich wie auf der Schwäbischen Alb, in den Dörfern findet man noch strohgedeckte Häuser. Dann sind die Leute teilweise ganz ostisch angezogen mit Fellmützen und Überhängen. Die Frauen haben die Kinder in einem Tuch auf den Rücken gebunden. Wir haben in so einem Dorf einen einzigen alten Deutschen getroffen, der allein unter den Tschechen wohnt. Die meisten jungen Mädchen ergriffen die Flucht, wenn sie uns sahen; die Bevölkerung ist da sehr scheu. Die Straßen sind alle ungepflastert, also fehlt es nicht an Dreck. Aber nun für heute genug. Besondere Grüße und Küsse für Sigi für seinen Kartengruß.
Herzlich grüßt Euch und alle Geschwister
Euer Heinz
Kremsier, den 23.XI.1939
Liebe Magda!
Heute Abend habe ich Deinen Brief erhalten. Schon den ganzen Tag hoffte ich, dass ich abends Post bekäme, so freue ich mich heute doppelt. Weißt Du, Du solltest sehen, wie jeder auf Post wartet, denn das ist bald die einzige Abwechslung, die wir hier haben.
Liebe Magda! Du kannst Dir denken, dass wir ebenso in einer Spannung lebten wie Ihr, wann es jetzt fortging. Plötzlich hieß es eines Tages, es war am 6. November, ab 12 Uhr darf niemand mehr die Kaserne verlassen, und es darf auch nicht mehr telefoniert werden. Deshalb konnte ich damals auch Mutti nicht mehr anrufen, wie es mir gehe.
Am ersten Samstag schon bekamen wir Ausgang. Ich ging mit einigen Freunden in ein Kaffeehaus, und da aß ich so viel Kuchen und Torte, wie ich nur hinunterbrachte, dazu 2 Kaffee. Nachher machte die ganze Rechnung nur 1,25 RM, das ist doch sehr billig. Schokolade können wir immer eine Tafel kaufen. Es ist eben so, dass sich die Leute nicht auskaufen lassen. Es besteht da ein Gesetz, dass die Ladeninhaber im Jahre 1939 nicht mehr verkaufen dürfen wie im Jahr 1937, deshalb sind die Kaufleute vorsichtig, dass sie nachher auch noch was zu verkaufen haben. Für Seifen braucht man eigentlich Karten, wir bekommen sie aber in manchen Läden auch so. Man muss immer höflich und schneidig auftreten, dann geht es am besten. Erst hab ich mir auch ein Kilo Birnen gekauft zu 50 Pfennig. Am letzten Sonntagvormittag habe ich gewaschen. Es ist ganz gut gegangen, mein Drillich wurde schön weiß, ich war direkt erstaunt.
Du schreibst, bei Euch sei es jetzt richtig herbstlich, das ist bei uns allerdings auch der Fall. Seit ein paar Tagen weht ein eisiger Wind, und heute Nacht ist alles zusammengefroren; Schnee hat es jedoch keinen. Wir litten alle an kalten Füßen, da habe ich die gewirkten Socken von Großvater[2] angezogen, da hatte ich warme Füße. In unserer Stube ist es herrlich warm, wir haben einen guten Ofen. Wie es eigentlich mit der politischen Lage aussieht, davon wissen wir hier fast nichts. Wir hörten, dass die Attentäter von München geschnappt seien und dass sich zwei Engländer darunter befänden. Das konnte man sich natürlich denken. Wir denken eher, dass es erst im Frühjahr losgeht, denn diese Witterung ist sehr ungünstig. Ich habe gestern Günter geschrieben, allerdings noch nach Sonthofen. Auch unsere Unteroffiziere und Gefreiten, die von der Front kamen, haben erzählt, wie fad es an der Westfront sei. Es ist eben ein Warten, und das ist immer nervenaufreibend. Aber wir leben jetzt in einer Zeit, die unseren ganzen Idealismus verlangt. Liebe Magda, es würde mich sehr freuen, wenn Du mir als eine Zeitschrift schicken würdest, denn da kommt ja immer das Neueste in Bildern, so könnte ich auch manches erfahren. Schreibt mir auch fleißig.
Es grüßt Euch alle herzlichHeinz
Das Attentat von München, das Heinz erwähnte, wurde nicht von Engländern verübt, sondern von einem deutschen Einzeltäter: Am 8. November 1939 versuchte der württembergische Kunstschreiner Georg Elser mithilfe einer Zeitbombe im Münchner Bürgerbräukeller Adolf Hitler und andere führende Nationalsozialisten in die Luft zu sprengen. Er scheiterte nur knapp, weil Hitler und sein Führungsstab früher aufbrachen als geplant. Elser wollte durch die Beseitigung der NS-Führung den Weltkrieg stoppen, den er schon früh kommen sah.
Kremsier, den 24. Nov. 1939
Liebe Mutter!
Wir hatten heute Morgen von 7 bis ½ 3 Uhr einen 30 km Reisemarsch, dazwischen mit kleineren Gefechten. Du kannst Dir denken, dass wir alle sehr genug hatten, und so freute ich mich heute doppelt, dass Post von daheim kam; ich danke Dir herzlich dafür. Von der Landschaft sahen wir wieder viel Schönes. Wenn man in Kremsier ist, würde man nie glauben, dass 15 Kilometer weg ein Hügelland ist, mit anmutig liegenden Dörfern und Wäldern. Wie wir ausmarschierten, zogen die Bauern zum Markt nach Kremsier. Bauersfrauen hatten Gretten[3] auf dem Rücken, da schnatterten Gänse heraus, andere trugen Hennen auf dem Arm, so war es ein bewegtes Bild, an dem wir unseren Spaß hatten.
Nun will ich Dir aber einige Fragen aus Deinem lieben langen Brief beantworten. Wie ich ihn herausnahm, sah ich zuerst nach, wie groß er war, da freute ich mich schon, dass ich so lange zu lesen hatte. Unsere Verpflegung ist ordentlich. Brot gibt es immer genügend, sodass man sich im Notfalle etwas dazu kaufen kann. Allerdings bin ich beim Kommiss[4] zum Vielfraß geworden. Der Dienst ist eher strenger wie in Zuffenhausen, doch macht mir das keine Schwierigkeiten. Wenn man sein Sach in Ordnung hält, braucht man nicht aufzufallen. Mit meiner Löhnung komme ich gut aus, ich habe ja auch noch 20 RM[5] Rücklage, sodass ich in einem Ausnahmefall gedeckt bin. Wenn Du denkst, dass man Gesälz schicken kann, wäre mir das sehr lieb. Recht wäre mir auch, wenn Ihr mir ein Stück Klorolle schicken würdet.
Eine evangelische Kirche gibt es meines Wissens hier nicht. Für heute muss ich schließen, weil es ¾ 10 Uhr ist.
Es grüßt Dich und die Lieben alle herzlichDein Heinzebub
Gruß an Mitzi.
Kremsier, den 30. Nov. 1939
Liebe Elfriede!
Gestern habe ich das Fresspaketchen glücklich erhalten. Gestern Mittag haben wir einen Ausflug nach Zlin gemacht. Dort befinden sich die riesigen Bata-Werke. Dieser Bata[6] stellt alles her und hat unheimlich Geld. Er hat in Zlin einen ganzen Stadtteil gebaut nach amerikanischem Muster. Da stehen Hochhäuser mit 16 Stockwerken, dann hat es riesige Fabrikgebäude, ein herrlich ausgestattetes Museum, ein riesiges Warenhaus und ein Riesenhotel. In dem Warenhaus gab es überhaupt alles, da konnte man einkaufen für billiges Geld. Kaffee kostet dort 5 Pfennig. Eine Tafel herrlicher Schokolade 25 Pfennig. Ich aß so eine Tafel innerhalb weniger Minuten glatt auf. In dem Hotel wurden wir dann bewirtet auf Kosten der Kompanie. Das war ein schöner Nachmittag.
Heute früh waren wir beim Duschen im hiesigen Stadtbad, das war herrlich nach beinahe vierwöchiger Pause.
Ich kann mir denken, dass Du viel arbeiten musst, und wie mir Hansjörg[7] geschrieben hat, geht es in der Schule beinahe strenger zu wie früher. Ich wünsche zum Zeugnis alles Gute. Wie es mit der politischen Lage aussieht, weiß man ja nicht. Wir sind sehr gespannt, wie das nun weitergeht.
Ihr werdet schon langsam mit den Weihnachtsvorbereitungen beginnen, denn am Sonntag ist ja der erste Advent. Hoffentlich kann ich dann bei Euch sein, das wäre prima.
Herzlich grüßt DichDein Bruderherz Heinz
Kremsier, den 3. Dezember 1939
Liebe Mutter!
Du kannst Dir denken, wie ich mich freute, als ich an einem Abend 3 Paketchen bekam und alle von daheim. Ihr habt mir wirklich eine große Freude gemacht mit dem Adventskränzchen, heute Abend zünde ich die Kerzchen an und denke an Euch, wie Ihr wohl im Wohnzimmer sitzt, die liebe Mutti am Klavier, und Ihr schöne Lieder singt. Dann kannst Du Dir vorstellen, mit welchem Genuss ich den Marmorkuchen angeschnitten habe. Elfriede hat den Adventskranz wirklich fabelhaft gemacht, ich danke ihr besonders. Es ist eigentlich schade, dass das Wetter hier nicht winterlich ist, sondern dass es regnet, aber dafür ist es dann nicht kalt.
Liebe Mutti! Mir geht es genauso wie Dir, wenn ich Eure Brieflein lese: dass sie zu schnell gelesen sind. Aber das lässt sich leider nicht ändern. Meine schmutzige Wäsche habe ich noch nicht waschen lassen, ich habe jetzt noch eine Garnitur frisch. Socken habe ich noch viele gar nicht angehabt, ich bin also gut versehen. Socken schicken geht nicht, ich wasche sie selber und flicke sie, das geht schon. Wenn ich Urlaub bekomme, sind es wohl 10 Tage, bekannt gegeben ist noch nichts. Du hast in Deinem Brief natürlich schön geschrieben, wie wir uns im Geiste die Hände reichen.
Jetzt habe ich gerade den Adventskranz angezündet um ½ 9, und nun will ich weiterschreiben. Wir wollen hoffen, dass über Weihnachten nicht viel gekämpft wird, dass doch alle Weihnachten fröhlich verleben können.
Hoffentlich wird das mit Beate endlich besser, dass sie wieder in die Schule kann.
Herzliche Grüße sendet Dir und den Lieben alleDein Heinzebub
Die stets kränkliche Beate wurde 92 Jahre alt. Die Wut, die sie mit sich herumtrug, richtete sie nach dem Krieg gegen die beiden einzigen Geschwister, die Kinder bekommen hatten, also Magda und Elfriede. Im Alter verschanzte sie sich im Elternhaus in Degerloch, das durch ihre ausgeklügelten Manipulationen in ihren alleinigen Besitz gekommen war, und lehnte jeden Kontakt mit der Familie ab.
Beate hatte ein langes Jurastudium hinter sich. Sie konnte es zwar aufgrund von Prüfungsangst nicht abschließen, ihre Kenntnisse reichten allerdings aus, um im Jahr 1968 das Haus am Waldenbucher Platz in Stuttgart-Degerloch ihren Eltern durch sogenannten »Kindskauf« für einen Bruchteil seines Wertes abzukaufen. Magda und Elfriede verzichteten auf ein Gerichtsverfahren. Sie rätselten bis an ihr Ende darüber, warum sich die Eltern auf diese faktische Enterbung der anderen Kinder eingelassen hatten. Der Satz, mit dem sie ihre Diskussionen darüber beendeten, blieb immer gleich: »Hätte Heinz noch gelebt, wäre das nicht passiert.«
Im ersten Absatz von Beates Testament hieß es: »Meine Familie und ihre Nachkommen schließe ich vom Erbe aus.«
Erbe war eine gemeinnützige Stiftung. Trotzdem schaffte ich es mit einer Zielstrebigkeit, die mich im Nachhinein selbst verblüfft, den Testamentsvollstrecker dazu zu bringen, dass er mich und meinen Cousin das Haus am Waldenbucher Platz vor seinem Verkauf noch einmal betreten ließ. Scharf beobachtet vom Testamentsvollstrecker durften wir Dinge ohne materiellen Wert wie Fotoalben und Familienpapiere an uns nehmen. Die Familienbibel mit der eingehefteten Heiratsurkunde unserer Großeltern, in der unser Großvater handschriftlich die Geburten der sechs Kinder vermerkt hatte, überließ er uns nach kurzer Verhandlung auch – eigentlich hatte er erst prüfen wollen, ob sie vielleicht antiquarischen Wert habe.
In Beates aufgeräumtem Schreibtisch fanden wir unter anderem zwei Schachteln, in denen 281 Briefe meines Onkels an Eltern und Geschwister lagen. Wir hatten die Hoffnung auf ein paar wenige Relikte gehabt, aber keine Ahnung, dass es diese ganzen Briefe noch gab. Als ich sie entdeckte, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen sagen: »Ach, da sind sie ja!«
Für mich fühlte es sich sogar noch eher so an, als sagten die Briefe zu mir: »Ach, da ist sie ja!«
Ich durfte sie mitnehmen.
Den Entrümpler hatte der Testamentsvollstrecker schon bestellt.
Kremsier, den 3. Dez. 1939
Liebe Elfriede!
Am Donnerstagnachmittag kam unterm Waffenreinigen plötzlich ein Unteroffizier auf unsere Stube und sagte zu mir und noch 5 Mann, sofort fertig machen, es kam gerade ein Befehl, dass wir eine Schießbahn bewachen müssen. Ich hatte an dem Abend ins Kino gewollt, so ärgerte ich mich etwas. Wir machten uns fertig, da wurde noch Post ausgeteilt, und Dein Brief kam. Da ich keine Zeit hatte, ihn noch zu lesen, schob ich ihn in die Tasche. Wir marschierten nun in die Nacht hinaus und langten so nach einer Dreiviertelstunde an der Schießbahn, die im Wald lag, an. Dort war ein kleines Haus mit dem Wachlokal. Wir suchten Holz und machten uns ein Feuer. Bei Kerzenschein zog ich nun Deinen Brief aus der Tasche und las ihn. Du siehst also, unter sehr romantischen Umständen. Wir mussten dort alle 4 Stunden 2 Stunden lang eine Wache machen, immer zu zweit. In der anderen Zeit konnte man auf einer Holzpritsche schlafen. Doch wir binokelten[8] und lasen bei Kerzenschein als einmal wieder, denn man kann da nicht richtig schlafen. Wie wir so zu zweit in dem Walde bei Sternenhimmel Posten standen, da fiel mir das Lied ein: Argonnerwald … Da ist es sehr schön, von der Heimat zu träumen, und von Euch allen. Wir hörten als mal ein Rehlein schreien, das war wirklich so nach meinem Geschmack. Morgens um 7 Uhr kamen schlesische Arbeiter, arme Teufel in zerlumpten Kleidern. Einer sagte zu mir in gebrochenem Deutsch »Stiefel tauschen«. Da zeigte er mir seinen Schuh, an dem hatte er die Sohle mit einem Strick festgebunden, dabei versank man bis über die Knöchel in Dreck und Wasser. Wie wir wieder heimkamen, ging es zum Duschen. Du kannst Dir ja denken, wie herrlich das war. Heute Morgen wurde für die Soldaten ein Film gegeben, Der Hund von Baskerville, das war pfundig.
Es grüßt Dich nun herzlichDein treuer Bruder Heinz
Kremsier, den 6. Dezember 1939
Nanna, mein liebes Schwesterherz!
Habe vor einigen Tagen die Illustrierten bekommen. Herzlichen Dank, denk nur, ich konnte sie noch nicht einmal ansehen. Wir müssen wirklich jeden Tag die Kleider waschen und dann fast immer Schuhe richten, Koppelzeug in Ordnung halten und was wir halt haben. Gestern habe ich auf unserem Ofen ein Hemd, eine Unterhose und ein Unterleibchen gekocht. Soeben pfeift der U. v. D,[9] »fertig machen zum Antreten«. Jetzt muss ich leider schließen, sonst kommt der Brief heute nicht mehr weg.
Sei also herzlich gegrüßtvon Heinz
Ich staunte fast ungläubig, wie frisch diese Briefe aussahen, obwohl die ältesten vor mehr als 80 Jahren geschrieben waren. Meistens war das Papier glatt, die Tinte blau, die Schrift sorgfältig und klar. Sie wirkten, als wären sie seit dem Tod des Verfassers im Februar 1945 von niemandem mehr angesehen worden und hätten keinen Lichtstrahl mehr abbekommen.
Die Geschichten von geöffneten Sarkophagen fielen mir ein, in denen man den jungen Körper eines Verstorbenen in voller Schönheit ein letztes Mal sehen kann, aber nur wenige Sekunden lang, bevor er zu Staub zerfällt. Ich erschrak und schloss die Schachteln schnell wieder.
Das Gefühl des Gehetztseins, das sich daraus ergab, verließ mich nicht mehr. Es ließ auch später in meinem Arbeitszimmer in Bad Homburg nicht nach, als ich immer besser lernte, die altdeutsche Sütterlinschrift zu entziffern, in der die Briefe geschrieben waren. Es verstärkte sich sogar. Nun schien es mir aus unerfindlichen Gründen, als wäre es mir nur für einen kurzen Moment vergönnt, den Inhalt der Briefe aufschlüsseln zu können, und sogleich würde er wieder in der Unleserlichkeit versinken. Ich hetzte von Buchstabe zu Buchstabe, von Wort zu Wort, von Zeile zu Zeile, von Absatz zu Absatz. In Phasen kritischer Kriegshandlung hatte Heinz oft nur schlechtes, bräunlich graues Papier zur Verfügung, er schrieb nicht mehr mit Tinte, sondern mit Bleistift, die Schrift wurde undeutlich, wie in höchster Eile hingeworfen, und ich musste das Papier schräg unter helles Licht halten, um die Linien zu erkennen. Manchmal erschienen mir Wörter, die ich nicht gleich entziffern konnte, nachts in meinen Träumen. Leider nicht, wie erhofft, mit der Lösung.
In meinen Zwischenrufen und Erläuterungen habe ich versucht, ein Bild von der Familie meiner Mutter zu zeichnen, die Berichte mit dem Verlauf des Krieges zu verbinden und meine eigene Wahrnehmung zu beschreiben – sofern mir das möglich war.
Kaum hatte ich zu lesen begonnen, fing ich auch schon an, dem Reflex der Journalistin folgend, nach weiteren Quellen, Belegen und Hintergrundinformationen zu suchen. Ich aktivierte alles, was mir zur Verfügung stand. Ich nahm mir weitere bei Beate aufgefundene Papiere vor, darunter auch einige Briefe meiner Großmutter, die ich erst nach und nach entziffern konnte. Einige wenige waren an Heinz gerichtet. Ein paar weitere an ihren Mann. Stück für Stück kehrte meine Erinnerung an die allgemeine Familienerzählung wieder, die sich nicht auf klare Quellen zurückverfolgen lässt. Dazu gehören auch die religiösen Überzeugungen meiner Großeltern. Ich erinnerte mich an Erzählungen meiner Mutter, die ich bisher nicht ganz verstanden hatte und deren Zeitbezug mir nie wirklich klar geworden war. Ich holte die Aufzeichnungen hervor, die sie im Jahr 2007, fünf Jahre vor ihrem Tod, für mich in ihren Computer getippt hatte. Welch ein Glück, dass ich sie darum gebeten und sie mir den Wunsch erfüllt hatte! Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg sind zum Glück umfassend beschrieben. Plötzlich schienen sich die zum Thema passenden Dokumentationen im Fernsehen vervielfacht zu haben, und ich schaute mit neuem Interesse hin. Ich griff nach allen erreichbaren Fach- und Schulbüchern. Ich las serienweise Artikel aus dem Archiv der FAZ. Und natürlich surfte ich durchs Internet. Außerdem führte ich Gespräche mit einem Bundeswehrsoldaten mit Kampferfahrung und begab mich damit auf ein völlig unbekanntes Terrain.
Vor allem aber fing ich an, jeden erreichbaren Altersgenossen nach allem zu fragen, was er über die Kriegserlebnisse seiner Eltern weiß. Die Geschichten, die ich erfuhr, sind herzzerreißend. Aber kaum jemand konnte sie im Zusammenhang wiedergeben.
Die Überlebenden der Höllenjahre haben uns nur Bruchstücke ihrer persönlichen Geschichten erzählt. Sie wollten nach vorne schauen. Und sie haben uns ohnehin nicht zugetraut, dass wir sie verstehen. Nun lebt kaum noch einer von ihnen. Wir hätten ihnen mehr Fragen stellen müssen. Und vor allem bessere Fragen.
Kremsier, den 9. Dez. 1939
Liebe Mutti!
Diese Woche war sehr bewegt. Von Montag bis Mittwoch waren wir immer im Gelände und kamen drecküberzogen heim. Abends musste dann immer alles gerichtet werden, und dann war ich immer so müde, dass ich keine Lust mehr zum Schreiben hatte, ich schlief am Tisch beinahe ein. Am Donnerstagmorgen mussten wir um ¾ 3 Uhr aufstehen, dann ging es in die Nacht hinaus. Ich marschierte mit zwei Leuten, »vorne draus«. Das war ganz gemütlich. Um 5:30 Uhr ungefähr machten wir eine Pause und warteten, bis es dämmrig wurde. Da saß ich mit einigen Kameraden in einem Reisighaufen. Auf meinem Gewehr hatte ich meine Lampe hängen, das sah ganz weihnachtlich aus, da sangen wir Stille Nacht. So ist es oft sehr romantisch bei uns. In der Dämmerung machten wir dann einen Angriff auf einen Wald, in dem ein Zug von uns den Feind darstellte. Um 11 Uhr mittags kamen wir dann wieder in die Kaserne. Gestern hatten wir Bekleidungsappell, da musste viel gewaschen werden; jetzt ist es glücklich Samstagnachmittag, und wir haben frei.
Du siehst also, wir haben es ziemlich streng, aber ich bin Gott sei Dank gesund und frisch und kann den Dienst gut mitmachen. Ich freue mich, bis mir Hansjörg Hau das erste Mal vom Kommiss aus schreibt. Es wird Dir auch eine Beruhigung sein, dass jetzt mehrere von meiner Klasse weg sind, in die Schule werde ich wohl nicht mehr richtig reingelassen. Schick bitte keine Weihnachtspaketchen vorerst ab, ich hoffe, dass ich heimkomme, wenn nicht an Weihnachten, so doch an Neujahr. Ob ich Kaffee und Tee bekommen kann, weiß ich noch nicht. Du darfst nicht denken, dass ich vielleicht den Kopf hängen lasse, weil es hier langweilig ist. Nein, unsere Stimmung ist gut, und wir machen es uns so gemütlich wie möglich. Man hat nur keine geistige Bewegung, und da verdummt man etwas; weil man wieder zum Lesen oft zu müde ist. Am Westwall ist es aber noch viel langweiliger als bei uns. Morgen früh ist ein Konzert, wo 40 Mann von uns hingehen, da freu ich mich sehr.
Es grüßt Dich nun herzlich
und Vater und Geschwister ebenfallsDein Heinzebub
Kremsier, den 12. Dezember 1939
Liebe Magda!
Mir geht es gut, besonders heute! Für heute Mittag war eine Nachtübung mit 30 Kilometer Marsch angesetzt; um 14 Uhr wäre Abmarsch gewesen; plötzlich um 13 Uhr hieß es, der Marsch fällt aus. Da haben wir uns schwer gefreut. Ich glaube nicht, dass es bei uns kälter ist als bei Euch. Kremsier liegt nur etwas über 100 Meter hoch,[10] deshalb schneit es nicht so gleich. Wir haben also noch keinen Schnee. Wir können froh sein, dass es jetzt über Weihnachten so ruhig ist, sonst könnten wir Soldaten alle nicht in Urlaub kommen, und das wäre ein schwerer Schlag.
Für Frau Augustin freut es mich, dass ihr Mann noch in der Tschechei bleibt. Von ihr kam ein Päckchen mit 24 Manoli zu 5 Pfennig.
Ich hoffe nun auf ein baldiges Wiedersehen
und grüße Dich herzlichDein Heinz
Hildegard Augustin, die Stifterin der Manoli-Zigaretten, war eine Nachbarin der Meyers. Hansjörg Hau ein Klassenkamerad. Hansjörg, Heinz und ein weiterer Klassenkamerad hatten das »Notabitur« erhalten, eine Reifeprüfung unter erleichterten Bedingungen, um sofort für den Kriegsdienst zur Verfügung zu stehen.
Aus Elfriedes Erinnerung:
»Heinz ging aufs Karlsgymnasium. Er kam 1939 in die Abiturklasse und wurde im Juni gemustert, wie das damals üblich war. Sein bestes Fach war Mathematik, er wollte Maschinenbau studieren.«
Drei aus seiner Klasse, er und zwei Mitschüler, wurden schon am 27. August 1939 eingezogen zur Infanterie. Sein Klassenkamerad und bester Freund Jörg Spindler blieb vorerst noch auf der Schule und machte 1940 sein reguläres Abitur.
Elfriede schrieb weiter:
»Kurz vor Kriegsbeginn war Frau Augustin rüber zu Mutti gekommen, um ihr zu erzählen, dass ihr Mann eingezogen worden war. Gemeinsam weinten sie. Heinz sagte lachend zu Mutti: ›Sei froh, dass ich nicht ein Jahr älter bin, sonst wäre ich auch schon beim Militär.‹ Den beiden Frauen gefror das Blut in den Adern. Und wirklich: Heinz hatte zu früh gelacht. Wenige Tage später war er es.«
Ob das, was meine Mutter aufschrieb, alles so stimmen kann? Gerade die Geschichten, die man von Kindesbeinen an immer wieder hört, verdienen es, hinterfragt zu werden. Ist da aus unzähligen Wiederholungen vermeintliche Wahrheit entstanden?
Als ich im Lexikon der Wehrmacht auf die Information stieß, dass der Jahrgang 1921, dem Heinz angehörte, erst »ab Februar 1942 voll einberufen« war, verblüffte mich das erst einmal. Heinz und seine beiden Klassenkameraden waren also extrem früh dran. Was mir immer wie empörende Willkür dargestellt wurde, könnte auch einen anderen Hintergrund haben. Die Frage drängt sich auf: Hatte Heinz sich freiwillig zum Militär gemeldet?
Dagegen sprechen erst einmal die schlichten Daten: Heinz wurde eingezogen, bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte. Erster Tag der Mobilmachung war der 26. August. Der Überfall auf Polen fand einige Tage später statt.
Aus keiner der Quellen, die aus meiner Familie kommen, geht auch nur eine Andeutung auf einen solchen Entschluss hervor. Eine freiwillige Meldung wird auch von Heinz in keinem seiner Briefe erwähnt – dabei hätte er ja, zumindest während des triumphalen Beginns der deutschen Eroberungen, stolz darauf sein müssen. Als Gymnasiast hatte er ganz andere Pläne: Er wollte Abitur machen und studieren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es ihn aus dem warmen Familiennest wegzog. Wie sich zeigen wird, litt er furchtbar unter Heimweh. Und schließlich hätte seine Familie solch einen Entschluss nicht kommentarlos hingenommen. Meine Großmutter hatte große Angst um ihren Herzensbub, erst recht, als er schließlich an die Ostfront geschickt wurde. Doch weder in ihren Briefen noch in den seltenen Eintragungen in ihrem Tagebuch ist ein Wort dazu zu finden.
Und auch im vergilbten Durchschlag von leider nicht weiter gekennzeichneten Gedenkworten, die ich in Beates Dokumenten fand und die sehr nach evangelischem Pfarrer klingen, heißt es nur: »Von der Schulbank weg wurde er aus seinem Jahrgang heraus vorzeitig eingezogen.« Viele Indizien widersprechen also der formalen Angabe. Zumal er am 20. Februar 1940 schrieb, es seien bereits 18 seiner Mitschüler beim Kommiss – von 27.
Davon einmal abgesehen: Auch die sogenannte »Freiwilligkeit« in diesem Zusammenhang hatte viele Facetten. Die Gründe dafür waren vielfältig, mancher verpflichtete sich etwa auf Druck seines Umfelds, möglicherweise in der Hitlerjugend. Dort brachte Heinz es zum Scharführer. Allerdings, so zumindest schrieb Elfriede später, habe er sich aus Frust zum Spielmannszug versetzen lassen, weil »Ehrgeizlinge und Besserwisser« sich zunehmend »vorgedrängt« hätten.
Warum also wurde Heinz schon mit 18 Jahren eingezogen? An diesem Punkt stößt die Wahrheitsfindung an ihre Grenzen. Was wir aber wissen: Ein glühender Nazi war Heinz nicht, eher ein Mensch, der sich einfügte. Durch die Ausbildung bei der Hitlerjugend und durch die starke religiöse Prägung wurde ihm die Fähigkeit zur Unterordnung unter höhere Systeme systematisch eingeimpft.
Die große Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung, wie sie im ersten Weltkrieg noch ganze Schulklassen geschlossen zum freiwilligen Militärdienst verleitet hatte, kam dieses Mal ohnehin nicht auf. Die katastrophalen Erfahrungen von damals lagen zu kurz zurück, viele der Kriegsversehrten lebten noch. Elfriede schrieb weiter: »Als der deutsche Überfall auf Polen in der Nacht zum 1. September 1939 bekannt wurde, herrschten überall Angst und Bedrückung. Frau Augustin stammte aus Danzig.«
Frau Augustins Heimatstadt stand im Mittelpunkt des deutschen Überfalls auf Polen. Die Stadt, zwischen den damals deutschen Reichsgebieten Pommern und Ostpreußen gelegen, hatte nach dem Ersten Weltkrieg den Status einer »Freien Stadt« unter dem Schutz des Völkerbunds erhalten. Sie war also gewissermaßen ihr eigener Staat. Außerdem war Polen ein »Korridor«, ein Zugang zur Ostsee, zugebilligt worden, dieses Terrain zerschnitt also das Deutsche Reich. Die Lage und der Status Danzigs waren den Nazis ein Dorn im Auge. Nun zündeten sie von dort aus die Welt an.
Schon am 24. August 1939 war in Swinemünde das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein mit Kurs auf den Hafen von Danzig gestartet. Angeblich zu einem »Freundschaftsbesuch«. In Wahrheit hatte das Schiff unterwegs 225 Marineinfanteristen an Bord genommen. Auch propagandistisch hatten die Nazis den Angriff auf ihre abgefeimte Weise vorbereitet. SS-Männer fingierten am Abend des 31. August einen Angriff auf die Rundfunkstation Gleiwitz in Schlesien. Sie ließen getötete KZ-Häftlinge zurück, die sie in polnische Uniformen gesteckt hatten, um eine falsche Spur zu legen.
Um 4:45 Uhr in der Nacht zum 1. September begann die Schleswig-Holstein, das auf einer Halbinsel direkt bei Danzig gelegene polnische Munitionsdepot »Westerplatte« zu beschießen. Die Marineinfanteristen verließen das Schiff mit dem Auftrag, die Westerplatte zu erstürmen. In der Stadt hatte sich Albert Forster, Danzigs Gauleiter, zum Staatsoberhaupt erklärt und verfügte völkerrechtswidrig den Anschluss an das Deutsche Reich.
Die 218 polnischen Soldaten, die auf dem Munitionsdepot stationiert waren, verteidigten es mit äußerster Tapferkeit. Trotz der Angriffe von Sturzkampfbombern und weiterem Granatenbeschusses von der Schleswig-Holstein hielten sie sieben Tage lang durch, bevor sie kapitulieren mussten. In einer Radioansprache am Vormittag des 1. September 1939, die auch Magda Meyer und Frau Augustin gehört haben dürften, verdrehte Adolf Hitler das von ihm inszenierte Geschehen endgültig ins Gegenteil: polnische Truppen hätten das Deutsche Reich angegriffen. Er brüllte, wobei er sich um eine Stunde vertat: »Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!«
Das Volk glaubte ihm, eine andere Version kannte es nicht.
Kremsier, den 14. Dezember 1939
Liebe Mutter!
Nun eine große Neuigkeit. Meine Kompanie wird versetzt, und zwar wieder ins Altreich. Es gehen Gerüchte um, auf einen Truppenübungsplatz in der Nähe von Fulda. Wir sind sehr froh, dass wir aus Kremsier herauskommen und mal wieder etwas Neues sehen. Ich werde also voraussichtlich wieder näher der Heimat kommen. Das ist auch für den Urlaub ein großer Vorteil, denn dann geht nicht so viel Zeit für die Fahrt ab.
Gesundheitlich geht es mir gut, hoffentlich Euch auch. Ich weiß schon meine neue Adresse:
Soldat Heinz Meyer
Feldpostnummer 36025[11]
Sammelstelle 91727
Wir fahren Ende dieser Woche noch; schreibt also nicht mehr nach Kremsier.
Für heute grüßt Dich herzlichHeinz
Viele Grüße an Siegerle
Den 18. Dezember 1939
Liebe Eltern!
Heute früh um ½ 4 Uhr kamen wir glücklich an unserem Bestimmungsort an. Wir hatten gestern, am Sonntag, eine herrliche Fahrt durch die Böhmische und Sächsische Schweiz. Wir sind dort angekommen, wo wir vermutet hatten. Unsere Fahrt ging über Olmütz–Dresden–Leipzig–Erfurt und so weiter. Wir sind zurzeit in einem katholischen Gesellenhaus untergebracht in einem großen Saal. Es geht natürlich hier ziemlich eng her. Hier hat es etwas Schnee, es ist aber nicht besonders kalt.
Auf unserer Fahrt durch die Böhmische und Sächsische Schweiz kamen wir durch wunderbare Landschaften. Es hat hier zu beiden Seiten der Elbe riesige Felsen aus Buntsandstein; zum großen Teil mit Nadelwald bewachsen und alles im Winterkleid, das war herrlich. Wir haben davon Aufnahmen gemacht. Auf der Elbe fuhren Dampfer und große Kähne. Zweimal fuhren wir über große Elbbrücken, sie ist bei Dresden etwa doppelt so breit wie der Neckar bei Stuttgart.
