Höllische Qualen - Dieter Heymann - E-Book

Höllische Qualen E-Book

Dieter Heymann

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Beschreibung

Während der Reichsparteitag der NSDAP Ende August 1935 seine Schatten vorauswirft, überschlagen sich die Ereignisse im westfälischen Rheine: Im Bahnhof kommt es zu einem brutalen Raubüberfall auf einen Lohngeldtransport der Reichsbahn, bei dem ein junger Polizist sein Leben lässt. Zeitgleich treibt ein Taschendieb sein Unwesen in der Stadt. Am Abend desselben Tages wird zu allem Überfluss der dreizehnjährige Hitlerjunge Hubert Bensler als vermisst gemeldet. Auch am nächsten Tag reißen die Hiobsbotschaften nicht ab, als ein Unbekannter ermordet aus der Ems gefischt wird. Erst der von seiner Hochzeitsreise heimgekehrte Kriminalsekretär Martin Voß stellt den Zusammenhang zwischen all diesen Ereignissen her und erkennt die tödliche Gefahr, in der sich Hubert befindet. Wird er das Leben des Jungen retten und die Schuldigen fassen können?

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Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Während der Reichsparteitag der NSDAP Ende August 1935 seine Schatten vorauswirft, überschlagen sich die Ereignisse im westfälischen Rheine: Im Bahnhof kommt es zu einem brutalen Raubüberfall auf einen Lohngeldtransport der Reichsbahn, bei dem ein junger Polizist sein Leben lässt. Zeitgleich treibt ein Taschendieb sein Unwesen in der Stadt. Am Abend desselben Tages wird zu allem Überfluss der dreizehnjährige Hitlerjunge Hubert Bensler als vermisst gemeldet. Auch am nächsten Tag reißen die Hiobsbotschaften nicht ab, als ein Unbekannter ermordet aus der Ems gefischt wird. Erst der von seiner Hochzeitsreise heimgekehrte Kriminalsekretär Martin Voß stellt den Zusammenhang zwischen all diesen Ereignissen her und erkennt die tödliche Gefahr, in der sich Hubert befindet. Wird er das Leben des Jungen retten und die Schuldigen fassen können?

Der Autor

Dieter Heymann wurde 1968 in Spelle (Kreis Emsland) geboren und wuchs in Rheine auf, wo er auch heute lebt. Nach dem Abitur kam er in die öffentliche Verwaltung, in der er noch immer tätig ist. Neben Schwimmen und Radfahren liest er gerne Spannendes und engagiert sich in der Vorstandsarbeit seines Schützenvereins.

Höllische Qualen ist der fünfte Kriminalroman der Martin-Voß-Reihe und schließt an die Bücher Tod eines SA-Mannes, Blick ins Verderben, Verhängnisvolle Verschwörung und Der Zündler an. Außerdem schrieb der Autor die Inselkrimis Das Sterben auf Neuwerk und Die Vergeltung auf Neuwerk sowie den historischen Roman Im Dunkel des Roten Felsens.

Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite Dieter Heymann Autor.

Inhaltsverzeichnis

Dienstag, 27. August 1935

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Mittwoch, 28. August 1935

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Donnerstag, 29. August 1935

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Dienstag, 27. August 1935

1

„Musst du heute denn gar nicht zur Kartoffelernte?“, erkundigte sich Heidelinde Bensler bei ihrem Sohn Hubert.

Dieser war wenige Minuten zuvor zusammen mit seinen Geschwistern Barbara, Theo und August aus der Volksschule zurückgekommen und schon mit dem Eindecken des Tisches beschäftigt.

„Nein, heute nicht“, gab ihr Sohn zur Antwort. „Zwar waren heute Vormittag einige Bauern bei Herrn Möllemann und haben sich nach potenziellen Erntehelfern erkundigt, aber der musste sie auf morgen vertrösten. Denn wir Jungs müssen nachher zur HJ. Der Kameradschaftsführer hat für heute Nachmittag ein Übungsschwimmen in der Ems angesetzt.“

Seine Mutter seufzte. Immer diese Hitlerjugend! Viel lieber wäre es ihr gewesen, wenn Hubert einem der zahlreichen Landwirte in Dutum, einem Stadtteil im Westen der münsterländischen Kleinstadt Rheine, beim Ausmachen der Kartoffeln geholfen hätte. Für die jugendlichen Helfer fielen dabei stets einige Erdfrüchte ab, und der Haushaltskasse taten die paar Groschen, die den Kindern gezahlt wurden, auch gut! Mit dem Lohn, den ihr Mann Anton nach Hause brachte, kam die siebenköpfige Familie nämlich gerade einmal so über die Runden.

Die Landwirte der Umgebung meldeten ihren Bedarf an Arbeitskräften meist am frühen Morgen beim Schulrektor an, der diese Informationen an den Lehrer der beiden obersten Klassen, des siebten und achten Jahrgangs der Volksschule, weitergab. Klassenlehrer Möllemann wiederum bat vor dem Unterricht per Handzeichen um freiwillige Meldungen. Blieben diese aus, bestimmte er notfalls auch willkürlich, welche Schüler die Bauern bei den Erntearbeiten zu unterstützen hatten.

Hubert würde in wenigen Wochen seinen vierzehnten Geburtstag feiern. Normalerweise war dies das Eintrittsalter in die HJ. Eine Mitgliedschaft war überhaupt erst mit Vollendung dieses Lebensalters möglich, nachdem jüngere Knaben ab zehn Jahren zuvor bereits das Deutsche Jungvolk durchlaufen hatten. Doch seit einigen Wochen durfte Hubert angesichts seines nahenden Geburtstages immer häufiger schon vorzeitig dem Geschehen der nationalsozialistischen Jugendorganisation für männliche Vierzehn- bis Achtzehnjährige beiwohnen.

Hubert war das älteste von fünf Kindern. Lange hatten sich seine Eltern dagegen gesträubt, seinem Drängen nachzugeben und ihn in der nationalsozialistischen Jugend anzumelden. Als Maurer hatte Anton Bensler früher stets die Sozialdemokraten gewählt, ohne sich allerdings jemals selbst politisch engagiert zu haben.

Als die SPD im Juni 1933 von Innenminister Wilhelm Frick als staats- und volksfeindliche Partei eingestuft und deshalb verboten worden war, war auch er nach und nach vom Sog der Aufbruchstimmung erfasst worden, die das Land nach der Machtübernahme Adolf Hitlers durchzogen hatte. Schwere und entbehrungsreiche Jahre während der Weltwirtschaftskrise, die das Deutsche Reich besonders hart getroffen hatte, schienen damals schon bald überwunden zu sein. Die Regierung hatte die Menschen durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gewaltigen Ausmaßes wieder in Lohn und Brot gebracht, wenngleich die Arbeiterschaft auch meist nur zu einem geringen Lohn beschäftigt war.

Natürlich wollte auch der elfjährige Theo gleich in das Jungvolk eintreten, nachdem Heidelinde und Anton Bensler Hubert schließlich doch den Beitritt erlaubt hatten. Selbst ihre Tochter Barbara, das zweitälteste ihrer fünf Kinder, hatte sich mittlerweile dem Jungmädelbund angeschlossen.

In den Schulklassen gab es mittlerweile kaum noch ein Kind, das nicht einer der nationalsozialistischen Nachwuchsorganisationen angehörte. Nach dem Verbot anderer politischer Parteien waren deren Jugendverbände durch Zwangs- oder Selbstauflösung, Übertritt, Übernahme und Verbote schrittweise in die Hitlerjugend integriert worden. Darunter fielen auch die evangelischen und katholischen Jungmännerbünde. Die Anzahl der Mitglieder in der NS-Jugend war von rund einhunderttausend zu Beginn der Regierung Hitler auf inzwischen etwa vier Millionen Angehörige angewachsen. Wer nicht mitmachte, galt als Außenseiter oder war im Sinne der Parteidoktrin nicht „rassisch rein“.

Zweimal in der Woche trafen sich die Jugendlichen zum Dienst. Dabei wurden Wanderungen und Märsche, aber auch Turnübungen zur körperlichen Ertüchtigung durchgeführt. Daneben gab es Fahrten, Zeltlager und Feiern, etwa zur Sommersonnenwende oder zum Gedenken an die „Märtyrer der Bewegung“. Dies alles sollte für Gemeinschaftserlebnisse unter den jungen Menschen sorgen. Sie wurden abgehärtet, durch das Erlernen von Befehl und Gehorsam diszipliniert und damit schon in diesem Alter schrittweise auf den späteren Wehrdienst vorbereitet.

Organisiert war die Hitlerjugend nach dem Führerprinzip. Auf die rassische Indoktrination und Selbstaufopferung für die Volksgemeinschaft wurde bereits in jungen Jahren höchsten Wert gelegt.

„Wie spät trefft ihr euch denn heute?“, wollte Heidelinde Bensler von ihrem Sohn wissen.

„Ich muss um drei Uhr an der Delsenbrücke sein“, antwortete Hubert, während er die Löffel neben den bereits auf dem Tisch stehenden Tellern verteilte.

„Und dort schwimmt ihr? Das ist doch bestimmt gefährlich!“

„Ach, Mama, ich bin doch kein Kind mehr. Das Schwimmen hat man mir bereits bei den Pimpfen beigebracht. Außerdem hat der Arnold ein Boot organisiert, dessen Besatzung sofort eingreift, falls einer von uns durch die Strömung zu weit abgetrieben werden sollte.“

Als „Pimpfe“ wurden die Kinder des Jungvolkes liebevoll bezeichnet.

„Ich will auch mit zum Schwimmen“, rief plötzlich eine Stimme aus dem Flur.

Theo kam durch die offenstehende Tür in die Küche gerannt und sah seine Mutter flehentlich an.

„Das fehlte mir gerade noch“, erwiderte diese, von ihrem Kochtopf aufsehend. „Du musst das Schwimmen erst einmal erlernen, bevor ich dich auch nur in die Nähe der Ems lasse.“

„Aber ich könnte den Großen zumindest zusehen“, beharrte er.

„Nichts da, du bleibst schön hier und hilfst mir im Garten.“

Die Benslers hatten in der Nähe ihres Mehrfamilienhauses im Stadtteil Dorenkamp eine kleine Parzelle in einer Schrebergartensiedlung angemietet, in der sie Salat und Gemüse anbauten. Vor Jahren hatten sie dort sogar einige Obstbäume angepflanzt, die inzwischen Kirschen, Äpfel und Birnen trugen.

„Wir beide werden heute zusammen mit Barbara, August und Maria Möhren ernten“, erklärte Heidelinde Bensler ihrem zweitältesten Sohn.

Mit sichtlich enttäuschter Miene verließ Theo daraufhin die Küche.

„Mama, da wäre noch etwas.“ Hubert schaute seine Mutter bei seinen Worten mit demütigen Augen an. „Kann ich heute Nachmittag dein Fahrrad nehmen? Bis zur Brücke ist es doch recht weit und ich habe keine Lust, den ganzen Weg zu laufen.“

Für einen kurzen Augenblick betrachtete Heidelinde Bensler ihren Sohn mit skeptischem Blick, um schließlich doch einzulenken.

„Meinetwegen. Aber nur, wenn du mir versprichst, pfleglich mit dem Rad umzugehen. Bitte benutze den Ständer, wenn du es abstellst und wirf es nicht achtlos auf den Boden!“

„Aber natürlich, Mama. Mache ich doch immer!“

„Na ja, wer's glaubt“, erwiderte sie und gab ihrer Stimme einen zweifelnden Klang. „Aber vorher wird gegessen! Gib bitte deinen Geschwistern Bescheid. Das Essen ist fertig.“

Während Hubert die Küche verließ, um die übrigen Kinder zu holen, stellte Heidelinde Bensler den Topf mit der Erbsensuppe kopfschüttelnd auf den Tisch.

2

Paul Kampling hatte sich am späten Vormittag in der Fahrkartenausgabe des Bahnhofs Rheine bereits zum zweiten Mal an diesem Tag eine Fahrkarte für eine einfache Fahrt gekauft, um danach den erstbesten Zug zu besteigen, der ihn an sein Ziel befördern würde. Streng genommen hätte er die kurze Distanz, die er mit der Eisenbahn zurückzulegen gedachte, auch in diesem Fall wieder locker mit dem Fahrrad bewältigen können. Denn der Endpunkt seiner Fahrt war das lediglich 13 Tarifkilometer von Rheine entfernt gelegene Emsdetten.

Als er nach rund zehnminütiger Fahrt die südöstlich seiner Heimatstadt gelegene Ortschaft erreichte, entstieg er dem Eilzug nach Münster schon wieder.

Sein Besuch im Nachbardorf hatte einen ganz bestimmten Grund: Er wollte sich auf die Suche nach einem zweckmäßigen Auto machen und mit diesem nach Rheine zurückkehren, wo er den fahrbaren Untersatz schon am späten Nachmittag für die Ausführung eines ganz bestimmten Vorhabens benötigen würde. Allerdings hatte er keineswegs vor, für den Wagen zu bezahlen. Vielmehr erhoffte sich Kampling, in Emsdetten ein recht unauffälliges Fahrzeug ausfindig zu machen, welches er problemlos, ohne großes Aufsehen zu erregen, aufbrechen und kurzschließen konnte. Zu diesem Zweck führte er mehrere Schraubendreher in einer Ledertasche mit sich.

Bereits am frühen Morgen war er mit dem Fahrrad in das nördlich von Rheine gelegene Salzbergen geradelt. Dort hatte er sein Rad zwischen den vielen anderen Zweirädern am Bahnhof abgestellt und sich selbst anschließend diskret unter die zahlreichen Pendler gemischt, die zumeist in den Textilwerken der Emsstadt beschäftigt waren und um diese Uhrzeit wartend auf dem Bahnsteig standen. Als der Zug nach Rheine wenig später eingefahren war, hatte er zusammen mit den anderen Reisenden wie selbstverständlich einen der zahlreichen Waggons bestiegen.

Sein scheinbar sinnloses Handeln diente nicht etwa dem bloßen Zeitvertreib, sondern war Teil der Vorbereitungen für einen ausgeklügelten Plan, den er gemeinsam mit zwei Freunden später an diesem Tag umzusetzen gedachte.

Als er aus dem Emsdettener Bahnhofsgebäude heraustrat, sah er sich sogleich unauffällig um. Vor ihm lag das kleine Zentrum der Ortschaft, dessen Straßen zu dieser Tageszeit recht belebt waren. Unter diesen Umständen würde ein Autodiebstahl sofort auffallen. Deshalb marschierte er kurzentschlossen mit energischen Schritten los, um sich in einem eher abgelegenen Viertel auf die Suche nach dem passenden Fahrzeug zu machen.

Es sollte fast eine Stunde vergehen, bis er endlich fündig wurde. In einer kleinen Nebenstraße außerhalb des Ortskerns waren vor den Häusern mehrere Automobile abgestellt. Es stand zu vermuten, dass ihre Besitzer die gehobenen Stellungen der nahen Textilfabrik bekleideten, deren viel zu klein dimensionierter Parkplatz schon vor längerer Zeit vor der wachsenden Motorisierung kapituliert hatte.

Scheinbar ziellos schlenderte Kampling an den geparkten Autos vorbei. Ein zufälliger Beobachter hätte seine konzentrierten Blicke aus den Augenwinkeln heraus, mit denen er die Fahrzeuge begutachtete, kaum wahrgenommen. Als er am Ende der Gasse angelangt war, hatte er für sich eine Entscheidung getroffen. Seine Wahl war auf einen weinrot lackierten Peugeot 176 gefallen. Bei diesem Fahrzeug handelte es sich um ein älteres Modell, das in den Straßen Rheines nicht weiter auffallen würde.

Die Gefahr, von der Polizei angehalten und überprüft zu werden, war sowieso äußerst gering, solange er sich nur an die Verkehrsregeln hielt. Wahrscheinlich würde er den Wagen längst an der vorgesehenen Stelle abgestellt haben, bevor der Besitzer den Diebstahl überhaupt zur Anzeige gebracht hatte. Und danach würden vermutlich noch einige weitere Tage vergehen, bis das Auto von der Polizei entdeckt werden würde.

Kurzerhand wendete Kampling und näherte sich dem Peugeot dieses Mal von der anderen Seite. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass ihn niemand beobachtete, zog er kurzerhand einen großen Schraubendreher aus der Tasche hervor, setzte ihn zwischen Tür und Holm an und benutzte ihn auf diese Weise als Hebel. Er brauchte nicht einmal besonders viel Kraft aufzuwenden, damit sich die Einstiegstür fast geräuschlos öffnete. Hastig stieg er ein und suchte unter dem Armaturenbrett nach den Kabeln. Als er schon nach kurzer Zeit die richtigen gefunden hatte, tat er das, was bei einem ordnungsgemäßen Start normalerweise der Zündschlüssel übernahm. Zwei Kontakte wurden durch das Aneinanderhalten der Kabel geschlossen und der Motor sprang etwas schwerfällig an.

Bevor er losfuhr, schaute er sich noch einmal vorsichtig nach allen Seiten um. Da er dabei niemanden entdecken konnte, legte er den ersten Gang ein und ließ die Kupplung mit dem linken Fuß langsam kommen, um gleichzeitig mit dem rechten Fuß Gas zu geben und danach zügig davonzufahren.

3

Ein anderer Mann traf etwa zur selben Zeit die Vorbereitungen für den bevorstehenden Arbeitstag. Noch einmal kämmte er sein schütteres Haar sorgfältig nach hinten und setzte sich den Hut auf. Trotz des sonnigen Wetters und der hohen Temperaturen zog er sich ein Jackett über.

Mit kritischem Blick musterte er sich anschließend im Spiegel des Flures und nickte zufrieden, als das Ergebnis der Begutachtung zu seiner Zufriedenheit ausfiel.

Danach überprüfte er ein letztes Mal die braune Ledertasche, die für die Ausübung seiner Tätigkeit unerlässlich war und die er aus diesem Grund stets mit sich führte.

Der unauffällige Ranzen gab ihm das Erscheinungsbild eines ganz normalen Angestellten, der sich an diesem Tag etwas früher in den Feierabend verabschiedet hatte, um rasch noch einige Besorgungen in der Stadt zu machen. In Wirklichkeit war der Mann jedoch keineswegs so harmlos, wie er sich gab, denn er wollte das Getümmel auf dem Marktplatz und in den Geschäften ausnutzen, um seiner ganz speziellen Art des Broterwerbs nachzugehen.

Einer geregelten Arbeit ging er schon lange nicht mehr nach. In der Zeit der größten Not, als er von heute auf morgen seine Anstellung verloren und nicht gewusst hatte, wie er das nötige Geld für Miete und Nahrung aufbringen sollte, war ihm eine Idee gekommen. Warum sollte er sich nicht bei den Leuten bedienen, denen es wirtschaftlich besser ging als ihm?

Bei seinen ersten Taschendiebstählen war er noch äußerst nervös gewesen. Doch schnell hatte er festgestellt, wie einfach es war, anderen Menschen das Geld buchstäblich aus der Tasche zu ziehen, ohne dass diese es bemerkten. Inzwischen war sein Tun längst zur Routine geworden. Die akribischen Bemühungen um sein Äußeres trugen dazu bei, dass sein Erscheinungsbild ausdruckslos, nichtssagend, ja beinahe langweilig wirkte. Seine Opfer brachten ihn auf diese Weise nicht mit den Diebstählen in Verbindung, wenn sie später den Verlust ihrer Wertsachen bemerkten. Vermutlich konnten sich die Geschädigten zu diesem Zeitpunkt in den meisten Fällen nicht einmal mehr daran erinnern, ihm überhaupt über den Weg gelaufen zu sein.

In all den Jahren war er mit seiner Masche nie aufgefallen. Stets hatte er sich längst weit genug von seinen Opfern entfernen können, bevor diese den Raub ihrer Geldbörse oder einer Taschenuhr bemerkten. Nur ein einziges Mal war es eng für ihn geworden. Doch auch da hatte er das Glück auf seiner Seite gehabt, weil er die gerade erst geraubte Brieftasche noch schnell unauffällig verschwinden lassen konnte, ehe man ihn festnahm. Die Polizei hatte ihn damals nach einigen Stunden Gewahrsam auf dem Revier wieder auf freien Fuß lassen müssen, weil sie ihm nichts nachweisen konnte.

Im Laufe der Zeit hatte er das Vorgehen bei seinen Gaunereien immer weiter verfeinert, beispielsweise mit dem Einsatz der Ledertasche. Denn auf der Rückseite des Ranzens verlief am oberen Rand über der gesamten Breite eine Naht, durch die das Vorderteil mit dem Verschlussriemen und dem oben angenieteten Haltegriff mit dem Rest des Ranzens verbunden wurde.

Durch geschicktes teilweises Auftrennen dieser Naht war eine für Außenstehende nicht sichtbare Öffnung entstanden, durch die er unauffällig mit der Hand in das Innere hineingreifen konnte. Auf diese Weise konnte er seine Beute blitzschnell verschwinden lassen, ohne dass sein jeweiliges Opfer argwöhnisch wurde, wenn es wie zufällig durch ihn angerempelt wurde. Eine Lage Stoffreste auf dem Boden der Tasche sorgte zudem dafür, dass verräterische Fallgeräusche wirksam gedämmt wurden.

Natürlich machten es ihm Menschenansammlungen, wie sie an diesem Tag auf dem Marktplatz zu erwarten waren, leichter. Gerade im dichten Gedränge waren die Leute abgelenkt und achteten nicht auf ihre Geldbörsen und Schmuckstücke.

Es war beinahe halb drei, als der Mann die Wohnungstür öffnete und im Anschluss die Treppe des Hauses hinabstieg, um seinen Arbeitstag zu beginnen.

4

Eine Dampflok der Baureihe 01 fuhr behutsam an die dunkelgrün lackierte Wagengruppe heran. Sobald die Puffer der Schienenfahrzeuge aufeinanderstießen, hängte der Rangierer den Bügel des ersten Waggons in den Zughaken der Lok ein und zog die Spindel mithilfe des Schwengels stramm. Dann bückte er sich, um unter den Puffern hindurch auf die dem Bahnsteig abgewandte Seite zu gelangen und verband dort die Kupplungen der beiden Schläuche der Hauptluftleitung, mit der die Bremsen der einzelnen Waggons vom Führerbremsventil der Zugmaschine aus bedient wurden. Um das Zusammenfügen der Dampfheizkupplungen, mittels derer die Hauptdampfleitung zwischen Lokomotive und Reisezugwagen für die Dampfheizung im Zug verbunden wurde, brauchte sich der Mann angesichts der sommerlichen Temperaturen an diesem Tag hingegen keinerlei Gedanken zu machen.

Am Ende des Zugverbandes hatte eine Rangierlokomotive währenddessen einen Bahnpostwagen an den letzten Wagen herangefahren, der mit geübten Handgriffen rasch angehängt worden war. Dieser Waggon besaß keinen Übergang zum Rest des Zuges.

Zwei Schreibtische und bis zur Decke reichende Regale an den Seitenwänden mit zahlreichen kleinen Fächern zum Aufnehmen der Briefpost bestimmten die wenig luxuriöse Inneneinrichtung dieses Waggons. Neben zwei Postschaffnern war der Wagen an diesem Tag ausnahmsweise auch mit einem Mitarbeiter der Lohnrechnungsstelle der Reichsbahndirektion Münster und zwei Bahnpolizisten besetzt. Letztere hatten die Aufgabe, für den Schutz der wertvollen Fracht zu sorgen, die bereits am frühen Morgen in Berlin verladen worden war und mit diesem Zug zu ihrem Zielbahnhof weitertransportiert werden sollte.

Während die Postbeamten bereits mit dem Sortieren der vielen Briefsendungen und Pakete beschäftigt waren, beobachteten die Bahnpolizisten durch die kleinen, vergitterten Fenster des Wagens gelangweilt das Geschehen auf dem Bahnsteig. An den Koppeln der Sicherheitskräfte waren Halfter befestigt, in denen sich ihre Dienstwaffen befanden.

Als die ersten Fahrgäste den Bahnsteig 12 betraten und die Türen der Reisezugwagen des D-Zugs 132 öffneten, um in diese einzusteigen, war das Zugpersonal noch mit dem Prüfen der Bremsen beschäftigt.

Wenige Minuten später war die Abfahrtszeit erreicht. Der Aufsichtsbeamte trat an das Gleis heran und warf einen prüfenden Blick zur Spitze des Zuges, wo sich das Ausfahrsignal befand. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass beide Flügel des Signals schräg nach oben rechts deuteten und damit Langsamfahrt anzeigten, gab er mit seiner Signalpfeife einen langgezogenen, durchdringenden Pfiff ab, der auf dem gesamten Bahnsteig zu hören war.

Die Schaffner eilten daraufhin am Zug entlang und schlossen rasch die noch offenstehenden Einstiegstüren, um dem Zugführer anschließend per Handzeichen die Fertigmeldung zu übermitteln. Der signalisierte dem Aufsichtsbeamten wiederum die Abfahrbereitschaft des Zuges, woraufhin dieser dem Lokführer, der sich bis dahin wartend aus dem Fenster gelehnt und die Vorgänge am Zug beobachtet hatte, mit einer grünen Kelle, die er über seinem Kopf hin und her schwenkte, den Abfahrauftrag gab.

Um Punkt 15 Uhr 48 setzte sich der Zug gemächlich in Bewegung. Es dauerte ein wenig, bis sich das anfangs quälend langsame Stampfen der Lokomotive allmählich steigerte. Schon bald nahm das Tempo des rollenden Verbandes immer weiter zu. Rund drei Minuten nach dem Achtungspfiff des Aufsichtsbeamten verließ auch der Bahnpostwagen als letzter Waggon des D-Zugs 132 die Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs von Hannover. Das Ziel des Schnellzuges war das 182 Kilometer westwärts gelegene Rheine.

5

„Na los, schneller!“

Arnold Exeler feuerte den sechzehnjährigen Karl Jarvers an, der sich in der Mitte der an dieser Stelle etwa dreißig Meter breiten Ems befand. Der Junge hatte sichtlich mit der starken Strömung zu kämpfen, die ihn immer weiter flussabwärts trieb.

„Versuche schneller zu schwimmen, sonst landest du noch am Kloster Bentlage!“

Einige Hundert Meter unterhalb der Delsenbrücke, einer kombinierten Eisenbahn- und Fußgängerüberquerung, befand sich am westlichen Ufer des Flusses das Anfang des 19. Jahrhunderts aufgegebene Kloster, welches sich mittlerweile in Privatbesitz befand. Genau diesen Gebäudekomplex hatte Exeler gemeint, als er seinen Schützling anzuspornen versuchte.

Wie verabredet hatte sich die Kameradschaft der Hitler-Jugend um 15 Uhr auf der Brücke getroffen. Anschließend hatte sich die Gruppe auf der östlichen Seite der Ems einige Meter flussabwärts begeben, wo es eine relativ leicht zu erreichende seichte Stelle am ansonsten steil abfallenden Ufer gab. Von dort wagten sich die Jungen nacheinander einzeln ins Wasser, um nach dem Abkühlen schwimmend auf die andere Flussseite zu gelangen.

Bereits dreimal hatte die zweiköpfige Besatzung des vom Wasserbauamt zur Verfügung gestellten Bootes eingreifen müssen, als jeweils jüngere Teilnehmer des heutigen Treffens durch die natürliche Bewegung des Wassers abzudriften drohten.

Endlich hatte Karl Jarvers das östliche Ufer erreicht. Völlig erschöpft und heftig nach Luft schnappend stieg er aus dem Wasser. Auf dem Grün des Gestades ließ er sich erst einmal zu Boden sinken. Rund fünfzig Meter flussabwärts war er im Vergleich zu seiner Einstiegsstelle an seinem Ziel angekommen.

Der Jugend das Schwimmen beizubringen war eines der zentralen Anliegen der Hitler-Jugend. Viele Jugendliche hätten ohne die sportlichen Übungsnachmittage der Organisation niemals in ihrem Leben die Möglichkeit zum Erlernen dieser Fertigkeit gehabt.

„Gut gemacht“, lobte Exeler, der mit seinen 19 Jahren vor nicht allzu langer Zeit noch selbst als aktiver Hitler-Junge an derartigen Übungen teilgenommen hatte, mit Blick auf seine Armbanduhr. „Sobald du wieder zu Kräften gekommen bist, gehst du über die Brücke zurück zur anderen Flussseite, um es erneut zu versuchen.

Und dabei solltest du versuchen, einige Meter weiter oberhalb ans diesseitige Ufer zu gelangen!“

Der Kameradschaftsführer registrierte wohlwollend das ehrfurchtsvolle Nicken seines Schützlings, bevor er die Hände vor den Mund legte, um zur anderen Seite hinüberzurufen:

„Als Nächster ist Bensler dran. Na los, auf geht’s! Ich erwarte dich genau hier, Bensler.“ Exeler hatte bei seinen Worten auf einen Punkt am Ufer gezeigt, der weit oberhalb der Stelle lag, an der Karl Jarvers angekommen war.

Der Aufgerufene reagierte sofort. Unter den Anfeuerungsrufen seiner Kameraden löste er sein Halstuch, zog sich das braune Uniformhemd aus und entledigte sich seiner kurzen schwarzen Hose, um nur mit seiner Unterhose bekleidet die Böschung hinabzuklettern. Unten angekommen hielt er seine Füße prüfend ins Wasser und erschrak innerlich ein wenig über dessen Kälte, mit der er nicht gerechnet hatte.

Schon hörte er hinter sich die höhnischen Kommentare seiner Mitstreiter, denen sogleich lautes Gelächter folgte:

„Soll Mami dir erst warme Socken bringen?“

„Hast wohl zu lange mit den Pimpfen in der Zinkwanne gebadet!“

„Los, beeil dich! Um Punkt sieben wird bei uns gegessen.“

Unter gar keinen Umständen wollte Hubert vor seinen älteren Kameraden als Hasenfuß dastehen. Also überlegte er nicht lange, sondern ging kurzentschlossen weiter in den Fluss hinein. Als er viel zu schnell mit dem Oberkörper ins Wasser glitt, dachte er für einen Moment, sein Herz setze aus. Dennoch zwang er sich, in die tieferen Gefilde vorzudringen.

Plötzlich spürte er keinen Boden mehr unter seinen Füßen. Jetzt gab es kein Zurück mehr für ihn. In diesem Moment wollte er so schnell wie möglich ans andere Ufer gelangen!

An die Kälte des Wassers hatte sich Huberts Körper rasch gewöhnt. Mit der gewaltigen Kraft der Strömung hatte er dagegen nicht gerechnet. Anfangs versuchte er mit Brustschwimmen gegen die unbändige Energie des Wassers anzukämpfen. Doch als ihm bewusst wurde, wie sehr er abdriftete, wechselte er schon bald in den Kraulstil.

Mit aller Macht versuchte er, gegen den Strom zu schwimmen und dabei gleichzeitig voranzukommen, was unheimlich kraftraubend war. Wenn er den Kopf kurz nach rechts drehte, um Luft zu holen, nahm er schemenhaft das mit einer Leine gesicherte Boot wahr, dessen Besatzung darauf eingestellt war, ihn jederzeit aus dem Wasser zu holen, falls ihn die Kräfte verlassen sollten.

Doch er schaffte es tatsächlich, auch ohne fremde Hilfe das rettende andere Ufer zu erreichen. Irgendwann tauchte das Grün der Uferböschung vor seinen Augen auf. Beinahe gleichzeitig spürte er zu seinem Erstaunen auf einmal den sandigen Untergrund des Gestades an seiner Brust schaben. Völlig außer Atem versuchte er sich daraufhin mit ungeschickten Bewegungen aufzurichten, während ihn im nächsten Augenblick auch schon mehrere helfende Hände an den Schultern packten und aus dem Wasser zogen.

Oben von der Böschung hörte er die Stimme Exelers begeistert ausrufen:

„Bravo Bensler. Das war eine Meisterleistung! Du bist nur minimal abgetrieben, hast die beste Zeit erreicht und dich damit bis jetzt als der mit Abstand beste Schwimmer der Kameradschaft erwiesen. Aus dir wird einmal ein richtiger deutscher Mann werden. Genau wie unser Führer es sich wünscht. Die Älteren sollten sich ein Beispiel an dir nehmen!“

6

Westlich der Ems erstreckte sich ein weites Waldgebiet, das gelegentlich von Wiesen und Äckern durchsetzt war und vom Norden Rheines bis in das benachbarte Salzbergen reichte.

Inmitten dieses Areals stand auf einer in früheren Zeiten als Weide genutzten Fläche eine einsame und verlassene alte Scheune, die einst Teil eines schon vor vielen Jahren aufgegebenen landwirtschaftlichen Hofes gewesen war. Zahlreiche Dachziegel waren im Laufe der Zeit von den Herbststürmen heruntergerissen worden und das Tor hing inzwischen schräg in den verrosteten Angeln. Es grenzte fast an ein Wunder, dass es überhaupt noch funktionstüchtig war. In der näheren Umgebung des Gebäudes hatten sich im Laufe der Zeit Pflanzen verschiedenster Art und Größe angesiedelt, die sich in der ungestörten Natur mit den Jahren prachtvoll entwickelt hatten.

Im Gegensatz zu der scheinbar vergessenen Scheune war das Hauptgebäude seinerzeit abgerissen worden, um dessen Steine, Ziegel und Hölzer für einen Wiederaufbau an anderer Stelle abermals zu verwenden. Seitdem führte das zurückgelassene Wirtschaftsgebäude ein tristes Dasein und war zunehmend dem Verfall ausgesetzt.

An diesem Tag jedoch wurde der Schober nach langer Zeit wieder einmal mit Leben erfüllt. Zwei Männer, die in ihrem Umfeld als „Locke“ und „Knolle“ bekannt waren, hatten das Innere des Gebäudes nämlich eine Stunde zuvor, ihre Fahrräder neben sich herschiebend, betreten. Auf ihren Gepäckträgern führten beide jeweils eine Tasche mit sich, in denen sich einige Gegenstände befanden, die im Laufe des Tages noch Verwendung finden sollten. Nachdem die Männer zum wiederholten Male ihre Ausrüstung kontrolliert hatten, ließen sie sich schließlich auf einem Stapel Holzbretter nieder, die in einer Ecke aufgeschichtet waren, zündeten sich Zigaretten an und richteten ihre Augen ungeduldig auf das lädierte Scheunentor.

Knolle, dessen auffallend flache, rote Nase auf häufigen Alkoholkonsum schließen ließ, verlor nach einer Weile als erster die Geduld. „Wo bleibt er denn nur? Es wird doch nichts schiefgegangen sein?“

Locke warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Der Spitzname war ihm in der Kindheit von seinen Freunden gegeben worden, als noch dichte, schwarze Locken sein Haupt zierten. Doch mit der herrlichen Lockenpracht war es spätestens vorbei gewesen, als er mit neunzehn Jahren zum Kriegsdienst eingezogen worden war, wo ihm bereits in der Grundausbildung der natürliche Kopfschmuck unter lautem Protest deutlich gestutzt wurde. Später stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass seine Haarpracht immer dünner wurde und der Ansatz gleichzeitig stetig nach oben wanderte. Irgendwann war nur noch ein kleiner Haarkranz auf der Hinterseite seines Kopfes verblieben.

Zwar hatte er sich im Laufe der Jahre mit seinem veränderten Erscheinungsbild innerlich arrangiert, doch fühlte er sich angesichts seiner inzwischen nicht mehr zu verbergenden Glatze immer ein wenig verspottet, wenn man ihn heute noch bei seinem Spitznamen rief.

Die beiden Männer waren in etwa gleichaltrig, doch im Gegensatz zu seinem stets leicht angespannt wirkenden Freund besaß Locke das eindeutig ruhigere Gemüt. Dies war wohl auch der Grund, warum er in diesem Moment mit äußerster Gelassenheit erwiderte:

„Reg dich nicht unnötig auf. Es ist doch noch genügend Zeit. Paul wird das Kind schon schaukeln. Er kann doch schließlich nicht den erstbesten Wagen nehmen, sondern hat ein paar entscheidende Details zu beachten! Der Wagen muss möglichst unauffällig erscheinen und gleichzeitig an einer Stelle geparkt sein, an der er ihn gefahrlos aufbrechen und kurzschließen kann. Glaub mir, Paul weiß schon, was er tut. Ein Schnellschuss würde den ganzen Plan nur gefährden!“

„Na, ich weiß nicht“, meinte Knolle und zog dabei ein skeptisches Gesicht. „Ich habe einfach kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache.“

Gerade wollte Locke zu einer Antwort ansetzen, als in der Ferne unvermittelt ein Motorengeräusch zu vernehmen war, das langsam lauter wurde. Sofort sprangen beide Männer auf und lugten durch die Spalten der Holzbohlen, mit denen die Scheune an den Seitenwänden verkleidet war. In einiger Entfernung war ein weinrotes Automobil zu erkennen, das sich ihnen auf dem holprigen Feldweg langsam näherte und erst anhielt, als es nicht mehr weiterging. Bald darauf erstarb auch das Motorengeräusch.

„Da siehst du es. Kaum spricht man über ihn, ist er auch schon da! Auf Paul ist eben Verlass. Genau wie ich dir gesagt habe“, meinte Locke und klopfte seinem Freund bei diesen Worten aufmunternd auf die Schulter. „Komm, lass uns schauen, was für ein Modell er organisiert hat.“

Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, eilte er auf das Tor zu, um es vorsichtig zu öffnen. Draußen gingen sie gemeinsam dem Fahrzeug entgegen, dem Paul Kampling inzwischen entstiegen war.

„Na, was haltet ihr von diesem Schätzchen?“, fragte ihr Freund voller Stolz und klopfte dabei sanft auf dessen Dach.

„Das ist ein französisches Modell, nicht wahr?“, antwortete Knolle mit einer Gegenfrage. „Der ist doch viel zu auffällig!“

„Quatsch“, widersprach Locke. „Es ist ein älterer Wagen mit einer Lackierung, wie sie zu Hunderten auf den Straßen der Stadt zu sehen ist. Niemand wird diesem Auto besondere Beachtung schenken.“

„Das denke ich auch“, bekräftigte Kampling. „Es hat genau die Eigenschaften, die wir für unser Vorhaben benötigen. Der Wagen ist flott und gleichzeitig dezent.“

„Na, wenn ihr meint“, gab Knolle sich geschlagen.

Kampling zwängte sich zwischen seine Freunde und legte ihnen die Hände auf die Schultern, um sie dadurch sanft zur Scheune zurückzudrängen.

„Lasst uns rasch noch einmal alles durchspielen“, schlug er vor, nachdem das Trio kurz darauf wieder im Inneren des Gebäudes angelangt war. „Eine gute Vorbereitung ist schließlich die Basis für den Erfolg!“

In der nächsten halben Stunde gingen sie zum wiederholten Mal ihren Plan durch.

„Es kann eigentlich nichts schiefgehen“, resümierte Kampling schließlich. „Sollte dennoch irgendetwas Unvorhergesehenes geschehen, werden wir einfach für ein paar Tage in dieser Scheune unterschlüpfen.“

Er warf hastig einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich denke, ihr solltet allmählich mit euren Rädern zur Adolf-Hitler-Kampfbahn aufbrechen, wo ich euch, wie besprochen, abholen werde. Habt ihr auch an alles gedacht?“ Er zögerte kurz, bevor er weitersprach. „Vor allem an das Wichtigste?“

Daraufhin öffnete Locke seine Tasche, um daraus eine Pistole hervorzuholen.

„Na klar doch“, versicherte er hämisch grinsend, während er die Waffe hochhielt.

7

Sein Arbeitstag war bislang einigermaßen erfolgreich verlaufen. Langsam war er die Emsstraße entlanggeschlendert und hatte dabei dem Treiben der Passanten zugesehen. Die schienen angesichts des schönen Wetters vollkommen sorgenfrei zu sein und die Sonne zu genießen, die an diesem herrlichen Sommertag auf die Stadt schien.

Gleich zu Beginn seines Streifzugs hatte er sich in einem Bekleidungsgeschäft in der Nähe der Nepomukbrücke nach potenziellen Opfern umgesehen. Sehr zu seiner Freude hatte sich dort urplötzlich eine günstige Gelegenheit für ihn ergeben, denn wie aus dem Nichts hatten gleich mehrere Kunden auf einmal den Verkaufsraum betreten wollen. Gleichzeitig hatte ein älteres Ehepaar versucht, den Laden zu verlassen und dadurch einen kleinen Stau im Eingangsbereich verursacht.

Mit der Routine vieler Jahre war sein geübter Blick sofort auf die dünne, silberne Halskette einer Frau gefallen, die vergeblich versuchte, sich aus dem Pulk zu befreien. Ohne lange zu zögern hatte er sich daraufhin ebenfalls zum Ausgangsbereich begeben, um sich im Anschluss gleich mehrfach zu entschuldigen, nachdem er wie zufällig gegen die Schultern der Hereinströmenden gestoßen war.

Auch die von ihm auserkorene Frau hatte er mit scheinbarer Ungeschicklichkeit angerempelt, um sie sofort danach um Verzeihung zu bitten. Sie hatte ihn nach seinem Schubser für einen kurzen Augenblick verärgert angesehen, um ihr Interesse danach sofort wieder auf die Auslagen des Ladens zu konzentrieren.

Nachdem sich die vor ihr Stehenden schließlich wieder in Bewegung gesetzt hatten, schien sie den Vorfall schon vergessen zu haben, denn sie folgte den anderen, ohne ihn weiter zu beachten. Dass seine Hand im Moment des Zusammenstoßes nach oben geschnellt war, um ihr die Kette vom Hals zu reißen und diese blitzschnell in seiner Arbeitstasche verschwinden zu lassen, hatte sie hingegen nicht bemerkt!

Zügig, ohne dabei jedoch in Hektik zu verfallen, um ja kein Aufsehen zu erregen, hatte er sich vom Schauplatz seiner ersten Tat an diesem Tag entfernt und über die Nepomukbrücke auf die linke Emsseite begeben. Die Kette würde ihm bei seinem Hehler, der die von ihm geraubten Schmuckstücke nur allzu gerne abnahm, um sie gewinnbringend weiterzuverkaufen, ein paar Mark einbringen.

Als er wenig später gerade von der Emsstraße nach rechts in die Münsterstraße einbiegen wollte, um seinen Beutezug auf dem Marktplatz fortzusetzen, fiel ihm ein älteres Paar auf. Die beiden standen vor dem Schaufenster eines Juweliers und schienen sich für die dort ausgestellten Schmuckstücke zu interessieren. Sowohl der Mann als auch seine Begleiterin waren auffallend gut gekleidet und machten insgesamt einen recht wohlhabenden Eindruck.

Aus sicherer Entfernung beobachtete er das Paar eine Zeit lang verstohlen. Dabei fiel ihm eine goldene Kette ins Auge, die die Weste des Mannes zierte. Diese war mit dem einen Ende an einem der Knöpfe befestigt, während das andere Ende in der Seitentasche des Kleidungsstücks verschwand. Ergab sich da gerade etwa eine weitere günstige Gelegenheit für ihn? Mit einiger Wahrscheinlichkeit führte der Mann in seiner Westentasche eine Taschenuhr von beträchtlichem Wert mit sich!

Hastig versuchte er, das Risiko abzuschätzen. Weit und breit war kein Schutzmann zu sehen. Das Wagnis schien also überschaubar.

Geistesgegenwärtig lenkte er seine Schritte in Richtung des Paares. In gebührendem Abstand zu den beiden stoppte er seine Schritte, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, während er klammheimlich jede ihrer Bewegungen aufmerksam verfolgte.

Von seinem Standort aus konnte er in der Folgezeit die Unterhaltung des Paares in Bruchstücken verfolgen. Offenbar versuchte die Frau ihren Mann zum Kauf eines ganz bestimmten Schmuckstückes zu überreden, denn immer wieder zeigte sie auf eine bestimmte Stelle in der Auslage des Schaufensters. Irgendwann schien sie ihren Gatten überzeugt zu haben, denn die Diskussion zwischen ihnen endete abrupt, indem sie ihn mit sanftem Druck an der Hand in das Geschäft zog.

Jetzt hieß es für ihn Warten. Um kein Aufsehen zu erregen, kaufte er sich bei einem Zeitungsjungen die aktuelle Ausgabe des Rheiner Beobachter und überflog hastig die Artikel, ohne dabei das Juweliergeschäft aus den Augen zu lassen.

Seine Geduld sollte sich schon bald auszahlen. Nach etwa zwanzig Minuten verließ das Paar den Laden und trat auf die Straße zurück. Während der Mann seiner Begleiterin galant die Tür aufhielt, betrachtete diese entzückt den Ringfinger ihrer linken Hand, den jetzt ein goldener und mit einem schweren Rubin bestückter Ring zierte. Schwärmerisch setzte sie zu einem lang anhaltenden Redeschwall an, den er geduldig über sich ergehen ließ.

Zu gerne hätte er sie um den gerade erst erstandenen Fingerreif erleichtert, denn dieser machte einen äußerst kostbaren Eindruck. Doch da die ganze Aufmerksamkeit der Frau auf ihren neuen Schatz gerichtet war, wäre der Versuch eines Diebstahls von vornherein zum Scheitern verurteilt. Stattdessen wollte er sich die augenblickliche Unaufmerksamkeit des Paares für ihre Umgebung auf andere Weise zunutze machen.

Zu diesem Zweck folgte er den beiden unauffällig, als sie sich über die Emsstraße auf das Rathaus zubewegten. Noch immer redete die Frau unablässig auf ihren Begleiter ein und wies dabei mehrfach mit dem rechten Zeigefinger auf ihre erhobene linke Hand mit dem in der Nachmittagssonne glänzenden Ring.

Als ihnen eine Gruppe herumtollender Kinder entgegenkam und sie deshalb ausweichen mussten, um nicht umgerannt zu werden, war seine Gelegenheit gekommen. Mit wenigen schnellen Schritten verkürzte er den Abstand zwischen sich und dem Duo. Im letzten Moment schob er sich zwischen dem links gehenden Mann und den Kindern hindurch, als wolle er sich noch schnell an dem Paar vorbeizwängen, ehe die Horde sie erreicht haben würde, und streifte dabei wie unabsichtlich die linke Schulter des Mannes. Den Kopf nur halbherzig nach hinten drehend, murmelte er im Vorbeigehen hastig eine Entschuldigung und eilte danach entschlossen weiter.

Schon bald hatte er das Rathaus erreicht. Ohne sich nach hinten umzusehen, bog er nach rechts in die Klosterstraße ein, die zum Marktplatz führte. Erst jetzt wagte er es, die Ledertasche vor seine Brust zu nehmen und mit der rechten Hand klammheimlich durch die verborgene Öffnung zu greifen, um seine Beute einer ersten flüchtigen Prüfung zu unterziehen. Liebevoll ließ er das Schmuckstück durch seine Finger gleiten. Die Taschenuhr fühlte sich in seinen Händen wunderbar an, wie er mit innerer Genugtuung feststellte.

Bis hierher war er mit seiner Ausbeute durchaus zufrieden. Doch nach Halskette und Taschenuhr wollte er sich von nun an um Barmittel bemühen, die er dringend zum Bestreiten seines Lebensunterhaltes benötigte. Bestimmt würden sich im dichten Gedränge des Wochenmarktes weitere günstige Gelegenheiten für ihn ergeben, durch die er das Loch in seiner Haushaltskasse stopfen konnte.

8

Mittlerweile war es viertel nach fünf am Nachmittag geworden. Auf dem weiträumigen Vorplatz des Rheiner Bahnhofs fuhr zu dieser Zeit ein weinroter Peugeot vor, der von seinem Fahrer in die Nähe des alten Bahnhofsgebäudes gelenkt wurde, wo er schließlich zum Halten kam.

Das monumentale, mehrgeschossige Gebäude aus rotem Ziegelstein mit den vier markanten Ecktürmen war erst wenige Jahre zuvor als Eingangsportal für Bahnreisende aufgegeben worden. Die sich mitten in der Stadt bündelnden Bahntrassen waren zu dieser Zeit um einige Meter höhergelegt worden, wodurch der Bau von Unterführungen unter den Schienensträngen für den wachsenden Straßenverkehr möglich geworden war. Da das alte Empfangsgebäude nach den baulichen Veränderungen der Gleisanlagen und der Errichtung des Personentunnels nicht mehr genutzt werden konnte, wurde gleich daneben kurzerhand ein Neubau errichtet. Doch mit dieser Maßnahme hatte das alte Bahnhofsgebäude noch längst nicht ausgedient. Es wurde weiterhin für verschiedene Dienststellen der Reichsbahngesellschaft genutzt. Neben diversen Büroräumen beherbergte es unter anderem auch die Lohnstelle, in der sich die zahlreichen Eisenbahner der Stadt am Ende der Arbeitswoche ihre Lohntüten abholten.

Sobald die Räder des Peugeots zum Stillstand gekommen waren, sprang der Beifahrer auch schon aus dem Wagen, um auf das neue Empfangsgebäude zuzueilen. Zurück blieben der Fahrer und ein weiterer Mann auf dem Rücksitz, dessen Gesicht eine auffallend flache und rot gefärbte Nase zierte.

Locke ging im Inneren des Gebäudes zielstrebig auf die Fahrkartenausgabe zu, wo er sich geduldig in die Warteschlange einreihte und bereits nach kurzer Zeit eine Bahnsteigkarte erstand. Mit dem Billett in der Hand betrat er den Personentunnel, wurde an der Bahnsteigsperre nach kurzer Prüfung vom Bahnsteigschaffner durchgewunken und gelangte über die erste Treppe zu den Gleisen 2 und 3.

Die Plattform war zur Feierabendzeit auffallend gut besucht. Allerdings hatten die wenigsten Menschen ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Gleis 2 gerichtet. Die Mehrheit der Anwesenden wartete vielmehr auf die Ankunft eines Eilzuges aus Münster auf dem gegenüberliegenden Gleis 3, der sie auf der Fahrt zu seinem Zielbahnhof Emden nach Salzbergen, Leschede oder Lingen bringen würde.

Um kurz vor halb sechs kündigte der Bahnhofssprecher über Lautsprecher die Einfahrt des in Rheine endenden D-Zugs 132 auf Gleis 2 an.

Seinen Blick gespannt nach Süden richtend, ging Locke dem angekündigten Zug auf dem Bahnsteig einige Meter entgegen. Im Gegensatz zu den anderen Wartenden wollte er keinen der ankommenden Reisenden in Empfang nehmen, sondern lediglich die Vorgänge am Zug beobachten. Vor allem dem letzten Waggon galt dabei sein besonderes Interesse.

Zwei Bahnpolizisten hielten sich derweil auf dem hinteren Teil des Perrons in Gesellschaft eines Bahnbediensteten auf. Letzterer führte einen Handkarren mit sich. Werner Schoo, der jüngere der beiden Ordnungshüter, eilte nach der Zugankündigung unverzüglich zu einem in rotem Klinker errichteten Aufbau mit einer breiten, stählernen Doppeltür, um dort einen Knopf zu bedienen. Schon im nächsten Augenblick war aus den Tiefen des Untergrundes ein dumpfes Rollen zu hören, dessen Intensität sich rasch steigerte.

Der Beamte hatte den Lastenaufzug angefordert, der zu einem unter der gesamten Bahnhofsbreite verlaufenden Tunnel führte. Über diesen Tunnel waren alle vier Bahnsteige zu erreichen. Er endete auf der Vorderseite des Bahnhofs zwischen dem alten und dem neuen Empfangsgebäude und diente dem Transport von Gepäck und kleineren Gütern.

Es dauerte nach der Ankündigung des Sprechers nicht lange, bis in der Ferne ein leises Rauschen zu vernehmen war. D 132 überfuhr offensichtlich gerade die unweit entfernt gelegene Emsbrücke. Bald danach war auch schon das typische Stampfen der Dampflokomotive zu hören. Eine in schnell aufeinanderfolgenden Stößen abgesonderte Rauchfahne wurde plötzlich in der Ferne sichtbar. Kurz darauf zeigte sich die schwere Zugmaschine mit ihren dunkelgrünen Wagen im Schlepptau, die aus Osnabrück kommend in den Bahnhof einschwenkte.

Locke trat hastig seine Zigarette aus und atmete erleichtert auf.

9

Nach der Ankunft in Rheine verließen die Fahrgäste rasch den Zug. Freunde und Angehörige nahmen die Reisenden in einigen Fällen in Empfang, Gepäckträger kümmerten sich um Koffer und Taschen.

Erst nach einer Weile wurde die Tür des Bahnpostwagens vorsichtig geöffnet, aus der ein Bahnpolizist misstrauisch herauslugte, um hastig einen prüfenden Blick über den gesamten Bahnsteig zu werfen. Nachdem er seine wartenden Kollegen entdeckt hatte, öffnete er die Waggontür ganz, drehte seinen Kopf nach hinten und sprach hastig ein paar Worte in das Innere des Wagens.

Der Bahnbedienstete auf dem Bahnsteig hatte unterdessen den Handkarren vor den Einstieg gefahren, auf den die Insassen des Waggons anschließend unter größten Mühen eine unhandliche, offenbar recht schwere Holzkiste bugsierten. Diese war auf einer der Längsseiten mit zwei Vorhängeschlössern gesichert. Auf dem Deckel des Behältnisses war das mit dem Flammstempel eingebrannte Firmenzeichen der Reichsbahngesellschaft, ein mit einem Kreis und der Aufschrift

Deutsche Reichsbahn

eingefasster Adler, angebracht. Daneben war der Schriftzug

Reichsbahndirektion Münster (Westf)

zu erkennen.

Nachdem der annehmende Bahnbeamte den Empfang der Kiste quittiert und die zugehörigen Schlüssel in Empfang genommen hatte, lenkte er den Handkarren in Begleitung der Bahnpolizisten zum Aufzug. Der ältere Ordnungshüter, der den Namen Reinhold Tappe trug, zog die Türen auf, worauf alle drei Männer samt Karren zügig in die Kabine traten.

Es schepperte laut, als die beiden Türflügel hinter dem Trio zufielen. Danach dauerte es nicht lange, bis sich der Lift mit einem lauten Donnern in die Katakomben des Bahnhofs verabschiedete.

Auf den Mann mit Halbglatze, der die Vorgänge am hinteren Zugteil die ganze Zeit über mit höchstem Interesse verfolgt und es plötzlich sehr eilig hatte, den Bahnsteig zu verlassen, hatte niemand aus der Gruppe geachtet.

Bevor der Zugverband wegbewegt wurde, verließen die beiden Bahnpolizisten aus Hannover und der Beamte der Lohnrechnungsstelle noch schnell den Postwagen. Für sie war die Arbeit für den heutigen Tag getan. Da mit der Übergabe der Kiste ihr Auftrag erfüllt war, würden alle drei Männer mit dem nächstbesten Zug zurück nach Hannover fahren.

Der Bahnpostwagen würde hingegen in Kürze von D 132 abgekoppelt werden, um auf Gleis 1 rangiert zu werden. Dort befand sich ein für Reisende nicht zugänglicher Bahnsteig, der von der Bahnpost und der Expressgutabfertigung genutzt wurde, um die für Rheine bestimmten Briefe und Pakete zu entladen.

10

Auf dem Marktplatz waren seine Bemühungen bislang nur von geringem Erfolg gewesen. Zwar hatte er zwei älteren Frauen ihre Geldbörsen entwenden können, doch hatten beide Opfer einen eher ärmlichen Eindruck gemacht. Der Inhalt der geraubten Brieftaschen würde sich vermutlich auf wenige Reichsmark beschränken.

Wie ein Tier auf Beutezug schlich er immer wieder wie zufällig durch die Reihen der Obst- und Gemüsestände und beobachtete dabei aus den Augenwinkeln heraus die Menschen. Insbesondere die zahlreichen Bezahlvorgänge auf dem belebten Platz weckten dabei sein Interesse, gaben sie ihm doch stets die Möglichkeit, einen hastigen Blick auf die Barmittel des jeweiligen Marktbesuchers zu werfen.

Sein geduldiges Ausharren sollte sich schon bald lohnend für ihn auszahlen, denn kurz, nachdem aus dem Turm der benachbarten St. Dionysius-Kirche ein Glockenschlag erklungen und der Zeiger der Uhr auf halb drei gesprungen war, glaubte er plötzlich, das große Los gezogen zu haben.

Eine gut gekleidete und vornehm wirkende Dame in mittleren Jahren ließ sich an einem Obststand einige Birnen geben, die sie in einem mitgeführten Stoffbeutel verstaute. Im Anschluss zog sie aus eben jenem Beutel eine aus braunem Leder angefertigte Geldbörse hervor, mit deren Inhalt sie die gekaufte Ware bezahlen wollte. Als sie dabei mit ihren Fingern den Inhalt des Portemonnaies durchwühlte, waren die mitgeführten Barmittel einen Moment lang für jedermann sichtbar.

Als hätte er einen siebten Sinn für ein lohnenswertes Opfer, war ihm die scheinbar gut betuchte Frau gleich beim Betreten des Marktplatzes aufgefallen. Seither war er ihr unauffällig gefolgt und hatte sie klammheimlich beobachtet.

Nachdem sie sich schließlich zum Kauf der Birnen entschlossen hatte und ihre Brieftasche hervorzog, um die erstandene Ware zu bezahlen, glaubte er einen kurzen Moment lang, sich versehen zu haben. Doch ein zweiter Blick bestätigte ihm, was er erkannt zu haben meinte. Gleich ein ganzes Bündel von Geldscheinen füllte die Brieftasche der Frau aus. Sie musste mehrere hundert Reichsmark mit sich führen, wie er im Bruchteil einer Sekunde für sich überschlug!

Nach der Entgegennahme des Wechselgeldes ließ sie die Geldbörse rasch wieder in ihrem Stoffbeutel verschwinden und verabschiedete sich von der Marktfrau.

„Wie leichtsinnig die Menschen heutzutage sind! Einfacher geht es ja gar nicht“, jubelte er innerlich.

Jetzt musste er nur noch auf eine günstige Gelegenheit warten, um sie abzulenken und gleichzeitig unauffällig in ihre Tasche zu greifen und sich damit sein Auskommen für die nächsten Monate zu sichern!

Als die Dame mit dem Stoffbeutel in der Hand den Marktplatz über die Klosterstraße verließ, hängte er sich unauffällig an ihre Fersen. Mit eleganten Bewegungen umkurvte sie anschließend das Rathaus und bog nach rechts in die Bahnhofstraße ein. In einigem Abstand folgte er ihr. Wohin würde sie sich als Nächstes wenden?

Auf einmal beschleunigte sie ihre Schritte.

Sofort verfluchte er sich innerlich. Warum hatte er nicht gleich auf dem Marktplatz zugeschlagen? Doch die Frau hatte bei ihrem Einkauf einen recht resoluten Eindruck auf ihn gemacht, der ihn unerklärlicherweise hatte zögern lassen.

Für einen kurzen Augenblick vermutete er schon, sie würde der Bahnhofstraße weiter folgen und danach die Hindenburgstraße überqueren, um auf diese Weise zum Bahnhof zu gelangen. Plötzlich hielt sie jedoch noch vor der kreuzenden Poststraße mitten in ihren Bewegungen inne, wandte sich abrupt nach rechts und verschwand in einem Gebäude, dessen Zugang sich genau auf der Ecke des Grundstücks befand.

Der beigefarbene Bau mit reichlich braun getünchten Verzierungen wies zur Straße hin ein in einem 45-Grad-Winkel errichtetes Ecktürmchen auf, welches im oberen Bereich mit dem Adler der Reichspost geschmückt war. Weiter unten befand sich der im gleichen Winkel angeordnete Eingang zum Gebäude, über dem das Ziffernblatt einer weithin sichtbaren Uhr angebracht war.

Offenbar schien die Frau auf dem Postamt etwas zu erledigen zu haben. Unversehens durchfuhr ihn ein Schreck. Würde sie das mitgeführte Bargeld etwa auf ein Sparbuch einzahlen oder möglicherweise zur Zahlung anweisen?

Mit einem bangen Gefühl betrat er ebenfalls das Innere des Gebäudes und bemerkte sofort die langen Schlangen, die sich vor den Schaltern gebildet hatten. Um nicht in ihr Blickfeld zu geraten, stellte er sich etwas abseits und tat so, als warte er auf jemanden.

Als die Frau nach etlichen Minuten endlich an der Reihe war, erstand sie lediglich einige Postwertzeichen, wie er zu seiner großen Erleichterung beobachtete. Nachdem sie die Geldbörse abermals in ihrem Stoffbeutel verstaut hatte, verließ sie das Postgebäude.

Er ließ ihr einen kleinen Vorsprung und folgte ihr dann nach draußen. Auf dem Gehsteig hielt er eilig nach ihr Ausschau und hatte sie im Getümmel der Passanten schon bald wiederentdeckt. Die Frau durchschritt gerade mit forschem Gang die Poststraße und hatte bereits etliche Dutzend Meter zwischen sich und dem Postamt gebracht.

Erneut nahm er die Verfolgung auf. Indem er den Abstand zu ihr kontinuierlich verkürzte, fasste er den Entschluss, nicht mehr länger zu warten. Die Gelegenheit war günstig, denn er konnte sich die Betriebsamkeit auf der reichlich belebten Straße zunutze machen, um sie um ihr Portemonnaie zu erleichtern. Mit dem Gefühl innerer Entschlossenheit beschleunigte er noch einmal seine Schritte.

Doch als er beinahe schon zu ihr aufgeschlossen hatte, stoppte sie unversehens in Höhe der Straße Am Thietor erneut, wandte sich einem Mann zu, der wartend an einer Hauswand lehnte und wechselte ein paar Worte mit ihm. Der Mann löste sich daraufhin von der Mauer, trat seine Zigarette aus und gab ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange.

Überrascht von dieser völlig unvorhersehbaren Wendung der Situation blieb ihm nichts anderes übrig, als an dem Paar vorbeizumarschieren und sich hinter die nächste Straßenecke zu begeben, wollte er nicht auffallen.

Nachdem er die Straße überquert und sich hinter die Säulen im Eingangsbereich einer Bäckerei zurückgezogen hatte, überlegte er fieberhaft.

Bei dem Mann handelte es sich augenscheinlich um den Gatten der Frau. Die Tatsache, dass sie sich ausgerechnet am Rande der Innenstadt mit ihm getroffen hatte, legte die Vermutung nahe, dass er sie von nun an begleiten würde. Konnte er es unter diesen Umständen noch riskieren, sein Vorhaben durchzuziehen? Der Mann war sehr kräftig gebaut und erweckte dadurch den Eindruck, als sei mit ihm nicht zu spaßen.

Von der Säule verborgen beobachtete er klammheimlich, wie das Paar seinem Beispiel folgte und ebenfalls die Straße Am Thietor überquerte, um dahinter in die Salzbergener Straße einzubiegen.

Wenngleich er mittlerweile arge Bedenken hatte, folgte er den beiden in gebührendem Abstand.

11

Obwohl Locke wusste, dass die Männer in den Tiefen des Tunnels aus alter Gewohnheit erst einige Schnäpse trinken und dazu eine Zigarette rauchen würden, bevor sie das Geld ablieferten, hatte er es auf einmal sehr eilig. Mit schnellen Schritten hastete er die Treppe hinunter und begab sich durch den Personentunnel in die Haupthalle des Bahnhofsgebäudes, in der zu dieser Zeit reger Betrieb herrschte. Nachdem er diese zügig durchquert hatte, gelangte er durch den Hauptausgang auf den mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Bahnhofsvorplatz, wo er beinahe im Laufschritt auf den weinroten Peugeot zuhielt, dessen Insassen schon ungeduldig auf ihn warteten.

„Alles in Ordnung?“, rief Paul Kampling, der am Steuer des Wagens sitzend das Seitenfenster heruntergekurbelt hatte, ihm schon von weitem entgegen.

„Ja, unser Paket ist soeben eingetroffen und wurde bereits ausgeladen. Wir sollten uns also besser beeilen“, erwiderte Locke mit deutlich leiserer Stimme, wobei er sich mit nervösem Blick über beide Schultern nach ungebetenen Zuhörern umsah.

Auf der Beifahrerseite war Knolle unterdessen bereits ausgestiegen und hielt einen größeren Stoffbeutel in seiner Hand.

„Dann geht jetzt hinein“, forderte Kampling seine beiden Mitstreiter auf und drückte Locke gleichzeitig einen zweiten Beutel in die Hand. „Ich werde mit dem Wagen noch etwas näher an den Eingang heranfahren, damit wir anschließend umso schneller verschwinden können!“

Locke nickte nur und wollte sich schon von Kampling abwenden, als dieser seinen Kameraden noch schnell hinterherrief:

„Viel Glück, Jungs!“

Ohne etwas zu erwidern, eilten Knolle und Locke auf den Eingang des ausgedienten Empfangsgebäudes zu. Bevor sie die Tür öffneten, zogen sie jeweils eine Wollmütze mit selbst ausgeschnittenen Sehschlitzen aus ihren Stoffbeuteln hervor, die sie sich über ihre Köpfe zogen. Nachdem dies geschehen war, streiften sie sich noch hastig Handschuhe über, um danach ihre Pistolen aus den Beuteln hervorzuholen. Ehe Locke die Klinke der Eingangstür drückte, warf er seinem Begleiter einen fragenden Blick zu, den dieser mit dem erhobenen Daumen seiner linken Hand quittierte, um damit zu signalisieren, dass er bereit war.

Die große Uhr am neuen Empfangsgebäude zeigte genau 17 Uhr 46 an, als das Duo die Lohnstelle im ausgedienten früheren Stationsgebäude des Bahnhofs Rheine betrat. Um Störungen von außen zu vermeiden, sicherten die Eindringlinge den Eingang von innen mit einem Keil, den sie unter die Tür klemmten.

Die meisten Bahnbediensteten hatten sich um diese Uhrzeit längst in den Feierabend verabschiedet. Lediglich einige Büros, deren Türen angesichts der sommerlichen Temperaturen weit offenstanden, waren noch besetzt, wie die beiden Männer registrierten, als sie sich durch den Korridor bewegten.

„Hände hoch und mitkommen“, fuhr Knolle den ersten Bahnbeschäftigten rüde an, der gerade auf seine Schreibmaschine eintippte.

Reichsbahnsekretär Coordes schreckte beim Anblick der auf ihn gerichteten Pistole zusammen und nahm seine Hände sofort panisch in die Höhe.

„Na los, mach schon“, wiederholte Knolle seinen Befehl noch einmal und fuchtelte demonstrativ mit seiner Waffe herum, woraufhin sich der Mann zögernd von seinem Stuhl erhob, um der Aufforderung Folge zu leisten. Mit fahrigem Blick kam er widerstrebend Schritten aus seinem Arbeitszimmer.

Locke hatte währenddessen zwei andere Bürokräfte auf gleiche Weise ebenfalls auf den Korridor getrieben.

„Na los, vorwärts“, befahl er seinen Geiseln und zeigte dabei auf eine graue Stahltür, die sich am Ende des Flures befand.

„Was wollen Sie denn nur von uns?“, wagte einer der Männer zu fragen.

Anstatt dem Mann zu antworten, schlug Locke ihm mit seinem Revolver brutal ins Gesicht. „Halt deinen Mund und kümmere dich stattdessen lieber darum, dass die Tür schleunigst geöffnet wird!“

Adolf Bültbrunn, dessen Kragenspiegel ihn als Obersekretär auswies, hielt sich seine blutende Nase und zog dabei ein schmerzverzerrtes Gesicht. Sein Kollege Ellinghaus beeilte sich angesichts dieses Anblicks sichtlich eingeschüchtert zu beteuern:

„Bitte beruhigen Sie sich doch erst einmal! Ich werde persönlich dafür sorgen, dass Sie hineinkommen.“

Wie zum Beweis ging er auf die Stahltür zu und klopfte vorsichtig dagegen. Es dauerte nicht lange, bis von drinnen eine Reaktion erfolgte, denn plötzlich war ein Schlüssel zu hören, der im Schloss gedreht wurde. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und ein weiterer Bahnbediensteter steckte seinen Kopf mit fragendem Blick heraus. „Heinz, was kann ich für dich tun?“

In diesem Augenblick stürmte Knolle mit der Waffe im Anschlag nach vorne, stieß Reichsbahnhauptsekretär Teipen unsanft in den Raum zurück, während er den völlig verdutzten Anwesenden gleichzeitig laut hörbar zurief:

„Dies ist ein Überfall! Alle in diesen Raum. Wer sich unseren Befehlen widersetzt, wird niedergemacht!“

Mit bangen Mienen befolgten die Bahnbeamten die Anweisungen Knolles. Als Letzter trat Locke ein, der sich mit einem Blick über die Schulter noch schnell davon überzeugte, dass sie von niemandem beobachtet worden waren.

Der Raum, in den die Männer von ihren Peinigern getrieben worden waren, war auf der gegenüberliegenden Seite mit einem Schalter ausgestattet. Über dem Tresen war ein Drahtgitter mit mehreren kleinen, halbrundförmigen Öffnungen im unteren Bereich angebracht, durch die sich die vielen Bahnbediensteten Rheines vor den Wochenenden ihre Lohntüten aushändigen ließen. Links daneben gab es eine weitere, augenblicklich weit geöffnete Tür, durch die der Bereich hinter dem Tresen betreten werden konnte. Dort stand mit Obersekretär Kohler ein fünfter Bahnmitarbeiter, der beim Anblick der Eindringlinge sofort die ausweglose Situation erkannt hatte und das Geschehen fortan mit erhobenen Händen und fassungslosem Blick verfolgte.