Holly – Eine Belladonna-Novelle (Belladonna 4) - Adalyn Grace - E-Book

Holly – Eine Belladonna-Novelle (Belladonna 4) E-Book

Adalyn Grace

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Beschreibung

Eine Winteridylle mit dunklen Schatten … Blythe und Aris sehnen sich nach ruhigen Feiertagen in ihrem Zuhause, dem mysteriösen Herrenhaus Wisteria Gardens, doch eine unheimliche Präsenz macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Rastlose Geister flüstern durch die alten Mauern, und ihre ruhelosen Seelen verbergen ein Geheimnis, das Blythe und Aris in tödliche Gefahr bringen könnte. Gemeinsam mit Signa und dem Tod müssen sie die Vergangenheit enträtseln, bevor das Fest der Liebe zur größten Bedrohung wird. Doch nicht nur die Geister stellen Blythes Herz auf eine harte Probe – auch Aris scheint mehr über die düsteren Vorgänge zu wissen, als er zugibt … Alle Bände der Belladonna-Reihe:  Band 1: Belladonna - Die Berührung des Todes Band 2: Foxglove - Das Begehren des Todes Band 3: Wisteria - Die Liebe des Todes Band 4: Holly - Eine Belladonna-Novelle

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Adalyn Grace

Holly

Eine Belladonna-Novelle

Aus dem Englischen von Petra Knese

arsEdition

Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2025

Text copyright © Adalyn Grace Inc., 2025

Cover copyright © Hachette Book Group, 2025

Cover art copyright © Elena Masci 2025

Illustrations copyright © 2025 by Lydia Elaine

Titel der Originalausgabe: Holly: A Belladonna Novella

Die Originalausgabe ist 2025 bei Little, Brown and Company(Hachette Book Group), New York, erschienen.

© 2025 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D-80801 München

Alle Rechte vorbehalten

arsedition.de/service

© Text: Adalyn Grace Inc.

Übersetzung: Petra Knese

Lektorat: Katja Korintenberg

Covergestaltung: Grafisches Atelier arsEdition, unter Verwendung der Illustration von Elena Masci und Inna Sinano/Shutterstock.com, MD MAINUL HOSHEN MOJUMDER/Shutterstock.com, Ali Creative EDGE/Shutterstock.com, Slava Gerj/Shutterstock.com, dadyda/Shutterstock.com, Elena_Medvedeva/Shutterstock.com, v_kulieva/Shutterstock.com, ArtMari/Shutterstock.com, Natalya Svetlova/Shutterstock.com, Innoria/Shutterstock.com, Anna.zabella/Shutterstock.com, ilustrasiasrori/Shutterstock.com, Ton Photographer 4289/Shutterstock.com Innenillustrationen: Lydia Elaine

ISBN eBook 9783845867052

ISBN Printausgabe 978-3-8458-6704-5

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

In einer Stadt wie im Märchen

wohnt ein Mädchen,

die an diese Weihnachtsgeschichte

viel eher glaubte als ich.

Ihr ist Holly gewidmet.

Hoffentlich mag sie die Novelle

auch mit neuem Titel.

1. Blythe

Holly, die Stechpalme, gilt seit jeher als Schutzpflanze, um böse Geister fernzuhalten.

Blythe Dryden stemmte die Hände in die Hüften und begutachtete ihr Werk. Hingen auch genügend Holly-Zweige im Salon? Damit einer wundervollen Weihnachtszeit auf Wisteria Gardens auch wirklich nichts im Wege stand, hängte sie noch einen Kranz über den Eingang. Lieber zu viel als zu wenig.

Seit sie wusste, dass sie die Reinkarnation des Lebens war, hatte sie zum Glück gelernt, ihre Kräfte gezielt einzusetzen. Nun konnte sie beliebig viel Holly wachsen lassen, um Dämonen, Geister oder andere bösartige Götter abzuwehren, die ein plötzliches Interesse an ihrer Familie zeigten. Und wenn sie diesen Plagegeistern den Holly-Zweig eigenhändig in den Rachen stopfen müsste, dieses Jahr würde keiner ihr gelungenes Weihnachtsfest stören.

Seit Aris’ Rückkehr hatte sich Wisteria verwandelt. Jahrelang hatte Blythe die Magie vermisst, die der Palast versprüht hatte. Nun, da der Hausherr zurück war, schlug Wisterias Herz wieder. Am Eingangsportal begrüßten steinerne Fabelwesen die Besucher und luden sie in einen weitläufigen Salon, in dem überlebensgroße, aufwendig geschnitzte Nussknacker nebst reich geschmückten Schneemännern, die nie zu schmelzen schienen, warteten. Die goldverbrämte Decke bildete einen Winterhimmel nach, an dem Sterne und Schneeflocken funkelten.

Im Kamin brannte ein fröhliches Feuer. Die Flammen passten zu dem warmen Licht, das die eigentümlichen Wandleuchter im Salon spendeten. Einer war geformt wie ein Wildschweinkopf und hatte frappierende Ähnlichkeit mit dem Türknauf ihres ehemaligen Schlafzimmers. Damals, als sie als Braut nach Wisteria gekommen war, hatte sie ihren frisch angetrauten Ehemann noch gehasst. Bei der Erinnerung daran musste sie schmunzeln. Rasch drapierte sie noch einen Holly-Kranz über die Hauer des Wildschwein-Wandleuchters. Als sie ein paar Schritte zurücktrat, klackerten ihre Absätze wie gewohnt über den Marmorboden. Huch! Plötzlich stieß sie gegen eine starke Brust. Kräftige Arme schlangen sich von hinten um sie. Blythe ließ sich entspannt in die vertraute Umarmung sinken. Wie gerne würde sie dieses Gefühl in eine Flasche füllen und fest verkorken, damit sie es immer bei sich tragen konnte!

»Du hast dich selbst übertroffen!« Aris zog sie noch fester zu sich heran. Sie schmiegte sich an ihn, verschlang die Arme mit seinen und neigte den Kopf zur Seite. Als er ihren Hals mit Küssen bedeckte, schloss sie die Augen, bis er sie zärtlich biss und sie aufschrie.

»Ist es nicht ein bisschen übertrieben?« Hatte sich all ihre Mühe gelohnt? Es sah schon sehr grün aus, das musste sie zugeben. Aber das ließe sich mit dem ein oder anderen gut platzierten Weihnachtsschmuck sicher leicht ausgleichen.

»Nichts, was du tust, ist übertrieben.« Mit einem teuflischen Lächeln auf den Lippen beugte Aris sich tiefer über ihr Mieder.

»Lügner.« Blythe fasste ihm in die blonden Locken, wollte ihn nicht wieder loslassen. Ihr Mann war erst vor vier Monaten zu ihr zurückgekehrt, und noch immer hatte sie sich nicht ganz an seinen neuen Körper gewöhnt. Aris war insgesamt größer, die Brust breiter, die Kinnpartie markanter und seine Haut einen Tick dunkler. So ungewohnt die Veränderungen auch waren, gab es doch genügend Vertrautes. Blythe hatte ihn auf den ersten Blick erkannt. Hatte erkannt, dass der fehlende Teil ihrer Seele endlich zu ihr zurückgekehrt war.

Seine Augen waren dieselben geblieben, auch die Hände hatten nichts von ihrer Geschicklichkeit eingebüßt, und nach wie vor zog Aris das Licht an. Über die paar Veränderungen, die es zudem gab, konnte sie sich wahrlich nicht beschweren. Vielmehr hätte sie sich jetzt sofort weiter mit diesen Unterschieden vertraut gemacht, wenn nicht Weihnachten vor der Tür gestanden und ihre Familie fürs Fest in der Stadt gewesen wäre. Eine Familie, die ihre Besuche stets über Gebühr in die Länge zog.

»Wenigstens können keine Zweifel aufkommen, was wir feiern.« Der Tod hatte seine Anwesenheit durch leises Räuspern angekündigt. Aris löste sich widerwillig von Blythe, ließ aber einen Arm um sie geschlungen.

»Mein lieber Bruder!«, stöhnte er. »Bevor Weihnachten vorbei ist, hängt ein Glöckchen an deiner Kapuze, das schwör ich dir.«

»Viel Glück.« Besagte Kapuze verschwand mitsamt den die Erscheinung umhüllenden Schatten, bis der Tod in seiner menschlichen Gestalt zu sehen war. Als Sylas trug er einen eleganten schwarzen Anzug und blitzblanke Stiefel. Das weiße Haar war im Nacken zusammengebunden. Haut blitzte nur vom Kragen aufwärts auf, denn an den Händen trug er Lederhandschuhe, damit er nicht versehentlich jemanden mit seiner Berührung tötete.

Sticheleien schienen die Lieblingsbeschäftigung des Schnitters zu sein, denn er grinste so breit wie sonst nur Blythes Vater, wenn er beim Kartenspiel ein besonders gutes Blatt hatte. Sylas stellte sich neben seinen Bruder und legte den Kopf in den Nacken, um all die Holly-Kränze zu bewundern.

Mit hochgezogener Braue fragte er: »Dir scheint ja dieses Jahr besonders weihnachtlich zumute zu sein, liebe Schwägerin.«

Blythe warf ihm einen verärgerten Blick zu. Wie hatte sie nur jemals vor diesem Mann Angst haben können? Es hatte einige Monate gedauert, bis sie sich in seiner Nähe unbeschwert bewegen konnte, aber nun war er ihr geradezu ein Trost. Ein ungewöhnlicher Mensch mit einem sonderbaren Hang zum Schabernack. Das verband sie mit ihrem Schwager wie mit einem Bruder. Nach ihrem leiblichen Bruder, der versucht hatte, sie zu töten, und zwar gleich zweimal, war das eine schöne Abwechslung.

»Ich gehe eben auf Nummer sicher«, erwiderte sie. »Bislang war uns Fortuna zu Weihnachten noch nie hold. Da können wir gar nicht Glück genug haben, um die Festtage unbeschadet zu überstehen.«

»Weihnachten ist doch schon bald«, erwiderte Sylas. »Da ändert ein wenig Holly mehr oder weniger auch nichts mehr am Glück.«

Vielleicht hatte er recht, doch sie ging lieber kein Risiko ein. Bei Aris’ Rückkehr hatten sie gemeinsam beschlossen, Wisteria Gardens zu verlegen, weil es am alten Ort zu viel Aufmerksamkeit erregt hatte. Schließlich hatten sie sich auf eine neue Stadt geeinigt: direkt vor den Mauern von Brude. In Brude hatte sie sich damals sofort verliebt, nicht nur in die Stadt, sondern auch in Aris. Und da ihr Vater Elijah nun in alle Familiengeheimnisse eingeweiht war, konnten sowohl Aris als auch Sylas ihn von jedem Ort der Welt für einen Besuch nach Wisteria Gardens bringen. Nun hatte sie also ihren Vater, ihren Schwager, ihre liebste Cousine und die Liebe ihres Lebens um sich. Da sollte ihr erstes Weihnachtsfest als Familie einfach fabelhaft werden. Wehe, wenn ihr jemand dazwischenfunkte!

Seit Jahren hatte sie auf diesen Moment gewartet und dabei immer wieder an ihr bisher einziges gemeinsames Weihnachtsfest mit Aris gedacht. Während dieser Zeit war ihr bewusst geworden, dass sie ihn liebte. Und da hatten sie dann auch zum ersten Mal miteinander geschlafen. Die folgenden siebenundzwanzig Jahre war Blythes Bett kalt geblieben und ihr Herz hatte sich vor Sehnsucht verzehrt. Doch dieses Jahr würde alles perfekt sein. Das hatten sie nun wirklich verdient. Besonders Aris.

Apropos Aris … Blythe löste sich aus seiner Umarmung und trat zu Sylas. »Was ist mit der Sache, bei der ich dich um Hilfe gebeten habe?« Sie wählte ihre Worte mit Bedacht, spürte förmlich, wie Aris vor Neugier brannte.

»Ich werde mich demnächst um das Geschenk kümmern.« Sylas sah seinen Bruder mit einem triumphierenden Grinsen an. »Es ist wirklich gut.«

»Ein Geschenk?«, wiederholte Aris. Warum machte ihr Mann so ein Gesicht? »Ich brauche nichts.«

»Du bist mein Ehemann, und es ist unser erstes gemeinsames Weihnachten, bei dem keiner im Sterben liegt oder tot ist.« Blythe sagte es in vollem Ernst. »Das ist doch ein Grund zu feiern, Aris. Natürlich bekommst du von mir ein Geschenk. Und nur damit du’s weißt: Sylas musste mir versprechen, dir nicht den kleinsten Hinweis zu geben.«

»Ich bin bekannt dafür, dass ich Wort halte«, verkündete Sylas stolz und verschränkte die Hände hinterm Rücken. »Und Geheimnisse hüten kann, meistens jedenfalls. Wenn du mir sagst, was du Blythe schenkst, behalte ich es auch für mich.«

»Du bist genauso neugierig wie deine Frau«, sagte Aris.

Sylas zuckte mit den Achseln »Und du etwa nicht?«

»Wenn diese Familie etwas gemein hat, dann ist es wohl Neugier«, sagte Blythe. »Es mag euch vielleicht überraschen, aber ich möchte nicht wissen, was ich zu Weihnachten bekomme. Wenn du dich darüber austauschen möchtest, Liebling, dann müsst ihr eure Unterhaltung woanders fortführen.« Zum Spaß stieß sie ihren Mann von sich. Aris verzog schmollend den Mund, und Blythe musste an sich halten, um nicht laut loszulachen.

»Alles gut, Aris. Jetzt lasst mich bitte allein, ich möchte mit dem Schmücken weitermachen, und da seid ihr mir im Weg.« Als aus ihrer bloßen Hand Holly-Zweige wuchsen, lachte Sylas.

»Na schön«, sagte er. »Genehmigen wir uns einen Drink, Bruder?«

»Später vielleicht.« Aris schien ganz woanders mit seinen Gedanken. »Vorher habe ich noch was zu erledigen.«

»Könnte es sein, dass du noch ein Geschenk brauchst?«, stichelte Sylas.

Aris zischte hörbar verärgert: »Du bist eine Schande für die Menschheit.«

Sylas beobachtete bloß grinsend, wie Aris Blythe rasch einen Kuss auf die Stirn drückte, bevor er davoneilte.

Als er fort war, sagte Blythe: »Musst du ihn denn immer so ärgern?«

Der Schnitter lächelte. »So drücken wir unsere Zuneigung aus.«

»Deine Zuneigung scheint ihn jedenfalls in Panik versetzt zu haben.«

»Besser jetzt als unterm Baum. Wenn er dann nichts für dich hätte, wäre er in noch viel größerer Panik. In diesem Sinne …« Sylas schaute aus dem Fenster in den Abendhimmel. »Es ist Zeit für mich.«

»Und du bist überzeugt, dass es klappt?«

Der Tod zog die Handschuhe zurecht und versicherte sich dreimal, dass sie auch wirklich richtig saßen, bevor er Blythe durchs Haar wuschelte. »Nein, aber ich werde es trotzdem versuchen.«

Als sie seine Hand wegschlagen wollte, war er schon in den Schatten verschwunden.

»Ein Glöckchen wäre wirklich nicht schlecht!«, rief sie ihm nach. Lächelnd machte sie sich wieder an die Arbeit. Es gab noch viele Holly-Kränze zu flechten.

2. Aris

Aris Dryden war nicht unbedingt für seine Großzügigkeit bekannt. Er hielt nicht viel von Geschenken, denn machte man erst einmal eines, musste das nächste gleich noch viel fürstlicher ausfallen. Früher hätte er Blythe wohl an einen exotischen Ort entführt, doch Elijah wurde zunehmend älter, da schätzte seine Frau die Zeit mit der Familie mehr als jede luxuriöse Reise. Außerdem hatte sich Blythe in den fast drei Jahrzehnten, in denen sie getrennt gewesen waren, verändert. Und er wollte sich auf keinen Fall mit einem Geschenk blamieren, mit dem er danebenlag.

Natürlich war sie immer noch Blythe. Ihre Zunge war noch genauso spitz, und wie vor siebenundzwanzig Jahren war sie der Stachel in seinem Fleisch. Aber seit seiner Rückkehr war er zu beschäftigt gewesen, Wisteria und sein Leben wieder in Ordnung zu bringen, als dass er den Kopf für Geschenke frei gehabt hätte.

Es musste spektakulär sein. Ein Geschenk, das der Frau würdig war, die so viele Jahre auf ihn gewartet hatte, die nach Jahrhunderten endlich in sein Leben zurückgefunden und jetzt seine Ehefrau war.

Was konnte man so jemandem schenken?

Für ihren Vater müsste er auch etwas besorgen, das war klar. Elijah war ihm gegenüber immer ausgesprochen großzügig gewesen. Und wenn Blythe Geschenke verteilte, dann Elijah sicher auch. Außerdem gab es da auch noch diesen Quälgeist von Bruder … O Gott, die Liste wurde immer länger. Da konnte er sich ja gleich in Sankt Nikolaus verwandeln und die Nachbarn samt Kindern mit einem Sack voller Geschenke beglücken.

Stöhnend rieb er sich den Nasenrücken. Es wäre schön, Ideen mit seinem Bruder auszutauschen, aber so wie der Tod die Augenbrauen hochgezogen und gegrinst hatte, ahnte er, dass Aris noch kein Geschenk für Blythe hatte. Doch er würde sich eher die Hand abhacken, als das vor diesem Esel einzugestehen. So hastete er nun durch die Säle auf der Suche nach der Einzigen, die ihm aus dieser Misere heraushelfen konnte.

Er fand Signa Farrow ausgerechnet in dem Raum, den er Blythe vor siebenundzwanzig Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Damals war es eine Bibliothek gewesen, und bei seiner Rückkehr hatte er sie wiederhergerichtet. Wie gerne wäre er früher nach Wisteria zurückgekehrt, doch er wurde ohne Erinnerungen in eine Schneiderfamilie wiedergeboren. Es war eine anständige Familie gewesen, in der er zwölf Jahre lang ein relativ normales Leben geführt hatte. Natürlich gab es auch Unerklärliches: Dinge erschienen, sobald er an sie dachte; das Licht verfolgte ihn auf sonderbare Weise; seine Haut verströmte ein seltsames Leuchten. Und dann gab es diesen unablässigen Drang, etwas zu erschaffen, was die Familie kirre machte. Um dieses Bedürfnis zu stillen, entschloss er sich, bei seinem Vater in die Lehre zu gehen. Da bekam er bereits einen Vorgeschmack auf seine Fähigkeiten.

Er lernte schneller als alle anderen Lehrlinge, fertigte traumhaft schöne Anzüge und Kleider, manche fand er bei seiner Rückkehr in Blythes Kleiderschrank. Und dass sie keine Ahnung gehabt hatte, wer sie genäht hatte, bedeutete ihm mehr, als sie sich hätte vorstellen können. Selbst getrennt hatten sie eine Verbindung zueinander gefunden.

Aris hatte sieben Jahre lang eine eigene Schneiderei betrieben, die allerdings eher dem äußeren Schein diente, während er mit Kräften experimentierte, die weit über das Fertigen von Kleidungsstücken hinausgingen. Als er den ersten Gobelin gestickt und dabei das Leben der Seele durchlebt hatte, deren Schicksal er dabei schuf, fürchtete er, verrückt geworden oder dem Tod nah zu sein. Dennoch konnte er nicht wieder damit aufhören, fertigte wie besessen einen Gobelin nach dem anderen an, weil er wusste, dass mehr dahintersteckte – eine wundersame Magie, über die er als Einziger verfügte.

Dazu kam, dass er mit jedem Stich auch den eigenen Erinnerungen nachjagte. In manchen Nächten stickte er, bis ihm die Finger bluteten und er jedes Gefühl für sich selbst verlor. Wie konnte er in Erinnerungen an ein Lachen schwelgen, das er noch nie zuvor gehört hatte? Sich nach süßen Lippen verzehren, die er nie geküsst hatte?

Jahrelang setzte er diesen Erinnerungsfetzen nach – flüchtigen Eindrücken seines Lebens mit Blythe –, bis er endlich wusste, wer und was er war. In derselben Nacht noch begab er sich auf die Suche nach ihr und irrte in der nächsten Stunde schon durch ihr Dornenlabyrinth. Erst als er Hand in Hand mit seiner Frau in Wisteria Gardens eintrat, war seine Seele wieder ganz.

Doch beim Anblick des Palastes war er erschrocken.

Wisterias Wände waren mit Malereien aus Blythes Erinnerungen bedeckt gewesen. Aris hatte erwartet, dass sie den Palast verlassen hatte, doch ihre Spuren waren überall zu finden. Selbst die Entwicklung ihrer Kräfte war am Gemäuer abzulesen. Einige Mauern waren von den Weinranken komplett zersetzt, ganze Zimmer vor lauter Dornen vollkommen unbewohnbar. Ein Anblick, den er tunlichst vergessen wollte!

Der Garten hingegen wirkte gut gepflegt. Nieswurz und Eisenhut blühten. Gänseblümchen, Rosen und Lilien, so wunderschön wie aus einem Märchen. Was er alles verpasst hatte! Der Gedanke schmerzte ihn, andererseits freute er sich natürlich, dass Blythe auch ohne ihn ihre Kräfte so gut entwickelt hatte.

Das hatte er wahrscheinlich seinem Bruder und seiner Schwägerin zu verdanken …

Signa saß unter einem riesigen, weiß überzuckerten Tannenbaum, an dem brennende Kerzen flackerten. Er war so mit farbenprächtigem Weihnachtsschmuck beladen, dass von seinem Grün kaum noch etwas zu sehen war. Signas dunkles Haar war nachlässig auf dem Kopf zusammengeschlungen. Um sie herum ein Meer aus Geschenkpapier und Schleifenbändern. Neben ihr döste der Hund seines Bruders, ein Auge halb offen. Als Gundry ihn entdeckte, klopfte er mit dem Schwanz auf den Boden, sodass Signa aufschaute.

»Bleib, wo du bist!« Schützend hielt sie die Hand über ein Geschenk. »Gib mir noch eine Sekunde, sonst verdirbst du dir die Überraschung.«

Es dauerte einen Moment, bis Aris begriff, dass sie gerade sein Geschenk einpackte. Und er gab sich große Mühe, sein Entsetzen zu überspielen.

Zum Glück war ja noch eine Woche Zeit bis Weihnachten. Eine Woche, in der er sich fantastische Geschenke ausdenken konnte, um alle und jeden damit zu überschütten. Und aus genau diesem Grund war er ja schließlich hier. Nachdem Signa ihre Erlaubnis erteilt hatte, schlug er die Frackschöße beiseite und setzte sich vor ihr auf den Boden.

»Hallo, Schwägerin.« Ob er ihr gegenüber je dieses befremdliche Gefühl ablegen würde? Wie hatte sein altes Ich sie nur für seine Seelengefährtin halten können? Absurd. Signa war so … na ja, irgendwie absonderlich. Als er ihr den Hof gemacht hatte, hatte er diesen Eigenheiten noch einen gewissen Charme abgerungen, aber nun fragte er sich, ob sie überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten hatten. Wohl kaum. Mit ihren Spleens passte sie dafür ausgezeichnet zu seinem Bruder, denn der Tod war mindestens genauso seltsam. Aber zu ihm selbst? Wäre es ihm damals gelungen, sie zu einer Heirat zu zwingen, hätten alle Parteien darunter gelitten. Zum Glück war Blythe dazwischengegangen.

»Haben dich die Vorbereitungen meiner Cousine vertrieben?« Signa schnitt ein rotes Schleifenband ab und band es um eine kleine Schachtel.

»Eher ihr Anspruch, dass es ein vollkommenes Fest werden muss.« Aris kraulte Gundry hinterm Ohr. »Ich bin wegen der Geschenke gekommen.«

Signa zog eine Braue hoch. »Du bekommst deins aber nicht vorher.«

Schade eigentlich, denn sonst könnte er den Wert abschätzen. Es wäre ihm ein Graus, wenn er etwas Außergewöhnliches bekäme und sich selbst bloß mit einer Kleinigkeit revanchierte.

Wie kompliziert die Wahl der Geschenke werden könnte, hatte er nicht vorausgesehen.

»Das hätte ich auch nie von dir verlangt.« Verschwörerisch beugte er sich vor, um ihr Interesse zu wecken. Was ihm durchaus gelang, denn auch sie beugte sich vor, um zu lauschen. »Weißt du, ich habe da ein Problem.«

Gespannt legte sie Papier und Schere beiseite. »Was denn für ein Problem?«

»Eins, bei dem ich die Hilfe meiner Schwägerin brauche. Es geht um das perfekte Geschenk für meine Frau … und für meinen Schwiegervater und meinen Bruder. Und für dich natürlich auch. Wobei ich dich da ja schlecht um Hilfe bitten könnte.«

»Nein, das könntest du nicht.« Signa widmete sich wieder dem Einpacken ihrer Geschenke, wobei Gundry es ihr nicht gerade leicht machte. Mit seinem buschigen grauen Schwanz fegte er ihr Material durch die Gegend. Aris verbiss sich das Lachen, um den Hund nicht weiter anzustacheln. Der gleiche Übermut wäre auch Beasty zuzutrauen gewesen, seiner Füchsin. Wehmütig erinnerte er sich an sie. Beasty war die Einzige, die er für immer verloren hatte. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, hätte er sich gerne von ihr verabschiedet.

»Dabei kann ich dir nicht helfen, Aris. Geschenke sind sehr persönlich, und für Wesen wie uns sind die Möglichkeiten einfach unendlich. Wir brauchen nichts.«

»Irgendetwas wünscht sich doch jeder. Ein Diamantcollier vielleicht?«

Signa fischte nach der Schere, die unter Gundrys Schwanz lag. »Sicher würde sie sich über ein Collier freuen …«

»Aber?«

»Aber es ist nichts Persönliches. Blythe kann sich jeden Tag selbst ein Diamantcollier kaufen. Einige hat sie auch schon.«

Aris lehnte sich stöhnend zurück und bettete den Kopf auf Gundrys Bauch. »Und jetzt?«