Holunderherzen - Brigitte Janson - E-Book
oder
Beschreibung

Nach einer gescheiterten Beziehung hat Anne die Nase voll von der Liebe und hofft auf die heilende Wirkung ihrer Tante. Die eigenwillige Tilly ist das schwarze Schaf der Familie und Annes großes Vorbild. Doch Tilly scheint selbst nicht ganz auf der Höhe zu sein: Ihr Öko-Hof in der Lübecker Bucht ist halb verlassen, einzig ihr Mops Hugo leistet ihr Gesellschaft. Hinter der spröden Fassade ihrer Tante entdeckt Anne eine verletzliche Frau, die oft zerstreut wirkt. Anne beschließt zu bleiben und den wild wachsenden Holunder auf Tillys Hof zur neuen Einnahmequelle zu machen. Dabei wird sie tatkräftig unterstützt vom Fischer Thies, und auch der Landarzt Carsten lässt sich überraschend oft blicken. Vielleicht ist in Sachen Liebe ja doch noch nicht alles zu spät?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Das Buch

Nach einer gescheiterten Beziehung hat Anne die Nase voll von der Liebe und hofft auf die heilende Wirkung ihrer Tante. Die eigenwillige Tilly ist das schwarze Schaf der Familie und Annes großes Vorbild. Doch Tilly scheint selbst nicht ganz auf der Höhe zu sein: Ihr Öko-Hof in der Lübecker Bucht ist halb verlassen, einzig ihr Mops Hugo leistet ihr Gesellschaft. Hinter der spröden Fassade ihrer Tante entdeckt Anne eine verletzliche Frau, die oft zerstreut wirkt. Anne beschließt zu bleiben und den Holunder auf Tillys Hof zur neuen Einnahmequelle zu machen. Dabei wird sie tatkräftig unterstützt von Fischer Thies, und auch der Landarzt Carsten lässt sich überraschend oft blicken. Vielleicht ist in Sachen Liebe ja doch noch nicht alles zu spät?

Die Autorin

Brigitte Janson heißt eigentlich Brigitte Kanitz und wurde 1957 in Lübeck geboren. Viele Jahre war Hamburg ihre Wahlheimat, wo sie als Journalistin arbeitete. Heute lebt sie in den italienischen Marken.

Von Brigitte Janson sind in unserem Hause bereits erschienen:

WinterapfelgartenDie TortenbäckerinDer verbotene Duft

BRIGITTE JANSON

HOLUNDERHERZEN

ROMAN

List Taschenbuch

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Wir wählen unsere Bücher sorgfältig aus, lektorieren sie gründlich mit Autoren und Übersetzern und produzieren sie in bester Qualität.

ISBN 978-3-8437-1220-0

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, MünchenTitelabbildung: © Fine Pic®, München

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Für meine Mutter Christa Kanitz (1928–2015). Ich erinnere mich an glückliche Kindertage am Strand der Ostsee.

1. Kapitel

»Der Fisch ist schon tot«, erklärte Gesa und schnappte sich die Platte mit den Lachsschnittchen. »Der muss nicht mehr schwimmen.«

Anne wollte lachen, aber es kam nur ein Schluchzen aus ihrem Mund. Ihre Tränen flossen auf die Arbeitsfläche aus schwarzem Granit und sammelten sich zu einer erstaunlich großen Pfütze.

»Wie schaffst du das bloß?«, fragte Gesa verwundert. »Andere Leute verdrücken maximal ein paar Tröpfchen, bei dir tritt gleich die Elbe über ihre Ufer.«

Lachen klappte wieder nicht. Das Schluchzen wurde lauter. Anne war das furchtbar peinlich. Normalerweise weinte sie nur, wenn sie allein war. Aber heute war alles anders.

»Ich korrigiere mich«, sagte Gesa, während sie eine Handvoll Blätter von einer Küchenrolle abriss und Annes Tränenflut aufwischte. »Die Niagarafälle stürzen in die Schlucht.«

Anne starrte sie an. »Brauchst dich nicht lustig über mich zu machen.«

»Nee, sorry. Aber kein Mann dieser Welt ist eine solche Flutwelle wert – aua!« Sie rieb sich den Hinterkopf, wo Anne sie mit einem Holzlöffel getroffen hatte. »Deswegen musst du deine beste Freundin und Lieblingsangestellte nicht gleich erschlagen.«

»Du bist meine einzige Angestellte.«

»Klar, weil es sonst keine mit dir aushält.«

Jetzt brach es aus Anne heraus, das Lachen, und auf einmal fühlte sie sich wie befreit.

Gesa beobachtete sie misstrauisch, dann kicherte sie unsicher, schließlich grölte sie los.

»Juhu! Die biblische Sintflut ist besiegt! Das Leben ist wieder schön!«

Sie lagen sich in den Armen, die große schlanke Anne Winkler und die kleine füllige Gesa Heinrich, und für einen Moment war aller Kummer vergessen. Sie bebten vor Lachen, bekamen gleichzeitig Schluckauf und glucksten noch eine Weile vor sich hin, als der schlimmste Anfall vorüber war. Beide trugen sie weiße Kittel, Einmalhandschuhe und auf dem Kopf formlose Plastikhauben.

Anne behauptete gern, in ihrer Arbeitskleidung sähen sie aus wie Scheinzwillinge. Denn abgesehen von den weißen Klamotten hätten sie nicht verschiedener sein können. Während Gesa ein herzförmiges Madonnengesicht mit großen Kulleraugen und schwarze Locken hatte, fand Anne an sich selbst alles einen Tick zu lang. Nicht nur ihren Körper in seiner Gesamtheit, sondern auch die Arme, die Hände und insbesondere die Nase. Ihre Freundinnen behaupteten, Anne habe einen Knall. Sie würden allesamt einen Mord begehen, um ihre Figur zu bekommen, ihre welligen hellbraunen Haare, ihre grau-grünen Augen. Anne wisse gar nicht, wie schön sie sei.

Bis auf die Nase, dachte Anne dann, sagte es aber nicht mehr laut.

Und wie gut sie es habe, wurde hinzugefügt. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau, stark, frei und finanziell unabhängig. Einiger Neid schwang dann in den Worten der Freundinnen mit.

Bis auf die Einsamkeit, hatte Anne noch im vergangenen Winter erwidert. Bevor es dann vorbei war mit dem Alleinsein. Bevor die Hoffnung in den ersten Frühlingstagen mit tausend Schmetterlingen in ihr Herz einzog.

»Was wäre ich bloß ohne dich?«, murmelte Anne jetzt.

»Wahrscheinlich eine unglückliche, frisch verlassene Vierzigjährige mit Hang zu nasser Dramatik und ohne eine pummelige Schulter zum Anlehnen«, erwiderte Gesa halb amüsiert, halb mitleidig.

Anne löste sich von Gesa. Sie kam sich jetzt ein wenig albern vor mit ihrem Liebeskummer. Die Freundin hatte schon recht. Kein Mann dieser Welt war es wert, Tränen für ihn zu vergießen. Jedenfalls keiner wie Roland. Auch hysterische Heiterkeitsausbrüche hatte er nicht verdient. Sie drückte die Schultern durch und hob den Kopf. »Lass uns lieber weitermachen. Wir müssen in zwei Stunden ausliefern.«

Gesa warf ihr einen besorgten Blick zu, aber als die Augen ihrer Chefin trocken blieben, nickte sie.

»In Ordnung. Du rollst die Bällchen aus Ziegenkäse, ich schnippele das junge Gemüse und rühre den Kräuterdip an.«

Anne nickte stumm. Es war in Ordnung, wenn Gesa das Kommando übernahm. Sie fürchtete, sie würde nur wieder weinen, wenn sie ein einziges weiteres Wort sprach.

Oder lachen, sich kaputtlachen über das Leben und die Liebe. Beides war im Augenblick zu anstrengend. Also griff sie sich die Schüssel mit dem Ziegenkäse, den sie vor einer Stunde mit Knoblauch, Thymian, Basilikum und etwas Olivenöl vermischt hatte, und zog sich frische Handschuhe an. Dann machte sie sich daran, murmelgroße Kugeln zu formen, rollte sie kurz in zermahlenen Pistazien und arrangierte sie dann auf einer versilberten Platte.

Der Auftrag heute war keine große Herausforderung für die beiden Frauen. Kanapees und Fingerfood für zwei Dutzend Partygäste in einer Villa an der Elbchaussee.

Zum Glück, dachte Anne, während ihre Hände die Arbeit automatisch erledigten. Ein großes Büfett mit mehreren Gängen wäre definitiv über ihre Kräfte gegangen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schaute nach draußen. Auf der Alten Königstraße in Hamburg-Altona ging das Leben an diesem sonnigen Freitagnachmittag im August seinen gewohnten Gang. Autofahrer schoben sich ungeduldig durch den Feierabendverkehr, junge Leute saßen lachend und schwatzend vor einem Café, Familien schleppten ihre Wochenendeinkäufe nach Hause. Niemand sah durch das Schaufenster von Annes »Party and more« und begegnete ihrem Blick. Niemand klopfte gegen die Scheibe und rief ihr zu: »Halte durch! Alles wird gut! Der nächste Traumprinz kommt schon auf seinem Schimmel angetrabt!«

O Gott!

Schnell drehte Anne sich weg. Bloß nicht den Verstand verlieren. Es genügte schon, dem Glück in ihrem Leben nicht mehr über den Weg zu trauen. Ihre fünf Sinne musste sie beisammenhalten.

Anne zwang sich, an etwas Positives zu denken.

Hm. Aber an was? Liebevolle Umarmungen, Küsse und massenhaft Streicheleinheiten fielen flach. Der Traumprinz auf seinem weißen Pferd sowieso. Der stürzte in ihrer Phantasie in dieser Sekunde aus dem Sattel.

Dann doch lieber die Arbeit. Da war sie auf der sicheren Seite.

Manchmal staunte Anne selbst am meisten darüber, wie gut sich ihr Partyservice entwickelt hatte. Vor fünfzehn Jahren hatten ihre Eltern in diesen Räumen noch eine typische Hamburger Kneipe betrieben. Mit einfachen Gerichten wie Matjespastete oder Bohnen, Birnen und Speck, mit Bier vom Fass und Schnaps aus der Flasche, mit ein paar Spielautomaten an den Wänden, einer großen Holztheke und fünf Tischen.

Für Helga und Werner Winkler war diese Kneipe ihr Leben gewesen. Reich wurden sie nicht, aber viele Jahre ging das Geschäft gut. Sie hatten einander, und sie hatten ihre Tochter. Und sie waren eine glückliche Familie. Anne jobbte nach der Schule in der Kneipe und später, während ihrer Kochlehre, an jedem freien Tag. Als sie keine gute Anstellung als Köchin fand, übernahm sie mehr und mehr Verantwortung. Bis die große Entscheidung anstand. Bis die Eltern sich zur Ruhe setzten und Anne wählen musste: Alles verkaufen und sich irgendeinen Job suchen oder den großen Sprung wagen?

Sie sprang.

Gesa stach mit einer Karotte nach ihr. »Komm mal wieder zu dir. Hier, Rucola in Serranoschinken einwickeln, danach Tortenbrie auf Pumpernickel platzieren. Ich fülle die Zucchini mit Feta und brate zwei Kilo Riesengarnelen.«

»Tut mir leid«, sagte Anne. Es war ihr nicht aufgefallen, dass ihre Hände nutzlos herunterhingen. Sie wandte ihren Blick vom Fenster ab und schaute sich kurz um, während sie den würzigen französischen Weichkäse auspackte. Die alte schummerige Kneipe hatte sich im Laufe der Jahre in eine einzige große Küche mit erstklassigen Gerätschaften und dem überdimensionalen Arbeitstisch in der Mitte entwickelt. Es war ein langer Weg bis zu diesem topmodernen und florierenden Geschäft gewesen. Anfangs hatte Anne ganz allein in der alten Kneipenküche ein paar kalte Platten angerichtet und in der Nachbarschaft zu Familienfesten gebracht. Aber Jahr für Jahr erweiterte sie ihr Angebot, ließ die nötigen Umbauten vornehmen und gewann im nahen Blankenese mehr und mehr Kunden. Sie ließ eine flotte Website bauen, beschäftigte einen Fahrer für die Lieferungen, stellte je nach Bedarf eine oder gleich mehrere Aushilfskräfte ein und suchte lange nach einer zweiten festangestellten Köchin. Gesa kam an einem Wintertag vor gut fünf Jahren ganz von selbst hereingeschneit.

»Sie brauchen mich!«, erklärte sie ohne Umschweife. »Ich kann kochen, schnippeln, anrichten und so weiter, bla, bla. Außerdem koste ich nicht viel, weil mein Mann gut verdient. Aber ich muss was zu tun haben, und ich wohne ganz in der Nähe, unten an der Palmaille.«

»Sie sind hochschwanger«, protestierte Anne.

»Na und? Ich werde mein Kind schon nicht hier auf dem schön gefliesten Fußboden kriegen. Keine Bange.«

»Ich kann es mir aber nicht leisten, eine Angestellte zu bezahlen, die in Elternzeit geht.«

»Wer will denn so was? Da langweile ich mich ja zu Tode. Nee, keine Sorge. Zwei Wochen nach der Geburt bin ich wieder fit, und meine Mutti kümmert sich dann um den Kleinen. Macht sie bei der Großen auch schon.«

»Aha«, erwiderte Anne schwach und gab sich geschlagen.

Gegen so viel Energie kam sie einfach nicht an.

Sie hatte es nie bereut. Gesa und sie waren ein perfektes Team und wurden gute Freundinnen. Der Partyservice wuchs und gedieh, bald war auch die Ausstattung der Küche komplett.

Vorn an der Eingangstür befand sich noch ein kleiner, mit flämischen Kacheln dekorierter Tresen, an dem jene Kunden, die persönlich hereinschauten, im Prospekt blättern und ihre Bestellungen aufgeben konnten. Dazu bekamen sie eine Tasse besten Espresso oder ein Glas Champagner.

Letzteres war Gesas Idee gewesen, die sich als ungemein verkaufsfördernd herausgestellt hatte.

Anne lächelte ihrer Freundin zu. »Ohne dich wäre ich verloren.«

»Wissen wir, wissen wir. Und nun: hopp, hopp, weiter geht’s, wenn die armen, armen reichen Leutchen nicht verhungern sollen.«

Eine halbe Stunde lang arbeiteten sie schweigend nebeneinander. Die fertigen Gerichte wurden sorgsam in Plastikboxen verpackt und in einen kleinen gekühlten Nebenraum gebracht. Anne achtete stets darauf, dass sich die Düfte der Speisen nicht vermischten. Ihrer Meinung nach verdarb das deren einzigartigen Geschmack. Gesas Meinung nach müsste schon Paul Bocuse persönlich zum Vorkosten erscheinen und bezeugen, dass der geräucherte Thunfisch nach spanischen Salzmandeln schmeckte, nur weil er ein paar Stunden dasselbe Ambiente geteilt hatte. Sonst würde sie das im Leben nicht glauben. Allerdings war Anne hier die Chefin, und so wurde nach ihrer Anweisung gearbeitet.

Nur heute nicht. Sie übersah die Platte mit den Lachsschnittchen, die gefährlich dicht neben der Schüssel mit den frisch gebratenen Garnelen stand, und sie vergaß, den Serranoschinken vor den Bällchen aus Ziegenkäse im Pistazienmantel in Sicherheit zu bringen.

»So langsam wird das wirklich unheimlich«, stellte Gesa leise fest.

Durch Annes Kopf galoppierte gerade ein reiterloser Schimmel. Das war unheimlich. Sie hütete sich, davon zu erzählen, sondern bat stattdessen: »Erzähl mir was. Irgendwas Lustiges.«

»Heute früh hat Ole sein neues Feuerwehrauto im Klo versenkt«, begann die Freundin.

Anne lächelte gequält, tat, als würde sie zuhören, und versuchte, die Ohren zu verschließen.

Selbst schuld. Sie wusste doch, dass Gesa am liebsten von ihrer Familie berichtete. Außer dem zweijährigen Ole gab es noch Leon und Katy, fünf und acht Jahre alt. Dazu den wunderbaren Sven Heinrich, Gesas Mann. Auch er Koch, mit einem guten Job in einem vornehmen Restaurant in Blankenese. Die Familie lebte in einer geräumigen Altbauwohnung, und wann immer Anne zu Besuch kam, ging es dort hoch her.

Jedes Mal war sie froh, wenn sie sich nach ein paar Stunden wieder verabschieden konnte. Nicht, weil sie die Heinrichs nicht mochte, ganz im Gegenteil. Aber es war schwer, so viel geballtes Glück zu ertragen. In letzter Zeit war es etwas einfacher gewesen. Mochte Annes alter Traum von einer eigenen großen Familie auch niemals in Erfüllung gehen, so hatte sie doch einen Mann an ihrer Seite gehabt. Einen, der »in unserem fortgeschrittenen Alter«, wie er es nannte, keine Kinder mehr wollte, der jedoch genau wie sie selbst eine feste Beziehung suchte.

Hatte sie gedacht.

»Nur weil ich vom Klempner schwärme, musst du nicht gleich wieder losheulen«, sagte Gesa.

»Entschuldige.«

»Schon okay. Ich besitze mal wieder null Taktgefühl. Plaudere hier über mein lustiges Familienleben, während du deinem Lover nachtrauerst.«

Sie hielt ihr die Küchenrolle hin, aber Anne schüttelte den Kopf und schluckte ein paarmal krampfhaft Luft, bis der neuerliche Weinkrampf vorüber war. Mit derselben Kraft unterdrückte sie einen Lachanfall. Sie hatte nie gewusst, wie nahe Weinen und Lachen zusammenlagen. Bis heute.

»Roland war nicht bloß irgendein Lover«, flüsterte sie. »Er … hätte alles sein können für mich.«

»Weiß ich, Süße. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass er sich vom Acker gemacht hat.«

»Warum nur?«, fragte Anne leise. »Warum hat er mich verlassen?«

»Vielleicht, weil er ein Vollpfosten ohne Rückgrat ist?«, schlug Gesa vor. Sie machte sich daran, die fertigen Speisen in ihren Boxen zu verstauen, und räumte die Geschirrspülmaschine ein. Anne sank auf einen Hocker vorn am Tresen. Die Arbeit war getan. Es gab nichts mehr, womit sie sich ablenken konnte. Sie mussten nur noch auf Björn warten, den Studenten, der zurzeit den kleinen Lieferwagen fuhr. Ein Service für den Aufbau des Büfetts war diesmal nicht mitgebucht worden.

»Das kriegen wir bestimmt allein hin«, hatte das Geburtstagskind, die Tochter eines steinreichen Hamburger Reeders, gesagt. Womit sie natürlich den Preis gedrückt hatte. Manchmal hasste Anne ihre Kunden. Oft waren es die mit dem meisten Geld, die noch um den letzten Cent feilschten. Dann träumte sie davon, etwas ganz anderes zu machen. Vielleicht ein kleines Lokal zu eröffnen, irgendwo auf dem Land, wo die Zeit ein bisschen stehengeblieben war, wo sie ein paar wenige Gerichte anbieten würde, vielleicht ein, zwei leckere Kuchen dazu, und wo die Gäste noch wirklich dankbar waren für das, was sie ihnen vorsetzte.

Doch einen solchen Ort gab es wohl nicht für sie. Und sie begriff schließlich, dass sie im Grunde nichts anderes erträumte, als in die Vergangenheit zu reisen. Zurück in jene Jahre, als ihre Eltern noch die Kneipe betrieben, als im Gastraum gegessen, gelacht und gelebt wurde, als die Liebe des jungen Ehepaares alles überstrahlte, sogar die Dunstschwaden unzähliger Zigaretten, und als das Kind Anne sicher sein durfte, dass eine so große Liebe auch auf sie wartete, eines schönen Tages, wenn sie nur erst erwachsen wurde. Es war diese feste Zuversicht, nach der sie sich zurücksehnte, und ihre geizigen Kunden von heute hatten eher wenig damit zu tun.

Gesa kam mit einer noch halbvollen Champagnerflasche und zwei Gläsern an den Tresen, doch Anne winkte ab.

»Es gibt nichts zu feiern.«

»Und ob«, erwiderte ihre Freundin, kletterte auf den zweiten Hocker und goss die perlende Flüssigkeit ein.

»Prost. Auf ein Ende mit Schrecken. Und wehe, du verwässerst das teure Gesöff mit einer neuen Sturmflut.«

Anne trank einen Schluck, dann noch einen. Die Luftbläschen kitzelten ihren Gaumen, und sie dachte daran, wie sie manchmal mit Roland Champagner getrunken hatte.

»Stopp!«, rief Gesa. »Du läufst schon wieder über. Denk sofort an was Schönes!«

»Das kann ich nicht. Er ist überall. In meinem Kopf und in meinem Herzen.«

»Höchste Zeit, dass er woanders landet«, gab Gesa zurück. Sie musterte Anne nachdenklich, bis sie endlich sagte: »Also gut, wenn das Sprudelzeug allein nicht hilft, müssen wir härtere Maßnahmen ergreifen.«

»Keinen Alkohol mehr. Dann wird es nur noch schlimmer.«

»Ich dachte eher an eine Teufelsaustreibung.«

Bevor Anne etwas erwidern konnte, traf Björn ein, und sie halfen ihm, die Plastikboxen zu verladen. Als er abgefahren war, bestand Gesa darauf, dass sie sich wieder auf die Hocker setzten.

»Eine halbe Stunde habe ich noch, bevor mich meine Affenbande zu Hause erwartet. Also, was ist am schlimmsten?«

Anne musste nicht lange nachdenken. Roland Wolters, Rechtsanwalt aus dem vornehmen Stadtteil Harvestehude, mit Villa und Kanzlei direkt an der Außenalster, fünfzig Jahre alt, zweimal geschieden, keine Kinder. Doktor Roland Wolters, der ihr gesagt hatte, sie sei die Frau seines Lebens.

»Er hat unsere letzten drei Verabredungen von seiner Assistentin absagen lassen.«

»Feigling.«

Roland, der in den ersten Wochen wie ein starker, unabhängiger Mann gewirkt hatte. Ein Mann, der eine Partnerin auf Augenhöhe suchte.

»Er behauptet, ich hätte nie Zeit für ihn, weil ich mit meiner Arbeit verheiratet bin.«

»Falscher Fuffziger.«

Roland, bei dem ihr erst nach und nach klarwurde, dass ihre eigene innere Stärke ihn verunsicherte.

»Er brauche eine Frau, die sich mehr um ihn kümmert.«

»Fieser … Mist! Jetzt fällt mir kein F-Wort mehr ein, das nicht unanständig ist. Und wenn ich das ausspreche, das mir auf der Zunge liegt, wirst du dich vielleicht von mir entfreunden, sobald du mit dem falschen, fiesen Fuffziger-Feigling wieder zusammenkommst.«

»Niemals!«, rief Anne aus. »Das wird niemals geschehen!« Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und hielt es hoch. »Roland hat mir vor zwei Stunden mitgeteilt, dass es aus ist. Drei Zeilen auf WhatsApp. Hast du so etwas schon mal erlebt?«

»Nee«, erwiderte Gesa und wirkte schwer beeindruckt. »In meiner Zeit vor Sven gab’s noch keine Chats, und die paar Handys, die irgendwelche Wichtigtuer mit sich rumschleppten, waren so groß wie Ghettoblaster. Aber ein Typ hat mal auf einem gelben Klebezettel mit mir Schluss gemacht. Gilt das?«

Anne steckte das Smartphone wieder weg und brütete eine Weile dumpf vor sich hin.

»Ich verstehe es einfach nicht«, sagte sie dann.

Gesa legte ihr eine Hand auf den Arm und wurde auf einmal ganz ernst. »Doch, das tust du, aber du kannst es noch nicht zugeben.«

»Wie meinst du das?«

»Ach, Anne. Du weißt es doch genau. Dein Roland kam nur am Anfang so stark und unabhängig rüber. Letztlich ist er aber nur ein verdammt schwacher Mensch, der es für eine Weile ziemlich toll fand, sich bei dir anzulehnen.«

»Mehr als vier Monate«, warf Anne ein. »Eine ziemlich ausgedehnte Weile.«

»Tja, er hat eben länger gebraucht. Aber am Ende warst du ihm dann doch zu unabhängig. So sind die Männer, Süße. Einige jedenfalls, und mein Sven ist natürlich ausgenommen. Aber einer wie Roland, der will in Wahrheit nur ein Frauchen, das zu ihm aufblickt und ihn groß sein lässt. Dann fühlt er sich wie der König der Welt, und es gibt keinen, der besser, schöner und stärker ist als er.«

»Du bist ja die reinste Psychologin«, sagte Anne bitter. Aber dann schmunzelte sie. »Und meine Männer fallen früher oder später vom Pferd.«

»Was?«

»Ach, nichts. Aber du hast recht.«

Gesa feixte. »Wie immer. Dein Pech ist eben, dass du eine ganze Menge Stärke ausstrahlst. Da fühlen sich diese Typen angezogen wie die Wespen von der Marmelade, bevor sie merken, dass ihr schönes gepflegtes Ego in Gefahr ist.« Sie ließ Annes Arm los und schenkte Champagner nach, ohne auf ihre Einwilligung zu warten.

»Ich kenne dich ja nun schon gute fünf Jahre, und in dieser Zeit habe ich dreimal, nein, viermal miterlebt, wie du auf denselben Typ Mann reingefallen bist. Glaub mir, da habe ich ein geschultes Auge bekommen.«

Anne trank noch etwas Champagner. Er schmeckte wie Spülwasser.

»Meiner Meinung nach«, fuhr Gesa fort, »kannst du dem Kerl dankbar sein.«

»Ach ja? Wieso?«

»Sei ehrlich. Er ist dir nur zuvorgekommen. Noch ein paar Wochen, und du hättest angefangen, mir zu erzählen, dass du seine Nörgeleien nicht mehr hören kannst. Dass er dich erdrückt, weil er mehr und mehr von deiner Zeit einfordert, dass dir kaum noch Luft zum Atmen bleibt. So war es jedenfalls bei den anderen.«

Anne wusste, dass es stimmte, dennoch war die Wunde noch zu frisch, um so einfach mit Roland abzuschließen.

»Und was soll ich jetzt machen?«, fragte sie zaghaft. »Alle Hoffnung aufgeben?«

»Spinnst du? Du berappelst dich schon wieder. Es gibt immer Hoffnung. Irgendwann wird dein Traumprinz schon kommen.«

»Der schon wieder«, flüsterte Anne. Irgendwo in der Ferne wieherte ein Pferd.

Mitten in der Großstadt?

»Herrgott!«

»Lieber nicht«, unkte Gesa. »Der liebe Gott ist unantastbar. Aber es wird schon jemand auftauchen, glaub mir. Und in der Zwischenzeit machst du das, was du bei solchen Gelegenheiten immer machst.« Die Freundin grinste jetzt breit. »Irgendwann muss ich mal mitkommen und mir den Terminator, den unglaublichen Hulk und Superman himself ansehen.«

»Es wird nicht funktionieren«, erwiderte Anne dumpf. »Diesmal nicht.«

»Olle Pessimistin.« Gesa nahm ihr die Plastikhaube vom Kopf und half ihr, den weißen Kittel auszuziehen. Dann erlaubte sie Anne, sich genau vier Minuten lang im kleinen Bad frisch zu machen, bevor sie ihr die Handtasche reichte und sie auf die Straße scheuchte.

»Wir sehen uns morgen. Und ohne Tränen, bitte.«

Einen Moment lang blieb Anne unschlüssig auf dem Bürgersteig stehen. Dann lief sie los.

2. Kapitel

Tilly Winkler hob das Gesicht und sog tief die frische, salzige Meeresluft ein. Hugo tat es ihr nach, was ziemlich merkwürdig aussah. Im Gegensatz zu der großen knochigen Frau, die an der Kante der Steilküste stand und weit über die Ostsee blicken konnte, war er bloß ein kleiner dicker Mops, der in den niedrigen Büschen praktisch verschwand und durch seine kurze schwarze Nase niesen musste, weil ihn ein Grashalm kitzelte.

Tilly achtete nicht auf ihn. Sie blickte auf das weite Meer und sah Fähren, Fischkutter, Yachten und große Pötte vorbeiziehen. Sie schaute in den Himmel und beobachtete, wie Uferschwalben und Silbermöwen ihre Kreise zogen, wie luftige Wolkenschiffe in den letzten Strahlen der Abendsonne entlangsegelten und wie eine gespenstisch weiße Mondsichel ihren vorläufigen Platz über dem Horizont einnahm. Ein kräftiger Windstoß ließ sie kurz schwanken und spielte mit ihrem grauen schulterlangen Haar.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!