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"Schon wieder ein neuer Corona-Blog? Wer soll denn das lesen?" Erwin legt den Kopf schief und schaut mich mit seinen schwarzen Knopfaugen fragend an. "Du hast natürlich recht. Es gibt mittlerweile sicher schon Tausende davon - in mehr oder weniger guter Qualität... Da werde ich mit noch einem weiteren sicher nicht die Weltherrschaft erobern. Aber, vielleicht muss es ja auch niemand lesen. Vielleicht reicht es ja, wenn ich die Gedanken, die mir in diesen Tagen durch den Kopf gehen, einfach niederschreibe? Dann sind sie raus aus meinem Kopf - ansonsten kreisen sie da nämlich ständig herum - und du musst dir nicht alles anhören, was ich so von mir gebe. Ich hab's genau gesehen: gestern, als ich gerade den Monolog über die Bedeutung von Klopapier in der heutigen Gesellschaft gehalten habe, hast du deine Ohren weggedreht! Zwar nur ein bisschen, aber mir ist es aufgefallen." "Ok, erwischt." Erwin lässt den Rüssel hängen und bekommt rosa Ohren - was ursüß aussieht. "Dann schreib' halt den Blog, wenn du glaubst, dass es was ändert." "Natürlich, sonst platzt mir irgendwann der Kopf von den vielen Ideen, Erkenntnissen, Gedanken und Blödheiten, die da kreuz und quer herumschwirren. Wirst schon sehen."
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Gewidmet meinen treuen Lesern während des Lockdowns: meiner Mutter, Irmgard, Verena und R.
Danke an Martin für die Korrekturen am Manuskript.
Erwin
Tag 7: Schon wieder….
Tag 8: Die neue Stille
Tag 9: Was ist…
Tag 10: Die Unendlichkeit der Zeit
Tag 11: Online Achterl
Tag 12: Beobachtet
Tag 13: Abstand halten – die neue Nähe
Tag 14: Abschied nehmen
Tag 15: Einfach mal liegen bleiben
Tag 16: Täglich kochen
Tag 17: Verlassen
Tag 18: Maskenpflicht
Tag 19: My Home is my Castle
Tag 20: Manche Dinge ändern sich (trotzdem) nicht
Tag 21: Geschlossene Grenzen
Tag 22: Leben im Stillstand
Tag 23: Und die Natur?
Tag 24: Vom alten Leben
Tag 25: Mehr Platz
Tag 26: Leere Regale
Tag 27: Sendepause
Tag 28: Früh aufstehen
Tab 29: Hinter Gittern….
Tag 30: Wiederbelebung
Tag 31: Prater-Dschungel
Tag 32: Frühlingsgefühle
Tag 33: Reisen im Kopf
Tag 34: Erinnerungen
Tag 35: Die kleinen Dinge
Tag 36: Online-Turnen
Tag 37: Schlangenbildung
Tag 38: Safari
Tag 39: Das Ritual des Händewaschens
Tag 40: Kreativ
Tag 41: Weiß-heit
Tag 42: Abstandhalter
Tag 43: Langeweile
Tag 44: Absurdistan
Tag 45: Sehnsucht nach Meer
Tag 46: Maschinenträume
Tag 47: Die neue Freiheit?
Tag 48: Die simplen Dinge…
Tag 49: Freunde treffen
Tag 50: Bargeldlos
Tag 51: Einfache Verhältnisse
Tag 52: Kino-Sehnsucht
Tag 53: Fast Corona-frei
Tag 54: Neue Farben
Tag 55: Action
Tag 56: Popup
Tag 57: Internet Hickups
Tag 58: Online-Skills
Tag 59: Miese Stimmung
Tag 60: Vorfreude
Tag 61: Kalendersprüche
Tag 62: Neues Leben
Tag 63: Outdoor-Aktivitäten
Tag 64: Maskenlast
Tag 65: Fahrrad-Vermehrung
Tag 66: Selbstversorger
Tag 67: Straßen-Tinder
Tag 68: Freizeitstress
Tag 69: Bevölkert
Tag 70: Masken-Mimik
Tag 71: Corona-Müll
Tag 72: Temperaturmessung
Tag 73: Masken-Mode
Tag 74: Wiederholungen
Tag 75: Auf die Rax
Tag 76: Schneesturm
Tag 77: Zurück nach Wien
Tag 78: Volle Kalender
Tag 79: Zu viele Menschen
Tag 80: Wildlife vor der Haustür
Tag 81: Kanu fahren
Tag 82: Was bleibt…
Tag 83: Das neue Bestellen
Tag 84: Endlich wieder Urlaub!
Erwin ist schon seit vielen Jahren ein treuer Begleiter bei meinen Reisen rund um den Globus. Ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad, Erwin ist immer dabei und macht alles mit .
Während des Lockdowns saßen wir beide zuhause fest – wie so viele andere auf der ganzen Welt. Und doch waren wir (und sind es immer noch) wieder auf einer Reise, nicht zu neuen Orten und Ländern, sondern zu einer neuen, anderen Gesellschaft. Denn nach Corona wird die Welt eine andere sein, werden wir uns verändert haben. Das ist spannend, macht aber auch Angst. Denn wie es am Ende dieser Reise aussehen wird, kann zurzeit niemand sagen.
Da ist es gut, zu wissen, dass wir auch die Aufs und Abs dieser Reise gemeinsam meistern werden.
22.März 2020
„Schon wieder ein neuer Corona-Blog? Wer soll denn das lesen?“
Erwin legt den Kopf schief und schaut mich mit seinen schwarzen Knopfaugen fragend an.
„Du hast natürlich recht. Es gibt mittlerweile sicher schon Tausende davon – in mehr oder weniger guter Qualität… Da werde ich mit noch einem weiteren sicher nicht die Weltherrschaft erobern.
Aber, vielleicht muss es ja auch niemand lesen. Vielleicht reicht es ja, wenn ich die Gedanken, die mir in diesen Tagen durch den Kopf gehen, einfach niederschreibe? Dann sind sie raus aus meinem Kopf – ansonsten kreisen sie da nämlich ständig herum – und du musst dir nicht alles anhören, was ich so von mir gebe. Ich hab’s genau gesehen: gestern, als ich gerade den Monolog über die Bedeutung von Klopapier in der heutigen Gesellschaft gehalten habe, hast du deine Ohren weggedreht! Zwar nur ein bisschen, aber mir ist es aufgefallen.“
„Ok, erwischt.“
Erwin lässt den Rüssel hängen und bekommt rosa Ohren – was ursüß aussieht.
„Dann schreib‘ halt den Blog, wenn du glaubst, dass es was ändert.“
„Natürlich, sonst platzt mir irgendwann der Kopf von den vielen Ideen, Erkenntnissen, Gedanken und Blödheiten, die da kreuz und quer herumschwirren. Wirst schon sehen.“
23.März 2020
„Fällt dir was auf?“
Erwin ist gerade auf der Couch eingedöst und hebt verschlafen den Rüssel: „Was?“
„Die Stille? Es ist 8 Uhr abends, mitten in Ottakring und man hört nichts. Das allgegenwärtige Rauschen vom Verkehr in der Thalia-Straße ist verstummt. Nicht mal das Geratter von aufgemotzten Motoren, die sonst in vollem Karacho die Straße entlang röhren, stört die Ruhe. Fast schon etwas unheimlich, findest du nicht?“
Erwin spitzt die Ohren und lauscht. „Stimmt, da tut sich gerade nichts. Sogar der Klavierspieler von heute Nachmittag ist nicht mehr zu hören. Kein Babygeschrei, kein Klappern von Mülltonnen oder Handy-Gespräche am Fenster…“
„Als wäre die Stadt im Stillstand, abwartend was noch kommt. Jeder zieht sich zurück in seine eigenen vier Wände, geschlossene Fenster – als könnte das Virus auch diesen Weg nützen, um uns anzugreifen.“
„Genieß‘ es doch einfach – die Stille!“, sagt’s, rollt sich ein, breitet die Ohren übers Gesicht und bald ist ein leichtes Schnarchen zu hören.
„Ja, genießen sollte man es. Aber trotzdem, es macht auch irgendwie Angst...“
24.März 2020
„…wenn das alles nicht mehr gut wird?“
Erwin sitzt neben meinem Häferl mit Frühstückskaffee und sieht aus wie ein Häufchen Elend, mit hängendem Rüssel und zurückgeklappten Ohren.
„Wenn alles zusammenbricht, zu viele krank werden und wir das System nicht mehr aufrechterhalten können? Du findest keine Arbeit mehr, wir könnten die Wohnung verlieren, sitzen auf der Straße. Oder wir werden schwer krank, oder…“
„Stopp!“, unterbreche ich ihn.
„Das bringt doch nichts, sich auszumalen, was alles Schlimmes passieren könnte. Keiner weiß, was kommt. Es kann in ein paar Monaten vorbei sein oder uns noch Jahre beschäftigen.“
Der kleine Rüssel sinkt noch ein bisschen tiefer, die Augen schauen betrübt auf mein Frühstücksei.
„Ach, komm“, versuche ich ihn aufzumuntern, „noch geht es uns gut, viel besser als vielen anderen. Wir sind doch gesund, unsere Familie auch und es fehlt uns an nichts.“
„Doch, das Reisen fehlt uns…“ kommt es kleinlaut zurück.
„Was ist, wenn wir das nie mehr können? Wenn alle dichtmachen, wir uns das nicht mehr leisten können oder es einfach nicht mehr die Möglichkeiten gibt?“
„Ja, doch, das ist schon hart, auf einem Fleck zu sitzen und wenn der Bewegungsradius stark eingeschränkt ist. Aber wir haben doch den Balkon und können ab und zu mit dem Radl raus. Und ich bin sicher, dass wir auch wieder zusammen die Welt erkunden können. Vielleicht nicht mehr in diesem Jahr, aber es wird wiederkommen.“
„Meinst du?“, fragt er und versucht, mit seinem Rüssel unauffällig ein Stück Käse von meinem Brot zu klauen.
„Ich bin mir sicher! Und weißt du was? Heute gibt es Nachrichtensperre: keine Meldungen über steigende Erkrankungen, Todesfälle oder neue Ausgangssperren. Heute tun wir so, als wäre es ein ganz normaler Tag: Wir genießen die Sonne und wühlen uns durch die Fotos vom letzten Urlaub. Wir haben ja uns beide.“
Da kommt dann doch ein Lächeln und plötzlich haben ich einen kleinen, grauen Elefanten im Arm.
25.März 2020
„So wirklich viel weiter geht da aber nichts.“
Erwin sitzt vor meiner To-Do Liste und deutet mit dem Rüssel auf ein grünes Post-it ganz oben.
„Das Zetterl zum Thema Konflikt-Management klebt sicher schon zwei Wochen in der To-Do Spalte“.
„Jaaaa…das könntest du richtig beobachtet haben.
Aber die zwei blauen für die Blog-Einträge habe ich in den letzten zwei Tagen erledigt. Und das gelbe weiter oben habe ich gestern auch auf Done gesetzt.“
„Aber so wirklich konsequent bist du bei der Umsetzung nicht.“
(So gerne ich ihn mag, aber manchmal kann er schon etwas fies sein…)
„Na ja, in Anbetracht der Tage und Wochen, die wir wahrscheinlich noch festsitzen, habe ich das Gefühl, dass ich eh unendlich lange Zeit habe, um diese Dinge zu erledigen.
Mir ist sogar aufgefallen, dass ich nicht mehr bei Grün blinkend noch schnell über die Ampel laufe oder ungeduldig werde, wenn ich an der Kassa länger anstehen muss. Es gibt eh keine Termine oder Verabredungen. Fünf Minuten früher oder später ist völlig egal, wenn man noch einen ganzen Nachmittag und Abend vor sich hat…“
Erwin legt den Kopf schief, denkt kurz nach.
„Stimmt, aber… (- ich wusste, da kommt noch ein ‚Aber‘ – ) …so ganz den Schlendrian sollten wir auch nicht einreißen lassen.“
„Was heißt hier wir? Du bist nicht wirklich eine große Hilfe bei der Ausarbeitung meiner Unterlagen zum Konflikt-Management. Als ich heute Morgen meine Ruhe wollte, musstest du unbedingt noch die letzte Folge von dieser Serie anschauen.“
„Ja, war ja auch ganz dringend, dass ich wusste wie es ausgeht.“
Jetzt kann er sich aber ein leichtes Grinsen nicht ganz verkneifen.
„Ok, ich bin auch der Meinung, dass wir wahrscheinlich noch ganz schön viel Zeit haben werden. Und ich find’s ja auch ganz nett, wenn wir einfach nur faul vorm Fernseher kuscheln.
Habe ich dir schon von dieser coolen Netflix-Serie erzählt, die heute startet…“
26.März 2020
„Das nächste Mal will ich aber auch dabei sein.“
Erwin umkreist mich hüpfend, sprüht heute vor Energie.
„Wo dabei sein?“
„Na, wenn du dich wieder mit deinen Freundinnen triffst.“
Er hält kurz inne, um anschließend auf die Couch, dann auf den Beistelltisch und schließlich auf meinen Schoß zu hüpfen.
„Langsam, langsam! Was ist denn heute mit dir los? Und bis ich meine Freundinnen wieder treffen kann, wird es wohl noch ein paar Wochen dauern…“
„Aber ihr habt doch letzten Freitag so lange geplaudert – und die Weinflasche war nachher ziemlich leer.“
Spitzbübisch stupft er mich mit seinem kleinen Rüssel an.
„Was dir alles auffällt. Du meinst unser Online-Treffen per Video?“
„Ja, genau. Das hat über vier Stunden gedauert, und du hast mich die ganze Zeit über gar nicht beachtet.“
„Oje, das tut mir leid. Aber wir sind doch sonst eh Tag und Nacht zusammen. Und neuerdings darfst du sogar bei mir im Bett schlafen. Außerdem magst du gar keinen Wein…“
„Aber ich will auch mal wieder Spaß haben! Und außerdem weiß ich ganz genau, dass du noch eine Dose Bier vom letzten Urlaub im Kühlschrank hast.“
Um ganz sicher zu gehen, hüpft er schnell zum Kühlschrank und will sich die bunte Dose angeln. Ich kann gerade noch verhindern, dass sie am Boden landet und uns beide mit Bier duscht.
„Ist ja schon gut. Ich hab’s verstanden. Du darfst das nächste Mal mit ins Bild. Aber nur, wenn du brav bist und nicht alles ausplauderst, was so während der Woche hier in der Wohnung passiert.“
„Ehrenwort!“ mit kleinem Knoten im Rüssel .
