Honey - Victor Lodato - E-Book

Honey E-Book

Victor Lodato

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Beschreibung

Honey ist 82. So alt, dass Beerdigungen sich nicht mehr anfühlen wie ein Arrivederci, sondern eher wie ein A presto: ein Bis bald. Nach einem Leben als Kunstexpertin in den besten Auktionshäusern von Los Angeles ist sie nach New Jersey zurückgekehrt – in eine Heimat, die sie als Teenager gegen alle Widerstände verlassen hat. Die interessantesten Tage ihres Lebens liegen hinter ihr, glaubt sie. Aber sie irrt sich. Zurück in der Stadt ihrer Kindheit muss sich Honey ihrer Vergangenheit stellen. Und sie muss sich mit ihrer Familie auseinandersetzen, in deren Garten die Leichen nicht nur sprichwörtlich vergraben liegen. Und plötzlich ist sie sich nicht mehr sicher, was sie wirklich will – Vergebung oder Rache. Victor Lodato erzählt rasant und witzig von Gewaltstrukturen im italo-amerikanischen Milieu und von einer Frau, die mit Witz und Freiheitsliebe ihr ganz eigenes Leben gelebt hat. Ihm gelingt ein einzigartiges Porträt einer hochaltrigen Heldin, das mit seinen liebenswert schrägen Außenseiterfiguren, mit Ironie, Wortwitz und großartigen Dialogen eine Geschichte weiblicher Wut und Rache erzählt, wie man sie so noch nicht gelesen hat.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Victor Lodato

Honey

Roman

Aus dem Englischen von Claudia Wenner

C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Teil

E

ins

Hundert Kleider

Bei Dante

Ein seriöses Blau

Fass mein Haar an

Zu cool für das Leben

Richie Verona

Thunderbird

Der Schrank

Mr. Hal

Eine Tasse Kaffee

Du lässt nach

Blutergüsse

Schnuppersortiment

Wem gehört der Hut?

Zimmer 

214

Teil

Z

wei

Puppenheim

Die Vernissage

Brüten

Waschbär

Vitamine

Der Zeuge

Aschenputtel

Krankhafte Veranlagungen

Abstecher

Alle guten Männer haben Brusthaare

Sag nichts

Kollaborateure

Ovid

Toms River

Teil

D

rei

Wir wollen eure Fragen beantworten

Drei Telefonanrufe

Up Yours

Teena

Das Dilemma des Engels

Vögel im Bauch

Die heilige Margareta von Cortona

Vorbereitungen

Eine kleine Erdnuss

Zahnbürste, Kamm, Revolver

Mittwochmorgen,

9

 Uhr

15

Sempre la Famiglia!

Bitte verzeiht mir

Dein Verlust tut mir leid

Völlig recht

Teil

V

ier

Kein Respekt

Der Zyklop

Der Teufel

Küss mich

Schwer vorstellbar

Vertrau mir

Teil

F

ünf

Mit Blut besiegelt

Restaurierung

Fragst du dich das jemals?

Fallen

Klubhaus

Teil

S

echs

Vittorio

Geheimnisse, Lügen und Gesichtspuder

Die Zeit vergeht

Das Häuschen

Schatten

Danksagung

Zum Buch

Vita

Impressum

Für Chris und für die Frauen in meiner Familie, die Kriegerinnen, die mich beschützt haben

Die Übersetzerin dankt dem Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e. V. für ein Arbeitsstipendium, das vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg ermöglicht wurde.

Verliebt sein ist schön. Allein sein ist auch schön.

OSHO

… die Körper haben ihr eigenes Licht, das sie beim Leben verbrauchen; sie verbrennen, sie sind unbeleuchtet.

Egon Schiele, Brief vom Sept. 1912

TeilEins

Hundert Kleider

Honey hob einen Fuß aus dem Wasser und drehte mit einer abendrotpfirsichfarben lackierten Zehe den Hahn auf. Sie lag schon fast eine halbe Stunde in der Badewanne, hatte aber immer noch keine Lust, ihr Bad zu beenden. Ein Bad beruhigte den Geist und glättete die Gesichtsfalten – es machte nicht nur ruhiger, sondern auch um Jahre jünger.

Während Wärmewolken das Wasser durchzogen, ließ sich Honey in die Überreste des Seifenschaums sinken. Ihre Brüste trieben wie weicher Pudding an der Oberfläche. Sie hörte ihr Blut in den Ohren rauschen. Das Kerzenlicht, mit dem sie eine Wellnessatmosphäre hatte kreieren wollen, wirkte auf einmal deprimierend. Und der schleichende Rosenduft hatte etwas von einer Beerdigung. Honey starrte wütend an die Decke.

Was sie heute mit ihrem Großneffen erlebt hatte, hing ihr immer noch nach. Mit einem Stöhnen verlagerte sie ihr Gewicht. Manchmal kam ihr das Leben absurd vor – wie ein an den Haaren herbeigezogenes Filmprojekt. Wie konnte es sein, dass eine Frau, die seltenes japanisches Porzellan sammelte und mit den spirituellen Lehren Oshos und Yoganandas vertraut war, gleichzeitig wusste, wo genau in New Jersey drei Leichen vergraben waren?

Sie sprach nicht von Friedhöfen, sondern von namenlosen Gräbern sogenannter Verschollener. Hastig mit Gartenschaufeln und Plastikplanen ausgehoben. Eine der Leichen befand sich sogar ganz in der Nähe – nur ein paar Meilen entfernt hinter dem Haus ihres Neffen, das einst ihrem Vater gehört hatte, dem Großen Pietro. Es war ihr Geburtshaus.

Lasst uns das Haupt neigen und beten, hatte der Priester in der alten Kirche aus Stein immer gesagt, die voll mit anzüglichen, zu fein gekleideten Heiligen war. Ja, das wollen wir tun, dachte Honey. Ihr Vater und ihr Bruder, vielleicht auch ihre Mutter hatten Erste-Klasse-Tickets in die Hölle erstanden.

Nicht dass Honey an solch einen Ort geglaubt hätte, aber vorstellen konnte sie ihn sich durchaus: Sie sah die Flammen und Mistgabeln aus einem Bilderbuch ihrer Kinderjahre. Dass es sich nur um etwas Ausgedachtes handelte, tat nichts zur Sache. Die Einbildungskraft war sicherlich das Einzige, was nach dem Tod zählte.

Trotz dieser lästigen Gedanken schrubbte sich Honey die Ellbogen mit einem Luffaschwamm in heftigen Kreisen gegen den Uhrzeigersinn – eine Methode, die, wie sie irgendwo gelesen hatte, von Joan Crawford stammte. Das war zweifellos symbolträchtig, ein Schlag ins Gesicht der Zeit. Honey bestätigte das. In ihrem Alter – achtzig und ein paar Jährchen – war sie durchaus berechtigt, im Kampf gegen das Vergessenwerden und den Zerfall jegliche Hollywoodarroganz einzusetzen.

Als sie das Bein ausstreckte, um das heiße Wasser abzustellen, bekam sie einen Krampf im Fuß. Wie ein urgeschichtlicher Vogel krampfte sie ihre Zehen mit den lackierten Nägeln immer wieder zusammen. Es schmerzte fürchterlich. Vielleicht konnte sie Dominic dazu bewegen, ihr nach dem Abendessen die Füße zu massieren. Falls sie nicht zuvor in dieser miesen Badewanne krepierte.

Honey neigte normalerweise nicht zu Selbstmitleid und machte Michael für ihre momentane Gemütsverfassung verantwortlich. Ihr elfenhafter Großneffe hatte bei ihr vorbeigeschaut. Er war jetzt Mitte zwanzig, lebte aber immer noch bei den Eltern in diesem fürchterlichen Haus. Honey kannte den Jungen kaum; sie hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu ihren Verwandten. Selbst nachdem sie zurück nach New Jersey gezogen war, hatte sie sich eigentlich kaum darum bemüht, sie zu sehen. Umgekehrt hatte auch ihr Großneffe sie nur einmal besucht, als er knapp bei Kasse war. Und warum war er wohl heute zu ihr gekommen? Ja, ganz genau!

»Ich weiß, dass du Geld hast, Tante Honey.«Er setzte seine niedlichen Grübchen schamlos ein. Der Junge sah unverschämt gut aus – seine Schönheit war entwaffnend.»Ich gehöre doch zur Familie«, flehte er irgendwann und versuchte damit, ihr italienisches Herz zu bestechen. Meistens flirtete er, hatte sich dann jedoch plötzlich aufgeregt und beim Auf- und Abgehen einen Beistelltisch umgestoßen. Eine mit Schlangen und Blumen dekorierte Porzellanvase war zu Boden gefallen und zerbrochen. Honey hatte sie vor Jahren in Paris gekauft.

Beide starrten sie ein paar Augenblicke lang auf die Trümmer, während Honey auf eine Entschuldigung wartete. Doch Michael hatte sich nicht entschuldigt.»Die ist wahrscheinlich mehr wert als das bisschen Geld, um das ich dich bitte. Ein paar Hundert Dollar sind doch nichts für dich.«

»Da hast du vollkommen recht«, hatte sie erwidert.»Ich stehe nur vor dem Problem, dass ich nicht weiß, was du mit dem Geld machst.«Honey befürchtete, dass er es verspielte oder für Drogen ausgab. Sie erklärte ihm, sie spüre Laster besser auf als ein Border Collie.

Woraufhin der Junge sich als schlauer Verhandlungspartner erwies.»Du warst keine Heilige, Tante Honey. Ich hab einiges über dich gehört.«

»Ach, tatsächlich? Erzähl.«

Doch Michael sagte keinen Ton und zuckte nur leicht die Schultern. Er war sogar ein wenig rot geworden, was bewies, dass er ein Mensch war. Nach einer Weile erklärte er dann, dass sie einander mehr ähnelten, als ihr bewusst sei, doch da hatte Honey bereits kapituliert.»Gut, aber sag deinem Vater nichts davon.«

Sie holte ihr Scheckheft aus dem Schlafzimmer und musste unwillkürlich lächeln. Denn es stimmte ja: Sie war keine Heilige. In ihrer Jugend hatte sie die Grenzen des Erlaubten gelegentlich überschritten. Auf dem Bryn Mawr College hatte sie Drogen probiert, vor allem Psychedelika. Und in den Siebzigerjahren hatte sie natürlich ein bisschen Kokain geschnupft. So wie alle.

Selbstverständlich hatte sie das ihrem Großneffen nicht erzählt. Sie wollte ihm nur das Geld aushändigen und ihn dann hinausbugsieren. Es stimmte ja, sie hatte jede Menge Geld – das ihr ganz allein gehörte. Ihre Familie hatte ihr nichts hinterlassen.

»Einen Scheck?«, sagte er, als sie ins Wohnzimmer zurückkam.»Was soll ich denn damit? Heute ist Sonntag.«

»Können deine Gelüste nicht einen Tag warten?«, fragte sie.»Übrigens habe ich so viel Geld gar nicht im Haus.«Sie konnte lügen wie gedruckt.

»Dann gib mir weniger – alles, was du im Haus hast.«

Du liebe Güte, das klang wie bei einem Überfall. Honey war in manchen Punkten altmodisch – es irritierte sie, wenn jemand nicht ›bitte‹ sagte. ›Gib mir bitte, was du im Haus hast.‹ Nur das, dann hätte sie ihm das Bargeld ohne Weiteres ausgehändigt.

Michael rannte schon wieder nervös durchs Zimmer und zerrte an einem Wedel seines zottig zerzausten Haars – das blonder war, als Honey es in Erinnerung hatte, und fast so lang wie bei einem Mädchen. Während er auf und ab ging, musterte sie ihn. Er war nicht sehr sauber und die Müdigkeitsschatten um seine Augen waren so dunkel, dass es aussah, als hätte er sich geschminkt. Die Magerkeit seiner Gliedmaßen und die wüste Stampferei zeigten, dass etwas nicht stimmte. Sein zerrissenes Hemd ging ihm bis zu den Knien und wirkte mehr wie ein Kleid.

»Was ist denn los, Michael? Wo liegt das Problem?«

»Nichts ist los.«Er stopfte den Scheck in die Hosentasche.

»Warum setzt du dich nicht ein Weilchen zu mir? Dann können wir reden.«

Doch allem Anschein nach entlockte ihm dieser Vorschlag nur ein spöttisches Lächeln. Er nahm ein gerahmtes Foto von Honey als junger Frau in die Hand und sagte:»Na, du warst ja ein echtes Prachtexemplar«– was ihr das Gefühl gab, er mache sich über sie lustig.

Dennoch redete sie höflich weiter.»Ich habe deinen Vater lange nicht gesehen. Wie geht es ihm?«

»Mein Vater ist ein Tier.«

Honey konnte nichts dagegenhalten, sagte aber in einem Versuch taktischer Klugheit:»Das sind wir alle, mein Liebling.«Sie bot an, ihm eine Tasse Tee zu kochen, was ihm durchaus zu behagen schien. Doch dann erwähnte sie noch einmal seinen Vater und er fauchte sofort:»Ich muss jetzt gehen!«

Beim Hinausgehen stieß er nochmals gegen einen Tisch – diesmal anscheinend absichtlich. Eine (teure) Cloisonnévase geriet ins Schwanken und Honey machte einen Satz nach vorn und fing sie gerade noch auf.

Sie war so erleichtert darüber, dass sie erst gar nicht bemerkte, dass Michael fort war. Durch das vordere Fenster sah sie, wie er in seinen Wagen stieg – in den alten Beemer seines Vaters, der voller Ramsch war – Schachteln und Kleider und so etwas wie eine Gitarre. Ob der Junge in diesem verfluchten Auto lebte? Honey versuchte ihn ins Haus zurückzuwinken, doch er schenkte ihr keine Beachtung mehr und brauste mit solcher Wucht davon, dass er schwarze Streifen auf dem Asphalt hinterließ.

* * *

In der Badewanne gelang es ihr, ein paarmal tief durchzuatmen. Hatte sie nicht gelernt, dass es sinnlos war, mit der eigenen Familie ein Gespräch zu führen? Ihre Eltern und ihr Bruder waren tot, und auch wenn sie nie einfach gewesen waren, kam ihr die nächste Generation noch schlimmer vor, weil sie nicht einmal mehr so tat, als sei sie anständig.

Schade, dass es keine Nichte oder Großnichte gab, die das Testosteron ausgleichen konnte. Ihr Bruder hatte nur einen Jungen hervorgebracht und dieser Junge hatte auch wieder nur Jungen in die Welt gesetzt. Und obwohl Honey versiert im Umgang mit Männern war, verlor sich ihre Kompetenz, sobald es sich um einen Blutsverwandten handelte.

Vielleicht weil all diese Männer ein wenig von ihrem Vater in sich trugen, und das war ein Terrain, auf dem Honey immer noch leicht ins Stolpern geriet. Sie hatte ihren Vater abgöttisch geliebt. Und sie hatte ihn gehasst. So einfach war das.

Möglicherweise bestand das Problem darin, dass Michael ihrem Vater physisch so ähnlich sah – auf eine geradezu unheimliche Weise. Das blonde Haar, die kühne, scharf geschnittene Nase. Je länger Honey darüber nachdachte, desto aufgebrachter wurde sie – und sie fragte sich, warum sie überhaupt nach New Jersey zurückgekommen war, nach so langer Abwesenheit.

Als ihr Bruder Enzo ermordet wurde, hatte sie sich geschworen, niemals zurückzukehren. Fast die Hälfte ihres Lebens hatte sie in Los Angeles verbracht – wo sie bis vor eineinhalb Jahren zu Hause war. Selbst als sie nach dem College in New York City lebte, kam es ihr vor, als lebte sie auf der anderen Seite der Welt. Ihre Eltern waren kaum je zu Besuch gekommen und ihr Bruder hatte sie nur einmal besucht. Honey hatte sich revanchiert, indem sie nur selten nach Hause kam. Irgendwann fuhr sie auch an Weihnachten nicht mehr nach Hause – was ihrer Mutter zweifellos das Herz gebrochen hatte.

Sie war anders als ihre Eltern und ihr Bruder – zumindest hatte sie sich das immer eingeredet. Sie war mit siebzehn ausgezogen, weil sie anders leben wollte. Natürlich hatten das alle als Beleidigung aufgefasst. Es gehörte sich einfach nicht, etwas anderes zu wollen. Ihre Entscheidung, aufs College zu gehen, hatte lauter Warums und Weshalbs zur Folge. Ihre Mutter erinnerte sie unaufhörlich daran, wie viele Männer sich für sie interessierten.»Alles, was du brauchst, ist direkt vor deiner Nase.«Die Botschaft war von ekelerregender Klarheit: Heiraten war Trumpf, ein Studium zählte nichts.

Doch damals wollte Honey keinen Ehemann. Sie war zu neugierig und zu hungrig. Beides wurde als pervers erachtet. Orgoglio hatte ihre Mutter das genannt – Hochmut. Und Honey hatte nicht widersprochen, weil dieses Wort auch Selbstachtung bedeutete.

Sogar ihr geliebter Bruder hatte sie wissen lassen, dass ihr wohl nicht klar sei, wo sie hingehöre. Allem Anschein nach war es ihre Pflicht, zu Hause zu bleiben, der Familie noch mehr Kinder zu gebären und zum Wohl des Tiers beizutragen, des Biests mit dem Familiennamen Fazzinga. Als sie von zu Hause auszog und nach Bryn Mawr ging, befand sich ihr Vater auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nach langer Armut am gebrochenen Knöchel des alten Landes hatten die Fazzingas es in ihrer Wahlheimat zu beachtlichem Wohlstand gebracht. In New Jersey waren sie geachtet – und gefürchtet.

»Ilaria«, hatte ihr Vater zu ihr an dem Tag gesagt, als sie sich ins College aufmachte – in dem Versuch, seinen Anspruch auf sie geltend zu machen, indem er sie mit ihrem Vornamen ansprach –,»ich weiß, dass du wiederkommst.«

»Natürlich komme ich wieder«, hatte sie erwidert und dabei wie so oft vor ihm gezittert. Sein entsetzlicher Schnauzbart hatte über ihre Wange geschrubbt, als er sie mit ernster Miene küsste und ihr ein Bündel Geldscheine zusteckte. Fast zweitausend Dollar – damals ein Vermögen. Honey hatte sich bei ihm bedankt und das Geld in ihre Handtasche gesteckt. Als sie später im Zug saß und das von einem blutroten Gummi zusammengehaltene grüne Bündel hervorzog, fragte sie sich, ob es ein Geschenk war – oder Bestechungsgeld.

Aber was erkaufte er sich damit? Ihr Schweigen? Ihre Liebe? Sie hatte in Erwägung gezogen, das Geld aus dem Fenster zu werfen, aber sie war ja nicht dumm. Davon ließen sich hundert Kleider kaufen. Ein neues Leben verlangte nach neuen Kostümen, neuen Verkleidungen.

Bryn Mawr, Philadelphia. Als junges Mädchen hatte sie diese Namen über alles geliebt, als zum Inventar einer erlesenen Sprache gehörig, in der es ein Wort gab, das man im Haus ihres Vaters vergeblich suchte: Freiheit.

Die Wut ihres Großneffen hatte sie vielleicht am meisten beunruhigt – genau wie die ihres Vaters. Wie dieser Junge ins Haus gestürmt kam und Forderungen stellte. Die Toten und die Lebenden verschwammen für einen Moment ineinander.

Ich weiß, dass du wiederkommst. Obwohl es sechzig Jahre her war, hörte sie die Stimme ihres Vaters immer noch deutlich. Spürte immer noch seinen Händedruck, der so fest war, dass ihr die Knöchel knackten.

* * *

Honey schloss die Augen und sprach im Stillen ein Mantra, das sie vor Jahren in Varanasi erhalten hatte. Sie wusste nicht mehr genau, was es bedeutete, doch hatte es mit der Läuterung des getrübten Geistes zu tun. Sie spulte es zweimal ab, doch ohne großes Ergebnis. Als sie aus der Wanne stieg – was nicht einfach war –, kam ihr die ernüchternde Erkenntnis, dass sie irgendwann einen dieser fürchterlichen Haltegriffe würde anbringen lassen müssen.

Während sie über den Fußboden hinkte, um ihren Muskelkrampf zu lösen, warf sie einen Blick auf ihre Gestalt im Ankleidespiegel: Sie war zu lang in der Wanne gewesen, sah rosa und verschrumpelt aus und schwitzte wie ein Schlachter.

Sie blies die Kerzen aus, knipste das Licht im Nebenzimmer an, legte ein Handtuch auf den Stuhl und setzte sich vor den Frisiertisch. Eine eigentümliche Frau blickte ihr aus dem Spiegel entgegen.

»Fangen wir an?«, sagten die beiden aus einem Munde. Bis zu ihrer Verabredung mit Dominic war es noch eine Stunde – doch um sich salonfähig zu machen, brauchte sie jede Minute. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die wie so viele heutzutage in Jogginghosen, Flip-Flops und mit diesen grauenhaften Plastikspangen im Haar aus dem Haus gingen.

Außerdem empfand sie es nicht als Bürde, etwas aus sich zu machen. Sich angemessen zu kleiden, zu schminken und den Körper zu pflegen bereitete Honey Vergnügen – es ähnelte der Kunst. Doch die Gemälde waren nie dieselben, auch wenn bestimmte unverkennbare Motive immer wiederkehrten. Der Schwung ihres Haars, der Kleiderschnitt und besonders die Farben – nicht nur die ihrer Kleidung, sondern auch die ihres Make-ups – waren immer von ihrer Stimmung abhängig. Der fleischige, pfirsichfarbene Zehennagellack passte nicht mehr. Doch für eine neue Pediküre war jetzt keine Zeit mehr.

Dominic gefiel dieser Farbton. Er sagte, die Farbe erinnere ihn an eine Koralle, die er einst im Krieg in Südkorea gesehen hatte. An dem Abend, als er dies inspiriert von der Madeleine ihres Nagellacks zu Honey sagte, hegte sie die Hoffnung, er würde sich gleich hinunterbeugen und ihre Zehen küssen. Mr. Hal, ein Liebhaber aus Jugendjahren, hatte das oft getan und es war ein sehr angenehmes Gefühl gewesen.

Aber Dominic war eher von alter Schule, was gut war. Im Grunde gefiel ihr, dass er so anständig war, besonders wenn sie sich vor Augen hielt, was für ein Filou er in jungen Jahren gewesen war. Honey war sich bewusst, wie absurd diese Affäre war – dass sie sich mit einem Mann traf, der einst zu den Jungs zählte, die sie als junges Mädchen verschmähte.

Und selbst wenn Nicky ihr nicht die Füße küsste, war er ein guter Liebhaber, auf seine zeitlupenhafte, arbeitspferdartige Weise. Honey nahm diese Freundschaft nicht selbstverständlich, keine Sekunde lang. Dass sie endlich einen Mann gefunden hatte, mit dem sie den Rest ihres Lebens in Glück und Zufriedenheit verbringen konnte, grenzte an ein Wunder.

Was die Romantik ein wenig trübte, war die Tatsache, dass Honey nur noch fünf bis zehn Jahre blieben, und Dominic, der älter war, wahrscheinlich noch weniger.

Sie war ihm vor etwa einem Jahr auf Florence Finis Beerdigung begegnet – wiederbegegnet. Florence war eine enge Freundin aus Kindertagen, eine herausragende Schneiderin, die viele Kleider für Honey genäht hatte – wunderbare Teile, die ihr immer noch passten. Obwohl es alte Kleider waren, wirkten sie immer noch wie soeben entworfen. Florence war so genial, ihren Kreationen etwas Ewiges einzunähen. Honey hatte vor, eines davon an diesem Abend anzuziehen, vielleicht das aus grüner Seide mit den ringelblumenfarbenen Bündchen. Und dazu vielleicht ein schmales orangefarbenes Band im Haar, das sie als Chignon tragen wollte.

Sie tupfte ein wenig Geranienöl auf den Hals und bekam plötzlich Hunger – was ja gut war, denn sie wollte mit Nicky im Dante zu Abend essen. Honey liebte dieses Lokal über alles, auch wenn es mit den roten Samttapeten und seinen Pinguinkellnern aus der Mode war. Es gab dort immer noch eine Garderobe und eine Toilettenfrau. Und wenn man ungestört sein wollte, gab es eine Reihe von gemütlichen Mahagoniseparees, alle mit schummriger Beleuchtung, die keine Geheimnisse preisgab. Das Licht kam aus einem Schildpattlampenschirm und war bourbonfarben.

Für Honey war das Lokal keineswegs altmodisch, vielmehr war es die Welt, die aus den Fugen war und in der die meisten so sehr in Eile waren, dass sie die Schönheit der verlorenen Zeit nicht sehen konnten.

* * *

Die Porzellanscherben auf dem Wohnzimmerboden irritierten sie. Hatte sie die nicht aufgekehrt, als ihr Großneffe fort war? Sie holte Schaufel und Besen, kehrte die Teile zusammen und warf sie in der Küche in den Mülleimer.

Doch dann fand sie, dass es nicht richtig war, sie einfach so wegzuwerfen, zum Kaffeesatz und den Karottenabfällen. Sie grub die Scherben wieder hervor und legte sie auf ein Geschirrhandtuch. Jemand, der sein Handwerk verstand, hatte diese Vase geschaffen – die selbst jetzt, in zerbrochenem Zustand, von einer solchen Schönheit war, dass sie beseelt erschien.

Wieder musste sie an die Leichen denken. Daran, dass sie vielleicht ihretwegen nach New Jersey zurückgekehrt war. Ganz so, als seien sie Kinder, die ins Bett gebracht werden mussten. Irgendwie musste sie Dinge zu Ende bringen. Sie wiedergutmachen. Lange hatte Honey sich selbst keinerlei Schuld gegeben, doch auf einmal schien es durchaus möglich, dass auch sie mit einem Erste-Klasse-Ticket in die Hölle unterwegs war.

Mit einem Gefühl der Benommenheit lehnte sie sich ans Waschbecken. Als das Zimmer aufgehört hatte, sich im Kreis zu drehen, wickelte sie die Porzellanstücke in das Handtuch und legte sie in eine Schublade. Dann rief sie Dominic an und sagte ihm, sie brauche nicht abgeholt zu werden. Das Dante sei ja nur zehn Straßen entfernt und sie würde lieber zu Fuß gehen.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

»Ja, mir gehts gut. Dann bis um sieben.«

Außerdem war es Frühling und beinah warm. Sie erhaschte einen Blick auf die Rhododendronkelche vor dem Fenster, die sich leicht im Wind wiegten.

Frische Luft würde ihr guttun.

Bei Dante

Vielleicht waren es doch mehr als zehn Straßen. Oder sie war falsch abgebogen. Honey blickte sich um und summte vor sich hin. Sie machte sich keine Sorgen. Sie kannte die Stadt wie ihre Westentasche.

Vieles hatte sich natürlich verändert. Mrs. Colluccis Bäckerei an der Nordwestecke von Pickens und Garfield gab es beispielsweise nicht mehr. Stattdessen war dort nun ein Laden, der anscheinend nur Baseballkappen verkaufte – die wie barbarische Kopftrophäen an Metallstiften hingen.

Honey ging eher gemächlich weiter. An diesem Abend war sie gezwungen, ihren Stock mitzunehmen. Ein unerfreuliches Accessoire, mit dem ihre Riemchenpumpsabsätze sofort erfolgreich den Kampf aufnahmen, weil deren schneidendes Klacken das dumpfe Gummigeräusch ihres Gehstocks übertrumpfte.

Als sie auf der La-Rosa-Straße rechts abbog, fiel ihr das Mabel’s ins Auge. Die Bar hatte vor etwas mehr als einem Jahr aufgemacht, kurz nachdem Honey nach Ferryfield zurückgekehrt war. Ein paar junge Männer standen plaudernd und rauchend davor. Es waren Männer mit Stil, wie sie unschwer erkannte, als sie der Bewegung ihrer Zigaretten folgte. Sie bewegten die glühenden Stängel emphatisch hin und her, so als wollten sie illustrieren, dass das Leiden und die Liebe Zwillingsschwäne waren: indem sie mit jeder Handbewegung darauf hinwiesen, dass man das, was sie erzählten, am besten mit einer gewissen Ironie erzählte. Honey lächelte. Die Schwulen hatte sie schon immer bewundert. Ja, Mabel’s war so eine Bar.

Bei näherer Betrachtung waren die Stammgäste doch nicht so jung, wie sie zuerst gedacht hatte. Doch ihre Gepflegtheit, ihre Körperhaltung, ihre adrette Erscheinung sprachen für sie. Als Meister des Trompe-l’Œil erzeugten sie eine Aura der Jugendlichkeit.

Ihre Kleidung war natürlich etwas enttäuschend. Alle trugen das Gleiche – Oxfordhemden, Chinohosen und langweilige braune Schuhe. Und dann diese Fließbandhaarschnitte, wie Soldaten, die in den Krieg zogen. In Honeys altem Viertel war das Kleidungsrepertoire dieser Männer viel reichhaltiger gewesen – vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Was für Wunderwerke an Hüten und Schals und Manschettenknöpfen. Ach, und dann die hautengen Jeans – die Unerschrockenheit, mit der sie einst ihre Waffen zur Schau stellten.

Denn damals waren das Waffen gewesen. So viel an Stil und Hoffnung und Brillanz, so viel Schönheit wurde von dieser schrecklichen Krankheit getötet. Honey war froh, dass das Schlimmste vorbei war – zumindest für die meisten. Sie musste diese neue Zurückhaltung in vielerlei Hinsicht respektieren. Sie wollten wie alle anderen erscheinen – und waren ja tatsächlich wie alle anderen. Das bedeutete in mancher Hinsicht einen Fortschritt, in mancher einen Verlust.

Doch es war deren Kampf und Honey hatte kein Recht, ein Urteil zu fällen. Sie ging auf die Männer zu und winkte. Ein paar winkten zurück. Fast alle blickten sie erstaunt an. Vielleicht fühlten sie sich an ihr Erbe erinnert.

»Guten Abend, meine Herren.«

»Was für ein Anblick«, sagte einer.

»Ja, seht mich ruhig an«, erwiderte sie. Sie drehte sich vor den Jungs sogar langsam im Kreis herum, mit Absätzen und Gehstock – klick, klick, bums –, um ihnen ihr Kleid von hinten zu zeigen: Es hatte einen schönen V-Ausschnitt, der mit denselben leuchtenden Ringelblumen gesäumt war wie die Manschetten.

Einer der Männer prostete ihr zu und sie nickte herzlich zurück. Honey war gerührt, als er ihr das kleine Tor zum Außenbereich aufhielt.

»Oh, wie gern würde ich mich zu euch gesellen, Jungs, aber ich habe eine Verabredung.«

»Wow«, sagte der Mann.»Kann ich so werden wie Sie, wenn ich groß bin?«

Honey lachte, merkte, dass sie seltsamerweise rot geworden war, und fühlte sich plötzlich viel besser.»Darling, du hast mir den Abend gerettet.«Sie griff nach seiner Hand und drückte sie.

Er drückte ihr ebenfalls die Hand.

Eine Kleinigkeit, und gleichzeitig mehr als das.

In einem anderen Leben wäre ich vielleicht eine ganz gute Mutter geworden, dachte sie.

* * *

Als Honey sich dem Dante näherte, nahm sie den Duft der roten Soße wahr, das zarte krautige Grün neben dem lebhaften Grundtenor der Tomaten. Danach kam ein stechender Anflug perfekt verkohlten Fleischs, dann durchdringender Knoblauchgeruch und der überirdische Duft nach geschmolzenem Käse. Und über alledem wie bei Blütenstaub schleppenden Hummeln die goldene Blüte des Olivenöls.

Roch sie all dies tatsächlich? Das Restaurant war noch ein paar Türen entfernt, sodass sie vor lauter Hunger möglicherweise Geruchshalluzinationen hatte. Sie war wirklich am Verhungern. Der Unsinn mit Michael hatte ihr leichtes Sodbrennen beschert, weswegen sie nicht zu Mittag gegessen hatte.

Honey freute sich, endlich angelangt zu sein – in einem Restaurant, auf das Verlass war. Als Kind hatte sie mit ihrer Familie dort gespeist – und später mit verschiedenen festen Freunden. Selbst als sie in New York lebte, war sie gelegentlich nach Hause gefahren, um dort zu essen. Manchmal traf sie sich dort über Mittag mit ihrer Mutter und dann teilten sie sich einen Haufen Frutti di Mare. Das Dante enttäuschte einen nie. Einen Augenblick lang stand sie vor dem knisternden Neonschild und der großen Eichentür, die für alle, die das Lokal kannten, der Eingang ins Paradies war.

Gute Güte, Hunger machte nostalgisch! Oder traf das nur auf Italiener zu? Und Nostalgie führte zu Sentimentalität. Ein spiritueller Lehrer hatte ihr einst geraten, sich vor diesen Dingen zu hüten. Nostalgie war eine Schlange, die log.

Doch selbst als Honey spürte, wie sie sich fester um ihren Hals schlang, schüttelte sie sie nicht ab. Sie hatte eine gespaltene Zunge, oder? Die eine Hälfte sagte die Wahrheit. Dante war nämlich tatsächlich ein heiliger Ort. Himmelherrgott, das sah man doch.

Auf einem Tischchen direkt vor der Tür stand ein Korb Pfifferlinge – der erste der Saison. Die gebogenen Pilzhüte erinnerten Honey an einen Hut, den sie einst in den Sechzigerjahren trug.

Auf ihrem Spaziergang hatte sie bereits entschieden, was sie an diesem Abend essen würde: sautierten Wildbrokkoli und danach Seebarsch mit Zitrone und Kapern. Doch das war jetzt völlig ausgeschlossen. Nicht den Risotto ai funghi oder auch die Pasta al profumo di funghi zu probieren, wäre dumm von ihr.

Auf alle Fälle etwas mit Funghi.

Sie wollte gerade die Tür aufmachen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

Und dann den Kuss im Nacken.

Dominic.

Sie drehte sich um und sah voller Freude, dass er das blasslila Hemd trug, das sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Sein graues, aber immer noch volles Haar war mit der schrecklichen Frisiercreme zurückgekämmt, die wie Diesel roch. Ach, er war einfach wunderbar, und bei dieser Meinung blieb sie, auch als er den Mund aufmachte und sein Mehrtonner von einem Akzent ihr entgegenschlug:»Don’t you look bew-ti-ful?«

* * *

»Fanooks«, sagte er später angewidert, als Honey das Mabel’s erwähnte. Sie saßen in einem der Mahagoniseparees, eng aneinandergekuschelt wie zwei Leichen in einem Sarg, eine Flasche Blut vor sich. Dominic hatte schon ziemlich viel intus.

Fanook. Ein Wort, das auch ihr Bruder benutzt hatte – eine weitere Degradierung gegenüber Finocchio, dem Wort, das in den Tagen ihres Vaters verwendet wurde: Fenchel. Vielleicht, weil diese Männer sanft und nett waren. Oder es hatte damit zu tun, dass man Fenchelsamen einst auf Homosexuelle warf, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden – zur Reduzierung des Gestanks.

Honey beschloss, mit Dominic nicht über Etymologie zu reden. Stattdessen streckte sie die Hand aus und legte sie auf seine Hand.»Liebling, ich habe unter diesen Männern gelebt und bin mit einigen von ihnen befreundet. Ich finde es wirklich unerträglich –«

»Ich sage ja bloß, wenn ich einen Sohn hätte, der so wäre –«

»Nun, mein Lieber, du hast aber keinen Sohn, oder?«

Dominics Gesichtsausdruck veränderte sich unmittelbar und Honey bedauerte, was sie gesagt hatte. Nickys verstorbene Frau Mary hatte kein einziges Kind geboren, und Honey konnte an der traurigen Miene ihres Freundes ablesen, dass dies keine Entscheidung, sondern Schicksal gewesen war.

»Wir wollen nicht streiten.«Sie schenkte ihm Wein ein.»Aber bitte versuch doch, ein bisschen aufgeschlossener zu sein.«

Er trank einen großen Schluck und nickte.»So bin ich eben erzogen.«

»Das weiß ich ja. Das ist für uns alle eine Last.«

Honey war von dem halben Glas Barolo bereits beschwipst, schenkte sich aber trotzdem nach. Zum Teufel mit ihrem Blutzucker – heute Abend brauchte sie einen Kick.

»Wenn du über widerwärtige Männer reden willst, dann lass uns über meinen Großneffen Michael reden.«

Sie trank schneller als normalerweise und fing an, die ganze Geschichte zu erzählen – von dem Moment, als er hereingeplatzt war, bis zur zerbrochenen Vase. Die Restaurantwände begannen sich zu drehen. Wo blieb die verdammte Suppe? Wenn nicht bald für ihr Wohl gesorgt würde, würde sie ohnmächtig.»Und dann zog er beleidigt ab. Du solltest die Reifenspuren auf meiner Einfahrt sehen.«

»Klingt, als hätte er Drogen genommen«, sagte Dominic.

»Das habe ich auch gedacht.«Honey stellte ihr Glas ein bisschen zu heftig ab.

»Es ist egal. Ich weiß gar nicht, warum ich dir das alles erzähle.«

»Ist doch deine Familie. Da machst du dir natürlich Sorgen.«

Honey brummte missbilligend.»Ich mach mir ja keine ernsthaften Sorgen. Ich verstehe nur nicht, warum er seinen Vater nicht um Geld bittet. Corrado hat jede Menge Geld. Enzo hat ihn gut versorgt. Und Corrado macht gute Geschäfte, da bin ich mir sicher.«

»Na ja«– Dominic dämpfte seine Stimme und blickte zu den anderen Gästen hinüber, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte –»Corrado ist nicht gerade der netteste Typ.«

»Das stimmt. Sie laden mich dauernd über die Feiertage zu sich ein.«

»Dann geh hin. Sie gehören zu deiner Familie.«

Schon wieder dieses furchtbare Wort. Honey zuckte die Schultern.»Ich bin lieber mit dir zusammen.«

Dominic saugte den letzten Schluck Wein auf.»Die Feiertage sind schwer für mich.«

Das hatte sicher mit der verstorbenen Frau zu tun, dachte Honey. Mary war ziemlich gläubig gewesen – auch wenn Dominic, soweit Honey das beurteilen konnte, nicht religiös war. Doch Gott hin oder her, der Frage nach dem geheimnisvollen Verlust entkam keiner. Dominic sah trotz der drei Gläser Blut plötzlich bleich aus. Honey wollte ihm gerade vorschlagen, ein Stück Brot zu essen, als der Besitzer, Signor Tarantelli, an ihrem Tisch erschien.

Er schüttelte Dominic die Hand und küsste danach die von Honey. Mit einer leichten Verneigung vor ihr entschuldigte er sich dafür, dass das Essen noch nicht da war. Er klang, als sei er gerade mit dem Schiff aus Sizilien angelandet, auch wenn er nur Theater spielte – in den Vereinigten Staaten war er nämlich schon seit seiner Kindheit.»Wir haben heute Abend viel zu tun. Aber die Suppe kommt gleich. Und der Wein geht aufs Haus.«

»Das ist doch nicht nötig«, sagte Honey.

»Lassen Sie mir die Freude«, bat Signor Tarantelli – wieder mit einer leichten Verbeugung.»Ich bringe Ihnen noch eine Flasche.«

Er beharrte so sehr darauf, dass Honey nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie nickte bloß.

»Grazie mille.«

Als der Besitzer wegging, lächelte Dominic und sah aus, als hätte er fast losgelacht.

»Was ist?«

»Nichts«, erwiderte er.»Sie haben immer noch Angst vor dir.«

»Angst? Vor mir? Was soll das denn heißen? Signor Tarantelli ist ein Freund. Ich komme schon seit siebzig Jahren hierher.»

»Und vor dir dein Vater.«

»Ich weiß nicht, was du damit meinst.«

»Ich sage nur, dass er sich an alte Zeiten erinnert.«

Honey brach mit irritiertem Schwung ein Stück Focaccia ab und tunkte es in eine Lache Olivenöl.»Manchmal ist Freundlichkeit nichts weiter als Freundlichkeit.«

»Vermutlich. Ich dachte, du isst kein Brot.«

»Tu ich auch nicht. Aber ich falle um vor Hunger! Und was meinst du genau – dass Tarantelli glaubt, ich ziehe gleich eine Knarre raus und lege jemanden um, wenn er mir die Suppe nicht bringt?«

Dominic hielt es nicht mehr länger aus und lachte laut.»Das würde ich zu gerne sehen.«Seine Lippen waren violett.

»Du bist betrunken, mein Liebling. Und die Vergangenheit ist vergangen.«

Dominic rollte mit den Augen, als wollte er sagen: vielleicht.

Honey gab ihm ein Stück Focaccia und sagte:»Iss was, alter Mann.«

Was sie ärgerte, waren nicht so sehr seine Anspielungen, sondern dass er ihre Gedanken lesen konnte. Wenn das Liebe war, wollte sie nichts damit zu tun haben.

Eine Frau musste mehr für sich sein als ein Mann. Lange Zeit hatten Frauen nichts anderes. Honey hatte ihr ganzes Leben gearbeitet, um ihr eigenes Reich zu bauen, eine Welt, die ihr allein gehörte. Sie würde nicht zulassen, dass ein Mann ihr Innenleben entfernte.

Doch seht euch den alten Narren an. Mit seinem Mondblick und dem ausgehungerten Lächeln starrte er sie weiter an. Er hatte ordentlich einen in der Krone, wie ihre Mutter jetzt sagen würde – mit einem neapolitanischen Akzent, der den schönen Ausdruck unweigerlich korrumpierte.

Als sie die Hand nach Dominics Weinglas ausstreckte, griff er wie ein Kleinkind nach ihren Fingern.

»Honey, ich liebe dich.«

»Starrst du mich deshalb so albern an?«Sie sagte zu ihm, er sehe wie ein Fünfjähriger aus.»Ein ganz entzückender Fünfjähriger zwar – aber dennoch.«

»Weißt du, als ich jung war«, sagte er,»da dachte ich immer, du seist unnahbar. Ich dachte früher immer …«

Aha, dachte Honey. Das ist es also. Die Schlange hatte auch Dominic gebissen. Früher oder später erlagen sie alle der Nostalgie, vor allem Leute ihres Alters. Und der Wein machte alles noch schlimmer.

Außerdem wusste Honey genau, was Dominic gleich sagen würde. Als ich jünger war, hielt ich dich für das schönste Mädchen der Welt. Du hast ausgesehen wie ein Filmstar. Mir war klar, dass du einen Waschlappen wie mich nie anschauen würdest. Nun, sie musste ihm nur erlauben, sich Luft zu machen. Und wenn er beteuern würde, dass er sie anhimmelte, würde sie zumindest die richtige Haltung einnehmen. Sie drehte den Kopf leicht nach links (ihr rechtes Profil war besser), senkte den Blick und sagte:»Erzähl mal. Was hast du früher, als du jünger warst, immer gedacht?«

»Ich weiß nicht.«Dominic lallte leicht.»Ich dachte einfach, wenn ich jemanden wie dich bekäme, würde ich imstande sein, aus meinem Leben etwas zu machen.«

»Aber du hast doch etwas aus deinem Leben gemacht, Nicky. Deine Firma, die diese Dinger vertrieb –«

»Nieten.«

»Ja, die war doch ein Erfolg, oder? Und du hast eine lange, glückliche Ehe geführt.«

Er nickte zaghaft, gab ihrer Nachsicht nach. Sie sah, dass es für Lügen keinen Grund gab.

»Also die meisten Verbindungen«, räumte sie ein,»sind kaum je das, was sich die Liebenden erhofft haben.«

»Mary und ich waren nie ein richtiges Liebespaar.«

»Ach so.«Der Mann brauchte offenbar Trost.»Also, weißt du, als ich jünger war, hab ich auch ein Auge auf dich geworfen. Natürlich nur, wenn du woanders hinsahst.«

Dominic blinzelte leicht unkonzentriert.

»Aber warum noch darüber nachdenken?«, fügte Honey hinzu.»Damals war ich nicht zu haben. Also können wir diese alten Hirngespinste begraben. Was wir hätten sein können. Wir müssen uns mit dem begnügen, was wir noch retten können, zu dieser späten Stunde.«

Dominic schien nicht zu begreifen, was sie sagte. Er blieb noch ein paar Sekunden länger benebelt, fokussierte sich dann aber wieder und fasste sie bei der Hand.

Honey tätschelte seinen Arm. Sie bemühte sich, nicht sinnlos weiterzuplappern, sondern auf Dominics Schweigen mit Schweigen zu antworten. Händchen haltend, während sie auf die Suppe warteten.

Er sah plötzlich anders aus, anders, als sie ihn je zuvor gesehen hatte. Aus seinem Gesicht sprach eine hoffnungsvolle Traurigkeit, über die sie beinahe erschrak.

Denn was hatte sie ihm schon zu geben? Nichts. Und war es in ihrem Alter nicht läppisch, die Gefühle der Jugend nachzuäffen? Es war nicht nur läppisch, sondern zum Heulen.

»Ich will dir was zeigen«, erklärte Dominic, holte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zog einen Geldschein heraus.

Nein, einen Zeitungsausschnitt. Er faltete ihn auseinander und gab ihn Honey, der sofort Tränen in die Augen traten.

Honey Fazzinga und Florence Fini gewinnen dieses Jahr den Singer-Nähwettbewerb. Mit einem unwiderstehlichen mitternachtsblauen Kleid!

Honey hielt den Kopf gesenkt und verbarg ihre Ergriffenheit hinter einem zuckenden Lächeln. Sie wagte nicht, den Mann vor ihr anzublicken, diesen charmanten Kerl, der den lächerlichen Zeitungsausschnitt aufgehoben hatte. Da sie den Kopf immer noch unten hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzulesen.

Aufgepasst, Dior! Diese beiden Mädchen haben ein Kleid genäht, das Singer für die flotteste Mode hält, seit die Sonne auf die Französische Riviera scheint. Bei solchen Pailletten braucht dein Freund wahrscheinlich seine Sonnenbrille.

Honey lachte Tränen und wischte sich die Augen ab.

»Wir haben diese verdammte Nähmaschine gewonnen, weißt du. Ich hab sie Florie geschenkt.«

»Ich kann mich noch an dich in diesem Kleid erinnern.«

»Ein schönes Kleid.«

Honey sah sich das Foto neben dem Artikel noch einmal an.

Ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem eine wesentlich jüngere Version von ihr aufrecht und stolz das blaue Kleid mit dem exzentrischen Paillettennetz und dem glitzernden Kragen aus winzigen Kristallperlen vorführte. Neben ihr stand eingesunken und kleinlaut Florence in einem Arbeitskittel, in der einen Hand ein Maßband, in der anderen etwas, was nach einer verknitterten Landkarte aussah, aber bestimmt das Schnittmuster war. Das Foto war eine Außenaufnahme – aber wo genau war es aufgenommen worden? Vielleicht in Florence’ Garten. Rechts im Bild sah man die Äste eines Baumes und dahinter so etwas wie einen Gemüsegarten.

»Florence hat das Kleid entworfen«, erklärte Honey.»Ich habe nur die Perlen vorgeschlagen. Es war nicht richtig von mir, dafür Ruhm einzuheimsen.«

Das Foto war unscharf, und weil der Artikel zusammengefaltet gewesen war, verlief über den Hals ihrer verstorbenen Freundin ein Knick. Die Druckerschwärze war so ausgebleicht, dass ihre Gesichter so undeutlich waren wie der Mann im Mond. Doch Honey konnte sich und Florence eindeutig identifizieren, auf dem Rasen, wo sie ihre Rollen perfekt spielten. Reiches Mädchen, armes Mädchen – Honey in Samtstöckelschuhen und Florie in matronenhaften schwarzen Halbschuhen. Sie waren beide siebzehn Jahre alt.

Honey betrachtete die verschwommenen Züge ihres damaligen Gesichts.

»Dieses Mädchen gibt es nicht mehr«, sagte sie.

Und Dominic erwiderte:»Es sitzt neben mir.«

Honey faltete den Zeitungsausschnitt wieder zusammen und hielt ihn Dominic behutsam hin. Er hatte ebenso glasige Augen wie sie.

»Will Stummich«, lallte er ein wenig außer Atem.

Honey blickte ihn fragend an.»Wie bitte?«

Er hustete und griff nach ihrem Glas Wein, trank es aus und nahm einen neuen Anlauf.

»Willst du mich heiraten?«

Honey hielt ganz kurz inne und sagte:»In welchem Leben? In diesem hier? Oder«– sie deutete auf den Zeitungsartikel –»in dem da?«

Aber Dominic war offenbar nicht in der Stimmung für Ironie. Er griff wieder nach ihrer Hand – diesmal mit einer Kraft, die seinem Alter die Stirn bot. Er drückte Honeys Hand so fest, dass ihr das Blut in die Wangen stieg.

Und dann plapperte sie los.

»Na ja, mein Liebling, du siehst ja, dass da nicht mehr viel Platz ist.«Sie wackelte mit den Fingern ihrer linken Hand – die alle mit Bonbon-Ringen aus Halbedelsteinen geschmückt waren.»Schade, dass ich keinen Finger mehr frei habe.«

Dominic lächelte nur und brach ihren Widerstand.

»Heirate mich«, sagte er nochmals.

Honeys Wangen brauchten unbedingt einen Löschschlauch.

Nicky dagegen wirkte völlig gelassen. Sein Gesicht sah aus wie gemeißelt und er drückte ihre Hand noch fester. Als er ihren Namen schubweise vor sich hin sagte – Hon, Hon, Hon –, fragte sie sich, ob er gleich mit ihr schimpfen würde. Doch dann lächelte er wieder, obwohl sein Lächeln jetzt seltsam schief war. Er hatte eindeutig zu viel Wein getrunken.

»Dominic, hör auf – du tust mir weh.«

Wie eine Katze, die sich einschmeicheln will, legte er den Kopf schief.

Und dann hielt er den Kopf mehr als schief – er schien zu stürzen.

»Nicky?«

Als er bis zur Höhe der Tischkante gerutscht war, dachte sie, er spiele ihr einen Streich.

»Sehr witzig«, sagte sie.»Ist ja gut, ja, ich heirate dich – das willst du doch von mir hören? Und jetzt lass das endlich und sei nicht albern. Dominic.«Sie merkte, dass ihre Stimme immer lauter wurde. Sie hörte sie irgendwo von oben aufschreien wie die einer Krähe.

Honey quetschte sich aus dem Separee und ging auf die andere Seite. Dominic lag stumm da und bläulicher Speichel lief ihm aus dem Mund.

»Hilfe!«, schrie Honey.

Sie beauftragte den herbeigeeilten Hilfskellner, einen Krankenwagen zu rufen. Hinter sich hörte sie, wie Signor Tarantelli das Wort an die anderen Stammgäste richtete.»Keine Sorge, es ist nicht das Essen. Sie haben nämlich noch nicht gegessen.«

Hätte sie doch nur ihre Pistole mitgebracht! Sie drehte sich um und funkelte den geschmacklosen Menschen an.»Bring Wasser, Tarantelli. Einen Eisbeutel.«Honey hatte keine Ahnung, was sie damit machen würde, aber Befehle zu erteilen, hatte etwas Beruhigendes. Die schimmernde Blechplattendecke wimmelte plötzlich von Gespenstern.

Bitte noch nicht, betete sie.

Nach einem weiteren Blick auf Dominic, sein Lavendelhemd, die kräftigen alten Hände und den schrecklich gefärbten Mund war sie völlig verstört. Und obwohl sie einen Krampf im Bein hatte, der es ihr nicht leichter machte, quetschte sie sich in das Separee, dorthin, wo Nicky gesessen hatte, beugte sich hinunter und gab ihm eine Ohrfeige.

»Hast du nicht verstanden, was ich gesagt habe, du Dummkopf? Ich habe Ja gesagt.«

Ein seriöses Blau

Statt in Schwarz zu kommen, wofür man, wie sie wusste, über sie gerichtet hätte, trug sie zur Totenfeier ein dunkelblaues Kostüm. Die Freundin eines verheirateten Mannes trug kein Schwarz, es sei denn, sie wollte die Familie und die Ehefrau provozieren – indem sie um die Loyalität des Toten in der nächsten Welt buhlte, oder noch schlimmer, um die wenigen Ressourcen, die in dieser Welt noch verfügbar waren. Schwarz war eine Kriegserklärung, während Blau als Demut und Respekt betrachtet werden konnte – Regeln aus der alten Welt, an die Honey sich lieber hielt. Ein paar Frauen ihrer Generation waren gekommen – die Honey und ihre Vergangenheit kannten. Manche waren Freundinnen von Mary gewesen, Dominics rechtmäßiger rechter Hälfte. Honey setzte sich ganz nach hinten und hatte vor zu warten, bis die anderen Dominic die letzte Ehre erwiesen hatten.

Natürlich war es eigentlich nicht nötig, so viel Rücksicht zu nehmen. Streng genommen war sie nicht die Freundin eines verheirateten Mannes, denn Mary war schon mehrere Jahre tot gewesen, als Honey anfing, mit Dominic zu verkehren. Doch für die eingefleischten Katholikinnen im Saal tat das nichts zur Sache.

Zudem war sie in dieser Stadt schon einmal die Freundin eines verheirateten Mannes gewesen. Genau genommen schon zweimal. Kurze Affären, wenn sie im Sommer vom College nach Hause kam. Viele der Mädchen, die in der Stadt geblieben waren, hatten früh geheiratet, und ihre jungen Ehemänner waren noch lange nicht bereit, aufzugeben, wonach ihnen gelüstete. Honey hatte dabei nicht groß nachgedacht, und zum Glück war keiner der Männer anwesend, mit denen sie geschlafen hatte – und auch keine der Frauen, die sie verraten hatte; sie waren alle bereits unter der Erde.

Doch es gab andere, die ihr Urteil schnell fällen würden. Vor allem Angela Carini. Das kleine Luder mit der großen Klappe hatte Honey sie immer genannt. Diese abnorm winzige Frau hatte Honeys Affäre mit Pio Fini aufgedeckt – mit Florence’ Ehemann. Als alles ausgeplaudert war, schneiderte Florence nie wieder ein Kleid für Honey. Angela beteuerte, Flories Freundin zu sein, aber durch ihr Plappern hatte sie Florie das Herz gebrochen. Angela hatte ein kaltes Herz, auch wenn ein brennendes Kruzifix um ihren Hals hing.

Doch Honey sah, dass diese Frau sehr krank war (in der Aufbahrungshalle schleppte sie eine tragbare Sauerstoffflasche herum), und hegte ihr gegenüber keine feindseligen Gefühle – sie empfand nur Traurigkeit.

Das hieß natürlich nicht, dass ihr keine Feindseligkeit entgegengeschlagen wäre. Trotz des feierlichen Ernstes der Veranstaltung rief Honeys Anwesenheit hier und da ein Flüstern hervor oder ein kleines Kopfschütteln frommer Häupter.

Aber das machte nichts, Honey genügte es, dass ihr dunkelblaues Kostüm genauso trauergetränkt war wie das Schwarz einer Witwe. Es war ein seriöses Blau, eines, das einem dasselbe Gefühl gab wie Schwarz. Es war dunkler als Mitternachtsblau. Kämpferischer. Vivienne Westwood um die 1980er-Jahre, glatt geschnitten mit ein paar verirrten Kanten, Honeys einzigem Versuch eines prononcierten Machtbegehrens.

Dann und wann spürte sie, wie sich die Blicke auf sie richteten, verstohlene, verächtliche Blicke – doch jedes Mal, wenn sie diese Blicke erwiderte, schauten die Frauen weg.

Sie haben Angst vor dir. Dominics Worte klangen wieder in ihren Ohren.

Zu allem Überfluss tauchte jetzt auch noch ihr Neffe Corrado auf, mit einem seiner Söhne – es war nicht Michael, sondern der andere, Peter, der nach Honeys Vater benannt worden war. Die Ehefrauen waren ebenfalls da.

Was hatten sie hier zu suchen? Sie waren nicht mit Dominic befreundet. Als sie fragte, warum sie gekommen seien, tat Corrado so, als verwirrte ihn die Frage.

»Wir sind wegen dir gekommen, Tante Honey.«

Vielleicht hatten sie Angst, sie würde ihnen nichts hinterlassen.»Seid nett zu ihr«, konnte Corrado, wie sie sich vorstellte, zu seiner Familie gesagt haben. Sie ist stinkreich. Vielleicht war sie deshalb über die Feiertage von ihnen eingeladen worden.

»Woher weißt du das mit Dominic überhaupt?«, fragte sie.

»Es ist am Sonntagabend bei Dante passiert. Keine Chance, das nicht mitzukriegen.«

Sie roch Corrados Aftershave, bestimmt etwas Teures – aber er hatte zu viel davon genommen. Eines der Dinge, die Honey auf die Palme brachte: dass die Leute Düfte über sich gossen, als sei es Bratensoße. Honey fand schon immer, dass nur ein Geliebter imstande sein sollte, das Parfum wirklich zu kennen, das man trug. Alle anderen sollten glauben, sie hätten es sich nur eingebildet oder den Duft mit einer Seelenemanation dessen, der ihn trägt, verwechselt.

Honey musste daran denken, wie sehr Dominic das Geranienöl mochte, das sie benutzte. Er roch es zum ersten Mal, als sie nackt im Bett lagen. Es rieche wie Rosen und Pfeffer, hatte er gesagt. Und ihr dann einen Kuss auf den Hals gegeben und hinzugefügt:»Was ein Sinnbild für dich ist.«

Ach, dieser schreckliche Moschusgeruch, der von ihrem Neffen zu ihr drang – ein schwülstiger und leicht kotiger Geruch. Er stand viel zu dicht vor ihr und überwältigte ihre Erinnerungen. Sie wollte diesen grässlichen Raum so schnell wie möglich verlassen, nach Hause gehen, ein Bad nehmen, ein Glas Wein trinken und dann schlafen gehen.

»Ich weiß zu schätzen, dass du an mich gedacht hast«, sagte sie zu ihrem Neffen,»aber du hättest wirklich nicht kommen brauchen.«

»Wir wollten aber, wie gesagt, kommen.«

Corrado legte den Arm um sie und Honey merkte, wie sich etwas zusammenschnürte – ihr Herz, ihre Lungen. Solche Intimität war unangemessen. Dieser Mann kannte weder Dominic Sparra, noch kannte er sie – ihre Lebensgeschichte, den komplizierten Weg, der sie aus dieser Stadt herausgeführt hatte und dann, spät im Leben, wieder zurück. Ihr Neffe war zwar der Sohn ihres Bruders, aber er war ein Fremder, und der Arm, den er um sie gelegt hatte, gab ihr das Gefühl noch größerer Einsamkeit. Doch eine Berührung war eine Berührung und Honey fing an zu weinen. Oh, warum zum Kuckuck trug sie keinen Trauerschleier? Sie hatte dies kurz in Erwägung gezogen, doch nachdem sie ihn zu Hause anprobiert hatte, fand sie ihn zu dem Kostüm ein wenig übertrieben. Ein wenig wie eine Imkerin.

Honey biss sich auf die Lippe, konnte aber einfach nicht aufhören zu weinen.

»Ist ja gut«, säuselte Corrado.

Dann kam seine Frau zu ihr und dann sein Sohn und dessen Frau. Alle vier umringten sie und tätschelten ihr nacheinander den Arm, als sei sie irgendein Geschöpf in einem Streichelzoo.

»Mir gehts gut, wirklich. Ich danke euch sehr.«

Honey sah, wie Angela Carini und ein paar andere Frauen von der anderen Ecke des Raums zu ihr herüberblickten. Sie wusste, was sie dachten: dass Honey immer noch zur Familie gehörte – dass sie immer noch von dem Geld profitierte, von den Verbindungen, der Korruption. In Wirklichkeit wusste sie so gut wie gar nicht, was Corrado derzeit im Sinn hatte.

Ein klein wenig wusste sie: dass die Geschäfte sich nicht mehr um Abfall, sondern um Wiederverwertung drehten. Offenbar war das ein ganz offenes Gebiet, auf dem man ein Vermögen machen konnte. Die Mafia wird grün! Ha, darüber sollte Honey ein Buch schreiben.

Doch selbst dieser Spaß in Gedanken wurde schnell zum Schweigen gebracht. Es war ein altes Schweigen, das man ihr als Kind anerzogen hatte. Über so etwas sprach man nicht.

Selbst wenn sie zu Angela Carini und den anderen Frauen sagen würde, Ich habe nichts mehr mit ihnen zu tun, nichts mehr mit diesem ganzen Milieu, wäre das nur ein Eingeständnis, dass dieses Milieu existierte. Und die Spielregeln waren, dass man so tun musste, als existiere es nicht. Es ging so streng zu wie in jeder Religion, wo man sich nur mit seinesgleichen abgab und es verboten war, über bestimmte Riten und Bräuche zu reden. Und je mehr sie diesen Frauen widersprach und ihre Verbindungen abstritt, desto mehr würde sie für eine Idiotin gehalten oder für genau das, was sie in ihren Augen keinesfalls sein wollte: eine Verbrecherin.

Corrados behaarte, parfümierte Hand lag immer noch auf ihrem Arm. Auch die anderen Mitglieder seiner Familie scharten sich noch gluckend um sie, was beschützend und gleichzeitig bedrohlich wirkte. Obwohl Honey diese Menschen eigentlich kaum kannte, sah sie keinen großen Unterschied zwischen ihnen und den früheren Varianten, vor denen sie davongelaufen war.

Weder die Korruption noch die Gier machten ihr besonders zu schaffen – die gab es überall, so war die Welt nun mal –, die Gewalt jedoch verabscheute sie zutiefst. Eine Gewalt, von der sie irgendwie glaubten, sie könnten von ihr nicht besudelt werden.

Senza infamia e senza lode, hatte ihr Vater gesagt. Ohne Lob und ohne Tadel.

Nur Gott kann urteilen, aber er urteilt nicht. Er vergibt uns. So redete ihre Mutter.

Honey hatte gehört, dass alles jetzt ein wenig anders war als früher. Die Gewalt war anscheinend nicht mehr dieselbe wie früher, ohne aber völlig verschwunden zu sein, da war sich Honey sicher. Selbst wenn Corrado niemanden umgebracht hatte, so war er doch zweifellos ein Experte für Einschüchterungen und Bedrohungen. Jemandem die Knochen zu brechen würde nie aus der Mode kommen, sondern so alltäglich sein wie Salz auf dem Tisch. Mein Vater ist ein Tier, um den Sohn des Mannes zu zitieren.

»Neulich habe ich übrigens Michael gesehen«, sagte sie zu Corrado.

Er ließ ihren Arm sofort los, und seine Frau blickte nervös in seine Richtung.

»Und, was ist mit ihm?«, fragte Honey.»Er wirkte ganz außer sich.«

»Nichts ist mit ihm«, erwiderte Corrado schneidend.»Was hat er zu dir gesagt?«

»Michael ist«, unterbrach ihn seine Frau atemlos,»er ist einfach ein wenig durcheinander.«Corrado starrte sie wütend an und sie verstummte sofort.

Honey warf einen Blick auf Peter, den anderen Sohn, und bemerkte ein leicht höhnisches, angewidertes Lächeln.

Das machte sie neugierig. Sie fragte ihn, ob er ein enges Verhältnis zu seinem Bruder habe.

Peter brummte etwas und murmelte, es täte ihm leid, aber:»Ich muss pinkeln.«

Honey wandte sich von seiner Unflätigkeit ab und erhaschte einen flüchtigen Blick auf den Sarg. Davon kam sie sofort zu sich und ihr fiel wieder ein, was wichtig war. Nicht Corrado oder Michael, sondern der leblose Mann vorne im Saal, dessen kalte Hand sie ein letztes Mal halten wollte.»Danke, dass ihr gekommen seid«, sagte sie zu ihrer Familie,»aber ich muss Dominic jetzt die letzte Ehre erweisen.«

»Ja, ja, natürlich.«Es war die Ehefrau – Rita? Rina? Honey wusste ihren Namen nicht mehr. Die Frau lächelte unbeholfen und strich mit den Fingernägeln über den Arm ihres Mannes.»Corrado, lass sie gehen.«

Lass sie gehen? Als sei das seine Entscheidung, als hätte er alle Macht inne. Das dachten all diese Männer.

»Tschüss«, sagte sie zu ihm.

»Hör mal, Tante Honey – wir würden uns wirklich freuen, wenn du irgendwann zu uns zum Abendessen kommen würdest. Vielleicht am vierten Juli? Da machen wir was Großes im Garten.«

»Lass mich drüber nachdenken, Lieber. Partys sind in meinem Alter eigentlich nichts mehr für mich.«

Corrado nickte. Und dann küsste er sie auf althergebrachte Art auf beide Wangen, so als wollte er sie quälen.

* * *

Ganz vorne im Saal kniete sich Honey vor den Sarg. Der Schmerz in ihrem Knie, ein krasser Beweis dafür, dass sie am Leben war, machte die Kluft zwischen ihr und dem Leichnam vor ihr nur noch größer.

Dieses Abschiednehmen war immer fürchterlich – doch mit den Jahren wurde es ein wenig erträglicher. In jüngeren Jahren waren solche letzten Begegnungen mit geliebten Leibern vernichtend gewesen. Bei der Aufbahrung ihrer Mutter war sie völlig durchgedreht.

Doch jetzt war so ein Sintflutheckmeck nicht mehr nötig. Honey würde bald selbst abtreten. Bei Dominic handelte es sich nicht um ein Arrivederci, sondern eher um ein A presto: ein Bis bald.

Auch wenn es ein Geheimnis blieb, wie und wo sie ihn wiedersehen würde. Honey stellte sich gerne vor, dass es bestimmte Energien gab, zarte Lichtfäden, die sich in der kalten unermesslichen Weite der Ewigkeit wieder umschlingen würden. Mit Mitte zwanzig stand sie einmal am Rand einer Klippe und hatte eine Vision von ihrer durch LSD entwirrten Seele. Sie hatte die Lichtfäden überall gesehen und wusste, dass sie Sinnbilder der Toten waren.

In dieser Form würden Dominic und sie sich vielleicht nicht an ihre Namen erinnern. Die Sprache würde möglicherweise hinfällig. Was waren Namen denn schon? Nichts als Bonbonpapierchen.

Doch als sie zu dem Mann hinunterblickte, der vielleicht ihr letzter Liebhaber gewesen war, erschrak Honey. Was wäre, wenn er sich überhaupt nicht an sie erinnern würde?

Sie holte den Flakon mit dem Geranienöl aus ihrer Handtasche und rieb Dominic einen Tropfen davon auf die Wange – eine Seemannsbraut, die ihren Mann zur See schickt und ihm mit einem parfümierten Taschentuch wünscht, dass er wohlbehalten ankommt. Und dann küsste sie ihn.

Sie hörte ein Tuscheln hinter ihrem Rücken und ein Keuchen, das eindeutig von Angela Carinis Lungen herrührte, denen es an Sauerstoff fehlte. Honey kümmerte sich nicht um das Galeriepublikum und rückte Dominics Kragen zurecht. Er trug nicht das lavendelfarbene Hemd, sondern ein weißes, das leicht angegraut war. Der dunkle Sergeanzug zählte nicht zu seinen besten Anzügen. Sie fragte sich, wer ihm den angezogen hatte. Warum hatte man nicht den Brioni-Anzug ausgewählt, den sie mit ihm zusammen gekauft hatte? Sie weinte auf einmal wieder.

Lichtfäden? Wiedervereinigte Energien? Ein Leben lang hatte sie sich an diese Theorie gehalten, die ihr jedoch jetzt absurd erschien. Viel wahrscheinlicher war, dass sie ihren Liebsten nie wiedersehen würde.

* * *

Sie stand an der Seite des Saals neben einer Reihe Kerzen, die an eine Kirche erinnerten, nur dass es keinen Münzschlitz gab. Erst vor dem Sarg niederzuknien und sich dann wieder zu erheben, hatte Honey viel Kraft gekostet. Sie versteckte sich jetzt bei den Kerzen, um sich vor ihrem Abgang zu sammeln.

»Sie hat sich eindeutig behandeln lassen«, flüsterte jemand.

»Und seht euch mal an, wie sie gekleidet ist.«

Lauter alte Leute!, dachte Honey. Die Schwerhörigen waren die Schlimmsten – in ihrer Vorstellung waren alle anderen ebenfalls schwerhörig.

Vielleicht hatten die Frauen es auch darauf angelegt, dass sie ihre Sticheleien hörte.

Honey hätte sich am liebsten umgedreht und gesagt:»Ja, Vivienne Westwood hat dieses Kostüm entworfen. Ihr kennt doch Vivienne Westwood? Sie hat sich die wunderbaren Outfits für die Sex Pistols ausgedacht.«Und was ihr Gesicht anbelangt, so hatte sie in der Tat nachgeholfen – sogar in beträchtlichem Maße. Na und? Sie schämte sich deswegen nicht.

Doch als Honey sich umdrehte, sagte sie kein Wort, sondern nickte den Frauen nur zu.

Angela Carini nickte zurück.

Die Arme sah wirklich schrecklich aus – mit ihrem dürftigen Rauchsilberhaar und den Plastikschläuchen in der Nase. Honey ging auf sie zu und sagte:»Wie geht es dir, Liebes?«

Angela nickte wieder und zitterte dabei leicht am ganzen Körper. Vielleicht hatte sie MS. Oder Parkinson.

»Seltsam, dass wir einmal junge Mädchen gewesen sind, findest du nicht?«, fragte Honey. Die Frage hatte nichts Boshaftes, sie zeigte nur ihre Verwunderung.

Angela antwortete jedoch nur mit einem weiteren Nicken und zitterte noch mehr.

Honey wollte noch etwas sagen, etwas Freundliches oder eine harmlose Erinnerung, doch ein paar andere Frauen starrten sie jetzt an.

»Machts gut, meine Damen.«Als Friedensgeste hob Honey die Hand und hörte beim Hinausgehen Angelas Stimme, ein atemloses Zischen.

»Luder.«

* * *

Weil Honey zu müde für einen Fußmarsch war, beschloss sie ein Uber-Taxi zu rufen. Die Fahrerin war um die fünfzig, trug ein T-Shirt aus Glitzerstretch und hatte Rattenschwänze. Falsche Fuffzigerin, dachte Honey. Es war unbegreiflich, warum manche Frauen sich unbedingt als Kinder zurechtmachen wollten – sie sahen dadurch nur aus, als seien sie geisteskrank.

»Sie können sich nach vorne setzen«, bot die Fahrerin an, doch Honey fühlte sich verletzlich und quetschte sich lieber auf den Rücksitz, um für sich zu sein. Der winzige blaue Wagen mit Heckklappe war im Grunde ein Rasenmäher, der tat, als sei er ein Auto. Aber zumindest war er sauber und die Frau sagte nicht viel, gab sich jedoch beim Fahren keine große Mühe. Andere Dinge schienen Vorrang zu haben – sie steckte sich heimlich M&Ms in den Mund, klopfte wie wild auf einen kleinen Computerbildschirm auf dem Armaturenbrett und überprüfte ihr Telefon.

Und dann bog sie auf der Redneck Avenue rechts ab, was ein Umweg war. Die Arme wurde völlig von ihrem Computer beherrscht und merkte nicht einmal, dass er sie in die Irre führte. Honey sagte nichts. Der längere Weg machte ihr nichts aus. Sie hatte einen endlosen Abend vor sich, an dem sie eine Menge bereuen würde. Schlaf zu finden, würde nicht leicht werden.

Die Taxifahrerin beäugte sie ab und zu im Rückspiegel und lächelte sie kurz an. Dieses Lächeln zu erwidern, kostete Honey überraschend große Mühe. Sie sehnte sich nach der dunklen Trennscheibe, mit denen Limousinen ausgestattet waren – in denen sie in jungen Jahren von Mr. Hal herumchauffiert worden war. Und in Los Angeles, der Stadt, wo sie fast vierzig Jahre gewohnt hatte, hatte sie sich oft einen solchen Wagen genommen.

California. Für Honey war dieses Wort der von Joni Mitchell gezwitscherte Song. Folksongs begegnete man dort durchaus noch ab und zu. Alle hatten weit geöffnete Herzen, die sie wie unordentliche Schlafzimmer schamlos vorzeigten. Die ganze unschuldige Unmoral, die dort herrschte. Honey hatte L. A. sehr gemocht und war davon ausgegangen, dass sie den Rest ihres Lebens dortbleiben würde.

Doch dann starben zwei ihrer liebsten Freundinnen, Lara und Suzanne, innerhalb eines Jahres. Lara war mit neunundsechzig an Brustkrebs gestorben und Suzanne, die noch nicht einmal sechzig war, hatte sich das Leben genommen. Beide waren starke Frauen. Honey, die für ein Auktionshaus arbeitete, hatte sich mit diesen beiden Damen über die Kunstankäufe beraten. ›Gemälde und schöne Dinge‹, das war Honeys Fachgebiet gewesen. Aus den Kundinnen Lara und Suzanne waren schnell ganz enge Freundinnen geworden.

Nach dem Tod der beiden befiel Honey in ihrer Ratlosigkeit ein seltsamer Gedanke: Geh nach Hause zurück. Als einsame Rentnerin kam Honey jeglicher Sinn für Raum und Zeit abhanden. Sie wanderte in ihrem Haus umher und dachte permanent an alle, die gestorben waren – an ihre Mutter, an ihren Bruder. Außerdem hatte sie das Gefühl, mit ihrem Vater noch längst nicht im Reinen zu sein. Um sich mit seinem Geist herumzuschlagen, musste sie, so schien es ihr, dem Friedhof ihrer Jugend einen Besuch abstatten. Wenn sie ein paar Dinge klären konnte, selbst wenn dies nur in ihrem Inneren geschah, dann würde sie die Freiheit haben, Lara und Suzanne zu folgen. Was bedeutete, dass sie dann sterben konnte. Weil es die Hemlock Society nicht mehr gab, hatte sie sich sogar bei einer Organisation angemeldet, die sich Final Exit Network nannte. Dass Honey nach New Jersey zurückzog, hatte mehr mit Trauer zu tun als mit Vernunft.

Und jetzt trauerte sie schon wieder, und zwar allein. Sie blickte aus dem Fenster des kleinen Uber-Taxis und erkannte vieles wieder. Manche Gebäude erwiderten ihren Blick – der mit der Zeit weich gewordene Backstein hatte dieselbe Demütigung erfahren wie lebendiges Fleisch.

»An der nächsten Ecke sollten Sie wirklich rechts abbiegen«, sagte sie zu der Taxifahrerin.

Die Frau deutete auf ihren Monitor.»Er sagt mir, ich soll geradeaus fahren.«

Honey lehnte sich resigniert zurück, während der Wagen, vom unbegreiflichen Verstand des Computers geleitet, blind vorwärtsfuhr. Es war kaum Verkehr auf den Straßen und glücklicherweise rasten sie an so mancher Landmine der Erinnerung vorbei. An der Enders Alley, wo Honey ihren ersten Zungenkuss empfangen hatte. An der Prospect Avenue, wo sie ein Diamantarmband verloren hatte. An der Bergen Street, wo sie bei einer Wette eine Nylonstrumpfhose gestohlen hatte.