Hongkong Liaison - Cara DeWinter - E-Book

Hongkong Liaison E-Book

Cara DeWinter

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Beschreibung

Arroganter Lord trifft auf weiblichen Bodyguard! Mailin wollte sich nur auf ihren Job konzentrieren – und Alexis eine heiße Affäre erleben, doch beide haben nicht mit Liebe gerechnet. Alexis Bailey hat alles: Macht, Reichtum, gutes Aussehen und einen Titel. Sein Konsum an schönen Frauen ist ebenso legendär wie sein Geschäftssinn. Als Terroristen sein Leben bedrohen, engagiert er Mailin O´Malley als Bodyguard. Sofort ist er von ihr fasziniert. Doch kann er, dessen Herz bisher nie involviert war, das ihre berühren? Nach außen hin gibt Mailin den harten Security-Profi, doch in ihrem Inneren ist sie schwer verwundet, seit ihr Verlobter bei einem gemeinsamen Einsatz ums Leben kam. Jetzt schneit der smarte Lord in ihr Leben, dessen Arroganz und Attraktivität ihr den Schlaf raubt. Mit aller Macht wehrt sie sich gegen sein ungeheures Charisma, doch im Laufe ihres Auftrags fallen die Mauern des Widerstandes. Gemeinsam stellen sie sich den Gefahren und genießen die Leidenschaft ihrer Hongkong Liaison! »Ein atemberaubendes Liebesabenteuer und berauschendes Leseerlebnis vor exotischer Kulisse!« »Spannend, romantisch und bewegend!« xxxxxxxxxxx Ein kurzweiliges Lesevergnügen! Erzählt wird die Begegnung und Beziehung von Mailin O`Malley und Alexis Blackthorne! Beide sind von den Spuren ihres jeweiligen Lebens gezeichnet. Sie hat ihre Liebe verloren und er glaubt nicht mehr an die Liebe! Als ein alter Feind wieder auf der Bildfläche erscheint, führt das Schicksal die beiden zusammen. Begleiten Sie Mailin und Alexis auf ihrer Reise voller Liebe, Romantik, aber auch Dramatik und Abenteuer!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Cara DeWinter

Roman

Text Copyright © 2018 Cara DeWinter: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Kein Teil des Werks darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis der Autorin verbreitet werden.

Alle in diesem Werk vorkommenden Personen, Schauplätze, Ereignisse und Handlungen sind von der Autorin frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.

© 2018 Cara DeWinter c/o Papyrus Autoren-Club, 

Pettenkoferstr. 16-18, 10247 Berlin, [email protected]

Print-ISBN 978-3-96443-251-3

Lektorat: Sabrina Uhlirsch, www.spreadandread.de

Korrektorat: Thomas Sauer

Coverdesign: Silvia Stödter, Weibsbilder Design

Bildmaterial: https://pixabay.com/de/

Kapitelverzierungen: © Seamartini https://de.depositphotos.com/

Formatierung, ebook-Erstellung und Buchsatz: Catrin Kaltenborn, Weibsbilder Design, www.weibsbilder-design.de

Für meinen geliebten Ehemann!

1

Mailin

»Was hast du?«, fragte Mailin O´Malley und steuerte den Jeep geschickt durch den dichten Verkehr Torontos direkt hinter der schwer gepanzerten Limousine her. Zusammen mit weiteren Jeeps und SUVs bildeten sie und ihr Verlobter Quentin den Begleitschutz von Direktor Wallace. Er war der Ehrengast auf dem Kongress der Fair Treatment of Environment and Earth, kurz FTEE, welcher in fünfzehn Minuten im exklusivsten Hotel der Stadt begann.

»Keine Ahnung!« Quentin schüttelte den Kopf. »Nur ein ungutes Gefühl!«

»Es ist gut, sich Sorgen zu machen. Gerade bei dieser Operation.« Smith persönlich hatte Wallace eine Morddrohung gesandt.

Hamil Wang Smith war einer der meistgesuchten Terroristen der Welt. Seine Terrororganisation, die Sabotage Ökonomischer und Ökologischer Projekte, SabÖko abgekürzt, war alles andere als ein Gesangsverein. Auf ihr Konto gingen die meisten Anschläge auf Veranstaltungen und Unternehmungen, die faire Wirtschaft und Umweltaktivitäten unterstützten.

»In unserem Metier ist es lebensnotwendig, nicht allzu sicher zu sein«, fuhr sie fort. »Frag bei Richard an, ob das Hotel gründlich gesichert ist.«

»Mach ich, Schatz!« Quentin ergriff das Funkgerät, während er seine freie Hand auf ihren Oberschenkel legte. Mailin mochte es, von ihm berührt zu werden. »Nach dem Einsatz gibt es erst einmal nur uns zwei!«, raunte er ihr verliebt zu, um dann sachlich ins Mikro zu sprechen. »Fliegende Einheit Eins an Nest! Wie sieht es aus?«

»Fliegende Einheit Eins, hier Nest!« Fast sofort quäkte Richard MacBrides Stimme aus dem Gerät. Er war der Einsatzleiter und Chef der kanadischen Niederlassung der SaSeSystems, also der Safe Security Systems, einem international erfolgreich operierenden privaten Sicherheitsunternehmen, das Paddy O´Malley, Mailins Großvater, gehörte.

»Nest ist sicher und sauber. Erwarten eure Lieferung, Fliegende Einheit Eins!« Richard klang ihr etwas zu aufgeräumt, fand Mailin.

»Alles klar, Nest! Wir sind in zehn Minuten da.«

»In Ordnung, Fliegende Einheit Eins, dann schicke ich die Eskorte an verabredeten Treffpunkt!«

»Verstanden, Nest!« Quentin beendete das Gespräch. »An alle«, meldete er sich bei den anderen im Konvoi. »Nest gesichert. Vorgehen nach Plan!« Er hängte das Funkgerät ein. »Siehst du, Schatz, ich habe mich bestimmt geirrt. Las Vegas, wir kommen!« Verliebt grinste er zu ihr hinüber.

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!« Mailin schaltete in den nächsten Gang.

Kurze Zeit später hielt die Limousine vor dem Hintereingang des Hotels. Sie stoppte den Jeep direkt dahinter und sprang aus dem Wagen. Die anderen Autos verteilten sich im Halbkreis um das Sicherungsobjekt, während einige Männer aus dem Gebäude kamen und zum Heck der Limousine schwärmten. Dorthin eilten auch Quentin und sie, um sich mit den Kollegen aus dem Konvoi und Richards Team zu vereinen.

»Gut, dann wollen wir mal«, sagte Mailin. »Ablauf wie besprochen.« Sie öffnete die Autotüre.

Die Männer rückten auf, um einen Wall um den Direktor zu bilden. Statt Wallace saß jedoch Ben, Mailins langjähriger Assistent und Freund, in einem schicken Smoking auf dem Rücksitz. Da er Direktor Wallaces kleiner Bruder in Aussehen, Statur und Haltung sein konnte, bot er sich als ideales Double an. Kurz zwinkerte er ihr zu, bevor er sich einen eleganten Zylinder aufsetzte. Dieser verbarg hoffentlich seine Identität und bot etwaigen Angreifern eine gute Zielscheibe.

Der richtige Wallace befand sich bereits im Hotel und bereitete sich in einer Suite auf seinen Auftritt vor. Mailin, verantwortlich für die Planung des Einsatzes, hatte nichts dem Zufall überlassen und wollte das Risiko für ihren Klienten so minimal wie möglich halten. Wie Quentin hatte sie ein ungutes Gefühl. Im Grunde rumorte es wie ein schmerzendes Geschwür in ihr, seit Hamil Wang Smiths Drohung eingegangen war.

Ben rutschte zur offenen Autotüre und stieg aus. Quentin und Richard nahmen den Ersatzdirektor in die Mitte. Die anderen bildeten einen Ring um sie. Mailin blieb etwas zurück, um noch einmal die Umgebung und die Dächer der Nachbargebäude kritisch zu mustern.

Gerade als sie sich umwandte, um dem Trupp zu folgen, explodierte die Welt. Eine Bombe detonierte direkt im Eingangsbereich. Die Druckwelle trieb Glas, Trümmer und Staub durch die Gegend. Sie fegte die Menschen von den Füßen und eine kurze Distanz durch die Luft.

Mailin verlor die Orientierung. Eine unsichtbare Riesenhand hob sie hoch und schmetterte sie gleich darauf aufs Pflaster zurück. Sie landete zwischen zwei Fahrzeugen des Konvois. Hustend fand sie sich auf dem Rücken liegend wieder. Ihr tat alles weh, als hätte jemand mit grobem Schmirgelpapier die gesamte Oberfläche ihres Körpers bearbeitet. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, musste sie jedoch wegen des aufgewirbelten Staubs sofort wieder schließen. Ihr Trommelfell schien geplatzt zu sein, denn sie hörte nur ein anhaltendes Summen. Dennoch probierte sie, Arme und Beine zu bewegen. Gequält schrie sie auf. Der Laut drang aus weiter Ferne zu ihr. Den Schrei fühlte sie mehr, als dass sie ihn hörte. Höllische Schmerzen rasten durch ihren gesamten Körper und steigerten sich zu einer unerträglichen Qual. Tränen schossen ihr in die Augen, überfluteten sie und rannen ihr die Schläfen hinunter.

Da vernahm sie Geräusche. Erst dachte sie, es donnerte, bis ihrem benommenen Verstand klar wurde, dass es sich um Maschinengewehrfeuer handelte.

»Oh mein Gott«, schluchzte Mailin. Sie mobilisierte ihre allerletzten Reserven und richtete sich mit einem Ruck auf. Turmhohe Schmerzwogen schossen wie Hochspannungsschläge durch sie und stürzten sie endlich in eine gnädige Schwärze.

Ein paar Tage später erwachte sie. Ihr Großvater Paddy O´Malley saß an ihrem Bett und las ihr Märchen vor, wie er es getan hatte, als sie ein kleines Mädchen und ihre Welt noch in Ordnung gewesen war.

Mühsam kämpfte sie sich aus den dunklen Abgründen zurück ins Bewusstsein. Kaum gelang es ihr, aus dem Strudel von Erinnerungsfetzen, bestehend aus Gewalt, Tod und Schmerz, aufzutauchen. Sie blinzelte ein wenig, registrierte das Weiß der Umgebung. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln und Verbänden war ihr wohl vertraut. Wie oft hatte sie einen ihrer Männer im Hospital besucht oder musste selbst verarztet werden. Sie befand sich in einem Krankenhausbett.

Eine Weile lag sie still da und machte eine Bestandsaufnahme. Arme und Beine waren noch dran. Zwar konnte sie die Finger bewegen, aber ihre Zehen nicht.

Schließlich schüttelte sie die Reste der Benommenheit ab und öffnete die Augen. Von der Hüfte bis zu ihren Füßen war sie wie eine Mumie mit Bandagen umwickelt.

»Quentin?«

Patrick O´Malley brach das Vorlesen ab. Er nahm ihre Hand. Warm schlossen sich seine Finger um ihre eisigen.

»Mailin, mein Kleines! Gott sei Dank! Du bist wach!« Sanft drückte er ihre Hand. In seinen Augen standen Tränen, doch sein Gesicht strahlte.

»Quentin?«, fragte sie erneut.

»Er ist nicht mehr bei uns, mein Kleines. Es tut mir so leid! Richard, Ben und all unsere Jungs sind tot. Du hast als Einzige überlebt. Dafür danke ich Gott!«

Stockend berichtete ihr Großvater von den Geschehnissen. Seine Worte beschworen den Albtraum herauf, der furchtbare Wirklichkeit war.

»Die SabÖko hat in einem Bekennerschreiben die Verantwortung dafür übernommen. Hamil Wang Smith plant schon die nächsten Anschläge, das hat er auch verkünden lassen.« Paddy schloss seinen Bericht. »Du wirst ein paar Monate brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen, mein Kleines. Die Ärzte empfehlen ...«

Mailin hörte nicht mehr zu. Ihre Gedanken verweilten bei Quentin. Ihre Verletzungen waren ihr gleich.

In seinen jungenhaften Charme hatte sie sich sofort verliebt. Er war Teilnehmer in einem ihrer Securitykurse gewesen. Natürlich legte sie ihn auf die Matte, aber er bat sie trotzdem stotternd um ein Date.

Sie harmonierten perfekt, teilten dieselben Interessen und arbeiteten in derselben Branche. Zwei Wochen später wechselte Quentin zur SaSeSystems. Von da an waren sie beide unzertrennlich.

In Toronto überraschte er sie mit Tickets nach Las Vegas und der Hochzeitssuite im »Venetien«.

»Du brauchst nur »Ja« zu sagen und mich und deine Zahnbürste einzupacken! Bitte sag »Ja!««. Wie ein kleiner Junge, der nicht wusste, ob er ein Eis bekam oder nicht, sah er sie an. Jubelnd fiel Mailin ihm um den Hals und freute sich auf eine glückliche Zukunft.

Hamil Wang Smith hat mein Leben zerstört, daher werde ich ihn und seine SabÖko vernichten, schwor sich Mailin mit aller Inbrunst, die in ihr steckte. Ich werde weder rasten, noch ruhen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Ich habe keinen anderen Grund zum Weiterleben!

2

Alexis

»Auch wenn ich ihn heirate, ändert das nichts zwischen uns. Wir können uns treffen, wann immer du willst!«

Helen säuselte so süßlich, dass es Alexis den Magen umdrehte.

Unbemerkt hatte er das elegante Apartment, das er seiner Verlobten in der Londoner City geschenkt hatte, betreten. Früher von einer Geschäftsreise zurückgekommen, wollte er sie überraschen, rote Rosen und Champagner bereits in der Hand. Das Etui von Tiffany brannte ihm ein Loch ins Jackett, bei dem Anblick, der sich ihm bot.

Helen lag mit einem anderen Mann in ihrem gemeinsamen Bett.

Unbemerkt blieb Alexis in der offenen Tür stehen, denn der blonde fleischige Kerl warf seine Verlobte auf den Rücken und fuhr sie an.

»Das ist nicht dasselbe. Er fasst dich an. Er schläft mit dir. Du wirst seine Frau. Dabei gehörst du mir!«

»Das stimmt, aber ich tue es für uns, mein Schatz!« Alexis sah, wie Helens zarte Hände mit den roten Fingernägeln lasziv über den nackten Rücken des Mannes fuhren. Ihm wurde übel, so hatte sie ihn auch gestreichelt.

»Er ist reich, hat eine einflussreiche Position, sogar einen Titel. Sein Vermögen reicht für uns beide. Irgendwann lasse ich mich scheiden. Alexis ist natürlich der Schuldige, das arrangieren wir, Darling. Er wird mich, seine arme betrogene Frau, fürstlich abfinden, und wir können uns zur Ruhe setzen.«

»Der bedauernswerte Trottel weiß gar nicht, was für ein durchtriebenes Luder du bist, Helen!«

»Ja, nicht wahr? An mir ist doch eine großartige Schauspielerin verlorengegangen. Er hat mir alles abgekauft, meine Liebe und Treue«, lachte sie.

Alexis hörte nur zu. In seinem Inneren brodelte der Zorn, ballte sich zusammen, um gleich einem Vulkan auszubrechen.

»Schwerfallen kann es dir nicht«, meinte der Blonde. »Er ist attraktiv. Zwar nicht so sehr wie ich, aber dein Lord könnte glatt in meiner Strippertruppe anheuern.«

»Keiner sieht so gut aus wie du, Darling. Alexis ist nicht mein Typ. Es ist daher gar nicht so leicht, Liebe zu heucheln. Besonders, wenn ich dabei an dich denke, und es echt wirken muss. Dauernd will er küssen, schmusen und kuscheln. Oft redet er von der Zukunft. Von Kindern. Die ruinieren doch nur die Figur.«

Das versetzte Alexis einen Stich ins Herz. Die Zuneigung, die er Helen aufrichtig entgegenbrachte, zerfiel mit jedem ihrer Worte zu Staub. Er hatte ihr vertraut, sich auf ein Leben mit ihr gefreut. Selten war er so glücklich wie mit ihr gewesen.

»Das Geld ist sauer verdient«, klagte Helen. »Bisher hat er mir nur Almosen gegeben.«

»Designerkleider, Schmuck, Luxusautos und die Wohnung hier. Wirklich eine Schande, und so armselig«, spottete der Lover und rieb sich an ihr. »Für mich fällt auch was vom Kuchen ab. Der Arme!«

Gerade wollte Alexis den Kerl aus dem Bett zerren und ihm die Faust ins Gesicht rammen, doch die höhnischen Worte des Gigolos wirkten wie eine kalte Dusche. Er besann sich. Die Lava glühenden Zorns erkaltete in ihm und verwandelte sein Blut in Eiswasser. Der Gigolo war es nicht wert, und Helen erst recht nicht.

»Ich bin zwar ein armer Narr, aber in diesem Augenblick lächelt mir das Glück zu«, sagte er kalt und betrat das Schlafzimmer. Das Paar auf dem Bett fuhr auseinander.

»Alexis!«, schrie Helen entsetzt und raffte das Laken an sich. Ihr Partner machte sich nicht einmal die Mühe, sich zu bedecken. Faul wie ein Kater streckte er sich aus und beobachtete mit einem amüsierten Grinsen die Szene, die Alexis mitnichten zu inszenieren gedachte.

»Jetzt weiß ich, was für ein falsches Spiel du treibst.«

»Es ist nicht so, wie du denkst«, begann Helen. »Das ist alles ein Missverständnis.«

»Spare dir den Atem. Das hier«, er wies aufs Bett, »ist vollkommen eindeutig. Verschwindet sofort! Morgen wird das Appartement geräumt!«

Damit drehte er sich auf dem Absatz herum und verließ die Wohnung.

Draußen vor dem Gebäude hielt ihm Lucas Lodge, der Chef seiner Sicherheitstruppe, den Schlag der Limousine auf.

»Ein kurzer Abend«, meinte dieser. Alexis schaute den Mann an, den er quasi von seinem Vater geerbt hatte. Er erinnerte sich, dass der Freund ihn öfters gedrängt hatte, für Helen eine Wache abzustellen.

»Stimmt, aber ein äußerst erhellender! Sorge dafür, dass jegliche Spuren von Helen aus meinem Leben verschwinden!« Er drückte Lucas Rosen und Champagner in die Hand. »Vielleicht hat einer der Männer Verwendung dafür. Zum Heliport bitte. Ich siedele für ein paar Tage nach Bailey Hall über!«

»Alles klar, Alexis!«

Der attraktive Lord ließ sich auf den Rücksitz der Limousine gleiten. Als Lucas die Tür geschlossen hatte, bediente er sich großzügig am Whiskey der Minibar. Er kippte den Drink hinunter, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Momentan wusste er nicht, was er fühlen sollte. Seine Gelassenheit wunderte ihn selbst. Wahrscheinlich lag es am Schock. Das hatte er nicht erwartet! Wie hatte er so auf Helen hereingefallen können?

Der üppige Rotschopf hatte ihm gewaltig den Kopf verdreht. Aus der heißen Affäre war etwas Tieferes geworden. Unweigerlich hatte er geglaubt, er liebe Helen und sie ihn.

»Das Biest war eben doch eine exzellente Schauspielerin. Gerissener als die meisten. Ich bin auch nicht unfehlbar«, stellte er laut fest, öffnete die Augen und schenkte sich nach. Blicklos starrte er auf das nächtliche London, das draußen vorbeizog.

Mit achtunddreißig Jahren hatte Alexis Blackthorne, Lord Bailey, erwartet, über genug Erfahrung zu verfügen, um eine Goldgräberin, die hinter seinem Reichtum her war, von einer Frau, die wirklich nur an ihm, dem Mann, interessiert war, unterscheiden zu können.

Schließlich war er seit Teenagertagen das Ziel weiblicher Avancen. Er war nicht nur Erbe eines alten Titels und Vermögens, sondern hatte das familieneigene Bankhaus zu einem international operierenden Firmenimperium ausgebaut und es sogar sicher durch die Krisen der jüngeren Vergangenheit geschifft. Regelmäßig zierte er die Cover der Gesellschaftsmagazine und wurde hin und wieder, zu seinem immensen Ärger, als der »sexiest man alive« tituliert. Alexis fand das maßlos übertrieben. Okay, er sah nicht schlecht aus, zumal er hochgewachsen war und einen kräftigen Körper, schwarze Haare und Augen hatte, das Erbteil eines normannischen Ahnen. Regelmäßig trainierte er an den Geräten oder zusammen mit Lucas und seiner Sicherheitstruppe.

Vor einem Jahr keimte in Alexis der Wunsch auf, »sesshaft« zu werden, nach Familie und Kindern. Wohl auch deshalb, weil seine Mutter ihn ins Gebet genommen hatte. Beide pflegten sie ein sehr unterkühltes Verhältnis zueinander. Lady Bailey zog seine jüngere Schwester Jane deutlich vor, aber sie legte Wert auf Status und Ansehen in der Gesellschaft, so besuchte sie ihren Sohn regelmäßig. Hauptsache, der äußere Schein blieb gewahrt. Darüber hinaus unterließ sie es nicht, ihn an seine Verpflichtungen zu erinnern. Oft überlegte Alexis, ob seine Mutter mit ihren Ansichten nicht besser ins viktorianische England passte.

»Du wirst nicht jünger. Dein Vater, Gott hab ihn selig, hatte in deinem Alter seine dynastische Pflicht bereits erfüllt und dich, seinen Erben, gezeugt.«

»Mein internationales Firmenkonglomerat nimmt mich voll in Anspruch, Mutter!«

»Für Amouren hast du dennoch Zeit. Jeden Tag sehe ich dich mit einer anderen Schönheit im Arm in der Klatschpresse.« Elenor Blackthorne runzelte die Stirn. »Ist da nicht eine angemessene Kandidatin mit Bildung und dem passenden Hintergrund dabei?«

»Nicht unbedingt, Mutter. Zum Spaß haben, ja, aber gleich heiraten?«

»Du wirst nicht jünger, Alexis, und ich will einen Erben. Deine Schwester Jane hat einen geeigneten Mann und Kinder.«

»Das ist auch kein Kunststück. Sie hat den perfekten Mann in Charles gefunden.«

»Tue es ihr gleich und finde die perfekte Frau. Ich erwarte Ergebnisse«, sagte Elenor im besten Feldwebelton.

»Zu Befehl, Madame!« Alexis stand stramm und salutierte zackig, wie er es in der Armee gelernt hatte.

»Recht so. Du brauchst deine Frau ja nicht zu lieben. Das taten dein Vater und ich auch nicht. Hauptsache ist das gegenseitige Respektieren. Mir war bekannt, dass dein Vater sein Vergnügen woanders suchte. Daran ist nichts Verwerfliches, wenn der Erbe erst einmal geboren ist. Danach geht jeder seiner eigenen Wege und lebt sein Leben, wie er mag. Ich bin ebenfalls kein Kind von Traurigkeit. Es kommt lediglich darauf an, den Schein zu wahren. Wir alten Familien haben diese Verpflichtung.«

Alexis kannte die Vorträge seiner Mutter, ebenso wie ihre häufigen Reisen an die Riviera und das flotte Leben, das sie führte. Für Lady Bailey zählte nur die Fassade, der Titel und das Vermögen. Einzig aus diesen Gründen hatte sie seinen Vater geheiratet.

Zumindest hatte ihm das Gespräch, so altertümlich das Thema war, zu denken gegeben. Seine Mutter hatte nicht völlig Unrecht. Er war ein Mann in den besten Jahren, der so ziemlich alles erreicht hatte. Für wen und was jedoch? Warum also nicht eine Familie gründen?

»Jetzt lege ich die Hochzeitspläne erstmal auf Eis!«

Mit diesen Worten tauchte er aus seinen Erinnerungen auf. »Wie alle Geschäfte gehe ich das Projekt streng logisch an. Keine Gefühle, keine Leidenschaft, keine vermeintliche Liebe. Ich mache es wie beim Pferdekauf. Eine geeignete Ehekandidatin muss über beste Anlagen, eine starke Persönlichkeit und Charakter verfügen. Emotionen klammere ich aus. Und bis ich die richtige Frau finde, habe ich einfach Spaß!«

3

Mailin

»Gib auf, Hamil!«, rief Mailin und zielte auf den Terroristen. »Du kannst nicht entkommen!«

Nach einer wilden Verfolgungsjagd rund um den Globus hatte sie Hamil Wang Smith endlich gestellt. Statt Freude empfand sie wieder nur diesen nagenden Schmerz, der sie seit Toronto nicht mehr losließ. Die Fahrzeuge, zwischen die sie geschleudert worden war, hatten sie vor dem Kugelhagel geschützt. Sie hatte das Bombenattentat überlebt, Quentin, Richard, Ben, all ihre Männer jedoch ihr Leben verloren. Smith hatte nichts dem Zufall überlassen, nachdem die Bombe hochgegangen war, durchsiebten die SabÖko-Terroristen die gesamte Gegend mit Kugeln. Direktor Wallace fand man erschossen in der Suite.

Noch im Krankenhaus schwor sich Mailin, die Schuldigen, die ihr Leben zerstört hatten, zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht nur Rache, sondern auch die Schuld, als einzige diesen Anschlag überlebt zu haben, trieben sie so schnell wie möglich aus der Klinik und durch die Reha. Anschließend begann sie die Hetzjagd auf Hamil Wang Smith und seine Bande.

Paddy O´Malley gab es schließlich auf, die geliebte Enkelin zur Vernunft zu bringen, sondern unterstützte sie mit den nötigen Ressourcen, Kontakten und Liebe. Mailin wusste dies geschickt zu nutzen und war nicht zimperlich dabei. Sie setzte all ihre Fähigkeiten ein, um an Wang Smith heranzukommen. Sie heuerte in Spelunken an, arbeitete in Clubs, in allen möglichen und unmöglichen Jobs. Ständig unterwegs, ständig in Gefahr, entdeckt zu werden. Die Jagd trieb sie an, hielt sie am Leben. Ihre gesamte Existenz drehte sich nur um die Rache an Hamil Wang Smith und der SabÖko.

Jetzt hatte sie ihr Ziel fast erreicht. Sie stand dem Terrorchef genau gegenüber. Durch ihren anonymen Tipp waren die Behörden gerade dabei, das aktuelle Nest der Organisation auszuheben.

Smith hatte immer eine Fluchtroute, und da Mailin seit Tagen auf Beobachtungsposten stand, wusste sie, welche. Das FBI fiel vorne buchstäblich mit der Tür ins Haus, während der Terrorboss hinten hinausschlüpfte, um über die Dächer der Nachbargebäude zu türmen. In dieser Sekunde hatte sie ihn auf einem gestellt. Da es nur zwei äußerst unscharfe Aufnahmen vom ihm gab, musterte Mailin den Mann vor ihr sehr genau. Sie hielt ihre SIG Sauer auf ihn gerichtet. Ruhig lag die Pistole in ihrer Hand. Auf diesen Moment hatte sie hingearbeitet, alles gegeben, sich oftmals erniedrigt. Hamil Wang Smith würde ihr nicht entkommen.

Wie sein Name war er eine Mischung aus Nordkoreaner und Araber mit einem britischen Einschlag. Dunkelgelbe Haut, mandelförmige braune Augen, normale Größe und Statur. Alles in allem sah er überhaupt nicht gefährlich aus.

»Jetzt habe ich dich!«

»Das hättest du wohl gerne, Mailin!« Smith lächelte. »Ich bewundere deine Hartnäckigkeit! Drei Jahre bist du hinter mir her. Hast meine Organisation lahmgelegt. Viele Operationen aufgedeckt, meine Männer ans Messer der Justiz geliefert. Inzwischen ist es schwierig für mich, geeignetes Personal anzuheuern. Du bist allen Versuchen, dich zu liquidieren, entkommen. Nicht schlecht, Mailin! Aber eher sterbe ich, als mich verhaften zu lassen! Schon gar nicht von einem kleinen Mädchen!«

Er grinste sie an, dabei wanderten seine Augen von ihrer Waffe zu ihrem Gesicht und wieder zurück.

»Du entgehst der Gerechtigkeit nicht!«, schrie sie. »Ich kann dich auch erschießen. Zu verlieren habe ich nichts mehr, dafür hast du gesorgt.«

»Nein, Mailin, das tust du nicht, denn du bist tot!« Er sah hinter sie. »Falco steht genau in deinem Rücken!«

Den Impuls, sich sogleich umzuwenden, um zu sehen, ob Falco, Hamils rechte Hand, wirklich da war, unterdrückte sie mit aller Macht.

»Den alten Trick versuchst du«, höhnte Mailin stattdessen. »Da hätte ich mehr von dir erwartet, Hamil!«

Ein heftiger Schlag traf sie genau zwischen die Schulterblätter. Ihr blieb die Luft weg und sie knallte bäuchlings auf den harten Beton. Die SIG Sauer flog ihr aus der Hand. Gleich darauf sprang eine Gestalt über sie hinweg und folgte Hamil, der sich abgewandt hatte und davonspurtete.

Falco, dieser Mistkerl hatte ihr in den Rücken geschossen. Nur die schusssichere Weste, welche sie unter ihrer Kleidung trug, rettete sie.

Mailins Reflexe waren bestens geschult. Sie ignorierte den Schmerz, rappelte sich hoch und zog eine Handgranate aus dem Waffenarsenal, das sie ebenfalls verborgen mit sich herumschleppte. In einer fließenden Bewegung zog sie den Stift und schleuderte die Granate hinter den Männern her.

Dann warf sie sich zu Boden und riss die Arme über den Kopf. Schon fegte die Detonationswelle über sie hinweg.

Als sie aufsah, verwehte der Wind Rauch und Staub der Explosion.

Sie hatte ihn erwischt! Es war vorbei!

4

Alexis

»Unterschätzen Sie die SabÖko nicht!« Patrick O´Malley runzelte die Stirn. »Auch wenn meine Enkelin mit Hamil Wang Smith vor drei Jahren den Kopf des Drachen abgeschlagen hat, ist die Organisation immer noch aktiv! Wenn auch eingeschränkt.«

Alexis Blackthorne, Lord Bailey, musterte den Chef der SaSeSystems scharf. Der Ältere hielt sich sehr aufrecht und hatte einen durchtrainierten Körper. Ihn umgab eine Aura aus Vitalität und Zuversicht. Alexis ging im Geiste die Akte seines Gegenübers durch, die seine Leute zusammengetragen hatten.

Patrick »Paddy« O´Malley, siebzig Jahre, geboren und aufgewachsen in Irland, mit Zwanzig nach Hongkong emigriert. Dort arbeitete er zunächst selbst erfolgreich als Bodyguard, bis er ein eigenes Unternehmen gründete. Nach und nach expandierte er, baute die SaSeSystems zu einem der besten Sicherheitsunternehmen weltweit aus.

Privat hatte er weniger Glück. Frau, Sohn und Schwiegertochter starben tragisch durch einen Autounfall. Er zog die Enkelin Mailin allein groß. Soweit Alexis´ Kontaktleute berichteten, recht unkonventionell. Er bewohnte eine Dschunke, die im Hafen von Kowloon ankerte. Die Firmenzentrale verlegte er auf einen alten Riesenfrachter, die »SSS Enterprise«, den er vor dem Abwracken rettete, überholen und modernisieren ließ. Das Schiff war vollgestopft mit den neuesten technischen Schikanen und Trainingseinrichtungen. Dieser Tage ankerte sie meistens im Hafen von Hongkong. Früher nutzte er sie für Fahrten zu geschäftlichen Terminen. Seine Enkelin nahm er überall hin mit und stellte eine Gouvernante und Privatlehrerin für Mailin ein. Chen Lu, die flotte und kompetente Chinesin, unterrichtete die Kleine in allen Fächern, Lebensbereichen und anderen Themen an Bord der Dschunke oder auf Geschäftsreisen. Seit vielen Jahren ein Paar, machten Chen Lu und Paddy aber keine Anstalten, zu heiraten. Zusammen mit der Enkelin bildeten sie eine glückliche Familie.

Seit Alexis die Akte aufgeschlagen hatte, ging Mailin O´Malley ihm nicht mehr aus dem Kopf. Große grüne Augen beherrschten das ernste schöne Gesicht. Von dem Foto schien sie direkt in seine Seele zu blicken. Ihr Lebenslauf las sich wie ein Abenteuerroman.

Colin O´Malley, ihr Vater, stammte aus Irland. Die Mutter, Mai Ling, wurde in Hongkong als einziges Kind eines Geschäftsmannes aus Macau und einer Halbchinesin geboren.

Die elegante fragile asiatische Schönheit hatte sie von ihrer Mutter und Großmutter geerbt, wobei sie trotzdem hoch wie ihr Vater Colin und ihr Großvater Paddy gewachsen war. Alle drei besaßen die großen eindringlichen Augen der O´Malleys, die im frischen Grün von Irlands saftigen Wiesen leuchteten. Selbst Mailins exotischer Mix interessanter dunkeläugiger Vorfahren mütterlicherseits hatte es nicht geschafft, das Merkmal der O´Malley-Familie zu überlagern.

Mit Vier verlor sie Eltern und Großmutter, und ihr unkonventioneller Werdegang begann.

Neben den herkömmlichen Fächern durchlief sie eine Ausbildung als Bodyguard. Schießen, Observieren und die verschiedensten Kampfsportarten bildeten mit einer breitgefächerten Auswahl an Sprachen ein buntes Potpourri an Disziplinen. Darüber hinaus verfügte Mailin über einen glänzenden Abschluss der renommierten Hongkong University of Science and Technology.

Seit Kindesbeinen trainierte sie mit den Männern und Frauen ihres Großvaters und gehörte zu den besten Schützen bei der SaSeSystems.

Alexis konnte kaum glauben, dass die zartgliedrige Schönheit zu den Top-Bodyguards der Welt zählte.

Bis zu dem Tag des Attentats auf Direktor Wallace und ihre Truppe galt sie als eine der versiertesten Fachkräfte in der Security-Branche. Von da an beschritt sie andere Wege. Über die Jahre, die sie Hamil Wang Smith jagte, fanden sich wenig Informationen. Eine solch lange Zeit undercover zu leben, konnte sich Alexis kaum vorstellen.

Nach dem Tod des Terroristen hatte sie der Sicherheitsbranche den Rücken gekehrt und gründete eine Umweltschutzorganisation, die sich für die Befreiung der Weltmeere von Plastik einsetzte. Die meiste Zeit lebte sie auf einer kleinen Segelyacht und schipperte im Einsatz für die Natur über die Ozeane.

Alexis blickte an Paddy O´Malley vorbei durch die Panoramascheibe seiner Suite. Er staunte jedes Mal wie ein kleiner Junge über die sagenhafte Aussicht. Vor ihm breiteten sich Hongkong Island und die Skyline aus. Das Meer spiegelte das Blau des Himmels. Zahlreiche Schiffe jeder Art und Größe waren unterwegs.

Alexis spürte das Pulsieren dieser Metropole als Scheitelpunkt zwischen Ost und West. Ehemals britische Kronkolonie, wurde Hongkong 1997 Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China. Territorial gehörte die Stadt, die im Grunde ein Konglomerat von Inseln war, wieder zu China, hatte sich aber eine gewisse Unabhängigkeit in Justiz und Wirtschaft bewahrt. Hongkong blieb ein internationales Handelszentrum und Brücke zwischen den unterschiedlichen Kulturen.

»Wir alle hatten gehofft, dass Ihre Enkelin die Organisation vollständig ausgeschaltet hat«, bemerkte er.

Unwillkürlich trat er näher an die Scheibe und musterte die zahlreichen Schiffe. Vielleicht war Mailins darunter. Sie wurde zurückerwartet.

»Durch ihr eigenmächtiges Eingreifen und Selbstjustiz an Smith hat sie für gewaltig Furore gesorgt!«

»Es hat mich fast alle Gefallen gekostet, die ich hatte. Viele einflussreiche Politiker und Geschäftsleute haben sich ebenfalls für sie eingesetzt. Zudem hat sie der Welt und der Justiz einen großen Dienst erwiesen! Aber wozu haben Sie mich herbestellt? Bestimmt nicht, um alte Geschichten aufzuwärmen.«

Paddy O´Malley kam gleich zum Punkt. Das gefiel Alexis.

»Mein Unternehmen hat Ihren Sicherheitsservice engagiert, um unser Securityteam zu unterstützen. Sozusagen als Experten vor Ort.«

»Worauf spielen Sie an, Lord Bailey? Auf Ihren Aufenthalt hier in Hongkong oder Ihre Rede in einer Woche, die sie für die FTEE in Macau halten werden? Das regeln unsere Angestellten. Dazu brauchen Sie mich als Chef nicht so kurzfristig herzubestellen!«

»Ich spiele darauf an, dass meine Kontaktleute zu Interpol und dem FBI mir Informationen zugetragen haben, denen zufolge Hamil Wang Smith wieder auf der Bildfläche erschienen ist! Die Auskünfte sind keine drei Stunden alt.«

Abrupt drehte sich Paddy zu ihm um und starrte ihn an. Ruhig erwiderte Alexis den Blick. Er hatte wenigstens Überraschung erwartet. Stattdessen blickte er in eine stoische Maske.

Der alte Fuchs!, dachte er. Oder lebt er zu lange in diesem Teil der Welt, in dem es zur Kultur gehört, das Gesicht nicht zu verlieren? Nur die plötzliche Bewegung verrät, dass ihn die Nachricht nicht so kalt lässt, wie er sich den Anschein gibt.

Alexis konnte nicht umhin, Paddy O´Malley um diese Gelassenheit zu beneiden. Er selbst musste öfter Beherrschung üben, aber die Neuigkeit hatte ihm einen Stich versetzt. Nicht nur, weil er auf der Konferenz in Macau zum Vorsitzenden der FTEE ernannt werden sollte, sondern auch, weil er sofort an Mailin O´Malley und ihre Vergangenheit mit dem Terrorboss denken musste.

»Wie zuverlässig sind die Informationen?«, fragte Paddy.

»Äußerst. Smith ist wieder aufgetaucht, um die Reste der SabÖko zu versammeln und neue Mitglieder zu rekrutieren. Die Gerüchte brodeln. Entweder ist er es selbst oder eine Person, die sich für ihn ausgibt. Vielleicht war er sehr schwer verletzt, ja entstellt, und es hat seine Zeit gebraucht, bis er wieder zusammengeflickt war. Die andere Option ist, jemand hat den Namen angenommen, um unter dem Nimbus Hamil Wang Smith in den Terrorkreisen mitzumischen.«

»Das klingt so oder so nicht erfreulich!«

»Sehr untertrieben ausgedrückt, Mr. O´Malley«, meinte Alexis trocken, »denn Hamil will seine Wiederauferstehung mit meinem Tod inszenieren. Eine reizende Idee, wenn auch auf meine Kosten.« Er sah, wie die Lippen des Sicherheitsbosses zuckten. Dann grinste der Ältere.

»Sie nehmen es mit Humor, Mylord.«

»Nennen Sie mich bitte Alexis. Die Kolonialzeit ist längst vorüber.«

»Gerne, ich bin Paddy!« Sie schüttelten sich die Hände.

Bei einem Drink berichtete Alexis die volle Tragweite der zugespielten Daten.

»Mag dieser Hamil Wang Smith echt sein oder nicht«, Paddy seufzte, »Fakt bleibt, dass er die SabÖko neu belebt. Wenn er Erfolg hat und Sie bei der Konferenz oder vorher tötet, dann ist ihm sein Comeback gelungen. Die Organisation erstrahlt danach im neuen Glanz.«

»Gut zusammengefasst, Paddy.« Alexis lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Der Kopf des FTEE-Vorsitzenden ist eine stattliche Trophäe. Dennoch möchte ich mein Leben gerne behalten. Deshalb habe ich Sie herbestellt. Das ist keine Angelegenheit, die wir allein unseren Leuten, so fähig sie auch sind, überlassen. Ich brauche die Besten. Ich brauche Sie und Ihre Enkelin Mailin!«

5

Mailin

Hongkong! Heimat!

Mailin genoss das Panorama, welches ihr die Weltstadt jedes Mal bot, wenn sie vom offenen Meer Kurs auf sie nahm.

Aber Heimat?, überlegte sie, als sie die äußeren Inseln passierte und geschickt mit der Segelyacht den gigantischen Tankern, Container- und Frachtschiffen auswich.

Heimat war es nicht mehr. Früher hatte sie so empfunden, doch jetzt war sie entwurzelt wie ein Baum nach einem Orkan. Die Wurzeln, die tief im Erdreich verankert waren, die sich über die Jahre ihren Weg dahin gebahnt hatten, Nährstoffe und Wasser aufnahmen, damit ihr Lebensbaum wachsen konnte – vergangen! Eine gewaltige Kraft hatte ihren Baum gepackt und gnadenlos aus der fruchtbaren Erde herausgerissen. Alle feinen Verzweigungen und die Hauptadern wurden urplötzlich brutal durchtrennt.

Ähnliches hatte sie beim Unfalltod ihrer Eltern erlebt. So klein sie war, fing Großvater Paddy sie auf. Vermisst hatte sie Mum und Dad, es war jedoch nicht so schlimm. Großvater und Chen Lu waren bei ihr.

Vielleicht war ich damals noch zu jung, aber Toronto zu überleben, das ist unerträglich. Das hat mein Leben beendet. Nicht einmal die Rache und der Tod von Hamil Wang Smith haben mich aus der kalten Dunkelheit geholt. Jetzt versuche ich, mir eine Art Existenz mit meiner Umweltorganisation aufzubauen. Aber warum spüre ich nichts? Will ich überhaupt etwas empfinden?

Sie ging neben der Dschunke der O´Malleys längsseits.

»Großvater! Chen Lu! Ich bin da!«, rief sie und schwang sich von ihrer Yacht auf das größere Schiff.

»Mailin!« Die Luke zum Achterdeck sprang auf und ihre geliebte Nanny stürmte hindurch. Bis auf ein paar graue Fäden im Haar sah Chen Lu noch genauso aus wie damals, als sie Teil der Familie wurde und sich der kleinen Waise angenommen hatte. Eine klassische chinesische Schönheit, zart wie eine Orchidee und schlank wie ein Lotusstengel, doch hart und unnachgiebig wie Stahl, wenn es sein musste.

Seit Jahren waren sie und ihr Großvater ein Paar, wobei Chen Lu die Heiratsanträge des alten Herren permanent ablehnte, da sie nicht an die Ehe als Institution glaubte. Mailin meinte insgeheim, dass es ihrer Nanny Spaß machte, Paddy O´Malley zappeln zu lassen. Er strengte sich doppelt an, seine Geliebte glücklich zu machen. Mailin freute sich zwar über das Glück der beiden, allerdings blieb sie nie lange bei ihnen, da es zu sehr schmerzte, das verliebte Paar zu beobachten. Dieselbe Innigkeit und Verbundenheit hätte sie mit Quentin erleben sollen.

»Mailin, wie schön!« Die Frauen umarmten sich herzlich.

Jetzt aber, als sie Chen Lus Arme um sich fühlte und den vertrauten Duft einatmete, überfiel sie große Sehnsucht, und das Alleinsein, das sie die letzten Jahre anstrebte, verlor immens an Verlockung. Spontan beschloss sie, länger zu bleiben.

»Wir haben dich früher erwartet!«

»Der Wind war nicht günstig«, verteidigte sich Mailin.

»Ah ja. Statt den Motor anzuwerfen, bist du ökologisch korrekt gesegelt.« Chen Lu lachte.

»Irgendwo müssen wir anfangen, die Umwelt zu schützen. Wir haben nur den einen Planeten!«

Sie gingen unter Deck. Im Salon war alles für den Tee vorbereitet. Die Vorliebe der Briten und Chinesen für das Gebräu hatte sich auch in der Familie O´Malley etabliert. Bei ganz besonderen Gelegenheiten verfeinerte Chen Lu den Tee mit einer speziellen Zutat: Rum! Angesichts der Tageszeit hatte sie jedoch heute darauf verzichtet.

»Wunderbar, ich habe einen Riesenhunger! Konserven sind auf Dauer nicht toll«, freute sich Mailin und sah sich um. »Wo ist Großvater?«

»Paddy musste leider kurzfristig zu einem Geschäftstermin.« Chen Lu ging zum Tisch. »Wir sollen ohne ihn anfangen.« Sie setzten sich.

»Ich dachte, er tritt kürzer.«

»Tut er auch, aber der Klient verlangte den Boss persönlich, und da er so wichtig ist ...« Chen Lu zuckte die Achseln und schenkte Tee ein.

»Und John hat es nicht getan?« John Chang war der Geschäftsführer, seit Paddy sich mehr oder minder aus der Firma zurückgezogen hatte. Mailin belud sich den Teller mit Sandwiches und Kuchen. »Wer ist der Kunde?«

Sie wollte wissen, wer ihren Großvater weggeholt hatte, so dass er sie nicht persönlich begrüßte, wollte einfach einen Namen zu dem Kerl, auf den sie sauer war.

»Ein englischer Lord.«

»Was?« Mailin zog die Brauen hoch. »So etwas gibt es noch? Die Feudalzeit ist doch längst passé.«

»Nicht so ganz. Lord Bailey, um genau zu sein. Er ist oft in der Presse, ein Finanzgenie, der seine Banken, Unternehmen und Angestellten sicher durch alle Krisen geführt hat. Zudem engagiert er sich für Umwelt- und Sozialprojekte.«

»Ach, der Lord Bailey! Eine seiner Stiftungen hat auch für meine Organisation gespendet. Dann weiß ich, wer das ist. Alexis Blackthorne, Lord Bailey. Guter Geschäftsmann, Förderer der Künste, setzt sich für Umwelt und Soziales ein und so weiter und so fort.«

»Und er sieht sehr gut aus.« Chen Lu griff hinter sich und hielt Mailin gleich darauf eine Zeitung unter die Nase. Ihre Nanny mochte altmodische Papierzeitungen. »Natürlich auf der Titelseite. Er hat für das Museum eine große Summe gespendet, außerdem noch für eine Stiftung für den kulturellen Austausch Ost-West!«

Kritisch musterte Mailin das Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigte den Lord bei einer Rede, die er vor der Stiftung gehalten hatte. Aristokratische Züge, energisches Kinn. Er trug das dunkle Haar etwas länger. Es lockte sich an den Enden.

»Schlecht sieht er nicht aus, das ist wahr«, gab sie widerwillig zu.

»Er ist einer der begehrtesten Junggesellen. Frauen auf jedem Kontinent versuchen, ihn sich zu angeln.« Chen Lu nahm ihr die Zeitung aus den Fingern. »Verständlich, so heiß, wie er ist!«

»Dieser Lord hat doch keine Zeit für die Damen, wenn er fleißiger Geschäftsmann und Philantrop zugleich ist«, meinte Mailin schnippisch.

»Ein Freund von Traurigkeit ist er jedenfalls nicht«, grinste Chen Lu. »Sein Verschleiß ist immens, aber nie was Ernstes.«

»Ein Frauenheld noch dazu! Da muss sich der gute Lord Alexis vor einem Burnout hüten.« Dieser Supermann ging ihr gegen den Strich.

»Ich glaube nicht, dass er sich groß anstrengen muss, wenn ich ihn mir so ansehe.« Mit einem letzten Blick auf das Foto legte sie die Zeitung weg. »Was gibt es Neues? Wie läuft dein Projekt, Liebes?«

Mailin erzählte, bis ein Poltern auf Deck sie unterbrach. Wenig später betrat Patrick O´Malley den Salon.

»Großvater!«

»Meine Kleine!« Beinahe erstickte sie in der Bärenumarmung. Endlich ließ Paddy sie los, hielt sie jedoch an den Oberarmen fest und musterte sie eingehend. »Du wirst jedes Mal schöner, aber dünn bist du. Du musst mehr essen. Wir werden dich aufpäppeln!«

»Das sagst du immer!« Sie lächelte zu dem Mann auf, der ihr mehr Vater als Großvater war. Sein Haar, inzwischen schneeweiß, bildete einen starken Kontrast zu der wettergegerbten haselnussbraunen Haut. Mailin schien es, dass sich weitere Falten und Furchen in sein Gesicht gegraben hatten. Dennoch strahlte er eine ungebrochene Vitalität aus und war fitter als mancher Kerl, der dreißig Lenze weniger zählte.

»Wie geht es meiner Lotusblüte?«, wandte er sich, einen Arm um die Enkelin gelegt, an Chen Lu.

»Wenn du mir mit dem Spruch kommst, dann willst du etwas, du alter Charmeur!« Sie lachte, stand auf und trat zu ihnen. Paddy ließ Mailin los, umarmte und küsste seine Lebensgefährtin.

»Bin ich so durchschaubar?« Ihr Großvater tat gekränkt.

»Nach all den Jahren spräche es nicht für mich, wenn ich dich nicht kennen würde. Und besonders subtil warst und bist du nicht«, sagte Chen Lu. Alle brachen in Gelächter aus.

»Komm, setz dich, Paddy!« Chen Lu schob ihn zum Tisch. »Wir sind bei der zweiten Runde Tee. Mailin hat ordentlich zugegriffen, also wird sie nicht gleich verhungern. Ihr Projekt läuft großartig. Während ich noch schnell ein paar Sandwiches mache, kann sie dir davon erzählen.«

»Danke, aber wir sind zum Dinner eingeladen. In zwei Stunden, um genau zu sein.«

»Doch nicht heute Abend, Paddy«, schimpfte Chen Lu. »Mailin ist gerade zurück und ohnehin viel zu selten da. Was soll das?«

»Wegen mir braucht ihr nicht zu verzichten«, sagte Mailin. »Ich bleibe dieses Mal länger. Meine Yacht muss ins Dock, und da ich seit Monaten keinen freien Tag mehr hatte, will ich jetzt ausspannen.«

»Wundervoll!« Chen Lu fiel ihr begeistert um den Hals. »Dann gehen wir ausgiebig bummeln, ins Spa und abends aus. Nur wir Damen! Wir machen mal wieder richtige Mädchensachen zusammen!«

»Meine Kleine!« Paddy strahlte. »Wie mich das freut!«

Mailin lachte, glücklich über die enthusiastische Reaktion ihrer Familie.

»Wisst ihr was, ihr zwei geht und amüsiert euch, und ich schlafe mich aus«, schlug sie vor. »Morgen machen wir in aller Ruhe Pläne. Vielleicht können wir zusammen verreisen oder wenigstens einen Abstecher nach Macau unternehmen.«

»Gute Idee«, freute sich Chen Lu, »da haben wir eine Glückssträhne im Casino und müssen nicht das sauer verdiente Geld deines Großvaters ausgeben!«

»Da kann ich nur beten, dass ihr gewinnt«, scherzte Paddy, »sonst werden die Ferien sehr teuer für mich!«

»Als ob Mailin sich die letzte Zeit etwas gegönnt hätte«, widersprach Chen Lu.

»Auf einem Boot brauche ich nicht viel«, grinste diese, »aber ich habe noch einen ganzen Schrank voll Kleider hier an Bord in meiner Kabine. Wenn du darauf anspielst, dass ich in den alten Jeans und dem T-Shirt fürs Shoppen in Hongkong zu underdressed bin.« Sie zupfte an dem verblichenen Stoff.

»Ist da auch etwas Passendes für das Dinner heute Abend drin?«, fragte Paddy unvermittelt. »Lord Bailey hat dich ebenfalls dazugebeten!«

»Mich?!« Wie bei einer Katze in Lauerstellung richteten sich Mailins Haare auf. »Warum?«

»Er hat die ganze Familie eingeladen«, stellte Paddy klar. »Zu dem Anlass hat er für uns eine Luxusyacht gechartert, auf der wir eine Panoramatour um die Inseln machen.

---ENDE DER LESEPROBE---