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In einer Welt, in der Magie Leben rettet – und zerstört – steht Edira Brillwyn vor einer nahezu unmöglichen Aufgabe. Als ihre Brüder an einer tödlichen Seuche erkranken, bleibt Edira keine Wahl: Sie muss ihre verborgene Threadmender-Gabe einsetzen. Doch ihr Geheimnis bleibt nicht lange unentdeckt. Die mächtige Familie Fernglove - allem voran Orin, ihr charismatisches Oberhaupt - macht ihr ein verlockendes, aber gefährliches Angebot. Auf ihrem prachtvollen, aber düsteren Anwesen gerät Edira in einen Strudel aus Intrigen, Magie und Verrat. Während sie verzweifelt gegen die Seuche ankämpft, wächst die Bedrohung, die von der rätselhaften Familie ausgeht. Denn hinter ihrer makellosen Fassade lauern dunkle Absichten – und ein Geheimnis, das alles verändern könnte. Wie weit wird Edira gehen, um die zu retten, die sie liebt? Und welchen Preis ist sie bereit, dafür zu zahlen? Der Auftakt der "Threadmender-Chroniken" voller Magie, Intrigen und verhängnisvoller Anziehung. #GothicRomantasy #SlowBurn #ForcedProximity #HauntedHouse #GeheimnisseundIntrigen #FemaleRage #Who'sTellingTheTruth #DorianGreyVibes
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Seitenzahl: 619
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Maxym M. Martineau
HouseOf Blight
Bisher bei LEAF erschienen:
House of Blight
Ausführliche Informationen über unsere Autorinnen und Autoren und ihre Bücher
www.leaf-verlag.de
Originalausgabe:
Copyright © 2026 byLEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, Deutschland Copyright © 2025 by Maxym M. Martineau Published by Arrangement with MAXYM M. MARTINEAU LLC c/o THE WHALEN AGENCY LTD., 500 Post Rd East, 2nd Fl., Ste. 240, Westport, CT 06880 USA Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Textredaktion: Tino Falke, Übersetzung ins Deutsche: Michaela Link
Covergestaltung: Caroline Keller @caroline.dsign unter Verwendung von Stockmaterial von Adobe Stock (© KARIB)
Innengestaltung: LEAF Verlag
Gesetzt aus der Adobe Caslon
Satz: LEAF Verlag
ISBN 978-3-911244-48-0
Für jene, die ständig im Namen anderer Opfer bringen: Es ist in Ordnung, sich selbst zuerst zu retten
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
DANKSAGUNG
ÜBER DIE AUTORIN
Als die Sterne noch jung waren und die Sonne neu, traf eine Frau von großer Macht und starkem Verstand an einer Kreuzung mit vier Abzweigen auf den Tod. Trotz der Mittagszeit in Schatten gehüllt, hieß er jene willkommen, die den Weg zu ihm gefunden hatten. Einem jeden von ihnen gewährte er stets die gleiche Chance: den Pfad der eigenen Wahl.
»Wähle erfolgreich den richtigen Weg vorwärts und ich werde dich passieren lassen, werde dir und den Deinen den Rücken kehren. Wähle den falschen Weg und geh jetzt mit mir deinem Ende entgegen«, sagte er.
Die Frau studierte den Tod mit wachen Augen. Angst hatte sie nicht, aber sie wusste um die Magie von Worten. Diese Wahl durfte sie nicht unbedacht treffen.
»Wofür stehen die Pfade?«, fragte sie.
Mit knochigen Fingern deutete der Tod nach links: »Eine Weggabelung hast du in deiner Jugend verpasst.« Dann geradeaus: »Der unveränderte Pfad, wie die meisten ihn voraussagen.« Zur Rechten: »Eine Zukunft, wild und unvorhergesehen.« Der Tod schaute an ihr vorbei zu dem Pfad, auf dem sie gewandelt war: »Und eine Vergangenheit, der du nicht entfliehen kannst.«
Die Frau grübelte über ihre Möglichkeiten nach. Ihr war bewusst, dass sie nicht die Erste war, die dem Tod auf dieser Straße begegnete, und sie schlussfolgerte, dass alle Pfade bereits gewählt worden waren. Sie sah nach links. Ein Neuanfang, um ein Unrecht wiedergutzumachen oder etwas auszulassen, das man später sonst bereuen würde … Sie kniff die Augen zusammen. Nur um dem Tod noch früher zu begegnen.
Sie schaute am Tod vorbei zu dem Pfad vor sich. Der unveränderte Pfad, der mich zum Tod geführt hat; die einzige Prophezeiung, die garantiert wahr wird.
Sie schüttelte den Kopf und blickte nach rechts. Wild und unvorhergesehen. Tragisch und schnell. Beim Blick auf den Pfad hinter sich verzog sie wissend das Gesicht. Wenn sie jetzt kehrtmachte, würden ihre Füße sie nur wieder hierher tragen – auf den Pfad, dem sie nicht entfliehen konnte.
»Jeder Pfad führt mich zu dir«, sagte sie.
Der Tod lächelte. »Ja.«
»Verstehe. Dann werde ich morgen wiederkommen.« Mit diesen Worten wandte die Frau sich ab und ließ den verdutzten Tod allein zurück. Bei Sonnenaufgang kehrte die Frau zurück. Sie stellte dem Tod die gleiche Frage, erhielt die gleiche Antwort und einmal mehr nahm sie den Pfad, den sie gekommen war.
So ging es ein Jahrzehnt lang weiter, bis die Geduld des Todes allmählich erschöpft war. »Deine Zeit ist abgelaufen.« Aus den Tiefen seines Umhangs zog er eine Klinge ohne Leben und Farbe, dunkler als die tiefste Nacht. Regungslos musterte die Frau die Waffe, aber in ihrem verhärteten Blick lag ein seltsames Glitzern, das nicht einmal dem Tod entgehen konnte. Er umklammerte die Waffe fester und sagte: »Der Tod ereilt uns alle.«
»Dich eingeschlossen?«, fragte sie und richtete endlich den Blick auf ihn.
Weder war sie die erste, noch würde sie die letzte Person sein, die diese Frage stellte. Der Tod versteckte die Klinge wieder in seinem Umhang. »Auch für mich gibt es einen Tod, ja, aber du bist das ganz sicher nicht. Dir fehlen die Macht und die Waffe. Es ist dein Schicksal, hier auf mich zu treffen, und du hast genug von meiner Zeit verschwendet.«
Sie nickte. »Ich verstehe. Gewähre mir eine letzte Chance, Abschied zu nehmen, und ich werde aus dem mir stets vertrauten Leben scheiden.«
Der Tod, der die Veränderung in ihrem Verhalten wahrnahm, tat ihr den Gefallen. Als sie am nächsten Morgen zurückkehrte, deutete er wie üblich auf die Wege. »Triff deine Wahl.«
Ohne Zögern schritt die Frau auf ihn zu und zog einen Dolch aus der Scheide. Er war ein Ebenbild der Waffe des Todes, und sie rammte ihn ihrem Gegenüber tief in die Eingeweide. »Ich kenne dich, Tod. Dein Schatten lag schon bei meiner Geburt auf mir. Du hast das Leben meiner Mutter gestohlen, noch während ich ihren Schoß verließ. Du hältst mich für machtlos? Weit gefehlt. Jahrelang habe ich dich beobachtet und auf den passenden Moment gewartet, um zuzuschlagen. Mich wirst du nicht auch noch holen. Der Pfad meiner Wahl ist der deine.«
Von ihrer Enthüllung erstaunt und schwer verletzt musste der Tod notgedrungen nachgeben. »Verschone mein Leben und ich verschone deines«, sagte er. Die Hand fest um den Griff des Dolches geschlossen, wartete sie ab. »Nimm jeden Pfad, wie es dir gefällt. Du sollst … ewig leben.« Langsam, sodass die Klinge der Frau nicht tiefer in sein Fleisch eindrang, griff der Tod in die Falten seines Umhangs und holte einen glatten Stein aus purem Mondlicht hervor. »Wo keine Schatten sind, kann ich nicht wandeln. Bleibe in seinem Schein und du wirst mich nie wiedersehen.«
»Und was ist mit den Meinen?« Sie nahm den dargebotenen Edelstein, während sie die Klinge tiefer hineinstach. Statt rubinroten Bluts sickerten obsidianfarbene Bächlein an der Klinge hinunter.
Der Tod gab einen zischenden Laut von sich. »Teile ihn. Such nach mehr. Alle derartigen Edelsteine sind jetzt mit dem Versprechen verbunden, das schwöre ich.«
»Gut.« Sie zog die Klinge heraus und ging auf einem für den Tod nicht einsehbaren Weg davon. Den Stein steckte sie lächelnd in die Tasche. Und noch während der schwer getroffene Tod voller Verbitterung und im Gefühl, betrogen worden zu sein, auf der Kreuzung lag, fasste er einen Entschluss. Sollten die Frau und ihre Lieben sich doch erst einmal sicher fühlen – so lange, bis alle die Macht des Handels dieser Frau vergaßen und alles, was sie übersehen hatte.
Friedhöfe hatte ich schon immer etwas seltsam gefunden – sie gaben den Toten ein Zuhause, aber die Toten brauchten das gar nicht. Die Toten brauchten überhaupt nichts. Die bloße Existenz von Gräbern, von Särgen erschien mir wie ein einziges Rätsel. Was wurde für die Verstorbenen hergerichtet, aber spendete nur den Lebenden Trost? Eine mit Seide ausgeschlagene Kiste. So würde es wohl einer der Evers formulieren. Auch wenn ich mich ganz sicher nicht mit denen einlassen wollte, war es schwer, die Macht hinter ihren Worten nicht zu respektieren.
Vielleicht fühlte ich mich auch wegen der Unmengen an Beifuß zu den stillen Gräbern hingezogen. Das war jedenfalls deutlich wahrscheinlicher.
Ich hockte neben dem nächstbesten halb zerfallenen Grabstein und bohrte die Finger in die weiche Erde. Beim Entwurzeln der salbeigrünen Pflanze achtete ich auf die winzigen, weißen Härchen, die die Blätter bedeckten. Dann steckte ich den Beifuß in den überquellenden Jutesack, der an meiner Hüfte baumelte, stand auf und wischte mir die Hände am Stoff meiner eng sitzenden Hose ab. Die meisten Damen im heiratsfähigen Alter bevorzugten Satinröcke und tiefe Halsausschnitte, üppige Rüschen und eleganten Spitzenbesatz. Wäre ich von anderem Stand gewesen, hätte ich es vielleicht auch so gemacht. Ich hatte nichts gegen die kunstvolle Konstruktion aus Walknochen und Bändern. Aber so oft, wie ich im Dreck wühlte, wäre der regelmäßige Rockwechsel, nur um stets präsentabel zu sein, schon eine ermüdende Angelegenheit.
Außerdem hatten diese Damen Familien und die nötigen Mittel, um an trägen Nachmittagen bei Klatsch und Tratsch am Tee zu nippen. Für mich galt das nicht. Ich würde wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage die Erde durchwühlen und wohl auch mein Grab noch selbst ausheben. Und dennoch schien dieses Schicksal reizvoller als die Alternative: für die Chance auf eine Heirat, die mich vor meiner Arbeit »retten« würde, Zeit mit der Elite von Willowfell zu verbringen.
Dann arbeitete ich lieber selbst für meinen Lebensunterhalt als an einer aus Sicht anderer »geziemenden« Version meiner selbst.
Flussbirken kletterten an der moosbedeckten Steinmauer empor, die den Friedhof einfasste. Für einen Moment verweilte ich noch in ihrem Schatten, bevor ich den Weg zur üppigen Blumenwiese einschlug. Der Duft nach frischer Wäsche lag in der Frühlingsluft, da die Städter den wolkenlosen Himmel ausnutzten, um feuchte Laken und Kleider aufzuhängen. Ich warf einen prüfenden Blick auf die Nachmittagssonne. Schon in wenigen Stunden würden meine Brüder aus den nahen Minen zurückkehren, und ich brannte darauf, für den morgigen Markt einige Stärkungsmittel zu brauen, bevor die beiden die Küche besetzten.
Der Weg rechts um einen kleinen Hügel führte mich direkt auf die erste Gruppe von Häusern zu, die den Rand von Willowfell markierten. Im Wesentlichen sahen die malerischen Häuser in den Außenbezirken der Stadt alle gleich aus – ihre perlfarbenen Ziegel waren aus den Steinen hergestellt, die sich am Fuß des nächstgelegenen Berges fanden, und die Walmdächer fügten sich mit ihrer dunklen Efeuschattierung in den Baldachin aus Blättern um sie herum ein. Aber die ungewöhnlichste Sitte in Willowfell war wohl die Gestaltung der Eingangstüren. Traditionell dekorierten die jeweiligen Familien sie so, wie es ihnen passend erschien. Die Tür der Shatterlends zierte das meisterhafte Mosaik einer romantischen Umarmung. Lazlo und sein Ehemann hatten sich für einen runden Eingang mit Halbmondfenstern entschieden, die in das üppige Holz eingelassen waren. Die Tür der Hafters war bedeckt mit eisernen Griffen.
Doch unsere Tür war mir die liebste. Die Fassade selbst war schlicht, der Rahmen das genaue Gegenteil. Selbst jetzt, als ich an den Häusern unserer Nachbarn vorbeiging und mich schließlich vor dem Werk meines Vaters wiederfand, musste ich einfach die kunstvollen Details bestaunen. Er hatte den am Boden liegenden Ast einer nahen Esche mitgenommen und daraus einen Bogen aus ineinander verwobenen Rosen und Ranken geschnitzt. Wochenlang hatte mein Vater die Blumen studiert, um jedes noch so kleine Merkmal einzufangen. Die dünnen Adern in den Blättern. Die unebenen Fältchen in den Blüten. Blühende Knospen. Geschlossene Knospen. Dornen verschiedener Größen, aber immer spitz. Allem gab er den perfekten Feinschliff, nur einfärben wollte er das Ergebnis auf keinen Fall. Für ihn gab es nichts Schöneres als die Geschichte, die die Nuancen in der Maserung des Holzes erzählten.
Als ich sachte über ein Blütenblatt neben der Bronzeklinke strich, versetzte das meinem Herzen einen Stich. Es war ein festes Begrüßungsritual für meinen Vater, wann immer ich heimkehrte. Meine Mutter trug ich immer bei mir. Instinktiv wanderte meine Hand zu meiner Hosentasche, ich tastete nach den Konturen des kleinen Lederfetzens. Im Umgang mit der Nadel war meine Mutter eine wahre Meisterin gewesen. Oft hatte sie Muster in unsere Kleider gestickt und aus Stoffresten kleine Spielzeuge für uns genäht.
Der Tod meiner Eltern lag schon ein paar Jahre zurück und ich vermisste sie noch immer so sehr, dass es wehtat.
Kaum war ich in der Küche, legte ich meine Tasche auf den höckrigen, abgenutzten Holztisch und fischte einen schweren Topf aus dem Unterschrank. Nachdem ich ihn mit Wasser gefüllt hatte, heizte ich den gusseisernen Herd an. Die Hitze entstieg ihm in einer schläfrigen Blase und brachte den Raum binnen Minuten fast zum Kochen. Ich band mein rabenschwarzes Haar zu einem Dutt hoch, damit mir die Strähnen nicht am Hals klebten.
Mit geübten Bewegungen öffnete ich den Beutel und machte mich ans Kräutersortieren. Da erstarrte meine Hand. Etwas Goldenes blitzte zwischen den gedämpften Grün- und Brauntönen auf. Zuerst dachte ich, ich hätte bei meinem Streifzug eine Münze erwischt, aber der Gegenstand war kleiner als unsere Währung und noch brillanter in seinem metallischen Schimmer. Stirnrunzelnd beugte ich mich näher herab, und der Gegenstand – das Insekt – setzte sich in Bewegung.
Käfer. Meine Lippen zuckten, als die Kreatur über meine Fingerknöchel huschte. Die Ränder der Außenhaut waren durchsichtig und zwei weiche Fühler zuckten, als der Käfer mich betrachtete. Im Bemühen, das Geschöpf nicht allzu heftig durchzuschütteln, bewegte ich mich vorsichtig zum offenen Fenster und ließ es auf den Sims kriechen. Augenscheinlich flugbereit, streckte das Tier die Flügel aus. Dann hielt es inne.
»Es ist alles in Ordnung«, murmelte ich. »Lass dir Zeit.«
Im selben Augenblick erklang von der Vordertür ein zögerliches Klopfen. »Ms Brillwyn? Seid Ihr zu Hause?«
Ms? Ich unterdrückte ein Kichern. Wohl eines der Kinder, das hoffte, mit einem Hauch von Respekt meine Gunst zu gewinnen. Ich war erst fünfundzwanzig und auf eine formelle Anrede hatte ich nun wirklich noch nie großen Wert gelegt. Solche Dinge interessierten nur die Ältesten – oder jene, die hofften, zu Säulen unserer stillen Gesellschaft zu werden. Lächerlich. Ich rieb mir die Hände und ging quer durch die Küche in die kleine Diele, vorbei an der abgenutzten Treppe, die sich zu den Schlafzimmern emporschlängelte. Als ich die Tür öffnete, schaute ein Junge mit trüben, rot geränderten Augen zu mir auf. Er atmete schwer durch die geöffneten, rissigen Lippen. Dabei war er darauf bedacht, nicht zu tief durchzuatmen, während er sich mit einer Hand vorsichtig die Nase zuhielt.
Seufzend schob ich die Tür ein Stück weiter auf und lehnte mich an den Rahmen. »Toman, warum überrascht mich das nicht?« Mir war in ganz Glaes niemals jemand begegnet, der sich so oft verletzte wie er, und unser Land war ziemlich groß.
»Hallo, Ms Brillwyn.« Seine belegte Stimme zitterte unter dem leisen Wimmern eines Kindes, das hoffte, einer Strafpredigt zu entgehen.
»Ich heiße einfach nur Edira. Das weißt du.« Mit schräg gelegtem Kopf versuchte ich, einen Blick auf die Verletzung zu erhaschen, die er verbarg. »Was ist passiert?«
»Ellbogen ins Gesicht«, murmelte er. Über seinen Kopf hinweg erspähte ich einen achtlos herumliegenden, schmutzigen Ball, der am Rand meines Gartens auf den Jungen wartete. Zweifellos hatte das Kind ein wildes Spiel mit seinen Brüdern bestritten und war hier gelandet, statt sich bei seiner Mutter einen Haufen Ärger einzuhandeln.
Ich trat beiseite und deutete Richtung Küche. »Na dann komm.«
»Danke«, sagte er, während er mühelos den Weg zu meinem Tisch fand und sich auf einen der stabilen Stühle sinken ließ. In diesem Moment hätte er im Prinzip auch seinen Besitzanspruch auf den Stuhl geltend machen können. Ich hatte dem Jungen und seinen Geschwistern häufiger geholfen, als ich zählen konnte – und immer kostenlos. Was wahrscheinlich der wahre Grund war, warum sie immer hier auftauchten. Denn zumindest schlau war Mrs Marlow definitiv. Eigentlich hätte ich ihre Söhne allesamt zurückweisen sollen, aber die Vorstellung, die Kinder für den Snobismus ihrer Mutter zur Rechenschaft zu ziehen, missfiel mir. Das galt zumindest, solange sie nicht selbst entsprechende Anzeichen zeigten. Dann würde ich ihre großspurigen Bemerkungen ebenfalls ignorieren.
Ich zog einen der gegenüberstehenden Stühle über den knarrenden Boden und setzte mich Toman direkt gegenüber. »Lass mal sehen.«
Er zögerte, seine karamellfarbenen Augen voller Schmerz. Dann zog er langsam die Hand weg und gab den Blick auf eine verformte Nase frei, um deren Nasenlöcher herum verkrustetes Blut klebte. Ich zog die Brauen bis zum Anschlag hoch.
»Weiß deine Mutter davon?«
Er wurde blass. »Werdet Ihr es ihr erzählen?«
»Sie wird es so oder so herausfinden.« Mit spitzen Fingern umfasste ich sein schmuddeliges Gesicht und inspizierte die Verletzung. Der merkwürdige Winkel, die frischen, schweren Prellungen und die blockierte Atmung waren eindeutig. Gebrochen. Ein Kribbeln breitete sich von meiner Brust aus und wanderte bis in meine Finger. Ich biss die Zähne zusammen, um mich gegen das stille Aufbranden der Magie zu wappnen, die gerade meine Adern durchflutete.
Unvermittelt kam mir eine Erinnerung an Nohr in den Sinn, dessen zerquetschtes Bein ich erst vor wenigen Jahren so in Händen gehalten hatte. Er war mit gespaltenem Oberschenkelknochen aus den Minen nach Hause gekommen, nachdem loser Schutt ihn auf dem Boden eingequetscht hatte, bis Noam ihn hatte ausgraben können. Nohr war bereits bewusstlos gewesen, als Noam ihn zu uns nach Hause geschleppt und in der Diele nach mir geschrien hatte.
Am Threadmending führte damals kein Weg vorbei. Nohr hätte nie wieder arbeiten können, wenn ich ihn nicht geheilt hätte. Er hätte sterben können. Meine Macht zu nutzen, war für mich so selbstverständlich wie das Atmen gewesen. Ich hatte beobachtet, wie sich seine Lebensfäden langsam vor meinen Augen entfalteten, hatte gesucht, bis ich die zerfetzten Fasern fand, die mit der verheerenden Verletzung seines Beins verbunden waren.
Und dann hatte ich alles, was in meiner Macht stand, genutzt, um sie wieder zusammenzuflicken.
Natürlich hatte das seinen Preis gehabt. Meine Magie hatte immer einen Preis. Für jedes Gebrechen, das ich heilte, für jeden Lebensfaden, den ich wiederherstellte, opferte ich etwas von mir selbst und verkürzte damit meine Lebenszeit. Außerdem spürte ich, wenn auch in geringerem Maße, die körperlichen Auswirkungen der Verletzung oder der Krankheit am eigenen Leib.
Nohrs furchtbarer Schmerz war sofort zu meinem geworden und ein regelrechtes Feuer hatte in den Knochen meines linken Beins gewütet. Mir waren die Tränen in die Augen geschossen. Hitze brannte auf meiner Haut und machte mich wehrlos. Bei jedem Ausatmen durchfuhr mich ein scharfer Schmerz. Bedeckt von einer leichten Schweißschicht, war ich ein zitterndes Wrack. Als ich schließlich meine Arbeit beendet hatte, brach ich neben meinem Bruder zusammen und ließ die Magie verblassen. Auch ich ergab mich der Bewusstlosigkeit.
Es war unmöglich, genau zu sagen, wie viel ich von meinem Leben geopfert hatte, um Nohrs Bein zu retten. Threadmender konnten ihre eigenen Fäden nicht sehen. Warum das so war, wusste ich nicht. Meiner Tante, Threadmender wie ich, ging es da nicht anders. Aber sie vermutete, dass der Preis in einem Verhältnis zum Umfang stand. Geringfügige Krankheiten und triviale Brüche? Vielleicht ein paar Wochen. Schwerwiegende Brüche wie Nohrs Bein? Mindestens mehrere Monate.
Ich wagte nie, sie zu fragen, wie viel von ihrem Leben sie geopfert haben mochte, um meine Mutter von einer Winterkrankheit zu heilen, die sich viel zu lange in der Lunge festgesetzt hatte. Einer Krankheit, wegen der die Städter meiner Familie partout aus dem Weg gegangen waren. Allenfalls äußerten sie noch ihre Anteilnahme, wenn sie einem von uns begegneten. Ich war noch jung gewesen, als es passiert war. Trotzdem erinnerte ich mich immer noch an ihre Weigerung, uns in die Augen zu sehen. Als könnten sie mit dem fehlenden Blickkontakt unseren Schmerz einfach ausblenden.
Aber was Tomans Nase betraf … ich zwang mich zurück in die Gegenwart, zu dem harmlosen Leiden, mit dem ich es zu tun hatte. Threadmending würde ich bei ihm nicht einsetzen. Das war es nicht wert. Dennoch erkannte meine Macht Tomans Not und erwachte zum Leben. Ich war komplett erfüllt von einer fast unerträglichen, kribbelnden Wärme. Glücklicherweise hatte Toman keine Ahnung von meiner Magie. Und ich musste dafür sorgen, dass es so blieb.
»Könnt Ihr es heilen?«, murmelte er.
»Vielleicht sollte ich es so lassen, wie es ist, und dir eine Lektion erteilen.« Ich nahm die Hände von seinem Gesicht und spielte stattdessen mit einem Lavendelzweig, um mir eine Chance zu geben, den nagenden Sog meiner Magie im Keim zu ersticken. »Mal ganz abgesehen davon, dass es dir etwas von diesem rauen Charme verleihen würde, der angeblich sehr attraktiv ist.«
»Edira«, jammerte er und zog meinen Namen in die Länge. Für einen Moment schaute Toman mir forschend ins Gesicht. Sein Blick verweilte kurz auf meinem Haar, bevor er weiterwanderte. Mir stockte der Atem, und ich widerstand dem Drang, nach den Strähnen zu greifen, die meine Wangen umspielten. Ich hatte die Haare erst vor einer Woche gefärbt. Eine Welle der Furcht durchströmte meinen Körper, aber ich weigerte mich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Ich war in Sicherheit. Niemand in der Stadt wusste etwas.
»Ja, ich kann es heilen.«
»Wird es wehtun?« Schmerzliche Furcht nagte an seinen Stimmbändern. Dieses winzige Wimmern war wie eine königliche Doktrin, der zu folgen ich verpflichtet war, und ich seufzte. Bei meinem Mangel an Selbstbeherrschung würde ich irgendwann mit leeren Taschen dastehen, wenn ich weiter meine Dienste kostenlos anbot.
Natürlich war das besser, als wegen des Einsatzes von Threadmending mit einem Fuß im Grab zu stehen. Ich spielte ein wenig mit den Händen und kämpfte gegen das fortwährende Kribbeln in den Fingerspitzen an. Vollständig verschwand es nicht – und das würde es auch nicht tun, bis Tomans Verletzung geheilt war oder er nicht länger mit mir an einem Ort war. Immerhin wurde es so schwach, dass ich mich konzentrieren konnte.
»Nur ein wenig. Versprochen.« Mit diesen Worten erhob ich mich und ging zu einem der offenen Regale, die die Wände meiner Küche säumten. Die eigenhändig beschrifteten Krüge und Phiolen klimperten ein leises Hallo, als meine Finger sie durchstöberten. Ein kurzes Suchen und ich griff nach einem kleinen verkorkten Behälter und einer Phiole mit milchig weißer Flüssigkeit: heilender Balsam und betäubendes Serum.
Noch ehe Toman zurückzucken konnte, hatte ich seinen Kopf nach hinten gedrückt und mit einer Pipette das Serum in seine Nasenlöcher fließen lassen. Das Betäubungsmittel wirkte schnell, und sein Gesicht entspannte sich, als der Schmerz aus seinen Zügen wich. Ein erleichtertes Lächeln umspielte seine Lippen.
»Jetzt muss ich die Nase richten.« Ich setzte mich wieder auf meinen Stuhl. »Bist du bereit?«
»Ja«, sagte Toman. Meine gesamte Aufmerksamkeit galt nun wieder ihm.
»In Ordnung. Schließ die Augen.«
Zur Beruhigung atmete ich tief durch und schob alle Gedanken des Tages beiseite: die Geräusche, die Gerüche, das klebrige Hitzegefühl, das aus dem gusseisernen Ofen in meinem Rücken schlug. Ich fixierte nur Tomans verformte Nase. Wieder rief meine Macht nach mir. Flehte mich an, die Fäden seines Lebens zu studieren, um die ausgefransten Ränder zu finden, die es zu reparieren galt, und sie zusammenzunähen. Aber ich schob den Impuls beiseite und konzentrierte mich stattdessen auf die praktische Heilkunst.
Ich legte die Hände an sein Gesicht und drückte ihm die Daumen von beiden Seiten gegen die Nase, um den Bruch zu korrigieren. Toman stieß ein gequältes Ächzen aus – nicht annähernd so schlimm, wie es ohne den Einsatz des Serums gewesen wäre –, während ich den Knochen richtete. Dann war es vollbracht.
»Bitte schön.«
Vorsichtig befühlte Toman die frisch gerichtete Nase. »Wie sieht es aus?«
Ich schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Auch wenn ich Verehrer in meinem Alter bevorzuge, finde ich dein Aussehen ziemlich umwerfend.«
Jungenhafter Charme legte sich auf seine Züge. »Danke, Edira. Du bist die Beste.«
»Ich weiß. Hier.« Ich reichte ihm den Heilbalsam und beobachtete, wie er den Deckel öffnete, um die schwere, cremige Mixtur zu inspizieren. »Trag das jeden Abend auf. Das beschleunigt den Heilungsprozess und lindert die noch vorhandenen Schmerzen. In ein paar Tagen ist alles wieder in Ordnung, aber bis dahin lass es ruhig angehen. Verstanden?«
»Geht klar!« Breit grinsend hüpfte er Richtung Tür. Er war bereits ein ganzes Stück den Gehweg hinunter, als er sich umdrehte, um mir zum Abschied zuzuwinken. Seufzend erwiderte ich die Geste. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich das Blut vom Gesicht zu wischen.
So sorglos zu sein. Ich schüttelte den Kopf und mein Haar streifte die Wange. Ein vertrautes Aufflackern von Unbehagen rumorte in meinem Magen und diesmal gestattete ich mir, nach der losen Strähne zu greifen. Immer noch schwarz. Ich rieb die Locke zwischen Zeigefinger und Daumen und quittierte den Anblick der dunklen Schicht, die auf meiner Haut zurückblieb, mit einem Stirnrunzeln. Ich musste eine neue Portion Farbe mischen, um mein verräterisches, mondhelles Haar zu verstecken. Sollte auch nur das kleinste Gerücht über meine Macht in der Stadt die Runde machen, würden die Evers bei mir vor der Tür stehen. Genauso wie meine Tante würde ich verschwinden, fortgeholt von den Ferngloves, um die Götter wissen was zu heilen, und das sollte wohl so lange fortdauern, bis sie das Zeitliche segnete, weil sie so viele ihrer eigenen Fäden verschwendet hatte.
Ich schluckte schwer und ging in die Küche, um mich ans Werk zu machen. Halb galt meine Konzentration den Heilmitteln, halb dem Gebräu für die Farbe. Aus dem Nachmittag wurde schnell Abend, während ich Blätter zerriss, Halme malte und über der brodelnden Hitze unseres Herds Tinkturen braute. Irgendwann unterbrach ich mein Tun kurz, um eine der Öllampen zu entzünden, die an der Wand hingen. Ihr dunkel orangefarbenes Licht spiegelte sich auf der breiigen Oberfläche der abkühlenden grauschwarzen Farbe. In meinem Zimmer schlüpfte ich in ein dünnes Nachthemd voller tintenschwarzer Flecken und kehrte dann in die Küche zurück.
Darauf bedacht, nichts zu verschütten, hielt ich den Kopf über den riesigen Topf und tauchte mein Haar in die zähe Flüssigkeit. Zum Glück war noch so viel Restfarbe vom letzten Mal im Haar, dass ich wohl innerhalb einer Stunde ein gutes Ergebnis erzielen würde. Besser, als darauf zu warten, dass die Farbe ganz verblasste. Dann müsste ich mich einen Tag zurückziehen, damit die Städter mich nicht auf frischer Tat ertappten. Auf diese Weise hatte das schon meine Tante gemacht. Sie hatte mich die Routine früh gelehrt, um mir zu helfen, meine Macht zu verbergen. Nicht alle in meiner Familie wurden mit der Macht des Threadmendings geboren, aber es waren genug von uns damit gesegnet – oder eigentlich verflucht –, sodass eine Reihe bewährter Methoden über die Jahre hinweg weitergegeben worden war.
Eine entsetzlich nervige Prozedur, gelinde gesagt, aber eine notwendige Vorsichtsmaßnahme. Grauschwarze Locken waren dem Tod vorzuziehen. Ich war nicht so eitel wie einige meiner zimperlichen Nachbarn – den Göttern sei Dank.
Zufrieden mit der dicken Matschschicht, die jetzt an meinem Haar klebte, drehte ich die Locken zu einem festen Dutt zusammen. Das schnell eintrocknende Färbemittel bildete eine verkrustete, unbequeme Haube der übelsten Art und ich kehrte zu meinen Heilmitteln zurück. Während ich Phiolen zählte und Kräuter sortierte, stöhnte ich entnervt. Wenn ich genug Mehl und frisches Fleisch für die Woche kaufen wollte, musste ich mindestens ein Dutzend weitere Tinkturen produzieren und verkaufen. Anderenfalls müssten wir unsere Vorräte an getrocknetem Wildbret anbrechen, um über die Runden zu kommen. Bevor ich mit dem Brauen einer weiteren Tinktur beginnen konnte, hallte ein schwerer Glockenklang durch die stille Abendluft. Die Schicht der Minenarbeiter war zu Ende.
Ich löste den Blick von der stetig wachsenden Anzahl an Töpfen, die sich hoch um mich herum auftürmten, und sah aus dem offenen Fenster. Der freigelassene goldene Käfer war unauffindbar und die ersten Sterne bedachten mich mit ihrem Funkeln. Schon bald sollten Noam und Nohr zu Hause sein. Dann würden sie die Küche in Beschlag nehmen, um das Abendessen zuzubereiten. Sie hatten das Kochen freiwillig übernommen, um mir ein wenig Zeit abseits des Herds zu gewähren.
Ich trommelte mit den Fingern auf dem Holztresen, als ich aus dem Fenster starrte, um herauszufinden, ob sie bereits den Pfad zu unserem Haus hinaufliefen. Noch nicht. Seufzend machte ich mich daran, alle Schalen zu reinigen, die ich reinigen konnte. Willowfell hatte zwei Minen, die sich in den Berg schmiegten – eine für Saphire und eine für Granate. Wer nicht über ein beträchtliches Erbe oder eine Ausbildung verfügte, musste zwangsläufig in den kühlen Tiefen der Minen schuften, und somit hatten meine Brüder niemals die Chance gehabt, etwas anderes zu tun. Sie arbeiteten schon, seit sie körperlich in der Lage waren, eine Spitzhacke zu halten, nur um uns beim Überleben zu helfen. Die Arbeit war nicht leicht. Oder sicher.
Natürlich würde sich alles ändern, wenn sie das Glück hatten, ein Ever-Juwel auszugraben.
Ein lautes Ächzen erklang, dann krachte die wild aufschwingende Tür gegen die Wand. Ich verdrehte die Augen. Unser Vater musste eine prophetische Gabe besessen haben, als er seine Kreativität an einem kunstvollen Bogen ausgelebt hatte und nicht an der Tür selbst.
»Irgendwelche Ever-Juwelen heute?«, rief ich, ohne auch nur den Blick zu heben. So begrüßte ich Noam und Nohr jedes Mal, wenn sie von der Arbeit zurückkamen – ein Ritual, das immer mit Schweigen und frustriertem Stöhnen quittiert wurde.
Die Steine waren rar und bei den Evers heiß begehrt. Zu meinen Lebzeiten hatten zwei Arbeiter das Glück gehabt, ein Ever-Juwel zu finden. Beide Male hatte einer der Ferngloves – Evers, die am Stadtrand lebten und Besitzer der Minen waren – das Herrenhaus verlassen, um den betreffenden Arbeiter persönlich reich zu belohnen. In jeder bedeutenden Stadt in ganz Glaes, ob groß, ob klein, gab es mindestens eine Ever-Familie, die über das Gebiet herrschte. Die Ferngloves kamen nur selten nach Willowfell, aber wenn sie es taten, warfen sich stets alle eilfertig zu Füßen der Unsterblichen in den Staub.
Alle bis auf mich. Eine Entdeckung konnte ich nicht riskieren. Nicht ausgerechnet durch diejenigen, die ich schon lange verdächtigte, für das Verschwinden meiner Tante verantwortlich zu sein. Sie war nicht der einzige Threadmender, der in den letzten Jahren wie vom Erdboden verschluckt worden war. Dank der reisenden Kaufleute, die durch unser Land zogen und dabei Tratsch und Klatsch zum Besten gaben, hatten sich überall in Glaes Gerüchte verbreitet. Die meisten Städter sahen darin lediglich eine Kuriosität, aber ich erkannte, was sie nicht wahrhaben wollten: Threadmender verschwanden nur dort, wo Evers herrschten.
»Edira!«, rief Nohr und lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Im Umdrehen sah ich meine Brüder durch den Eingangsbereich stolpern. Zwischen sich trugen sie schlaff wie eine durchhängende Wäscheleine einen jungen Mann. Vorsichtig legten sie ihn auf unser zerschlissenes Sofa.
»Was ist passiert?« Ich eilte zu ihnen hinüber und wischte mir die Hände am Nachthemd ab, um die letzten Spuren meiner Arbeit abzustreifen.
Noam und Nohr wechselten stumm einen Blick. Ihre teakholzfarbenen Augen glichen einander bis ins kleinste Detail. Beide Brüder hatten einen identischen Körperbau, schlank wie Jungen, kurz bevor sie zu Männern heranreiften, und ihre Arbeit in den Minen drohte sie viel zu schnell ins Erwachsenendasein zu katapultieren. Sie waren siebzehn und hatten schon jetzt so viel ertragen.
»Ist das Alec?«
Nohr strich sich mit der Hand durch sein kurz geschorenes, braunes Haar. Eine Staubwolke wirbelte über seinem Kopf. »Ja.«
»Er ist einfach zusammengebrochen«, murmelte Noam.
Ich schaute genauer hin. Unter dem verkrusteten Dreck und dem Ruß war Alec kaum wiederzuerkennen. Ein Schweißfilm überzog seinen Haaransatz und verwandelte den Schmutz auf seiner Haut in feuchten Schlamm. Mit einem erstickten Stöhnen bewegte er sich rastlos auf dem Sofa. Ich zog die Brauen zusammen, während ich seine zitternde Gestalt untersuchte. Irgendetwas stimmte nicht und der Sog meiner Magie erwachte sofort flackernd zum Leben. Wärme strömte durch meine Glieder und doch konnte ich nichts erkennen. Keine sichtbaren Verletzungen, keine gebrochenen Knochen oder blutenden Wunden. Ich eilte zu dem Topf in der Küche, befeuchtete ein Tuch mit übrig gebliebenem Wasser und kehrte schnell zurück, um die Schmutzschicht wegzuwaschen, die an Alecs Gesicht klebte.
Als ich endlich einen Blick auf seine Haut erhaschte, ließ ich den Lappen fallen.
»Ihr habt ihn hierher gebracht? Was habt ihr euch nur gedacht?« Ich konnte den Blick nicht von Alecs teigigen Wangen abwenden. Blasen krochen vom Kinn zur Stirn. Mehrere waren bereits aufgeplatzt und gaben den Blick frei auf eine widerwärtige Zurschaustellung von schwarzem Schimmel und blasigem, gelbem Schaum. Die Ränder jeder Läsion waren faulig und braun wie Blätter, die in Gegenwart des Winters verwelkten. Mir drehte sich der Magen um. Ein ekelhafter Gestank von verwesendem Fleisch und saurem Mulch ging von seiner Haut aus, und ich schluckte kräftig, um ein Würgen zu unterdrücken.
Nohr wurde blass. »Wir haben nicht … ich habe nicht …«
Ich machte einen Satz weg vom Sofa, stellte meine Brüder nebeneinander und untersuchte jeden Zentimeter ihrer stocksteifen Gestalten. Der strapazierfähige Stoff ihrer Arbeitshosen war noch intakt und sorgfältig in die Lederstiefel geschoben. Die langärmeligen Hemden bestanden zwar eher aus Schmutz als aus Baumwolle, aber glücklicherweise hatten sie keinerlei Risse. Dann zog ich die Hände der beiden zu mir heran und inspizierte die Handschuhe. Sie waren abgenutzt und bedurften dringend eines erneuerten Witterungsschutzes, aber auch hier, alles intakt. Die aufbrandende Sorge in meiner Brust ebbte ein wenig ab.
Verseuchtes Land breitete sich mehr und mehr auf die Bereiche rund um die Minen aus, aber die Erkrankung wurde nicht über die Luft übertragen. Bei einem weiteren Blick auf Alec entdeckte ich eine kleine Schnittwunde dort, wo die Kehle auf den Kiefer traf. Meist war nicht die Klinge das eigentliche Risiko bei der Rasur. Es bedurfte lediglich eines Hauchs der Seuche direkt ins Blut.
»Wir wussten nicht, dass es die Seuche ist. Wir dachten einfach, er hätte sich irgendwie verletzt«, brachte Noam schließlich heraus. Dicke Tränen zogen Pfade durch den Dreck auf seinem Gesicht und ich wandte den Blick ab.
»Ich kann ihm nicht helfen«, murmelte ich leise, aber Noam zuckte zusammen, als hätte ich laut genug geschrien, um seine Trommelfelle zu zerreißen.
»Du kannst es versuchen.«
Ich rieb mir die Nase. »Ich kann nichts tun. Es gibt keine Medizin, die dieses Leiden heilen kann.«
»Keine Medizin, aber vielleicht etwas Anderes.« Noam mied meinen Blick. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, ein direkter Kontrast zu der aufsteigenden Hitze, die mir durch die Fingerspitzen strömte.
»Nein.« Ich schaute zu den offenen Fenstern. Das helle Gelächter der Kinder, die draußen auf den Feldern spielten, wurde von der Brise hereingetragen. Es waren immer noch Städter unterwegs. Wenn sie mich sahen …
Nohr folgte meinem bangen Blick und wurde jäh aktiv, verriegelte schnell die Fenster und zog die Vorhänge fest zu. Als seien alle meine Probleme gelöst, wenn sichergestellt war, dass niemand meine Macht bezeugte. Natürlich wollte ich nicht entdeckt werden, denn das bedeutete, dass irgendein Speichellecker unter den Nachbarn – im Zweifelsfall einer der Ältesten, der unbedingt noch weiter in der Gunst der Evers steigen wollte – die Ferngloves auf meine Existenz aufmerksam machte.
Ein Anflug von Ärger erfasste mich. Meine Brüder kannten den Preis meiner Magie. Und trotzdem wollten sie, dass ich es versuchte. Dass ich einige Jahre meines Lebens für jemanden opferte, der den morgigen Tag nicht überleben würde.
»Es geht nicht nur darum, beobachtet zu werden. Das wisst ihr«, zischte ich.
Plötzlich schoss Alec auf dem Sofa hoch und richtete den Blick willkürlich in die Ferne. Und dann lachte er. Kein normales Lachen … nicht das angenehme warme Brummen aus dem Inneren seiner Brust. Vielmehr ein wahnsinniges Lachen, das aus den Tiefen eines umwölkten Geistes emporschäumte. Durchdrungen von Krankheit. Seine Augen verdrehten sich gen Himmel und zeigten der Welt das Weiße in ihnen. Alec knirschte mit den Zähnen. Das leise Spritzen, als ein Eckzahn die Zunge durchstieß, verursachte mir am ganzen Körper eine Gänsehaut.
»Edira«, sagte Nohr, während Noam scharf die Luft einsog. »Bitte. Er ist unser Freund.«
»Und ich bin eure Schwester.« Meine Kehle bebte, während ich Alec anstarrte. »Ich würde nur riskieren, mir selbst zu schaden.«
Meine Brüder senkten einmütig den Blick. Noch bevor ich Atem holen konnte, stieß Alec einen gequälten Schrei aus und begann unkontrolliert zu zittern. Seine Hände flogen über Kreuz zu den Armen. Mit den Fingern kratzte er sich durch den rauen Stoff seines Hemdes.
»Alec, wir sind hier.« Noam kniete sich neben ihn, bedacht darauf, ihn nicht zu berühren und gleichzeitig in seiner Nähe zu bleiben.
Alec wandte sich Noam zu, und seine trüben Augen suchten nach etwas, das ihn in unserer Welt verankerte. Immer wieder verrenkte er den Hals in die unmöglichsten Richtungen, bis er mich erspähte. Er kam zur Ruhe, während ein freudiges Lächeln seine Lippen umspielte. »Ich sehe sie. Ich kann sie wirklich sehen. Sie steht dort drüben und sie hat das breiteste Grinsen, das ich je gesehen habe. Annabelle.«
»Seine Schwester. Sie ist letztes Jahr gestorben.« Nohr verzog das Gesicht.
»Er hat keine weitere Familie«, fügte Noam mit erschreckend sanfter Stimme hinzu.
Alec würde das hier nicht überleben. Einmal mehr schaute ich zu den zugezogenen Vorhängen. Wir waren vor der Außenwelt verborgen, und da Alec keine Verwandten mehr hatte, würde ihn niemand vermissen oder Fragen wegen seines Verschwindens stellen, niemand bis auf meine Brüder. Ich zwang mich, ruhig und tief zu atmen. Langsam ging ich um das Sofa herum. Alec ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Er verfolgte jeden meiner Schritte, bis ich mich neben Noam hockte.
»Hallo, Alec.«
»Dir schießt Feuer aus den Fingerspitzen. Wie geht das? Du siehst nicht aus, als würdest du brennen. Kannst du näher kommen?« Seine Stimme wurde höher und die Worte brachen ab, während er völlig den Bezug zur Realität verlor. »Ich stecke in diesem Gletscher fest und die Hitze würde guttun.«
Kurz strich ich mit den Händen über seine Stirn und wischte die Schicht aus Schweiß und Dreck weg. Er stöhnte, als ich ihn ein wenig zur Seite schob, um mich auf die Sofakante zu setzen. Mein Hüftknochen war jetzt direkt neben seinem. Anders als meine Brüder war ich wegen einer möglichen Ansteckung unbesorgt. Das Einzige, das mich töten konnte, war ich selbst.
»Edira?« Noams leises Flehen war eine Waffe, die sich direkt in mein Herz bohrte. Meine Entschlossenheit geriet ins Wanken. Keinem Threadmender war es je gelungen, die Seuche zu heilen. Mich eingeschlossen. Ich würde keine drastische Verkürzung meines Lebens riskieren, indem ich Alecs Leiden ohne jede Chance auf den gewünschten Erfolg zur Gänze in meine Adern ließ.
Alec sah mir fest in die Augen. »Ich höre meine Knochen brechen. Das sind riesige Splitter, die in meiner Haut gefangen sind, und ich muss sie rausholen.«
Mein Brustkorb hob und senkte sich heftig. Genau dieses Szenario hatte ich bereits mit meinen Eltern durchlebt. Und obwohl ich wusste, was am Ende passieren würde, brachte ich es nicht über mich, ihn zu ignorieren. »Ich werde sein Sterben lindern. Mehr kann ich nicht tun.«
Es würde mich wohl einige Fäden kosten, aber den Ausdruck in seinen Augen konnte ich einfach nicht ertragen. Genauso wenig wie die drückende Last der flehentlichen Bitten meiner Brüder.
Energie summte durch meinen Körper, als ich meiner Macht endlich – endlich – erlaubte, an die Oberfläche zu branden. Eine besänftigende Wärme strömte über die Haut hinweg. Auch ohne meine Augen zu sehen, wusste ich, dass meine normalerweise taubengrauen Iriden nun leuchtend wie der Vollmond in elfenbeinfarbenes Licht getaucht waren. Während die Umwelt verblasste, entfalteten sich Alecs Lebensfäden nur für meine Augen sichtbar um ihn herum.
Eigentlich hätten sie von einem prächtigen, strahlenden Grün sein sollen, voller Energie und Lebenskraft. Stattdessen drifteten Hunderte abgetrennter Fäden schlaff durch seine Aura, und von jedem Einzelnen tropfte schwarzer Teer. Hatte diese Masse einen Strang vollständig umhüllt, geschah etwas mit ihm, und was aussah wie ein verfaulter Zweig, zerfiel sodann zu Staub. Alles, was ich spüren konnte, war Schmerz. Furcht. Der echte Alec war irgendwo unter diesem Strudel aus Hysterie und Verzweiflung vergraben und nur ich konnte ihm ein wenig Erleichterung verschaffen.
Ich schluckte kurz und zwang die Magie, aus meinem Körper zu strömen. Hände und Finger waren umhüllt von Mondlicht. Dann übergoss ich den Teer, der Alecs sterbende Fäden verklebte, mit meiner Macht, aber weder konnte ich die Überreste entfernen noch die ausgefransten Enden neu verweben. Trotzdem seufzte Alec. Meine besänftigende Energie flutete seinen Körper und beruhigte das Zittern, das seine Glieder schüttelte.
Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen sah er mich an. »Threadmender.«
In meinen Ohren setzte ein leises Rauschen ein. »Ja.«
»Das wusste ich gar nicht«, sagte er. Er summte leise und sein Blick wanderte geistesabwesend zur Decke empor. Auch wenn es eh keine Rolle spielte, da er innerhalb von Minuten sterben würde, brachte Alecs Wissen um das Geheimnis meinen Puls zum Rasen. Ich beobachtete die sich ausbreitenden Blasen, die jetzt dampften, während die Seuche sein Fleisch und seine Knochen kochte. Zumindest hatte er keine Schmerzen mehr. Dafür würde ich später zahlen, aber das Flehen meiner Brüder und Alecs zitternde Gestalt hatten es mir unmöglich gemacht, ihn unter Qualen aus dem Leben scheiden zu lassen. Mit einem letzten Aufbranden von Macht ließ ich alle verfügbare Energie über ihm niedergehen. Das strahlende Mondlicht hüllte seine Gestalt jetzt vollständig ein. Langsam schloss Alec die Lider. Nach drei weiteren bebenden Atemzügen kamen seine Fäden plötzlich zum Stillstand und zerfielen zu Asche.
Ich drosselte meine Macht, befreite mich aus Alecs Griff und stand langsam auf, während die Welt unter meinen Füßen aus dem Gleichgewicht geriet. Die Auswirkungen der Milderung seines Sterbens trafen mich hart und schnell. Dabei hatte ich nicht einmal versucht, die Seuche zu heilen. Dennoch war ich Alecs Gebrechen nah gewesen, hatte an der Oberfläche der Krankheit gekratzt und meine Macht benutzt, um ihm Erleichterung zu schenken. Und jetzt würde ich leiden. Eine faulige Flüssigkeit flutete meine Zunge und ich taumelte zur Vordertür hinaus, um mich in das Beet aus Ackerwinden zu übergeben. Alles tat weh. Meine Knochen fühlten sich wie mehrfach gebrochen an und meine Lider kratzten wie die Drahtbürste, die ich in der Küche aufbewahrte. Nadelstiche traktierten meine Haut und ich bohrte die Finger Halt suchend in die weiche Erde. In meinem Inneren breitete sich eine unerträgliche Hitze aus, als würde jemand in meiner Magengrube ein Feuer schüren.
All das, nur um zu helfen. Wenn ich tatsächlich versucht hätte, ihn von der Seuche zu befreien …
Irgendwann schlang Nohr die Arme um meine zitternde Gestalt und trug mich hinein. Er hatte bereits mein Zimmer hergerichtet und die Bettdecke zurückgeschlagen. Jetzt ließ er mich auf das altmodische Eisenbett sinken und packte mich warm ein.
»Nohr.« Es war kaum mehr als ein Krächzen, vor meinen Augen tanzten schwarze Punkte.
Sorgenfalten durchzogen seine Stirn, als er sich zu mir hockte. »Wir hätten dich nicht darum bitten sollen. Es tut mir leid.«
Ich versuchte, den Kopf zu schütteln, brachte aber nur ein schwaches Zucken zustande. »Fasst ihn nicht an.«
Mit gesenktem Blick nickte er. »In Ordnung, Edira. Ruh dich einfach etwas aus.«
Das brauchte er mir nicht zweimal sagen.
Mein Kopf hämmerte im Rhythmus meines Herzschlags, als ich es wagte, die Augen zu öffnen. In der Nacht hatte ich mich keinen Zentimeter bewegt, was anscheinend den Schmerz in meinen Muskeln nur noch verstärkt hatte. Hätte ich doch bloß vor dem Einschlafen einem meiner Brüder das Brauen einer heilenden Tinktur beigebracht, aber so umnebelt mein Gehirn jetzt noch sein mochte – vorher hatte es sich schlicht in Auflösung befunden.
Das letzte Mal zuvor, dass ich Threadmending eingesetzt hatte, war bei Nohrs Bein gewesen. Wiederum davor bei meinen Eltern. Ein Frösteln rieselte mir die Wirbelsäule hinab. Meine Eltern waren gleichzeitig erkrankt und beide binnen einer Stunde gestorben. Ich war erst dreizehn gewesen. Ich hatte alles versucht, um sie zu retten. Aber ohne meine Macht bis dahin jemals ernsthaft angewandt zu haben, konnte ich mir in ihrem Sterben nur die Köpfe der beiden auf den Schoß betten. Meine Eingeweide krampften sich zusammen und ich verdrängte die Erinnerung. Niemandem war damit geholfen, diese schreckliche Erfahrung noch einmal zu durchleben.
Stöhnend bewegte ich mich ein wenig im Bett und schob die Bettdecke beiseite. Meine Arme protestierten heftig, aber ich biss die Zähne zusammen, um mich gegen den Schmerz Richtung Decke zu recken und zu strecken. Ein starres Knistern machte sich auf meiner Kopfhaut bemerkbar und ich griff mir ins Haar. Ich hatte die Farbe nicht ausgewaschen und ein rascher Blick auf mein Kissen zeigte mir, dass ich diese Bettwäsche für immer ruiniert hatte. Zumindest war die Farbe im Haar eingezogen. Sobald ich dazu in der Lage war, würde ich sie ausspülen und die Färbeflüssigkeit irgendwo entsorgen, wo niemand sie sah. Danach ein Bad. Ich fragte mich allerdings, wie ich überhaupt eines einlassen sollte. Meine Zehen schrammten die kühlen Bodendielen und beim Aufstehen blieb mir die Luft weg. Zunächst drehte sich der Raum scheinbar um mich – immerhin so lange, dass mein Magen sich verkrampfte, aber auch nicht so nachhaltig, dass ich meinen geplanten Ausflug zum Markt absagen würde.
Mit langsamen, maßvollen Schritten verließ ich mein Zimmer und tappte nach unten in die Küche, wo Noam und Nohr bereits am Herd beschäftigt waren. Meine Kräuter hingen nun sortiert und zusammengebunden an einer Reihe hölzerner Dübel an der gegenüberliegenden Wand neben meiner Sammlung von Heilmitteln. Das Chaos, das ich hinterlassen hatte, war verschwunden und durch funkelnd saubere Schalen ersetzt worden, die vor dem offenen Fenster trockneten. In der Bratpfanne brutzelten Eier, während Kaffee – frischer Kaffee – in einer Karaffe mitten auf dem Tisch stand.
Nie hatte ich meine Brüder mehr geliebt. Gerade als ich sie das wissen lassen wollte, meldete sich ein kribbelndes Warnsignal in meinem Hinterkopf, und eine Gänsehaut legte sich auf meine Arme. In der Erwartung eines verfaulenden Leichnams zwischen den Kissen wandte ich mich zum Sofa um.
Doch nichts dergleichen fand ich vor.
»Ich habe euch verboten, ihn anzufassen«, sagte ich, meine Worte leise, aber scharf.
Beide Jungen versteiften sich, während sie einen ihrer typischen Blicke wechselten, die nur sie verstehen konnten. »Wir haben unsere Handschuhe getragen und ihn in Decken gewickelt«, antwortete Nohr.
»Wir waren vorsichtig. Wir wollten dich nur schonen«, fügte Noam rasch hinzu.
Mein Blick wanderte über ihre angespannten Kiefer und die zusammengezogenen Brauen. Der Schatten von Schmerz, von Verlust, lag noch immer in ihren verquollenen Augen, und ich seufzte. Die beiden hatten schon genug durchgemacht. Wenig würdevoll plumpste ich einfach auf einen der Stühle und griff nach dem Kaffee. Binnen Sekunden war Nohr zur Stelle und goss das Lebenselixier in einen Keramikbecher.
»Wir sollten das Sofa entsorgen«, murmelte ich.
Nohr senkte den Blick, seine Stimme klang angespannt. »Das können wir uns nicht leisten.«
»Wir können es uns auch nicht leisten, dass einer von euch sich die Seuche einfängt.« Ich starrte auf das abgenutzte Gestell. Das Möbelstück stand schon mein ganzes Leben an genau derselben Stelle und wahrscheinlich noch viel länger. Wir hätten ein neues Sofa gebrauchen können, aber Nohr hatte recht. Das Geld war knapp. »Ich werde die Kissen erst einmal nach draußen bringen. Mal sehen, was ich tun kann, um das ganze Ding neu polstern zu lassen.« Ich blies den Dampf von meinem Getränk und nahm einen geradezu berauschenden Schluck.
Noam schob einen Teller mit Eiern vor mich hin und ging zum Herd zurück. »Vielleicht ist Mrs Marlow bereit, ihre Dienste gegen einige deiner Heilmittel einzutauschen.«
Ich spießte das Frühstück mit der Gabel auf, kaute langsam und beäugte Nohr, während er einen weiteren großen Topf voller Wasser auf den gusseisernen Herd stellte. »Ich habe gestern Tomans Nase gerichtet. Sie ist mir etwas schuldig.«
Danach gesellten sich Nohr und Noam zu mir an den Tisch und aßen die restlichen Eier direkt aus der Bratpfanne. Die Küche war erfüllt vom leisen Kratzen ihrer Gabelzinken. Keiner sagte ein Wort. Es gab ja auch nicht viel zu sagen. Alec war tot. Nichts blieb mehr zu tun.
»Wir haben Wasser für ein Bad heiß gemacht«, sagte Noam schließlich und zwirbelte seine Gabel durch die Pfanne. Beim Essen hatte er den Kopf gesenkt gehalten, jetzt blinzelte er mich unter seinen Wimpern hervor an. Zweifellos ein Friedensangebot wegen der Entsorgung des Leichnams. Es funktionierte. »Wenn du so weit bist, hole ich den Waschzuber rein.«
»Danke.« Beim Aufstehen atmete ich tief durch. »Kann einer von euch Wasser für mein Haar holen?«
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie Nohr zur Vordertür hinaus und im Garten war. Durch unser beengtes Heim bahnte ich mir den Weg zur Hintertür. Ein verstohlener Blick durch die Vorhänge verriet mir, dass die Luft rein war, und ich schlüpfte nach draußen. Glücklicherweise zeigte die Rückseite unseres Hauses zum nahen Wald und gewährte uns ein Mindestmaß an Privatsphäre für Momente wie diese. Zwar war es kein Verbrechen, sich die Haare zu färben, aber es warf Fragen auf. Fragen waren das Letzte, was ich brauchte.
Nachdem Nohr mir einen kleinen Eimer mit frischem Wasser gereicht hatte, zog er sich wieder ins Haus zurück. Ich biss in Erwartung der Kälte die Zähne zusammen, dann tauchte ich den Kopf ins Wasser und beobachtete, wie schwarze Tinte den einst klaren Inhalt verwirbelte. Wenn meine Zeit es zuließ, würde ich später noch eine Kur auftragen, um den Glanz in meine matten Locken zurückzubringen.
Mit tropfnassem Haar ging ich zurück in die Küche. Noam und Nohr hatten eine Zinnwanne hereingebracht und vor den Herd gestellt. Nachdem sie das heiße Wasser hineingegossen hatten, streute ich spezielle Salze zur Schmerzlinderung hinein, außerdem ein paar Tropfen Öl, die meinen Geist zur Ruhe bringen sollten. Noam legte einen Arm um mich und drückte einen sanften Kuss auf meinen Kopf.
»Pass auf dich auf«, murmelte ich.
»Ich würde sagen: ›Du auch auf dich‹, aber ich bin mir nicht sicher, ob das auf den Markt bezogen so passt«, antwortete Noam mit einem halbherzigen Lächeln. Er gab sich Mühe. Gab sich Mühe, die Ereignisse der letzten Nacht zu vergessen. Gab sich Mühe, nach vorn zu schauen, weil uns nichts anderes übrig blieb, als weiterzumachen. Mir wurde schwer ums Herz und ich drückte ihn noch fester an mich. Dann winkte ich Nohr zu uns zu herüber, sodass ich schließlich beide in den Armen hielt.
Für meine Brüder würde ich alles tun. Ich würde ihnen ihre Trauer abnehmen und mich zu Tode schuften, nur um ihnen die Chance auf Glück zu ermöglichen. Sie waren alles, was ich noch hatte, und sie brauchten mich genauso sehr, wie ich sie brauchte.
»Bis heute Abend«, sagte Nohr.
Ich drückte die beiden ein letztes Mal fest an mich. Dann gab ich sie frei. Wie der Blitz waren sie verschwunden und ich stieß einen Seufzer aus, während ich mich schnell entkleidete. Ich ließ mich in das kochend heiße Wasser sinken und es war mir ganz egal, dass es meine Haut verbrühte. Ich wollte die Erinnerung an die Seuche an meinen Fingern wegbrennen, wollte den Geruch nach Moder und Fäulnis aus meinem Haar verscheuchen, genauso wie die letzten Dreckreste unter meinen Fingernägeln. Stöhnend rutschte ich tiefer ins Wasser hinein. Am liebsten wäre ich stundenlang in der Wanne geblieben, aber ich konnte es mir nicht leisten, den Markt zu verpassen. Also stieg ich, als der pulsierende Schmerz in meinen Muskeln endlich zugunsten eines milden Unbehagens wich, aus der Wanne und ging noch einmal in mein Zimmer, um mich für den Tag anzukleiden.
Fast wünschte ich mir, Noam und Nohr könnten an meiner Stelle in die Stadt gehen. Alle mochten die zwei. Sie waren großzügig und warmherzig und ihr Gelächter war ein Geräusch, das gefühlt noch über Stunden nachklang. Wunderschön und einladend. Nicht, dass die Menschen mich besonders mochten oder ablehnten – ich konnte mich einfach nicht auf sie einlassen. Wollte es auch gar nicht. Meine Freundschaften waren nach dem Tod meiner Eltern im Sande verlaufen. Ich hatte die Rolle der Fürsorgerin für meine Brüder übernehmen müssen und mir nie die Mühe gemacht, die Freundschaften wieder aufleben zu lassen. Nicht, nachdem ich Jahre zuvor miterlebt hatte, wie die Stadtältesten die Ferngloves von der Macht meiner Tante in Kenntnis gesetzt hatten. Schon am folgenden Tag war sie uns genommen worden. Alles nur, weil ein kleiner Junge, einer von Noams Freunden, bei uns durchs Fenster gespäht hatte, um herauszufinden, ob Noam zu Hause war. Stattdessen hatte das Kind beobachtet, wie meine Tante den hartnäckigen Husten meiner Mutter geheilt hatte.
Dem kleinen Jungen machte ich keinen Vorwurf. Er hatte seinen Eltern von einer seltsamen, aufregenden Sache erzählt, die er gesehen hatte. Mein Vorwurf galt den Stadtältesten, die aus Habgier gehandelt hatten, ohne auch nur darüber nachgedacht zu haben, was der Verlust der Tante für meine Familie bedeuten würde.
Natürlich hielten die Städter es nicht für »schlecht«, von einem Ever in Dienst genommen zu werden. Meine Tante war »gesegnet«.
Während ich vor mich hin brummelte, flocht ich mein zobelfarbenes Haar, damit es mir nicht ins Gesicht hing. Dann wob ich ein paar winzige, weiße Blüten des Schleierkrauts hinein, das ich in einem Topf in meinem Zimmer aufbewahrte. Kajal über den Wimpern, malvenfarbener Lippenstift, ein Hauch Rouge – für den Markt sollte das reichen. Schnell schlüpfte ich in ein Hemdchen und Baumwollstrümpfe, die ich mit einfachen Strumpfbändern befestigte. Das Korsett meiner Mutter passte mir glücklicherweise immer noch und ich schloss die vorderen Verschlüsse, bevor ich die Bänder in meinem Rücken festzurrte. Dann folgten ein weicher Rock und ein dazu passendes, burgunderfarbenes Mieder, das mit Perlen besetzt und mit ebenholzschwarzen Blumen bestickt war. Das Ensemble hatte einst meiner Mutter gehört. Ich hatte es bewundert, seit ich denken konnte, aber jetzt, da es meins war, erzeugte das Gefühl des Korsetts auf meiner Haut ebenso Trost wie Traurigkeit.
Kopfschüttelnd verstaute ich mein Lederstückchen in einer der versteckten Taschen des Rocks und schnürte die Stiefeletten, bevor ich nach unten ging. Nur kurz hielt ich inne, um einen Blick auf das Sofa zu werfen. Nach dem Besuch auf dem Markt würde ich mich um die Kissen kümmern, aber im Stoff war immer noch der Abdruck von Alecs langem Körper zu erkennen, Umrisse der Person, die einmal existiert hatte. Ich hatte ihn nicht gut gekannt und dankte den Sternen für diesen kleinen Segen.
Schließlich biss ich die Zähne zusammen und ging in die Küche. Ich brauchte nicht lange, um zwei Lederkoffer mit Heilmitteln zu füllen. Sämtliche Standardmedikamente hatte ich im Gepäck: Schlaftränke, Seren und Balsame für derzeit kursierende Leiden, Tinkturen für die Verdauung, Öle zum Stressabbau und, wohl eine meiner populärsten Waren, Performictum – ein geschmacksneutrales Pulver, das man Speisen oder Getränken hinzufügte und das nach der Einnahme immer das gleiche Ergebnis bewirkte … eine gewisse Ausdauer im Schlafzimmer. Außerdem verstaute ich einige der weniger spezifischen Tränke in dem Geheimfach auf der Rückseite des Koffers, aber diese brauchte ich nur selten. Manche Menschen sahen in ihnen schlichtweg Gift. Ich sah sie als Medikamente der Rache an. Harmlos, aber denkwürdig.
Nach dem Zuschnappen der Messingverschlüsse packte ich die abgenutzten Griffe und ging zur Tür. Wir lebten am Stadtrand, was bedeutete, dass ich zwanzig Minuten Fußmarsch zum Markt vor mir hatte; in dreißig Minuten läutete wiederum die Glocke. Die besten Standplätze waren wohl schon besetzt. Wir hatten nicht das Glück, eine Kutsche zu besitzen, und da die Stadt selbst ziemlich klein war, ging es vielen nicht anders. Die Ältesten besaßen natürlich vergoldete Wagen, ausgestattet mit dicken Polstern und Bediensteten, die die Pferde lenkten. Aber selbst diese privilegierten Menschen sparten sich derartig extravagante Reisemethoden für längere Ausflüge in benachbarte Städte auf.
Sie hätten mich früher wecken sollen. Noam und Nohr meinten es gut, aber ihre Arbeit trug uns nicht so gute Einkünfte wie meine Heilmittel ein, und die beiden waren darauf angewiesen, dass ich uns durchbrachte. Das Leder knarrte unter meinen Händen, als ich die Koffer in den Klammergriff nahm und weiter die gepflasterte Hauptstraße entlangeilte, die ins Herz von Willowfell führte. Ich ging so schnell, wie die hochhackigen Stiefel und die voll beladenen Koffer es zuließen, vorbei an anderen Stadtbewohnern, die bereits Richtung Markt flanierten – und das in einem weitaus gemächlicheren Tempo. Je näher ich dem Stadtzentrum kam, umso dichter standen die Häuser. Die Menschen rückten einander hier auf die Pelle, tauschten offene Parzellen und Felder gegen die Nähe zu den Läden und, was vielleicht noch verlockender war, zum Bogen.
Das gewundene Gebilde war höher als jeder Laden auf dem Marktplatz, aber nicht breiter als ein Eingang mit Doppeltür. Kahle Äste mit bleicher, glatter Borke waren aus der Erde emporgewachsen und hatten sich ineinander verschlungen. Am höchsten Punkt wanden sich mehrere Äste wie Geweihe nach außen. Allerlei Federvieh hockte häufig an diesem Platz, ohne jemals dort zu nisten. Diesen knorrigen Durchgang konnten allein die Evers benutzen. Denn wenn man schon Magie besitzt, warum sollte man sich die Umstände machen, mit einer Kutsche vorzufahren?
Als der Weg sich zum runden Innenhof hin öffnete, dem Ort, an dem der Markt untergebracht war, überquerte ich den Platz und ging bewusst um den Bogen herum. Erst dann machte ich mich an die mühsame Aufgabe, mir ein Fleckchen Erde zu sichern. Lieber hätte ich noch einen weiteren Tag darauf verwendet, nach Kräutern zu suchen, statt mit anderen Händlern um die besten Standplätze zu kämpfen, vor allem wenn die meisten dieser Kaufleute ohnehin schon die Läden rund um den Marktplatz besaßen. Die Oberen von Willowfell hatten Tische in Kreisen um den Bogen herum arrangiert. Weiter nach außen hin gingen sie über in perfekte Reihen, die nah an die umgebenden Gebäude heranrückten.
Die besten Plätze, jene in nächster Nähe des Bogens, waren bereits besetzt. Ich betrachtete finster Miltons Apotheke mit ihren Holzvordächern und Glastüren, während ich mich widerwillig an einen freien Tisch in der letzten Reihe stellte. Milton selbst hatte bereits vor dem Bogen eine Auslage aufgebaut und sich eine Handvoll anderer Tische überall auf dem Markt gesichert, um seine unausgegorenen Heilmittel noch besser anzupreisen.
Ich hätte binnen eines Tages mehr verdienen können als er, wäre ich bereit gewesen, meine Dienste als Threadmender anzubieten. Dann wäre ich außerdem tot, aber das war nicht der Punkt.
Immerhin gab es einige Leute, die meine Arbeit zu schätzen wussten und die höheren Preise für bessere Heilmittel in Kauf nahmen – vorausgesetzt, sie konnten sich erfolgreich durch drei Reihen von Marktständen kämpfen, bevor sie alles ausgegeben hatten. Der einzige verbliebene Tisch stand direkt rechts von Lysas Konditorei und ich hoffte, dass allein schon der intensive Duft frisch gebackener Köstlichkeiten auch Leute zu meinem Stand lockte. Unter leisem Seufzen hievte ich meine Koffer behutsam auf die sonnengewärmte Fläche des Holztischs und öffnete die Schlösser. Die Seitenwände gaben beim Lösen des Schnappschlosses nach und mehrere Reihen von Balsamen und Extrakten kamen in den übereinander liegenden Fächern zum Vorschein. Die beliebteren Kuren bewahrte ich ganz oben auf und stellte sicher, dass die handgeschriebenen Etiketten deutlich zu sehen waren.
Als ich gerade eine der Phiolen an die richtige Stelle schob, drang ein schwaches Dröhnen in meine Ohren und brach sogleich abrupt wieder ab. Eine Haarsträhne hatte sich aus meinem Zopf gelöst und strich mir über die Wange. Ich wollte sie an ihren Platz zurückschieben, hielt aber inne. Ein goldener Käfer inspizierte das Schleierkraut, das ich in meine dunklen Locken gewoben hatte.
»Hallo, da bist du ja wieder«, murmelte ich und streckte behutsam meinen Zeigefinger aus. »Bist du derselbe kleine Käfer wie gestern?«
Das Insekt betrachtete meinen Finger und legte die Flügel an.
»Vielleicht wirst du mir Glück bringen. Du bist hübscher als eine Goldmünze«, sagte ich.
Dann ertönte die Stadtglocke mit einem vibrierenden Schlag und der Käfer ergriff die Flucht. Er sirrte für einen Moment um mich herum, als hätte das tiefe Echo der Glocke seinen Orientierungssinn gestört, dann ließ er sich auf dem Blumengitter an der Mauer von Lysas Laden nieder. Mit einem verärgerten Flügelschlagen huschte er am Kletterefeu entlang, um unter den Blättern Zuflucht zu suchen.
Die erste Stunde des Markttages nahm ich wie durch einen Nebel war. Die üblichen Käufer schauten vorbei, die speziell an meinen Waren interessiert waren, und wir plauderten angeregt, während ich Interesse für die jüngsten Gerüchte aus der Stadt heuchelte. Ein paar nicht gerade subtile Bemerkungen über mein Alter und meinen Mangel an finanzieller Sicherheit fielen. Ob das wohl der Grund sei, warum die Verehrer nicht Schlange standen, um um meine Hand anzuhalten. Ich biss eisern die Zähne zusammen und ließ die Leute über meine Zukunftsperspektiven fabulieren.
Und dann kam Mrs Marlow vorbei, um mir für die Hilfe bei Tomans Nase zu danken. Sie stimmte zu, kostenlos unser Sofa neu zu polstern, unter zwei Bedingungen allerdings: Erstens, ich ließ die Kissen und den Rahmen wegen des Kontakts mit der Seuche zwei Wochen draußen auslüften – sie hatte nur ein halbherziges Stirnrunzeln und ein lahmes »Wie schrecklich« zustande gebracht, als ich erklärt hatte, was mit Alec passiert war –, und zweitens, der neue Stoff musste aus der letztjährigen Auswahl stammen und nicht aus der aktuellen Kollektion. Bei dieser Bedingung musste ich mir kräftig auf die Zunge beißen und verbarg meinen Unwillen hinter einem gut einstudierten Lächeln. Als Ehefrau eines der Stadtältesten bezeichnete sie ihre Arbeit als Näherin selbst als Irrsinn, nur zum Spaß und sicher nicht aus Notwendigkeit heraus. Es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht aus reiner Angeberei mit ihrer Kutsche in der Stadt herumfuhr.
Als Mrs Marlow ihre zahlreichen Rockschichten gerafft hatte und zum nächsten Tisch weitertänzelte, ging es auf die Mittagszeit zu und der morgendliche Andrang meiner Kunden – wohl der einzige Andrang an meinem Stand – war vorüber.
»Natürlich nicht genug«, murmelte ich, während ich die Silberstücke zählte, die mir meine Geschäfte eingebracht hatten. Warum sollte auch irgendetwas je nach Plan verlaufen? Stöhnend ließ ich den Kopf kreisen. Eine heilende Kräuterkundige zu sein, war eine seltsame Beschäftigung. Niemals könnte ich einem Menschen Böses wünschen, aber Kranke bezahlten nun mal das Essen auf meinem Tisch, und wir hatten schon vor Tagen unseren letzten Rest Mehl aufgebraucht, ganz zu schweigen von frischem Fleisch vom Schlachter.
Ein oder zwei kranke Menschen wären schon eine gute Sache.
