House of God - Samuel Shem - E-Book

House of God E-Book

Samuel Shem

4,5
9,99 €

Beschreibung

Sechs junge Ärzte beginnen vollen Enthusiasmus ihr erstes Klinikjahr im House of God, beseelt von dem Wunsch, Menschen zu helfen und zu heilen. Doch ihre Ideale werden schnell fortgerissen im Strudel ihres rastlosen Alltags. Sie lernen die Schattenseiten der modernen Medizin kennen, werden zynisch, verzweifelt oder gleichgültig. Das House of God wird für sie zur Hölle …
»House of God« von Samuel Shem ist ein eBook von Topkrimi – exciting eBooks. Das Zuhause für spannende, aufregende, nervenzerreißende Krimis und Thriller. Mehr eBooks findest du auf Facebook. Werde Teil unserer Community und entdecke jede Woche neue Fälle, Crime und Nervenkitzel zum Top-Preis!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 647

Bewertungen
4,5 (98 Bewertungen)
69
13
16
0
0



Samuel Shem

House of God

Knaur e-books

Über dieses Buch

Jungmediziner Dr. Roy Basch beginnt voller Enthusiasmus sein erstes klinisches Jahr im amerikanischen Hospital »House of God«, beseelt von dem Wunsch, Menschen zu helfen und zu heilen. Doch seine Ideale werden schnell fortgerissen im Strudel des rastlosen ärztlichen Alltags. Er lernt die Schattenseiten der Medizin kennen, und das »House of God« wird für ihn zur Hölle …

Inhaltsübersicht

WidmungZitatWho is whoVorwortI. FRANKREICH1. KapitelII. Das HOUSE OF GOD2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. KapitelIII. DER ZOCK-FLÜGEL18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. KapitelRegeln des House of GodGlossar
[home]

To J and Ben

[home]

We shall forget by day, except

The moments when we choose to play

The imagined pine, the imagined jay.

— Wallace Stevens

The Man with the Blue Guitar

[home]

Who is who im amerikanischen Krankenhaus

Nach dem Studium an einer Medical-School beginnt für den amerikanischen Jungmediziner die residency, die Facharztausbildung im Krankenhaus. Diese Ausbildung ist hochstandardisiert; alle residencies beginnen am 1. Juli und dauern in den nicht-operativen Fächern in der Regel 3 Jahre. Besonders das erste Jahr, das internship, ist berüchtigt wegen der hohen Arbeitsbelastung und den häufigen Nachtdiensten. In den folgenden Jahren steigt der intern zum junior resident und dann zum senior resident auf.

Der intern arbeitet eng mit dem ihm übergeordneten resident und einem ihm zugeteilten Medizinstudenten zusammen. Die amerikanischen Medizinstudenten arbeiten in den letzten beiden Jahren ihres Studiums ausschließlich am Krankenbett. Während der Ausbildung wird alle ein bis zwei Monate die Station gewechselt. Ein Teil der Ausbildung spielt sich auch in der ambulanten Versorgung ab. Dazu gehört unter anderem, daß jeder resident und jeder intern einen halben Tag in der Woche eine kleine eigene Sprechstunde betreibt.

Da es in den USA außer den residents und interns nur wenig festangestellte Krankenhausärzte gibt, sind die »Oberärzte« der angehenden Fachärzte vielfach privates, Belegärzte mit eigener Praxis. Der sogenannte chief resident koordiniert die residency. Vorgesetzter der residents und interns ist der chief of department.

Die Arbeitsbedingungen für die interns sind in den letzten Jahrzehnten deutlich humaner geworden. Neben einem zeitweilig knappen Angebot an Medizinstudenten und einigen wegweisenden Gerichtsurteilen ist dies nicht zuletzt der Veröffentlichung des »House of God« zu verdanken.

 

Der Verlag

[home]

Vorwort

Wir erwarten das Unmögliche von Ärzten. Aus unserer eigenen Not heraus verehren wir sie. Wir glauben, ihre Ausbildung, ihr Wissen und die heilige Hingabe an ihren Beruf haben jede Unsicherheit, jedes Zaudern und jeden Ekel ausgemerzt, die wir empfänden, wären wir an ihrer Stelle, sähen wir, was sie sehen und was sie heilen sollen. Blut und Erbrochenes und Eiter stoßen sie nicht ab; Senilität und Demenz erschrecken sie nicht; es macht ihnen nichts aus, in die glitschigen Schlingen innerer Organe zu greifen oder mit Krankem und Ansteckendem umzugehen. Für sie ist das Fleisch und seine Krankheiten etwas Abstraktes, das kühl schematisiert wird und rasch in unfehlbare Diagnosen und effektive Behandlung umgesetzt wird. House of God ist ein Buch, das uns diese Illusion nimmt. Es zeigt die medizinische Ausbildung, wie Catch-22 das Leben beim Militär zeigte, als Farce, als ein Treiben von Stümpern, die unter korrupten und oberflächlichen Vorgesetzten mit undurchsichtigten Zielen laborieren. In gewissem Sinn ist House of God bösartiger als Catch-22, denn das Militär hat seit langem Verleumder und Satiriker angezogen (sie sogar gewaltsam eingezogen), während die Ärzte in der Literatur gewöhnlich als gutherzig, oft sogar heldenhaft dargestellt werden und schlimmstenfalls eine drollig-zweifelhafte Effizienz zugeschrieben bekommen, wie der enthusiastische Magus Hofrat Behrends im Zauberberg von Thomas Mann.

Die jungen Interns, Residents und Schwestern, die Samuel Shem uns vorstellt, sind keineswegs unsympathisch. Sie alle bringen einen Rest ihrer ursprünglichen Hingabe mit in das Gruselkabinett ärztlicher Versorgung im Krankenhaus, und der größte Zyniker unter ihnen, der Dicke, ist der Fähigste und Erfahrenste. Unser Held, Roy Basch, erinnert an Voltaires Candide in seiner lebhaften Naivität und seiner – bei aller Hypochondrie dieser hektisch-bekennenden Erzählung – hartnäckigen Gesundheit. Drei Dinge dienen ihm als Fenster, durch die er aus dem klösterlichen Klinik-Tollhaus auf die sonnenbeschienene verlorene Landschaft der Gesundheit hinausblicken kann: Sex, nostalgische Jugenderinnerungen und Basketball. Der Sex ist am bemerkenswertesten und nimmt in den Orgien mit Angel und Molly epische Ausmaße an und erreicht pornographisches Ideal. Ein Blick auf Mollys Unterhöschen wird in einem der vielen stürmischen Ausbrüche der Phantasie dieses Buches zum Segel, das sich im Atem des Lebens wölbt:

Wenn … in dem Augenblick zwischen Hinsetzen und Überschlagen der Beine das phantastische Dreieck aufblitzt, das französische Höschen, das sich über dem flaumweichen mons wölbt wie ein Spinnaker vor den sanften blonden Passatwinden. Obwohl ich medizinisch alles über diese Organe wußte und meine Hände ständig in erkrankten Exemplaren hatte, trotzdem, wissend, wollte ich es, und da ich es mir gesund und jung und frisch vorstellte und blond und daunenweich und prickelnd, wollte ich es um so mehr.

In dem herrschenden morbiden Milieu kommen die Funken von Wollust aus einer Welt, die so fern ist wie die Welt der Briefe von Baschs Vater mit ihren gelassenen, heiter-unlogischen Konjunktionen. Sexuelle Aktivität zwischen Schwestern und Ärzten, den beiden helfenden Berufsgruppen, bedeutet hier gegenseitige Befreiung, Schutz vor dem umgebenden Ambiente von Krankheit und Tod, vor allem Scheußlichen, Jammervollen, Sinnlosen und Abstoßenden des Fleisches. Es ist die Koedukations-Version der labilen Kameraderie der Intern-Novizen: »Wir teilten miteinander etwas Großes, Mörderisches, Gewaltiges.«

Der heldenhafte Ton, zwar nicht so oft und laut angeschlagen wie die spöttische Note, klingt dennoch hörbar und ist vielleicht genauso wertvoll für die Tausende von Interns, die sich die explizit pädagogischen Elemente von Shems deutlich didaktischem Roman zu Herzen nehmen: die dreizehn Regeln, die der Dicke aufgestellt hat; die Doktrinen von der Unsterblichkeit der Gomer und dem heilenden Minimalismus; die Krankenhauspolitik des Abschiebens und Frisierens, der Mauern und Siebe; die Psychoanalyse der kranken Ärzte wie Jo und Potts; das Sperrfeuer medizinischer Zwischenfälle, das zu einem Strom aus Ge- und Verboten anwächst. Es müßte schon ein sehr seltener Fall sein, glaube ich, bei dem es ein Intern der Inneren Medizin mit etwas zu tun bekommt, was nicht schon irgendwo in dieser Bibel der gräßlichen Möglichkeiten angedeutet wurde.

Nützlich bis hin zu seinem nüchternen Glossar, besitzt House of God das Wesentliche eines echten Romans, den Henry James als »Eindruck des Lebens« definierte. Sätze stieben mit überschießender Vitalität davon, wenn Erstlingsautor Shem sich ans Lenkrad der Sprache setzt.

Die Abrißbirne des Zock-Flügels hatte seit zwölf Stunden meine Gehörknöchelchen vibrieren lassen.

 

Von ihrer zerknitterten Vorderseite, die über die Kerbe zwischen den claviculae hinaus aufgeknöpft war und tiefe Einblicke gewährte, bis zu den vollen, eng zusammengehaltenen Brüsten, vom Rot ihres Nagellacks und ihres Lippenstifts bis zum Blau ihrer Lider und dem Schwarz ihrer Wimpern, sogar bis zu dem glitzernden Gold des kleinen Kreuzes von der katholischen Schwesternschule, war sie wie ein Regenbogen in einem Wasserfall.

Wir waren betroffen, daß jemand in unserem Alter, der mit seinem sechsjährigen Sohn an einem dieser herrlichen Sommerabende Ball gespielt hatte, jetzt nur noch dahinvegetierte, den Schädel mit Blut gefüllt, den ein Chirurg ihm jetzt knacken sollte.

Wir haben hier den verspäteten Bildungsroman des dreißig Jahre alten Roy Basch, den Bericht seines waghalsigen Vorstoßes ins Tal des Todes und in die Wahrheit des Fleisches, der mit der sicheren Rückkehr zu seiner außerordentlich gesunden und gesund-sinnlichen Berry endet. Richard Nixon, der zumindest für Romanautoren faszinierendste Präsident des zwanzigsten Jahrhunderts, und der Watergate-Skandal bilden den historischen Hintergrund des Romans und verlegen ihn in das Jahr 1973–74. Heute könnte House of God wahrscheinlich nicht mehr geschrieben werden, jedenfalls nicht so ungeniert. Sein freizügiger Umgang mit ungezügelten multiethnischen Karikaturen würde mit den geläufigen Termini »rassistisch«, »sexistisch« und »altenfeindlich« zensiert werden. 70er-Jahre-Sex war kein safer Sex;AIDS kommt in der Fülle überdeutlich geschilderter Krankheiten nicht vor; und inzwischen ist ein ganzes Regiment von Organtransplantationen aufmarschiert, um das Repertoire der Chirurgen zu bereichern. Dennoch ist das Anliegen des Buches zeitgemäßer denn je: das amerikanische System der ärztlichen Versorgung steuert auf eine Krise zu, überlastet, überteuert und von schlechter Publicity verfolgt. Die grotesken Beispiele von fatalen administrativen und ärztlichen Kunstfehlern nehmen in den Zeitungen mehr Platz ein als das Feuilleton.

Auf seinem Weg in die zweite Million verkaufter Taschenbuch-Exemplare vermittelt House of God Medizinern weiterhin den Schock der Erkenntnis und bietet ihnen zugleich Trost und Vergnügen bei ihren hippokratischen Bemühungen.

 

John Updike, April 1995

[home]

I.FRANKREICH

»Das Leben ist wie ein Penis.

Ist es schlaff, kannst du’s nicht in den Griff kriegen.

Ist es hart, wirst du aufs Kreuz gelegt.«

 

Der Dicke, Resident für Innere Medizin im House of God.

1

Bis auf ihre Sonnenbrille ist Berry nackt. Selbst jetzt, im Urlaub in Frankreich, mein Internship längst fern und begraben, habe ich kein Auge für die Unvollkommenheiten ihres Körpers. Ich liebe ihre Brüste, die Art, wie sie sich verändern, wenn sie flach auf dem Bauch oder auf dem Rücken liegt und dann, wenn sie aufsteht und geht. Und tanzt. Oh, wie liebe ich ihre Brüste, wenn sie tanzt. Die Cooperschen Ligamente halten die Brüste, Coopers werden zu flupers, wenn sie ausleiern. Und ihr Schambein, symphysis pubis, der Knochen unter der Haut, die Kraft, die ihren Venusberg formt. Sie hat spärliches schwarzes Haar. Sie schwitzt in der Sonne, der Glanz macht ihre Bräune noch sinnlicher. Trotz meines Medizinerblicks, und obwohl ich gerade ein ganzes Jahr unter kranken Körpern zugebracht habe, bin ich imstande, ruhig dazusitzen und aufzunehmen. Der Tag fühlt sich weich an und warm, nur von einem wehmütigen Seufzer aufgerauht. Es ist so windstill, daß die Flamme eines Streichholzes ohne zu flackern in der klaren, heißen Luft steht. Das Grün des Rasens, die kalkweißen Wände unseres gemieteten Bauernhauses, das orangefarbene Ziegeldach gegen den augustblauen Himmel – das alles ist zu vollkommen für diese Welt. Man braucht nicht zu denken. Alles hat Zeit. Es gibt kein Ergebnis, es gibt nur den Prozeß. Berry versucht, mir beizubringen, so zu lieben wie vor diesem tödlichen Jahr.

Ich gebe mir Mühe, mich zu entspannen, aber es will mir nicht gelingen. Wie eine computergesteuerte Rakete streben meine Gedanken in mein Krankenhaus, das House of God. Ich denke daran, wie ich und die anderen Interns dort mit Sex umgegangen sind. Ohne jede Liebe. Mitten unter den Gomers, den Dauerpflegefällen, mitten unter sterbenden alten und sterbenden jungen Menschen haben wir den Frauen des Hauses übel mitgespielt. Von der zartesten Schwesternschülerin über die Oberschwester der Notaufnahme mit ihren harten Augen bis zu den schrillen Latinas aus der Wirtschaftszentrale und dem Reinigungsdienst, mit ihren klimpernden Armreifen und dem spanischen Kauderwelsch, haben wir sie alle nur für unsere Bedürfnisse ausgenutzt. Ich denke an Runt, den Kleinen, der vom zweidimensionalen Playboy-Sex zu markerschütternden sexuellen Abenteuern mit einer unersättlichen Schwester namens Angel überging – Angel, die, soweit mir bekannt ist, das ganze Jahr über keinen einzigen vollständigen Satz aus richtigen Wörtern zustandegebracht hat. Heute ist mir klar, daß Sex im House of God etwas Zynisches, Trauriges, Krankhaftes war, denn wie alles, was wir im House of God taten, war auch der Sex ohne Liebe. Für die leisen Töne der Liebe waren wir taub geworden.

»Komm’ zurück, Roy. Treib’ jetzt nicht wieder dahin ab.«

Berry. Wir sind beim Essen schon bei den Herzen unserer Artischocken angelangt. In diesem Teil Frankreichs wachsen sie zu beachtlicher Größe. Ich habe sie geputzt und gekocht, und Berry hat die Vinaigrette gemacht. Man ißt hier ausgezeichnet. Oft sitzen wir im Garten unseres Lieblingsrestaurants unter einem von der Sonne durchflimmerten Gitterwerk aus Ästen. Gestärktes weißes Tischtuch, feines Kristall und eine frische rote Rose in einer Silbervase. In der Ecke wartet unser Kellner, Serviette über dem Arm. Seine Hand zittert. Er leidet an senilem Tremor, dem Tremor der Gomers, aller Gomers des vergangenen Jahres. Ich komme zu den letzten Blättern meiner Artischocke – Lila übertönt das eßbare Grün – und werfe sie auf den Abfallhaufen für die Hühner und den glasäugigen Hunde-Gomer des Bauern. Dabei stelle ich mir einen Gomer vor, wie er Artischocken ißt. Unmöglich, es sei denn, sie sind püriert und werden durch die Magensonde verabreicht. Ich entferne die stachligen Haare, das üppige Grün, das den Blütenboden bedeckt, erreiche das Herz und denke zurück an das Essen im House of God und an denjenigen, der beim Essen und in der Medizin immer der Beste war, an meinen Resident, den Dicken. Der schaufelte sich bei der Mahlzeit um zehn Uhr Zwiebeln, koschere Hot dogs und Himbeereis in den Mund, alles auf einmal. Der Dicke mit seinen »Geboten des House of God« und seiner Auffassung von Medizin, die ich anfangs für krank hielt. Nach und nach habe ich jedoch begriffen, daß es die einzig richtige ist. Ich sehe uns – heiß und verschwitzt wie die Helden vom Iwo Jima – über einem Gomer hängen:

»Sie quälen uns«, sagt der Dicke.

»Sie haben mich geschafft«, antworte ich.

»Ich würde mich ja umbringen. Aber die Freude will ich ihnen nicht machen.«

Und wir fallen uns in die Arme und weinen. Mein fetter Schutzengel, immer zur Stelle, wenn ich ihn brauchte. Aber wo ist er jetzt, wo ich ihn brauche? In Hollywood natürlich, in der Gastroenterologie, bei einem Großen Darmangriff, »im Dickdarm der Filmstars«, wie er zu sagen pflegte. Heute weiß ich, daß sein albernes Gelächter und seine Fürsorge mir durch das Jahr geholfen haben, und auch die Fürsorge der beiden Polizisten aus der Notaufnahme – meine Retter, die alles zu wissen schienen, und das meistens im voraus. Aber obwohl es den Dicken und die Polizisten gab, war das, was im House of God mit mir geschehen ist, einfach furchtbar. Ich bin übel zugerichtet worden. Vor meiner Zeit im House of God habe ich alte Leute gemocht. Jetzt sind sie keine alten Leute mehr, jetzt sind sie Gomers, und ich mag sie nicht mehr, kann sie nicht ausstehen. Ich gebe mir Mühe, mich zu entspannen, aber es will mir nicht gelingen. Ich gebe mir Mühe zu lieben, aber ich kann nicht, denn ich bin total ausgebleicht, wie ein zu oft gewaschenes Hemd.

»Wenn du so oft dahin abdriftest, wirst du trotz allem doch wieder zurückgehen«, sagt Berry sarkastisch.

»Liebes, es war ein schlimmes Jahr.«

Ich schlürfe meinen Wein. Seit wir hier sind, bin ich sehr oft betrunken. Betrunken am Markttag im Café, wenn der Lärm vom Markt abebbt und in die Bar strömt. Ich schwimme betrunken in unserem Fluß. Mittags ist die Temperatur von Wasser, Luft und Körper gleich, so daß ich nicht weiß, wo der Körper aufhört und das Wasser beginnt. Das Universum schmilzt, der Fluß plätschert um unsere Körper, kühle und warme Strömungen mischen sich in verlorenen Mustern, füllen alle Zeiten und alle Tiefen.

Ich schwimme gegen den Strom, schaue flußaufwärts, wo der sich windende Flußlauf in einem Nest aus Weiden, Binsen, Pappeln, Schatten und der Sonne, der großen Meisterin des Schattens, ruht. Betrunken liege ich in der Sonne auf dem Handtuch und beobachte mit beginnender Erektion das erotische Ballett der Engländerinnen, die ihre Badeanzüge an- und ausziehen, erhasche mit einem Blick ein wenig Busen, ein wenig Schamhaar, wie ich so oft ein wenig Busen und ein wenig Schamhaar der Schwestern erhascht habe, wenn sie im House of God vor meinen Augen ihre Uniformen an- oder auszogen. Betrunken grübele ich manchmal über den Zustand meiner Leber nach und denke an alle die Zirrhosen, die ich habe gelb werden und sterben sehen. Entweder verbluten sie, delirieren, husten und ertrinken in ihrem Blut, wenn die Ösophagusvenen platzen, oder sie sterben im Koma, gleiten weg, gleiten selig den gelbgepflasterten, nach Ammoniak stinkenden Weg hinunter ins Vergessen. Ich schwitze, und es läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Berry wird schöner denn je. Dieser Wein gibt mir das Gefühl, in Fruchtwasser zu baden, atemlos, vom Nabelschnurblut ernährt, fötal, glitschig und taumelnd in der Wärme des pulsierenden Leibes, in warmen Amnion, Warmnion.

Alkohol half im House of God, und ich denke an Chuck, meinen besten Freund, den schwarzen Intern aus Memphis, der immer einen halben Liter Jack Daniels in seiner schwarzen Tasche hatte, für jene bitteren Stunden, wenn ihm die Gomers ganz besonders zugesetzt hatten. Oder das intrigante Lehrpersonal des Hauses, der Chief Resident oder der Chief of Medicine selbst, der ihn stets behandelte, als wäre er ein minderwertiger Analphabet, obwohl er hochintelligent und gebildet war und außerdem ein besserer Arzt als irgendein anderer im ganzen House. Und in meiner Trunkenheit finde ich es furchtbar traurig, was Chuck im House widerfahren ist. Als ich ihn kennenlernte, war er fröhlich und amüsant, jetzt ist er traurig und verdrießlich. Sie haben ihn gebrochen. Er läuft mit demselben halb zornigen, halb gedemütigten Blick herum, den ich gestern im französischen Fernsehen bei Nixon bemerkt habe, als er nach seiner Rücktrittserklärung an der Treppe zum Hubschrauber auf dem Rasen des Weißen Hauses stand und mit den Fingern ein pathetisches, unangebrachtes V(für Versagen)-Zeichen machte, bevor sich die Türen hinter ihm schlossen, die Filipinos den roten Teppich einrollten und Jerry Ford, eher verblüfft als beeindruckt, den Arm um seine Frau legte und sich langsam zur Präsidentschaft zurückbegab. Die Gomers, diese Gomers …

»Verdammt, alles erinnert dich an die Gomers«, sagt Berry.

»Ich habe gar nicht gemerkt, daß ich laut denke.«

»Das merkst du nie, aber du tust es ständig. Nixon, Gomers. Vergiß die Gomers! Hier gibt es keine.«

Ich weiß, daß sie sich irrt. An einem herrlichen, trägen Tag schlendere ich den verschlafenen, gewundenen Weg vom Friedhof zum Dorf hinunter, mit Blick über das Schloß, die Kirche, die prähistorischen Höhlen, den Marktplatz und weit unten das Flußtal, über die Spielzeugpappeln und die romanische Brücke, die den Weg markieren, und weit über unseren Fluß, den Sohn des Gletschers, den Schöpfer all dieser Dinge. Ich bin diesen Weg am Kamm entlang bisher noch nie gegangen. Langsam entspanne ich mich, kenne wieder, was ich früher kannte, den Frieden, die regenbogengleiche Vollkommenheit des Nichtstuns. Die Natur ist so üppig, daß die Vögel gar nicht alle reifen Brombeeren holen können. Ich bleibe stehen und pflücke mir welche. Saftiger Staub in meinem Mund. Meine Sandalen schlappen auf dem Asphalt. Ich sehe, wie sich die Blumen in Farben und Formen überbieten, um die Bienen anzulocken. Zum ersten Mal seit einem Jahr habe ich Frieden. Nichts in der Welt ist Anstrengung, alles ist natürlich, heil und gesund.

Ich biege um eine Ecke und sehe ein großes Gebäude wie ein Altersheim oder Krankenhaus. »Hospice« steht über dem Eingang. Ich bekomme eine Gänsehaut, meine Nackenhaare sträuben sich, meine Zähne beißen sich fest zusammen. Da sind sie. Man hat sie in die Sonne hinausgesetzt, in einen kleinen Garten. Das Weiß ihrer Haare läßt sie im Grün des Gartens wie Pusteblumen auf der Wiese aussehen. Als warteten sie auf den Wind, der sie fortbläst. Gomers. Ich starre sie an. Ich erkenne die Zeichen. Ich stelle Diagnosen. Als ich an ihnen vorbeigehe, scheinen ihre Augen mir zu folgen, als versuchten sie, mir irgendwo in ihrer Demenz zuzuwinken oder bonjour zu sagen oder ein anderes Zeichen von Menschlichkeit zu geben. Aber sie winken nicht, sagen nicht bonjour und geben auch sonst kein Zeichen. Gesund, braungebrannt, schwitzend, betrunken, mit Brombeeren vollgestopft, innerlich lachend und die Grausamkeit dieses Lachens fürchtend, fühle ich mich großartig. Ich fühle mich immer großartig, wenn ich einen Gomer sehe. Jetzt liebe ich diese Gomers.

»Schön, es mag in Frankreich Gomers geben, aber du brauchst dich nicht um sie zu kümmern.«

Sie wendet sich wieder ihrer Artischocke zu, und die Vinaigrette läuft ihr über das Kinn. Sie wischt sie nicht ab. Das würde auch nicht zu ihr passen. Sie genießt das fettige Gefühl des Öls, das Brennen der Vinaigrette. Sie genießt ihre Nacktheit, ihre eigene Unachtsamkeit, das Öl, ihr Behagen. Ich fühle, wie sie erregt wird. Jetzt sieht sie mich wieder an. Habe ich das laut gesagt? Nein. Während wir uns ansehen, tropft ihr die Vinaigrette vom Kinn auf die Brust. Wir sehen zu. Sie läuft langsam die Rundung hinunter zur Brustwarze hin. Ohne Worte wetten wir, ob sie es schafft oder ob sie zur einen oder anderen Seite abgelenkt wird. Ich schalte zurück in die Medizin und denke an Metastasen in den Achsellymphknoten. Brustamputation. Statistiken. Berry lächelt mich an, bemerkt meine Rückkehr zum Tod nicht. Die Vinaigrette setzt ihren Weg fort, läuft an der Brustwarze entlang und hängt nun dort. Wir grinsen.

»Hör auf mit deinen Gomers, komm her und leck das ab.«

»Sie können mich immer noch quälen.«

»Nein, können sie nicht. Komm her.«

Als meine Lippen ihre Brustwarze berühren, spüre ich, wie diese sich aufrichtet. Ich schmecke die Säure der Vinaigrette und stelle mir einen Herzstillstand vor. Viele Leute sind im Raum, ich bin einer der letzten, die hereinkommen. Auf dem Bett liegt ein junger Patient, intubiert, künstlich beatmet. Der Resident versucht, eine dicke Braunüle zu legen, der Medizinstudent rennt ständig um das Bett herum. Jeder im Raum weiß, daß der Patient sterben wird. Eine der Intensiv-Schwestern kniet auf dem Bett und macht Herzmassage, eine Rothaarige aus Hawaii mit breiten Oberschenkeln und dicken Titten. Titten aus Hawaii. Er war ihr Patient, und sie war als erste bei ihm. Ich stehe in der Tür und sehe zu: Ihr weißer Rock ist hochgerutscht, so daß sie über dem Patienten knien kann, den Hintern herausgestreckt. Sie trägt ein geblümtes Höschen. Ich kann die Blütenblätter durch die Maschen der weißen Strumpfhose erkennen. Ich denke an Hawaii. Auf und ab, auf und ab bewegt sich ihr Hintern, auf und ab mitten in Blut und Erbrochenem und Urin und Kot und Menschen. Surferwellen an vulkanischen Stränden, auf und ab, auf und ab. Ein phantastisches Fahrgestell von einem Hintern. Ich gehe zu ihr und lege meine Hand darauf. Sie dreht sich zu mir um, lächelt und sagt: Oh, hallo Roy, und drückt weiter. Ich massiere ihren Hintern, sie bewegt sich auf und ab, meine Hand geht rund herum. Ich flüstere ihr etwas Unanständiges ins Ohr. Mit beiden Händen ziehe ich ihr die Strumpfhose herunter und dann das Höschen bis zu den Knien. Sie pumpt weiter. Ich lasse eine Hand in ihren Schritt gleiten, mit der anderen streichle ich die Innenseite ihrer Oberschenkel auf und ab und auf und ab, im gleichen Rhythmus, in dem sie den Brustkorb zur Wiederbelebung zusammenpreßt. Mit ihrer freien Hand knöpft sie mir die weiße Hose auf und greift nach meinem erigierten Penis. Die Spannung ist unglaublich. Man ruft nach »Adrenalin!« und »Defi«!

Die Elektroden des Defibrillators werden an die Brust des Patienten gelegt, um dem sterbenden Herzen Elektroschocks zu versetzen. Jemand ruft: »Alles runter vom Bett!« und das Mädchen aus Hawaii gleitet herunter auf meinen Penis.

»Schock!«

SSZZZZZZ.

Man versetzt dem Patienten einen Stromstoß. Der Körper bäumt sich im Bett auf, weil die Muskeln sich bei 300 Volt zusammenziehen, aber der Monitor zeigt eine Nullinie. Das Herz ist tot. Ein Intern, der Kleine, betritt den Raum. Es ist sein Patient. Er wirkt zornig, sieht aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Dann bemerkt er das Mädchen aus Hawaii und mich bei der Sache, und Überraschung steht in seinen Augen. Ich drehe mich zu ihm um und sage:

»Kopf hoch, Kleiner, es ist unmöglich, mit einer Erektion niedergeschlagen zu sein.«

Der Traum endet damit, daß der junge Patient tot ist und wir alle uns mit Sex auf dem von Blut rutschigen Boden trösten und singen, während wir uns zum Orgasmus schaukeln:

»I wanna go back to my little grass shack in Kooalakahoo HA-WAAAAA-EEEEEE!…..

[home]

II.Das HOUSE OF GOD

»Wir kamen hierher, um Gott zu dienen,und auch, um reich zu werden.«

 

Bernal Diaz del Castillo, Wahrhafte Geschichteder Entdeckung und Eroberung Mexikos.

2

Das House of God wurde 1913 von den American People of Israel gegründet, als deren medizinisch ambitionierte Söhne und Töchter keine Internships in guten amerikanischen Krankenhäusern bekamen, weil sie Juden waren. Dem großen Engagement der Gründer ist es zu danken, daß das House bald ehrgeizige Ärzte anzog und zum Lehrkrankenhaus der weltweit angesehenen BMS – Best Medical School – aufstieg. Nach außen hin zu höchsten Ehren gelangt, zerfiel es innerlich in viele Hierarchie-Ebenen. Auf der untersten befinden sich mittlerweile diejenigen, für die es eigentlich errichtet worden war, die Ärzte des Hauses. Und unter den Ärzten wiederum steht der Intern auf der untersten Stufe.

Das Gefälle vom Gipfel der medizinischen Hierarchie läuft offiziell unten direkt beim Intern aus. Aber auch in den anderen Hierarchien steht der Intern – wenn auch inoffiziell – auf der niedrigsten Stufe. Private Doctors, Hausverwaltung, Schwestern, Patienten, Sozialdienst, Telephon- und Piepserzentrale, Rezeption und Wirtschaftszentrale können ihn jederzeit auf mancherlei trickreiche Weise ausnutzen. Die Wirtschaftszentrale ist zuständig für Betten, Heizung, Toiletten, Wäsche und allgemeine Reparaturen. Von ihrem guten Willen ist ein Intern vollkommen abhängig.

Die medizinische Hierarchie des House of God ist eine Pyramide: viele ganz unten und ein einziger an der Spitze. Wegen der Mentalität, die erforderlich ist, um die Spitze zu erklimmen, gleicht sie allerdings eher einer Eistüte: Man muß sich seinen Weg nach oben lecken. Durch den ständigen Gebrauch der Zunge für den nächsthöheren Arsch sind die Wenigen auf dem Weg zum Gipfel nur noch Zunge. Eine Kartierung ihres sensiblen Kortex würde einen Homunculus mit einer Mammutzunge zeigen, die einen gewaltigen Teil des Gehirns überlappt. Das Gute an dieser Eistüte ist, daß man von unten einen klaren Blick auf die Schleckerei hat: Da sind sie, die Schlecker, gierige, optimistische Kinder in einer Eisdiele im Juli, die lecken und lecken und lecken. Ein phantastischer Anblick.

Das House of God war bekannt für seine Fortschrittlichkeit, besonders was die Behandlung seiner Ärzte anging. Es war eins der ersten Krankenhäuser, die eine kostenlose Eheberatung anboten, und, wenn diese nicht fruchtete, zur Scheidung rieten. Durchschnittlich nahmen achtzig Prozent der verheirateten Söhne und Töchter während ihrer Zeit im House diesen Rat an, trennten sich von ihren Partnern und ließen sich mit irgend jemandem aus den Reihen der Private Doctors, Hausverwaltung, Schwestern, Patienten, Sozialdienst, Telephon- und Piepserzentrale, Rezeption oder Wirtschaftszentrale ein. Ebenfalls in fortschrittlicher Absicht glaubte man, die Interns, die für dieses eine schreckliche Jahr ins House kommen, auf freundliche Weise begrüßen zu müssen.

Man lud uns für Montag, den 30. Juni, einen Tag bevor wir anfangen sollten, zu einem ganztägigen Einführungsgespräch ein, inklusive Mittagessen, das vom BM-Deli ausgerichtet wurde. Bei dieser Veranstaltung sollten wir einigen ausgewählten Mitgliedern aller Hierarchieebenen vorgestellt werden.

Am Sonntagnachmittag vor dem BM-Deli-Montag vor jenem Dienstag, dem schrecklichen ersten Juli, lag ich im Bett. Der Juni ging mit einem letzten Sonnenstrahl zu Ende, aber meine Jalousien waren heruntergelassen. Nixon war mal wieder auf einer Gipfelpartie, um Kossigyn zu wichsen, »Mo« Dean quälte sich mit der Frage, welches Kleid sie bei den Watergate-Anhörungen tragen sollte, und ich litt. Mein Leiden war nicht etwa das moderne Leiden der Entfremdung oder Langeweile, wie es viele Amerikaner häufig befällt, wenn sie die Fernsehdokumentation »Die Louds: Eine kalifornische Familie« ansehen, mit ihrem teuren Landhaus, drei Autos, nierenförmigem Swimmingpool und nicht einem einzigen Buch. Mein Leiden war Angst. Obwohl ich immer ein As gewesen bin, fürchtete ich mich zu Tode. Es graute mir davor, Intern im House of God zu werden.

Ich war nicht allein im Bett. Berry war bei mir. Unsere Beziehung, die das Trauma meiner Jahre an der Best Medical School überlebt hatte, blühte in reichen Farben, war Lebendigkeit, Lachen, Abenteuer und Liebe. Außerdem waren noch zwei Bücher mit im Bett: das eine ein Geschenk meines Vater, dem Zahnarzt, ein Internship-Buch von der Art »Wie rette ich die Welt, ohne mir den Kittel schmutzig zu machen«. Alles über den Intern, der in letzter Minute hereinrauscht, die Dinge in die Hand nimmt und forsche Anweisungen bellt, die im Handumdrehen Leben retten. Das andere Buch hatte ich mir selbst gekauft, zum Thema Wie mache ich was als neuer Intern, ein Handbuch, in dem alles steht, was man wissen muß. Während ich in diesem Handbuch blätterte, war Berry, die Psychologin ist, mit Freud beschäftigt. Nach einigen Minuten Schweigen grunzte ich, ließ das Handbuch fallen und zog mir die Decke über den Kopf.

»Hilfe, Hiiilfe«, stöhnte ich.

»Roy, du bist in einem ganz schön miesen Zustand.«

»Wie schlimm ist es?«

»Ziemlich schlimm. Letzte Woche habe ich einen Patienten, der sich so unter der Bettdecke verkrochen hatte, eingewiesen, und der war nicht mal halb so verängstigt wie du.«

»Kannst du mich nicht auch einweisen?«

»Bist du krankenversichert?«

»Erst, wenn ich offiziell mit dem Internship angefangen habe.«

»Dann mußt du in eine staatliche Anstalt.«

»Was soll ich machen? Ich habe alles versucht, und ich fürchte mich immer noch zu Tode.«

»Versuch es mit Verleugnen.«

»Verleugnen?«

»Ja. Eine primitive Schutzmaßnahme. Leugne, daß es existiert.«

Also versuchte ich zu leugnen, daß es existierte. Obwohl ich damit nicht sehr weit kam, half mir Berry durch die Nacht und den nächsten Morgen. Am BM-Deli-Montag half sie mir, mich zu rasieren, mich anzuziehen und fuhr mich in die Stadt zum House of God. Irgend etwas hinderte mich daran, aus dem Auto zu steigen, also öffnete Berry meine Tür, lockte mich heraus und drückte mir einen Zettel in die Hand, auf dem stand »Warte um 5 Uhr hier auf Dich. Viel Glück. In Liebe, Berry.« Sie küßte mich auf die Wange und fuhr davon.

Ich stand in der dampfenden Hitze vor dem hohen urinfarbenen Gebäude, das ein Schild als The House of God auswies. Eine Abrißbirne zerschmetterte einen der Flügel des Hauses, um, wie auf einem anderen Schild erklärt wurde, Platz für den neuen »Zock-Flügel« zu schaffen. Ich spürte die Abrißbirne in meinem Schädel hin und herschwingen, betrat das House und suchte den »Festsaal«.

Der Chief Resident namens Fishberg, genannt der Fisch, hielt soeben die Begrüßungsansprache, und ich setzte mich. Der Fisch war klein, rundlich, blankgewienert und hatte gerade seine Fachausbildung in Gastroenterologie abgeschlossen, einer Spezialität des House of God. Die Position des Chief Resident befand sich in der Mitte des Eiscremekegels, und der Fisch wußte, wenn er in diesem Jahr gute Arbeit leistete, würde er von den oberen Schleckern mit einer festen Anstellung belohnt, also zum festangestellten Schlecker werden. Er stellte das Verbindungsglied zwischen den Interns und allen anderen dar, und äußerte die Hoffnung, »daß Sie mit all Ihren Problemen zu mir kommen werden«. Dabei glitt sein Blick zu den höheren Schleckern, die am Honoratiorentisch aufgereiht saßen. Schlau und schleimig strahlte er. Zu fröhlich. Ohne Gespür für unsere Angst. Meine Konzentration ließ nach und ich sah mich nach den anderen Interns im Saal um: Ein fescher Schwarzer hing lässig in seinem Stuhl. Gelangweilt bedeckte er mit einer Hand seine Augen. Noch eindrucksvoller war ein riesiger Kerl mit einem buschigen roten Bart. Er trug eine schwarze Lederjacke und eine durchgehende Sonnenbrille, ein schwarzer Motorradhelm baumelte ihm am Finger. Total abgefahren.

»… so bin ich Tag und Nacht erreichbar. Und jetzt ist es mir eine große Freude, Ihnen Dr. Leggo, den Chief of Medicine, vorzustellen.«

Aus einer Ecke kam mit steifen Schritten ein dünner, vertrocknet wirkender kleiner Mann zur Mitte des Rednertisches. Er hatte ein abstoßendes, violettes Muttermal auf einer Seite des Gesichts und trug einen weißen Kittel von Metzgerlänge. Ein langes, altmodisches Stethoskop wand sich über seine Brust, seinen Bauch hinunter und verschwand geheimnisvoll in seinen Hosen. »Wohin mag dieses Stethoskop gehen?« schoß es mir durch den Kopf. Er war Nephrologe: Nieren, Ureter, Blasen, Urethra und Dauerkatheter, des gestauten Harns bester Freund.

»Das House ist etwas Besonderes«, sagte der Chief. »Ein Teil dieser Besonderheit ist seine Anbindung an die BMS. Ich möchte Ihnen eine Geschichte über die BMS erzählen, die mir gezeigt hat, wie besonders die BMS und das House sind. Es ist eine Geschichte über einen BMS-Arzt und eine BMS-Schwester namens Peg. Sie zeigte mir, was es bedeutet, zum …«

Meine Gedanken begannen zu wandern. Der Leggo war eine weniger rundliche Version des Fisches. Es schien, als wäre durch seine zahlreichen Veröffentlichungen nach dem Motto »Wer schreibt, der bleibt« jeder Tropfen Menschlichkeit aus ihm herausgesaugt worden, und nun stünde er völlig trocken, entwässert, ja, urämisch da. So also sah man auf der Spitze der Eistüte aus, wenn man als Chief schließlich selbst nicht mehr schlecken mußte, sondern nur noch geschleckt wurde. »… und so kam Peg mit überraschtem Gesichtsausdruck zu mir und sagte: Dr. Leggo, wie konnten Sie daran zweifeln, daß diese Anordnung ausgeführt würde? Wenn ein BMS-Arzt einer BMS-Schwester eine Anweisung gibt, können Sie sicher sein, daß sie ausgeführt wird, und zwar richtig.«

Er machte eine Pause, als erwartete er Beifall. Alles schwieg. Ich gähnte und bemerkte, daß ich sofort ans Bumsen dachte.

»… und Sie werden sich sicher freuen, daß Peg kommen wird …«

HHRAAK! HHRAAAK!

Eine Hustenexplosion unterbrach den Leggo. Der Intern in der schwarzen Lederjacke krümmte sich, rang auf seinem Sitz nach Atem.

»… sie wird gegen Ende dieses Jahres vom City Hospital zu uns ins House kommen.«

Der Leggo fuhr fort mit einer Erklärung über die Heiligkeit des Lebens. Wie bei den Erklärungen des Papstes lag auch bei ihm die Betonung darauf, daß immer und für jeden in alle Ewigkeit alles getan werden mußte, um den Patienten am Leben zu halten. An jenem Tag wußten wir noch nicht, wie verheerend dies in der Praxis aussah. Dann ging der Leggo in seine Ecke zurück. Weder der Fisch noch der Leggo schienen eine genaue Vorstellung davon zu haben, was ein menschliches Wesen ausmacht.

Die anderen Redner waren natürlicher. Ein Typ von der Hausverwaltung im blauen Blazer mit goldenen Knöpfen belehrte uns darüber, daß eine Krankenakte ein juristisches Dokument sei, und berichtete, die Hausverwaltung sei erst kürzlich verklagt worden, weil irgendein Intern aus Spaß in eine Akte geschrieben habe, man hätte einen Patienten im Pflegeheim so lange auf der Bettpfanne liegen lassen, bis sich ein Druckgeschwür entwickelte, was bei der Überführung ins House of God zum Tod des Patienten geführt habe. Ein ausgemergelter Kardiologe namens Pinkus wies darauf hin, wie wichtig es sei, Hobbys zu haben, um Herzerkrankungen vorzubeugen. Seine beiden Hobbys seien Laufen, um fit zu bleiben, und Angeln, um sich zu entspannen. Und er setzte hinzu, daß jeder Patient, den wir zu sehen bekämen, ein rumpelndes, systolisches Herzgeräusch zu haben scheine. Wir würden aber bald erkennen, daß das Geräusch von den Preßluftbohrern im Zock-Flügel herrühre und wir unsere Stethoskope getrost wegwerfen könnten. Der Psychiater des House of God, ein traurig dreinblickender Mann mit einem Spitzbart, richtete seinen flehenden Blick auf uns und sagte, er sei bereit, uns zu helfen. Dann schockierte er uns mit der Bemerkung:

»Das Intern-Jahr ist nicht wie die Law School, wo es heißt, sieh nach rechts und sieh nach links. Einer von Ihnen wird am Ende dieses Jahres nicht mehr hier sein. Es ist eine harte Prüfung, Sie werden eine schwere Zeit haben. Wenn Sie es zu weit kommen lassen, nun … jedes Jahr müssen Absolventen von mindestens einer Medical School – vielleicht auch von zweien oder dreien – einspringen, um die Kollegen zu ersetzen, die Selbstmord begangen haben …«

HAA-RUMPH! HAAA-REMMM!

Der Fisch räusperte sich. Die Rede über Selbstmord gefiel ihm nicht, und er hustete sie ab.

»… und selbst hier im House of God erleben wir jedes Jahr Selbstmorde …«

»Vielen Dank, Dr. Frank«, sagte der Fisch und übernahm wieder das Steuer, schmierte die Räder der Veranstaltung, damit sie zum letzten medizinischen Redner rollen konnten, zu einem Vertreter der Private Doctors, der Belegärzte des House of God, zu Dr. Pearlstein.

Schon in der BMS hatte ich von Pearl gehört. Als er Chief Resident geworden war, brach er des lieben Geldes wegen seine akademische Laufbahn ab. Das Startkapital für seine eigene Praxis hatte er seinem älteren Partner abgeluchst, als der auf Urlaub in Florida weilte, und war mit der raschen Einführung der Computertechnologie, die seine Praxis vollkommen automatisierte, der reichste der reichen House Privates geworden. Als niedergelassener Gastroenterologe mit eigener Röntgenabteilung bediente er die wohlhabendsten Därme der Stadt. Er war der bevorzugte Arzt der Familie Zock, deren Zock-Flügel-Preßluftbohrer unsere Stethoskope nutzlos machten. Gepflegt, glitzernd vor Brillanten und im eleganten Anzug, wußte er, mit Menschen umzugehen und hatte uns in wenigen Sekunden in der Hand:

»Jeder Intern macht Fehler. Das Wichtigste ist, weder denselben Fehler zweimal zu machen, noch ein ganzes Bündel von Fehlern auf einmal. Während meines Internships hier im House of God starb einem Kollegen, der ehrgeizig dem akademischen Erfolg nachjagte, ein Patient, und die Familie verweigerte die Erlaubnis zur Obduktion. Mitten in der Nacht schob dieser Intern die Leiche in die Leichenhalle hinunter und machte heimlich eine Autopsie. Er wurde erwischt und streng bestraft, indem man ihn in den tiefen Süden schickte, wo er bis zum heutigen Tag in der Versenkung arbeitet. Also, denken Sie daran: Lassen Sie nicht zu, daß Ihre Begeisterung für die Medizin Ihrer Menschlichkeit in den Weg tritt. Es kann ein großartiges Jahr werden. Mir hat es den Start für das ermöglicht, was ich heute bin und was ich heute habe. Ich freue mich darauf, mit Ihnen allen zusammenzuarbeiten. Viel Glück, Jungs, viel Glück.«

Bei meiner Aversion gegenüber Leichen hätte er mich nicht warnen müssen. Andere dachten anders darüber. Hooper zum Beispiel, ein hyperaktiver Intern, der auf der BMS in meiner Klasse gewesen war, schien bei der Vorstellung, selbständig eine Autopsie vorzunehmen, geradezu abzuheben. Seine Augen leuchteten, er schaukelte erregt auf seinem Stuhl hin und her. Nun ja, dachte ich, was einen so anmacht …

Nach den üblichen humanitären Erklärungen kamen die Computer zu ihrem Recht, und der Fisch teilte unsere Arbeitspläne für das Jahr aus. Ein vollbusiges Mädchen erhob sich, um uns durch das Papierlabyrinth zu leiten. Sie sagte: »Das größte Problem, das Sie während Ihres Intern-Jahres haben werden, ist das Parken.«

Nachdem sie mehrere komplizierte Pläne der Parkplätze vom House of God erläutert hatte, gab sie Parkmarken aus und sagte: »Denken Sie daran, wir schleppen ab, und wir tun es gern. Während der Zock-Flügel hochgezogen wird, kleben Sie ihre Marke besser innen an die Windschutzscheibe. In den letzten Monaten haben die Bauarbeiter alle Marken abgerissen, die sie kriegen konnten. Und wenn Sie vorhaben, mit dem Fahrrad zu kommen, vergessen Sie’s. Jede Nacht ziehen hier Jugendbanden mit Bolzenschneidern durch. Kein Rad ist vor ihnen sicher. Und jetzt füllen wir unsere Computerformulare aus, damit wir unser Geld kriegen. Sie haben doch alle Ihre Nr.-2-Bleistifte mitgebracht, nicht wahr?«

Verdammt. Ich hatte sie vergessen. Solange ich lebe, habe ich versucht, daran zu denken, diese Nr.-2-Stifte mitzubringen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals daran gedacht zu haben. Aber irgendeiner hat sie immer dabei. Ich füllte die Formulare aus.

Der Fisch beendete die Veranstaltung mit der Vermutung:

»Sie möchten jetzt bestimmt auf die Stationen gehen, um Ihre Patienten schon einmal kennenzulernen.«

Obwohl es mir dabei kalt über den Rücken lief, da ich immer noch alles verleugnen wollte, verließ ich mit den anderen den Saal. Ich blieb etwas zurück und fand mich schließlich im vierten Stock in einem langen Flur wieder. In etwa zehn Metern Entfernung standen zwei Rollstühle, in denen zwei Patienten saßen. Eine Frau mit hellgelber Hautfarbe, Zeichen einer schweren Lebererkrankung, hing mit offenem Mund im Neonlicht, die Beine weit gespreizt, die Knöchel geschwollen und die Wangen eingefallen. In ihrem Haar steckte ein Reif. Neben ihr saß ein klappriger alter Mann mit einem wilden Strohdach von Haar über dem geäderten Schädel. Er schrie immer und immer wieder:

»He Doktor warten Sie he Doktor …«

Eine Infusionsflasche ließ gelbes Zeug in seinen Arm fließen und ein Dauerkatheter ließ gelbes Zeug aus der zinnoberroten Spitze seines Schwanzes herausfließen, der wie eine Hausschlange auf seinem Schenkel lag. Die Karawane der neuen Interns mußte sich einer nach dem anderen an diesen beiden Verlorenen vorbeischieben. Als ich bei ihnen ankam, hatte sich ein Verkehrsstau gebildet. Ich mußte stehenbleiben und warten. Der Schwarze und der Motorradfahrer warteten mit mir. Der Mann, auf dessen Namensschild »Harry das Pferd« stand, schrie immerzu:

»He Doktor warten Sie he Doktor warten Sie he Dok …«

Ich wandte mich der Frau zu. Auf ihrem Namensschild stand »Jane Doe«. Sie sang mit zunehmender Lautstärke eine chromatisch-phonetische Tonleiter: OOOO-AYYY-EEEE-IYYY-UUUU …

Auf unsere Aufmerksamkeit reagierte Jane Doe mit Bewegungen, als wollte sie uns berühren, und ich dachte, »Faß mich bloß nicht an!« und sie tat es nicht. Aber sie drückte einen langen, saftigen Furz ab. Gerüche haben mich immer umgehauen, und dieser hier erst recht. Ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. Oh nein, sie würden mich nicht dazu bringen, mir jetzt meine Patienten anzusehen. Ich drehte mich weg. Der Schwarze, er hieß Chuck, sah mich an.

»Wie findest du das?« fragte ich.

»Mann, das is traurig.«

Über uns ragte der Riese in der schwarzen Motorradkluft. Er zog seine Jacke wieder an und sagte:

»Jungs, in meiner Medical School in Kalifornien habe ich noch nie jemanden gesehen, der so alt war. Ich gehe nach Hause zu meiner Frau.«

Er drehte sich um, ging den Korridor zurück und verschwand im Fahrstuhl nach unten. Auf dem Rücken seiner schwarzen Motorradjacke stand in blanken Messingnieten:

EAT MY DUSTEDDIE

Jane Doe furzte wieder.

»Hast du auch eine Frau?« fragte ich Chuck.

»Nein.«

»Ich auch nicht. Aber das hier halte ich nicht aus. Unmöglich.«

»Gut, Mann, gehen wir einen trinken.«

Chuck und ich hatten dann eine ganze Menge Bourbon und Bier in uns hineingekippt und waren schließlich an dem Punkt angelangt, an dem wir über Jane Does Furzen und die ewige Litanei von Harry dem Pferd lachen konnten. Angefangen hatten wir damit, uns gegenseitig unseren Abscheu zu schildern, dann unsere Angst, und jetzt waren wir dabei, uns unsere Vergangenheit zu erzählen. Chuck war bettelarm in Memphis aufgewachsen. Ich fragte, wie er bei so bescheidener Herkunft bis zum Gipfel der akademischen Medizin, in das House of God gelangt war. »Also, Mann, das war so. Ich war in Memphis auf der High School, und eines Tages kommt diese Postkarte vom Oberlin College, da steht drauf: ›Wollen Sie ins College nach Oberlin? Wenn ja, schicken Sie diese Karte ausgefüllt zurück‹. Das war’s, Mann, das war alles. Keine Bewerbung, keine Aufnahmeprüfung, nichts. Hab ich natürlich zugeschlagen. Dann krieg ich diesen Brief, da heißt es, ich bin aufgenommen, vier Jahre, volles Stipendium. Und die weißen Jungs in meiner Klasse reißen sich den Arsch auf, um das zu kriegen. Also, ich war noch nie im Leben raus aus Tennessee, keine Ahnung von diesem Oberlin, nur einer, den ich frag, erzählt mir, die haben da ’ne Musikhochschule.«

»Hast du ein Instrument gespielt?«

»Spinnss du? Mein alter Herr hat als Nachtwächter Cowboy-Romane gelesen, und meine Alte hat Fußböden geschrubbt.

Das einzige, was ich gespielt hab, war Basketball. Am Tag, an dem ich fahren soll, sagt mein alter Herr: ›Junge, beim Militär bist du besser dran.‹ Also nehm ich den Bus nach Cleveland und dann umsteigen nach Oberlin, und ich weiß nich, ob ich in den richtigen Bus gestiegen bin, aber dann seh ich diese Typen mit den Musikinstrumenten und sag mir, jap, das muß richtig sein. Also, war ich in Oberlin. Hauptfach vorklinische Medizin, muß man nichts für tun, nur zwei Bücher lesen – die Ilias, hab ich nich geschnallt, und dies Wahnsinnsbuch über rote Killerameisen. Weiß du, da wurde dieser Typ gefangen, gefesselt auf die Erde gepackt, und diese Armee von roten Killerameisen kommt anmarschiert. Wahnsinn.«

»Und warum wolltest du dann zur Medical School?«

»Das war so, Mann, genauso. Im Abschlußjahr krieg ich diese Postkarte von der Universität von Chicago: ›Wollen Sie zur Medical School in Chicago? Wenn ja, schicken Sie diese Karte ausgefüllt zurück‹. Das war alles. Keine Aufnahmeprüfung, keine Bewerbung, nichts. Volles Stipendium, vier Jahre. Das war’s, und da bin ich dann hin.«

»Und das House of God, was war damit?«

»Auch so, Mann, genauso. Abschlußjahr, Postkarte: ›Wollen Sie Intern im House of God werden? Wenn ja, schicken Sie diese Karte ausgefüllt zurück‹. Das isses. Sonst noch was?« »Mann, du hast sie alle reingelegt.«

»Dachtich auch, aber weiß du, ich seh diese jammervollen Patienten und das alles, und ich denk, die Typen, die mir diese Postkarten geschickt haben, wußten genau, daß ich sie verarschen will, alles kriegen will. Also haben sie mich reingelegt und mir alles gegeben. Mein alter Herr hat recht: Die erste Postkarte war mein Ruin. Hätte lieber zur Army gehn solln.«

»Wenigstens hast du ’ne gute Geschichte über die Killerameisen gelesen.«

»Jap, nichts gegen zu sagen. Was is mit dir?«

»Mit mir? Auf dem Papier steh ich gut da. Nach der Schule hatte ich für drei Jahre ein Rhodes Stipendium in England.« »Donnerwetter! Du mußt ja ’n Supersportler sein. Was spielst du?«

»Golf.«

»Spinnss du? Mit so kleinen, weißen Bällen?«

»Genau. Oxford hatte offensichtlich genug von den dummen Rhodes-Jockeys. In meinem Jahr wollten sie mehr Köpfchen. Einer von uns spielte Bridge.«

»Wie alt bist du’n eigentlich, Mann?«

»Am 4. Juli werde ich dreißig.«

»Mann, du bis ja älter als wir alle. Steinalt.«

»Ich hätte lieber nicht ins House kommen sollen. Mein ganzes Leben drehte sich um diese verflixten Nr.-2-Bleistifte. Man sollte meinen, inzwischen hätte ich’s kapiert.«

»Also, was ich wirklich sein möchte, Mann, ist Sänger. Ich hab ’ne echt tolle Stimme. Hör zu.«

Im Falsett, Töne und Worte mit seinen Händen formend, sang Chuck: »There’s a … moone out toonight, wo-o-o-oow, and 1 know … if you held me tight, wo-o-o-owww …«

Ein schönes Lied, und er hatte eine schöne Stimme, alles war schön, und ich sagte es ihm. Wir waren beide glücklich. Im Angesicht dessen, was uns bevorstand, war es so ähnlich, als wenn man sich verliebt. Nach einigen weiteren Drinks fanden wir, wir wären glücklich genug, um zu gehen. Ich griff in meine Tasche, um zu bezahlen und fand Berrys Zettel.

»Oh, Scheiße,« sagte ich, »Ich bin zu spät. Gehen wir.«

Wir bezahlten und traten auf die Straße. Die Hitze war von einem Sommerregen fortgespült worden. Bei Donnergrollen und Blitzen wurden wir klatschnaß und sangen durch das Autofenster zu Berry hinein. Chuck verabschiedete sich, und als er zu seinem Wagen ging, rief ich ihm nach:

»He, ich hab vergessen, dich zu fragen, wo du morgen anfängst?«

»Wer weiß, Mann, wer weiß.«

»Warte, ich seh nach.« Ich angelte meinen Computerausdruck heraus und sah, daß Chuck und ich zunächst auf derselben Station sein würden. »He, wir werden zusammen arbeiten.«

»Das iss cool, Mann, iss echt cool. Bis dann.«

Ich mochte ihn. Er war schwarz, und er hatte durchgehalten. Mit ihm zusammen würde auch ich durchhalten. Der erste Juli sah nun nicht mehr ganz so furchterregend aus.

Berry war besorgt, weil ich meine Verleugnungstaktik mit Bourbon angereichert hatte. Ich war albern und sie ernst, und sie meinte, dieses erste Mal, daß ich eine Verabredung mit ihr vergessen hatte, könnte ein Vorzeichen für die Probleme sein, die wir im kommenden Jahr haben würden. Ich versuchte, ihr etwas über das BM-Essen zu berichten und konnte es nicht. Als ich ihr lachend von Harry dem Pferd und der furzenden Jane Doe erzählte, fand sie das gar nicht komisch.

»Wie kannst du darüber lachen? Das klingt bemitleidenswert.«

»Das ist es auch. Ich fürchte, das Verleugnen hat nicht funktioniert.«

Im Briefkasten war ein Brief von meinem Vater. Ein Optimist, ein Meister der Konjunktion. Seine Briefe liefen nach folgendem Muster ab: Satz – Konjunktion – Satz.

… Ich weiß, es gibt viel in der Medizin zu lernen, und alles ist neu. Es ist immer faszinierend, und es gibt nichts Erstaunlicheres als den menschlichen Körper. An den physisch harten Teil des Berufs gewöhnt man sich schnell, und du mußt auf deine Gesundheit achten. Ich hatte Mittwoch beim Golf eine achtzig, und ich putte jetzt besser …

Berry brachte mich früh ins Bett und ging dann in ihre Wohnung. Ich war bald in die samtene Robe des Schlafes eingehüllt und strebte dem Traumkaleidoskop entgegen. Zufrieden, glücklich, gar nicht mehr verängstigt murmelte ich grinsend »Hallo, Traum« und war bald in Oxford, England, beim Mittagessen im Senior Common Room von Balliol College, rechts und links neben mir ein Fellow aus dem 7. Jahrhundert. Wir aßen fades Essen von feinem Porzellan und diskutierten darüber, daß die pingeligen Deutschen nach fünfzig Jahren Arbeit an ihrem umfassenden Lexikon aller jemals benutzten lateinischen Wörter erst beim Buchstaben K angelangt waren. Und dann war ich ein Kind, lief nach dem Abendbrot mit dem Baseballhandschuh in der Hand in den Sommernebel, sprang im warmen Zwielicht hoch und höher, und dann sah ich, in einem Strudel von Angst, einen Wanderzirkus von den Klippen ins Meer stürzen, die Haie zerfleischten den üppigen Hintern eines Beuteltiers, das bemalte Gesicht des ertrunkenen Clowns zerfloß in der kalten, unmenschlichen Salzlake.

3

Der Dicke dürfte der erste gewesen sein, der mir zeigte, was ein Gomer ist. Er war mein erster Resident und half mir, von einem BMS-Studenten zu einem Intern im House of God zu werden. Er war wundervoll und ein Wunder an sich. In Brooklyn geboren, in New York City aufgewachsen, vital, unerschütterlich, brillant, tüchtig. Angefangen bei seinem glatten, schwarzen Haar, seinen scharfen, schwarzen Augen, dem wulstigen Kinn, dem enormen Bauch, der seine Gürtelschnalle wie einen blanken Fisch auf seinem Leib auf und ab gleiten ließ, bis hinunter zu seinen breiten, schwarzen Schuhen war der Dicke einfach phantastisch. Nur New York City konnte ein solches Geschöpf hervorbringen. Als Dank betrachtete der Dicke die Wildnis westlich des großen Grenzstreifens, dem Riverside Drive, mit äußerstem Mißtrauen. Die einzige Ausnahme, die er in seinem städtischen Provinzlertum gelten ließ, war Hollywood, das Hollywood der Filmstars.

Am Morgen des ersten Juli, um 6 Uhr 30, verschlang mich das House of God, und ich stand in einem langen, giftgrünen Korridor im sechsten Stock. Das war Station 6-Süd, wo ich anfangen sollte. Eine Schwester mit herrlich behaarten Unterarmen wies mir den Weg zum Dienstzimmer des House Officers, wo die Visite stattfand. Ich öffnete die Tür und trat ein. Ich bestand nur noch aus Angst. Wie Freud via Berry gesagt hatte, kam meine Angst »auf direktem Wege vom Es«.

Um den Tisch herum saßen fünf Personen. Der Dicke und ein Intern, Wayne Potts, ein Südstaatler, den ich von der BMS kannte, ein netter Junge, aber depressiv, gehemmt und irgendwie zusammengesackt. Er war strahlend weiß gekleidet, und seine Taschen beulten sich aus vor lauter Instrumenten. Die drei anderen glühten vor Eifer, und daraus schloß ich, daß es BMS-Studenten waren, die ihr medizinisches Praktikum machten. Jeder Intern bekam für das ganze Jahr einen BMS aufgedrückt. »Wird auch Zeit«, sagte der Dicke und biß in ein Brötchen. »Wo bleibt der andere Vogel?«

Ich nahm an, er meinte Chuck, und sagte: »Ich weiß es nicht.«

»Dämlicher Vogel«, sagte der Dicke. »Wegen dem komme ich noch zu spät zum Frühstück.«

Ein Piepser ging los, und Potts und ich erstarrten. Es war der des Dicken: »Zentrale für den Dicken, ein Gespräch von außerhalb, Zentrale für den Dicken, ein Gespräch von außerhalb, sofort.«

»Hallo, Murray, was gibt’s?« sagte der Dicke in den Apparat. »Ah, gut. Was? Ein Name? Sicher, ja, kein Problem, Moment mal.« Zu uns gewandt fragte er: »Sagt mir einen griffigen Arztnamen, ihr komischen Vögel.«

Ich dachte an Berry und sagte: »Freud.«

»Freud? Nein. Einen anderen. Schnell.«

»Jung.«

»Jung? Jung. Murray? Ich hab’s. Nenn’ es Dr. Jung’s. Sehr gut. Denk dran, Murray, wir werden reich. Millionen. Wiedersehen.« Der Dicke wandte sich wieder zu uns und sagte mit zufriedenem Grinsen: »Ein Vermögen. Ha! OK, fangen wir die Visite ohne den andren Intern an.«

»Gut«, sagte einer der Studenten und stand auf. »Ich hole den Aktenwagen. An welchem Ende der Station beginnen wir?«

»Setzen Sie sich!« sagte der Dicke. »Was reden Sie da?«

»Wollen wir nicht Visite machen?« fragte der BMS.

»Das wollen wir, und zwar genau hier.«

»Aber … aber sehen wir uns die Patienten nicht an?«

»In der Inneren Medizin muß man sich die Patienten nicht ansehen. Allen Patienten geht es besser, wenn man sie nicht sieht. Sehen Sie diese Finger?«

Wir sahen uns die kurzen fetten Finger des Dicken aufmerksam an.

»Diese Finger berühren den Körper eines Patienten nur, wenn es sein muß. Sie wollen Körper sehen, gut, gehen Sie, sehen Sie sie sich an. Ich habe genügend Körper gesehen, vor allem von Gomers, das reicht mir fürs ganze Leben.«

»Was ist ein Gomer?« fragte ich.

»Was ein Gomer ist?« sagte der Dicke. Mit einem kleinen Grinsen buchstabierte er: »G-O …«

Er hielt inne, den Mund zum O geformt, und starrte zur Tür. Da stand Chuck in einem bis zu den Schuhen reichenden braunen Ledermantel mit braunen Fellkanten, Sonnenbrille und einem braunen Lederhut mit breiter Krempe und einer roten Feder. Er ging schwerfällig auf Plateausohlen und sah aus, als hätte er die Nacht durchgetanzt.

»He, Mann, was liegt an?« sagte Chuck, glitt auf den nächststehenden Stuhl, sackte zusammen und bedeckte die Augen mit einer matten Hand. Mit einstudierter Geste knöpfte er seinen Mantel auf und warf sein Stethoskop auf den Tisch. Es war kaputt. Er sah es an und sagte: »Oh, hab wohl mein ›skop kaputtgemacht. Harter Tag.«

»Du siehst aus wie ein Straßengangster,« sagte ein BMS. »Genau, Mann. In Chicago, wo ich herkomm’, gibt’s nur zwei Typen, die Klauer und die Beklauten. Mann, du wirst automatisch beklaut, wenn du nich’ wie ’n Klauer aussiehst. Kapiert?«

»Laßt gut sein«, sagte der Dicke. »Hören Sie zu. Ich war für heute eigentlich nicht als Ihr Resident vorgesehen. Eine Frau namens Jo sollte es sein, aber ihr Vater ist gestern von einer Brücke gesprungen und ist tot. Das House hat unsere Dienstpläne getauscht, und so bin ich jetzt für die nächsten drei Wochen Ihr Resident. Nach allem, was ich im letzten Jahr als Inlern angestellt habe, wollte man mir eigentlich die neuen Interns nicht ausliefern, aber sie hatten keine Wahl. Und warum wollten sie nicht, daß Sie an Ihrem ersten Tag als Ärzte ausgerechnet auf mich stoßen? Weil ich alles sage, wie es ist – keine Quatschologie. Der Fisch und der Leggo wollen nicht, daß Sie zu schnell entmutigt werden. Und sie haben recht. Wenn Sie jetzt schon genauso deprimiert beginnen, wie Sie im Februar sein werden, springen Sie im Februar von einer Brücke, genau wie der Paps von Jo. Der Fisch und der Leggo wollen, daß Sie sich Ihre Illusionen erhalten, damit Sie nicht in Panik geraten. Ich weiß genau, wieviel Angst Sie drei heute haben.«

Ich liebte ihn. Er war der erste, der zugab, daß er unsere Angst kannte.

»Weswegen muß man denn deprimiert sein?« fragte Potts.

»Die Gomers«, sagte der Dicke.

»Was ist ein Gomer?«

Von draußen kam ein anhaltender, schriller Schrei: »Geh weg geh weg geh weg …«

»Wer hat heute Dienst? Ihr drei Interns wechselt euch ab, und Sie nehmen nur Patienten auf, wenn Sie Dienst haben. Wer ist heute dran?«

»Ich«, sagte Potts.

»Gut. Dieses gräßliche Geschrei kommt von einem Gomer. Wenn ich mich nicht irre, von einer gewissen Ina Goober, die ich letztes Jahr sechsmal aufgenommen habe. Gomer ist ein Akronym: Get Out of My Emergency Room – raus aus meiner Notaufnahme. Das möchten Sie nämlich sagen, wenn Ihnen um 3 Uhr nachts so einer aus dem Pflegeheim hergeschickt wird.«

»Ich finde das ziemlich hart«, sagte Potts. »Nicht jeder denkt so über alte Leute.«

»Glauben Sie vielleicht, ich hätte keine Großmutter?« fragte der Dicke ärgerlich. »Ich habe eine, und sie ist eine nette, freundliche, wundervolle alte Dame. Ihre Matze-Klöße sind so leicht, sie schweben richtig. Man muß sie festnageln, um sie essen zu können. Durch ihre Leichtigkeit schwebt sogar die Suppe. Wir pflegen auf Leitern zu essen und kratzen das Essen von der Decke. Ich liebe …« Der Dicke mußte innehalten und sich Tränen aus den Augen wischen. Dann fuhr er leise fort: »Ich liebe sie sehr.«

Ich dachte an meinen Großvater. Ich liebte ihn auch.

»Aber Gomers sind keine netten, alten Leute,« sagte der Dicke.

»Gomers sind Wesen, die das verloren haben, was ein menschliches Wesen ausmacht. Sie wollen sterben, und wir lassen sie nicht sterben. Wir sind grausam zu den Gomers, und sie sind grausam zu uns, indem sie mit Zähnen und Klauen gegen unsere Versuche ankämpfen, sie zu retten. Sie quälen uns, wir quälen sie.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Potts.

»Wenn Sie Ina gesehen haben, werden Sie es verstehen. Hören Sie zu, ich habe zwar gesagt, ich sehe mir keine Patienten an, aber ich bin hier, wenn Sie mich brauchen. Wenn Sie klug sind, machen Sie Gebrauch von mir. Denken Sie an diese aufgedonnerten Jets, die die Gomers nach Miami bringen: Ich bin der Dicke, fliegen Sie mit mir. So, und jetzt lassen Sie uns Karten legen.«

Die Effizienz der Welt des Dicken beruhte auf dem Konzept der DIN-A5-Karteikarte. Er liebte DIN-A5-Karten. Mit den Worten, »es gibt kein menschliches Wesen, dessen medizinische Daten nicht auf einer DIN-A5-Karte aufgelistet werden könnten«, legte er zwei dicke Stapel auf den Tisch. Der eine war für ihn, den anderen, die Duplikate, teilte er in drei gleiche Teile und händigte jedem von uns neuen Interns einen aus. Auf jeder Karte standen die Daten eines Patienten, unseres Patienten, meines Patienten. Der Dicke erklärte uns, wie er bei seinen Visiten die Karten aufdeckte und von dem zuständigen Intern erwartete, daß er über alle Maßnahmen an seinen Patienten berichtet. Nicht, daß er unbedingt Erfolge erwartete, aber wenigstens einige Daten, damit er am späteren Vormittag beim darauf folgenden Kartenflip, einer komprimierten Version des Kartenlegens mit dem Fisch und dem Leggo, »irgendeinen Quatsch« berichten könne. Die Neuaufnahmen des Intern, der in der Nacht Dienst gehabt hatte, sollten immer die ersten des Stapels sein. Er sei nicht an blumigen Ausarbeitungen akademischer Theorien über die jeweilige Krankheit interessiert, erklärte der Dicke. Nicht, daß er unakademisch vorgehe, im Gegenteil, er sei der einzige Resident, der seine eigene Referenzkartei aller Krankheiten besaß: auf DIN-A5-Karten. Er liebte Verweise auf DIN-A5-Karten. Er liebte alles, was auf DIN-A5-Karten stand. Aber er hatte strenge Prioritäten, und an allererster Stelle stand das Essen. Bevor dieser ehrfurchtgebietende Panzer, in dem sein Verstand saß, durch den gierigen Stutzen seines Mundes vollgetankt war, hatte der Dicke keine Geduld für die Medizin, weder für die akademische noch für eine andere, oder für sonst irgend etwas.

Als die Visite vorbei war, ging der Dicke zum Frühstück und wir auf die Station, um die Patienten auf unseren Karten kennenzulernen. Potts, grün im Gesicht, sagte:

»Roy, ich bin so nervös wie eine Hure in der Kirche.«

Levy, mein BMS-Student, wollte mich zu meinen Patienten begleiten, aber ich scheuchte ihn weg zur Bibliothek, wo sich alle BMS-Studenten gern aufhalten. Chuck, Potts und ich standen in der Stationszentrale, und die Schwester mit den behaarten Unterarmen sagte zu Potts, die Frau auf der Trage sei seine erste Aufnahme für heute und sie heiße Ina Goober. Ina war ein großer Fleischklops, der aufrecht auf einer Trage saß. Sie trug ein Hemd, das wie eine Art Uniform aussah und quer über ihrer Brust die Aufschrift trug: »Das Neue Masada Pflegeheim«. Böse umklammerte sie ihre Handtasche und schrie schrill und durchdringend:

»Geh weg geh weg geh weg …«

Potts tat, was im Lehrbuch steht. Er stellte sich vor: »Hallo, Mrs. Goober, ich bin Dr. Potts. Ich werde mich um Sie kümmern.«

Ina kreischte noch lauter: »Geh weg geh weg geh weg …«

Potts versuchte es mit der anderen im Lehrbuch empfohlenen Methode und griff nach ihrer rechten Hand. Blitzschnell versetzte Ina ihm mit ihrer Tasche einen linken Haken, der ihn gegen den Aufnahmetresen zurückstieß. Diese Bösartigkeit erschreckte uns. Potts rieb sich den Kopf und fragte Maxine, die Schwester, ob Ina einen Private Doctor habe, der ihm Informationen geben könne.

»Ja«, sagte Maxine, »Dr. Kreinberg. Der kleine Otto Kreinberg. Das ist der dahinten, der die Anordnungen in Inas Akte einträgt.«

»Belegärzte dürfen nichts verordnen«, sagte Potts, »das ist gegen die Vorschrift. Nur Interns und Residents verordnen.«

»Der kleine Otto ist anders. Er will nicht, daß Sie für seine Patienten etwas verordnen.«

»Darüber werde ich sofort mit ihm reden.«

»Bitte sehr. Klein-Otto spricht nicht mit Interns. Er haßt Sie.«

»Er haßt mich?«

»Er haßt jeden. Sehen Sie, er hat vor dreißig Jahren etwas erfunden, das mit dem Herzen zu tun hat, und hat erwartet, dafür den Nobelpreis zu bekommen. Hat er aber nicht. Darum ist er verbittert. Er haßt jeden, vor allem Interns.«

»He, Mann«, sagte Chuck, »is bestimmt ’ne große Sache. Bis später.«

Ich hatte solche Angst, meinen Patienten gegenüberzutreten, daß ich Durchfall bekam und mit meinem Wie-mache-ich-was-Handbuch auf den Knien auf der Toilette saß. Mein Piepser ging los: »Dr. Basch bitte sofort nach Station 6-Süd, Dr. Basch …«