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Der Kometenschauer zeigt dir den Weg. Wagst du es, ihm zu folgen?
Jupiter hat es geschafft, einen Weg nach Hause zu finden. Zu spät erkennt sie jedoch, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen und ihre Freunde in höchste Gefahr gebracht hat. Sie muss schleunigst nach Zodiac zurückkehren, um sie zu retten. Doch kaum dort angekommen, ist es ausgerechnet Jupiter, die plötzlich zur Gejagten wird. Der Konflikt zwischen den vier Herrscherhäusern Zodiacs spitzt sich weiter zu – und das bedeutet, dass Jupiter und Nox getrennte Wege gehen müssen …
Astrologie trifft auf Slow-burn-Romantasy – die »House of Zodiac«-Reihe von Phantastikpreisträgerin Nicole Böhm!
Band 1: House of Zodiac – Sternenstaub
Band 2: House of Zodiac – Kometenschauer
Band 3: House of Zodiac – Sonnensturm
Band 4: House of Zodiac – Mondfinsternis
Enthaltene Tropes: Forced Proximity, Enemies to Lovers, Forbidden Love/Romance, Found Family, Slow Burn
Spice-Level: 1 von 5
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Seitenzahl: 652
Veröffentlichungsjahr: 2026
Jupiter hat es geschafft, einen Weg nach Hause zu finden. Zu spät erkennt sie jedoch, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen und ihre Freunde in höchste Gefahr gebracht hat. Sie muss schleunigst nach Zodiac zurückkehren, um sie zu retten. Doch kaum dort angekommen, ist es ausgerechnet Jupiter, die plötzlich zur Gejagten wird. Der Konflikt zwischen den vier Herrscherhäusern Zodiacs spitzt sich weiter zu …
Nicole Böhm, 1974 in Germersheim geboren, sehnte sich schon immer nach einem Beruf, in dem sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnte. Nach einem Zeichenstudium in Arizona, einer Musicalausbildung in New York sowie mehrjähriger Arbeit als Fotografin merkte sie jedoch, dass ihre wahre Leidenschaft im Schreiben von Geschichten liegt. Seither träumt sie sich am liebsten in fremde Welten oder lässt ihre Protagonisten dramatische Lovestorys erleben. 2019 gewann Nicole Böhm den Deutscher Phantastik Preis für den besten Roman, weitere erfolgreiche Publikationen folgten. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Pferd Bashir in der Domstadt Speyer.
Weitere Informationen unter: www.nicole-boehm.de
Von Nicole Böhm bereits erschienen
House of Zodiac – Sternenstaub
Nicole Böhm
Kometenschauer
Roman
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Originalausgabe 2026 by Blanvalet
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © 2026 by Nicole Böhm
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur.
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Klaudia Szabo
Umschlaggestaltung & -motiv: Alexander Kopainski
DK · Herstellung: fe
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-31718-8V001
www.blanvalet.de
Kann man einen Gott töten?
Unvollständige Notizen der Kurati, gefunden ein Jahr nach der Ära der Weltenverschiebung
Vor dreizehn Tagen bei der letzten Vollmondwende
Der Weltenbeobachter sieht alles und weiß dennoch nichts.
Er ist ein König ohne Schloss.
Der Herrscher eines vergessenen Volkes, das nur für den Bruchteil einer Sekunde existiert. Und wie die Existenz seiner Untertanen, so ist auch sein Leben auf die Momente beschränkt, wenn der volle Mond für drei Tage und drei Nächte seine Magie auf die Erde ausschüttet.
Dann ist er alles.
Dann hört er alles.
Dann sieht er alles.
Wie die junge Frau, die an jenem Morgen vor dreißig Tagen blutüberströmt und voller Angst durch den Wald auf den Jahrmarkt zueilte in dem irren Glauben, sie wäre dort sicher.
Der Weltenbeobachter hat sie mit all seinen Sinnen wahrgenommen. Das Pochen ihres Herzens, das wie Paukenschläge gegen sein Innerstes hämmerte. Der Geschmack ihrer Verzweiflung, so süß und berauschend. Der Duft ihrer Angst, der aus jeder ihrer Poren drang.
Sie war auf der Flucht vor dem Mann des Schattens. Er hat ihre Familie getötet. Die Mutter. Den Vater. Am Ende wollte er auch sie, aber sie hat es geschafft, auf die Ebene zwischen den Realitäten zu gelangen. Dort, wo er seit Jahrhunderten sein Dasein fristet und wo alle armen Seelen festhängen, die töricht genug sind, sich ihm zuzuwenden.
Der Weltenbeobachter bietet all jenen, die sich zu ihm verirren, ein Heim ohne Wärme. Eine Familie ohne Liebe. Er verschlingt sie mit seiner Dunkelheit und beobachtet von seinem Thron aus, wie sie langsam unter seinen Fingern verwelken.
Und so wie sie vergehen, verliert auch er mit jeder Vollmondwende mehr von sich. Er wechselt seinen Namen wie andere ihre Kleidung. Ilyrius, Danion, Hades – Gott, Finsternis, Hass.
Er ist alles, und er ist nichts.
Und Jahr um Jahr fragt er sich, wann er selbst vergehen wird und ob er dann seine Ruhe findet. Diesen sagenhaften Ort der Stille, von dem er einst gekostet hat, als er noch Teil der anderen war. Als er einen Platz unter den Göttern hatte und einen Bruder, den er liebte.
Der Weltenbeobachter vermisst ihn. Jeden Tag reißt sein Herz ob der Trauer auf, jeden Tag fügt er die Scherben wieder zusammen, und jeden Tag wünscht er sich, er könne sich ihm anschließen.
Doch noch bindet ihn sein Fluch an diesen Ort zwischen Leben und Tod. Zwischen Finsternis und Tageslicht. Zwischen der einen Welt und der anderen. Und so atmet er, um zu ersticken. Trinkt, um zu verdursten. Existiert, um zu sterben.
Das Einzige, das ihm Trost schenkt, ist seine Kunst. Wenn er einen Pinsel in blutrote Farbe taucht und damit eine Leinwand füllt oder Skulpturen von grenzenlosem Schmerz erschafft.
So wie jetzt.
Denn was das Schicksal vor dreißig Tagen an seine Grenze gelegt hat, kann er unter keinen Umständen ungenutzt lassen. Er wird mit dem Körper der Frau aus der Hüterfamilie ein Kunstwerk erschaffen. Zu Ehren dieser besonderen Menschen, die jahrhundertelang das Herz seines Bruders beschützt haben. Den wertvollsten aller Schätze.
Wie sehr er sie beneidete!
All die Jahre hat er sehnsüchtig zu ihnen geblickt. Wenn sie auf den Jahrmarkt kamen, um mit dem Amulett des Todes nach Zodiac zu reisen, weil einer der Herrscher gestorben war und die Magie auf einen Nachfahren übertragen werden musste. Und all die Jahre hat er sich gewünscht, das Amulett nur einmal festzuhalten. Oder wenigstens einen Blick darauf zu werfen und für einen kurzen Moment in dessen Schönheit zu schwelgen. In Erinnerung an den Bruder, der für ihn sein Leben gab.
Ich sterbe für dich, Bruder.
Diese letzten Worte haben sich in sein Gehirn gebrannt. Sie fressen sich durch seinen Verstand, dringen zu den tiefsten Stellen seiner Seele und entfachen all den Schmerz, den ein Gott fühlen kann. Zu viel für einen gewöhnlichen Geist. Sogar zu viel für ihn, wo er an diesen Körper und dieses Leben gebunden wurde.
Aber das hier hilft. Wenn er mit seinen Händen die Agonie aus sich herausholen kann. Wenn er etwas erschafft, das vorher nicht da war.
Er tritt an den Altar, auf dem die junge Frau im Halbdunkeln aufgebahrt liegt. Sie ist nackt, ihre Haut zart und voller blutiger Schrammen, die von ihrer grausigen Flucht erzählen. Er wird sie bewahren. Er wird ihr Andenken würdigen und ihren Tod für immer festhalten.
Hauchzart streicht er über ihre kalte Schulter, den Oberarm, den Unterarm, die Hand, mit der sie das Amulett festgehalten hat. Er bekommt Gänsehaut bei dem Gedanken daran, dass dieses Fleisch das Erbe seines Bruders berührte. Vorsichtig dreht er ihre Finger und betrachtet den blassen Abdruck auf ihrer Handfläche.
Ein Duplikat des Originals.
Die Münze des Charon.
Das Symbol des Todes.
Die Route des Fährmanns.
Das Herz seines Bruders.
Eine Träne rinnt über seine Wange, er streicht mit den eiskalten Fingern der Frau darüber und atmet tief ein.
»Charon«, flüstert er. »Ich spüre dich.«
Jeden Tag. Jede Sekunde. Selbst im Schlaf. Sein Tod hallt durch die Dunkelheit der Welten. Über die Grenzen des Universums hinaus bis an diese eine Stelle, an der alles beginnt und alles endet.
Langsam tritt er einen Schritt nach hinten und betrachtet den toten Körper der Frau. Ihre blasse Haut leuchtet im Halbdunkel wie ein Stern, der gerade erst die Welt erblickt. Vielleicht könnte er an dieses Motiv anknüpfen? Er tippt sich ans Kinn, hebt die Hände, und mit einem Mal funkeln um ihn herum Tausende Lichter, als würde er mitten im Universum schweben.
Dunkelheit. Stille. Kälte. Die Ewigkeit. Er steht auf einem endlosen Meer, das sich bis zum Horizont und darüber hinaus erstreckt. Über ihm die Sterne und die Unendlichkeit des Alls. Vor ihm die Frau, deren Andenken er bewahren will.
Mit einer sachten Bewegung seiner Finger erhebt sich ihr Körper vom Stein, als würde er von unsichtbaren Fäden gezogen. Der Weltenbeobachter nimmt die andere Hand dazu, führt sie nach rechts, und die Frau richtet sich mit zur Seite ausgestreckten Armen vor ihm auf, als würde sie an einem unsichtbaren Kreuz hängen.
Die Gestalt, die schwebt.
Wäre das ein Motiv?
Er schnippt. Die Dunkelheit streckt sich nach ihr aus und zieht sich über ihre Haut, als ließe er Tinte darüber laufen. Finsternis und Licht. Sterben und Leben. Das passt zu ihr, denn sie ist durch die Schatten gestorben. Erneut bewegt er den Finger, die Tinte wandert langsam an ihrem Körper entlang und löst die ersten Hautschichten ab. Stück um Stück, Zentimeter um Zentimeter schält er Muskeln und Sehnen frei, bis ihr Brustkorb offen daliegt und darunter ihr totes Herz zum Vorschein kommt.
Das wird das Kernstück seines Kunstwerkes. Er wird es mit ihrem Blut bemalen.
Ein Lächeln huscht über seine Lippen bei der Vorstellung, wie wunderschön das Ergebnis wird. Er sollte die fertige Skulptur auf dem Jahrmarkt ausstellen. Sie wäre nicht die Erste. Einige seiner Werke schmücken die Geisterbahn, andere die Schenken oder den Eingang. Statuen aus Holz, Stein oder getrocknetem Harz. Alles Körper, die an seine Grenzen gespült wurden und die er konservierte. Gefangen in der Zeit.
Er umrundet die Frau, bewegt die Hände wie ein Dirigent, denn das ist er. Er unterwirft die Magie des Universums. Er ist der Erschaffer und der Zerstörer. Er ist der Beobachter, der Unsichtbare, der wartet und sammelt.
Bis der Mond sich wendet und ihm den Rücken kehrt. Bis er vergisst, was passiert ist.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:12:40 Stunden
Er vollführt die nächste Geste, löst mehr Haut ab, schält weitere Schichten von ihrem Körper, als wäre sie eine reife Frucht, die darauf wartet, gegessen zu werden. Und mit jedem Handgriff erfasst ihn mehr Vorfreude auf …
»Herr?«
Der Weltenbeobachter knurrt leise, denn er hat angeordnet, dass er nicht gestört werden will! Mit zusammengekniffenen Augen dreht er sich um und sieht einen seiner Bediensteten am Eingang zu seinem Atelier stehen.
»Lou.«
Der Wachmann verneigt sich tief vor ihm. Er will seinem Herrn schmeicheln und hofft, dass er nicht bestraft wird, weil er ihn bei seiner heiligsten Aufgabe stört.
»Wir haben die Person gefunden, die Nox erzählt hat, dass Ihr Euch als Wahrsager getarnt habt.«
Der Weltenbeobachter reckt das Kinn, denn das ist tatsächlich eine Information, nach der er sich sehnt und für die er die Störung verzeihen könnte. »Wer?«
»Laurel, Herr.«
Er zischt leise. Die Frau dient ihm seit fast hundert Jahren. Sie arbeitet an einer der Schenken als Kellnerin, war bisher fleißig, vertrauenswürdig und loyal.
»Hat sie gesagt, warum sie mich verraten hat?«
»Nein, aber sie wartet draußen an der Grenze.«
Ohne ein weiteres Wort geht er an Lou vorbei und verlässt das Atelier im privaten Bereich des Marktes. Gemeinsam mit seiner Wache tritt er in einen strahlenden Nachmittag. Die Gäste haben den Markt schon verlassen. Die Mitarbeiter bereiten alles für die Schließung vor, ehe sie selbst in die ewige Dunkelheit zwischen die Realitäten treten.
Der Weltenbeobachter erspäht Laurel an der Grenze seines Reiches, wo sie mit gesenktem Kopf wartet. Sie trägt noch ihre Uniform, die sie als Kellnerin ausweist. Eine lange Kutte mit etlichen Taschen und Schnallen. An der Brust das Emblem des Jahrmarkts. Ihre Hände hält sie zitternd vor ihrem Bauch gefaltet, als wolle sie etwas schützen.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:06:24 Stunden
Langsam schreitet er auf sie zu. Ihre Lippen beben, und ein Schluchzen steigt aus ihrer Kehle, aber sie blickt ihn nicht an. Nicht mal, als er dicht vor ihr stehen bleibt und all ihre Scham und Angst aufsaugt. »Du weißt, welche Strafe auf Verrat steht.«
Sie atmet zischend ein, schließt die Augen und wischt sich eine Träne weg.
»Ja, Herr.« Ihre Stimme klingt erstaunlich fest, und er kommt nicht umhin, als zu bewundern, wenn jemand angesichts des Todes stark bleibt.
»Bist du des Lebens so überdrüssig? Hab ich dir nicht genau das gegeben, worum du mich gebeten hast?«
»Doch, aber ich … es ist … ich kann nicht mehr.« Sie hebt den Kopf und sieht ihm in die Augen. Er fröstelt, als er ihren Schmerz erkennt. Fast wie damals, als sie zu ihm kam in der Hoffnung, ihrem Herrscher entfliehen zu können. Der Weltenbeobachter hat sie aufgenommen, ihre Seele an diesen Ort gebunden, und sie war bereit, den Preis zu zahlen. Nie haderte sie mit ihrem Schicksal. Bis jetzt.
»Warum hast du es getan?«, flüstert er. »Sag es mir, und ich begnadige dich.«
Sie schnappt nach Luft, und kurz flackert etwas wie Hoffnung in ihren Augen auf. Es währt allerdings nicht lange, ehe sie wieder die Maske der Verzweiflung überzieht. »Meine Entscheidung steht fest. Jede Reise muss enden.«
Er knurrt und deutet mit einem Nicken an, dass sie sich umdreht. Sie gehorcht sofort.
»Jeder wird zusehen«, ruft er, und augenblicklich lassen alle Mitarbeiter ihre Arbeit liegen und wenden sich ihm zu. Der Weltenbeobachter dreht sich einmal im Kreis, breitet seine Arme aus und winkt sie näher heran. In vielen Gesichtern liest er Entsetzen und Abneigung, aber er wird das niemandem ersparen. Sie sollen wissen, was passiert, wenn man ihn hintergeht.
Als er sich der Aufmerksamkeit sicher ist, packt er Laurel am Nacken und schiebt sie voran. Sie zuckt zusammen und stößt ein leises Wimmern aus.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:04:35 Stunden
»Du hast weniger als fünf Minuten«, flüstert er in ihre Haare.
Sie schaudert und setzt wackelig einen Fuß vor den anderen. Je näher die Vollmondwende kommt, desto deutlicher spürt er die Barriere vibrieren. Niemand kann den Markt verlassen, nicht mal er. Und die Götter wissen, wie oft er es schon versucht hat. Wie oft er ihnen den Mittelfinger zeigte und sich über seinen Fluch hinwegsetzen wollte.
Der Weltenbeobachter blickt nach oben und mustert den wolkenlosen Himmel. Zwar ist der Mond nicht zu sehen, aber er spürt ihn überdeutlich. Den überheblichen Gott, der denkt, er wäre besser als die anderen. Der Herrscher über das Sternzeichen des Krebses. Der Anführer des Hauses im Süden.
»H… Herr?«, fragt Laurel leise.
»Ja?«
»Ich würde gern die letzten Schritte selbstständig gehen.«
Er hält die Luft an, überlegt, ob er ihr das gewähren soll. Sie hat ihm schließlich gut und loyal gedient.
Er könnte ihr dieses Geschenk machen.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:01:12 Stunden
Er beugt sich näher zu ihr, bis seine Wange ihre streift. »Einer Verräterin gewähre ich keine Gefallen.«
Sie keucht, stemmt sich gegen ihn und blickt ihn über ihre Schulter an. »I… ich …«, stammelt sie.
Er grinst. »Doch nicht so, wie du es dir erhofft hast?«
Sie schluckt, schüttelt sich, und er hält sie weiter, während sich sein Reich verkleinert. Die Luft flirrt stärker. Er schaut zu den anderen Mitarbeitern, die sich langsam in den Schutz des Marktes zurückziehen. Niemand kann hier draußen sein, wenn der Mond sich wendet. Alles wird verschwinden. Er. Sein Reich. Laurel.
Wenn er nicht innehält, wird die Macht auch ihn in Stücke reißen, doch im Gegensatz zu seinen Untertanen wird er wieder zusammengesetzt, nur um erneut zerstört zu werden. Es gab Vollmondwenden, an denen er genau das getan hat. Er hat sich außerhalb seines Reiches begeben und all das Leid ertragen, das ihm die Götter aufgebürdet haben. Einfach nur, um etwas anderes zu fühlen als diese nagende Einsamkeit und Trauer.
Laurel zittert stärker. Wie so viele knickt auch sie im Angesicht des Todes ein. Wenn dieser seine kalten Finger nach der eigenen Seele streckt, wenn man seinen Atem auf der Haut spürt und weiß, dass es gleich vorüber sein wird. Kleine Funken streben auf, schwirren um sie herum. Es knistert wie ein Feuer, das in seinen letzten Zügen liegt.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:00:25 Stunden
»I… ich …«, sagt sie erneut, dann entfährt ihr ein greller Schrei, als die Grenze zusammenfällt. Sie zittert, will zurückweichen, aber er hält sie fest und spürt ebenfalls, wie die Macht des Mondes an ihm zieht. Sein Blick wandert zum Himmel, und er grinst, obwohl er weiß, dass es gleich schmerzhaft für ihn wird.
Laurel presst erneut eine Hand auf ihren Bauch, so wie sie es vorhin getan hat. Der Weltenbeobachter schaut über ihre Schulter nach unten und sieht erst jetzt, dass sich eine der Taschen ausbeult.
»Was hast du da?«, fragt er sofort. Es ist niemandem gestattet, Gegenstände vom Markt zu entfernen. Denn auch die lösen sich mit den Vollmondwenden auf und sind unwiderruflich verloren.
Laurel lacht leise und presst ihre Hände fester auf. »Die Zukunft.«
»Was?« Er will nach ihren Händen greifen, aber Laurels Kleidung vergeht. Es stinkt nach verbranntem Stoff und Fleisch. Sie keucht, reckt das Kinn.
»Eclipse wird nicht erneut geschehen.«
Er erstarrt, als er das Wort hört, das er seit Jahrtausenden fürchtet. »Du …«
Sie dreht den Kopf, sodass sie ihn anblicken kann. Flammen züngeln an ihrem Körper, springen auch auf ihn über, aber er lässt sie nicht los. Weicht nicht zurück.
»Ich weiß, wer Ihr seid.«
Nein. Das kann nicht sein.
»Hast du es jemandem erzählt?«
Sie grinst, als wäre das ein letzter Triumph über ihn, und vielleicht ist er das sogar. Ihr Gesicht verzerrt sich auf groteske Art, während sich ihre Muskeln und Sehnen langsam auflösen. Auch seine Kleidung zerfällt, seine Haut schlägt Blasen, der Schmerz kriecht über ihn, verleibt sich jeden Zentimeter seines und Laurels Körpers ein. Seine Sicht trübt sich, färbt sich rot, bis die Welt in diese Farbe getaucht wird.
Blut.
Alles ertrinkt in Blut und Schmerz.
Alles wird brennen!
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:00:10 Stunden
Laurel schreit, während ihre Haut von ihr fließt und ihre Knochen sich in Staub auflösen. Genau wie seine.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:00:05 Stunden
Ich sterbe für dich, Bruder.
Sein letzter bewusster Gedanke verpufft mit den Flammen, und dann vergeht auch er.
Zeit zur zweiten Vollmondwende: 00:00:00 Stunden
Die Tagundnachtgleiche ist der heiligste Feiertag des Hauses im Osten. Heute huldigen wir den Göttern und erhalten ihren Segen. In der Kraft wie im Wandel wie im Wind.Lang lebe unsere Magie.Lang lebe unser König.
Aus den überlieferten Schriften von König Altheon, Haus des Ostens
Der Abend der Tagundnachtgleiche Cyan
Sterne sind Leben. Wir atmen durch dieses Leben.
So steht es geschrieben. So wird es überliefert. So habe ich es seit meiner Geburt eingeprügelt bekommen.
Sterne sind Leben.
Wir beherrschen dieses Leben. Wir sind die Götter, die auf der Erde wandeln. Wir sind die Stimme des Universums, das durch unsere Körper zu den Menschen Zodiacs spricht. Auserwählt von der höchsten Macht. Erhaben und über alle anderen gestellt.
Und ich stehe ganz vorn in der Reihe von Herrschern. Ich leite das mächtigste und stärkste Haus in Zodiac. Ich beginne den Kreis, den neuen Zyklus, das neue Jahr. Ohne mich gibt es keinen Anfang. Sobald sich der Tag der Nacht angleicht, sind alle Augen auf mich gerichtet.
Ich darf nicht versagen.
Nie.
»Bist du bereit, Cyan?«
Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Ich zucke zusammen und blinzle gegen die plötzliche Helligkeit, die durch den Türspalt in meine Kammer fällt.
Noch sind wir tief unter der Erde, in einem Berg in der Nähe von Aretis, unserer Hauptstadt. Hier feiern wir jedes Jahr den heiligsten unserer Feiertage, auf dass die Magie unserer drei Götter auf unsere Sternzeichen verteilt wird.
Widder. Stier. Zwilling. Mars. Venus. Merkur.
Ich bin die Kraft. Ich bin der Wandel. Ich bin der Wind.
»Ja.« Langsam stehe ich auf und streiche das rotgoldene rituelle Gewand glatt, das ich für diesen Anlass angezogen habe. Noch vor einem Jahr trug mein Vater diese Robe. Saß auf diesem Stuhl in dieser Kammer und hat darauf gewartet, dass das Ritual losgeht. Und vor ihm tat es sein Vater, der wiederum in die Fußstapfen seines Vaters trat. Widder um Widder um Widder. Ein Herrscher nach dem anderen, bis zum heutigen Tag.
Doch im Gegensatz zu meinem Vater habe ich nicht die Magie meiner Vorfahren geerbt. Ich muss von vorne anfangen und das aufbauen, was Generationen vor mir erschaffen haben. Die Wut darüber kocht noch immer in meinen Eingeweiden, denn die Schuldigen wurden nicht bestraft.
Die Erdenfrau ist weg. Nox ist ebenfalls geflohen. Der Feigling hat sich verkrochen und denkt, dass er in den Schatten sicher ist, aber ich werde ihn finden und eigenhändig ausweiden. Ich werde in seinem Blut baden und auf seinen Innereien tanzen. Er wird dafür büßen, was er mir genommen hat, und sollte mir diese elende Erdenfrau je wieder unter die Augen treten, werde ich auch sie brennen lassen. Vielleicht sollte ich auch in der anderen Welt nach ihr suchen lassen, sobald der Jahrmarkt öffnet. Mutter wird es zwar nicht gutheißen, wenn ich wertvolle Ressourcen darauf verwende, aber diese Entscheidung obliegt nicht ihr.
Ich atme einmal tief durch und verlasse die Kammer. Meine Mutter neigt den Kopf und geht voran, drei Priester folgen uns. Sie sind die Hüter dieses Berges und bereiten nicht nur diesen Ort, sondern auch mich auf diesen heiligen Tag vor, an dem sich alle Menschen versammeln, die unseren drei Sternzeichen angehören. Vom Hochadel bis zum kleinen Bauern, der sein Feld bestellt. Sie kommen aus den entferntesten Ecken Zodiacs hierher. Und sie blicken zu mir auf. Ihrem Herrscher. Ihrem irdischen Gott, von dem erwartet wird, dass er den Segen der Sterne auf sie überträgt.
Sollte es nicht gelingen, hat das Konsequenzen für jede einzelne Seele. Ich trage die Verantwortung für ein ganzes Volk.
Wehe, du versagst. Schwäche wird nicht geduldet.
Die Stimme meines Vaters schneidet durch mein Herz. Obwohl er längst beerdigt ist, höre ich ihn jeden Tag. Ich spüre seine Anwesenheit. Seine überbordende Präsenz, die sich in jedem Winkel des Schlosses festgesetzt hat. An manchen Tagen würde ich am liebsten unseren Palast abreißen lassen und aus den Trümmern etwas Neues erschaffen, das nur mir gehört und frei von hässlichen Erinnerungen ist.
Wir schreiten den langen steinernen Flur entlang, der im Berginneren nach oben führt. Es riecht nach Räucherwerk und Kräutern. Die Luft ist kühl, fast ein wenig zu kalt, aber das ist mir egal. Ich konzentriere mich auf mich selbst und reibe mir über das linke Auge und die wulstige Narbe, die sich quer darüber bis zu meiner Wange zieht. Noch ein Zeichen, das mein Vater auf mir hinterlassen hat.
»Du wirst nicht weinen!«, brüllte er mich an, als er den glühenden Stab gegen mein Auge presste. »Ein Herrscher muss Schmerzen aushalten.«
Und ich hatte sie ausgehalten. Jeden Tag. Jede Minute. Woche um Woche. Jahr um Jahr.
Ich lasse die Hand sinken und blinzle gegen den roten Schleier an. An manchen Tagen ist er so intensiv, dass ich gar nichts auf der Seite sehe, aber heute sollte es gehen. Barrett hat mich damals geheilt und getan, was er konnte, um das Auge zu retten. Dass es sich rot verfärbt hat, ist nicht seine Schuld, auch wenn Vater das gern behauptete.
Wir gelangen ans Ende des Flures, wo einige Stufen nach oben führen. Ab hier gehe ich allein weiter. Mutter wird zwar während des Rituals bei mir sein, jedoch eine Ebene tiefer als ich. Ganz an der Spitze darf nur der Herrscher stehen. Derjenige, der unser Haus anführt. Der König des Ostens.
Ich. Ich. Ich.
Ich nicke ihr zu und setze meinen Weg fort, während sie eine andere Tür wählt. Mit jeder Stufe wird die Luft kühler, und ich sehe bereits die zahllosen Sterne über mir funkeln.
Die Magie wartet auf mich.
Die Götter warten auf mich.
Sie werden auf mich niederblicken und mich bewerten, und mein Volk wird zu mir aufblicken und mich ebenfalls bewerten.
Wehe, du versagst. Schwäche wird nicht geduldet.
Ich halte den Atem an, nehme die letzte Stufe und trete hinaus auf das runde steinerne Podest an der Spitze des Berges. Die Sonne geht gerade unter, wir tauchen ein in das Zwielicht zwischen Tag und Nacht. Wind zieht an meiner Robe und meinen Haaren. Ich schließe kurz die Augen und wende mich dann der Masse an Fremden zu, die sich unter mir versammelt hat. Gesichter erkenne ich keine, doch jeder trägt eine Kerze. Und so reihen sich Tausende und Abertausende Lichter wie Sterne um das Podest herum. Sie reichen bis hinunter an den Fuß des Berges. Ein Teppich aus leuchtenden Seelen.
Ich schaue eine Ebene tiefer zu meiner Mutter, die sich neben meinen Bruder Eryx gestellt hat. Auch er blickt mich erwartungsvoll an. Er weiß, was von mir abhängt, und wie so oft frage ich mich, wie neidisch er wohl ist, weil er nicht derjenige ist, dem diese Ehre zuteilwird. Ich räuspere mich, trete in die Mitte und hebe die Arme, um den Moment zu erwischen, wenn sich der Tag der Nacht angleicht.
»Durch meine Stimme, durch mein Blut, durch meine Seele dringt das Licht unserer Sterne.« Meine Stimme klingt fremd in meinen Ohren. Als wäre es nicht ich, der spricht, sondern mein Vater. Das waren früher seine Worte, ich habe sie mit ihm geflüstert, wieder und wieder und wieder, um sie mir genau einzuprägen. »Erhebt euch, ihr alten Mächte. Erhebt euch, Tag und Nacht. Licht und Schatten. Ich rufe euch in dieser heiligen Stunde! Reicht uns die Hand und schenkt uns euren Segen.«
Ich strecke mich gen Himmel und lege den Kopf in den Nacken. Meine Fingerspitzen kribbeln, und ich spüre, wie sich die Götter mir zuwenden und auf mich niederblicken.
Bin ich würdig? Bin ich stark genug?
Ich fange an zu zittern, mir wird heiß, während die Kraft der Sterne in meine Arme und zu meinem Herzen wandert. Es schlägt augenblicklich schneller, ich schwanke, als die Energie meinen Körper flutet. Intensiver, als ich erwartet habe. Drängender, schmerzhafter. Meine Zellen laden sich auf mit purer Magie. Ich atme zitternd ein, mir bricht der kalte Schweiß aus, und ich fange an zu beben.
Zu viel. Es ist viel zu viel.
Aber Schwäche wird nicht geduldet.
Ich muss dem standhalten. Ich muss mich der Kraft des Universums hingeben, wie es mein Vater vor mir getan hat. Daher mache ich weiter. Tanke die Kraft der Sterne, nehme das Geschenk der Götter, gebe mich ihnen hin und offenbare mich ihnen, so wie ich bin.
Ein König.
Ein Herrscher.
Der Herrscher.
Nicht würdig. Nicht stark genug. Nicht wie mein Vater.
Ich keuche auf, krümme mich, weil der Schmerz in meinem Inneren immer stärker wird und droht, mich zu zerreißen.
Du bist zu schwach.
Du bist ein Versager!
Tränen rinnen mir über die Wange. Irgendwer keucht. Meine Mutter. Mein Bruder. Mein Volk. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sie sehen, wie ich schwächle, wie ich nicht die Erwartungen erfülle, die an mich gestellt werden.
Sei härter!, brüllt mich mein Vater in meinem Geist an. Sei stärker! Heul nicht rum!
Härter. Stärker. Nicht weinen. Nie. Halt es aus. Die Schmerzen. Die Schläge. Alles, was dir aufgebürdet wird.
Halt. Es. Aus!
Die Magie nimmt zu, brennt regelrecht in meinem Körper und wird mich in zwei Hälften spalten, wenn ich mich ihr nicht entgegenstelle. Also stemme ich mich gegen die Macht und schreie auf. Die Magie flutet mich, gleitet über meine Haut, mein Herz, meine Seele. Ich bin ihr Werkzeug. Ich bin ihr Herrscher. Ich muss sie zähmen. Ich presse hart die Zähne aufeinander, schmecke Blut, sehe rot. Die Farbe des Widders. Meine Magie. Mein Sternzeichen. Mein Erbe.
Ich bin die Kraft, wiederhole ich den Leitspruch. Ich bin die Kraft. »Ich bin die Kraft!« Meine Worte entladen sich, genau wie die Magie. Ich lasse die Arme sinken, strecke sie nach vorne und schicke die pure Energie über mein Volk hinweg.
Rote, grüne und gelbe Magie fließt aus mir. Die Farben unserer Sternzeichen. Sie verteilt sich über den Köpfen der Leute und rieselt hinab. Widdermagie zum Widder, Stiermagie zum Stier und Zwillingsmagie zum Zwilling. Alles findet seinen Platz. Das Lichtermeer vor mir schwillt an, wird bunter und heller, aber bei Weitem nicht so stark, wie es bei meinem Vater einst war. Er hat einen Flächenbrand entfesselt, während es bei mir nur ein kleines Feuer ist.
Ich bin zu schwach.
Ich hab nicht genug Magie.
Nicht genug Kraft.
Schwäche wird nicht geduldet.
Aber ich bin ein Gott, der auf Erden wandelt. Ich bin der Anfang. Ich bin alles, und dennoch reicht es nicht aus?
Noch während ich mir die Frage stelle, endet der Strom an Magie. Viel zu früh. Ich senke die Arme, blicke über die Leute hinweg und höre, wie sich einige räuspern und tuscheln.
Sie sind unzufrieden. Ihr Raunen und Flüstern dringt direkt zu meinem Herzen und setzt sich dort fest.
Was ist das für ein Herrscher?
Warum spüre ich so wenig?
Er wird dieser Rolle nicht gerecht.
Er hat versagt.
Versagt.
Mein Atem bebt nach wie vor, mein Innerstes brennt, mein Herz droht zu bersten. Ich schwanke und keuche, blicke noch mal hoch in den Himmel, als könnte ich so mehr von der Energie empfangen, aber die Sterne bleiben still. Sie richten genauso über mich wie mein Volk, das in diesem Moment erkennt, dass sein Herrscher zu schwach ist.
Du bist eine Enttäuschung, höre ich die Stimme meines Vaters in meinem Ohr und meinem Herzen. Schäm dich.
Und das tue ich.
»Cyan«, sagt meine Mutter, doch ich ignoriere sie.
Wieso bist du so schwach? Was ist los mit dir?
Ich schwanke, das Raunen der Menge wird lauter, und die Energie, die eben noch über die Köpfe strömte, schwindet.
Ich spüre, dass sich alle Augen auf mich richten. Dass sie genauso über mich urteilen, wie es mein Vater tat.
Schwäche wird nicht geduldet.
Mir wird schwindelig, ich atme rasselnd ein und schaue auf meine Hände, die nichts mehr tun können. Die Sterne haben gesprochen, die Welt dreht sich weiter. Ich reibe mir über die Stirn, schüttle den Kopf und schaue zu meinem Bruder, der mich mit der gleichen Enttäuschung anschaut, die ich in meinem Herzen spüre.
Freut er sich? Denkt er, dass er es besser gemacht hätte?
Vielleicht hätte er das sogar. Vielleicht wäre er der stärkere und klügere Herrscher gewesen.
Ich habe nicht nach dieser Rolle gefragt und muss sie dennoch tragen.
Ich wollte nie …
Schwäche wird nicht geduldet.
Reiß dich zusammen!
Ich atme ein. Ich atme aus. Ich straffe die Schultern, schaue ein letztes Mal hoch zum Himmel, aber die Götter bleiben stumm.
Mit einem Schnauben wende ich mich ab und verlasse das Podest. Das Raunen wird lauter, einige rufen, ich solle zurückkommen, aber ich halte nicht inne. Gehe weiter die Stufen hinab, hinab, hinab.
Es ist alles getan, auch wenn mich die wütende Stimme meines Volkes begleitet. Genau wie die meines Vaters, die sich tief in meine Eingeweide bohrt.
Versager. Schwächling. Enttäuschung.
Ich muss stärker werden.
Für unser Haus.
Und für Zodiac.
Lara thalin siryá vinal. Lara kalthar siryá caelon. Mögen die Sterne über dich wachen. Möge dein Weg dich nach Hause führen.
Segen für Reisende aus dem Dorf Eldoria
Jupiter
Hey, ich bin noch bei Viv im Krankenhaus. Wir reden seit über vier Stunden. Melde mich nachher bei dir.
Ich sende rasch die Nachricht an meinen Bruder ab und verstaue das Handy in meiner Tasche. Er hat schon dreimal nachgefragt, wie der Stand der Dinge ist, und ehe er sich wieder Sorgen macht und anfängt zu helikoptern, wie das meine Mom ständig tut, schreib ich ihm lieber.
Seit ich völlig unvermittelt aus Zodiac gerissen und mitten auf einer Kreuzung in Phoenix aufgetaucht bin, lässt er den Beschützer noch mehr als üblich raushängen. Was ich verstehen kann. Ich hatte nicht nur einen Schutzengel, sondern gleich eine ganze Horde, und es gleicht praktisch einem Wunder, dass ich diesen Auftritt mit nichts als ein paar Schrammen überlebt habe.
»Also gut.« Vivian hat das Kopfteil ihres Bettes hochgefahren, zwei Kissen in ihren Rücken gestopft und schaut mich erwartungsvoll an. »Lass mich das noch mal zusammenfassen.«
Eineinhalb Wochen sind nun seit meiner Rückkehr aus Zodiac vergangen. Vier Tage davon war ich bewusstlos, und vorgestern ist auch Vivian aus ihrem Koma erwacht. Da ich sie nicht mit allem überrennen wollte, hab ich ihr erst heute erklärt, was ich seit dem Angriff in Adrians Haus erlebt habe. Ein Angriff, der sie ins Krankenhaus gebracht hat. Beinahe hätte sie es nicht geschafft, aber dank noch mehr Schutzengeln und fähigen Ärzten sitzt sie jetzt vor mir. Zwar ein bisschen blass um die Nase, doch bereits mit ihrem üblichen abenteuerlustigen Funkeln im Gesicht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was dieser Anblick mit mir macht. Wie unendlich froh ich bin, dass meine beste Freundin seit Kindheitstagen noch bei mir ist, wo gerade alles andere auseinanderzufallen droht.
»Nachdem wir in Adrians Haus angegriffen wurden, hat dich dieser Nox, den wir auf dem Jahrmarkt getroffen haben, nach Zodiac mitgenommen. Eine Parallelwelt, die von vier Königshäusern regiert wird und in der Sternzeichen magische Fähigkeiten besitzen.«
»Richtig.« Ich kaue auf meinen geschundenen und teilweise blutigen Nagelbetten herum. Etwas, das ich viel zu häufig in diesen Tagen tue, aber die Anspannung und Sorge um Keeran machen mich wahnsinnig. Genau wie die Tatsache, dass mir die Hände gebunden sind, weil dieser verdammte Jahrmarkt erst in vierzehn Tagen erscheint.
»Das ist so cool, echt.«
»Na ja, ich weiß nicht, ob cool der passende Begriff für all den Mist ist, den ich dort erlebt habe.« Aber diese Reaktion ist so typisch für Vivian. Erst mal alles aufsaugen, ohne zu viel zu hinterfragen. Mal abgesehen davon, dass sie mit dem esoterischen Zeug schon immer mehr anfangen konnte als ich. Sie wollte auch sofort wissen, was für Fähigkeiten ihr Sternzeichen, die Jungfrau, hat, aber das konnte ich ihr nicht beantworten.
Adrian hingegen war wesentlich skeptischer. Seit ich aufgewacht bin, habe ich wieder und wieder alles durchgekaut, ihm jede Einzelheit erklärt und beteuert, dass ich nicht übergeschnappt bin, sondern all diese Dinge wirklich erlebt habe.
»Egal, wie wir es nennen. Lass mich weiter sortieren. Als du ankamst, wollte der Herrscher unbedingt das Amulett, das ich dir aus dem Spielzeugautomaten gefischt habe. Ein wertvolles Artefakt, mit dem eine wichtige Beerdigungszeremonie ausgeführt werden musste.«
»Auch korrekt.« Ich streiche über die wulstige Narbe auf meiner Handfläche. Das Amulett ist zwar nicht mehr da, aber es hat seine Spuren hinterlassen. Man erkennt noch einen runden Abdruck, und wenn man genau hinsieht, auch die Umrisse des Totenschädels. Manchmal glitzert die Haut sogar ein bisschen, als würde ein Rest des Steins in ihr stecken.
»Dieses Amulett des Todes gehörte einst Charon, dem mystischen Fährmann«, fährt sie fort.
»Entweder es gehörte ihm, oder er war es selbst. So genau weiß ich das nicht. Dank seiner Hilfe konnte ich eine Brücke von Zodiac zurück auf die Erde finden.«
»Du hast tote Menschen gesehen«, fährt Vivian fort.
»Ja.« Unter anderem auch Phineas, Adrians verstorbenen Dad, der mir half, zurückzukehren. Als ich meinem Bruder davon erzählte, starrte er mich erst fassungslos an, dann lachte er, und irgendwann, als er begriff, dass es mir ernst war, mussten wir beide weinen. Das Gespräch nagt noch immer an meinem Herzen.
»Tust du das noch immer?«
»Zum Glück nicht.« Ich atme durch und lasse die Hand sinken. Es war erschreckend und verwirrend, dass ich diese Gabe hatte, auch wenn sie mir mitunter in Zodiac half. »Ehe Charon mich zurückschickte, hat er noch irgendwas von Eclipse erzählt.«
»Einer Sonnenfinsternis?«
»Oder Mondfinsternis. Hab schon gegoogelt, gibt auch ’ne Band, die so heißt, aber die meinte er wohl eher nicht. Charon sagte, dass Eclipse den Ruf gehört hat und alles tun wird, ihre Kinder zusammenzufügen. Und dass wir das nicht zulassen dürfen. Dann nannte er sie noch die Krone der Nacht.«
»Was soll das denn bedeuten?«
»Ich hab nicht die geringste Ahnung.« Denn darüber ließ sich rein gar nichts finden. Natürlich hab ich auch nach Magiefresser, Nibiru und Phaeton gesucht. Zu Magiefressern fand ich nichts, außer dass sie in einem Computerspiel als Gegner auftauchen, zu Nibiru gab es mehrere Ergebnisse. In der sumerischen Mythologie nannte man so eine Gottheit, die mit Übergängen in Verbindung gebracht wird. In den Pseudowissenschaften ist sie ein Himmelskörper, der unser Sonnensystem durchquert und Katastrophen auslöst, und einer meiner Favoriten war der Verweis auf Star Trek, wo ebenfalls ein Planet Nibiru genannt wurde. Bei Phaeton kam auch nichts wirklich Interessantes heraus, außer dass in der griechischen Mythologie so ein Sohn des Sonnengottes Sol bezeichnet wurde, der mit einem Streitwagen zu nahe an die Sonne kam und verglühte. Ähnlich wie Ikarus. Dann stellte Johann Titus 1766 die Theorie auf, dass es einst zwischen Jupiter und Mars einen Planeten gegeben haben könnte, der aber zerstört wurde, und nannte ihn Phaeton. Das wurde jedoch längst widerlegt.
»Es ist schade, dass du das Amulett nicht mehr hast«, sagt Vivian und reißt meine Gedanken zurück. »Also nicht falsch verstehen. Ich bin froh, dass es nicht mehr in deiner Hand steckt, aber ich hätte es mir zu gern noch mal angeschaut.«
»Ich nicht.« Oder doch? Ich weiß es nicht. Seit es sich mit mir verbunden hatte, habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als es wieder loszuwerden, und als es dann so weit war, blieb eine merkwürdige Leere in mir zurück. Als hätte ich einen Teil von mir verloren.
»Was denkst du, wo es ist?«
Ich zucke mit den Schultern. »In Zodiac? Im Universum? Zerstört? Keine Ahnung.« Ich erinnere mich nur noch vage an die Zeremonie, bei der uns alles um die Ohren flog, aber ich weiß, dass Nox mithilfe eines anderen Herrschers die Zeit anhielt, um mich zu schützen. Letztlich hat dieser Mann, der mich gegen meinen Willen nach Zodiac schleppte, dafür gesorgt, dass ich zurück nach Hause konnte.
Wie so oft greife ich an den Halbmondanhänger, den er mir in einem merkwürdig intimen Moment in Zodiac in die Haare geflochten hat, und wie so oft frage ich mich, was mit ihm passiert ist. Welche Konsequenzen sein Handeln hatte. Ich befürchte, keine guten, denn ich hab hautnah erlebt, wie jähzornig, böse und skrupellos das Haus des Ostens ist. Allen voran Cyan, der neue König.
»Das klingt alles wie eine abgefahrene Mischung aus Game of Thrones und Astrologie.«
Ich lache auf. »Schöner Vergleich.«
Sie schüttelt den Kopf und kaut auf ihrer Unterlippe herum. »Nun willst du wirklich zurück?«
»Ich will nicht, aber ich muss! Ich weiß, dass Eryx Keerans Gestalt annahm und derjenige war, der das Ritual mit mir am Steinkreis ausgeführt hat. Die Wandlung war gut, aber nicht perfekt. Seine Augen haben nicht gepasst.«
»Nennen wir ihn jetzt Keeran? Nicht mehr Leto?«
»Ja«, antworte ich, weil ich das Gefühl habe, dass das richtiger ist. Leto ist eine Figur, die er für die Erde gebraucht hat, aber Keeran ist seine Herkunft. Ein Königssohn. Ein Herrscher über ein ganzes Haus, und seine Mütter müssen unbedingt wissen, dass er unschuldig ist. Ich muss ihnen mitteilen, was ich weiß, damit sie etwas unternehmen können. Sonst werde ich nie mehr Frieden finden.
»Vielleicht ist seine Augenfarbe in Zodiac anders«, fährt Vivian fort.
Ich schüttle den Kopf. »Ich hab wieder und wieder darüber nachgedacht. Als er mich das erste Mal retten wollte und aus Barretts Labor führte, waren sie noch normal.«
»Da warst du extrem gestresst.«
»Das ist richtig, aber die Person, die mich an den Steinkreis gebracht hat, fühlte sich auch anders an. Ich dachte die ganze Zeit, dass da was nicht stimmt, doch ich konnte es nicht greifen. Ich hab einfach nicht …« Ich fahre mir über die Stirn und könnte mir in den Hintern beißen, dass es mir nicht vorher auffiel. Jetzt, da ich rückblickend darüber nachdenke, ist es glasklar. Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als Keeran – oder eher Eryx in Keerans Gestalt – mir die Hand hinhielt, um mir aufs Pferd zu helfen. Wie ich in seine Augen sah, die eine so prägnante Farbe haben, weil das eine blau, das andere braun ist.
Links blau, rechts braun.
Links braun, rechts blau bei Eryx. »Er hat selbst gesagt, dass er ein Detail nie richtig hinbekommt. Dass es meist die Augen sind, genauso war es auch.«
»Falls du dich irrst …«
»… kehre ich umsonst in ein Land zurück, indem man mir vermutlich nicht wohlgesonnen ist.« Wer weiß, ob Eryx nicht längst einen Machtwechsel erzwungen hat. Ich hab noch immer keine Ahnung, was er an diesem Steinkreis getrieben hat, aber er wollte verhindern, dass sein Bruder an die Magie ihres Vaters kommt. Vielleicht will er Cyans Krone und das Haus des Ostens regieren, und ich bin mit daran schuld, weil ich die perfekte Grundlage geschaffen habe. Ich hätte mich stärker wehren sollen! Es hätte mir früher auffallen müssen, dass es nicht Keeran war. Ich hätte das alles aufklären können.
Ich zucke zusammen, als ich zu fest an der Haut um meinen Fingernagel beiße und Blut schmecke. Rasch lasse ich die Hand sinken und kaue stattdessen auf meiner Unterlippe herum.
»Mhm«, macht Vivian und zieht die Beine an. »Ich gebe zu, dass das extrem abgefahren klingt. Du hast ja nicht mal Beweise.«
»Nein, nur meine Erinnerung.« Die mich hoffentlich nicht trügt. Denn wenn ich mich irre, begebe ich mich umsonst zurück in diese Parallelwelt. »Ich kann mich nicht abwenden, wenn jemand Hilfe braucht.« Genau das hab ich auch Nox gesagt, zu dem ich zweimal zurückrannte, obwohl ich hätte fliehen können.
»Also ich glaub dir zu hundert Prozent.«
»Wirklich?«
Sie plustert die Wangen auf und grinst. »Aber so was von. Ich bin auf deiner Seite.«
Ich lasse erleichtert die Luft aus der Lunge und merke erst jetzt, wie gut mir diese Worte tun. Wie sehr ich es brauche, dass jemand an mich glaubt und mir das Gefühl gibt, nicht den Verstand zu verlieren. Einmal mehr durchflutet mich die pure Dankbarkeit und Liebe für Vivian. Ich kann gar nicht ausreichend in Worte fassen, was sie mir gerade schenkt.
»Wie willst du denn zurück nach Zodiac?«
»Das muss über den Jahrmarkt funktionieren. Keeran hat es am Rande erwähnt, und Nox meinte ebenfalls, dass er die Brücke von einer Welt in die andere ist. Ich muss nur warten, bis er wieder öffnet, was beim nächsten Vollmond der Fall ist. Dieses Mal in Los Angeles. Ich hab gestern mit Gabriel geschrieben, oder eher: Er hat mich angeschrieben, weil er durch die Presse mitbekam, dass ich aufgetaucht bin.« Zum Glück hielt sich der Rummel in Grenzen. Die Sache war für ein paar Tage spannend, und bei mir riefen sogar einige Reporter an, aber irgendwann merkten sie, dass es keine große Story zu holen gibt, und widmeten sich wieder anderen Dingen. »Gabriel hat nach Keeran gefragt, weil er nichts von ihm hört.«
»Was hast du ihm erzählt?«
»Dass ich nicht weiß, wo er ist. Soweit ich informiert bin, hat Gabriel keine Ahnung von Zodiac, und ich werde ihn gewiss nicht einweihen. Am Ende will er noch mit.« Mich schaudert bei dem Gedanken daran, Keerans Chef in die andere Welt mitzunehmen. Ich mag Gabriel nicht. Er ist ein arroganter Arsch und hält sich für was Besseres.
»Vielleicht weiß er ja doch mehr.«
Ich schüttle den Kopf. »Ich hab mich sacht vorgetastet und ein paar Hinweise fallen lassen. Er ist null drauf eingegangen.«
Vivian zupft einen Faden von ihrer Bettdecke. »Also gut. Der Markt ist in L.A., aber wie kommst du dann von da aus nach Zodiac?«
»Ich vermute, dass es dort eins dieser Portale gibt, mit denen Nox und ich aus dem Grenzland zum Tempel gereist sind. Das war schon echt beeindruckend.«
Sie klatscht begeistert in die Hände. »Wie beim Witcher.«
»Oder in allen möglichen anderen Fantasyromanen.«
»Hasst Nox das Portal genauso wie Geralt?«
»Keine Ahnung, darüber haben wir nicht gesprochen.«
»Schade. Ich finde ja, dass er ihm ein bisschen ähnlich sieht. Er könnte sein jüngerer Bruder sein. Bis auf die Haare, weil seine ja fast schwarz und die von Geralt weiß sind – und oh, diese Augen … Die waren grün, oder? Hast du ihn auch nackt in der Badewanne gesehen?«
Ich schüttle den Kopf, weil sie abschweift, obwohl der Gedanke von Nox in einer Wanne nicht der schlechteste ist.
»Ist ja auch egal. Wann ist denn der nächste Vollmond? Ich hab völlig das Zeitgefühl verloren.«
»Am 12. April, also in fünfzehn Tagen.«
Sie nickt. »Gut. Bis dahin bin ich auf den Beinen. Wir brauchen einen Schlachtplan, aber dieses Mal nicht, wie du flachgelegt wirst, sondern wie wir Keeran retten. Vielleicht wollt ihr ja danach …«
Ich hebe die Hände und unterbreche sie. »Also Punkt eins: Das mit Keeran ist vom Tisch. Ich will keinen Sex mit ihm, ich will ihm lediglich helfen.« Zwar hat es zwischen uns ziemlich gekribbelt, und er ist ein toller Mann, aber hier geht es um so viel mehr als körperliche Befriedigung. »Punkt zwei: Du kommst auf gar keinen Fall mit nach Zodiac.« Vorher fessle ich sie ans Bett.
»Was?! Natürlich werde ich das. Du kannst nicht allein hin!«
»Werde ich auch nicht, Adrian kommt mit.« Obwohl er mir nicht hundertprozentig glaubt, hat er klargestellt, dass er mich auf keinen Fall allein nach Zodiac lässt, und da er mich genauso gut kennt wie Vivian, weiß er, dass ich es durchziehen werde. Erst wollte ich ablehnen, weil ich das niemandem aufbürden möchte, doch wenn ich ehrlich zu mir bin, beruhigt es mich ungemein, meinen Bruder an meiner Seite zu haben. Ich weiß nicht, ob ich das allein schaffen würde.
»Aber wenn er mitgeht, warum darf dann ich nicht?«
»Ist das eine ernst gemeinte Frage? Du lagst wochenlang im Koma, Viv, und bist erst seit wenigen Tagen wach!«
»Ich hab fast keine Schmerzen.«
»Weil du bis oben hin vollgepumpt bist.« Ich deute auf die Infusion neben ihrem Bett. Vivian sieht hinüber und verzieht das Gesicht.
»Das gefällt mir nicht«, sagt sie leise. »Überhaupt gar nicht. Ich kann doch nicht hier …« Sie unterbricht sich und lässt sich in die Kissen sinken. Seufzend setze ich mich auf ihre Bettkannte und greife nach ihrer Hand. Die sich so viel wärmer und stärker anfühlt als die letzten Tage. Ein trauriger Ausdruck huscht über ihr Gesicht, und es bricht mir das Herz, sie so zu sehen.
Unter anderen Umständen hätte ich sie liebend gern bei mir. Zwar hat sich Zodiac nicht unbedingt von einer glorreichen Seite gezeigt, aber es gab auch schöne Momente. Wie den atemberaubenden Sternenhimmel, an dem man selbst tagsüber Galaxien und die Milchstraße erkennen kann.
Ich schüttle den Kopf und rücke näher zu Vivian, die mir sofort Platz macht, damit ich mich neben sie legen kann.
»Ist das jetzt schon ausdiskutiert?«, fragt sie leise.
»Aber so was von.«
»Das ist unfair.«
»Wem sagst du das.«
Sie schnaubt. Es ist ein frustriertes Geräusch und drückt all das aus, was ich empfinde.
Ich nehme die Fernbedienung vom Tisch und schalte irgendein Programm ein. Vielleicht lenkt uns ja irgendein Trash im Fernsehen für eine Weile ab.
Ich wollte dich nicht erschrecken, als ich als Bär vor deiner Tür lag. Ich werde dich beschützen. Du brauchst keine Angst mehr vor den Schatten zu haben.
Nachricht des jungen Prinzen Eryx an den Waisenjungen Nox aus Eldoria, kurz nach dessen Ankunft im Haus des Ostens
Eryx
Ich tätschle mein Pferd am Hals, lege den Kopf in den Nacken und schaue meinem Atem nach, der sich als kleine Wolke aus meiner Nase löst. Über mir zieht der klare, tiefdunkle Nachthimmel hinweg. Wie immer ist er mit Millionen Sternen bestückt. Sie funkeln und glitzern in einer Intensität, die mich, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, nach wie vor in Staunen versetzt.
Vor allen Dingen heute, da der Neumond im Widder steht und wir eine partielle Sonnenfinsternis haben. Das ist die beste Zeit für das Abschließen von alten Kapiteln. Außerdem sind sich viele unserer Astrologen einig, dass dieses Jahr das Venusjahr wird. Der Herrschergöttin über mein Sternzeichen. Zumindest, wenn man den offiziellen Lehren folgt. Ich weiß seit drei Jahren, dass dem nicht so ist und eigentlich ein anderer Gott mein Sternzeichen regiert hat. Einer, der aus dem Zodiac-Kreis nach einem erbitterten Krieg verbannt wurde.
Ich fasse an mein Herz, schließe die Augen und konzentriere mich auf die Macht Phaetons, die tief in meiner Seele schlummert. Der Gott des Lichts. Der wahre Herrscher über meine Magie.
Bald wird er wieder brennen.
Bald wird alles glühen und lodern und im Licht des Universums vergehen. Und ich werde mittendrin stehen und das Spektakel genießen.
Ich werde unaufhaltbar sein.
Ein Wiehern reißt mich aus meinen Gedanken. Ich öffne die Augen wieder und schaue auf die beiden Männer, die auf zwei Pferden auf mich zureiten. Einer sitzt aufrecht und stolz im Sattel, der andere ist mit auf dem Rücken gefesselten Händen in sich zusammengesunken. Ein verdreckter Umhang liegt auf seinen Schultern, die Kapuze hängt tief in seinem Gesicht, doch ich muss ihn nicht sehen, um mich an jedes Detail von ihm zu erinnern. Sein Lächeln zum Beispiel, das mich ab dem Moment in den Bann zog, als ich ihn das erste Mal erblickte. Oder seine wunderschönen, tiefgründigen Augen, die immer etwas dunkler wurden, kurz bevor er mich küsste. Das linke blau, das rechte braun.
Dieses kleine verdammte Detail.
Noch heute frage ich mich, ob es Jupiter wohl aufgefallen ist, als ich sie im Grenzland von Nox wegholte, um sie in den Steinkreis zu schleppen. Es war ein Risiko, das ich bewusst eingegangen bin, weil ich es zu der Zeit nicht besser beherrschte. Aber sollte mein Plan aufgehen, werde ich bald der beste und größte Gestaltwandler sein, den dieses Land je gesehen hat. Ich werde unaufhaltbar sein, und ich kann es kaum erwarten. Der einzige Wermutstropfen ist, dass Nox nicht an meiner Seite stehen kann.
Seine Abwesenheit schneidet mir tagtäglich tief ins Herz. Ich halte kaum aus, dass er nicht mehr mit mir durch das Schloss streift. Auch Mutter leidet sichtlich darunter, und jedes Mal, wenn wir uns zufällig vor seinem Zimmer begegnen, wischt sie sich über die Augen, als wolle sie ihre Tränen zurückhalten. Aber das ist der Preis, den ich bereit war zu zahlen. Einer von vielen.
Die Männer kommen näher, und ich muss mich wieder auf meine Aufgabe konzentrieren, denn die nächsten Minuten werden wichtig. Ein letztes Mal überprüfe ich die fremde Hülle, die ich mir für dieses Treffen übergezogen habe. Gerade sehe ich nicht aus wie Eryx, der Prinz aus dem Haus des Ostens, sondern wie ein gewöhnlicher Mann, der einen Söldner engagierte, um ihm einen König auszuliefern. Es war nicht leicht, diesen Mann zu finden, und hat mich ein immenses Vermögen gekostet. Schließlich wird Keeran landesweit gesucht. Aber mit genügend Jademünzen lässt sich vieles regeln.
Das gilt leider nicht für meine Magie. Seit der Tagundnachtgleiche merke ich deutlich, wie sie schwankt. Cyan, der kleine Versager, hat nicht genügend Energie aus den Sternen kanalisiert, und jetzt müssen ich und Tausende andere damit auskommen, dass wir in diesem Zodiac-Zyklus nicht so mächtig sind wie im vorherigen. Klar darf ich mich nicht darüber beklagen, schließlich bin ich mit daran schuld, dass er Vaters Magie nicht aufnehmen konnte. Wäre das passiert, wäre Cyan viel zu mächtig geworden. Dann wäre alles nur noch komplizierter.
Der Söldner steigt als Erstes ab und zerrt Keeran von seinem Tier. Dieser kommt ins Straucheln, schwankt sichtbar, weil er so entkräftet ist, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann. Ein Stich fährt mir durchs Herz, und ich will nach vorne springen und ihn stützen, ihn festhalten, ihm nahe sein. Dieses verdammte Gefühl ist intensiver als erwartet, und ich muss es mit aller Macht nach unten drängen. Aber meine Seele erinnert sich zu gut an Keeran. Denn noch nie habe ich mich bei einem Menschen derart fallen lassen können wie bei ihm.
Noch nie haben sich Küsse so schwer und leicht zugleich angefühlt.
Sex war bis zu jenem ersten Mal mit ihm nur Lustabbau. Dann hat er mir gezeigt, was es heißt, zu lieben. Wie es sich anfühlt, sich mit Leib und Seele einem anderen zu öffnen und sich vollkommen fallen zu lassen. Er hat mir all das geschenkt und mich glauben lassen, dass es eine Zukunft haben könnte.
Und dann hat er mir meinen Traum genommen und mein Leben zerstört. Etwas, das Krebsgeborene perfekt beherrschen.
Der Schmerz löst die Sehnsucht in meinem Herzen ab. Die Vertrautheit meines Hasses kehrt zurück, und ich balle die Hände fest zu Fäusten.
Der Söldner kommt auf mich zu, zieht die Nase hoch und spuckt einen dunklen Klumpen Kautabak aus. »Hier isser.«
»Das sehe ich.« Ich greife in meine Jackentasche. Meine Kleidung ist genauso schlicht wie mein Aussehen. Meine Finger schließen sich um den Beutel mit den Münzen, und gleichzeitig streife ich das Messer, das ich unter der Kutte verstecke. Der Söldner zuckt und legt sofort eine Hand an sein Kurzschwert am Gürtel. Ich verlangsame meine Bewegung und deute ihm so an, dass ich ihm nur seine Bezahlung geben will.
Ich zücke den Beutel und will ihn ihm reichen, doch da fährt eine weitere Schmerzwelle durch meinen Körper. Sie ist anders als die bei Keerans Anblick. Diese stammt nicht aus meinem Herzen, sondern von meiner Magie. Von dem Tattoo auf meiner Brust, das es mir ermöglicht, meine Fähigkeiten zu kanalisieren. Ich keuche, schüttle den Kopf, doch ich merke, wie meine Hülle langsam bröckelt und meine wahre Gestalt sich nach vorne drängt.
Alles wegen Cyan!
Meine Sicht verschwimmt, und ein kaltes Kribbeln dehnt sich auf meiner Haut aus. Ich versuche noch, es aufzuhalten, aber es gelingt mir nicht mehr. Keeran hebt den Kopf, und der Söldner weicht einen Schritt nach hinten.
»Was wird das, wenn’s fertig ist?«
»Ich …« Ich fasse an den Kragen meines Hemdes und ziehe ihn von meinem Hals, weil ich Schwierigkeiten beim Atmen habe. Ein heiseres Lachen entweicht meiner Kehle, es klingt wieder mehr nach mir selbst. Nach Eryx, nicht nach der Hülle, die ich übergestreift habe.
»Sag bloß, du bist ein Scheiß-Stiergeborener!«, zischt der Söldner, und jetzt zückt er doch sein Schwert.
Das eskaliert schneller als erwartet.
Ich schüttle den Kopf, rufe nach meiner Magie und versuche noch, die Hülle des einfachen Mannes zu halten, aber es gelingt mir nicht.
»Ihr Dreckskerle geht mir so was von auf den Sack!«, brüllt der Söldner. »Zeig dein wahres Gesicht.« Er springt nach vorn, reißt sein Schwert hoch und zielt damit auf meine Kehle. Ich weiche instinktiv aus, lasse den Beutel mit den Münzen fallen und schnappe mir stattdessen mein Messer aus dem Brustgurt. Der Mann brüllt wutentbrannt und stößt nach vorne. Seine Klinge ritzt mir die Haut am Hals auf. Ich taumle von ihm weg, weil meine Hülle mehr und mehr zerfasert. Meine Kleidung verändert sich gegen meinen Willen, meine Haare werden kürzer, ich werde größer, schiebe mich zurück in die Form, in der ich geboren wurde.
Der Söldner zischt, als er die Uniform des ersten Hauses erkennt. Als ihm klar wird, dass ich kein einfacher Mann, sondern viel mehr bin.
»Hol mich doch die Sternenpest!«
Keeran zuckt zusammen. Unsere Blicke treffen sich, und ich spüre, wie sein Schmerz gegen meinen prallt, ehe er den Entschluss fasst, dass dies wohl der Moment ist, an dem er fliehen sollte.
Der Söldner stürzt sich erneut auf mich, ich muss herumfahren und ihn abwehren. Keeran springt zu seinem Pferd und will aufsteigen, doch mit den gefesselten Händen gelingt es ihm nicht sofort.
Wenn er abhaut, war alles umsonst!
Ich fluche, kanalisiere meine Magie ein weiteres Mal und reiße eine Hülle an mich, die ich im Schlaf annehmen kann.
Mein Körper dehnt sich augenblicklich aus, der Söldner will mir sein Schwert in die Seite rammen, ich brülle auf, und das Geräusch geht in ein grollendes, tiefes Knurren über. Die Wandlung ist langsamer als üblich, aber ich habe noch genügend Restmagie in mir, dass ich es schaffe. Der Mann erkennt, was ich vorhabe, flucht und zieht seine Klinge zurück. Ich dehne meine Sinne nach den Sternen aus, suche nach der Magie, die mir innewohnt, und ziehe sie zu mir herunter. Meine Haut platzt auf, Fell sprießt aus meinen Armen, den Beinen, dem Rumpf, und ich wachse auf die doppelte Größe. Meine Zähne werden länger und schärfer, der Söldner will mich erneut attackieren, doch da hole ich mit der Pranke aus und schlage ihm ins Gesicht. Er taumelt nach hinten, verliert sein Schwert und stürzt zu Boden.
Ich werfe den gewaltigen Kopf in den Nacken und komme komplett in meiner besten Hülle an. Dem Bären. Eine Form, die ich als Erstes erlernt habe und die mir so vertraut ist wie mein eigener Atem. Ich brauche nicht mal mehr eine Probe, um mich in diese Gestalt zu wandeln.
Der Söldner will auf die Beine kommen, doch ich setze einen Fuß auf seinen Oberkörper und presse ihn nach unten.
Neben mir scheuen die Pferde, und ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Keeran vergeblich versucht, seins zu beruhigen, damit er aufsteigen kann. Es gelingt ihm, einen Fuß in den Steigbügel zu setzen und sich halb in den Sattel zu stemmen. Der Söldner röchelt, schlägt auf meine Pranke ein, doch ich senke meine Zähne und durchtrenne mit einem einzigen Biss seine Kehle. Das Blut spritzt mir ins Gesicht, verteilt sich in meinem Maul. Ich schlucke instinktiv, werfe den Kopf hin und her. Es knirscht und knackt, als weitere Knochen brechen. Das Leben unter mir versiegt, ich bäume mich auf die Hinterbeine auf und brülle all meinen Frust und Schmerz raus. Er ist nicht der Erste, den ich töte, und er wird nicht der Letzte sein. Irgendwann habe ich die Skrupel darüber genauso verloren, wie ich meine Gestalt ändere.
Keeran hängt nun halb an seinem Pferd, das einen Satz zur Seite macht und davongaloppieren will, doch ich springe auf die beiden zu und ramme das Tier in die Flanke. Es taumelt, verliert sein Gleichgewicht und stürzt. Keeran keucht auf, als er ebenfalls auf der Erde landet. Ich lasse von dem Pferd ab, das sofort aufsteht und abhaut. Ohne Keeran. Er kauert halb auf dem Boden, rappelt sich auf und weicht vor mir zurück. Ein paar Meter macht er gut, bis ich ihm in den Weg springe und ihn drohend anknurre.
Er zuckt zusammen, richtet sich auf und schüttelt den Kopf.
»Warum?« Seine Stimme klingt heiser und gebrochen, doch es liegt erstaunlich viel Kraft in diesem einen Wort. »Warum tust du das?«
Ich brülle erneut. Schmecke noch das Blut des Söldners auf meiner Zunge und überlege, ob ich es mit Keeran genauso tun sollte. Ihm einfach den Kopf abreißen.
Es wäre so leicht. So endgültig.
Ich könnte mit einem Biss all den Schmerz beenden, den er mir zugefügt hat.
Sterben wird er so oder so.
Spielt es da eine Rolle, wie und wann es so weit ist?
Ich fletsche die Zähne, Geifer tropft mir aus dem Maul. Keeran weicht vor mir zurück. Die Kapuze ist ihm vom Kopf gerutscht, sodass ich sein Gesicht sehe.
Und da ist so viel bittere Vertrautheit.
So viel Schmerz.
Ich knurre erneut, merke, wie meine Hülle wieder bröckelt, weil ich die Magie nun endgültig überstrapaziert habe – oder weil mich sein verdammter Anblick nach wie vor aus dem Gleichgewicht wirft. Der Bär fällt von mir ab. Keeran atmet durch und zieht an seinen Fesseln. Der Söldner hat sie so gebunden, dass er seine Magie nicht einsetzen kann. Er nutzt dafür ebenfalls Tattoos, die auf seine Unterarme gestochen sind. Sobald er sie aneinanderhält und das Bild vervollständigt, kann er seine Träume erschaffen.
Oder in die anderer eindringen und sie stehlen. So wie er es bei mir getan hat.
Meine Haut verändert sich, ich schrumpfe auf meine normale Größe und kehre zurück in meine menschliche Form. Ich rotiere den Nacken, bis alle Wirbel dort sind, wo sie hingehören, und starre Keeran an, der nach wie vor an seinen Fesseln zerrt. Er blickt auf, und für einen Moment scheint die Zeit zwischen uns stillzustehen.
Für einen Moment existieren nur wir beide. So wie früher. Er und ich und niemand sonst. In seinen Armen war ich nichts und alles. Er hat mich geliebt, auch wenn ich nicht im richtigen Sternzeichen geboren bin. Er hat mich geliebt, auch wenn mein Vater das nie geduldet hat.
Es war ihm egal. Mir war es egal. Uns war die Welt egal. Und genau das hat mir Kraft geschenkt, wenn alles andere um mich herum finster wurde.
»Eryx«, flüstert er, und allein meinen Namen aus seinem Mund zu hören, löst in mir diese Vertrautheit und das Kribbeln von früher aus. Mein Herz dehnt sich nach ihm aus, will sich um ihn schließen, wieder mit ihm in diesen Raum treten, wo nur wir beide existieren. Wo es keine Regeln der Häuser gibt. Keine Herrscherverpflichtungen. Keine falschen oder richtigen Sternzeichen. Nur uns. Zwei Männer, die einander lieben. Wir hätten eine Zukunft haben können. Ich hatte den perfekten Plan, wie wir beide hätten frei sein können, aber er hat ihn mir genommen.
»Bitte hör auf damit«, flüstert Keeran. »Das ist schlichtweg Wahnsinn.«
»Wahnsinn nennst du das? Nach allem, was du mir angetan hast?«
»Ich hab nicht …« Seine Lippen beben. »Ich bin nicht …«
»Was bist du nicht? Bist du nicht in meine Träume eingedrungen und hast mir den einen genommen, der mir die Welt bedeutete?«
Er atmet hörbar ein.
»Hast du nicht gesagt, dass du auf keinen Fall mit mir auf die Erde fliehen könntest, weil du Verpflichtungen gegenüber deinem Reich hast?«
Er atmet hörbar aus.
