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Der österreichische Physiker Stefan Meyer gilt als Pionier der Erforschung der Radioaktivität. Gemeinsam mit Franz S. Exner leitete er das berühmte Institut für Radiumforschung – bis zu seiner Pensionierung 1938. Als die Emigration des Wissenschaftlers jüdischer Herkunft scheitert, flieht Meyer aus seinem bürgerlichen Umfeld in Wien in die Provinzstadt Bad Ischl. Enteignung, Verfolgung und der Versuch, eine »nichtjüdische Herkunft« zu beweisen: Stefan Meyers Biografie beschreibt den alltäglichen beharrlichen Kampf ums Überleben eines Wissenschaftlers in Österreich während des Nationalsozialismus. Auf zahlreiche Archivmaterialien gestützt, zeigen Wolfgang Reiters ausführliche Recherchen die teils verschlungenen Aktionen Meyers, den zunehmenden Bedrohungen der Nazis zu entkommen. Dabei zeigt der Autor auch, wie eng die österreichische Wissenschaftsgeschichte mit dem persönlichen Überlebenskampf der Familie Meyer verknüpft ist.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2022
Wolfgang L. Reiter
HOW DID MEYER SURVIVE?
WIE DER PHYSIKER STEFAN MEYERDIE NS-DIKTATUR ÜBERLEBTE
Wolfgang L. Reiter
Wie der Physiker Stefan Meyerdie NS-Diktatur überlebte
Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur, des Zukunftsfonds der Republik Österreich, des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und des Landes Oberösterreich
Mit Unterstützung der RD Foundation Vienna – Research | Development | Human Rights | Gemeinnützige Privatstiftung
Reiter, Wolfgang L.: How Did Meyer Survive? Wie der Physiker Stefan Meyer die NS-Diktatur überlebte / Wolfgang L. Reiter
Wien: Czernin Verlag 2022
ISBN: 978-3-7076-0764-2
© 2022 Czernin Verlags GmbH, Wien
Coverfoto: Stefan Meyer, August 1915. Institut für Radiumforschung,»Magnetzimmer«, Privatarchiv Wolfgang L. Reiter
Autorenfoto: Privat
Lektorat: Florian Huber
Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl
Druck: Finidr
ISBN Print: 978-3-7076-0764-2
ISBN E-Book: 978-3-7076-0765-9
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien
Vorwort
Die Vorgeschichte
Schicksalsjahr 1938
Die Meyers und das europäische Judentum um 1900
Stefan Meyer, ein biografischer Abriss
Die Ausplünderung
Fluchthilfeversuche und Scheinehe
Bad Ischl – Wien – Berlin – Oslo
Verfolgt, verschleppt, ermordet
In der Zwischenwelt
Otto Hahns »Beziehungen zu Nichtariern«
»Von Kleinkindheit an konfessionslos«
Rien ne va plus?
Gibt es einen Möglichkeitssinn?
Überleben
Zeittafel
Gemäldeverzeichnis Stefan Meyer
Gespräch mit Agathe Koss-Rosenqvist
Quellen
Abbildungen
Anmerkungen
Personenverzeichnis
Danksagung
Autor
Mit Stefan Meyer, neben Marie Curie und Ernest Rutherford einer der Pioniere der Radioaktivitätsforschung, Schüler von Ludwig Boltzmann und Lehrer von Lise Meitner, verbindet mich eine lebenslange, in gewisser Weise persönliche Beziehung. Seit meiner Kindheit in Bad Ischl war ich durch den Kontakt meiner Familie mit der dort lebenden Tochter Stefan Meyers, Agathe Koss-Rosenqvist, vertraut. Als Physiker am Institut für Radiumforschung, das Meyer seit seiner Gründung 1910 bis 1938 leitete, und später durch meine Arbeiten als Wissenschaftshistoriker befasste ich mich intensiv mit seinem Lebenswerk als Physiker und Direktor einer weltweit einzigartigen Forschungseinrichtung. Das Schicksal und Überleben der Familie Meyer in der Zeit des Nationalsozialismus hingegen war mir lange ein Rätsel gewesen.
»How did Meyer survive? It’s absolutely miraculous.« Diese Frage stellte mir der amerikanische Wissenschaftshistoriker Roger H. Stuewer, als er einen Artikel über Stefan Meyer von mir las.1 Meine lakonische Antwort damals war: »I don’t know.«
Wie war es möglich, dass Stefan Meyer und seine Familie die Naziherrschaft überleben konnten? Ist die Geschichte dieser jüdischen Familie, die entgegen aller Plausibilität angesichts der umfassenden Verfolgungsmaßnahmen des Naziregimes an Leib und Leben unbeschadet überleben konnte, ein singulärer Fall? Gibt es vergleichbare Fälle? Die zeithistorische Forschung zur Verfolgung, Ermordung und dem Überleben von Juden gibt keine systematische Antwort auf diese Fragen.
Rogers Frage hatte sich in mir festgesetzt, wie ein Stachel, den ich manchmal unangenehm spürte. Jahre später beschloss ich, den Versuch zu unternehmen, die Frage zu beantworten und den Stachel zu entfernen.
Meyers Story war es wert, erzählt zu werden. Denn sie ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern zugleich auch eine Geschichte von Personen der physikalischen Forschung, der Radioaktivitätsforschung, dem wissenschaftlichen Leben Stefan Meyers. Nicht weniger als vier Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger der Chemie werden uns in ihrem Bemühen begegnen, Meyer zu helfen, den Bedrohungen der Nazis zu entkommen, Georg Hevesy, das Ehepaar Frédéric und Irène Joliot-Curie und Otto Hahn. Und auch Lise Meitner war für Meyer eine wichtige Helferin.
Die damals handelnden Personen, Täter, Mitläufer, Opfer und Helfer können indes nicht mehr befragt werden, und die verbliebenen Spuren und Dokumente bieten nur spärliche Auskunft. Ich habe nicht gefragt, nicht nachgefragt, nicht in meinen jungen Jahren und auch nicht später, als Zeugen des Geschehens noch lebten. Der Schleier, der über den Ereignissen liegt, wurde erst in den 1980er- Jahren und den folgenden Jahren porös und zerschlissen. Inzwischen schweigen die Zeugen, sie sind tot. Was ich hätte, erfahren können, bleibt offen. Ob ich etwas erfahren hätte ebenso.
Schon seit der Zeit meiner Kindheit und Jugend in Bad Ischl hatte ich durch wenige Erzählungen meiner Mutter erste, wenn auch vage Kenntnis vom Überleben Meyers und seiner Familie. Mein Vater war mit der Tochter von Stefan und Emilie Meyer, Agathe Koss-Rosenqvist, gut bekannt. Sie wohnte in der großzügigen elterlichen Villa, deren Erhaltung und Pflege mit finanziellen Belastungen verbunden war, die kaum bewältigt werden konnten, trotz zeitweiliger Vermietungen und dem gescheiterten Versuch, im Haus eine Fremdenpension einzurichten. Das Familienvermögen – wie wir sehen werden – war geraubt und dahin; das einst großbürgerliche Leben war nach 1945 auf ein bescheideneres Auskommen zugeschnitten, zu dem Agathes Einkünfte aus einem Angestelltenverhältnis als Chemikerin beitrugen. Agathe galt im Ort als zurückgezogen lebende Person. Hinter dem dichten Efeubewuchs erschien mir als Kind die Villa wie ein geheimnisvolles Märchenschloss, doch davon gab’s in Ischl mehrere.2 Einen Steinwurf von der »Villa Fanny« entfernt stand damals noch die eindrucksvolle Villa, die Johann Strauss Sohn hatte erbauen lassen, um hier die Sommermonate zu verbringen, und unmittelbar anschließend stand das bescheidenere Haus, das Johannes Brahms, ein Freund des Vaters von Stefan Meyer, als Sommerdomizil bewohnte.
Als ich 1964 nach Wien ging und das Studium der Kernphysik am Institut für Radiumforschung aufnahm, war Stefan Meyer mit einem Mal wieder präsent. Denn Meyer war bis zu seiner Entlassung im März 1938 Direktor dieses Instituts gewesen. Meine »Doktormutter« Berta Karlik, Meyers Schülerin, die erste Ordinaria für Physik an der Universität Wien und die erste ordentliche Professorin in Österreich überhaupt, erzählte mir von ihrer engen Beziehung zu Meyer und seiner Familie und ihren Besuchen in Bad Ischl. Die Nazizeit blieb dabei ausgeblendet.
In den späten 1980er-Jahren hatte die Zeitgeschichte die »Vertreibung der Vernunft« durch die Nationalsozialisten aus den wissenschaftlichen Einrichtungen Österreichs als Thema entdeckt, wahrhaft ein Desideratum der Geschichtsforschung, dem nun – spät genug –Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das war auch der Beginn meines seither anhaltenden Interesses an der Geschichte der Naturwissenschaften in Österreich. Als Mitarbeiter des Radiuminstituts war mir der schwere wissenschaftliche und personelle Verlust, den das Institut ab März 1938 erlitten hatte, in groben Umrissen bekannt. Die Geschichte der Verfolgung und Vertreibung von jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nach dem März 1938 aus Österreich wurde zu einem der Schwerpunkte meiner wissenschaftshistorischen Interessen, und ich stolperte auf diese Weise als working scientist aus der Physik ins Gebiet der Wissenschaftsgeschichte.
Für das Symposium »Vertriebene Vernunft« des Jahres 1987 verfasste ich zwei Beiträge, wovon einer dem Wiener Institut für Radiumforschung und dessen Direktor Stefan Meyer gewidmet war.3 Ich hatte den Text noch vor Drucklegung des Aufsatzes den beiden Kindern Stefan Meyers, Agathe Koss-Rosenqvist in Bad Ischl und Frederick (Friedrich) Meyer in Exeter (UK), zukommen lassen. Am 22. März 1988 erreichte mich ein Brief von Koss-Rosenqvist: »Ich kann Sie absolut nicht verstehen. Es muss doch genügen, wenn ich Ihnen dezidiert erkläre, dass ich Hinweise auf die unglückseligen Urgroßmütter nicht will. […] So sehr ich mich freue, wenn die Leistungen meines Vaters entsprechend gewürdigt werden, so sehr hasse ich diese unglückseligen Hinweise, die mir ja auch heute noch das Leben schwermachen. Wozu, um Himmels willen??????« Und handschriftlich fügte Koss-Rosenqvist auf der Rückseite des Briefes hinzu: »Man konnte in Nature 1950 anders schreiben wie 1988 in Österreich.« Koss-Rosenqvist bezog sich hier auf den Begriff »of Jewish descent« im Nachruf von Fritz A. Paneth auf Stefan Meyer.4 »Es muß alles einmal aufhören, das im Nazismus Mode war und von uns allen verschleiert wurde [Hervorhebung d. V.]. Wozu provozieren Sie, daß ich mit: ›Ach so, Sie haben jüdische Vorfahren gehabt‹ angeredet werde????«5 Ein langes Gespräch mit Koss-Rosenqvist bei meinem folgenden Besuch in Bad Ischl brachte keine Klärung. In den publizierten Fassungen der beiden genannten Aufsätze kam der Begriff »jüdisch« im Zusammenhang mit Stefan Meyer und seiner Familie nicht vor, da Frederick Meyer bei meinem Besuch in Exeter im August 1988 rechtliche Schritte in den Raum stellte, falls ich die jüdische Herkunft Stefan Meyers erwähnen sollte. Meine damals (naive?) Argumentation, dass in der anglosächsischen wissenschaftshistorischen Literatur der Hinweis auf die familiale Herkunft im Kontext von Vertreibung, Emigration und Ermordung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durch die Nationalsozialisten längst Teil des zeitgeschichtlichen Narrativs geworden war, stieß auf taube Ohren. Damals, 1988, konnte aus Sicht von Frederick Meyer in England und seiner Schwester Agathe in Österreich nach langen vierzig Jahren noch immer nicht offen über jüdische Herkunft gesprochen werden.
Doch schon Jahre zuvor hatte der österreichische Jurist und Historiker Heinrich Benedikt, ein Verwandter Stefan Meyers und Professor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien, in einem Erinnerungsband, in dem er auf sein Leben und die weitverzweigte Familie zurückblickt, detailreich vom Wirken Meyers und seiner jüdischen Herkunft berichtet. Laut Benedikt habe Stefan Meyer in jahrelangen Nachforschungen einen bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Stammbaum der Familie erstellt. Im Zusammenhang mit einer zufälligen Begegnung zwischen Frederick Meyer und Benedikt anlässlich eines Kongresses in Deutschland, bei der die beiden von ihrer familiären Verbindung erfuhren, erzählte Fred, »sein Vater Stefan Mayer [sic!] hätte aus Rücksicht auf seine wegen ihrer Abstammung in der Hitlerzeit gefährdeten Verwandten den Stammbaum mit den vielen näheren Angaben über unsere Ahnen enthaltenden Heften verbrannt.«6 Agathe Koss-Rosenqvist empörte sich mir gegenüber auf das Heftigste über Benedikts Indiskretion, in der auch sie namentlich, wenn auch mit der falschen Namensschreibung »Rosenquist«, genannt worden war. Das für die jüdische Herkunft geltende Schweigegebot und Schreibverbot bezog sich freilich allein auf den öffentlichen Raum. Wie der verwandtschaftliche Austausch zwischen Benedikt und Fred Meyer zeigt, war die Kenntnis der Ahnen Teil der Familiengeschichte.
Viele Jahre später bekam ich 2002 durch einen glücklichen Umstand Archivbestände der Familie Portheim-Maass-Meyer in die Hände, die erste konkrete Hinweise für die Klärung der Überlebensgeschichte von Stefan Meyer und seiner Familie versprachen. Und es sollte noch weitere Jahre dauern, ehe mit dem Fund des Aktenbestands zum Verfahren Meyers beim Reichssippenamt im Wiener Stadt- und Landesarchiv die Recherche- und Schreibarbeit erst so richtig begann.
Im Eingedenken an den Vater meiner Cousine Elly, Wilhelm Kaminer, der am 12. August 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert wurde.
Wien und Bad Ischl, im Januar 2022
»Die berühmte historische Distanz besteht darin,daß von hundert Tatsachen fünfundneunzig verlorengegangen sind,weshalb sich die verbliebenen ordnen lassen, wie man will.«
Robert Musil, Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste [1922]7
Dies ist der Bericht über eine jüdische Familie und wie sie die Nazizeit in Österreich überlebte. Die Geschichte der Familie Meyer ist in mehrfacher Hinsicht zeithistorisch bemerkenswert: als Familiengeschichte aus dem gehobenen Wiener Bürgertum, als Lokalgeschichte vor dem Hintergrund der Metropole Wien und des wissenschaftlichen Lebens dieser Stadt vor und nach 1900, aber auch als Lokalgeschichte der oberösterreichischen Provinzstadt Bad Ischl, wo die Familie 1941 Zuflucht suchte. Mit der Person Stefan Meyer als Physiker und Pionier der Radioaktivitätsforschung ist dieser Bericht zudem in den größeren Rahmen der Wissenschaftsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingespannt. Nicht weniger ist es eine Geschichte über Institutionen des NS-Regimes und – damit eng verwoben – einen weiten Kreis von Personen im Kontext der Überlebensgeschichte der Familie Meyer.
»Überleben« ist als Begriff unterbestimmt. Seine Verwendung bezieht sich auf Extreme des Überlebens in Vernichtungslagern, die Flucht aus Gefangenschaft, auf Emigration, das Untertauchen in Wohnungen, in Kellern oder Verstecken, aber auch auf jene Ereignisse, die Gegenstand unserer Spurensuche sind. Das Überleben von Juden und Jüdinnen auf den von den Nationalsozialisten kontrollierten Territorien war jedenfalls andauernd von tödlichen Bedrohungen überschattet, die unterschiedlichste Ausprägung und Dringlichkeit annehmen konnten und an Intensität variierten, je nach zeitlicher, räumlicher oder administrativer Ausgestaltung der sich zunehmend verschärfenden Verfolgungsmaßnahmen.
Die Bedrohung war völlig unabhängig davon, welche Beziehung die Bedrohten zu ihrer jüdischen Herkunft hatten. Denn die Nazis machten aus den Menschen Juden, ganz unabhängig davon, wie sie sich selbst bezeichneten. Als konstitutiver Teil der rassistischen Weltanschauung und Rassenpolitik der Nazis war die »Identifizierung« der religiösen Zuordnung der Vorfahren entscheidend, denn nur auf diesem Weg konnten Individuen dem »rassischen« Konstrukt untergeordnet werden – Religion wurde zum Rassemerkmal. Stefan Meyer und seine Familie waren ab März 1938 dieser rassistischen Klassifikation ausgeliefert.
Wie war angesichts der totalitären Bedingungen der rassistischen Verfolgung das Überleben Meyers und seiner Familie möglich? Das ist die zentrale Frage dieses Berichts. Wenn wir ein dynamisches System annehmen, das Verfolgern und Verfolgten unterschiedliche – allerdings asymmetrische – Handlungsspielräume bot, deren komplexe Interaktionen heute nicht mehr im Einzelnen rekonstruierbar sind, erlauben wir uns, für diese Annahme das Wort »Spiel« zu verwenden. Stefan Meyer nutzte seine »Spielerposition« – im Rahmen der von den Nazis vorgegebenen »Spielregeln« – für eine Strategie von wechselnden offensiven wie defensiven Zügen, ohne freilich selbst das Geschehen in seiner Gesamtheit jemals entscheidend beeinflussen zu können. Meyer und seine Familie mussten angesichts der mörderischen Macht der Nazis die Klugheit der Ohnmächtigen nutzen. Der so gewonnene Handlungsspielraum wurde ein Teil des Möglichkeitsraums des Überlebens. Der dazu komplementäre Wirklichkeitsraum ist jener der nationalsozialistischen Agenten und Agenden, die den Möglichkeitsraum nicht vollständig zum Verschwinden bringen konnten. Kein Totalitarismus ist lückenlos totalitär.
Im März 1938, unmittelbar nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich, ersuchte Meyer um Versetzung in den Ruhestand. Seinem Ansuchen wurde einen Monat später stattgegeben. Im September des Jahres emigrierte Sohn Friedrich nach England. Der für Juden obligatorischen Vermögensanmeldung im Juni 1938 folgte für das Ehepaar Meyer etwa ein Jahr später der vollständige Entzug ihres Vermögens. 1939 ging Agathe Meyer eine Scheinehe ein, mit der sie die norwegische Staatsbürgerschaft erwarb. 1941 übersiedelte die Familie Meyer von Wien nach Bad Ischl, wo sie seit dem Erwerb einer Villa über einen Zweitwohnsitz verfügte. Im Oktober 1941 wird beim Reichssippenhauptamt für Stefan Meyer ein Antrag auf Eröffnung eines Verfahrens zur Abstammungserhebung eingebracht, mit dem Ziel, Meyers nichtjüdische Herkunft zu beweisen; das Verfahren wird 1943 ergebnislos ausgesetzt. Diese wenigen Tatbestände sind durch verschiedene Archivbestände, öffentliche Akten, Teilnachlässe und Korrespondenzen gesichert.
Im Jahr 2002 kam durch einen glücklichen Umstand das private Archiv der Familie Meyer in Zuge des Verkaufs und der Räumung der Villa der Familie Meyer in Bad Ischl in meine Hände. Schon in mehreren Papiersäcken zur Altpapierentsorgung bereitgestellt, erkannten die neuen Besitzer den möglichen Wert dieser Dokumente und setzten sich mit Frederick Meyer in Verbindung, der die Übergabe an mich verfügte. Hier fanden sich erstmals Hinweise auf das von Meyer angestrengte Verfahren beim Reichssippenamt, von dem mir Agathe Koss-Rosenqvist andeutungsweise erzählt hatte. Ich hatte damit einen ersten dünnen Faden in Händen.
Das Verfahren beim Reichssippenamt erschloss sich im Detail durch ein im Wiener Stadt- und Landesarchiv vorhandenes umfangreiches Konvolut, auf das hier ausführlich zurückgegriffen wird. Die Auswertung der im Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vorhandenen Korrespondenz Meyers sowie Aktenbestände des Oberösterreichischen Landesarchivs boten weitere Grundlagen für meine Spurensuche. Hier gilt es festzuhalten, dass eine weitgehend lückenlose Darstellung der Handlungsstränge durch diese Quellen nicht möglich ist. Fehlende Gestapo-Akten und die unvollständigen Akten der beteiligten Rechtsanwälte (im Konvolut zum Verfahren beim Reichssippenamt) und nicht zuletzt die weitgehend ausbleibende Auskunftsbereitschaft von Agathe Koss-Rosenqvist erschwerten eine durchgehend geschlossene Darstellung erheblich.
Die Darstellung dieses Geschehens folgt in groben Zügen der Chronologie der Ereignisse, doch wird die Erzählung immer wieder von Vor- und Rückblenden unterbrochen, wenn Handlungsstränge und Personen dies erfordern. So wird die scheinbare Linearität der Zeit und die der handelnden Personen aufgebrochen, um sich den wechselnden Szenarien von Verfolgung und Kampf ums Überleben zu nähern.
Am 12. März 1938 überrollten Truppen des Deutschen Reichs widerstandslos die österreichischen Grenzen. »Deutsches Blut« wollte der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg nicht vergießen und verabschiedete sich am 11. März knapp vor acht Uhr abends in einer Radioansprache von seinen Landsleuten mit einem »deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich«. Nicht allzu lange zuvor, bei seiner Rede am 24. Februar 1938 vor der Bundesversammlung, die niemand gewählt hatte, hatte er mit der ihm möglichen größten Lautstärke »Bis in den Tod! Rot-Weiß-Rot!« in den Reichssitzungssaal des Parlaments gerufen. Drei Wochen später galt dies nicht mehr.
Im Burgtheater, gegenüber dem Haus am Dr.-Karl-Lueger-Ring 68, wo die Familie Meyer wohnte, gelangte am Samstag, den 12. März 1938 die Neuinszenierung von Shakespeares »Julius Cäsar« mit Werner Krauß9 in der Titelrolle zur Aufführung. Angesichts der Ereignisse nahm die breite Wiener Bevölkerung davon wohl kaum Notiz. Die Straßen Wiens gehörten schon in der Nacht vom 11. auf den 12. März den Nazis. Die Meyers mögen beklommen erste Umzüge von grölend fahnenschwingenden Wienern mit ihren Fackeln, die die Ringstraße in ein flackerndes Licht tauchten, von ihren straßenseitigen Fenstern aus beobachtet haben. Wir wissen es nicht. Ebenso wenig können wir wissen, ob die Familie Meyer die Rücktrittsrede Schuschniggs im Radio hörte. Die prekäre, politisch desaströse Ambivalenz der Politik Schuschniggs zwischen »deutsch« und »Österreich« als das kleinere Übel war für das liberale jüdische Bürgertum mit der Hoffnung verbunden gewesen, vor der Nazigefahr beschützt zu werden. Mit dem Einmarsch der Hitlertruppen brach diese Illusion zusammen, der zuvor auch Karl Kraus angehangen hatte. Stefan Meyer, kaum der Typ des weltfernen Gelehrten, besaß offensichtlich genügend politische Einsicht in die allgemeine und für ihn persönliche Bedrohung durch die nationalsozialistische Machtübernahme – und handelte.
Am 18. März 1938, knappe sieben Tage nach dem Einmarsch der Hitlertruppen in Österreich, setzte Meyer einen wohl überlegten und in Kenntnis der bürokratischen Gegebenheiten taktisch klugen Schritt: In einem Schreiben an den kommissarischen Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Wien, Viktor Christian, Professor für altsemitische Philologie und orientalische Archäologie und Mitglied der NSDAP seit 1933, »erbitte[t er] die Versetzung in den dauernden Ruhestand«. Zur Begründung seines Ansuchens schreibt Meyer:
»Am 27. April 1937 habe ich das Alter von 65 Jahren erreicht und meine Schwerhörigkeit nimmt zu. Da ich nun trotz aller meiner für immer treuen Verbundenheit mit meinem Vaterland und trotz der langjährigen Stellung an der Universität die Empfindung habe, nicht mehr in meinem Amte als Universitätsprofessor am Platze zu sein, erbitte ich die Versetzung in den dauernden Ruhestand.«10
Der kommissarische Rektor Fritz Knoll, Professor der Botanik und Mitglied der NSDAP seit 1937, leitete das Ansuchen an das Ministerium weiter.11
Mit Erlass vom 15. März verpflichteten die neuen Machthaber die im öffentlichen Dienst stehenden Beamten des Landes Österreich, einen Eid auf den »Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler« abzulegen. Beamte, die aufgrund der »Nürnberger Gesetze« vom 15. September 1935 als Juden galten, waren von der Vereidigung ausgeschlossen. Die Konsequenz war, dass jene, die – aus welchen Gründen immer – nicht vereidigt wurden, sich »bis auf weiteres jeglicher Dienstleistung zu enthalten« hatten.12 Die Vereidigung war einer der ersten Hebel für die »Säuberung« der Universitäten, da die Angehörigen des Lehrkörpers der österreichischen Universitäten dem Beamtendienstrecht unterlagen. Die Vereidigung der Angehörigen der Universität Wien fand, beginnend am 22. März, an mehreren der folgenden Tage statt. Durch sein Pensionierungsansuchen konnte Meyer dieser Prozedur entgehen. Die politische Einschätzung Meyers der nun für ihn völlig veränderten politischen Gegebenheiten war klarsichtig und illusionslos: Akademische Normen galten nicht mehr, ein skrupelloses Regime hatte die Macht übernommen, nun galt es, mit den neuen Konditionen zurechtzukommen. Ob und wie weitreichend die rassistischen und politischen Verfolgungsmaßnamen greifen würden, davon konnte Meyer im März 1938 noch keine genaue Vorstellung haben, wenn auch die Erfahrungen und Ereignisse in Deutschland Schlimmes befürchten ließen. Meyer ging wenige Tage nach der Machtergreifung durch die Nazis von einer zwangsweisen Entfernung aus seiner Position an der Universität Wien aus.
Am 22. April 1938 erging ein Erlass des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht an das Dekanat der philosophischen Fakultät der Universität Wien, der für 65 Mitglieder des Lehrkörpers der Philosophischen Fakultät mit »sofortiger Wirkung« das Ende ihrer akademischen Tätigkeit bedeutete.13 An erster Stelle der beurlaubten Professoren steht Stefan Meyers Name, »dieser [Meyer, Anm. d. V.] bis zur Entscheidung über sein Ansuchen um Versetzung in den dauernden Ruhestand«, so die bürokratisch korrekte Feststellung des Sachverhalts. Meyers Ansuchen um Pensionierung wurde am 28. Mai 1938 per Erlass des Ministeriums für Unterricht stattgegeben: »[D]urch diese Maßnahme wird einer allfälligen anderweitigen endgültigen Entscheidung über die Art der Beendigung Ihres aktiven Dienstverhältnisses nach keiner Richtung vorgegriffen«.14 Sprache der Bürokratie oder doch schon Lingua Tertii Imperii? Jedenfalls hatte Meyer mit der Versetzung in den Ruhestand vorerst seine persönliche finanzielle Absicherung erreicht; eine Kürzung seiner Pension (in Höhe von 82 Prozent des Aktivbezugs), die erstmals im Juni ausbezahlt wurde, wurde nicht vorgenommen.15
Meyer war schon früh von glaubwürdiger und prominenter Seite über die Vorgänge in Deutschland und die drohenden Gefahren für Menschen jüdischer Herkunft informiert worden. Kurt von Schleicher, deutscher Reichswehrminister von 1932 und letzter Reichskanzler der Weimarer Republik 1932/33, ein Freund der Familie, besuchte Meyer kurz nach der »Machtergreifung« Hitlers in Deutschland am 30. Januar 1933 in Wien und berichtete ausführlich über die Vorgänge in Deutschland und die drohenden Gefahren für Menschen jüdischer Herkunft.16 Schleicher wurde wenig später im Zuge des Röhm-Putsches am 30. Juni 1934 ermordet.
Hermann Mark, Pionier der Polymerchemie und seit 1933 ordentlicher Professor für Chemie an der Universität Wien, legte der Familie Meyer bei einem nicht deklarierten Abschiedsbesuch die Emigration nahe. Mark, der ein Freund von Engelbert Dollfuß gewesen war, hatte sich bereits entschlossen, Österreich zu verlassen. Mark wurde am 12. März 1938 von der Gestapo verhaftet und verhört und konnte im April 1938 mit seiner Familie über die Schweiz und Frankreich nach England flüchten. Meyer, im 66. Lebensjahr stehend und zunehmend von Schwerhörigkeit geplagt, sah wohl für sich und die Familie, für die er sich nunmehr in besonderer Weise verantwortlich fühlte, keine realistische Möglichkeit zur Emigration. Altersbedingt hatte er kaum Aussicht auf eine adäquate Position im Ausland. Vielleicht dachte er auch, sich und die Seinen durch einen vollständigen Rückzug ins Privatleben vor Zugriffen der Nazis schützen zu können.
Meyers sechs Jahre jüngere Schwester Anna, die aufgrund ihrer ausgezeichneten Kenntnis des Russischen bei der Wiener Fremdenpolizei eine wichtige Position bekleidete, beging am 28. März Selbstmord.17 Als Bedienstete der Polizei hatte sie in den Wochen zuvor aus allernächster Nähe miterlebt, wie die Masken fielen und aus Kollegen, die ihren Dienst bisher scheinbar korrekt versehen hatten, fanatisierte Nazis wurden, die längst schon in der Illegalität für die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten aktiv gewesen waren. Aufgrund ihrer familiären Herkunft war sie als Beamtin zur Vereidigung nicht zugelassen und verlor damit ihren Posten bei der Fremdenpolizei. Vielleicht war sie es, mit der sich ihr Bruder eingehend beraten hatte, als er sein Gesuch auf Pensionierung erwog, denn als Bedienstete der Polizei hatte sie einen unmittelbareren Einblick in das sich radikal verändernde Geschehen als ihr Bruder. Anna Meyer wurde am 4. April 1938 im Grab der Großeltern beigesetzt; das Begräbnis war konfessionslos.18
Im Verlauf des Sommers 1938 war Meyer mit seinen in England lebenden Verwandten in Kontakt getreten, und die Familie hatte sich entschlossen, den zwanzigjährigen Sohn Friedrich zur Familie einer dort lebenden Cousine Stefan Meyers zu schicken. Vielleicht war für diesen Entschluss auch ausschlaggebend, dass ein Studium in Wien für Fritz nicht mehr infrage kam, wie die Erfahrung im engeren Familienkreis zeigte. Der Tochter Agathe, die vor dem Abschluss ihres Chemiestudiums stand und 1938 noch zum Nebenrigorosum zugelassen worden war, wurde die Ablegung der für die Promotion notwendigen Hauptrigorosen von Meyers Fakultätskollegen, den Chemieprofessoren Ernst Späth und insbesondere Friedrich Wessely, bei dem Agathe ihre Dissertation begonnen hatte, verweigert.19 Im September 1938 reiste Friedrich nach England ab.20
Nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich am 3. September 1939 wurden die mehr als 70.000 Deutschen und Österreicher, die sich auf der Insel aufhielten, zu enemy aliens erklärt. Unter ihnen befand sich bald auch Fred Meyer, der ab Juni 1940 in London festgehalten wurde. Am 10. Juli 1940 trat er auf dem Truppentransportschiff HMT Dunera zusammen mit 2542 Männern, zum größten Teil jüdische und politische Emigranten neben einigen Internierten und Kriegsgefangenen aus Deutschland und Italien, eine 57-tägige Reise an, die ihn am 6. September 1940 nach Sydney brachte, von wo er in das Lager Hay (New South Wales) gebracht wurde, allerdings ohne Restriktionen, da er als enemy alien in die geringste Gefahrenstufe Class C als »refugee from Nazi oppression« eingestuft wurde.21 Die Überfahrt nach Australien kann man nur als höchst prekär bezeichnen, da unter anderem die sanitäre Situation für die fast 2500 Männer völlig unzureichend war und es zudem seitens der britischen Soldaten zu Übergriffen kam, die auch militärgerichtlich verfolgt wurden. Ab Ende 1941 begannen Entlassungen der in den australischen Lagern Internierten, von denen die Mehrzahl nach England zurückkehrte. Nach seiner Rückkehr nach England begann Fred Meyer ein Studium der Nationalökonomie an der London School of Economics, bezog 1946 eine Stelle als Assistant Lecturer an der University of Manchester. Im Mai 1948 wurde er als britischer Bürger naturalisiert und heiratete Jean Jenkin, und damit war die Ankunft des Emigranten in England besiegelt. Im Jahr 1949 erhielt er eine permanente Position als Lecturer und später Reader in International Economics an der Exeter University.
Im August 1938 hatte Adolf Eichmann seine Tätigkeit in der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien« in dem von den Nazis im März 1938 enteigneten Palais Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße 20–22 im vierten Wiener Gemeindebezirk aufgenommen. Formalistisch, bürokratisch, mit Vorschriften und Verordnungen, wie sie von Beginn an auch die Entfernung der Juden von den Universitäten kennzeichnete, wurden Schritt für Schritt die Maßnahmen der Rassenpolitik vom Palais Rothschild aus erprobt und weiterentwickelt, koordiniert und exekutiert. Das Abschnüren des beruflichen und sozialen Lebens der Juden erfolgte Zug um Zug. Am 30. September 1938 wurden die Berufsbefähigungen für Juden für erloschen erklärt. Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker waren davon noch ausgenommen; sie folgten am 31. Januar 1939. In der Zeit vom 13. März 1938 bis zum 31. Dezember 1938 verringerte sich die Anzahl der bei der Rechtsanwaltskammer Wien eingetragenen Anwälte von 2541 auf 771, wobei ein Teil dieses Rückgangs auch auf Exilierung zurückzuführen ist und nicht nur durch den Entzug der Berufsberechtigung zustande kam.22
Bevor wir dem Werdegang Stefan Meyers weiter folgen, wenden wir uns zunächst der (konfessionellen) Assimilation seiner engeren Familienmitglieder an das christlich geprägte gesellschaftliche Umfeld zu. Die Meyers bilden eine europäische Familie des 19. Jahrhunderts, die Kaufleute, Industrielle, Ärzte und Wissenschaftler hervorbrachte. Die Orte, an denen sie lebten und arbeiteten, spannen eine weite europäische Landkarte auf.
Der bedeutende Arzt, Chemiker und Naturforscher Josef Manes Österreicher der väterlichen Linie wurde 1756 in Alt-Ofen (Óbuda) geboren, bekleidete in Wien unter Joseph II., Leopold II. und Franz II. (I.) die Funktion eines Hof- und Staatsarztes (Kameralphysicus) und starb hier, vielfach ausgezeichnet, 1832. Die Vorfahren seines Vaters Gotthelf Karl, Levin Jehuda Meyer und dessen Sohn Isaak Lewin Meyer, der 1842 in Wien eine Import-Exportfirma eröffnete, kamen aus dem norddeutschen Raum um Stavenhagen und Hamburg mit verwandtschaftlichen Verbindungen zur Familie des Dichters Heinrich Heine. Meyers Mutter, deren Eltern aus alten Frankfurter und Prager Familien stammten, war die Schwester des bekannten Mineralogen und Petrographen an der Universität Heidelberg, Victor Mordechai Goldschmidt und entstammte einer Mainzer Familie, die nach 1866 Mainz verließ, um sich in England und Österreich anzusiedeln.
Der Verbindung des Berliner Rechtsanwalts Felix Maass mit Fanny von Portheim aus Prag entstammte Meyers Frau Emmy, geboren 1884 in Berlin. Stefan Meyers Schwester Herta war mit dem Vulkanologen Immanuel Friedländer verheiratet, der unter anderem in Neapel ein privates vulkanologisches Forschungsinstitut unterhielt.23 Der ältere Bruder Stefan Meyers, Hans Meyer, wirkte als Professor für organische Chemie an der Deutschen Universität in Prag. Verwandte lebten als Geschäftsleute in England.
Abb. 1: Stefan Meyer (August 1915) im »Magnetzimmer« des Instituts für Radiumforschung. Österreichische Zentralbibliothek für Physik, Wien.
Gotthelf Karl Meyer verließ die Wiener Kultusgemeinde 1878, ein Jahr nach der Geburt des letzten seiner fünf Kinder, der Tochter Anna Rosalia Meyer; der Austritt seiner Frau Clara Regina Meyer erfolgte zwei Jahre später, 1880. Beide Ehepartner blieben konfessionslos. Der in Hamburg geborene Bruder Gotthelf Karl Meyers, Heinrich Meyer, blieb der israelitischen Kultusgemeinde (IKG) verbunden und übte nach seiner Übersiedlung nach London dort Funktionen in der jüdischen Gemeinde aus. Die Schwester Henriette Louise Meyer verließ die Gemeinde 1893 und blieb konfessionslos. Bis auf Heinrich Meyer verließen alle Familienmitglieder dieser Generation die Wiener Kultusgemeinde und blieben konfessionslos – im Unterschied zur Generation der Kinder des Ehepaars Meyer, die sich mehrheitlich taufen ließen.
Der Austritt von Stefan Meyers Bruder Hans Leopold erfolgte im Alter von 17 Jahren 1888, der von Stefan im Alter von 21 Jahren 1893; beide traten in die protestantische Pfarre (AB) in Wien Gumpendorf ein. Die Schwester Josefine Therese Meyer trat 1895 in Alter von 22 Jahren aus, über einen Übertritt ist nichts bekannt, doch blieb sie mutmaßlich konfessionslos; von ihrer Schwester Herta Sabine Meyer ist das Jahr des Austritts nicht bekannt, sie trat in die Pfarre Marienbad, protestantisch AB ein. (Auch ihr Mann Immanuel Friedländer und schon dessen Vater Karl Jakob Friedländer waren protestantisch AB getauft.) Die jüngste Tochter des Ehepaars Gotthelf und Clara Meyer, Anna Rosalia Meyer, verließ ebenso wie ihre Geschwister die Kultusgemeinde (das Jahr ist nicht bekannt) und blieb konfessionslos. Noch eine Generation vorher beobachten wir keine Aus- oder Übertritte; alle fünf Geschwister der Elterngeneration von Clara Meyer (Vater Salomon Benedikt Goldschmidt und Mutter Josephine Porges Edle von Portheim) blieben Mitglieder der Kultusgemeinde. Gleiches gilt für die Eltern von Gotthelf Karl Meyer, Isaak Lewin (Levin) Meyer, Kaufmann und Konsul aus Mecklenburg, und seine Frau Therese Weikersheim.
Das Jahr des Austritts von Stefan Meyers Frau Emilie Meyer ist nicht bekannt, auch sie wurde protestantisch AB getauft. Ihre Eltern, Felix Maass und Fanny Maass, geborene von Portheim verließen 1918 die Kultusgemeinde; Felix Maass trat 1918 der Evangelischen Stadtpfarre, protestantisch AB in der Wiener Dorotheergasse bei, seine Frau Fanny folgte ihm darin 1920.
Die Mehrzahl der Austritte aus der Kultusgemeinde erfolgt ab den 1880er-Jahren. Dass Gotthelf Karl Meyer nach seinem Austritt aus der IKG konfessionslos blieb, lag vermutlich daran, dass er seinen sozialen Status als Jurist und im diplomatischen Dienst stehend als ausreichend konsolidiert empfand, um es im katholischen Österreich nicht nötig zu haben, sich einem christlichen Bekenntnis anzuschließen. Der Großteil der Konversionen der Familie Meyer erfolgte in der folgenden Zeit zum protestantischen Glaubensbekenntnis AB, vielleicht auch einer Vorsicht folgend, den Übertritt zur katholischen Mehrheitsreligion des Landes als nicht angemessen zu empfinden. Diese Vermutung zu den Konversionen der Familie Meyer steht jedoch nicht im Einklang mit statistischen Daten der Stadt Wien, die für die Jahre 1883 bis 1912 bei insgesamt 13.185 Austritten das Verhältnis von geplanten Übertritten zum römischen Katholizismus, zur evangelischen Kirche und zur Konfessionslosigkeit mit 51:25:24 ausweist. Diese Verhältniszahlen können als einigermaßen stabil angesehen werden, da auch für die Zeit um 1900 etwa 50 Prozent der Übertritte zur Katholischen Kirche sowie ein Drittel zum Protestantismus erfolgten und alle anderen sich für die Konfessionslosigkeit entschieden.24
