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In der Corona-Zeit haben wir die Technik zu schätzen gelernt: Dank Internet waren wir weiterhin mit der Außenwelt verbunden, Videokonferenzen und Online-Seminare schossen wie Pilze aus dem Boden. Doch können wir im digitalen Zeitalter überhaupt noch Mensch sein? Oder übernimmt die Digitalisierung unser Leben? Human Business stellt den Menschen in den Mittelpunkt - sei es Mitarbeiter, Unternehmer, Kunde oder gesellschaftliches Umfeld. Human Business steht für ein neues, gemeinsames Verantwortungsbewusstsein und eine von Vertrauen und Respekt geprägte Unternehmenskultur. Stimmen zum Buch: "In der Idee vom 'Human Business' bringen Führungskräfte die Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Unternehmen in Balance - aber nicht als "kleinsten" gemeinsamen Nenner, sondern als sich gegenseitig verstärkende Synergie. Ein faszinierender Leadership-Approach, der in Zeiten von New-Work-Konfusion inspirierend-sinnstiftende Orientierung gibt." Erdwig Holste, Geschäftsführer Management Angels GmbH "'Human Business' ist ein mutiges und einfühlsames Buch, das konsequent den Menschen in den Mittelpunkt des unternehmerischen Sinns und Zweck rückt. Es gibt uns Gestaltungswerkzeuge für nachhaltiges, menschliches Leben und Arbeiten im Digitalen Zeitalter in die Hand. Tun müssen wir es." Frank Schäfer, HR Transformation Leader Germany & Partner, Deloitte Consulting "'Human Business' kommt genau zur richtigen Zeit. Hoffentlich inspiriert es viele Menschen – sowohl im privaten als auch im unternehmerischen Kontext - dazu, aktive Mitgestalter der Arbeits-, Lebens- und Lernkultur der Zukunft zu werden." Hansjörg Fetzer, Geschäftsführer der Haufe Akademie "Human Business ist das inspirierende Fundament, auf dem wir die neue Wirtschaft aufbauen können. Zutiefst menschlich und potenzialentfaltend. Für die Menschen, die Natur, den Sinn und die nachhaltige Zukunft von Unternehmen gleichermaßen." Stefan Götz, Autor von Change Leader Inside & The Next Wave in Business "Ten years from now most companies will be focused on creating sustainable added value for their staff, their customers, the companies themselves and the environment. Dr. Thomas Juli explains why humanizing your business will become a competitive necessity and how you can start getting ready." Peter Stevens, Autor von Personal Agility "Dieses Buch zeigt eindrucksvoll: Der erfolgreiche Kapitalist von heute versucht den Menschen aus der Geschäftswelt zu verbannen. Der erfolgreiche Kapitalist von morgen stellt ihn in den Mittelpunkt! Dr. Thomas Juli trägt die Erkenntnisse der letzten Jahre schlüssig zusammen und schafft einen Leitfaden vom "Ego"-System zum "Eco"-System. Der Human Business Ansatz schafft eine attraktive Unternehmenskultur, die gerade die High Potentials der Millennium Generation anzieht." Sabine Schwind von Egelstein, Consultant für Unternehmenskultur, Botschafterin der "Goldenen Regel" Inhalt - Die Wiederentdeckung des Menschen - Wesensmerkmale des Human Business - Gestaltungsprinzipien für ein Human Business - Bessere Ergebnisse durch Spaß und Freude - Menschliche Gestaltungsräume oder das Hamsterrad zum Stehen bringen - Die goldene Regel für das digitale Zeitalter - Einstieg ins Human Business Design: Hindernisse überwinden, neue Potenziale entfalten - Die Zukunft ist menschlich: Führung für morgen
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2020
Haufe Lexware GmbH & Co KG
[4]Für Rea und Aiyana
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de/ abrufbar.
Print:
ISBN 978-3-648-14701-6
Bestell-Nr. 10587-0001
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ISBN 978-3-648-14702-3
Bestell-Nr. 10587-0100
ePDF:
ISBN 978-3-648-14703-0
Bestell-Nr. 10587-0150
Thomas Juli
Human Business
1. Auflage, November 2020
© 2020 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg
www.haufe.de
Bildnachweis (Cover): © Igor, Adobe Stock
Produktmanagement: Dr. Bernhard Landkammer
Lektorat: Ursula Thum, Text+Design Jutta Cram, Augsburg
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/ Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
»›Human Business‹ ist ein Brückenschlag hin zu einer anderen Wirtschaftsordnung.«
Gerald Hüther, Neurobiologe und Autor
»Für alles Kommende wird es ungeheuer wichtig sein, wie weit wir den genuinen Humanismus mit der Wirtschaft, der Ökonomie synchronisieren können. Das ist das Zukunftsprojekt unseres Jahrhunderts.«
Matthias Horx, Trendforscher und Gründer des Zukunftsinstituts
»›Human Business‹ gibt für die Konzeption einer Gesellschaft und Politik in der digitalen Wirklichkeit ganz wesentliche Impulse. «
Dieter Althaus, Vice President Governmental Affairs Magna Europe, Ministerpräsident a. D.
»Das Buch ist noch mehr als ein Business- oder Lebensratgeber – es ist ein Leitstern, ein Kompass für ein neues, selbstgesteuertes, respekt- und liebevolles Menschsein. Mein tiefster Wunsch: Möge das Buch viele, viele Menschen tief berühren – denn dafür ist es geschrieben!«
Evelyn Oberleiter, Mitgründerin und Geschäftsführerin des Terra Institute
»In der Idee vom ›Human Business‹ bringen Führungskräfte die Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Unternehmen in Balance – aber nicht als ›kleinsten‹ gemeinsamen Nenner, sondern als sich gegenseitig verstärkende Synergie. Ein faszinierender Leadership Approach, der in Zeiten von New-Work-Konfusion inspirierend-sinnstiftende Orientierung gibt.«
Erdwig Holste, Geschäftsführer Management Angels GmbH
»›Human Business‹ ist ein mutiges und einfühlsames Buch, das konsequent den Menschen in den Mittelpunkt des unternehmerischen Sinn und Zwecks rückt. Es gibt uns Gestaltungswerkzeuge für nachhaltiges, menschliches Leben und Arbeiten im digitalen Zeitalter in die Hand. Tun müssen wir es.«
Frank Schäfer, HR Transformation Leader Germany & Partner, Deloitte Consulting
»Dieser Ansatz bringt es auf den Punkt, dass der einzige Antrieb Menschlichkeit sein muss, um den Herausforderungen der neuen, digitalen und unplanbaren Welt erfolgreich zu begegnen.«
Lasse Rheingans, Autor von Die 5-Stunden-Revolution
[6]»Dr. Thomas Juli legt plausibel dar, warum gerade im Menschsein der Schlüssel zum Erfolg in Zeiten digitaler Transformation liegt. Wunderbar!!«
Torsten Bittlingmaier, TalentManagers
»›Human Business‹ kommt genau zur richtigen Zeit. Hoffentlich inspiriert es viele Menschen – sowohl im privaten als auch im unternehmerischen Kontext – dazu, aktive Mitgestalter der Arbeits-, Lebens- und Lernkultur der Zukunft zu werden.«
Hansjörg Fetzer, Geschäftsführer der Haufe Akademie
»Human Business ist die Aufforderung, die Welt, in der unsere Kinder leben werden, jetzt und fortan überlebensfähig, lebenswert und menschenfreundlich zu gestalten. Thomas Juli zeigt darin, warum dies nötig ist und wie es gelingen kann – konkret, praxisnah und optimistisch.«
Marcell Heinrich, Future Education Experte, Pädagoge, Autor, Gründer der Hero Society
»Thomas Juli kenne ich seit über 15 Jahren: Er schreibt nicht nur über Human Business, er lebt es auch!«
Klaus Tumuscheit, Autor und Projektmanagement-Experte
»›Der Mensch steht im Mittelpunkt!‹ Wie oft durften und mussten wir dieses ja häufig nur floskelhaft gebrauchte Willensbekenntnis in den letzten Jahren hören und lesen. Dieses Buch zeigt gut verständlich auf, wie dieser Ausdruck zum Leben erweckt werden kann. Und muss. Ein wunderbares und wegweisendes Buch.«
Michael Streng, geschäftsführender Gesellschafter der Parameta Projektmanagement Beratung GmbH
»Human Business ist das inspirierende Fundament, auf dem wir die neue Wirtschaft aufbauen können. Zutiefst menschlich und potenzialentfaltend. Für die Menschen, die Natur, den Sinn und die nachhaltige Zukunft von Unternehmen gleichermaßen.«Stefan Götz, Autor von Change Leader Inside & The Next Wave in Business
»In zehn Jahren werden sich die meisten Unternehmen darauf konzentrieren, einen nachhaltigen Mehrwert für ihre Kunden, ihre Mitarbeiter, die Unternehmen selbst und die Umwelt zu schaffen. Dr. Thomas Juli erklärt, warum die Vermenschlichung Ihres Unternehmens zu einer Wettbewerbsnotwendigkeit wird und wie Sie sich darauf vorbereiten können.«
Peter Stevens, Autor von Personal Agility
»Human Business hilft Entscheidern, ihr Unternehmen dahin zu entwickeln, wofür es eigentlich immer gedacht war: Von Menschen für Menschen.«
Michael Buttgereit, Positionierung-Designer und Gründer der Agentur Gute Botschafter
2020 war wie kaum ein anderes Jahr in den letzten Jahrzehnten ein Jahr des Wandels. Die Corona-Pandemie stellte unsere Welt geradezu auf den Kopf. Innerhalb weniger Wochen kam unser altes Leben zum Erliegen. Millionen von Menschen infizierten sich mit SARS-CoV-2, Hunderttausende starben, Abermillionen verloren infolge der Lockdowns ihre Arbeit, ihre Zukunftsaussichten und Orientierung. Die anfängliche Hoffnung, dass man nach kurzer Zeit wieder zur alten Normalität zurückkehren würde, stellte sich als Illusion heraus. Länder, die die Krise verharmlosten oder sie mit Lügen und Populismus versuchten in den Griff zu bekommen, mussten in der Konsequenz mit noch höheren Infektionszahlen und noch mehr Todesfällen zurechtkommen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dieses Vorwort schreibe, ist noch nicht abzusehen, wie die Welt nach Corona aussehen wird. Wie das »neue Normal« sein wird. Wie wir leben und arbeiten können und werden.
Dabei revolutionierte Corona von Anfang an unser Leben und Arbeiten. Seniorenheime und Bildungsinstitute mussten schließen. Die am meisten gefährdete Altersgruppe wurde über Nacht von der Gesellschaft, von ihren Familien und Freunden isoliert. Schulen schlossen und Millionen von Eltern waren mit der Herausforderung Homeschooling konfrontiert – zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit, die durch Corona ebenfalls schwieriger und/oder unsicherer wurde. Ganze Wirtschaftszweige kamen zum Erliegen und sehen jetzt in eine ungewisse Zukunft. Kulturschaffenden wie Soloselbstständige und vielen anderen Berufsgruppen wurde die Existenzgrundlage unter den Füßen weggezogen. Zwar gab es vom Staat Fördermaßnahmen. Ausgereicht haben sie aber nicht. Und so hat sich die gesamte Arbeitswelt in wenigen Wochen und Monaten nachhaltig verändert. Homeoffice zum Beispiel, das insbesondere von traditionelleren Unternehmen und Organisationen vor Corona skeptisch betrachtet worden war, wurde während der Pandemie für lange Zeit zum Standardarbeitssetting, zumindest für diejenigen, für deren Arbeit das möglich war, die die technische Ausstattung hatten und die nicht an der »Front« arbeiteten und dort täglich dem Corona-Virus ausgesetzt waren. Für Menschen, die im Homeoffice weiterarbeiteten, aber weder ausreichend Raum, Ruhe noch die technische Ausstattung hatten, wurde die Zeit mitunter zur Qual. Mehr Zeit mit und in der Familie zu haben konnte so schnell zum Segen und zugleich zum Fluch werden. Trotz Lockdown und Social Distancing war man dank Technik mit der Außenwelt verbunden. Videokonferenzen und Webinare schossen wie Pilze aus dem Boden.
[16]Ich selbst leitete im Frühjahr über 20 Online-Dialoge an.1 Ohne Corona hätte ich damit kaum angefangen. Entspannend dabei war, dass keiner erwartete, dass diese Webinare perfekt vorbereitet oder choreografiert sein würden. Damit standen die Teilnehmenden und die Inhalte im Mittelpunkt. Es ging um die Verbindung mit den Menschen, um das Teilen von Ideen und Informationen. Der Austausch war wichtig, weniger die äußere Form. Gleichzeitig wurde uns bewusst, wie wertvoll die tatsächliche zwischenmenschliche Begegnung und der Austausch sind. Als der Lockdown langsam gelockert wurde, genoss man die Zeit mit Freunden und Kollegen2 umso mehr. Social Distancing brachte uns gewissermaßen näher. Auch die Zeit draußen in der Natur oder Freizeitaktivitäten bekamen eine ganz andere Qualität und wurden viel mehr geschätzt.
Waren wir in der Vergangenheit oft auch in der Freizeit noch online, entdeckten wir jetzt die Vorzüge der Offline-Zeit, nahmen ein Buch, gingen spazieren oder sprachen miteinander. Wir erkannten, dass das Leben durchaus zwischendrin auch mal ganz ohne Digitalisierung funktioniert. Und auch langsamer geht und so lebenswerter wird, weil man lernt, mehr in der Gegenwart zu leben und den Moment zu genießen.
Auch die Natur genoss diese ruhige Zeit. Die Umweltverschmutzung ging innerhalb weniger Wochen zurück und die Natur erholte sich. Der Neckar, der nur wenige hundert Meter von meiner Wohnung entfernt vorbeifließt, war so sauber, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Das Wasser war nicht wie sonst vom Sand getrübt – man konnte jetzt den Grund sehen. Glasklares Wasser auch in Venedig, wo sogar Delfine durch die Lagunen schwammen. Es war, als ob sich die Natur eine Ruhepause gönnte und sich dafür bedanken wollte.
Die Corona-Pandemie war eine Zeit, in der viele Probleme, mit denen wir uns vorher beschäftigten, insbesondere der Klimawandel weit entfernt zu sein schienen. Dabei hörten sie nicht auf zu existieren. Nur vergaßen wir sie für ein paar Monate oder verdrängten sie, weil andere Sorgen und Probleme unmittelbarer waren. Als die Corona-Krise länger als erwartet andauerte, traten sie langsam wieder in unser Bewusstsein. Zusammen mit Fragen, wie die Zeit nach Corona aussehen würde. Wie werden wir leben? Wie werden wir arbeiten? Wie sicher ist unsere Arbeit? Was wird aus uns? Welche Zukunft werden unsere Kinder und Enkel haben?
[17]In der Corona-Zeit haben wir die Technik zu schätzen gelernt. Dank Internet waren wir weiterhin mit der Außenwelt verbunden, konnten, wenn auch nur virtuell, mit Freunden und Kollegen kommunizieren. Die Technologie half, unser Leben fast normal fortsetzen zu können. Vergessen wir aber nicht, dass die Technik und die digitale Transformation der letzten zwanzig bis dreißig Jahre viele Menschen, Unternehmen und Organisationen überfordert und Zukunftsängste schürt. Neue Entwicklungen in Technologie, Gesellschaft und Umwelt stoßen oft auf Misstrauen und Skepsis. Es scheint, dass die Digitalisierung unser Leben »übernimmt«. Aber was ist mit uns Menschen? Wo passen wir hin? Und wie können wir unsere Zukunft gestalten?
Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich im digitalen Bereich, gestalte gewissermaßen die digitale Transformation mit. Ich begrüße diesen Wandel und sehe in ihm mehr Chancen als Risiken; aber immer vorausgesetzt, wir stellen die richtigen Fragen. Anstatt zu fragen »Wie wird die Zukunft aussehen?« stimme ich dem deutschen Philosophen Richard David Precht zu, der uns motiviert zu fragen »Wie wollen wir leben?«3. Die Frage nach der Gestaltung unserer Zukunft statt nach unserer Reaktion auf (künftige) Transformationen verändert unsere Perspektive und eröffnet neue Horizonte.
Die Fragen »Wie will ich leben?« oder »Was will ich wirklich?« beschäftigen mich schon seit langer Zeit. Ich behaupte nicht, dass ich alle Antworten auf sie gefunden habe. Für mich ist nur klar, dass wir in der Technologie keine Antworten auf diese Frage finden können. Wir müssen sie uns schon selbst stellen und Antworten in uns finden. Der norwegische Zukunftsforscher Anders Indset erklärt, dass »bei aller Faszination für die Technik und ihre hilfreichen Potenziale […] es gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt essentiell [ist], dass wir uns mit dem Thema ganzheitlich auseinandersetzen. Es kann nicht darum gehen, alles umzusetzen, was an Anwendungsmöglichkeiten in der Technologie [der künstlichen Intelligenz] steckt – vielmehr müssen wir immer das Ziel im Auge behalten: Wir Menschen und die Menschheit insgesamt bilden den Mittelpunkt«.4
Die Frage, wie wir im digitalen Zeitalter leben und arbeiten wollen, ist folglich drängender denn je. Nur, wo fangen wir an? Helfen dabei kann uns ein unveränderliches altes Prinzip, das in unserer Menschheitsgeschichte verwurzelt ist und uns alle vereint: die goldene Regel der Zusammenarbeit. Sie fordert uns auf, den Nächsten so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Die goldene Regel ist das einzige Prinzip, das tatsächlich weltweit gilt. Es ist die Wurzel jeder Religion. Ergänzen wir die goldene Regel um unsere unmittelbare Umgebung, unserer Umwelt, können wir sie wie folgt formulieren: »Behandle andere und den Planeten so, wie du behandelt werden möchtest.«
[18]Wie ich in Kapitel 14 erklären werde, bietet uns die goldene Regel nicht nur eine Orientierung für die Gestaltung von Leben und Arbeiten. Sie ist ein Auftrag für individuelles und gemeinsames Verantwortungsbewusstsein. Skalieren wir die goldene Regel hin zur unternehmerischen Ebene, ist sie ein Aufruf zu menschlichem und ethischem Unternehmertum. Sie fordert zu einer von Vertrauen und Respekt geprägten Unternehmenskultur auf. Es geht um die Symbiose von Kunden, Mitarbeiterinnen und Unternehmen, die im Zusammenspiel und gegenseitiger Rücksichtnahme, Respekt und Unterstützung alle Nutznießer sind. Das ist Human Business.
Human Business stellt den Menschen in den Mittelpunkt; sei es Kundin, Mitarbeiter, Unternehmen oder gesellschaftliches Umfeld. Der Zweck des Human Business ist es nicht, Gewinne zu maximieren und alles erdenklich Mögliche für das Wohl der eigenen Aktionäre zu tun. Vielmehr ist der Zweck des Human Business, einen nachhaltigen Mehrwert für Kunden, Mitarbeiterinnen, Unternehmen und die Umwelt zu generieren. Unternehmerische Gewinne sind nicht Ziel des Wirtschaftens. Sie sind ein Ergebnis. Und dieses Ergebnis fällt sehr viel höher und nachhaltiger aus, wenn wir den Menschen und den Planeten in den Mittelpunkt stellen. Hierfür gibt uns der Ansatz des Human Business eine sehr gute Orientierungshilfe. Dass dies keine Illusion ist, sondern heute schon gelebt und praktiziert wird, zeige ich in diesem Buch. Ich hoffe, dass diese Praxis Nachahmerinnen und Nachahmer findet und dass das Buch dazu beiträgt. Meine Vision ist, dass Human Business innerhalb von zehn Jahren zur neuen, globalen Normalität geworden sein wird.
Das Buch wendet sich an alle, die wie ich selbst Wege erkunden wollen, wie wir unser Leben und Arbeiten im digitalen Zeitalter gestalten können. Das können sowohl Unternehmer, Managerinnen und Führungskräfte als auch Schüler, Studierende, Sozialarbeiter oder Künstlerinnen sein. Uns gemeinsam ist einmal das Interesse an und die Neugier auf die Zukunft – sei es aus Angst, Verantwortungsbewusstsein, Notwendigkeit oder Abenteuerlust. Gemeinsam ist uns auch die Frage, wie wir es schaffen, im digitalen Zeitalter nicht als passive Ressource behandelt zu werden, sondern als Mensch zu leben und zu arbeiten.
Dass diese Frage nicht neu ist, zeigen die vielen Referenzen im Text und das Literaturverzeichnis am Ende des Buches. Bei der Frage, wie unsere Zukunft aussehen wird bzw. wie wir leben wollen, finden sich hier sowohl Fachbücher über Wirtschaft und Führung als auch Publikationen zu Philosophie, Persönlichkeitsfindung, Selbstentwicklung und Spiritualität.
Es waren aber vor allem die persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen, die mich zum Schreiben dieses Buches inspiriert und nachhaltig geprägt haben. An allererster Stelle möchte ich mich deswegen bei meiner Familie bedanken. Meine Frau Tina, mein Sohn Rea und meine Tochter Aiyana waren eine riesengroße [19]Hilfe. In der Tat waren es Rea und Aiyana, die für mein Buchprojekt den Stein ins Rollen brachten, indem sie mich z. B. fragten, warum ich nicht mehr meinem Herzen folge und offener über meine Träume und Wünsche rede. Mein Kopf hielt mich lange davon ab, weil ich Angst hatte, mich eventuell zu blamieren oder meine verletzliche Seite zu zeigen. Meine Kinder sahen mir direkt ins Herz. Glücklicherweise erinnerten sie mich immer mehr daran, meinem Herzen zu folgen, es zu öffnen. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich mit diesem Buch auf Jahre hin nicht angefangen. Deswegen bin ich unendlich dankbar für sie und ihre liebevollen Ermahnungen und widme ihnen dieses Buch. Ohne sie wäre es nicht geschrieben worden. Mit dem Buch wollte ich Rea und Aiyana auch etwas in die Hand geben, das ihnen vielleicht die ein oder andere Hilfestellung und Impulse für die eigene Gestaltung des Lebens und Arbeitens im digitalen Zeitalter gibt. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Gestaltet eure Zukunft und lebt sie und vergesst nie, woher ihr kommt, vergesst nie eure Menschlichkeit. Ich liebe euch!
Ein ganz großes Dankeschön möchte ich meiner Frau Tina aussprechen. Sie war während des gesamten Buchprojekts eine mehr als wertvolle Stütze. Sie beriet mich, motivierte, reflektierte, gab Feedback, machte Verbesserungsvorschläge, inspirierte. Ohne ihre Hilfe wäre das Buch nicht zustande gekommen. Tina, ich liebe dich!
Weiter möchte ich mich bei Monika Renn sowie Jim und Elizabeth Bowman für die Ermutigung, Ratschläge und Tipps sowie ihr offenes Ohr und Herz über all die Jahre bedanken.
Für das Buch habe ich eine Vielzahl von Menschen interviewt, die schon heute verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein, und wie man seine Menschlichkeit in Leben und Arbeit integriert. Danke an Richard Sheridan, Malte Clavin, Dirk Gemein, Maestro Horacio Godoy, Maestra Cecilia Berra, Isabella Bayer, Kim Polman, Steve Denning und Julia von Winterfeldt.
Seit vielen Jahren arbeite ich als agiler Coach und Unternehmensberater. Immer wieder neue Impulse und Inspirationen bekomme ich von einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen – wir treffen uns einmal die Woche für einen sogenannten »Pizza Call« eine halbe Stunde lang virtuell. »Pizza Call« deswegen, weil es normalerweise eine halbe Stunde dauert, eine Pizza zu essen und sich dabei zu unterhalten. In unserem »Pizza Call« tauschen wir uns über unsere Erfahrungen in der agilen Welt aus, berichten über Erfolge, Misserfolge, Probleme, Risiken und Chancen, entwickeln neue Ideen. Über die Jahre sind Gemeinschaft und Freundschaft entstanden. Danke an Stephen Denning, Andrew Holm, Dawna Jones, Jay Goldstein, John Styffe, Nancy Van Schooenderwoert, Peter Stevens und Rod Collins.
Ein ganz großes Dankeschön an meine Mitstreiter von Human Business Architects Christopher Weber-Fürst und Sabine Schwind von Egelstein für die vielen inspirieren[20]den Gespräche und unsere gemeinsamen Workshops und Auftritte beim World Economic Forum 2019 und 2020. Let’s re-humanize digital!
Danke an Andreas Loroch, Mitgründer und Mitgeschäftsführer von VorsprungatWork in Weinheim, sowie Torsten Bittlingmaier, die den Kontakt zum Haufe-Verlag für mich herstellten. Hier fand ich mit Dr. Bernhard Landkammer einen Produktmanager, der von Anfang an meine Buchidee glaubte und seine Kolleginnen und Kollegen im Verlag davon überzeugte. Er fand mit Ursula Thum eine erstklassige Lektorin für mein Buch, die meiner Sprache den richtigen Schliff gab, mich auf Lücken hinwies und so das Buch zum Abschluss brachte. Vielen, vielen Dank!
Danke an meine ersten Tango-Lehrer Isabella Bayer und Jaro Cesnik von der Tango-Schule Tango Flores in Mannheim, die mich in die wunderbare Welt des Tango Argentino einführten. Ohne sie wäre Kapitel 10 »Das Leben tanzen« nicht möglich gewesen.
Danke an die Teilnehmenden meiner Online-Dialoge »Love, Life and Work in a Human World« im Frühjahr 2020. Ihre Beiträge, ihre Ideen und ihr Feedback bestärkten die Vision, Human Business zur normalen, globalen Normalität zu machen. Vielen, vielen Dank an meine Gäste und Interviewpartner Christopher Weber-Fürst, Dawna Jones, Jay Stanton Goldstein, Julia Christensen Hughes, Kim Polman, Richard Atherton, Richard Sheridan und Sue Bingham. Dankeschön an alle Teilnehmer: Carolin Güthenke, Bernd Frye, Christian Bader, Marianne Brittijin, Christopher Weber-Fürst, al Bower, Carly Obeng, Johna Vickers, Juan Brooks, Samran Samran, Joe Amrhein, Anastasia Zaharioudaki, Scott Gould, Naum Naumoski, Fuad Mesic, Didi Niki Shterevi, Kim Plyler, Christian Kugelmeier, Psychi Lizzie, Nuria Rojo, Brian Shoemaker, Denise Falbo, Joseph Timothy, Dawna Jones, Julia Christensen Hughes, Tim Brook, Uwe Berns, Richard Sheridan, Kim Polman, Jay Goldstein, Julia von Winterfeldt, Janke Behnen, Grzegorz Posyniak, Kate Cnatalska, Oliver Foitzik, Gudrun Seuster, Barbara Altherr, Andrea Kaul, Udo Bohdal-Spiegelhoff, Bettina Goldman, Michaela Biggs, Eva Haas, Cinzia Catani, Julia Stolba, Tanja Schättler, Nicole Weise, Laura Latka, Martin Lindhuber, Corola von Peinen, Frank Bescherer, Julia König, Tanja Nettekoven, Julia Heitland, Udo Bohdal-Spiegelhoff, Kirsten Korte, Albrecht Schwenk, Joachim Skura, Andreas Voigtländer, Thomas Walenta, Yurii Oleksiievych, Lothar Schmidt, Tatjana Korol, Vanessa Sautter, Denis Wittmaier, Tobias Clemens, Sandra Seitz, Priscilla Lavodrama, Marion Felbel, Christian Keller, Yanique Myrick, Robert Fuchs.
Danke an alle, die während der Buchentstehung ihr Feedback zu frühen Kapitelentwürfen gaben: Andreas Loroch, Aiyana Juli, Albrecht Schwenk, Anja Schleiernick, Annette Muser, Carolin Güthenke, Antje Welzandt, Christina Juli, Christopher Weber-Fürst, Dagmar Schuler, Gabriele Simon, Gero Niemann, Isabella Bayer, Julia von Winterfeldt, Michael Burkhardt, Monika Renn, Michael Liley, Peter Stevens, Robert Fuchs, [21]Robert Misch, Roland Ullmann, Sabine Schwind von Egelstein, Torsten Bittlingmaier, Thomas Arend, Ute Niepenberg, Werner Simon.
Danke an Dagmar Schuler von der Anders Agentur für die Neugestaltung meiner Internetseite, die das Buch und damit Human Business in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit brachte und bringt.
Last, but not least möchte ich noch etwas zur Leseransprache erklären. Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich überlegt, ob ich die Leserinnen und Leser mit förmlichem »Sie« oder persönlichem »Du« ansprechen möchte. Letztlich entschied ich mich für das Du, denn ich will weniger den Leser als fiktive Rolle oder Funktion, sondern vielmehr den Menschen erreichen. Da ist das Du einfach naheliegender.
1 Die Online-Dialog-Serie hieß »Love, Life and Work in a Human World«. Ziel war es, sich über die Probleme, Fragen und Ideen, die die Corona-Krise zum Vorschein brachte, auszutauschen und konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Eine Reihe der Dialoge ist auf YouTube verfügbar: https://tinyurl.com/motivate2b-youtube.
2 Bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Buch wird versucht, sowohl die weibliche als auch die männliche Form gleichverteilt zu verwenden. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die ggf. verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keinerlei Wertung.
3 Precht, R. D. (2018). Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Wilhelm Goldman.
4 Indset, A. (2019, 191). Quantenwirtschaft: Was kommt nach der Digitalisierung? Econ.
»Die aufregendsten Durchbrüche des 21. Jahrhunderts werden nicht aufgrund der Technologie stattfinden, sondern aufgrund eines sich erweiternden Konzepts dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein.«
John Naisbitt, Zukunftsforscher
In diesem Buch geht es um uns Menschen und wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Im Leben wie in der Arbeit. Die Frage, die wir dabei beantworten müssen, ist: Welche Rollen wollen wir dabei spielen? Wollen wir Spielball der Technologie sein, sie vielleicht nutzen, aber doch nur auf sie reagieren, alles für den technologischen Wandel tun und so Unternehmen und die Wirtschaft unterstützen? Oder wollen wir diejenigen sein, die das digitale Zeitalter aktiv gestalten? Nicht für Technologie oder Unternehmen, sondern für uns Menschen? Bzw. können wir im digitalen Zeitalter überhaupt noch Mensch sein? Und wenn ja, was bedeutet das? Welche Gestaltungsräume könnte uns dieses digitale Zeitalter öffnen?
[24]Heute müssen wir uns mehr denn je die Frage stellen, wie wir als Menschen leben wollen. Es ist eine Frage des Wollens und des Gestaltens. Um sie beantworten zu können, müssen wir allerdings erst wissen, was wir wirklich wollen – und wer wir eigentlich sind oder sein wollen. Werden wir weiterhin nur Ressourcen und Konsumenten im großen wirtschaftlichen Gebilde sein oder wollen wir als Menschen das Ruder übernehmen?
Das traditionelle Business des 20. Jahrhunderts misst uns Menschen in erster Linie die Funktion des Mittels zum Zweck zu. Über Jahrzehnte hat dies wunderbar funktioniert und sich ausgezahlt. Das Business kommt an erster Stelle, der Mensch allenfalls an zweiter. Sei es als Konsument oder als Ressource.
Human Business kehrt diese Reihenfolge um: An erster Stelle steht der Mensch, nicht als Konsument oder Ressource, sondern als menschliches Wesen. An zweiter Stelle kommt das Business.
Wie wir in diesem Buch sehen werden, hat diese einfache Umstellung weitreichende Auswirkungen auf die Gestaltung unserer Zukunft. Wir als Menschen sind es, die Leben und Arbeiten gestalten müssen. Business wird dabei zu Mittel und Zweck unseres Gestaltungsauftrags. Nur, mit dieser Gestaltungsfreiheit kommt Verantwortung. Und um ihr gerecht zu werden, müssen wir uns darüber bewusst sein, was wir wollen und wer wir wirklich sind.
Das Buch will hierzu einen Beitrag leisten. Nicht als Diktat, sondern als Impulsgeber. Es möchte helfen, dass wir unsere Menschlichkeit wiederentdecken und unsere Kreativität und unser Potenzial entfalten. Im Leben und Arbeiten. Zum Wohle von uns Menschen und unserem Planeten.
Die Zukunft. Ja, wie wird sie aussehen? Und wie werden wir sie erleben? Ich möchte sie mal mit einem Zitronenschnitz vergleichen, in den wir herzhaft reinbeißen. Im ersten Moment dürften wir unseren Mund verziehen, so sauer ist die Zitrone. Manche von uns spucken sie gleich wieder aus; andere kauen und schlucken das Fruchtfleisch mehr oder weniger genüsslich hinunter. Ob und wie wir den Zitronenschnitz essen und genießen, liegt also ganz an unseren Vorlieben, an unserem Geschmack und an unserer Wahrnehmung. Aber auch an unseren Erfahrungen und Erkenntnissen. Denn unabhängig davon, ob wir eine rohe Zitrone essen wollen oder nicht, können wir sie auch anderweitig verwenden – zu Beispiel zum Kochen oder Backen. Sie kann also durchaus einen positiven Nutzen haben, selbst wenn wir sie pur nicht mögen.
Ähnlich verhält es sich mit der Zukunft, die an unsere Tür klopft. Mit der Zukunft meine ich hier vor allem das Informations- und Digitalzeitalter, oftmals auch als »vierte [25]industrielle Revolution« bezeichnet. Vielleicht haben wir eine Idee, was die Digitalisierung alles mit sich bringen kann; ganz sicher müssen wir uns dabei nicht sein. Und sie mögen schon gar nicht.
Unter dem digitalen Zeitalter und der Digitalisierung verstehe ich mehr als nur die rasante und immer schneller werdende Entwicklung von Technologien in den letzten Jahren. Das digitale Zeitalter ist geprägt von einer immer stärkeren Vernetzung von Menschen, Unternehmen und Wirtschaft sowie Politik und Gesellschaft. Jeder ist mit jedem in irgendeiner Art und Weise verbunden und beeinflusst sich mal mehr, mal weniger gegenseitig. Das hat sowohl positive als auch negative Seiten. Technologien und wirtschaftliche Flüsse mögen uns näher zusammenbringen, sie machen uns aber auch anfälliger für mögliche negative Auswirkungen der komplexen Wechselbeziehungen. Der Klimawandel ist ein Beispiel hierfür.
Dabei sind die Digitalisierung bzw. die vierte industrielle Revolution aus Sicht der Geschichte nicht wirklich so außergewöhnlich. Letztlich beschreiben sie einen weiteren Schritt in der menschlichen Entwicklung. Die erste Industrialisierung begann mit der Entwicklung und Verbreitung von Dampfmaschinen Ende des 18. Jahrhunderts. Als ca. 1913 Henry Ford das Fließband einführte, hatte dies weitreichende Auswirkungen zunächst auf die Wirtschaft und dann auch auf die Gesellschaft. Mit dem Fließband begann die zweite industrielle Revolution. Die dritte Revolution brach mit der Entwicklung der Mikroelektronik Mitte der 70er-Jahre an. Auch hier waren die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft signifikant. Die technologische Entwicklung beschleunigte sich über die letzten Jahrzehnte und mit der Entwicklung moderner Fabriken begann die vierte industrielle Revolution, in der wir uns heute befinden. Dabei sind die vierte Revolution und das digitale Zeitalter weit mehr als intelligente Fabriken. Werfen wir einen kurzen Blick auf den Umfang der derzeitigen technologischen Revolution.
Kaum etwas anderes ist schnelllebiger als die rasante Entwicklung neuer Technologien. Es fällt schwer, eine Liste neuer Technologien zu erstellen, wohl wissend, dass sie schon in kürzester Zeit obsolet sein kann und allenfalls ein Schmunzeln verursacht, weil sich so manche aufgelistete Technologie schon wieder überholt hat. Einen Versuch ist es trotzdem wert.
Die Rechnerleistungen und Speichermöglichkeiten haben sich in den letzten Jahren dank neuer Prozesse, Materialien und Herstellungsverfahren vervielfacht. Neue System- und Datenarchitekturen ermöglichen eine schnellere, effizientere Datenverar[26]beitung. Rechner werden schneller und kleiner und sind aus unserem täglichen Leben kaum noch wegzudenken. Auf der anderen Seite gibt es z. B. durch Cyberkriminalität neue Gefahren für uns Menschen und unsere Gesellschaft. Wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten.
Maschinen können heute miteinander kommunizieren – vor Jahren war das noch kaum vorstellbar. Sogenannte Smart Factories funktionieren heute ohne Menschen. Energienetze in Städten und Häusern sind miteinander verbunden, tauschen Daten aus und optimieren sich quasi von selbst.
Aber auch hier gibt es Schattenseiten des Fortschritts. Während die Daten der Maschinen immer mehr an Bedeutung zunehmen, wächst die Sorge um die Sicherheit der Daten und die Risiken des Datenmissbrauchs. Energienetze werden intelligenter, sind aber auch anfällig für Cyberangriffe, die über Stunden, Tagen, Wochen oder länger ein Energienetz lahmlegen können – mit fatalen Folgen für Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft.5
Wie beim Internet der Dinge ist auch die rasante Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz und bei Robotern bemerkenswert. Beispielsweise kann gehbehinderten Menschen geholfen werden, wieder zu laufen. Langweilige Routinetätigkeiten können von Maschinen übernommen und dadurch schneller und billiger durchgeführt werden. Menschen wird somit mehr Zeit für kreative und zwischenmenschliche Tätigkeiten geschenkt.
Dieser Trend ist nicht ohne Risiken. Menschen dürften ihre Arbeit in vielen Branchen an Roboter verlieren. Autonom fahrende Pkws und Lkws verändern nachhaltig die Mobilität in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig dürften sie auch viele Tausend Arbeitsplätze vernichten. Und die Frage, was künstliche Intelligenz alles kann oder können wird, ist nicht ohne eine Diskussion über Werte und Ethik zu beantworten.6
In der Biotechnologie wenden wir Wissenschaft und Technik auf lebende Organismen an. Wir erfahren mehr über die Veränderung von lebender oder nichtlebender Materie und können dann die Erkenntnisse verwenden, um neue Güter und Dienstleistungen zu entwickeln.7 »Ziele sind u. a. die Entwicklung neuer oder effizienterer Verfahren zur Her[27]stellung chemischer Verbindungen und von Diagnosemethoden.«8 Die Entwicklungen in der Biotechnologie können weg von Massenserien und hin zu personalisierten Behandlungen z. B. durch Medikamente führen. Wie weit die Biotechnologie dabei gehen kann, ist, wie bei vielen anderen technologischen Entwicklungen auch, eine ethische Frage.
Unter dem Begriff der Nanotechnologien »werden […] zahlreiche Prinzipien aus verschiedenen Natur- und Ingenieurwissenschaften zusammengefasst: aus der Quantenphysik und den Materialwissenschaften, aus der Elektronik und Informatik, aus der Chemie und Mikro-, Molekular- und Zellbiologie. Gemeinsam ist all diesen Technologien die Größenordnung, in der sich alles abspielt: die Dimension von einigen Nanometern«9. Nanotechnologien haben schon heute zu gravierenden Fortschritten in der Medizin, aber auch bei der Entwicklung neuer Materialien beigetragen. Den Fortschritten stehen allerdings befürchtete unkalkulierbare Risiken gegenüber. Und so stellt sich auch hier die Frage, wie weit man heute und in der Zukunft gehen darf. Das gilt insbesondere dann, wenn Nanotechnologie, wie bei der Gentechnik, bei Lebewesen eingesetzt wird.
Bei kaum einer anderen Technologie liegen Fluch und Segen so nah beieinander. »Als Gentechnik bezeichnet man Methoden und Verfahren der Biotechnologie, die auf den Kenntnissen der Molekularbiologie und Genetik aufbauen und gezielte Eingriffe in das Erbgut und damit in die biochemischen Steuerungsvorgänge von Lebewesen bzw. viraler Genome ermöglichen.«10
Welche Auswirkungen genmanipuliertes Saatgut und Lebensmittel kurz- oder langfristig auf Menschen und Natur haben, wird kontrovers diskutiert. Dass es keine negativen Auswirkungen hat, kann heute ausgeschlossen werden. So ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere in Europa gentechnisch verändertes Saatgut und gentechnisch veränderte Lebensmittel äußerst kritisch gesehen werden. Folglich wird gefordert, dass Forschung in der Gentechnik im höchsten Maße kontrolliert, wenn nicht gar verboten werden müsse.
Ein anderes Bild ergibt sich für Länder, die am stärksten vom Klimawandel und der daraus resultierenden Hitze und von Wassermangel betroffen sind. Schon wird Saatgut für trockene und heiße Klimazonen entwickelt, um dort – was vorher nicht möglich war – Getreide anzupflanzen. Millionen von Menschen kann so geholfen werden. [28]Statt an Mangelernährung zu sterben oder gezwungenermaßen das eigene Land zu verlassen, können sie sich aus eigener Kraft ernähren.11
Die Neurotechnologie hilft uns, unser Gehirn und damit unser Bewusstsein, unser Verhalten und unsere Stimmung immer besser zu verstehen. Krankheiten und Hirnschäden können effektiver behandelt werden und wir können herausfinden, wie wir die Leistung unseres Gehirns stärken können. Die Erkenntnisse können in vielen Feldern angewendet werden. Wir können z. B. Entscheidungsfindungen besser verstehen. Dies wiederum kann helfen, Wege für personalisiertes Lernen zu entwickeln. Erkenntnisse über die Vielschichtigkeit und komplexe Vernetzung im Gehirn lassen sich auch auf Bereiche wie Architektur, Computer oder Organisationsmodelle übertragen.
3D-Drucker haben schon jetzt Einzug in die industrielle Fertigung gehalten, werden ständig verbessert und können dort zu einem disruptiven Wandel führen. Beim 4D-Druck handelt es sich um intelligente Werkstoffe, die sich »unter einem bestimmten sensorischen Auslöser wie zum Beispiel bei dem Kontakt mit Wasser, Wärme, Vibration oder Schall bewegen und/oder verändern. Der 4D-Druck befindet sich in einem frühen Entwicklungsstadium und verbindet mehrere Wissenschaften wie Bioengineering, Materialwissenschaft und Werkstofftechnik, Chemie und Informatik und Ingenieurwissenschaften«12.
Während 3D- und 4D-Drucker vor allem in der Industrie Anwendung finden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch für die breite Masse nutzbar werden. Beide Varianten erlauben es Konsumenten, Produkte zu Hause zu drucken und nicht mehr von anderen Quellen beziehen zu müssen. Die Auswirkungen auf Lieferketten und Handel dürften immens sein.
Virtual Reality, die mittels speziell gefertigter Brillen erlebt werden kann, wie auch Augmented Reality helfen bei der Ideengenerierung, der Ausbildung, der Zusammenarbeit und dem Erfahrungsaustausch. Schon heute werden diese Technologien im Produktdesign und der Produktentwicklung eingesetzt, sparen so Zeit und Geld und eröffnen neue Kreativitätsräume. Simulatoren für Trainingszwecke werden bereits seit Jahren eingesetzt. Noch rasanter ist die Entwicklung in der Unterhaltungs- und [29]Spieleindustrie. In Filmen verschmelzen virtuelle und erweiterte Realitäten zunehmend und ermöglichen noch vor wenigen Jahren unvorstellbare Spezialeffekte in Kino und Fernsehen. Ähnliches gilt für die Gaming-Industrie, die weltweit geradezu explodiert. Waren um die Jahrtausendwende Computerspiele noch auf den eigenen Computer und vielleicht den nebenan ausgerichtet, füllen E-Sports-Veranstaltungen heute große Fußballstadien. Spieler weltweit finden und vernetzen sich und verabreden sich in der virtuellen Welt. In der Zwischenzeit denken immer mehr Schulen und Universitäten über die Einbindung von Gaming im weiteren Sinne – Stichwort »Gamification« – sowie virtuellen und erweiterten Realitäten in ihr Curriculum und ihren Betrieb nach bzw. haben sie schon integriert. Dabei entfallen nicht nur physische Grenzen, es ergeben sich vor allem Möglichkeiten, eine scheinbar unbegrenzte Anzahl an Menschen zu erreichen und einzubinden.
Die Schattenseite virtueller und erweiterter Realitäten liegt auf der Hand: Mit dem Leben in künstlichen Welten steigt das Risiko, den Bezug zur analogen Realität zu verlieren.
Erneuerbare Energien sind sauberer, effizienter und umweltverträglicher als traditionelle Energien. Es gibt Forschungen, die erkunden, ob sich Umweltschäden sogar rückgängig machen lassen. Dies setzt voraus, dass Forschung, Wirtschaft und Staat zusammenarbeiten, um die Potenziale hierfür zu entfalten. Nur, so groß die Versprechen und positiven Auswirkungen alternativer Energien sind, so fraglich ist es, wie schnell hier Fortschritte gemacht werden, bedenkt man, dass die Energieindustrie von wenigen Großunternehmen kontrolliert und reguliert wird. Fortschritte im Bereich alternativer Energien werden eher verlangsamt oder sogar verhindert, weil dies die Gewinne dieser Unternehmen gefährden könnte. Ob und wann sich dies ändern wird, ist eine offene Frage.
»Was das Internet für die Kommunikation getan hat, wird Blockchain für vertrauenswürdige Transaktionen tun. […] kurz gesagt, es hat die Fähigkeit, Prozesse zu rationalisieren und Missbrauch zu beseitigen.«13 Dabei geht es um weit mehr als nur um Prozesse, sondern um die Entwicklung eines dezentralen Buchführungssystems der Zukunft. Das dürfte weitreichende Auswirkungen auf unser wirtschaftliches Leben haben. Manche sprechen gar von einer Revolution für Geld, Wirtschaft und die ganze Welt.14
[30]»Eine Blockchain ist eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen, ›Blöcke‹ genannt, die mittels kryptographischer Verfahren miteinander verkettet sind.« Dies wird insbesondere bei einer dezentralen Buchführung genutzt, in der »der jeweils richtige Zustand dokumentiert werden muss, weil viele Teilnehmer an der Buchführung beteiligt sind. Was dokumentiert werden soll, ist für den Begriff der Blockchain unerheblich. Entscheidend ist, dass spätere Transaktionen auf früheren Transaktionen aufbauen und diese als richtig bestätigen, indem sie die Kenntnis der früheren Transaktionen beweisen. Damit wird es unmöglich gemacht, Existenz oder Inhalt der früheren Transaktionen zu manipulieren oder zu tilgen, ohne gleichzeitig alle späteren Transaktionen ebenfalls zu zerstören. Andere Teilnehmer der dezentralen Buchführung, die noch Kenntnis der späteren Transaktionen haben, würden eine manipulierte Kopie der Blockchain daran erkennen, dass sie Inkonsistenzen in den Berechnungen aufweist.«15 Kurz, Blockchain schafft sowohl Transparenz als auch Vertrauenswürdigkeit in fast allen geschäftlichen Transaktionen. Die Transaktionskosten werden signifikant reduziert.
Das Ganze hört sich kompliziert an, aber die Auswirkungen z. B. auf das Banken- und Versicherungswesen und somit auf die Kapitalmärkte und auch auf Lieferketten dürften gravierend sein. Bisherige Vermittler wie Banken und Versicherungsmakler fallen weg. Eine Datenmanipulation ist mit herkömmlichen Mitteln praktisch ausgeschlossen. Auf der anderen Seite kann keiner vorhersagen, ob dies auch in Zukunft so bleibt.
Das Ziel von Geo-Engineering ist es, mittels Technik in (bio-)geochemische Kreisläufe der Erde einzugreifen. So wird zum Beispiel erforscht, wie Geo-Engineering helfen kann, die Erderwärmung oder die Versauerung der Meere wieder in den Griff zu bekommen.16 Inwiefern dies tatsächlich möglich ist, ohne komplexe und nicht vorhersehbare oder nicht kontrollierbare Nebeneffekte zu riskieren, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Das Risiko, dass mögliche Nebeneffekte zu noch größeren Problemen führen könnten, lässt Geo-Engineering heute in zweifelhaftem Licht erscheinen.
Last, but not least gibt das unendliche Potenzial von Technologien Anschub für den Traum vieler Menschen, neuen Lebensraum jenseits der Erde zu finden. Die Raumfahrt ist seit jeher faszinierend für uns Menschen. Die Forschung für unser Leben auf der Erde und die Suche nach neuen Lebensräumen ist nach wie vor sehr kostspielig. Auch kann sie durch Politiker und ihre militärischen Fantasien missbraucht werden. Mit der rasanten, ja exponentiellen Entwicklung der Technologie fallen immer mehr Grenzen. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, wie lange es noch dauert, bis die ersten [31]Touristen in Raumschiffen um die Erde kreisen oder zum Mond reisen – oder neue wertvolle Rohstoffe auf Meteoriten gefunden und zur Erde gebracht oder eines Tages wirklich neue Lebensräume im All entdeckt oder entwickelt werden.
Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass die Menschheit und die Wirtschaft heute vernetzter sind als je zuvor. Das gilt sowohl für das tägliche Leben im Privaten dank Social Media als auch für die Vernetzung von Waren- und Dienstleistungsströmen. Traditionelle Grenzen verschwinden. Die Welt wird zu einem einzigen Marktplatz und Wirtschaftsraum. Und wir sind alle miteinander verbunden und sozialer. Könnte man meinen. Nur, sind wir das wirklich? Es stimmt schon, dass wir technisch miteinander verbunden sind und uns austauschen. Das heißt aber nicht, dass wir auch sozialer geworden sind. Es gibt immer noch einen großen Unterschied zwischen dem Austausch von WhatsApp-Nachrichten und einem persönlichen Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Mit anderen Worten: Eine zunehmende und bessere Vernetzung ist nicht gleichbedeutend mit zunehmenden und besseren sozialen Beziehungen und Austausch.
Für die Wirtschaft, den Waren- und Dienstleistungsverkehr, hat die Vernetzung offensichtliche Vorteile. Märkte können sich fast ohne Eingrenzungen ausbreiten. Es gilt, effizienter und effektiver zu produzieren und die Waren an die Konsumenten zu bekommen. Die freie Marktentfaltung hilft, Wohlstand und Produktvielfalt zu vermehren. Unter dem Strich und rein statistisch gesehen profitiert die Weltbevölkerung von diesem Neo-Kapitalismus.
Auf der anderen Seite geht dieser Fortschritt immer mehr auf Kosten der Umwelt und eines sozialen Ausgleichs. »Der Kapitalismus ebnet alle traditionellen und emotionalen Werte ein, indem er alles zu einem einzigen, traditionellen Wert bemisst: dem Geld.«17 Freilich gibt es zwischen den Regionen und Ländern dieser Welt unterschiedliche Ausprägungen des Kapitalismus. Wurde und wird z. B. in den USA eine Form des Neo-Kapitalismus propagiert, hat in Deutschland die soziale Marktwirtschaft eine lange Tradition.
Unabhängig davon ist der gemeinsame Nenner, dass das wirtschaftliche System dominiert und der Mensch nur eine untergeordnete Rolle spielt. Der US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor schrieb 1911 dazu: »In der Vergangenheit war der Mensch der [32]Erste. In Zukunft muss das System an erster Stelle stehen.«18 Dieser Grundsatz hat sich über die Jahrzehnte in den meisten Industriezweigen und Organisationen durchgesetzt und ist auch noch heute allgegenwärtig. Unternehmen werden wie Maschinen geplant, entwickelt und gewartet. Menschen sind hierbei durchaus wichtig, aber in erster Linie als Ressource. Ausschlaggebend ist, dass man Unternehmen und somit Wirtschaften planbar machen kann. Das ging so lange gut, wie sich Prozesse im wirtschaftlichen Ablauf planen und vorhersehen ließen. Mit dem Anbruch der vierten industriellen Revolution hat sich das geändert. Der technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel nimmt an Fahrt auf, ist nicht länger so leicht zu verstehen, geschweige denn vorherzusagen wie zuvor, er wird komplexer. Konsumentinnen und Konsumenten sind dank Internet besser informiert und haben immer größeren Einfluss auf Unternehmen.
Mit der Digitalisierung wandelt sich auch die Wirtschaft. Viele Unternehmen lernen, flexibler zu reagieren und zu agieren. Manche sind dabei schneller als andere. Ehemalige Start-ups wie Airbnb, Uber, Amazon, Facebook & Co. haben so manche Unternehmen in Reichweite und Einfluss binnen weniger Jahre abgehängt. Allerdings bedeutet dies noch keine Abkehr vom Taylorismus19, bei dem es vornehmlich um Profitmaximierung geht und der Mensch weiterhin als Ressource behandelt wird.
Der traditionelle Kapitalismus löst die heutigen Probleme in Wirtschaft, Gesellschaft und Welt nicht. Er verschärft sie. Er belohnt diejenigen, die kurzfristige Gewinne anstreben und Gewinne maximieren, unabhängig davon, ob das Geschäft einen Wert für Kunden, Arbeitskräfte, Unternehmen oder die Gesellschaft generiert oder nicht. Dieser Kapitalismus behandelt Mensch und Umwelt als Ressourcen, Kostenfaktoren und Zahlen in Bilanzen. Er gedeiht in einer Atmosphäre des Misstrauens, der Spannung, des Halsabschneidens und des Siegens, der Selbstsucht und der Angst. Die Ausbeutung oder Verschmutzung der Umwelt gilt als Kollateralschaden. Die Spaltung und Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich wird als Ablenkung abgetan, die vom freien Markt behoben werden kann.
Befürworter des traditionellen Kapitalismus wie z. B. der amerikanische Präsident Donald Trump negieren zwar nicht die Tatsache, dass die Welt immer volatiler, unsi[33]cherer, komplexer und mehrdeutiger wird. Wirklich besorgt darüber sind sie jedoch nicht, da sie die Ansicht vertreten, dass die etablierten Geschäftsprinzipien, -prozesse und -regeln auch diese Herausforderungen mittel- und langfristig bewältigen können. Und wenn es ein Problem gibt, liegt es wahrscheinlich daran, dass einige Menschen, Organisationen oder Regierungen diese etablierten Prinzipien missachtet haben.
Dies ist kein weiterer Angriff auf Trump. Eigentlich interessiert mich Trump nicht sonderlich. Was mich interessiert, sind die Auswirkungen seiner Politik, seiner Ideologie, seiner Weltanschauung, seiner Entscheidungen, seiner Stimmungen und manchmal seiner Tweets. Und doch geht es nicht um Trump als Person. So hat der frühere Präsident Obama zu Recht festgestellt, dass Trump nicht die Ursache, sondern ein Symptom für eine Vielzahl von Dingen ist, die heutzutage in der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Welt in Aufruhr sind.20 Und in der Tat ist Trump ein starkes Symptom und ein hervorragendes Symbol für den Kapitalismus der alten Zeiten. Das Problem ist, dass wir nicht mehr im 19. oder 20. Jahrhundert leben, das stark vom traditionellen Kapitalismus geprägt war, den Trump so sehr liebt.
Ich bin kein Kritiker des Kapitalismus an sich. Wie könnte ich, habe ich doch ein Studium in der neoklassischen Ökonomie genießen dürfen. Tatsache ist, dass der traditionelle Kapitalismus in eine Sackgasse führt. Er hat nur unzureichende oder gar keine Antworten für die heutige Herausforderungen, vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich, sorgt für die Ausbeutung und Zerstörung unserer Umwelt und damit unseres Planeten. Willkommen in der VUKA-Welt des digitalen Zeitalters.
VUKA ist nicht wirklich neu. Ganz ehrlich hatten wir es schon immer mit Veränderungen zu tun. Was heute anders ist, ist die Geschwindigkeit und die eigene Dynamik der Veränderung. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir Menschen selbst diese Veränderung mit der Technologie vorangetrieben haben. Es muss immer schneller, effizienter, besser werden. Wenn wir die Digitalisierung als Dämon bezeichnen – nun, wir selbst haben ihn geschaffen und nähren ihn fleißig weiter.
2007 kam das erste iPhone auf den Markt. Damals waren Smartphones noch etwas sehr Besonderes. Heute haben schon Grundschulkinder eigene Smartphones. Laut BKK Gesundheitsreport 2017 nutzt heute mehr als die Hälfte aller Beschäftigten permanent digitale Technik wie Smartphones oder Computer.23 Fernseher mit Internetanschluss sind genauso wenig exotisch wie 3D-Drucker, wobei Letztere vielleicht noch eher selten in privaten Haushalten zu finden sind. In der Industrie gehören 3D-Drucker oft zum normalen Inventar. Die Digitalisierung, getrieben durch die Automatisierung, hat die produzierende Industrie nachhaltig verändert. Neben Robotern nehmen kognitive Technologien für die Spracherkennung und -verarbeitung und Maschinen mit künstlicher Intelligenz einen immer größeren Bereich ein.24 Der Trend geht klar Rich[38]tung weitere Automatisierung. Dadurch fallen Routinejobs den Maschinen zum Opfer. So ist es wenig verwunderlich, dass 38 % der Beschäftigten in Deutschland das Risiko für den Wegfall von Arbeitsplätzen durch die Automatisierung sehen. Nur 18 % sehen in der Digitalisierung einen Job-Generator.
