Humanistische Traumatherapie in der Praxis -  - E-Book

Humanistische Traumatherapie in der Praxis E-Book

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Beschreibung

Traumatische Belastungsfolgen sind nach humanistischem Verständnis Versuche, widrige Lebensereignisse möglichst konstruktiv zu bewältigen. Humanistische Therapieverfahren setzen daher stets an der Überlebenskraft und -kreativität an. Im Dialog mit den Betroffenen werden Einblicke in ihre jeweilige Traumabiografie gewonnen. Eine zentrale Rolle spielt für den Heilungsprozess auch, ob Betroffenen Anerkennung statt Ausgrenzung, Abwertung und Tabuisierung entgegenkommt. Dies impliziert konsequente Beziehungsorientierung im Therapieprozess. Traumatische Erfahrungen unterliegen lebenslang einem Prozesscharakter. Humanistische Verfahren greifen das damit verbundene Entfaltungspotenzial der Klient:innen im therapeutischen Geschehen auf. Aus dem Fundus sechs verschiedener humanistischer Verfahren gibt der Band vielfältige Anregungen für die therapeutische Praxis.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Silke Birgitta GahleitnerGerhard HintenbergerBarbara Pammer (Hg.)

Humanistische Traumatherapie in der Praxis

Biografische Verletzungen verstehen und therapeutisch beantworten

Mit einem Geleitwort von Jürgen Kriz

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 4 Abbildungen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei,

Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Susanne Frantal, Remembering

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99405-5

Inhalt

Zum Geleit

Einleitung

Wurzeln humanistischer Verfahren

Humanistisches Verständnis von Trauma

Überblick über das Buch

1Trauma »humanistisch« wahrnehmen

1.1Die Interaktion zwischen Trauma und Bindung verstehen

1.2ICD-Diagnostik und Kritik

1.3Die Biografie- und Lebensweltperspektive

1.4Strukturierung der diagnostischen Ergebnisse

2Trauma »humanistisch« beantworten

2.1Prozessmodelle

2.2Risiko Traumaexposition und Alternativen

3Arbeit am Trauma in der Praxis

3.1»Das ist wirklich so was, was man sich eigentlich nur vorstellen kann, wenn man’s […] selber erlebt hat«: Integrative Traumatherapie in Aktion

3.2Traumafolgentherapie in der Integrativen Gestalttherapie

3.3Von Entsetzen, Verzweiflung, Mitgefühl und Trost

3.4Der Körper als Ressource in der Traumatherapie

3.5Szenisches Denken, Erzählen und Handeln: Psychodramatische Arbeit mit traumatisierten Menschen

3.6»Sie haben mich einfach alle nicht gehört«: Personzentrierte Psychotherapie mit einer Frau nach traumatischer Geburtserfahrung

Schlussgedanken: Humanistisches Denken und Handeln – auch eine politische Frage?

Literatur

Zu den Autor:innen

Zur Künstlerin

Zum Geleit

Es ist mir eine große Freude, dieses Buch von drei Herausgeber:innen zur Theorie und Praxis von Traumatherapie aus der Perspektive der Humanistischen Psychotherapie vorliegen zu haben und ihm einige Worte zum Geleit auf den hoffentlich erfolgreichen Weg seiner Rezeption mitgeben zu dürfen. Diese Freude hat zwei zentrale Gründe: Zum einen ist die große Bedeutung von Traumatisierungen für unser menschliches Leben und Erleben – und damit auch für die Psychotherapie – in den letzten Jahren zunehmend ins Bewusstsein gerückt und hat die psychotherapeutischen Fachdiskurse bewegt. Zum anderen ist es immer noch sehr selten, dass sich Psychotherapeut:innen von unterschiedlichen Ansätzen innerhalb einer Grundorientierung hinsichtlich einer spezifischen Problematik – hier eben des Verständnisses und des therapeutischen Umgangs mit Traumata – zusammensetzen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Theorie und Praxis herausarbeiten. Weiß ich doch von Buchprojekten, bei denen diese wichtigen Diskurse auch innerhalb der anderen Grundorientierungen geplant waren, die aber letztlich aus diversen Gründen gescheitert sind. Die sehr große Heterogenität besonders psychodynamischer und (kognitiv-)behavioraler Ansätze macht ein solches Unterfangen auch recht schwierig, während man sich in der Humanistischen Psychotherapie bei aller Ausdifferenzierung in einzelne Ansätze wegen der gemeinsamen Wurzeln, Prinzipien und dem zugrunde liegenden Menschenbild offensichtlich leichter verständigen und die Synergien der Konzepte und Vorgehensweisen zum Wohl der Patient:innen nutzen kann.

Dabei kommt die Stärke der Humanistischen Psychotherapie besonders zum Tragen: dass sie nämlich weniger auf die Anwendung manualisierter Vorgehensweisen setzt – auch wenn dies in Laborstudien unter artifiziell eingeschränkten Bedingungen die Beweisbarkeit von evidenzbasierten Effekten erleichtert –, sondern dass es um die Entfaltung von bestimmten erprobten und in ihrer Wirksamkeit nachgewiesenen therapeutischen Prinzipien geht. Diese Entfaltung (forschungstechnisch gesprochen: »Operationalisierung«) erfolgt seitens der unterschiedlichen Ansätze der Humanistischen Psychotherapie situationsspezifisch, d. h. in einem kleinschrittigen, sinnorientierten Prozess, dessen spezifisch dynamische Verstehensweisen seitens der Betroffenen eben nicht »objektiv« in einem Manual festgelegt und vorhergesagt werden können, sondern stets dialogisch und narrativ ausgehandelt werden müssen und auch können. Damit diese keineswegs schmerzlos zu vollziehenden Selbstorganisationsprozesse (»Selbstaktualisierung«) mit ihren verkörperten, emotionalpsychischen, interpersonellen und kulturell-symbolischen Aspekten ihre heilsame Wirkung entfalten können, bedarf es einer klaren, haltgebenden, fördernden (und damit auch berechtigte Abwehrtendenzen herausfordernden) therapeutischen Beziehung, wie sie als ein wesentlicher Kern seit jeher in der Humanistischen Psychotherapie erforscht und von allen Ansätzen konzeptionell betont und praktisch realisiert wird.

Entsprechend stimmen die Autor:innen in diesem Buch zur Behandlung traumatischer Belastungsfolgen auch darin überein, dem Beziehungsgeschehen in und außerhalb der Therapie zentrale Bedeutung für die psychotherapeutische Arbeit beizumessen. Auf der Basis dieses Grundpfeilers des humanistischen Ansatzes richten sie ihren Blick auf die immer wieder erstaunliche Überlebenskraft und Kreativität der Betroffenen. Diese setzt bei der essenziellen Fähigkeit des Menschen und seines »social brain« an, auch bei großen Belastungen und Widrigkeiten dem Leben einen Sinn abtrotzen zu können. Für die psychotherapeutische Arbeit ist es hier wichtig, den Menschen »das grundlegende Vertrauen in andere Menschen wieder zu vermitteln und ihnen dabei zu helfen, wieder arbeits- und auch liebesfähig zu werden, sich lebendiger zu fühlen und eine selbstfürsorgende Beziehung zu sich zu haben«, wie es in Kapitel 2.2 so treffend formuliert wird.

Diese Entfaltungspotenziale der traumatisierten Menschen sowie die Vorgehensweisen zu deren Förderung und Unterstützung werden für die vorgestellten Ansätze sowohl im theoretischen wie auch im praktischen Teil anschaulich dargestellt. Dabei werden auch die Missverständnisse beseitigt, aufgrund derer der Humanistischen Psychotherapie oft eine grundsätzliche Ablehnung von »Störungsorientierung« unterstellt wird. Denn selbstverständlich macht es Sinn, den leidenden Menschen mit dem Wissen von weit über hundert Jahren diagnostischer Diskurse für bestimmte Fragen – z. B. Bedarfsprüfung einer Kassenfinanzierung, Forschung, Groborientierung für Überweisungen – bestimmte Kategorien zuzuordnen. Damit ist aber der Mensch, der vor mir in der Therapie sitzt, nicht hinlänglich beschrieben. Denn es sind nicht »Störungen«, die Menschen haben, sondern Menschen, denen man Störungskategorien zuordnen kann – wie eben auch Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Berufsgruppe usw. Eine adäquate Erfassung der Leiden dieser Menschen – auch wenn wir sie als »traumatische Phänomene« korrekt kategorisieren – bedarf aus humanistischer Perspektive einer verstehenden Diagnostik, die die Biografie und Entwicklung eines Menschen samt seiner Umwelt lebens-, subjekt- und situationsnah erfasst. Diese Diagnostik ist prozessual orientiert und wirkt bereits als Intervention, sodass zwischen den beiden Prozessen nicht trennscharf zu unterscheiden ist, wie aus den Darstellungen in diesem Buch deutlich wird. Insgesamt wird gezeigt, wie der Therapieverlauf im humanistischen Ansatz als lebendiger und wechselvoller Prozess mit mannigfaltigen Ansatzpunkten für gelungenere Bewältigungsformen zu sehen ist.

Über den gemeinsam verfassten theoretischen Teil und die vielfältig angelegten Falldarstellungen im praktischen Teil entsteht für die Leser:innen ein lebendiges und anregendes Bild von den Möglichkeiten, die humanistische Ansätze im psychotherapeutischen Umgang mit solchen Menschen bereithalten, deren Leiden wir durchaus angemessen mit dem Konzept »Trauma« beschreiben können. Das Buch zeigt in anschaulicher Weise, wie eine konsequente humanistische Herangehensweise an die Therapie solcher Leiden gelingen kann. Deutlich werden dabei einerseits die gemeinsamen Wurzeln und großen Übereinstimmungen in den essenziellen Fragen und Konzepten der hier vorgestellten Ansätze Humanistischer Psychotherapie, andererseits auch deren Ausdifferenzierung in unterschiedlich zentrierten Vorgehensweisen. Dies mag helfen, nicht nur innerhalb dieser psychotherapeutischen Grundorientierung die gemeinsame Arbeit über die unterschiedlichen Perspektiven der Ansätze weiter voranzutreiben, sondern vielleicht auch die in Deutschland erodierten Diskurse über Humanistische Psychotherapie insgesamt mit mehr Wissen und Fachlichkeit anzureichern.

Ich wünsche daher diesem Buch eine große Verbreitung mit entsprechender Aufmerksamkeit, sodass die Diskurse in unserer psychotherapeutischen Community durch diese Beiträge bereichert werden.

Prof. Dr. Jürgen Kriz

Universität Osnabrück

Einleitung

Silke Birgitta Gahleitner, Gerhard Hintenberger, Barbara Pammer

Wurzeln humanistischer Verfahren

Vor fünf Jahrzehnten (1962) gründeten Charlotte Bühler, Abraham Maslow und Carl R. Rogers die »Gesellschaft für humanistische Psychologie« – mit dem Ziel, dem analytisch-kausalen, mechanistischen Verständnis der damaligen Psychoanalyse und der reizreaktions-mechanistischen Basis des Behaviorismus eine »›dritte Richtung‹ oder ›dritte Kraft‹« (Kriz, 2014, S. 185) an die Seite zu stellen. Geprägt von Existenz- und Begegnungsphilosophie (vgl. u. a. den Dialog von Rogers u. Buber, 1957/1992), Phänomenologie und Humanismus ist der humanistische Ansatz neben naturwissenschaftlichen aber bereits durch weitreichende sozial- und geisteswissenschaftliche Überlegungen vor 1945 verwurzelt. Diese konnten jedoch wegen der nationalsozialistischen Vertreibung zentraler Vertreter:innen zunächst nicht in Deutschland Fuß fassen (Kriz, 2021). Aus dieser Bewegung ging eine große Zahl von Richtungen hervor. Neben der Personzentrierten Therapie sind dies u. a. die (Integrative) Gestalttherapie, die Logotherapie bzw. Existenzanalyse, das Psychodrama, die Transaktionsanalyse, humanistisch orientierte Körpertherapien und die Integrative Therapie. Allen gemeinsam sind das Verständnis einer wechselseitigen Bedingtheit von individueller, sozialer und gesellschaftlicher Entwicklung und das Prinzip der Ganzheitlichkeit des Lebens(bewältigungs)- und Wirkungsgeschehens.

Der Mensch wird entsprechend existenzphilosophischen Überlegungen in der humanistischen Grundorientierung als reflexives Wesen gesehen, das seine Existenz in dieser Welt definieren kann und muss, um ihr einen Sinn zu verleihen. Das bedeutet, dass er in der Lage, jedoch auch gezwungen ist, sich selbst zu verwirklichen. Diese Annahme »steht im Widerspruch zu der bei Freud und bei Lerntheoretikern vertretenen Auffassung, daß Leben letztlich durch Mangel motiviert und vom Streben nach Spannungsausgleich […] bestimmt sei. […] Demgemäß erscheint als zentrale Aufgabe der Therapie, die Spontaneität, die aktualisierende Tendenz des Klienten zu befreien und wirksam werden zu lassen« (Pfeiffer, 1977/2019, S. 10). Humanistische Verfahren gehen demnach davon aus, dass die Möglichkeit besteht, sich unbewussten oder vorbewussten Inhalten ohne Deutungskonfrontation durch die Fachkraft zu nähern, und zwar durch Selbstexploration. Humanistisches Vorgehen ist also – auch das verbindet all diese Verfahren – ein grundsätzlich partizipatives Vorgehen – mit einer deutlichen Abkehr von Expertokratie. Es orientiert sich in erster Linie an den subjektiven Deutungskonzepten der Klient:innen.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es einer bindungs- und beziehungssensiblen Fachkraft, die das Vertrauen der Klient:innen gewonnen hat, gelingt, »den Klienten in einer Haltung versuchsweiser Identifizierung auf dem Wege der Selbstexploration zu begleiten« (S. 10). Das bedeutet: Diese Entwicklung ist immer nur im Kontext ihrer Umwelt und ihres Umfelds, also in der Begegnung mit relevanten Anderen möglich. Moreno (1961) spricht von der »Interpsyche« (S. 234; vgl. auch Schacht, 2018, S. 174), Schmid (2002, S. 1) von »Beziehungsangewiesenheit«. Während die meisten Psychotherapieverfahren die Therapeut:in-Klient:in-Beziehung über spezielle Techniken für die Symptomreduktion zu »nutzen« versuchen, dient die »Beziehung […] nicht nur dem psychotherapeutischen Geschehen (womit sie wiederum instrumentalisiert würde)« (S. 2), sondern Beziehung ist notwendig und hinreichend im helfenden Geschehen. Sie ist partizipativ, von Empathie, Wertschätzung und Kongruenz geprägt und wirkt als korrigierende Beziehungserfahrung. »Diszipliniertes und professionelles Vorgehen ist dazu kein Widerspruch — im Gegenteil, eine solche Einstellung und ihre Verwirklichung bedürfen einer entsprechend sorgfältigen, ihrerseits auf Persönlichkeitsentwicklung beruhenden Ausbildung und beständigen Fortbildung« (S. 2).

Humanistisches Verständnis von Trauma

Bei der Arbeit an traumatischen Belastungen bzw. deren Folgeerscheinungen gilt dies in besonderem Maße. Traumatische Belastungsreaktionen entstehen nach humanistischem Verständnis fast immer im Zusammenhang mit negativen Bindungs- und Beziehungsenttäuschungen sowie -erfahrungen. Menschen, die traumatische Erfahrungen erlitten haben, sind deutlich stärker gefährdet als andere Menschen, aus sozialen Bezügen zu fallen, physisch wie psychisch zu erkranken und im Lebensverlauf vor gravierenden Beziehungsproblemen zu stehen (Felitti, 2002). Ob bei den Betroffenen angemessene Bindungs- und Beziehungsangebote sowie gesellschaftliche Anerkennung, Wertschätzung und Unterstützung statt Ausgrenzung, Abwertung und Tabuisierung ankommen, spielt für den Heilungsprozess daher eine ebenso entscheidende Rolle wie die Stabilität der prämorbiden Persönlichkeit. In den humanistischen Verfahren besteht daher immer ein Bindungs- und Beziehungsprimat vor dem Einsatz anderer Methoden und Vorgehensweisen. Die Integrative Gestalttherapie z. B. bezieht sich in ihrer Arbeit mit Traumafolgestörungen vor jeglichem Einsatz spezifischer Vorgangsweisen auf die Dialogphilosophie Bubers (1923/2017a) als Grundlage für ihr Verständnis der therapeutischen Beziehung.

Nach humanistischem Verständnis stellen zudem Traumafolgen eine adäquate Reaktion auf ein höchst abnormales Ereignis dar. »Traumatische Belastungen […] sind daher nicht nur als Konsequenz traumatischer Ereignisse zu verstehen, sondern prinzipiell immer als Versuche, das traumatische Ereignis in der jeweiligen (Lebens-) Situation möglichst gut zu verarbeiten« (Gahleitner, 2018, S. 260). Der humanistisch geprägte Zugang setzt daher in Diagnostik wie Intervention statt bei einem eher pathogenetischen Verständnis am So-geworden-Sein sowie der Überlebenskraft und -kreativität, also einer Möglichkeit zur Entfaltung (Stumm u. Keil, 2018) Traumabetroffener an. Krankheit und Gesundheit werden dabei – entlang salutogenetischer Überlegungen (Antonovsky, 1979, 1987/1997) – als nichtlineares, komplexes Geschehen verstanden und weder in einzelne, disziplinär fixierte Bestandteile zerlegt noch als rein biologisches Geschehen konzeptualisiert (vgl. auch Konzept der Physis bei Berne, 1972/2012, S. 78). Traumatische Symptome stehen aus dieser Perspektive bei aller scheinbaren Absurdität und Dysfunktionalität immer im Dienst des Lebens, oft sogar Überlebens. Mit diesen Überlebensstrategien begegnen Klient:innen sich selbst, uns als Therapeut:innen wie auch ihrem Umfeld. An zentraler Stelle in der Behandlung steht daher ein dialogisches, humanistisch orientiertes Nachvollziehen und Verstehen des So-geworden-Seins. Dazu gehört auch der bereits angesprochene Einblick in die Bezogenheiten der Klient:innen von der Beziehung zu sich, bis hin zu den umgebenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Traumatische Erfahrungen unterliegen zudem – insbesondere bei komplexen Traumata – nach humanistischem Grundverständnis lebenslang einem Prozesscharakter (vgl. z. B. Vaughn, Heller u. Bost, 2001/2012). Sie sind stetig im Fluss. Die damit verbundenen Erlebens- und Verhaltensmuster hängen neben individuell geprägten Umständen daher vor allem von den konkreten Erfahrungen ab, die Menschen mit anderen Menschen in ihrem Leben machen und die sich wie durch ein Prisma »aktiv wirkende[r] Biographie« (Röper u. Noam, 1999, S. 241) in ihre psychische und physische Struktur implementieren und so neue Narrationen entstehen lassen. Humanistische Verfahren greifen diesen Prozesscharakter und die damit verbundenen Entfaltungspotenziale der Klient:innen (Stumm u. Keil, 2018; Swildens, 1997/2015) im therapeutischen Geschehen auf und betrachten auch den therapeutischen Verlauf als einen lebendigen und wechselvollen Prozess. Dies gilt für die Diagnostik wie für die Intervention. In der Integrativen Therapie wird Diagnostik z. B. nicht als eine einmalige und sozial isolierte Angelegenheit verstanden, sondern verläuft ebenfalls prozessual wie auch dialogisch und ist zudem immer zugleich schon Intervention, da sie dem Selbstverstehen dient (Petzold, 2003a, S. 501–507). Auch in der Behandlung gilt es, den Prozess auf verschiedenen Ebenen – z. B. nach psychodramatischem Verständnis – auf drei »Bühnen« zu beobachten und zu begleiten: auf der Begegnungsbühne (Arbeit an der therapeutischen Beziehung), der Spiel-Aktionsbühne (Raum für aktionale Arbeit am Thema) und der Sozialen Bühne (Arbeit mit den Menschen aus dem sozialen Umfeld; Pruckner, 2002, 2012, 2014).

Überblick über das Buch

Dieses Buch greift auf Basis dieser einführenden Grundaussagen humanistisch therapeutisches Handeln mit traumatisierten Klient:innen auf und versucht, dazu zahlreiche Anregungen aus wissenschaftlicher wie praktischer Sicht gleichermaßen zu vermitteln. Es beginnt zu diesem Zweck mit einer Einführung in traumatische Belastungen, diagnostisches Vorgehen und therapeutisches Handeln aus humanistisch-theoretischer Sicht (Kapitel 1 und 2) und ergänzt dies mit einem Ausflug in die jeweils konkreten therapeutischen Vorgehensweisen einiger beispielhafter Verfahren in der praktischen Arbeit vor Ort (Kapitel 3). Unter dem Titel »›Das ist wirklich so was, was man sich eigentlich nur vorstellen kann, wenn man’s […] selber erlebt hat‹: Integrative Traumatherapie in Aktion« (Kapitel 3.1) beschreiben Barbara Pammer, Cornelia Cubasch-König und Silke Birgitta Gahleitner entlang zweier Forschungsinterviews einen langjährigen Therapieprozess aus der Perspektive der Akteur:innen selbst. Darüber entsteht ein anschauliches Bild der Innenwelten behutsamer humanistischer Traumaarbeit. Im Beitrag »Traumafolgentherapie in der Integrativen Gestalttherapie« (Kapitel 3.2) von Herta Hoffmann-Widhalm wird die Möglichkeit der Verknüpfung von integrativgestalttherapeutischen Methoden und Techniken mit traumaspezifischen Behandlungsansätzen vorgestellt. Neben dem Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung als Halte- und Containerfunktion liegt der Schwerpunkt auf der Aktivierung von Ressourcen. Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR; Hofmann, 2014) und Brainspotting als traumafokussierte Methoden finden darin einen sinnvollen Platz, ebenso kreative Medien und Symbolarbeit.

Unter dem Titel »Von Entsetzen, Verzweiflung, Mitgefühl und Trost« (Kapitel 3.3) skizzieren Renate Bukovski und Lilo Tutsch einen Therapieprozess nach mehrfacher Traumatisierung aus dem Blickwinkel einer existenzanalytischen Vorgehensweise. Schwerpunktmäßig geht es um die Mobilisierung personaler Kompetenzen, um in eine aushaltbare Begegnung mit dem Schrecken und darum, in einen Dialog mit sich zu kommen. Es gilt, die »unwirkliche Wirklichkeit« zu begreifen, anzunehmen und als dem eigenen Leben zugehörig anzunehmen, zu betrauern und Stellung zum Unrecht zu nehmen. Im Trost kann das Entsetzliche letztlich zur Ruhe kommen und auch die »Exterritorialität« des Geschehenen einen Ort im Lebenszusammenhang finden. Unter dem Titel »Der Körper als Ressource in der Traumatherapie« (Kapitel 3.4) beschreibt Anna Willach-Holzapfel, wie sich aus – mit der traumatischen Erfahrung verbundenen – Erregungsmustern vielfältige körperliche Symptome entwickeln können, die dem traumatischen Geschehen unter Umständen nicht mehr zugeordnet werden können. In diesen Symptomen wird sozusagen die Erinnerung an den erlebten Schrecken mit seiner Erregung aufbewahrt, oft verbunden mit der Überzeugung, nichts dagegen machen zu können. Anhand des Zugangs über Somatic Experiencing beschreibt die Autorin, wie es gelingen kann, den Körper in die traumatherapeutische Behandlung einzubeziehen.

Hildegard Pruckner wiederum gibt in ihrem Beitrag »Szenisches Denken, Erzählen und Handeln: Psychodramatische Arbeit mit traumatisierten Menschen« (Kapitel 3.5) Einblick in szenisches Arbeiten mit Trauma. Bei Beschreibungen von Symptomen traumatisierter Menschen hört und liest man immer wieder von zersplitterten Szenen, zerbrochenen Erzählungen und fragmentierten Berichten. In der Akutintervention geht es um das Komplettieren der Szene bzw. den Punkt in der Szene, wo das Opfer zum Survivor wurde. In der monodramatischen Arbeit mit Traumafolgestörungen wird großer Wert auf die grundlegende Wiederherstellung der Fähigkeit zu einer geschlossenen, stringenten Erzählung gelegt. In der Gruppentherapie kann das Durchspielen von alltags- bzw. ressourcenorientierten Szenen hilfreich sein. Auch für Begleitungen im Hier und Jetzt bzw. von Zukunftsszenen bietet die szenische Arbeit des Psychodramas eine Fülle von Möglichkeiten. Unter dem Titel »›Sie haben mich einfach alle nicht gehört‹: Personzentrierte Psychotherapie mit einer Frau nach traumatischer Geburtserfahrung« (Kapitel 3.6) beschreiben Lena Staudigl und Marilena de Andrade eine Thematik, die noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt: Frauen, deren Leben sich grundlegend über eine traumatische Geburtserfahrung verändert. Der Beitrag stellt das therapeutische Vorgehen in der Personzentrierten Psychotherapie nach dieser Erfahrung vor. Offenheit, Präsenz und ein unbedingtes, einfühlendes Verstehenwollen sind die grundlegenden Bausteine für eine wachsende positive Beziehung und eine Therapieatmosphäre, die tiefgreifende Veränderung ermöglicht. Zugleich demonstriert der Fall auf anschauliche Weise die Möglichkeit »weicher Traumaexposition«.

Ein kurzes Resümee (»Schlussgedanken: Humanistisches Denken und Handeln – auch eine politische Frage?«) schließt den Band ab. Über den gemeinsam verfassten theoretischen Teil und den vielfältig angelegten praktischen Teil erhoffen wir uns als Herausgeber:innen und Autor:innen, für Leser:innen ein kaleidoskopartiges Gesamtbild1 von den Möglichkeiten zu entfalten, die humanistische Verfahren therapeutisch im Umgang mit Trauma bereithalten.

Berlin, Langenlois und Graz

Silke Birgitta Gahleitner, Gerhard Hintenberger und Barbara Pammer

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