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Der Verzehr von Hundefleisch in China oder Korea ruft hierzulande Abscheu und Entsetzen hervor. Dabei durften noch bis 1986 auch in Deutschland Hunde legal geschlachtet werden. Aus dem öffentlichen Bewusstsein ist diese Tatsache heute vollständig verdrängt. Rüdiger von Chamier hinterfragt in einem historischen Rückblick das Verhältnis der Deutschen zum Hund und zeigt faktenreich, dass unsere sprichwörtliche "Hundeliebe" eine Erscheinung der jüngsten Vergangenheit ist. Erst seit wenigen Jahrzehnten kann sich der Hund in Deutschland ungetrübt seiner einzigartigen Stellung als "bester Freund des Menschen" erfreuen. Neben erstaunlichen Funden zur Kulturgeschichte des Hundes in Deutschland und in der Schweiz beleuchtet Chamier ausführlich auch Rolle und Schicksal des Hundes in Asien. Im Blick auf die USA macht er sich gar auf die Suche nach dem Ursprung des "Hot Dog".
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2017
Rüdiger von Chamier
Hunde essen, Hunde lieben
Rüdiger von Chamier
Hunde essen, Hunde lieben
Die Tabugeschichte des Hundeverzehrs und das erstaunliche Kapitel deutscher Hundeliebe
Tectum
Rüdiger von Chamier
Hunde essen, Hunde lieben. Die Tabugeschichte des Hundeverzehrs und das erstaunliche Kapitel deutscherHundeliebe
© Tectum – ein Verlag der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017
ISBN 978-3-8288-6687-4
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter
der ISBN 978-3-8288-3847-5 im Tectum Verlag erschienen.)
Umschlagabbildung: ImageManufaktur |istockphoto.com
Lektorat: Volker Manz
Textauszüge –Alfred Lansing: 635 Tage im Eis. Die Shackleton-Expedition.© Taschenbuch, erschienen 2000 im Goldmann Verlag.
Rainer-K. Langner, Duell im ewigen Eis. Scott Amundsen oder Die Eroberung des Südpols © S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2001.
Karin Muller, Hitchhiking Vietnam,©Globe Pequot, 1998.
Georg Kreisler: Der Hund©Barbara Kreisler.
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Es wurde versucht, bei sämtlichen verwendeten Auszügen die Genehmigung der Rechteinhaber einzuholen. Wo dies nicht geglückt ist, bitten wir die Rechteinhaber sich gegebenenfalls mit dem Verlag in Verbindung zu setzen: [email protected].
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet überhttp://dnb.ddb.de abrufbar.
INHALT
Vorwort
Kapitel 1: Hundeschicksale
Kapitel 2: Hundeschlachtungen in Deutschland
Kaiserreich – Weimar – Drittes Reich
Hundemast und Diebstahl
50 Pfennig Gebühr im Schlachthof
Der Nazi-Hund
Hundeschlachtungen in der Adenauer-Republik
Volksheilmittel Adeps canis
Kapitel 3: Das Schlachtverbot
Ein sicherer Platz unter dem Tisch
Die Kampagne
Kapitel 4: Und die Schweiz
Kapitel 5: Nordamerika
»Hey, Mister give me a hot dog quick«
Kapitel 6: Der Geschmack des Hundes
Wie schmeckt ein Hund?
Gesundheitliche Gefahren durch Hundefleisch
Kapitel 7: »No Dogs in China«
Galerie
Kapitel 8: Korea
Boshingtang und Dangogi
Kapitel 9: Südostasien
Vietnam
Thailand
Kambodscha
Kapitel 10: Philippinen
Kapitel 11: Hundemarkt heute – ein Milliardengeschäft
Hunde als »Dienstleister«
Auswirkungen auf die Gesundheit
Kapitel 12: Wie die Liebe auf den Hund kam
Mythos Hund
Hundemythen
Hundemedizin
Hundeliebe – eine Marotte des Adels
Kapitel 13: Resümee und ein Ausblick
Anhang
Endnoten
Literatur
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Verzeichnis der Kästen
Register
VORWORT
Es gibt keinen Gott wie den Mund –
er fordert täglich Opfer.
Nigeria
Dieses Buch handelt von Hunden. Es ist kein Buch über Rasse, Stammbaum oder die Schwierigkeiten und Tricks bei der Abrichtung der treuen Vierbeiner. Es handelt von der Kehrseite des Hundedaseins auf diesem Planeten: der Kynophagie, dem Verzehr von Hundefleisch.
Warum essen in manchen Ländern Menschen unsere »besten Freunde«, ohne dabei das Gefühl zu bekommen, auf immer einen guten Freund verloren zu haben? Warum zählen Hund und Katze bei uns zu den beliebtesten Haustieren mit quasi menschlichen Zügen, während sie in anderen Kulturen ein erbärmliches Dasein am Rande der menschlichen Gemeinschaft fristen?
In Korea, dem Land der Morgenstille, werden jährlich rund drei Millionen Hunde geschlachtet. Ihr Fleisch wird in Tausenden Suppenküchen und Restaurants öffentlich angeboten und findet reißenden Absatz, meist bei Männern. Der Verzehr von Hundefleisch ist in diesem Land nichts Außergewöhnliches, und Koreaner sind weit davon entfernt, Konsumenten von Hundefleisch zu stigmatisieren. Eher sind sie wohl manches Mal verwundert und befremdet ob der Fürsorge und Aufmerksamkeit, die wir in Europa unseren Hunden schenken. Aber nicht nur auf der koreanischen Halbinsel, auch in vielen anderen Ländern Asiens, in der VolksrepublikChina, auf Taiwan, in Hongkong, Vietnam, Thailand, Kambodscha oder auf den Philippinen, um nur einige zu nennen, wird Hundefleisch gegessen. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Rolle des Hundes in der Kultur unterschiedlicher Länder und befasst sich dabei mit den mythischen, religiösen, medizinischen und sozialen Aspekten. Zwangsläufig wird in diesem Zusammenhang auch die kulinarische Seite des Vierbeiners behandelt.
Dass Hunde nicht nur in Asien, sondern auch in vielen Regionen Afrikas auf dem Speisezettel stehen, hat man vielleicht erwartet. Überraschen wird dagegen, dass der beliebte Vierbeiner selbst in Europa und Nordamerika vor Nachstellungen nicht sicher sein kann. In den Vereinigten Staaten sind es vor allem die indianischen Einwohner und US-Bürger asiatischer Abstammung, die gelegentlich einen Hund in die ewigen Jagdgründe schicken oder im Wok kurz braten. Eingedenk der hohen Zahl herrenloser Hunde (die in den USA eingeschläfert werden), gab ein amerikanischer Ethnologe zu bedenken, dass Hundefleisch für Obdachlose und andere Mitbürger, die sich selten Fleisch leisten können, ein akzeptabler und preiswerter Ersatz sein könne. Was nach Hohn klingt, ist nicht als solcher gemeint, sondern amerikanischer Pragmatismus: Warum soll man das Fleisch von Tieren, die man aus Gründen der Sicherheit und Hygiene ohnehin tötet, wegen ethischer Erwägungen vernichten, anstatt es mit einem kleinen Gewinn an Bedürftige – in den USA auch Underdogs genannt – zu verhökern?
Auch in manchen Kantonen der hundeliebenden Schweiz (ja, der Schweiz!) isst der Eidgenosse noch heute Hund. Deutsche Fernsehsender berichteten über die »skandalösen Essgewohnheiten« einiger helvetischer Nachbarn. Neben der traditionellen Zubereitung nach Wildbrettart (Hase) wird Hundefleisch gelegentlich auch zu luftgetrocknetem Schinken verarbeitet. Natürlich handelt es sich hier nur um eine Minderheit von Bürgern, deren Hundeliebe eben auch durch den Magen geht. Die Mehrheit der Eidgenossen sorgte sich dagegen vor zehn Jahren um das Schicksal ihrer schnell wachsenden massigen Bernhardiner. Gerüchteweise sollen sie in der Volksrepublik China zum Einkreuzen bei der Hundemast sehr beliebt sein. Angeblich waren chinesische Aufkäufer in der Schweiz bei verschiedenen Züchtern vorstellig geworden.
In Deutschland sind Hunde bis vor knapp drei Jahrzehnten in staatlich kontrollierten Schlachthäusern geschlachtet worden. Erst 1986 wurde das Töten von Caniden und Felliden (Katzen) zwecks Fleischgewinnung gesetzlich verboten. Es ist bemerkenswert, wie schnell diese Tatsache verdrängt und mit dem Mantel des Vergessens zugedeckt wurden. Hundefleischverzehr – auf diese »Barbarei« sind doch »die Chinesen« abonniert, die mit ihrer kulinarischen Abartigkeit einmal mehr die Überlegenheit westlicher Kultur und Zivilisation bestätigen! Bei einer solchen Überzeugung wundert es nicht, dass die Behauptung, auch in Deutschland sei es Hunden noch bis vor Kurzem ans Fell gegangen, meist auf ungläubiges Staunen und Befremden stößt. Aber Tatsachen sind ein hartnäckig’ Ding.
Warum auch sollte die Kynophagie den deutschen Hund verschont und ausgerechnet um Deutschland einen Bogen gemacht haben? Das ist kaum anzunehmen in einem Land, das, im Zentrum Europas gelegen, starken sozialen und kulturellen Einflüssen aus Ost und West ausgesetzt ist und an der südlichen Peripherie deutschsprachige Nachbarn hat, die vereinzelt noch heute Hundefleisch essen. Historisch erfüllte das Deutsche Reich alle Bedingungen, die eine wichtige Rolle spielen, wenn dann und wann dem Hund das Fell über die Ohren gezogen wird: Es gab eine rasante Industrialisierung mit ihren typischen Folgeerscheinungen wie Verelendung großer Bevölkerungsteile, Hunger, permanenter Unterernährung, Mangel vor allem am teuersten Nahrungsmittel, dem Fleisch. Hinzu kamen zwei verheerende Weltkriege, Wirtschaftskrisen und Inflation. Massenelend also mehr als genug. Und diese wirtschaftlichen und sozialen Umstände sind zweifellos ein Boden, auf dem die Kynophagie auch hierzulande Triumphe feiern könnte. Es wäre höchst erstaunlich, hätte es in Deutschland keinen Hundeverzehr gegeben. Berichte darüber gibt es kaum, und wenn, dann zumeist als Meldungen in den Lokalzeitungen über kriminelleHundediebstähle und ihrem juristischen Niederschlag in den Gerichtsakten.
Es ist also an der Zeit, diese gewissermaßen »asiatische Komponente« deutscher »Hundegeschichte« wieder ins Bewusstsein zu rufen. Hundeschlachtungen vom Deutschen Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland bis zu ihrem Verbot 1986 werden ausführlich beschrieben. Zu einer Renaissance dieser Spezialität der asiatischen Küche in der deutschen Esskultur werden die in diesem Buch dargelegten Fakten freilich kaum beitragen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich unsere Einstellung zum Hund stark geändert. Viele Menschen verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit mit Hunden; sie bemühen sich ernsthaft um ihr Wohlbefinden, opfern viel Zeit und geben einen beachtlichen Teil ihres privaten Budgets für ihre Lieblinge aus. Der Hund hat in der Tat eine einzigartige Karriere hinter sich. Für große Teile der Bevölkerung ist der Vierbeiner zu einem fast regulären Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden, Welten von denen entfernt, die der Mensch in seinem wirtschaftlichen Kalkül Nutztiere nennt. Das bedeutet nicht, dass der Vierbeiner ohne Nutzen wäre, ganz im Gegenteil: Der Hund, canis familaris, ist Unterhalter, Freund, Begleiter einsamer Lebensabende, Coach, Seelentröster und Fußabtreter. Alles in allem also ein »soziales Gleitmittel«, wie es ein Verhaltenstherapeut treffend ausdrückte. Das alles zusammen ist von einem äußerst praktischen Nutzen. Die Funktionen, die der Hund für uns Menschen hat, sind sogar von einem berechenbaren, geldwerten Vorteil. Da sich aber noch niemand die Mühe gemacht hat, sie zu kalkulieren, bleiben sie eben, wie wir sagen, unbezahlbar. Wäre es da nicht bösartig und arglistig von uns, würden wir all die treuen Dienste heimzahlen, indem wir gelegentlich einem Exemplar dieser Gattung erlaubten, uns auch noch zu sättigen? So schlecht ist der Mensch nicht. Er liebt am Hund den devoten Gehorsam, die freudige Begrüßung, die unterwürfige Partnerschaft. Das ist genug – der Rest bekommt nicht.
Auch in China weiß man gelegentlich den hündischen Charakter des Vierbeiners zu schätzen, und das erleichtert manches. Man setzt ihn hier und da als Wachhund oder Drogenfahnder ein. Ein Freund und Partner, ein Haustier, das in den Kreis der Familie aufgenommen wird, ist er dadurch aber auf keinen Fall geworden. Der Hund hat diese Sonderstellung in nicht westlichen Kulturen (bis auf wenige Ausnahmen) nie erreichen können. Wo es keine enge Mensch-Hund-Beziehung gab und gibt, konnten sich auch keine ethisch motivierten Barrieren entwickeln, die den Caniden vor Nachstellungen nach seinem Fleisch bewahrten. Er wird damit seiner Sonderrolle entbunden, gewissermaßen entzaubert und wieder auf vier Pfoten gestellt. Er ist ein Tier wie jedes andere auch, von denen wir die Angehörigen einiger Arten unserem Hunger nach Fleisch opfern. Warum also – wenn man sich nicht grundsätzlich einer vegetarischen Lebensweise verschrieben hat – sollte man Hundefleisch grundsätzlich verschmähen?
Das führt uns zur nächsten interessanten Frage: Wie schmeckt ein Hund, wie bekommt sein Fleisch, wie wird er zubereitet? Antworten auf diese Fragen, dazu Rezepte und Restaurantkritiken dürfen natürlich in einem Buch über Hundeschlachtungen nicht fehlen. Jeder Leser kann sich – zumindest theoretisch – über den Geschmack von Hundefleisch einen Eindruck verschaffen.
Natürlich ist das Buch keine Aufforderung, auch hierzulande Hunde gelegentlich auf die Speisekarte zu setzen, wenngleich es aus hygienischen und kulinarischen Gesichtspunkten keinerlei Gründe gibt, dies nicht zu tun, wie der Autor aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Man kann Hunde dennoch mögen. Nach der Lektüre dieses Buches wird aber vielleicht der ein oder andere Leser einen Caniden oder seinen Liebling mit anderen Augen ansehen. Ein Hundehasserbuch ist es aber auf keinen Fall. Es richtet sich gerade auch an Hundefreunde, denen es freilich, dies muss schon zugegeben werden, bisweilen einiges abverlangt.
Das Buch reiht sich aber eben auch nicht in den Chor jener ein, die Hundegourmets in Korea oder China voll Abscheu Brudermord und Kannibalismus vorwerfen. Den meisten Europäern und Nordamerikanern ist es ja selbstverständlich, die »übrige Welt« durch den Filter der eigenen Kultur zu betrachten: Die Restwelt wird darauf geprüft, wie weit sie den eigenen moralischen und kulturellen Wertvorstellungen entspricht. »Entwicklungsbedarf« entsteht immer dann und dort, wo die Werteordnungen nicht deckungsgleich sind, wo die eigene – europäische – infrage gestellt oder womöglich abgelehnt wird. Asiaten wirft man eine unzivilisierte, ja unmenschliche Einstellung zum Hund vor. Umgekehrt möchte man fast glauben, Europäer hätten mit dem Erlernen des aufrechten Ganges auch die selbstlose Liebe zum Hund entdeckt.
Als 1998 Brigitte Bardot, selbsternannte Vorkämpferin aller Kreatur, die Koreaner bei einem Besuch in Südkorea ob ihrer kulinarischen Vorlieben als Barbaren beschimpfte, sprach sie sicherlich der Mehrheit der Europäer aus dem Herzen. Millionen Menschen in der Welt werden immer wieder auf solch ganz uncharmante und überhebliche Art von Tierschützern, Hundeliebhabern und selbsternannten »Kulturwächtern« beleidigt. Tatsächlich hinterließ Frau Bardot bei der koreanischen Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck. Sie gilt noch heute bei Politikern und Schulklassen als Beispiel typisch westlicher Arroganz gegenüber anderen Kulturen.
Für eine vorurteilsfreie Beurteilung der Kynophagie, die nichts mit Verleumdung und Überheblichkeit zu tun hat, ist – wie immer – die Kenntnis von Kultur und Umwelt der betreffenden Länder von Vorteil. Damit einhergehen sollte auch eine selbstkritische Betrachtung der eigenen Haltung zum Hund.
Kapitel 1
HUNDESCHICKSALE
Es sind sehr verschiedene Motive, welche die Menschen
zur Anschaffung und Haltung eines Tieres veranlassen können:
Aber nicht alle sind gut.
Konrad LorenzSOKAMDER MENSCHAUFDEN HUND
Wer in Deutschland einen Hund erwirbt, tut es meist mit den besten Absichten für das Tier. Der Vierbeiner wird es gut haben und dem Besitzer dafür Freude schenken. Eine ehrliche Partnerschaft soll es sein, gegründet auf Gegenseitigkeit, häufig stabiler als viele menschliche Beziehungen.
Während hierzulande Hund und Herr sich einrichten und einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen, nimmt derselbe Vorgang anderswo oft ein ebenso brutales wie abruptes Ende. Wer in Vietnam oder Korea den Hundemarkt betritt, will sich nicht binden; der Käufer sucht kein Tier, um Freundschaft mit ihm zu schließen, sondern hält Ausschau nach einem guten Stück für die Küche. Der Kauf eines Caniden wird sorgfältig geplant. Mancher legt Wert auf die Begutachtung der noch lebenden Ware, weil er glaubt, so besser das Alter des Hundes und die Zartheit seines Fleisches beurteilen zu können. Hund ist in diesen Ländern keineswegs billig und schon aus diesem Grund kein normales Alltagsgericht. Ein ganzes Tier bleibt meist größeren Feiern, Hochzeiten, jahreszeitlichen Festen oder anderen außergewöhnlichen Anlässen vorbehalten.
Wird man sich handelseinig, ist damit auch das Leben des Hundes besiegelt und sein letztes Stündlein hat geschlagen. Häufig wird er noch an Ort und Stelle geschlachtet, getötet meist mit einem harten Schlag gegen den Kopf oder durch Erdrosseln mit einer Schlinge. Anschließend wird er gehäutet und das Schlachtgewicht festgestellt.
Kynophagie, der Verzehr von Hundefleisch, ist weltweit stärker verbreitet, als Hundefreunde in Europa annehmen oder vielleicht auch nur wahrhaben wollen. Unübersehbar wird zwar auf allen Kontinenten das gesamte kulturelle Leben zusehends eingeebnet, sprich amerikanisiert, wovon auch die Esskultur der Völker betroffen ist. Die großen amerikanischen Fastfood-Ketten eröffnen selbst in den ärmsten Ländern eine Burger-Station nach der anderen, allein McDonalds ist in rund 120 Staaten vertreten. Eigenheiten und Präferenzen der nationalen Küche gefährden sie aber damit, zumindest bislang, noch wenig. Mehrere McDonalds-Stützpunkte nahe dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking brachten dem chinesischen Chow-Chow keinen Waffenstillstand und schon gar nicht die Einkehr des ersehnten irdischen Friedens – zumindest nicht im Reich der Mitte.
»Hunde fürchten Leute aus Kwang-tschung«, heißt ein Sprichwort in China. In diesem Landesteil der Volksrepublik ist die Tradition des Hundeessens besonders tief verwurzelt. Auf den Philippinen mahnt das Gesundheitsministerium Herzkranke, beim Genuss von Hundefleisch Vorsicht walten zu lassen, da es stark stimulierend wirke und Herz und Kreislauf belaste. »Hundefleisch im Winter ersetzt die warme Decke bei Nacht«, sagt der Volksmund auf Taiwan. Die Grand National Party in Südkorea fordert von der Regierung, endlich Schlachtung, Transport und Verkauf von Hundefleisch zum Schutz des Verbrauchers gesetzlich zu regeln. Der Verbraucher habe ein Recht auf eine einwandfreie »Boshing-tang« (Hundesuppe). Im amerikanischen Bundesstaat Hawaii hieß es, dass »Hunde nicht alt werden«. In Nigeria wird wegen der vermeintlichen Heilwirkung des Hundefleisches sein Kochwasser auch als Penicillin bezeichnet.
Unterschiedlicher kann ein Hundeschicksal nicht sein: hier umhegt, liebevoll gepflegt und als vierbeiniges Mitglied in die menschliche Gesellschaft aufgenommen; dort ausgestoßen, ein Leben am Rande der Zivilisation fristend, von Abfällen lebend, getreten und verachtet, selten genutzt als Wachhund – eher geschätzt als Fleischlieferant für die heimische Küche.
Wer in China, Vietnam oder Korea eine Hundemahlzeit isst, besucht ein spezielles Restaurant, das meist schon von außen kenntlich macht, dass man Hund auf der Speisekarte führt. Oder man besucht eine der legalen oder halblegalen (wer kann das schon genau unterscheiden) »Suppenküchen«, die sich ebenfalls auf die Zubereitung der Caniden verstehen. Den Restaurantbesuch unternimmt man fast immer in Gesellschaft – Hund essen ist ein soziales Ereignis, das man im Kreis von Geschäftspartnern oder Freunden, meist Männern, begeht. In Südkorea sind es allerdings auch immer mehr Frauen, die in dieser vormals rein männlichen Domäne mitessen. Das ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Hundefleisch mehr ist als ein Stück proteinreiche, sättigende Nahrungsbeilage wie etwa ein Stück Geflügelbrust. Hundefleisch soll, je nach Land und Jahreszeit, vor der Hitze des Sommers oder der Kälte des Winters schützen. Vielleicht hilft es ja auch der angeschlagenen Libido wieder auf die Beine oder kuriert eine der alltäglichen gesundheitlichen Unpässlichkeiten. Es zeugt auf jeden Fall vom gewachsenen Selbstbewusstsein der koreanischen Frau, wenn sie sich diese angeblichen Vorzüge nicht länger vorenthalten lässt.
Allein in Südkorea, schätzt man, werden pro Jahr drei Millionen Hunde verspeist. Die Nordkoreaner gelten als noch größere Anhänger der Hunde-Gourmandise. Allerdings hält man heute im Straßenbild der Städte nördlich des 35. Breitengrades vergeblich nach Hunden Ausschau. Selbst auf dem Land stört des Nachts kein Hundegebell: Die Tiere sind den Weg allen Fleisches gegangen und wurden aufgegessen. Zu dem bekanntesten Restaurant in Pjöngjang, »Tangogi«, das Hundefleisch auf der Karte führt, hat nur die Nomenklatura des Regimes Zutritt. Aber die Dinge kommen auch hier in Bewegung: Zum Auftakt des Dialogs zwischen Nord- und Südkorea lud im Sommer 2000 der Norden die Verhandlungskommission des Südens ins »Tangogi« zu gebratenem Hund und traditioneller »Boshing-tang« (Hundesuppe) ein. Die Presse sprach von einem »Freundschaftsmahl«, gehalten im Geiste bester koreanischer Tradition. Mit der feierlichen Übergabe zweier lebender Chindo-Hunde (koreanische Rasse), für die Gourmets in Südkorea Höchstpreise zahlen, revanchierten sich die Besucher beim damaligen »geliebten Führer des Volkes« Kim Jong-Il für die außerordentliche Bewirtung.
Auf den Philippinen ist azucena, Hundefleisch, ein »Teil des Umtrunks auf dem Lande«, wie die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Autorin Gilda Cordero-Fernando beklagt. Der Regierung ist es nicht gelungen, wenn sie es denn überhaupt ernsthaft wollte, diesen »unsäglichen« Brauch auszurotten. Auf vielen Märkten in den größeren Ortschaften werden weiterhin, trotz Verbot, Hunde zum Verkauf angeboten. Ganze Tiere wechseln für umgerechnet rund zwanzig Euro den Besitzer.
In der VolksrepublikChina erlebt der Verzehr von Hunde- und Katzenfleisch im Zuge der Renaissance des Kapitalismus einen grandiosen Aufschwung. Obwohl der Verzehr von Hundefleisch nie verboten war, spielte er Jahrzehnte nur eine geringe Rolle, legte es doch die Kommunistische Partei in mehreren Kampagnen offensichtlich darauf an, China zum einzigen hundefreien Land der Erde zu machen. Heute kann man dort mit Hundefleisch wieder viel Geld verdienen. Hunde werden in zahlreichen Zuchtfarmen gemästet, um der kulinarischen Nachfrage gerecht zu werden. Tatsächlich scheint es, dass der Appetit auf Hund derzeit von den bestehenden Zuchtstationen nicht befriedigt werden kann. Verschiedene Hundefarmen suchen daher kapitalkräftige Investoren.
Bei den Nachbarn in Südostasien ist vor allem in Vietnam Hundefleisch sehr beliebt; in einigen Landesteilen muss es zur lokaltypischen Küche gezählt werden und ist im Norden weiter verbreitet als im Süden des Landes. Für das traditionelle Hundegericht, »tit cho«, bevorzugt man eine mittelgroße Art mit kurzem Fell.
Hundefreunde wird dieser kurze Überblick über die Kynophagie in Asien mit Entsetzen und Abscheu erfüllen, steht doch in manchen dieser Länder unser »bester Freund« auf der Speisekarte. Er hat dort seinen Platz gefunden, nicht aus Not, als letzte Nahrungsreserve, sondern als Delikatesse, die man sich auch etwas mehr kosten lässt.
Gänzlich verkehrt wäre es, diese andere, spezielle Form der Hingabe zum Caniden mit der ja oft unterstellten »typisch asiatischen Grausamkeit« zu erklären. Denn erstens lieben Asiaten Tiere über alles. Ihre Zuneigung zu Tieren ist häufig mindestens ebenso liebevoll, respektvoll und skurril wie die des Europäers. Mit nur einer wesentlichen oder unwesentlichen Ausnahme: Dem Hund ist es dort sichtlich nicht gelungen, in die Herzen der Menschen vorzudringen.
Zweitens ist der Verzehr von Hundefleisch weit über Asien hinaus verbreitet. Kynophagie kommt im Grunde weltweit vor. Selbst in Westeuropa wurden vor wenigen Jahrzehnten noch Hunde geschlachtet. Heute findet man Hundeverzehr vereinzelt in Europa, ebenso wie in den USA, wo er vor allem bei den US-Bürgern asiatischer und indianischer Herkunft eine gewisse Rolle spielt. Die Berichte der spanischen Eroberer von zahlreichen überaus »fetten Hunden«, die auf den aztekischen Wochenmärkten feilgeboten wurden, gehören zwar der Vergangenheit an. Dennoch findet man Hunde- und Katzenverzehr in Mittel- und Südamerika gelegentlich noch heute. Hundeverzehr lässt sich auch, zumindest bis vor wenigen Jahren, im pazifischen Raum bis nach Australien beobachten. In Nordafrika, dessen islamische Religion den Hund als unsauber beurteilt, wurde er in manchen Ländern bis in die jüngste Vergangenheit gegessen, ja gemästet und als Delikatesse geschätzt. Im riesigen schwarzafrikanischen Kontinent ist die Situation unterschiedlich: Regionen, in denen Hund gegessen und sein Fleisch sehr geschätzt wird, wechseln mit Regionen, deren Bewohner den Verzehr ebenso wie die Europäer verabscheuen und ihre Nachbarn dafür als »primitive Barbaren« ansehen.
Schon dieser grobe Überblick über Asien hinaus zeigt, dass der Vierbeiner nicht überall wohlgelitten ist. Zeichnete man eine »politische« Weltkarte aus der Hundeperspektive, gelangte man schnell zu der Einsicht, dass der Hund sich längst nicht überall mit seinen vier Pfoten auf sicherem Terrain bewegt. Ganze Weltgegenden verurteilen ihn zu einem Leben am Rande der menschlichen Gesellschaft, auf deren Abfall und Unrat er zum Überleben angewiesen ist. Sein Schicksal ist den Menschen gleichgültig, und wenn sie keine Steine nach ihm werfen, dann sehen sie doch zu, dass er gebührenden Abstand hält. Weltweit gesehen ist also die europäische Einstellung zum Hund ein Ausnahmephänomen, auf keinen Fall die Regel. In den meisten Ländern der Erde wird ihm nur wenig Aufmerksamkeit zuteil, und wenn doch, dann sind die Gründe für den Hund selten vorteilhaft. Selbst in den Ländern des Westens, in Europa und Nordamerika, gibt es für das Tier keine letzte Sicherheit. Auch hier bricht, wir werden es sehen, dann und wann über einzelne Exemplare der Gattung Dantes Inferno herein. Das Fegefeuer ist dann meist kein offenes Holz- oder Gasfeuer, sondern, ganz westlicher Standard, eine vollautomatische, zeitgesteuerte Bratenröhre.
Die Regel ist dies allerdings nicht. Ohne Zweifel befindet sich die Gattung der Caniden in Europa und Nordamerika auf der Sonnenseite des Lebens. Im Tierreich – und dazu gehört der Hund ja nach wie vor – wird er hier zu den ganz großen Gewinnern der Evolution gezählt. Man vergleiche ihn nur mit den in Reservate gedrängten Wildtieren, mit den von Ausrottung bedrohten Kreaturen, mit den bedauernswerten Wesen, die hinter Zoogittern für die Nachwelt lebendig konserviert werden. Ganz zu schweigen von den zahlreichen unglücklichen Nutztieren, deren höchster Daseinszweck die Metamorphose zu Kotelett und Wurst ist. All diesen Geschöpfen hat der Hund im Leben bei Weitem und sehr vorteilhaft den Rang abgelaufen und sie in der Gunst des Menschen auf wenig beneidenswerte Plätze verwiesen.
Der Vierbeiner schafft es sogar, für sich die sozialen Unterschiede der menschlichen Gesellschaft zu nivellieren. Ein Leben auf der Hamburger Veddel oder im vornehmen Blankenese, das ist ein großer Unterschied für Herrchen und Frauchen, für den Hund ist es nur ein geringer – ihm geht es an beiden Orten recht gut. Die Heimtierindustrie weiß, dass der Hundebesitzer eher bei den persönlichen Ausgaben den Rotstift ansetzt als beim Tier. Das Hundedasein bleibt meist unberührt von den Folgen wirtschaftlicher Krisen, von Arbeitsplatzverlust und Teuerung, die das Herrchen empfindlich beuteln können. So ist der Mensch – zumindest zu seinem Hund.
Die Industrie profitiert von dieser Einstellung, macht mit Tierliebe Milliardenumsätze und stellt ein riesiges, kaum überschaubares Konsumangebot für die vierbeinigen Freunde in Supermärkte und Fachhandel. Zweimal in der Woche das Gleiche im Futternapf, das muss nicht sein. Der neueste Trend aus den USA: Man kocht für den eigenen Hund, die Zutaten natürlich nur vom Feinsten.
Im Dienstleistungssektor steht ein Heer von dienstbaren Geistern zur Verfügung, um das Dasein dem Tier so angenehm wie möglich zu machen und natürlich an das Geld des Hundebesitzers zu kommen: Tierärzte, klassische und homöopathische, behandeln gegen Cash. Sind sie mit ihrer Kunst am Ende, helfen, so das nötige Geld vorhanden ist, Tierkliniken. Fast alles ist machbar. Könnten Hunde sprechen, könnte mancher die Bachblütentheorie erläutern und die Langeweile bei Therapiestunden gegen Fehlverhalten beklagen. Aber Hunde bellen nur, und so muss Herrchen die zahlreichen Psychopharmaka, mit denen Arzneimittelhersteller den Markt überschwemmen, frei nach Schnauze dosieren, um das Gemüt des Vierbeiners wieder aufzurichten, wenn es aus dem Lot geraten ist.
Natürlich sind hierzulande nicht alle Menschen ausgewiesene Hundefreunde. Man denke an die zahlreichen Opfer von Hundebissen, an die Verschmutzung der Städte, an den triebhaften Zwang, unermüdlich jede Ecke, jeden Baum mit Ausscheidungen zu markieren. Das trägt nicht überall Sympathien ein. Postbeamte fürchten ihn, Drogenkurieren und Gelegenheitsschmugglern beschert er mit seinen 220 Millionen Riechzellen unerwünschte Karrierebrüche. Das lässt manchen zum Hundehasser werden. Hunde werden nach der Weihnachtszeit und den Sommerferien an Raststätten ausgesetzt, aufs Blut gequält und zu Tode geprügelt. Und von artgerechter Haltung der Tiere kann auch dort, wo man sie liebt, längst nicht immer gesprochen werden.
Das alles sind geläufige Tatsachen. Mit Sicherheit kann aber auch gesagt werden, dass in Deutschland kein Hund zu Tode kommt, weil er gegessen wird. Der Fleischkonsum, täglich millionenfach praktiziert an anderen unglücklichen Tieren, ist bei dieser Tiergattung unvorstellbar. Der Verzehr von Hundefleisch ist in Deutschland gesetzlich verboten, aber das ist nur die juristische Sanktionierung eines ohnehin gesellschaftlich allgemein anerkannten Tabus. Jede Überschreitung dieses Verbots ist ganz offensichtlich auch eine kulturelle Grenzverletzung, nach der man nicht länger der zivilisierten Welt zugerechnet werden kann. Schließlich verspeist man nicht den »treuesten Freund des Menschen«. Ein Bruch dieses Tabus würde heute sofort neben der gesetzlichen vor allem die gesellschaftliche Ächtung des Delinquenten nach sich ziehen. Im Ernst, wäre »so einer« resozialisierbar? Asiaten werden in diesem Zusammenhang immer wieder der »Kulturschande« geziehen. Kein Vergleich ist schlimm genug (»Barbaren«), keinen Einwand lässt man gelten, kein Ohr hat man für Argumente. Für Europäer ist die Kynophagie eben fast ein Akt des Kannibalismus, ein vorweggenommener Bruch des stärksten Nahrungstabus, das Menschen kennen, der Anthropophagie oder Menschenfresserei.
Konrad Adenauer, der erste Nachkriegskanzler in der Bundesrepublik Deutschland, hat einmal die ganze Ungeheuerlichkeit dieser »Kulturschande« bemüht, um ein Maß für seine unangefochtene Popularität zu finden: »Die Mehrheit könnte ich nur verlieren, wenn eine Zeitung schriebe, dass ich Hunde schlachte.«1 Wahrscheinlich tat Adenauer niemals einem Hund etwas zuleide. Wir wissen aber, dass er seine Rosen auf jeden Fall der Gattung Hund vorzog: Die von ihm geführte christliche Bundesregierung lehnte es immer wieder ab, den Hund in Deutschland unter den Schutz eines gesetzlichen Schlachtverbots zu stellen. Daher konnten noch fast vier Jahrzehnte in Westdeutschland Hunde für die Gewinnung von Fleisch und Hundefett (Naturmedizin) geschlachtet werden.
Millionen Menschen in Asien und Afrika, zum Teil in Nordamerika und vereinzelt sogar in Europa teilen offensichtlich diese Probleme mit dem Hund ganz und gar nicht. Was in Deutschland Konrad Adenauer mit größter Wahrscheinlichkeit Amt und Würden gekostet hätte, ist bei ihnen umgekehrt ungemein populär.
Das ist die Ausgangsposition für die folgenden Kapitel in diesem Buch. Für den hundeliebenden Leser ist es eine Reise von den vereinzelten Stätten des Hundemartyriums vor allem in der Schweiz und (bis 1986) Deutschlands über Nordamerika zu den großen asiatischen Fegefeuern der Caniden in Korea, China und den Philippinen.
Kapitel 2
HUNDESCHLACHTUNGENINDEUTSCHLAND
Man bettelt, borgt, hungert
und schlachtet fette Hunde, die man sich auf
eine höchst wohlfeile Art zu verschaffen weiß.
A. von Schaden, 1835MÜNCHEN,WIEESTRINKTUNDIßT
In Deutschland konnte jeder bis 1986 legal Hunde, den eigenen natürlich eingeschlossen, schlachten!
Am Schlachthof Augsburg trat der letzte Vierbeiner im Jahr 1985 seinen letzten Gang an. Dies geht, leider ohne weitere Details, aus der dort geführten amtlichen Statistik hervor. Über den Namen des Tieres, Rasse, Alter, Schlachtgewicht und den Besitzer ist bedauerlicherweise nichts bekannt. Auch die Frage, ob der Hund für die Fleischgewinnung, also den Verzehr, oder für das in der Volksmedizin begehrte Hundefett oder für beides geschlachtet wurde, bleibt offen.
Die oben erwähnte Aktennotiz besagt nicht, dass das Augsburger Opfer das letzte seiner Art in Deutschland war. Mit Sicherheit lassen sich Schlachtungen zu einem noch späteren Zeitpunkt nicht ausschließen. Bundesländer und Gemeinden führten die Statistik in dieser Frage nach eigenem Gutdünken und daher nur unvollständig. Es ist verständlich, dass in den achtziger Jahren Städte und Gemeinden in der Bundesrepublik keinen besonderen Wert darauf legten, Hundeschlachtungen akribisch zu erfassen. Denkbar und möglich waren also, bis zum endgültigen Verbot 1986, weitere Schlachtungen, ohne dass das traurige Schicksal dieser unglücklichen Tiere Eingang in die amtlichen Unterlagen gefunden hätte.
Am 2. Juni 2000 erinnerte die Bundestierärztekammer in einer Festveranstaltung in Augsburg zum 100-jährigen Bestehen der tierärztlichen Fleischuntersuchung daran, dass vor 15 Jahren noch Hunde in Deutschland auf dem Speiseplan standen. In Chemnitz wurden vor dem Krieg laut Statistik im Durchschnitt von jedem Bürger 380 Gramm Hundefleisch im Jahr gegessen.2 Die bloße Tatsache, dass Hunde bis in die jüngste Vergangenheit auch in Deutschland geschlachtet wurden, ist für die meisten Zeitgenossen überraschend und erschütternd zugleich. Sie müssen schockiert feststellen, dass kultivierte Mitteleuropäer, zu denen wir uns als tierliebende Deutsche zählen, Hunde bis in die jüngste Vergangenheit mit einer Grausamkeit behandelten, die wir doch nur den Asiaten zutrauten. Erinnert man heute an dieses erst kürzlich geschlossene Kapitel wahrhaft deutscher Hundeliebe, stellt sich ein Gemisch aus unverstellter Verblüffung und aufrichtig ungläubigem Staunen ein. Kann man solch Ungeheuerlichkeit glauben, handelt es sich um einen schlechten Scherz oder eine etwas dümmliche Art von Nestbeschmutzung?
Aus dem öffentlichen Bewusstsein sind Hundeschlachtungen in Deutschland also vollkommen verdrängt. Das ist im Grunde erstaunlich, denn erstens fand dieses Thema damals Eingang in die politische Diskussion und gelangte zuweilen auf die Titelseiten der Zeitungen, wie wir auf den folgenden Seiten noch sehen werden. Zudem gibt es auch heute noch zahlreiche lebende Zeitzeugen aus jenen Jahren, die heute sechzig bis siebzig Jahre alt sind. Das private und kollektive Gedächtnis trägt offensichtlich ein eingebautes Haltbarkeitsdatum. Zurückliegende Ereignisse werden verklärt, werden Randgruppen zugeschrieben, erscheinen in der Erinnerung zunehmend diffus und verflüchtigen sich eines Tages ganz im Nebel der Vergangenheit. Handelt es sich – wie bei Hundeschlachtungen – um ein früheres Verhalten, das heutzutage nicht mehr akzeptiert werden kann, ist das Verfallsdatum schnell überschritten. Nicht nur aus der deutschen Geschichte weiß man, dass ganze Völker einer kollektiven Amnesie verfallen können.
Aber auch unangenehme Tatsachen können hartnäckig sein und hinterlassen Spuren, die später beim Lokaltermin gerne »den Anderen« in die Schuhe geschoben werden. Als es in Deutschland noch erlaubt war, Hunde zu schlachten, man den »Hundemord« auch nicht verleugnen wollte oder konnte, waren es die »üblichen Verdächtigen«, zuständig für alle Vergehen zwischen »Kulturschande« und »Landesverrat«, die dem treuen Tier ans Fell gingen. Heute haben – zumindest auf kulinarischem Terrain – Asiaten, namentlich »die Chinesen«, diese undankbare Rolle übernommen. Wer Schlangen, Affen und Bärentatzen isst, wie soll der noch zu bremsen sein in seinem maßlosen Verlangen, alles in sich zu stopfen, was nur halbwegs essbar erscheint? Macht dieser ungeheuerliche Geschmack vor dem treuesten Kameraden des Menschen halt? Damals aber wäre der Fingerzeig nach China recht billig gewesen. Zu Recht hätte man sich den Vorwurf eingehandelt, doch erst einmal vor der eigenen Tür kräftig zu kehren. Denn Menschen, die sich schuldig machten am Hund, sein Fleisch aßen und sich mit seinem Fett salbten, wenn auch meist aus purer Not, gab es in Deutschland nicht wenige.
Es waren »Asoziale« und Fremde, Ausgegrenzte und Deklassierte, eben alle, die durch Herkunft und Lebensart mehr zum Bruch als zur Einhaltung der gesellschaftlichen Werte neigten. Unter ihnen Nichtsesshafte, Hausierer, Zigeuner, Arbeitsscheue, Diebe und natürlich Zugereiste, der ganze elende »Bodensatz« der Gesellschaft. In Schlesien stellten nach Überzeugung der heimischen Bevölkerung die zugewanderten Deutschen aus Sachsen und Bayern den heimischen Hunden nach. Im Zuge einer Zuwanderungswelle nach München waren es ab 1870 »die Italiener«, die bayerischen Vierbeinern nach dem Leben trachteten. Die Nationalsozialisten sahen den deutschen Hund durch die »nichtarischen« Ostvölker gefährdet. Damit ließ sich arbeiten, und man rettete dieses Gerücht, nur leicht modifiziert, in die Zeit nach 1945 hinüber, um nun wiederum die unbeliebten und lästigen Ostflüchtlinge (»deutschstämmige Vertriebene«) als Hundeesser zu diskreditieren. Als besonders schwerwiegend warf man Hundefleischessern vor, dass viele von ihnen »Wohlgefallen«, ja Geschmack an dem Fleisch gewonnen hätten, sein Genuss zu einer Gewohnheit geworden sei, von der sie nicht lassen könnten. Hundefleischverzehr aus Gourmandise, nicht aus Not! Das Anderssein entfaltete Höhepunkt und fand Vollendung in einer abstrusen, abartigen Geschmacksverirrung und empfand dabei noch Lust.
Auch nach 1945 ging das Hundeschlachten in beiden Teilen Deutschlands weiter. Besonders in den harten und entbehrungsreichen Jahren nach dem Weltkrieg dürfte Hundefleisch in manch deutscher Familie eine willkommene Quelle tierischen Eiweißes gewesen sein. Ob immer alle Teilnehmer einer Fleischmahlzeit auch wirklich wussten, was sie dort aßen, ist unerheblich. Oft genug wurde die Frage nach Ursprung und Herkunft des Bratens bewusst nicht gestellt, war man doch froh, überhaupt Fleisch auf dem Teller zu haben. Hunde jedenfalls waren im Stadtbild eher weniger zu sehen und hören, und man darf getrost davon ausgehen, dass dies auch mit zahlreichen Schwarzschlachtungen zusammenhing.
Hundeschlachtungen gab es in Deutschland also bis in die jüngste Vergangenheit, und sie fanden keineswegs in einem gesetzlosen Rahmen statt. Im Gegenteil, sie waren, wenn bestimmte Regularien eingehalten wurden, vom Gesetzgeber ausdrücklich erlaubt. Wer diese gesetzlichen und fleischhygienischen Vorschriften beachtete – und das war schon im Eigeninteresse zu empfehlen –, konnte fast überall in Deutschland Hunde zum Schlachten geben. Der staatlich kontrollierte Schlachthof stellte dafür seine Dienstleistungen zur Verfügung.
Nachdem man seinem Hund das Gnadenbrot vorgesetzt hatte, brachte man ihn also während der normalen Betriebszeit zu einem Schlachthaus, um ihn von fachkundigem Personal töten und zerlegen zu lassen. Bevor es dem Vierbeiner ans Leben ging, waren noch zwei Formalien zu erledigen: Der Besitzer musste den rechtmäßigen Erwerb des Tieres nachweisen, was auch bei gestohlenen Tieren kaum ein allzu großes Problem darstellte. Nachdem diese Hürde genommen war, trennte den Caniden nur noch die Schlachtgebühr von seinem traurigen Schicksal. War auch dieses Blutgeld entrichtet, wurde er seinem Henker übergeben. Die Schlachtung der Hunde fand in separaten, vom übrigen Schlachthofbetrieb abgegrenzten Räumlichkeiten statt. Aus seuchenhygienischen Gründen hatte der Gesetzgeber im 19. Jahrhundert nach und nach im gesamten Deutschen Reich spezielle Abteilungen für die Pferdeschlachtung durchgesetzt. Nach diesem Vorbild errichtete man später auch separate Hundeschlachträume in den Schlachthöfen. Nachdem der Schlachter sein Handwerk getan hatte, wurde das Hundefleisch noch einer – zumindest auf dem Papier vorgeschriebenen – Fleischbeschau unterzogen. Danach konnte man mit dem immer treuen, nun erkalteten und zerlegten Kameraden nach eigenem Gusto verfahren: ihm zu Ehren einen schmackhaften Braten bereiten oder mit seinem Fett die homöopathisch orientierte Hausapotheke ergänzen. Häufig wurde das Hundefett auf dem legalen und illegalen Markt zum Kauf angeboten. Schwarzmärkte für Hundefleisch und -fett gab es in Deutschland in vielen Städten. Erst vor Kurzem erfuhr der Autor dieses Buches, dass direkt vor seiner Haustür im Hamburger Schanzenviertel ein solcher illegaler Hundemarkt, »Fido« genannt, seinen Standort hatte. An diesem lukrativen Geschäft beteiligten sich auch manche Schlachthöfe. Hundefett war bis 1986 in vielen Apotheken erhältlich und erzielte – bei anhaltender Nachfrage, die zu befriedigen nicht immer möglich war – hohe Preise.
In der Öffentlichkeit der Bundesrepublik waren Hundeschlachtungen spätestens seit Anfang der fünfziger Jahre heftig umstritten und gerieten immer wieder in die Schlagzeilen. Sie waren also kein Tabuthema, das in der öffentlichen Auseinandersetzung von einer Aura des schamhaften Schweigens umgeben gewesen wäre. Im Gegenteil – in der öffentlichen Debatte wurde dieses Thema durchaus beachtet und zur Kenntnis genommen. Im Deutschen Bundestag und in den Länderparlamenten stritten die Parteien des Öfteren heftig über diese Frage und forderten die Bundesregierung in für damalige Verhältnisse teilweise scharfer Form zu gesetzlichen Schutzmaßnahmen für den deutschen Hund auf. Mehrmals wurde der Regierung Untätigkeit in dieser »alle Deutschen bewegenden« Angelegenheit vorgeworfen. Die christlich geführte Bundesregierung unternahm tatsächlich wenig, um den Vierbeinern das traurige Ende durch die Keule auf dem Schlachthof zu ersparen. Dieser »Untätigkeit« lagen, wie wir noch sehen werden, begründete rechtliche Zweifel an der Zulässigkeit eines Schlachtverbots für Hunde zugrunde. Die offensichtliche Passivität der Bundesregierung in dieser Frage provozierte zwar stärkeren Widerstand der Tierschützer. Dieser erschöpfte sich aber vor allem in verbalen Vorwürfen und Moralappellen an das Gewissen der Politiker. Praktische Konsequenzen hatten die gutgemeinten Protestnoten für das Schicksal der Hunde nicht. Ohnehin hatten diese Mahnungen einen halbherzigen Charakter, denn in den ersten Jahren ging es nicht einmal um ein generelles Hundeschlachtverbot, sondern lediglich um eine weitere gesetzliche Beschränkung der Schlachtung von Hunden und des Handels mit ihrem Fleisch.
Verschiedene Presseorgane, vor allem die der Boulevardpresse, machten die »deutsche Kulturschande« zum Thema. Besonders die »Bild-Zeitung« berichtete in den fünfziger Jahren, reißerisch aufgemacht, über den tausendfachen »Hundemord«. Auch heute sind es vor allem wieder »Bild« und »Bild am Sonntag«, die sich besonders stark gegen den »Massenmord« an Hunden, nun in Asien, engagieren. Gemessen an der Zahl der Artikel fand in den fünfziger Jahren das Thema in diesem Boulevardblatt mehr Aufmerksamkeit als der Massenmord an Juden zehn Jahre zuvor in deutschen Konzentrationslagern. Aber trotz so einflussreicher und mächtiger Fürsprecher eines Schlachtverbots gelang es nur mit mäßigem Erfolg, im Nachkriegsdeutschland mit dieser Frage einen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken. Die Menschen hatten in dieser Zeit andere Probleme, die auf den Nägeln brannten – und wenn sie auf den Magen schlugen, konnte schon mal ein Hund die Lösung sein.
Das »gesunde deutsche Volksempfinden« war also auf den Marsch gebracht, aber es benötigte erstaunlicherweise in diesem Fall bis in die späten achtziger Jahre, um endgültig anzukommen und sich durchzusetzen. Während andere europäische Regierungen es noch heute ihren Bürgern überlassen, ob sie Hunde schlachten oder nicht, verbot dies die deutsche Bundesregierung den Bundesbürgern durch eine Änderung des Fleischhygienegesetzes von 1986. Für viele deutsche Tierfreunde und Hundehalter kehrte Deutschland damit nach einem verlorenen Weltkrieg und dem Holocaust endgültig wieder in die Gemeinschaft zivilisierter Kulturnationen zurück.
Kaiserreich – Weimar – Drittes Reich
Beschaffenheit und Geschmack des Hundefleisches mag kein Grund
zur Verabscheuung geben, es kann zur Zeit des Mangels ohne
erweislichen Nachtheil gegessen werden
... wie überhaupt Hunger der beste Koch ist.
Tierarzt Höhning, 1848
Vielfach werden steuerpflichtige Hunde ohne Zeichen und
Gebührenquittung zu Markte gebracht, entwendete
Hunde an die am Markt anwesenden
Hundeschlächter verkauft.
Marktinspektor, München 1898
Ein Blick in die Kochkessel der unteren Klassen zu Beginn der Industrialisierung macht verständlich, warum auch in Deutschland in den Armenvierteln Hundeschlachtungen zum alltäglichen Leben gehörten.
Die Auflösung der alten feudalen Strukturen und der Anbruch des kapitalistischen Zeitalters brachte der Mehrzahl der armen Bevölkerung eine spürbare Verschlechterung in ihrer ohnehin kargen Küche. Die Lebensmittelpreise, jetzt überall den Marktgesetzen unterworfen, stiegen in periodischen Teuerungswellen in nicht gekannte Höhen. Ein schnelles Bevölkerungswachstum trieb die Preisentwicklung zusätzlich an. Die Ernährung wurde noch armseliger und einseitiger, als sie schon vorher war. Hunger, Unterernährung, epidemische Erkrankungen, Siechtum und früher Tod überschatteten das Leben. Neu war die Dimension, mit der das Elend die unteren Schichten ohne Unterschied und dauerhaft heimsuchte. Während in früheren Jahrhunderten den Hungerkatastrophen infolge von Kriegen, Seuchen oder Naturgewalten auch wieder bessere Zeiten folgten, richtete sich jetzt das von Menschen gemachte Elend fest ein.
Weitverbreitet ist die irrige Auffassung, die Menschen seien zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters besser als in den Zeiten zuvor versorgt gewesen. Es war eher umgekehrt. »Auch der Verzehr von Eiern, Butter, Geflügel, Wildbret und Wein (der vom billigeren Bier und als Rauschmittel vom billigeren Schnaps zurückgedrängt wurde) lag im Ausgang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts weit unter dem Stand des späten Mittelalters.«3 Auch die Klage eines Zeugen aus dem 13. Jahrhundert über die »schlechte« Ernährung der damaligen Stadtbewohner gibt Zeugnis von der Verschlechterung der Lebensbedingungen in der Neuzeit. In dem Lamento heißt es, unter Kaiser Friedrich II. (13. Jahrhundert) sei »die Kost einfach, und das Volk (aß) nicht mehr als dreimal in der Woche frisches (!) Fleisch. Mittags aßen sie gekochtes Gemüse mit Fleisch. Abends ernährten sie sich von demselben Fleisch, das kalt aufbewahrt wurde.«4 Gepökeltes Fleisch, das ausreichend vorhanden war, wurde gar nicht erwähnt, da man es wenig schätzte. Dreimal in der Woche frisches Fleisch zu essen, galt im Mittelalter als Zeichen von Armut und schlechter Ernährung. Das waren Verhältnisse, von denen ein Proletarier des 19. Jahrhunderts bestenfalls träumte und nicht ahnen konnte, dass es sie je für seinesgleichen gegeben hatte.
Diese Zeiten gehörten der Vergangenheit an. Der Zustand der Armenbevölkerung in der neuen Epoche war erschreckend. Nach einem endlosen Arbeitstag siechte die Familie in grauenhaften hygienischen Behausungen dahin. Hauptnahrungsmittel in der Schweiz des 19. Jahrhunderts beispielsweise waren Kartoffeln – eine Familie von fünf Personen verbrauchte im Jahr mehr als eine Tonne, wenn sie es sich denn leisten konnte. Die ständigen Hungergefühle wurden mit Kartoffelschnaps betäubt. Folge war, dass in der wehrhaften Schweiz bei Aushebungen ständig 35 bis 40 Prozent der Rekruten als untauglich zurückgestellt werden mussten.5 In Großbritannien stellt man 1917/18 bei einer Musterung von 2,5 Millionen Männern entsetzt fest, dass 41 Prozent gänzlich untauglich für den Kriegsdienst waren.6
Es heißt, jede Epoche bringe ihre eigene, für sie typische Ernährungsweise hervor. Selten ist dieser Akt bewusster und freiwilliger Natur. In der Vergangenheit (und noch heute in den meisten Weltgegenden) hatte und hat das Gros der Menschen kaum Einfluss auf Art und Zusammensetzung ihrer typischen Nahrung. Gegessen wird immer das, was man sich leisten kann. Die neue bürgerliche Armenküche schnürte den Brotkorb enger und hängte ihn noch höher. Sie zeichnete sich in erster Linie durch Mangel an allen gesunden und lebensnotwendigen Nahrungsmitteln aus, durch Mangel an Vitaminen, an tierischem Eiweiß und Fett. Was sie an Gutem dem Mund der Armen ersparte, ersetzte sie ihm durch allerlei zweifelhafte bis widerwärtige Surrogate. Zu diesen zweifelhaften, heute in Vergessenheit geratenen Verdiensten gehörte auch, den Hund als Lebensmittel in die deutsche Küche eingeführt zu haben.
Um das physische Überleben der Armen sicherzustellen und die schlimmste Not zu mildern, wurde das Bürgertum erfinderisch. Es war die große Zeit wissenschaftlicher und pseudowissenschaftlicher Abhandlungen, die sich der Ernährung der Armen widmeten. Verschiedenste Maßnahmen wurden vorgeschlagen und ergriffen, um zumindest eine rudimentäre Versorgung zu garantieren. Vor allem erschwinglich musste die neue Küche sein, denn das Problem war allein die mangelnde Kaufkraft der Armen. Landwirtschaft und Viehzucht wären auch damals in der Lage gewesen, die Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen, wenn nur die Armen fähig gewesen wären, diese auf dem Markt zu bezahlen. Daher die fieberhafte Suche nach billiger Ersatznahrung, die zumindest vorübergehend den Hunger betäubte, möglichst buchstäblich auf der Straße lag und daher auch von der ärmsten Bevölkerung noch gesammelt bzw. bezahlt werden konnte.
Die Rumfordsche Suppe, die aus Wasser, einigen Graupen und getrockneten Erbsen bestand, wurde vom später für seine Verdienste geadelten gleichnamigen Wissenschaftler Reichsgraf von Rumford kreiert. Sir Rumford (1753–1814), eine schillernde Persönlichkeit, wurde als Benjamin Thompson in Massachusetts geboren, verriet die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung und verließ seine Frau und seine zwei Monate alte Tochter, um sich auf die Seite der englischen Kolonialisten zu schlagen. Als Wissenschaftler machte er sich in London im Kolonialministerium mit seinen Forschungen zur Verbesserung der Waffentechnik einen Namen. Seine wissenschaftlichen Kenntnisse in der Wärmelehre nutzte er am bayrischen Königshof, um wärmedämmende Uniformen zu entwickeln. Seine Suppe sollte die Schlagkraft der ständig unterernährten Soldaten erhöhen. Der bayrische Kurfürst erprobte sie zunächst an den festgenommenen Bettlern und Arbeitslosen in seinem Militärischen Arbeitshaus in der Münchner Au. Von hier aus fand sie ihren Weg in zahlreiche Suppenküchen auf dem Kontinent. Konkurrenzlos billig, sollte sie die Lösung aller Ernährungsprobleme der unteren Klassen bringen.
Häufig wurden Wettbewerbe zur Erfindung neuer Nahrungsmittel ausgerufen. Traktate beschrieben die Herstellung von Brot aus Eicheln, die Nährwerte von Wurzeln und Unkraut wurden »berechnet« und gepriesen. Wurzelmus und Eichelmehl hatten Hochkonjunktur. Fast alles, was die Natur in irgendeiner Art und Weise hervorbringt, galt jetzt als genießbar oder zumindest »unschädlich« und wurde den Armen als akzeptables Nahrungsmittel nahegelegt. Natürlich wusste man, dass all das wild wachsende Wurzel- und Grünzeug keine echte Kost ersetzen konnte. Gerade noch rechtzeitig trat die aus Südamerika stammende ertrags- und nährstoffreiche Kartoffel ihren Siegeszug an. Wo sie nicht freiwillig angebaut wurde – und auf Widerstand traf sie fast überall –, wurde sie zwangsweise eingeführt. In der Tat ist schwer vorstellbar, wie die weitere soziale und politische Entwicklung ohne die Einführung der Kartoffel (und des Maises) als Grundnahrungsmittel verlaufen wäre.7
Man mühte sich also, das Problem auf irgendeine kostengünstige Art und Weise in den Griff zu bekommen. Natürlich war auch schon damals aufgeschlossenen bürgerlichen Politikern klar, dass man einen körperlich schwer schuftenden Hüttenarbeiter in einem Stahlwerk nicht lange mit Wassersuppe und Eichelmus bei Kräften – und Laune – halten konnte. Ein besonders schwerwiegendes Problem war die Unterversorgung – oder besser Nichtversorgung – der Bevölkerung mit Fleisch. Schon im ausgehenden Mittelalter war es für einen wachsenden Teil der Bevölkerung zu einem seltenen Bestandteil der Mahlzeiten geworden. Fleisch wurde Luxus, sein Genuss zu einem Privileg des Adels und des aufstrebenden Bürgertums. Für die unteren Klassen wurde es mit dem Beginn der Industrialisierung fast ganz unerschwinglich.
Dieser unfreiwillige Verzicht auf Fleisch wirkte sich in starkem Maße negativ auf die körperliche und geistige Konstitution der arbeitenden Bevölkerung aus: Muskelfleisch ist mit seinem tierischen Eiweiß, den Mineralien (Kalzium, Phosphor, Eisen) und Vitaminen (B12) ein einzigartiger und effektiver Energielieferant. Man muss kein Karnivore, kein geborener Fleischesser sein, um diesen klaren ernährungswissenschaftlichen Zusammenhang akzeptieren zu können. Vom Standpunkt des menschlichen Energiehaushalts sollte Fleisch für körperlich hart arbeitende Menschen mit hohem Energieverbrauch ein regelmäßiger Bestandteil der Nahrung sein. Oder, um es einfach auszudrücken: Gute, kräftige Arbeiter und Soldaten brauchen Fleisch. Kriege wurden immer auch mit den besseren Gulaschkanonen gewonnen. Als Britannien noch die Meere beherrschte, war die Ernährung auf den Segelschiffen der Kriegsmarine berüchtigt, aber die Matrosen erhielten zumindest regelmäßig ihr angeschimmeltes Pökelfleisch. Manche vergleichenden ethnologischen Untersuchungen stellen einen Zusammenhang zwischen der allgemeinen körperlichen Konstitution (Körpergröße, Kraft, Energie, Widerstandsfähigkeit) und der vorherrschenden Art der Ernährung her.8 Fleisch essende Völker scheinen demnach den sich vegetarisch ernährenden körperlich überlegen zu sein. Der indische Poet Narmadashankar schrieb im 19. Jahrhundert:
Behold the mighty Englishman
He rules the Indian small
Because being a meat eater
He is full ten feet tall9
Auf der Suche nach Nahrhaftem für die Armen durchpflügte man daher in Wald und Flur nicht nur die Bodenkrume, sondern suchte auch nach kostengünstigen Alternativen zum teuren Fleisch der traditionellen Schlachttiere Rind, Schwein und Schaf. Die Lösung stand beziehungsweise lag, häufig entkräftet zusammengebrochen, buchstäblich auf der Straße: Millionen zerschundener Arbeitspferde, die gnadenlos bis zum letzten Atemzug verbraucht wurden, erschienen plötzlich als willkommene und billige Fleischquelle für den Hunger der Ärmsten der Armen. Warum sollte man die Arbeitstiere, wenn aus ihnen nichts mehr herauszuholen war, nicht noch ein letztes Mal in der Wurst verwerten? Man musste dazu nur die Nahrungsgewohnheiten der Armen ändern. Denn Pferdefleisch, in der Frühzeit bei den Germanen sehr geschätzt, war von der katholischen Kirche über tausend Jahre als Nahrungsmittel geächtet und sein Genuss streng verboten worden.
