Hundert Geschichten - Quim Monzó - E-Book

Hundert Geschichten E-Book

Quim Monzó

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Beschreibung

Mit dem Titel "Hundert Geschichten" legt die FVA erstmals alle Erzählungen des bekannten katalanischen Schriftstellers Quim Monzó in einem Band vor. Es beginnt mit seinen frühen Geschichten Uff, sagte er: Hominiden, die Katalonien entdecken, Bankräuber die im Vollrausch eine Fleischbank überfallen, Literophagen, die Spaß daran finden, Buchstaben zu verschlingen. In den folgenden Kapiteln finden wir bunte Geschichten über Beziehungsprobleme, über Irrungen und Wirrungen moderner Beziehungskisten, über die falsche Eitelkeit der Menschen, das unaufhaltsame Vergehen der Zeit, über fatale Mißverständnisse mit unvorhersehbaren Folgen. Geschichten über frischverliebte und erfahrenere Ehepaare, Singles, Liebe und Liebesschmerz, Glück und Eifersucht, Sex und erotische Spielerei. Humorvoll, meisterhaft, makaber, schnörkellos und präzise bringt es Quim Monzó auf seine unverwechselbare Weise auf den Punkt, geben seine "Romane in Pillenform" ein ironisch-komisches Abbild des Lebensgefühls unserer westeuropäischen Gesellschaft. Der Leser muß mit Überraschungen rechnen: Hundert wunderbare Geschichten, die zu dem Besten gehören, was derzeit in diesem Genre geschieht. Und über allen schwebt der mehr oder minder eingestandene Wunsch nach einem großen Zusammenhang, einem Sinn dieses zerfahrenen Lebens. Denn, das scheint Monzó sagen zu wollen: Menschen treiben unbelehrbar und orientierungslos durch die Zeit und glauben an eine rote Linie, die es nicht mehr gibt, sie sind Robinsone einer nichtkommunikativen Ära.

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Quim Monzó

HUNDERT GESCHICHTEN

Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke

Die Originalausgabe erschien

unter dem Titel Vuitanta-sis contes

© 1999 by Joaquim Monzó

© 1999 by Quaderns Crema, Barcelona

und wurde für die vorliegende Ausgabe erweitert um

El millor dels mons (Die beste aller Welten)

© 2001 by Joaquim Monzó

© 2001 by Quaderns Crema, Barcelona

1. Auflage 2007

Deutsche Erstausgabe

© der deutschen Ausgabe

Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 2007

Alle Rechte vorbehalten

Die Übersetzung und Überarbeitung dieses Werkes wurde aus

Mitteln des Instituts Ramon Llull gefördert

Herstellung und Schutzumschlaggestaltung: Laura J Gerlach

unter Verwendung eines Umschlagentwurfs von Jonathan Meese

eISBN: 978-3-6270-2146-7

Inhaltsübersicht

Uff, sagte er

Uf, va dir ell

Geschichte einer Liebe

In einer weit zurückliegenden Zeit

Über das Nichterscheinen zu Verabredungen

Uff, sagte er

Über die Wankelmütigkeit des menschlichen Geistes

Platssschh

Rauch

Die Augen voller Wiesen

Underworld

Die Schöpfung

Über die Nichtigkeit menschlicher Wünsche

Frau mit Mehari

Vertrauliches

Olivetti, Moulinex, Chaffoteaux et Maury

Olivetti, Moulinex, Chaffoteaux et Maury

Der Aufsatz

Thomson, Braun, Corberó, Philishave

Apfelpfirsich

Die Lachsdame

Kakophonie

Globus

Der Norden des Südens

Tricks

Matruschkas

To choose

Der Brief

Vier Viertelstunden

Ein Kino

Das Pflanzenreich

Oldeberkoop

Die Aktentasche

L’illa de Maians

Die Aktentasche

Barcelona

Haus mit Garten

Philologie

Fieber

Ich habe nichts zum Anziehen

Eisenbahn

Das Mobiliar als Menschenfreund

Ländliche Literatur

Mundgeruch

Tafelspitz mit Meerrettich

Seien Sie sich da nicht so sicher

Anisschnaps

Die Qualität und die Quantität

Der Grund der Dinge

El perquè de tot plegat

Die Ethik

Die Liebe

Eheleben

Die Unterwerfung

Der Monatszyklus

Der Realitätsverlust

Der Glaube

Pygmalion

Das Opfer

Die Vernunft

Der Entschluss

Die Bewunderung

Warum dreht sich der Uhrzeiger im Uhrzeigersinn?

Die Eifersucht

Das Herz auf der Hand

Die Unbeständigkeit

Valentinstag

Die Euphorie der Trojaner

Gegen halb eins

Das Streben nach Höherem

Der Eid des Hippokrates

Der Pilzkenner

Die Kröte

Schneewittchen

Die Monarchie

Die Fauna

Die Willenskraft

Die Physiognomie

Die göttliche Vorsehung

Die Erzählung

Guadalajara

Guadalajara

1Familienleben

2Vor den Toren Trojas

Die helvetischen Freiheiten

Gregor

Hunger und Durst nach Gerechtigkeit

3Ein Tag wie jeder andere

Das Leben ist so kurz

Die Macht des Wortes

Die Literatur

4Die Zentripetalkraft

5Strategien

Prophetenleben

Im Krieg

Die Bücher

Die beste aller Welten

El millor dels mons

1Mein Bruder

Mutti

Sommerferien

Die fünf Türkeile

Beim Geschirrspülen

Zwei Rosensträuße

Die Beständigkeit des Lebens

2Vor dem König von Schweden

3Nach der Schulung

Als die Frau die Tür öffnet

Der Junge, der sterben musste

Der Spiegel

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Der Unfall

Uff, sagte er

Un jour il y aura autre chose que le jour.

BORIS VIAN, Je voudrais pas crever

Von Angesicht zu Angesicht, wusstest du nie, ob es ein Kuss war oder nur ein Lächeln.

JORDI SARSANEDAS, Mythen

Geschichte einer Liebe

Für Joan Brossa, der mir die Idee dazu gab.

Mit allem, was bisher geschah, wäre ich zufrieden, nur um noch einmal den peppermintfarbenen Himmel und die funkelnden Sterne in ihren Augen zu sehen. Doch so es mir vergönnt sein sollte, möchte ich dieses Mal endlich zum Ende kommen. Ich bin es nämlich langsam leid, was irgendwie erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass ich ein sehr geduldiger Mann bin. Dies ist indes wirklich eine uralte Geschichte, deren Anfänge in meiner Jugend liegen, als ich sie eines Morgens in der Dämmerung zärtlich küsste. Wir saßen in einem gemieteten Landauer, den der Kutscher neben dem Lichtkegel einer noch brennenden Straßenlaterne vor dem neoklassizistischen (einem spätneoklassizistischen) Gutshaus abgestellt hatte, in dem wir uns ganz und ungestört unserer Liebe hingeben wollten. Sie glich einer nordischen Göttin, zart wie der Flug des Wiedehopfs, zerbrechlich, sanft und spitzbübisch. Ich erzähle das auf die Gefahr hin, lächerlich zu wirken, aber es handelt sich hier um die leidenschaftliche Geschichte einer glühenden Liebe, die mit jedem Mal stärker in uns brannte. Wir betraten das Gutshaus, das einer meiner Tanten gehörte, die halb verrückt und kurzsichtig war und mehr aus dunklen als aus heroischen Gründen ins Exil gehen musste, und stürmten hastig die Treppen hinauf, wie vermutlich alle Verliebten, die ihre gegenseitig eingestandene Anbetung wolllüstig befriedigen wollen. Wir durchquerten Flure und Zimmer und weitere Flure und Säle, die sich zu noch mehr Fluren hin öffneten. Wir machten Türen auf, hinter denen sich neue Räume mit Türen verbargen, dahinter Gemächer mit weiteren Türen (bei einer, die sich nicht öffnen ließ, mussten wir erst das verrostete Schloss aufbrechen), die zu Räumlichkeiten mit neuen Türen führten. Ich fasse mich kurz: Schließlich erreichten wir das größte Gemach mit einem breiten Himmelbett und Wänden aus extravagantem Damast. Als wir voller Sehnsucht nach dem Mondlicht die Vorhänge aufzogen, wurden wir von einer Staubwolke eingehüllt. Wir öffneten die Tür zum Balkon. Am Himmel zeichneten sich die Berge ab (in Farbtönen, die mit dem Emporsteigen des Tages immer mehr denen Boticellis glichen) und von den Wiesen drang ein gedämpftes sommerliches Rauschen herauf (unter anderem deshalb, weil all dies im Sommer geschah). Ich musste sie langsam entkleiden (sie, umständlich und aufgeregt wie ich war, von zwei Röcken, den Unterröcken, dem Reifrock, dem Korsett, den Strümpfen, den Schuhen und allen Diademen befreien, die sie auf dem Kopf trug), bis ich endlich ihren milchweißen Körper betrachten konnte. Sie schlug die Wimpern nieder, schwarz und groß wie Fächer, und sie wäre sicher errötet, doch aufgrund ihrer Schminke hätte man es nicht sehen können, und es wäre somit eine unnötige Anstrengung gewesen. Auf ihren jugendlichen Brüsten prangten dunkle Brustwarzen. Wie es sich für eine Dame aus solch gehobener Gesellschaftsschicht gehört, ließ sie alles mit einer durchaus angemessenen Gleichgültigkeit geschehen und, als ich mich schließlich hastig entkleidete, wendete sie schamhaft ihren Blick ab. Am meisten hatte ich mit den Stiefeln zu kämpfen, vor allem, weil ich in der Eile die Schnürsenkel nicht löste, sondern sie nur noch mehr verhedderte. Da ich nicht fertig wurde, nutzte sie die Zeit und erkundigte sich nach der Toilette. Ich zeigte sie ihr. Als sie zurückkehrte (in einem rosafarbenen Nachthemd aus chinesischer Seide von einer meiner Großmütter, das sie wohl im Badezimmerschrank gefunden hatte), entledigte ich mich endlich des zweiten Stiefels und knallte ihn gegen die Wand, was eine neue Staubwolke und Risse im Mauerwerk verursachte. Die Unterhose und das Unterhemd auszuziehen, war dann nur noch eine Sache von Sekunden. Ich beeilte mich, die verlorene Zeit einzuholen: Ich streichelte ihre Wangen, küsste sie aufs Ohrläppchen und flüsterte ihr honigsüße Worte zu. Sie war anscheinend in einem tiefen Zweifel verloren: Einerseits lechzte sie nach meinen Zärtlichkeiten, wollte aber andererseits im selben Moment die Flucht ergreifen. Schließlich drehte sie sich um, schaute mir ganz tief in die Augen und küsste mich so unerfahren auf den Mund, dass ich nicht umhin konnte zu lächeln. Um es zu verbergen, sie sollte ja nicht denken, ich würde mich mit meinem Lächeln über sie lustig machen, biss ich ihr ins Ohrläppchen, leckte an ihrem Hals und nutzte dabei die unmittelbare Nähe ihres Gehörsinnes, um mehrmals zu flüstern: Meine Liebe . . ., jedes Mal ein wenig lauter und etwas wilder im Ton. In diesem Augenblick klingelte es an der Tür: ein langes, überlanges Klingeln. Sie sah mich an. Ich sah sie an. Mein Aufstehen entschuldigte ich mit einer Handbewegung. Ich komme gleich zurück, Liebling. Sie wendete (diskret) den Blick von meiner Erektion ab, die ich nicht verbergen konnte. Mit einem Kimono bekleidet begab ich mich nach unten, um die Tür zu öffnen: Der Kutscher brachte den Hut der Dame vorbei, den wir (von unseren Gefühlen überwältigt) auf dem Sitz vergessen hatten. Da ich keine Hosen anhatte, gab es keine Hosentaschen mit Münzen, um diesem übereifrigen Kutscher zu danken. Ich musste ins Büro nach oben, fand dort aber auch keine, nahm einen Schein, eilte wieder nach unten und steckte den Schein in seine Tasche. Er dankte mir, ich sagte ihm, keine Ursache, schlug die Tür zu (wieder bildete sich eine Staubwolke, eine Türangel fiel herunter) und rannte die Treppen hinauf ins Schlafgemach. Sie erwartete mich sehnsüchtig. Zwei Mal flüsterte sie meinen Namen und bat mich, sie zu küssen und mit meinem Körper zu wärmen. Sie hatte noch ganz keusch das weiße, feine Höschen an (das ich zuvor nicht auszuziehen gewagt hatte, um nicht gar zu ungeduldig zu erscheinen). Nun ja: Ich kniete mich vor ihr hin und zog es ganz sachte herunter. Innen war es feucht und ihre betörend duftende Nässe nebelte meine Sinne ein. Liebstes, oh mein Liebstes, . . . wiederholte ich ein ums andere Mal und zeichnete dabei mit meiner Zunge ihren Oberkörper nach. Ich spürte, wie sie sich immer noch scheute, irgendeine Art von Initiative zu zeigen. Sie wollte nicht zu forsch erscheinen. Da nahm ich ihre Hand und legte sie auf mein Glied, das sich ganz heiß anfühlte. Ein Oh entfleuchte ihr, das ich erstickte, indem ich jeden Quadratzentimeter ihres Halses mit Küssen bedeckte. Etwas grob zog sie die Haut von der Eichel zurück und betrachtete misstrauisch den bedrohlichen Zyklopen. Ihr Liebesfluss hatte bereits die Laken durchnässt und tropfte auf den Boden. Sachte schob ich ihre Beine auseinander. Die Schamlippen umschlossen eine klebrige Öffnung, die sich bei jeder Berührung unkontrollierbar zusammenzog. Mein Täubchen, sagte ich und brachte meinen Schwanz in die Nähe der saugenden Quelle. Genau in diesem Augenblick klingelte es wieder. Ich fluchte laut, beschloss so zu tun, als hörte ich es nicht, und drang weiter vor. Sie hielt mich auf. Geh, mach die Tür auf, sagte sie, wer weiß, wer es nun ist. Nur halb bekleidet, stieg ich die Treppen hinunter: An der Tür bot mir ein feister Winzling eine Lebensversicherung auf Raten an, die ich je nach meinen Bedürfnissen in soundso vielen Monaten abzahlen könnte. Ich schlug ihm ohne ein Wort die Tür vor der Nase zu und eilte wieder die Treppen hoch. Als sie mich kommen sah, zog sie ihre Hand zurück. Ich küsste ihre Finger, die nun nach ihrem Geschlecht dufteten. Um keine Zeit mehr zu verlieren, drang ich ohne weitere Umschweife in sie ein, und es umgab mich das Paradies: der peppermintfarbene Himmel, die Sterne in ihren Augen, all das, was ich bereits weiter oben gesagt habe. Sie hatte die Augen geschlossen, biss sich auf ihre Lippen und wiederholte dabei: Oh. Mit dem ersten Beben strömten die Säfte noch stärker aus ihr heraus, flossen unsere Schenkel hinab und tränkten die Laken mit der klebrigen Nässe. Sie sagte mit der Gleichmäßigkeit eines Metronoms: Ja, ja, und zerkratzte dabei meinen Rücken. Zwischen ihre mannigfachen Seufzer mischte sich plötzlich das Rring-rrring des Telefons im Zimmer unter uns. Diese verfluchten modernen Erfindungen, dieses Teufelszeug! Ich tat so, als hörte ich nichts; doch sie hielt in der Bewegung inne und zwickte mich mit den Scheidemuskeln. Ich sah sie ihre Lippen bewegen, vermutlich wollte sie mir etwas sagen, ihre Stimme war aber so leise, dass sie im Geklingel unterging. Geh. Bei diesem Läuten kann ich nicht weitermachen: Es blockiert mich. Das wunderte mich überhaupt nicht. Bei diesem scheppernden Geläute blockierte sogar ich. Ich kam zwischen ihren Schenkeln hervor (die Möse schloss sich, machte plopp, und verströmte noch mehr ihrer Köstlichkeiten) und rannte zum endlos klingelnden Telefon. Ja, bitte, sagte ich in die schwarze Trompete hinein. Jemand fragte nach einem Namen, den ich noch nie in meinem Leben gehört hatte und der weder mit mir noch mit meiner verrückten, kurzsichtigen Tante im Exil etwas zu tun hatte oder je gehabt hatte. Sie haben sich verwählt, sagte ich (ob vor oder nach dem Auflegen, weiß ich nicht mehr). Doch anstatt auf der Stelle die Treppen nach oben zu erklimmen, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen und zündete eine Zigarette an: besser, wenn ich mich erst einmal etwas beruhige. Ich bin so nervös! Aber noch ehe ich die halbe Zigarette geraucht hatte, fragte ich mich, was ich denn hier unten wollte, wo sie doch oben auf mich wartete. Ich warf die Zigarette auf den Boden und kehrte in das Schlafzimmer zurück. Du hast geraucht, sagte sie. Ich nickte voll Angst, der Nikotinatem könne ihr missfallen und die Sache verkomplizieren. Doch nein. Ich mag den Geschmack von Tabak auf deinen Lippen, sagte sie lächelnd und knabberte an ihnen. Ich drängte mich zur Eile, sonst käme womöglich noch mal jemand, um uns zu stören. Die Wiesen jenseits des Balkons färbten sich mittäglich ocker und rot. Sie erinnerten nun nicht mehr so sehr an Boticelli als vielmehr an van Gogh. In der Tat war der Friede so vollkommen, dass man die Holzwürmer in den Balken arbeiten hörte. Liebster, sagte sie, bitte bleib bei mir. Wenn uns noch mal jemand stört, tun wir so als hörten wir nichts, schlug ich vor. Nein, das bitte nicht, flehte das Mädchen. Und dann erzählte sie mir eine herzzerreißende Geschichte: Eines Nachts, als ich klein war, lag ich im Bett und hörte jemanden klopfen. Es klopfte und klopfte, immer heftiger. Ich verstand nicht, warum meine Eltern nicht die Tür öffneten. Verängstigt suchte ich sie im Haus und fürchtete, eine zufällig erloschene Gaslampe (zum Beispiel) habe sie getötet. Endlich fand ich sie im Bett: umschlungen, ringend, lachend, stöhnend. Niemand hatte geklopft, vielmehr schlug das Kopfende des Bettes durch die heftigen Stöße gegen die Wand, die erzitterte und das über dem Bett hängende Bild des Christus von Lepanto in Schwingungen versetzte. Seitdem muss ich immer die Tür öffnen, wenn es klingelt, oder das Telefon abnehmen oder was auch immer, ich ertrage solche Geräusche einfach nicht. Kümmerst du dich darum? Natürlich kümmere ich mich darum, versicherte ich ihr, während ich ihre rechte Brust streichelte. In Sekundenschnelle strömte wieder der Liebesfluss, vermischte sich mit dem vorigen, floss an unseren Beinen und am Bett hinunter und sammelte sich auf dem Fußboden in einer flachen Pfütze. Von den Küssen und den Zärtlichkeiten gingen wir wieder zum Wesentlichen über. In dem Moment, als die Eichel in der Vulva verschwand, prasselte ein Hagel aus Ziegelsteinen, Balken und Rohrgeflecht auf uns nieder: Die Zimmerdecke fiel herunter.

Nachdem dieses Problem gelöst war (die Maurerkolonne bezahlt und aus dem Haus getrieben und wir wieder glücklich zu zweit, ineinander), musste ich zwei Zeugen Jehovas die Tür öffnen, die sich in den Kopf gesetzt hatten, mir Seiten aus der Bibel vorzulesen, die mir völlig gleichgültig waren. Ich war noch nicht ganz oben, als es wieder klingelte. Es war eine junge Frau mit einer breiten Produktpalette von Avon. Zwei Minuten, nachdem ich sie, ohne ihrem Sortiment einen Blick zu schenken, hinauskomplimentiert hatte, und genau in dem Augenblick, als wir die ersten präorgiastischen Vibrationen spürten, kam ein Anruf vom Flugplatz (denn inzwischen hatte man sogar das Flugzeug erfunden). Eine Cousine zweiten Grades, Tochter der verrückten, kurzsichtigen und im Exil lebenden Tante, lud sich ein, vierzehn Tage bei uns zu verbringen (das heißt im Haus ihrer Mutter, meiner verrückten, kurzsichtigen und im Exil lebenden Tante). Es war schier unmöglich, sie am Betreten des Schlafzimmers zu hindern. Doch der Duft der Liebesflüssigkeit war so intensiv, dass er sich in allen Fluren, Sälen und Zimmern des Anwesens ausgebreitet hatte und, je nachdem aus welcher Richtung der Wind wehte, auch in den Dörfern und Tälern der Umgebung. Sobald die Cousine zweiten Grades begriff, um was für einen Geruch es sich handelte, fuhr sie ab, verletzt und empört darüber, in der Familie einen Cousin zweiten Grades zu haben, der den hoffnungslosen Casanova gab. Ohne ihr auf Wiedersehen zu sagen, stürmte ich ein weiteres Mal die Treppe hinauf, öffnete erneut die Tür zum Schlafzimmer, und das war’s auch schon! Denn ich musste auf dem Absatz kehrtmachen: Ein Rekrutierungskommando (in Person zweier Soldaten und eines Gefreiten mit einem Haftund unverzüglichen Marschbefehl aufgrund einer Anklage wegen Fahnenflucht, da ich nicht innerhalb der gesetzlich vorgesehenen, schon seit zwei Jahren abgelaufenen Frist vorstellig geworden war, um meinen Wehrdienst abzuleisten) führte mich in eine Kaserne ab. Wenige Monate später brach der Bürgerkrieg aus. Bei meiner Rückkehr musste ich einer großen, ausgehungerten und alt gewordenen Gläubigerschar meine mittlerweile angehäuften Schulden bezahlen, zudem nahm ich halbherzig und völlig unnötig an einer Radioumfrage teil und fuhr nach La Bisbal, weil ein Verwandter im Sterben lag (ich kam an, als er bereits drei Stunden beerdigt war). Welche Unterbrechungen kommen jetzt noch auf mich zu? Doch unverzagt erklimme ich erneut die Stufen, das ganze Haus ist durchdrungen von diesem Duft, den ich inzwischen mit Daheim identifiziere. Ich habe die Absicht, endlich zum Ende zu kommen, mich in ihr zu ergießen und dann entspannt und befriedigt mit ihr einzuschlafen. Oft hatten mich Albträume geplagt, sie sei bei meiner Heimkehr nicht mehr da! Andererseits wäre es ein Leichtes gewesen, dem Ganzen seinen Lauf zu lassen und diese lange Reihe von Hindernissen als Zeichen zu werten, dass wir nicht füreinander geschaffen sind und nach so langer Zeit des erfolglosen Probierens eigentlich aufgeben sollten. Ich öffne die Tür, der Knauf bleibt in meiner Hand, ich werfe ihn in eine Ecke, schiebe mit dem Fuß Berge von toten Maden und ungeöffneten Briefen beiseite. Sie liegt in den Laken, blickt durch das Fenster in die Unendlichkeit. Als sie das Knarren des Fußbodens wahrnimmt, wendet sie aufgeschreckt den Blick. Sie erkennt mich, zieht die Hand zurück, lächelt. Sie öffnet ihre Arme, wie so oft im Laufe jener langen Jahre. Liebster, komm, umfang mich ganz fest, mein Liebster! Und ich umarme sie ganz fest, entledige mich dabei, ohne sie loszulassen, des Waffenrocks, der Weste und der Trauerkrawatte. Ach, könnten wir doch diesen Koitus zu Ende bringen, den wir vor so langer Zeit begannen, als wir noch jung waren und uns in dem Landauer küssten und fälschlicherweise annahmen, in höchstens einer Stunde sei alles vollbracht.

In einer weit zurückliegenden Zeit

Für Roser

An einem blauen Morgen mit weißem Schnee, unendlichem Sand und Gletschern gleich weinenden Zungen stellte sich der Hominid auf seine beiden Hinterbeine und blickte auf eine Erde hinunter, die mit einem Mal fern und quirlig schien. Er dehnte seine Nasenlöcher, zog die Feuchte des Flusses in sich hinein und es war ihm bewusst, dass es die Feuchte des Flusses war, die er roch, und er grunzte vor Zufriedenheit, wendete seinen Blick zur aufgehenden roten Sonne jenseits der Wiesen und Berge, der schwarzerdigen Ebenen und Grashorizonte mit Herden umherziehender Tiere, die ewig waren wie die Zeit. Dann senkte er seinen Blick und richtete ihn fest auf eine Steineiche, hob die Faust, streckte seinen Zeigefinger aus und deutete auf die wispernde Pflanzenmasse vor sich, man hörte die Wasserfälle in der Schlucht, blubberndes Plätschern, kleine unbestimmte Laute: Pa au au ap Pau; bis das Glucksen sich schließlich in ein Wort verwandelte und er sprach: Ba, B, Bau, Bu, Bu, Bau, Baum. Er sagte es gleich noch einmal: Baum, der Zeigefinger zeigte immer noch in Richtung Steineiche, wanderte dann in die blaue Unendlichkeit, die sich von einer Seite des Tages zur anderen erstreckte, der über seinem Kopf neu geboren wurde, wie ein Gott zweier unendlicher Dimensionen, und sagte: Hch, Ch, h, Chh, Chhimmel, und er wiederholte das Wort, sperrte seine Augen sperrangelweit auf, zeigte, noch etwas unsicher, auf den Fluss und sprach: W, Ww, Wwa, Wass, ass, Waass sser. Er lächelte zufrieden, seine Augen strahlten vor Freude, er trat kraftvoll auf, stapf-stapf, richtete seinen Zeigefinger auf die Erde unter seinem Schritt und formte mit einigen Schwierigkeiten die Laute: Ka, kakat, kata, katala, kalat, klata, katal und dann etwas ruhiger: Katal loni Katalon ien. Dabei lachte er fröhlich, ohne zu ahnen, was er da gerade angerichtet hatte.

Über das Nichterscheinen zu Verabredungen

Ich gehe nur selten in die Stadt hinunter: Nur, wenn ich einkaufen oder mit jemanden reden muss; denn zwischen dem einen und dem anderen Ort liegen zwei lange Stunden im Zug durch Minzwiesen und Krokantberge hindurch, obendrein stört mich das Reisen, es ist anstrengend, nimmt mich mit, mir wird dabei schlecht und mein Gesicht leichenblass. Natürlich bleibt einem manchmal nichts anderes übrig, als sich in den Zug zu setzen, ausgerüstet mit Reisetabletten und einem Riechfläschchen, so wie eben heute, denn man kann ja nicht immer nein sagen. Zudem werden wir in der letzten Zeit ja nicht gerade verwöhnt, und kaum hast du dich auf einen der roten Sitze gesetzt, bist du auch schon eingenickt. So vergeht die Zeit schneller, und ehe du dich versiehst, bist du angekommen, selbst wenn du dann bemerkst, dass du viel zu früh da bist. Denn erst als ich aus dem Zug stieg (ein Fuß auf dem Trittbrett, den anderen auf dem Bahnsteig) schaute ich auf die Uhr, doch mit reichlich mehr als genügend Zeit anzukommen, ist ein so in mir verwurzeltes Laster, dass es mich nicht mehr aus der Ruhe bringt: Es war halb eins, und ich war erst um fünf verabredet, was hieß, dass ich eine lange, langweilige Zeit vor mir hatte, eine Aussicht, die mich dazu veranlasste, Zeitungen zu kaufen; in der Nähe des Bahnhofs sah ich einen Kiosk und einen Platz, auf den eine sengende Sonne knallte (ich setzte mich auf eine silberne Bank unter Ulmen aus metallischem Schweigen). Am anderen Ende des Platzes spielten unter den diskreten Blicken ihrer jungen, rosafleischigen Mütter, denen der Geruch von frischem Stroh anhaftete, ein paar krummbeinige Bürschchen Fangen, was mich auf die Idee brachte, Spielsachen und Kuchen zu kaufen. Deshalb machte ich mich auf den Weg zu den Riesenkaufhallen, diesen Betonmassen, die mein Geld verschlangen und mich später mit einem trommelnden Kopf aus kunterbunten Melodien wieder ausspieen. In der verbleibenden Zeit ließ ich mich an den Schaufenstern, den Luftballons und explosiven Distelfinken vorbeitreiben, die Lupinenkerne zum halben Preis anpriesen, und gesellte mich zu einer Gruppe von Leuten: Sie bildeten einen Kreis, in deren Mitte zwei Quallen mit majestätischer Gewalt gegeneinander kämpften, sie bewegten dabei Arme, Beine, Flügel und Saugnäpfe. Es war wie bei den mexikanischen Hahnenkämpfen; Staub an den Kehlen der schwitzenden Zuschauer in geblümten Hemden. Eine der beiden Medusen umklammerte die andere und schien ihr Blut auszusaugen, ein nicht existierendes gelbes, stinkendes Blut, das unaufhörlich kochte, bis sie zu Boden fiel und nicht mehr aufstand (der Besitzer der Siegerin sammelte stolz sein Tier ein: Er griff es mit der Hand und zeigte es in Siegerpose lächelnd dem Publikum, die Scheine in der Tasche; der Verlierer weinte mit der toten Qualle im Arm). Die Leute liefen allmählich auseinander und ich mit ihnen. Ich bekam Hunger, warf die unangetastete Papiertüte mit den Lupinenkernen weg, betrat ein Restaurant und bestellte Sauerkraut, Mineralwasser und einen doppelten Espresso (der letztendlich ein Brandy auf Eis war und öligbitter wie Benzin schmeckte). Ich betrat das Gebäude (mit einer riesigen Uhr an der Fassade), als es fünf vor fünf war. Alles schien verlassen: die Eingangshalle, der lange, verglaste Flur, der in einen kalten Garten mündete, die seitlichen Säle voll gesalzener Elektrizität und bar jeglicher Aktivität. Auf einer Theke fand ich ein schlafendes Pförtnergesicht. Als ich nach dem Herrn Oliver fragte, schaute der Concierge schläfrig zu mir hoch und versicherte mir apathisch, dieser sei nicht da, er habe ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Trotz dieser ganzen Beteuerungen insistierte ich weiter, sodass er mich schließlich einließ. Dann schauen Sie eben selbst nach, sagte er (mit einer Spur Häme in der Stimme), mal sehen, ob Sie ihn finden; mehr kann ich nicht für Sie tun. Und er legte seinen Kopf wieder auf dem Marmortisch ab und machte die Augen zu, während ich mich entschloss, durch die mephistophelischen Schatten eines modernen Märchens zu schweifen: Finsternis und Rasiermesserstille, leichte Fußspuren auf dem glänzenden Boden, alles gewürzt mit einem Duft von Magenta, von fauligen, blau bemalten Granatäpfeln, eine lange Kamerafahrt, ich weiß nicht, ob parallel oder frontal, unter Sonnendächern, durch kalte Räume und zwischen eingestaubten Kulissen hindurch: große Balkone über einem Ganges aus Plastik, eingerissene Dünen aus gelbem Karton, Papieravenuen in New Yorks vom Trödel, Gefängnisse aus Pappe mit Drahtfenstern, Styroporschnee und Papiereis und darüber: ein einziges schwarzmechanisches Netz unter einer unsichtbaren Decke. Das Rauschen unsäglicher Flüsse, von hochspezialisierter Polizei bewacht (die Studios verlassen: keine einzige Kontrolle im ganzen Gebäude). Durch Porzellanflure hindurch erinnert der Hunger der Motten an vergessene Erzählungen Poes: kalte Apparate, Kameras über Kameras, Galgen, verrostete Mikros, alles düster und dunkel (keine Spur einer menschlichen Seele). Ab und zu ein stummes Fernsehgerät, wo dunkle Schatten mit menschlichem Antlitz tanzen, die Lippen bewegend und unhörbare Worte sagend, wo sich glückliche Paare ohne Musik drehen, wo Stoffcowboys lautlose Schüsse abfeuern (Stille in einem Meer aus süßem Eis). Ich schaue auf die Uhr: viertel sechs, und noch ist keiner da (sie haben sich verspätet, denke ich, vielleicht kommen sie noch). Ich gehe weiter, nun durch ein Indianerdorf. Eine Kamera ist auf einen Stuhl gerichtet, der von einem weißen Scheinwerfer angestrahlt wird. Ich setze mich. Schaue. Vor mir reproduziert ein kleiner Bildschirm mein Bild: Wenn ich mich bewege, bewegt sich eine kleine Kopie von mir; wenn ich tanze, tanzt sie; wenn ich lache, lacht sie; wenn ich ruhig ins Objektiv schaue, bleibt sie stumm und schaut mir in die Augen. Sechs Uhr. Ich gehe. Jede Geduld hat mal ein Ende. Ich laufe die Treppe hinunter, komme in die Halle: Der Pförtner ist nicht mehr da. Alles ist leer. Ich öffne die Tür und dann sehe ich den kleinen, blassen Mann dahinter, der mich mit gesenktem Kopf beobachtet. Und Sie?, frage ich ihn. Sind Sie auch wegen der Aufnahmen gekommen? Haben Sie Herrn Oliver gesehen? Was für eine Unverschämtheit! Und da er nicht antwortet, packe ich ihn am Kragen und hebe ihn hoch (die Füße zappeln durchsichtig). Ich bin hier, um das Haus abzuschließen, antwortet er und schaut mir dabei in die Augen. Ich stelle ihn wieder auf den Boden, und er fügt hinzu: Um diese Uhrzeit gehen sie alle, sie haben es satt, noch länger zu warten. Dann komme ich und schließe ab. Das Männchen hat mir anscheinend nichts mehr zu sagen und bewegt sich nervös, so als sei es zu spät und daher in Eile oder als trage es auf seinen Schultern eine große Last, die durch meine Fragen noch größer wird. Ich mache mich auf den Weg und suche ein Taxi, das mich zum Bahnhof bringt.

Uff, sagte er

Sie tranken Kaffee und aßen Cremetörtchen. Uff, sagte er schließlich (denn zuvor hatte er den Mund voll, nicht nur mit Kuchen, sondern auch voll Trägheit, und hätte ihn nicht aufgekriegt). Sie schaute nicht einmal zu ihm hin (es war soooooo heiß und das Fenster wie immer geschlossen). Das Fenster ist wie immer zu, bemerkte sie. Er antwortete nicht (sondern dachte, im Hochsommer ist Hitze doch völlig normal). Mach es auf, wenn du willst, schlug er vor, denn er hatte den Eindruck, etwas sagen zu müssen. Sie aber stand weder vom Stuhl auf noch gab sie einen Kommentar dazu ab. Es war, als würde das Wetter sie in aller Stille fertigmachen. Sie nahm die Teekanne und goss ganz langsam Kaffee in die Tasse (die Kaffeekanne war bereits vor einem Jahr kaputtgegangen, doch sie hatten beschlossen, keine neue zu kaufen: Sie tranken nicht gerne Tee, und die Teekanne würde es für den Kaffee auch tun). Eine Fliege kreiste über dem Kuchen. Sie hob die Hand, um sie wegzuscheuchen, doch dann war ihr das ein zu großer Kraftakt für die kleine Belästigung, die die Fliege darstellte, und sie ließ es sein. Für ein paar Sekunden hing ihre Hand in der Luft. Dann legte sie sie langsam auf dem Tisch ab. Ich glaube, sagte er in die Luft schnuppernd, diese Hitze zieht die Fliegen an. Auf der anderen Seite des Fensters erstickte die Sonne ein syphilitisches Efeugewächs, das mehr tot war als lebendig und sich an dem einzigen sauberen Fleck auf der schmutzig weißen Wand festkrallte. In Kürze würde der Sonnenstrahl die Fensterscheibe erreichen und ins Zimmer eindringen. Ja, pflichtete sie ihm bei, stierte in die Tasse und schlug mit dem Kaffeelöffel dagegen (kling-kling, winzig und warm, ertönte es in gleichmäßigen Abständen). Würdest du bitte damit aufhören?, fragte er genervt. Sie warf den Löffel auf den Tisch, was einen sanftweichen, orangefarbenen Klang ergab. Früher, sprach er weiter, waren die Sommer nicht so heiß. Alles verkehrt sich, beendete sie seinen Gedanken. Sie waren sich einig und saßen schweigend da, während die Sonne weiterwanderte: über die Köpfe der schlapp vor sich hin trottenden Menschen auf der Straße, der Kinder am Strand, sonnengeblendet. Sie mischten die Karten und hoben ab. Sie hatte zwei Paare.

Als sie wieder hochschauten, war der Himmel bereits dunkel und leuchtete schwarz. Sie machten die Tischlampe an, sammelten die Karten zusammen und schalteten mit der Fernbedienung den Fernseher ein. Auf dem Tisch lagen noch Wurst und kalte Toastscheiben, die sie nebenbei in sich hineinfutterten. Als das Fernsehprogramm, die Nationalhymne usw. zu Ende waren, schneite es auf dem Bildschirm und sie schliefen in den Sesseln ein. Gegen Mitternacht flogen dann rosa Tauben, schwarze Hähne aus Zuckerrohr, goldene Hirsche, Lapislazulimöwen, bunte Efeuranken und die stets zum Lachen aufgelegten Heliotropgiraffen durchs Fenster herein. Sie blieben bis zum frühen Morgen und entschwanden mit dem Aufgehen der Sonne einer nach dem anderen, sodass, als er und sie erwachten (die Sonne brannte bereits auf die schmutzig weiße Wand vor dem Fenster) die Tiere und Pflanzen fort waren. Sie tranken Kaffee und aßen Cremetörtchen. Uff, sagte er schließlich (denn zuvor hatte er den Mund voll und hätte ihn nicht aufgekriegt).

Über die Wankelmütigkeit des menschlichen Geistes

Für den Allesfresser VallcorbaPlana

Natürlich hatte er als Kind Buchstaben aus der Suppe gelöffelt, aber ein aus weißem Papier ausgeschnittenes A zu verzehren, rief dann doch ein befremdliches Gefühl in ihm hervor. Er hatte das A mit einer riesengroßen Schere bedächtig und sorgfältig ausgeschnitten und sah dabei benommen, wie jenseits der Terrassenfenster der Abend hereinbrach. Es war einer jener traurigen Abende, an denen man nicht weiß, was man mit sich anfangen soll, und sich schließlich an den Alltagskram klammert, wie Blumen gießen, Bücher auf dem obersten Regalbrett abstauben, Fingernägel schneiden, bis man zum Schluss nur noch die Schere in der Hand hat, der es gefällt, sinnlose Formen auszuschneiden, und eine davon wird eben ein A, das er jetzt so gierig aufaß, als sei es eine feine Speise. Nachdem er das A aufgegessen hatte, schnitt er ein B aus; dann ein C und ein D und mit immer größerem Appetit verschlang er einen Buchstaben nach dem anderen. Als die Nacht schon aussah wie eine schwarze Scheibe, bildete er bereits kurze Worte – Ei, Ohr, Hut, Tee, Rom, Lohn, – die er genüsslich verspeiste. Zwei Tage später bemerkte er, da er nichts anderes mehr aß, dass die Buchstaben zu seiner Ernährung ausreichten. Er brauchte weder Obst noch Milch noch Fleisch noch Gemüse noch Fisch. Normale Lebensmittel ließen ihn kalt – jeden Tag etwas mehr – und bereits zwei Wochen später widerten sie ihn eher an. Mit der Zeit konnte er die verschiedenen Buchstaben auseinanderhalten, nicht so sehr nach dem Stoff, aus dem sie gemacht waren (der spielte keine Rolle, hatte keinerlei Einfluss auf Nährstoffgehalt oder Geschmack), sondern die verschiedenen Schrifttypen, Körper und Varianten. Er entdeckte, dass Buchstaben ohne Serifen verdauungsfördernder waren als solche mit; von denen war die Egyptien die schwerste Kost, die, vor dem Schlafengehen verzehrt, Schlaflosigkeit und schreckliche Albträume verursachte. Die Erfahrung lehrte ihn, dass die englische Schreibschrift gut gegen Verstopfung war, gegen Hepatitis gab es nichts Besseres als halbfette Helvetica und die mittlere Futura wirkte ausgezeichnet gegen Herzrasen. Zur besseren Verdauung aß er die fette Futura mit weniger als 24 Punkt (und immer gewürzt mit etwas American Typewriter). Natürlich entwickelte er bestimmte Vorlieben: die Baskerville, die Gill, die Stymie. Dagegen verabscheute er die Blippo und die Avantgarde. Die Times war ihm gleichgültig; so wie gekochter Seehecht, meinte er eines Tages, doch dann fiel ihm ein, dass er (damals, als er sich noch konventionell ernährte) manchmal sehr gerne einen guten gekochten Seehecht gegessen hatte, oder auch einfach gedünsteten. So ließ er sich Texte in Times auf unterschiedliches Papier drucken: auf blaues und grünes Martelé, auf rosa Couché, auf vergilbte Bibeln. So wurde auch die Venus Fina, die er bisher extrem langweilig gefunden hatte, (in 38 Punkt und dunkelgrüner Tinte auf türkisem Glanzpapier) zu einer seiner Lieblingsspeisen. Dann kam die Frage des Weines: Welcher Wein passte zu welchem Buchstabentyp? Das führte zu einer langen Periode mit Weinproben: die manchmal danebengingen, doch meist von Erfolg gekrönt waren. So fand er heraus, dass zur Helvetica wunderbar Burgunder, Barolo, Chianti, Cabernet, Rioja und Priorat passten. Zur Futura (sowohl zur fetten als auch zur schmalen) passte ausgezeichnet ein elsässischer Wein oder auch ein guter Moriles. Und im Allgemeinen zu allen Groteskschriften Ribeiro, Penedès, Valdepeñas, Silvaner, Riesling, Sancerre, Chablis. Zu den Schriften mit Serifen passten wunderbar Bages, die großen Bordeaux-Weine (wie der Château-Latour, Château-Margaux oder Saint-Émilion), ein paar Burgunder oder die aus Tudela und Elciego. Nach zwei Monaten stopfte er Zeitungen, Zeitschriften, Arzneimittelprospekte, Bücher, leichte Pappschachteln und kleine Leuchtschriften in immer größeren Mengen in sich hinein; und ein Abendessen war kein richtiges Abendessen, wenn nicht irgendein Band einer Enzyklopädie und irgendein Neonbuchstabe dabei waren. Er kaufte eine große Anzahl an Buchstaben-Sets. Nachts drang er in Druckereien ein und verschlang alle Drucktypen, die er finden konnte. Er schob die Zeilensetzer beiseite und fraß die Bleibarren, so wie sie aus der Maschine fielen. Er entdeckte die kulinarische Raffinesse des griechischen Alphabets (deren ersten, etwas schwülstigen Eindruck er revidieren musste), den Genuss des Kyrillischen, den exotischen Geschmack der chinesischen Zeichen, die Unterschiede zwischen dem Thailändischen und dem Kambodschanischen, das Schmalz des Arabischen. Er brauchte ABC-Fibeln wie andere die Luft zum Atmen. Das Einzige, was ihm auf dieser Welt fehlte, war Zeit. Durch die Literophagie war er zum Glück gelangt; Tag und Nacht folgte sein ganzes Leben nur einem einzigen Zweck: neue Schriftzeichen zu probieren. Reiste er, so tat er dies ausschließlich, um Varianten der gebräuchlichen Buchstabentypen kennenzulernen. Er besuchte Lettergießereien, wie andere Champagnerkellereien oder Brauereien besichtigen, und er war der glücklichste Mensch auf Erden, wenn er einen neuen, frischen, gerade vollendeten Buchstaben zwischen die Finger (und Zähne) bekam. Er suchte Grafiker auf und unterstützte sie dabei, Varianten in die bekannten Designs einzufügen. Einige hielten ihn für verrückt, doch mit der Zeit mussten auch sie eingestehen, dass sein Rat nützlich und treffsicher war, beispielsweise gab er einer leicht schlampigen Form, für die niemand eine Lösung gefunden hatte, den perfekten Schliff. Infolgedessen ließen sie ihn reden und, wenn sie nicht mehr weiterwussten, forderten sie ihn sogar an, bevor sie eine neue Form auf den Markt brachten, und baten um seine Zustimmung. Er war es, der mit einem Lächeln auf den Lippen die letzten Ratschläge gab, damit die neue Type so wurde, wie sie sein sollte, sowohl vom typografischen als auch vom kulinarischen Standpunkt aus.

Aber ach, der Wankelmut! Drei Jahre später hatte er genug von den Buchstaben. Nach ein paar weiteren Monaten überfiel ihn bei ihrem Anblick bereits ein unwiderruflicher Ekel. Doch zur gleichen Zeit zeigte er gottlob ein wachsendes Interesse an Miniaturschiffen.

Platssschh

PLATSSSCHH: Ich werfe mich in die Fluten, denn es ist heiß und ich schwitze, meine Haut stinkt, ich bin erschöpft, und das Wasser perlt klar und frisch, die Spritzer des Bauchplatschers, also meines eher uneleganten dickbäuchigen Kontaktes mit der sinnlich oszillierenden, amoralischen Mittelmeeroberfläche lösen sich in dem weißen Schaum auf, der an den Strand brandet und im Sand versickert, ich schwimme ein paar Züge, prust, bah, prust, bah, prust, bah, entsteige, BLUBB, dem Wasser, entzückt von meiner kupferfarbenen Haut, ich sommerlicher Apoll, eingebildeter als Johnny Weissmüller, und stelle mich bewusst zur Schau, drehe eine Runde in dem Netz aus gelangweilten, gehässigen, ausgehungerten und drögen Blicken von vier nordischen Weibern, die sich hinter schrecklichen Sonnenbrillen verstecken und so tun, als würden sie die Bunte oder den Stern lesen, so als hätte es irgendeine Bedeutung für sie, welches Metallic-Plastikkleid der Schwachkopf Rabanne entworfen hat oder welche Schlüpfer die Ische von Schmidt trägt oder welche Farbe die Mandarinen haben, die sie, Caroline von Monaco, kleines Mädchen, mit diesen Erdbeerlippen verspeist und die in mir unter anderem ein plötzliches und unvorsehbares Interesse an der Aristokratie geweckt hat, insbesondere an ihr und dem blauen Blut in ihren Venen, die völlig verrückt in einzelnen Strängen ihre Brüste durchschlängeln, diese Aprikosen, diese Pfirsiche, diese frischen Früchte, die da sind, um sich darin zu suhlen und dein Lachen deine Augen deine Zähne zu beweinen und die Sozialisierung der Welt zu fordern, sie EINZUKLAGEN, nicht für umsonst (die Welt ist uns scheißegal), sondern für dich, Caroline, und dann, während die Sonne uns durch puren Wasserentzug die Haut einreißt (es ist Mittag, und eigentlich dürften die Schatten nicht so lang sein, aber die seltsame Uhrzeit, mit der wir hier ständig herumlaufen, ist ja stadtbekannt), schlendere ich in Richtung Strandpromenade, oder wie auch immer sie hier heißen mag, zur Bar auf dem Platz, wo ich ein Tagesgericht für fünfundneunzig Peseten und ein kühles Bier bestelle, beim Trinken bemerke ich Landsleute, hey, Leute, was gibt’s?, tja, eigentlich nichts, na, gut, okay, wir sehen uns später, ja, im Western Saloon, ich zahle und begebe mich in meine Pension auf mein Chambre und ruhe mich ein wenig aus, denn, Mann, bin ich erschöpft vom vielen Tanzen (vier Tage bin ich schon hier) und nichts, rein gar nichts in Sicht, ist das nicht widerlich bei soviel Lloret, komm nach Lloret, Mann, da gibt’s genug Frischfleisch, und nichts am ganzen Horizont, Mann, was willst du da machen?, das nächste Mal werden sie mir aber nicht entwischen. Ich wache um neun auf, es ist immer noch nicht schwarze Nacht, ich begebe mich auf die Straße hinunter, betrete die Hamburger-Bar und bestelle einen Hamburger mit Ketchup und Zwiebeln und ein Volldamm. Alle Achtung, wie die schuften, bei dieser Affenhitze im weißen T-Shirt mit schweißnassen Achselhöhlen und dem Käppi auf dem Kopf, auf diesen üppigen, schmutzigen, herabwallenden Locken, einen Cheeseburger, please, ich schlinge ihn mit zwei großen Bissen hinunter, dann gehe ich; es ist zehn Uhr, und ich treibe durch den Menschenstrom, der bald alles ausfüllt, betrete eine Spielhalle und spiele zwei Runden Flipper, doch bei der zweiten Runde verlässt mich das Glück, denn bei der ersten Kugel mache ich einen Fehler, TILT!, dann gehe ich zum Bowling, zur Bar dort, wollte ich sagen, und trinke noch ein Bier, krrrrrrrrrk! das rutschige Geräusch der Kugel, die immer näher kommt, plopp!, krooook, dann ist mir auch hier langweilig, und ich zieh weiter und hole mir Pommes in einer Bar aus weißem Kunststoff und Resopal, auf einer Bank an der Promenade mit Blick aufs Meer stopfe ich die Pommes in mich hinein, in meinem neuen, verschwitzten T-Shirt (vor allem unter den Achseln), das ich mir gestern gekauft habe, in Rot; und betrachte dabei den Himmel, so weit und ganz schwarz und voller weißgelber Punkte, ach, jetzt auch noch philosophisch!, ich werfe die fetttriefende Pommes-Tüte weg und schmeiße mich wieder in das Labyrinth von Straßen, Souvenirs und unentschlossenem Fleisch, hi, Kumpel, hey, was gibt’s?, es ist Perlanca, der auf und ab schlendert, komm, gehen wir in den Western Saloon? Ja, der Lärm (Musik), der auf einen niederprasselt, ist heftig, too much, wie die Polyglotten sagen, wir setzen uns in eine Ecke, es sind lauter behaarte Typen und supertolle Weiber da, voll cool und distanziert, und der Kellner, ein Blonder, two beers, what?, two beers!, two beers!?!, YEAH!, scheißegal, ob man spricht oder schreit, man versteht sowieso kein Wort bei dem Radau und der Musik, die Rolling Stones aus der guten alten Zeit, Mann, klatsch den Rhythmus mit, ein Chuck Berry von 58, Reserva Carta Blanca, mmmhh, gut, dann wird das beer serviert (dreißig Peseten and five for the boys und ich kapier’ gar nichts mehr), o.k., langsam komm ich gut drauf, bofff, Traumurlaub, eine Frau beginnt zu tanzen, wow, blond und seidenglatte Haare, Augen wie Brunnen, Lippen wie Matratzen und einen Busen, der bei jeder Verrenkung außer Rand und Band gerät, bis der Gorilla auftaucht, das hier ist keine Disco, das wussten wir, Mann, also nichts mit Tanzen, die Frau hört auf, Frust durchzuckt ihre Matratzen, es ist zum Heulen und Hinsetzen und noch mehr Bier saufen, bis wir uns schließlich durch eine kleine Gasse verdrücken und ich mit einem Bäumchen zusammenknalle, ein untrügliches Zeichen oder so was Ähnliches eines very interesting Rauschzustandes, beschickert oder betütert, und ich setze mich hin. Perlanca, komm, wir setzen uns auf den Gehweg und lauschen in die Stille, sie ist so strange, die Stille und die weiße Wand, hmmmmm, auf, wir gehen in eine Disco, in Ordnung, und wir machen uns auf die Suche, an einer superscharfen Ecke, blau-rote Lichter, ha, die ist sicher gut, wir hätten auch ins Revolution gehen können, zu weit, wir tanzen hier und lassen es uns gut gehen, gut, wir werfen uns, HOPP!, auf die Tanzfläche, klasse, bestellen einen Cubalibre, doch man serviert uns eine Cola mit Gin, was soll denn das, aber macht nichts, das hier ist das Leben und nicht der Achtstundentag im Büro, dieser Song ist toll, von Rosana de los Diablos, wie schön!, es gibt ein paar ausländische Girls, alle Achtung; wir setzen uns, ich muss etwas ausruhen, die Lichter: gelb, knallrot, grün, blau; weiße Spots: flash flash flash flash, alles dreht sich, Mann, wenn man sich eine angeln könnte . . ., doch dieses Jahr ist echt ’ne Katastrophe: Nicht einmal Barça gewinnt die Liga, wie soll denn dann der Urlaub klappen, ha ha, und dieses Jahr ohne den Michels, da muss man erst mal abwarten, und dieser neue Typ, der Deutsche, ich weiß nicht einmal, wie er heißt, erstmal abwarten, wie?, ach so was!, neben uns ein paar Tussen mit Riesenzinken, ein bisschen stulle, die taugen nichts, hast du ’ne Alternative?, scheinen von hier zu sein, hallo, was?, oh Gott, wie sollen wir das bloß anstellen, Perlanca?, noch eine Cola mit Gin, und auf geht’s, was für eine Hitze, Perlanca hebt ab, heute ist er besser drauf als ich, und die Tussen reagieren (sind die öde . . .), wir tanzen, Demis Roussos, we shall dance, we shall dance, fein, aber etwas out, doch es ist klasse so nah beieinander, wie sie sich ranmacht!, Strategie und Taktik and so on, abwarten, wie heißt du?, Mariantònia, aber man nennt mich Tonyi, woher kommst du? Aus HospitaletdelLlobregat, ah, ich bin aus Manresa, jetzt wohne ich aber in SanAdriándelBesós und arbeite als Verkäuferin bei CorteInglés, bei BritishCut? HA HA HA, wie witzig!, ja, in der Parfümabteilung, aber ich mache eine Lehre als Sekretärin, das ist gut: vorankommen, ja. Urlaub? Ja, mit meiner Freundin Mariangustias, Angie für die Freundinnen, Angie?, wie die Frau von David Bowie, du weißt schon: der Song der Rolling Stones: Aaaaangie, Aaaaaangie, du weißt über alles Bescheid, wow, ist das heiß hier, nicht? Ja, willst du gehen? Okay. Wir gehen alle vier, wir schlendern durch die Straßen und trinken einen Cointreau mit Eis am Tresen einer versifften, auf holländisch gestylten Bar. Die Girls sind nett, ein bisschen träge und unbedarft, aber was wäre die Alternative? Wir könnten in mein Appartement gehen, meint Perlanca, so als ob man zu diesem Zimmer Appartement sagen könnte (mal sehen, was sie für ein Gesicht machen, tatsächlich: sie senken den Kopf und tauschen schnell ein paar flüchtige Blicke aus: schlecht: Perlanca war zu voreilig), hmmm, ich habe paar tolle Platten, wir könnten Musik hören, insistiert er, okay, sagen die Tussies. 1:0 für uns! Es wird doch noch gut ausgehen. Wir kaufen eine Flasche eiskalten Sekt, einen guten Sekt, die Gelegenheit ist es wert: einen DELAPIERRE, und gehen auf sein Hotelzimmer: natürlich besser als meines, und schon haben wir verschissen, das allererste, was man beim Hineinkommen mitten auf der Bühne sieht, ist das riiieeesige Bett. Die Tussen stehen verdattert da, ziehen ein Gesicht. Setzen wir uns? Perlanca legt die Beatles auf, au, klasse, die Beatles sind toll, sagt Mariangustias, ich mache das Fenster auf, die Hitze ist unglaublich, ich schaue gerne in den Himmel, er ist so kalt, so blau, so fern: Es muss so gegen zwei oder drei sein, bah, da haben wir noch Zeit; wo ist der Sekt? Sekt her! Klasse! Wir lachen, er ist kalt! Ja, Sekt muss eiskalt serviert werden, sagt Perlanca. Ah, Tonyi öffnet den Mund, ich setze mich neben sie, wir reden über Musik, du, was machst du in Barcelona? Ich arbeite in einer Werbeagentur, oh, wie interessant! Ja. Und was machst du sonntags? Ich gehe mit Freundinnen tanzen. Ah, ja? Ich lege meinen Arm ganz sanft, seidengleich, um ihren Rücken: Sie sagt nichts, ich drücke mit meinen Fingerspitzen ganz sachte ihren Arm auf der Höhe des Bizeps und rücke vorsichtig näher, sie sagt keinen Ton. Ich mache Schummerlicht, sagt Perlanca. OK. Und dreht eine Birne heraus, so sitzen wir in gedämpftem Licht, und ich mache weiter und knutsche sie ab, und sie sagt immer noch nichts. Perlanca ist mit Mariangustias im Nebenzimmer verschwunden, dem Zimmer von Ricardo, der mit dem Jetset nach Cadaqués Paella essen gefahren ist, die Platte, krk, krk, ist hängen geblieben, vielleicht Staub, vielleicht ein Kratzer, krk, krk, aber keiner wird hier einen Finger krumm machen, um eine neue aufzulegen, ich stecke meine Hand unter ihre Bluse, sie reagiert besser, als ich erwartet habe: Öffnen wir also Bluse und Reißverschlüsse dortselbst auf dem Sofa, uff, ich küsse und küsse und glühe, Mann, hat die eine Taille . . . Nein, sagt sie zu mir, so nicht, ah nein? Nein, ich nehme nicht die Pille. Aah! Pille, HA HA, wir können Coitus interruptus machen. Oder nein, warte, ich glaube, Perlanca hat Gummis, ich klopfe an die Tür: tock, tock. Perlanca, kann ich reinkommen? Ich gehe hinein, hole mir, was ich brauche, und verlasse das Zimmer wieder. Schau. Ah, toll, ist das sicher? Ja, englisch, garantiert. Krk, Krk, sagt der Plattenpieler. Ah, gut, zeig mal, komm, du gefällst mir, du mir auch, du bist sehr nett, sagt sie, ich sehe diese Riesenhakennase vor mir, wie von einem Papagei oder einer Elster. Ja, sage ich. Oh, was ist?, fragt sie. Was ist? Ich schaue an mir herunter, verdammt, ich weiß nicht. Was ist los mit dir? Ich weiß nicht, das ist mir noch nie passiert, sage ich ihr, ehrlich, ich verstehe das nicht. Ich rege mich auf. Ich errege dich nicht, sagt sie und senkt traurig den Kopf. Was sagst du da, Frau!, du erregst mich die Hölle, ich versteh das nicht, oh Mann, wir wissen nicht, was tun. Krk, krk macht der Plattenspieler. Sie versucht die Situation zu überspielen, indem sie das Kissen zurechtrückt und mich von der Seite beobachtet. Ich konzentriere mich, denke an ihre Kurven oder an irgendein Foto im Playboy, das wäre doch gelacht, wenn . . . Scheiße, wie peinlich, was für ein Frust, das ist sicher der Gummi, ich weiß nicht, ach geh, wenn ich einmal jemanden an der Leine habe, denke ich und sage zu ihr: Hör mal, tut mir wirklich leid. Mach dir keine Gedanken, sagt Tonyi und versucht ein Lächeln, wie jemand, der dem keine Bedeutung beimisst, dabei kleidet sie sich langsam an und schaut aus dem Fenster, man hört die Geräusche der Straße und das Radio des Nachbarn, Rosana de los Diablos, was für ein Song, der ist klasse, ist schön, nicht wahr?, sagt Tonyi, ja, sage ich, und sie lächelt (traurig?) und ich denke, was für ein Frust, was für ein Mist, so eine Scheiße, und öffne eine Flasche und trinke einen Cynar.

Rauch

Für die Dinosaurierin

Meine Nachmittage verbringe ich gerne in Kneipen, eingehüllt in Rauchwolken und vor mir auf dem lackierten Holztischchen ein Glas Gin. Ich trinke zu viel, ich weiß, daher kommt auch der kleine Bauchansatz, der einer meiner Bräute kritisches Vergnügen bereitet, einer dieser Einmaldie-Woche-Lieben, du rufst an, ja?, ein kalter Kuss auf den Mund. Ich sitze gerne in einer ruhigen Ecke oder am Tresen und lese, lese viel und alles (Zeitungen, Zeitschriften, Romane) und mache Notizen: Auf einer Papierserviette fange ich an zu schreiben und schreibe, bis sie voll ist, dann nehme ich noch eine und noch eine und noch eine, alle sind ganz dicht beschrieben, Zeile für Zeile voll mit Buchstaben, bis schließlich eine Viertelstunde später der Serviettenspender leer ist. Dann reiße ich Seiten aus meinem Terminkalender, und wenn keine Blätter mehr da sind, höre ich auf zu schreiben und betrachte die um mich herumhockenden Leute, die Decke, die dunkel verkleideten Wände (die Pubs, die nichts von einem Pub haben, sind fürs Lesen am ruhigsten) und denke an andere Zeiten und überlege, was ich abends machen soll. Die Servietten und Kalenderseiten werfe ich normalerweise gleich auf der Straße weg, in irgendeinen Papierkorb. Häufig (vor allem in der letzten Zeit) weiß ich nicht, was ich abends machen soll, irgendwie ist alles nervig, ich wälze mich im Bett herum, das inzwischen schon ganz zerknittert ist. Nachts sehe ich die Dinge ganz finster und monströs (wie vermutlich jedermann), ich muss aufstehen, das Licht anknipsen und eine Platte von Maria del Mar Bonet auflegen (denn die Frau finde ich ziemlich klasse), dann warte ich, bis der Tag anbricht, und die Farbe der Gebäude von Schwarz nach Grau wechselt. Habt ihr das noch nie gemacht, auf den Sonnenaufgang gewartet und dabei beobachtet, was im Gebäude gegenüber passiert? Es gibt Leute, die früh aufstehen, und Leute, die immerzu schlafen, in Wohnungen, die unbewohnt aussehen, weil sich darin nie jemand bewegt, und andere, die die Fenster sperrangelweit aufmachen und in deren möbliertem Dunkel man eine Frau mit Kopftuch Staub wischen sieht. Doch dann ist der Morgen bereits sehr weit fortgeschritten. Bis dahin habe ich schon beobachtet, wie die Frühaufsteher das Treppenhaus durch eine Tür verlassen, die beim Öffnen zu lächeln scheint. Einige steigen ins Auto und fliehen (ich stelle mir vor ins Büro oder in die Fabrik). Im Sommer, wenn die Sonne hoch genug steht, lege ich mich auf die Fliesen und sonne mich. Im Winter gehe ich hinein und mache mir einen heißen Kaffee. Abgetaucht in eine laue Welt, der triefigen Träume überdrüssig, betrachte ich die Geräusche der Stadt. Wenn ich die Erkennungsmelodie der Presseschau höre, ziehe ich mich an, gehe auf die Straße hinunter, esse in der Bar an der Ecke zu Mittag und nehme die U-Bahn in die Stadt. Dort beginne ich mit meinem gemächlichen Rundgang. Ich kaufe Zeitungen und stöbere in Buchhandlungen. Wenn es dann ungefähr so spät ist wie jetzt (so halb neun), fühle ich mich stark genug, um im Berimbau am Passeig de Born einen Caipirinha zu trinken und mich zwischen die Leute im Màgic zu mengen, die in ihrer Jugendlichkeit ganz zerbrechlich wirken und neben denen ich mir sehr alt vorkomme. In meiner Vorstellung tadeln sie meine Gegenwart: Was willst du denn hier mit deinen vierundzwanzig Jahren? Und ich weiß nicht, ob ich den Kopf senken soll und um Verzeihung bitten, denn die Generationen fliegen nur so dahin und, ehe du dich versiehst, hast du die kurzen Hosen des träumerischen Jungen gegen Falten um gleichgültige Augen eingetauscht. Ach, das Alter. Ich würde gern diese halb fertigen jugendlichen, schlanken Körper umarmen, lecken. Und tue ich es nicht, so liegt das an einer Art abgrundtiefer Scham (so tief wie die Abgründe der Tiefsee). Sie (die Jugendlichen) bewegen ihre Füße im Takt des Blues, denn derzeit wird Blues im Màgic gespielt. Und Blues ist wie die Erinnerung an Städte, die man nie betreten hat, an frühe rauchige Morgenstunden in Vorstadtfabriken, an geräuschlose Knüppel auf Gummiköpfen, wie der Lichtschein auf den Helmen der Polizisten, die kurz davor sind loszuschlagen. Das (einschließlich des dezibelbedingten Platzens des Trommelfells) sind normalerweise meine Empfindungen im Màgic. Ich sage »normalerweise«, denn eines Nachts war es anders: Ein junger Mann kam auf mich zu (nicht älter als achtzehn, er hatte den Kragen seines Trenchcoats hochgeschlagen, eine Zigarette im Mund, ein blauweiß gestreiftes T-Shirt an, kurze blonde Haare und eine überdimensionierte dunkle Brille) und nachdem er sich, ohne zu fragen, an meinen Tisch gesetzt hatte, wandte er sich in einem sanften, honigsüßen Ton an mich:

»Du kommst häufig ins Màgic?«

»Jeden Abend.«

»Ich habe dich noch nie gesehen: vielleicht weil ich heute das erste Mal hier bin.«

Und er brach in ein so blödes Lachen aus, dass die Gläser auf den Tischen, die Flaschen auf den Regalen, die Brillen der Kurzsichtigen zu Bruch gingen und die Musiker aufhörten zu spielen und ihn überrascht und wortlos anstarrten, wie alle anderen Leute auch. Dann kam er wieder zu sich, hörte auf zu lachen, machte seinen Mund zu (er hatte Zähne so breit wie ein Pferd) und schaute sich nach allen Seiten um, sein Blick (durch die dunklen Brillengläser hindurch) brachte das letzte Flüstern zum Schweigen. Er schnalzte mit dem Finger, und wie Automaten fingen die Musiker wieder an zu spielen. Er trank einen kleinen Schluck Cognac aus einem Longdrink-Glas und machte sich die Finger an einem kunterbunten Tuch sauber, das ihm um den Hals hing. Die Leute beobachteten ihn aus den Augenwinkeln, und die Musiker haderten mit der Melodie. »Weißt du?«, erklärte er mir in einem vertraulichen Ton (dieser Ton passt überhaupt nicht zu ihm, dachte ich bei mir). »Ich war nie ein virtuoser oder friedfertiger Mann: Ich ziehe sofort das Messer. Und zwanzig Sekunden später hat das Blut den Boden überschwemmt, und selbst nachdem die Fliesen ausgetauscht sind, wird er nie wieder vergessen, rot zu sein; da ich zu alt bin, um mich noch zu ändern, wäre es angebracht, wenn du nun zu den Musikern gehst und ihnen aufträgst, Fascinació zu spielen, einen Song, den ich supertoll finde.« Der Gitarrist unterbrach den Blues, als er mich auf sich zukommen sah. Ich flüsterte ihm den Auftrag ins Ohr und kehrte zu meinem Stuhl neben ihm zurück. Fascinació erklang, und ich glaube, die Musiker hatten in ihrem Leben noch nie so gut gespielt. Der im gestreiften T-Shirt mit dem blöden Lachen bekam sofort feuchte Augen, und eiergroße Tränen tropften auf den Fußboden, wenn er sie nicht zuvor mit seinem Tuch abtupfte. Kurz darauf wirkten die Musiker erschöpft, das Halstuch war nass wie ein Scheuerlappen. »Es reicht«, sagte er, »ihr könnt aufhören.« Die Musiker brachen auf der Stelle ab, er erhob sich von seinem Stuhl und entfernte sich über die Treppen hinauf. Wir blieben alleine und schweigend zurück, verloren wie nie zuvor. Kein Mensch traute sich, auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, und alle flohen mehr oder weniger schnell in ihre gewöhnlichen Behausungen. Am nächsten Tag, während des Frühstücks am späten Vormittag, sahen wir sein Foto in der Zeitung mit einer traurigen Schlagzeile: »Gefasst! Er versuchte, eine Ladung rosaroter Schmetterlinge über die Grenze zu bringen.« Es war ein sehr schlechtes Foto von ihm, er sah grau und flach aus, ohne bestimmbares Alter. Ich warf die Zeitung auf den Boden und früher als sonst startete ich zu meiner Runde. Ich treibe gerne auf Meeren aus kaltem Öl: mich an Gesten, Personen und Dinge erinnernd, die Körper der Jugendlichen betrachtend, wenn sie ihren Fuß im Takt bewegen. Vielleicht schließe ich mich eines Tages in ein Zimmer ein und betrachte die Welt durch das schmutzige Fensterloch mit einem Transistorradio am Ohr. Dann muss ich mir die ganzen verlorenen Jahre zurückholen und mir die Gegenwart erfinden. Im Augenblick kann ich noch nicht den Geruch zukünftiger Ereignisse behalten, denn es ist schwierig zu behalten, was noch kommen soll. Oder umgekehrt. Genug. (Angetörnt und schwerfällig stehe ich um diese Uhrzeit gewöhnlich auf, da ich sichtlich nicht mehr weiß, worüber ich mit mir rede, zahle meine Rechnung, öffne die Tür und verlasse die Bar. Was es darüber hinaus geben soll, weiß ich nicht.)

Die Augen voller Wiesen

Es war ziemlich lustig, wenn du angetrunken mit Wiesen voller Kuchen in den Augen nach Hause kamst und kaum ein »Hallo« herausbrachtest, dich aufs Sofa legtest und einen unbestimmten Punkt an der einfarbigen Decke betrachtetest, so als atmetest du nicht, mit angehaltenem Atem und leerem Geist. Ich musste dich ganz vorsichtig und behutsam ausziehen und dabei aufpassen, dir nicht das Genick zu brechen, dann bettete ich deinen verrückten Kopf mit der ganzen Zärtlichkeit der Welt auf Seidenkissen (am folgenden Tag würdest du keine anderen mehr haben wollen), löschte Kerzen und Licht, ging ins Wohnzimmer und stellte den Plattenspieler ab (just in dem Moment, in dem Gilberto Gil einen Engelsschrei ausstieß oder Zappa von den Gefahren eines Zusammenstoßes mit dem Teufel erzählte). Ich dachte: »Gute Nacht, Spatz, träum süß vom Paradies«, dann tauchte ich in ein Magma aus Winternebeln und dänischen Wäldern, die von lustigen Zwergen und depressiven Jungfrauen bevölkert waren und an die sich nicht einmal mehr die Volkschronisten erinnern. Am Morgen danach standest du stets als Erste auf und hattest eine große Wut im Bauch. Du kehrtest das Unterste zuoberst, öffnetest das Fenster, und mit dem Glanz der Sonne (du kniffst die Augen so eng zusammen, dass sie nur noch aus einem Paar winziger Punkte bestanden) hellte sich dein ach so blasses Gesicht auf, und du sahst wie eine verhexte Plastikpuppe aus, die zum Leben erwachte. Du kamst zum Sofa, wo ich mich schlafend stellte, und drücktest mir einen Kuss auf die Wange. Und ich tat so, als würde ich gerade aufwachen. (Ich schlief lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer, denn dein Herumwälzen im Bett war gewaltig und gefährlich und machte mir Angst.) Wenn ich dann aufgestanden war (du hattest bereits gefrühstückt und schienst wie neugeboren: ein völlig anderes Wesen als das, welches nachts die Wohnung betreten hatte: schwarze, lachende Augen, rosa Wangen, feuchte, lächelnde Lippen), knallte die Tür und weg warst du. Du müssest zum Unterricht, waren deine Worte, und schon wusste ich nicht, wann ich dich wiedersehen würde. Ich ging auf die Straße hinunter und wanderte kreuz und quer, auf und ab durch die Stadt, schaute Schaufenster an, kaufte Bücher, die ich dann nicht las, legte mich im Park in die Sonne, blätterte bei einem Wodka-Orange in Zeitungen und Zeitschriften. Saß auf Plätzen, fütterte Tauben mit feuchtem Brot. Ich schaute Frauenbeinen und Hintern hinterher, die in abgewetzte Jeans eingezwängt waren, kaufte Popcorn und betrat irgendein Kino, ohne darauf zu achten, welcher Film gezeigt wurde, oft saß ich vor monströsen Streifen: öde Western oder irgendwelche Psycho-Beziehungskisten für blöde Schnepfen an ihrem freien Nachmittag. Wenn ich das Kino verließ, dämmerte es bereits, und hier und da gingen die Laternen an, die Menschen hetzten stressergeben durch den verrinnenden Tag. Abends aß ich Hamburger oder Omelette, trank noch einmal einen Wein, las in einem längst vergessenen Buch und kehrte allmählich nach Hause zurück, denn die Wohnung war eiskalt und ich wollte meine Nacht nicht mit Schatten und Grübeln füllen. Wenn du um zwei noch nicht zurück warst, legte ich mich ins Bett (denn nun würdest du gewiss nicht mehr kommen) und las weiter, bis ich einschlief. Am nächsten Morgen lag das Buch auf dem Boden, das Licht brannte in einer harten, trockenen Mittagssonne, die auf meine Tische und Wände Streifen malte. Dann musste ich mich fertig machen, mein Gesicht waschen, mit dem Alltagstrott beginnen, weil möglicherweise kämst du ja heute Nacht nach Hause.

Denn letztendlich kreuztest du immer wieder auf, es vergingen nie zwei Tage, ohne dass du hereingeschneit wärst. Doch diesmal war es anders. Am ersten Tag machte ich mir keine Gedanken: Morgen würdest du bestimmt wiederkommen. Am dritten Tag begriff ich, dieses Mal würde es anders sein, und in den folgenden Tagen (die ganz, ganz allmählich zu Wochen wurden) verlor ich das Interesse an den Dingen: Ich trank Wein wie Wasser; ich ging nicht mehr ins Kino, aß keine Hamburger mehr und schaute nicht mehr auf die wiegenden Hüften der Frauen. Ich blieb zu Hause. Vielleicht kommt sie in der Früh, dachte ich bei mir. In der Folge verließ ich die Wohnung gar nicht mehr und staubte immer wieder die Möbel ab, fegte und saugte Staub: Wenn du zurückkämst, sollte alles ganz sauber sein. Dann nicht einmal mehr das. Es schien, als habe die Sonne aufgehört, unseren Planeten anzustrahlen, alles wurde finster, schwarz, undurchdringlich. Ich putzte nicht mal mehr: Der Staub sammelte sich in den Ecken, unter den Möbeln, und strich man mit dem Finger über eine Fläche, schob man einen weißen Staubberg vor sich her. Ich rasierte mich nicht mehr und duschte nicht mehr. Ich blieb im Bett, aß Brotkanten und trank Kondensmilch. Eines Tages knurrte mein Bauch so sehr, dass ich in den Supermarkt hinunterstürzte und völlig gehetzt Käse, Milch und Paprikawurst einkaufte und gleich an Ort und Stelle verschlang. Die Leute starrten mich an, als sei ich ein Wurm, ich verkroch mich sofort wieder ins Bett und blieb dort. Von hier aus sah ich die Stunden vorbeiziehen: Es wurde Nacht, es wurde Tag, ich sah den Sonnenstrahl die Linien zwischen den Fliesen nachzeichnen, sich an der Wand hochwinden, sich leuchtend auf dem Poster platzieren, über die Decke klettern und schließlich durch das Fenster verschwinden, was hieß, nun war es wieder Nacht. Ich versuchte zu weinen, ich stellte das Denken ein, ich schloss die Augen, die Ohren stopfte ich nicht zu, denn ich hörte schon längst nichts mehr.